Aus dem ungarischen Abgeordnetenhaus.
Budapest, 10. Dez.(WB. Nichtamtlich.) Im Ab⸗ geordneten haus beantragte Graf Apponyi(oppositionell) in Rückficht darauf, daß der Heldenmut, den die Honvedarmee in dem Krieg bewiesen habe, zu den größten moralischen Schätzen der Angarischen Nation gehört, wie in Riicksicht darauf, daß diese Tapferkeit für das politische Gewicht des Landes schwer in die Wagschale fällt, die Regierung aufzufordern, die Waffentat der Wehrmacht Ungarns amtlich festzustellen und darüber dem Par⸗
lantent zu berichten. Nachdem der Min isterpräsident sich mit dem Antrag einverstanden erklärt hatte, wurde er einstim⸗ mig angenommen. Auf die Anfrage Moritz Esterhazy loppo⸗ . 1 betreffend die Verwaltung der durch die Armee be⸗ fsetzten feindlichen Gebiete antwortete Graf Tisza, daß während der Kriegshandlungen die Verwaltung den Kommandos der kämpfenden Armee obliegt. Insofern aber ein größeres zu⸗ säammenhängendes feindliches Gebiet in den Besitz unserer Armee gelangt, wird auf diesem Gebiete eine militärische Verwaltung aufgestellt, der ein entsprechendes Personal von Zivilbeamten zꝛs!ungeteilt wird. Die Verwaltung ist dem Armee⸗ Oberkommando Anterstellt. Eine solche Verwaltung ist bloß in den von unseren Truppen in Russisch⸗Polen besetzten Gebieten eingerichtet. In Serbien verfügen heute noch die Etappenkommandos, jedoch wird eine Verwaltung, wie sie hier dargestellt wurde, ehestens ein⸗ gerichtet. Die ungarische Regierung stellte sich auf den Stand⸗ punkt, daß es schon wegen der Sprachenfrage zweckmäßig sei, wenn auß russisch⸗polnischem Gebiet in erster Linie österreichisches Ver⸗ waltungspersonal verwendet wird. Hingegen kommt bei Ein⸗ richtung der Verwaltung in dem besetzten serbischen Gebiet un⸗ garisches Verwaltungspersonal in Betracht. Ohne mich irgendwie in den Wirkungskreis eines Armeeoberkommandanten einzumischen, halte ich schon heute es für meine Pflicht, zu erklären, daß auch bei der Organisierung der Militärverwaltung Serbiens die Tatsache zum Ausdruck kommen muß, daß es sich hier um solche Gebiete handelt, welche in erster Linie in die Interessen⸗ sphäre Ungarns fallen. Was die Finanzen anlangt, so wird es als Grundsatz betrachtet, daß die Kosten der in den eroberten Gebieten tätigen Verwaltung zu Lasten des sogenann⸗ ten Mobilisierungsgebietes fallen und die Einnahmen gemein⸗ same Einnahmen bilden und als Aktivposten des Mobilisierungs⸗ kredites gesucht werden. Die Zollfrage in Polen wurde derart geregelt, daß ein dem früheren entsprechender Zolltarif für solche Artikel festgesetzt wurde, welche aus dem gemeinsamen Zollgebiet in besetzte Gebiete ausgeführt werden, während die von dort stammende Einfuhr gemäß dem normalen Zolltarif verzollt wird. Eine Vereinbarung über die Aufteilung der Einnahmen und der Keosten der besetzten Gebiete zwischen der Monarchie und den Ver⸗ pündeten besteht bezüglich Russisch⸗Polens zwischen den beiden Militäroberkommandanten, die im W.
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ege der Verhandlungen zu einer Vereinbarung zwischen den beiden Regierungen umgestaltet wird. Was jedoch deren Inhalt betrifft, kann ich nur mit Zu⸗ stimmung sämtlicher Faktoren darüber Aufklärung geben. Die Antwort des Ministerpräsidenten wurde zur Kenntnis genommen.
Die Nobel⸗Friedenspreise für 1914 und 1915.
Kristiania, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Das Nobelkomitee des Storting hat beschlossen, den reservierten Nobel⸗ Friedenspreis 1914 nicht zu verteilen, sondern gemäß 8 5 der Grundlegung der Nobelstiftung den Betrag des Friedenspreises einem be⸗ sonderen Fonds des Komitees zu überweisen. Bezüglich des Friedenspreises 1915 hat das Komitee beschlossen, den Preis nicht zu verteilen, nach welchem Beschluß der Preis n 8 5 der Grundregeln für das nächste Jahr reserviert leibt. 5„ a Der türkische Bericht. Konstantinopel, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: An der Irakfront drangen unsere Truppen im Norden und Westen noch näher an die feindlichen Stellungen bei Kut⸗el⸗Amara heran und brachten dem einde große Verluste bet; sie zwangen Abteilungen, die sich am rechten Ufer des Tigris befanden, zum Rückzug nach Kut⸗ el⸗Amara. Im Osten bemächtigten wir uns einer Brücke über den Tigris und zwangen einige feindliche Abteilungen, nach Kut⸗el⸗Amara zurückzugehen, und feindliche Kanonenboote, zu ent⸗
iehen.. An der Kaukasusfront machten wir in der Gegend von Milo einige feindliche Patrouillen zu Gefangenen, andere ver⸗ nichteten wir. Von den anderen Abschnitten ist nichts zu melden. An der Dardanellenfront beschossen feindliche Panzer⸗ schiffe ber Kimikli Liman kurze Zeit unsere Stellungen. Unsere Artillerie erwiderte und richtete sichtlichen Schaden in den feind⸗ lichen Schützengräben und Artilleriestellungen an. Zwer Granaten trafen die Landungsstelle bei Kimikli Liman und verursachten dort Verluste und Verwirrung. Von fünf Minen, die der Feind am 8. und 9. Dezember in diesem Abschnitt springen ließ, explodierten drei gerade unterhalb seiner Schützengräben, die beiden anderen, ie in einem ungefährlichen Abstand explodierten, verursachten uns bloß einen Verlust von 10 Toten und Verwundeten. Ber Ar! urnu heftiger Kampf mit Artillerie und Bomben. Der Feind schleuderte Lufttorpedos. Ein Kreuzer beschoß in Zwischenvausen unsere Stellungen; unser Feuer zwang ihn, sich zu entfernen.
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Sedd⸗ül⸗Bahr bewirkte unsere Artillerie die Einstellung der Bombenwürfe und brachte die feindliche Artillerie zum Schweigen. Zwei Kreuzer beschossen wirkungslos unsere Stellungen.
9— a. Das englische Heer.
London, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich) Die„Times“ meldet: Asquith wird nächste Woche dem Parlament eine Vorlage unterbreiten, die Armee auf die Stärke von vier Millionen Mann zu bringen. Asquith wird zugleich das Ergebnis der Werbetätigkeit Lord Derbys mitteilen.
Das neue spanische Kabinett.
Madrid, 10. Dez.(WTB Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas: Das neue Kabinett ist folgender⸗ maßen zusammengesetzt: Präsident des Ministerrates: Ro⸗ manones; Inneres: Alba; Auswärtiges: Villanueva; Finanzen: Urzais; Unterricht: Bureli; Justiz: Barroso; Krieg: General Luque; Marine: Admiral Miranda; Arbeit: Amos Salvador. 8 1 1
Madrid, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Minister⸗ präsident Romanones erklärte folgendes: Das neue Habinett wird die Politik des vorhergegangenen Kabi⸗ netts fortsetzen. Es wird strikteste Neutralität gegenüber allen Kriegführenden beobachten. Es wird alle Anstrengungen unternehmen, um die Lösung des wirtschaft⸗ lichen Problems zu erleichtern, mit dem das Parlament befaßt ist. Es nimmt die ihm von der gegenwärtigen Mehr⸗ heit angebotene Mithilfe an, würde jedoch, falls es zu der Ansicht gelangen sollte, diesen Beistand nicht benützen zu können, eine neue Kammer einberufen. Das neue Kabinett würde zunächst die mit der Landesverteidigung eng ver⸗ knüpfte militärische Reorganisierung und sodann die Fragen bezüglich der Nahrungsmittel⸗, Arbeits⸗, Ausfuhr⸗ und Kreditschwierigkeiten in Angriff nehmen. Dabei werde es keineswegs die der öffentlichen Meinung gegenüber über⸗ nonmnenen Verpflichtungen außer acht lassen; aber die wirt⸗ schaftlichen und finanziellen Probleme seien die dringlichsten. Romanones schloß mit der Versicherung, daß die Regierung eine ausgesprochen liberale Politik verfolgen werde.
Eine neue schwedisch⸗amerikanische Passagierdampferlinie.
Stockholm, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Svenska Telegrammbhran: Anläßlich der bevorstehen⸗ den Eröffnung der neuen schwedisch-amerikanischen Passa⸗ gierdampferlinie Gotenburg— New Pork hat die Reederei gestern in Gotenburg ein Festmahl an Bord des Dampfers„Stockholm“ gegeben. Dem Feste wohnten bei der Minister des Aeußern, der Finanzminister, der Minister des Innern und der Marineminister als Direktor der neuen Gesellschaft. Der Minister des Aeußern hielt eine Rede, in der er der neuen Linie Glück wünschte. Bei dieser Gelegen⸗ heit hob er die Einigkeit in der Leitung der Regierungs- politik hervor, die ausschließlich schwedisch sei.
Hetzerei in Amerika.
Die Vorgänge bei der deutschen Botschaft in Washington.
New York, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Durch Funkspruch vom Vertreter des Wolff-Bureaus. Gemäß aus⸗ drücklichen Erklärungen des Staatssekretärs Lansing wird festgestellt, daß das Verlangen nach der Abberufung des Marineattachés v. Boy und des Militäxattachés v. Papen keinerlei politischen Hintergrund hat und daß insbesondere 1 ib after Graf von Bernstorff gänzlich unbetei⸗ igt ist.
New Pork, 9. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Durch Funk⸗ spruch von dem Vertreter des WTB. Die öffentliche Meinung ist durch die fortgesetzt aufgebauschten Presse⸗ meldungen über angebliche deutsche Anschläge auf die amerikanische Neutralität, amerikanische Munitions⸗ fabriken und über amerikafeindliche Umtriebe in Mexiko sowie über mehrere gegen Deutsche eingeleitete Strafver⸗ fahren wegen solcher Straftaten stark gegen Deutsch⸗ land erregt. Die„New York World“ prophezeit in einer Korrespondenz aus Washington eine nahe bevor⸗ stehende deutsch-amerikanische Krisis von ungleich größerer Schwere als nach der Versenkung der„Lusitania“. Amerika habe gefordert, daß Deutschland erkläre, daß es das Völker⸗ recht bei der Behandlung amerikanischer Bürger nicht habe verletzen wollen. Amerika bestehe nach wie vor darauf. Vermutlich werde der Kongreß demnächst Aufschluß über die „Lusitania!-Verhandlungen verlangen. Einige Kongreßmit⸗
kredits nicht teilnahmen.
glieder stä im Begriffe, Anträge auf Abbruch rikanisch⸗deutschen Beziehungen einzubringen.„New Pork Tribune“ fragt ironisch, ob denn die Bundesregierung die amtlichen Beziehungen zu Deutschland trotz der deutschen Weigerung, den B Forderungen zu entsprechen, ewig aufrecht erhalten wolle. Die„New Nork World“ ant⸗ wortet darauf in einem Leitartikel, dies sei keineswegs die Absicht der Regierung, die mit Deutschland verhandele, so lange dies möglich sei. Man sei nicht der Meinung, daß der ö Abbruch der Beziehungen den Krieg bedeute. Jetzt sei nich, Zeit für Bluffs. 0 f 5
Die Auseinandersetzung über die Versenkung
der„Ancona“. 5
Washington, 10. Dez.(WT. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Wie verlautet, ist die Note der ameri⸗ kanischen und österreichisch-ungarischen Regierung wegen der Ver⸗ senklung der„Ancona“ kurz, aber energischer als irgendeine der an Deutschland gerichteten Noten. Es wird nachdrücklich gefordert, daß die österreichisch⸗ungarische Regierung eine Gewähr 91 die Sicherheit der Amerikaner gebe Die Note ersucht am Aufklärung über die Beschuldigung, daß das Unterseeboot, nachdem der Dampfer bereits gestopft hatte, Granaten abschoß und einige Passagiere tötete Präsident Wilson hieß Lansings Entwurf gut, ohne ö ran abzuändern. Die Kürze der Note wird dem Wunsch der Vereinigten Staaten zugeschrieben, die Angelegenheit so rasch als möglich zu er⸗ ledigen. Amtliche Personen in hohen Stellungen erklären, daß der Zustand infolge der Berichte über Angriffe von Unterseebooten auf amerikanische Schiffe im Mittelmeer ernste Erwägung erheisch⸗
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Der Seekrieg.
London, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich) Der Marine⸗ mitarbeiter der„Morning Post“ schreibt: In den letzten fünf Wochen sind über dreißig britische, französische und italienische Schiffe, darunter auch Transport⸗ schiffe, im Mittelmeer versenkt worden. Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Ein amtlicher Bericht darüber wird selten veröffentlicht; die meisten Nachrichten kamen von Lloyds Agentur. Es ist anscheinend unmöglich, die österreichischen Häfen zu blockieren. Auch die Einfahrt in das Adriatische Meer scheint dem Feinde unverschlossen zu sein.
Aus dem Reiche.
Die Preispolitik im Reichstag.
Berlin, 10. Dez.(WTB. Nichtamtlich) Im Haupft⸗ dusschuß des Reichstages erklärte bei der Beratung der vom Zentrum vorgelegten Entschließung betreffend die Errichtung einer Zentralstelle für Lebensmittel⸗ versor 2 g der Staatssekretär des Innern, zu einem Ausbau der Reichsprüfungsstelle, in der ja bereits Mit⸗ glieder des Bundesrats, Reichstag und Sachverständige säßen, gerne die Hand bieten zu wollen. Auf eine Anregung, Höchstpreise für Leder festzusetzen, erklärte Staatssekretär Dr. Delbrück, daß Maßnahmen zur Regelung der Le⸗ derpreise vorbereitet würden. Auf die Klagen, daß nur für die Militärausrüstungsgegenstände die Lederpreise her⸗ abgesetzt worden seien, daß aber auch der Privatindustrie die Preise noch viel zu hoch seien und auch in Gerbrinde stark spekuliert werde, legte ein Regierungskommissar die einschlägigen Verhältnisse dar: Seit dem 1. Dezember wur⸗ den seitens der in erster Linie beteiligten Militärverwal⸗ kung Höchstpreise für Leder festgesetzt, eine weitere Herab⸗ setzung der Preise werde im Laufe der Zeit erfolgen. Wie W die Sache sei, zeige der Umstand, daß wegen der Verschiedenheit in der Güte des Leders 150 bis 160 Preis⸗ sätze festgesetzt werden müßten.
Die Sozialdemokratie und die Reichstagsverhandlung. Der„Vorwärts“ teilt mit, daß ihm 31 sozialdemokrati⸗ che Abgeordnete eine Erklärung geschickt haben, aus der ervorgehe, daß sie auf dem gestern in der Geschäftsord⸗ nungsdebatte geäußerten Standpunkte des Abgeordneten Haase stehen, also mit der nach ihrer Meinung unklaren und vieldeutigen Rede des Reichskanzlers und mit der Erklärung der bürgerlichen Parteien nicht einverstanden seien. Da die sozjaldemokratische Fraktion des Reichstags 111 Mitglieder zählt, so ergibt sich, daß die weitaus große Mehrheit der Partei mit dem Verlaufe der De⸗ batte und den darin gegebenen Mitteilungen der Regierung im wesentlichen einverstanden sein wird. Die dissentierende Gruppe in der Sozialdemokratie scheint sich gegen die Au⸗ gustsession nicht vermehrt zu haben, denn die Ziffer 31 ent⸗ spricht fast genau der Zahl derjenigen Mitglieder der Frak⸗ tion, die vor fünf Monaten an der Bewilligung des Kriegs⸗
Gießzener Nonzertverein.
Konzert in der Stadtkirche.
Eine Kirchenaufführung mit zwei großen, würdigen Werken bot der Verein im Zusammenwirken des Akademischen und des Evangelischen Kirchen⸗Gesang vereins, der evangelischen Knaben⸗ und Mädchen⸗Chorschule, unterstützt von Gästen anderer Vereine dar. Mitglieder der Kapelle des Ersatzbataillons unseres heimischen Infanterie⸗Regiments bil⸗ deten das kleine, fast nur aus Streichern bestehende Orchester; Herr Otto Görlach waltete seines umfangreichen Amtes an der Orgel und das Ganze leitete Herr Professor G. Trautmann, zugleich am Flügel begleitend. Für das Soloquartett in den beiden Werken war das„Stuttgarter Oratorienquartett“ gewonnen worden, bestehend aus den Kammersängerinnen E. Tester(Sopran) und M. Diestel(Alt) sowie den Konzert⸗ sängern H. Ackermann(Tenor) und L. Feuerlein(Baß).
L. v. Beethovens Messe in C⸗dur und H. v. Her⸗ zogenbergs Weihnachtsoratorium„Die Geburt Christi“ sind geistliche Chorwerke grundverschiedenen Charakters. Man möchte in Anlehnung an Hermann Kretzschmars Beurtei⸗ lung der Beethoven schen Messe in C⸗dur den Unterschied etwa dahin kennzeichnen, daß dieser Messe gegenüber dem Weihnachts⸗ vratorium entschieden die absolute und relative geistige und reli⸗ iöse Ueberlegenheit zukommt. Und doch ist der Gesamtcharakter ider Werke so verschieden, daß man damit zu viel und zu wenig agen würde. Denn Herzogenbergs Werk mag im Schatten dieser Messe manchem schwach erscheinen, wer aber eben dem Geiste, aus dem dieses Werk geboren ist, wahrhaft gerecht werden will, muß erkennen, daß wir es auch bei Herzogenbergs Werk mit einem pollgültigen Meisterwerk zu tun haben. Aber der Messe Beet⸗ hovens gege⸗ ist das Weihnachtsoratorium Herzogenbergs ein Werk positiv⸗ ch⸗religibsen Charakters, während die Messe aus den Tiefen ew Menschheitsreligion, wenn auch in Anleh⸗ ung an einen kirchlichen Text geschaffen ist. Ueber dieser Größe vergißt man das vergängliche Textwort ganz; es wird durch diese Komposition weit hinausgehoben über alle kirchlich⸗kon⸗ fessionellen Schranken. Beethoven weiß gerade diesem Text eine ungeahnte, hocherhabene Bedeutung zu geben, ihn aller be⸗
schränkten Konfessionalität zu entkleiden, in ihm das Erhabenste und Tiefste alles religiösen Empfindens aus⸗
uspitren und eindringlich zu betonen; er läßt uns die etten Rätsel ahnen, wie er sie ahnt, seine Messe wird so zum erhabensten religiösen Mysterium. Dahingegen wird das
innig⸗frömmigen, aber eben doch ganz naiv wiedergegebe⸗ nen biblischen Geschichte. Diese Gestaltung weiß er aber musikalisch so echt zu geben, daß man dieses Gelingen nicht mehr bloße musikalische Kunst nennen darf, nicht mehr bloß aus höchstem musikalischen Können erklären kann. Vielmehr wirkt auch hier eigene religiöse Intuition mit, auch dieses Werk ist aus religiösem Geiste geboren, eben aus dem kindlich⸗frommen Geiste naiven. Glaubens, für den es keine Zweifel gibt, der alles wörtlich nimmt, wie seine Sinne es ihm scheinbar zum Greifen deutlich darstellen. So macht Herzogenberg aus dem Mysterium ein kirchliches Ora⸗ torium zum Dienst in der Kirche, an dem sich allezeit innigst er⸗ bauen wird, wer in diesem Geiste lebt. Der größere Beethoven umfaßt die ganze Menschheit, Herzogenberg umfängt mit inniger Liebe nur die Gemeinde. Aber dies, wie auch der Außenstehende mit Freuden anerkennt, mit einem Gelingen, das nur einem auf⸗ richtig mitfühlenden Herzen möglich ist. „Das scheint mir der tiefe Sinn dieser beiden Werke, über dem ihre musikalische Größe und Bedeutung nicht vergessen sei. Beethovens Messe in C⸗Dur ist, wie H. Wretzsch⸗ mar mit vollem Rechte betont, eine echte, aus dem gleichen Geiste geborene Schwester der„Missa solemnis“, ja sie ist im musikalisch⸗technischen Plane ihr so ähnlich, daß man fast versucht ist, sie als den ausgeführten Entwurf zu dem großeren, umfassenderen späteren Werke zu bezeichnen. Ihre Vorgängerinnen, den Messen selbst Haydn's und Mozart's gegenüber war das Werk für seine Zeit so neuartig, daß Fürst Esterhazy, dem der Meister das Werk gewidmet hatte, nach seiner ersten Aufführung Beethoven mit den Worten empfing:„Aber lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht?“ Musikalisch⸗ technisch, wie ihrer geistigen Erfassung nach, war das Werk also für seine Zeit etwas ganz Neues, dem man ächst nicht ge⸗ recht zu werden vermochte. Für uns heute ist diese Messe um ihrer kleineren geschlosseneren Form willen fast grundeinfach gegenüber ihrer späteren und größeren Schwester. Sie ist ein Werk aus einem Guß und trotz aller ins Einzelnste gehenden Betonung der Textworte von so einheitlichem Geiste, daß sie bei ihrer gedrängten Kürze wie eine herrliche Symphonie wirkt. Auch musikalisch ist hiervon Herzogenberg's Werk . Es zerfällt seinem Texte nach in eine große nzahl einzelner Betrachtungen und Episoden, die kein um⸗ fassender Rahmen umspannt. Alte Choräle, Volkslieder sind ver⸗ wendet und eingeflochten und die ganze Musik wird dem naiv⸗ frommen Geiste gerecht, in dem Herzogenberg sein Werk auf⸗ faßt. Diese Beschränkung ist des Werkes musikalische Größe; nirgends findet sich um technisch⸗musikalischer Zwecke willen eine
Mysterium der Geburt Christi bei Herzogenberg zu einer zwar
Stelle, an der sich der Meister hätte zu einer Stillosigkeit verleiten
lassen, wie solcher leider dem modernsten deutschen Musiker R. Strauß stets wieder unterlaufen. 3
Die Aufführung beider Werke, der eine öffentliche Hauptprobe vorausging, zu der man den hier weilenden verwundeten Vater⸗ landsverteidigern freien Eintritt gewährt hatte, verdient alle Lob. Die musikalische Leitung des Ganzen war von bedeutendem, eindringendem Ausdruck, voll Liebe und wärmstem Empfinden. Schon die Hauptprobe hatte ihren zahlreichen Zuhörern, wie man gerade aus den Kreisen der Verwundeten hören konnte, großen Genuß und Erbauung bereitet. Die Chöre gelangen vorzüglich und kamen aufs Beste zur Wirkung; man merkte dem Tonkörper die Kriegszeit nicht an. Insbesondere der Tenor erklang diesmal völlig ausreichend und ebenmäßig, wohleingefügt ins Ganze. Aber besonders schön sangen die Bässe: wo sie zur Höhe klommen, schwebten sie ausdrucksvoll über dem Ganzen und gaben ihm das rechte Gepräge. Es würde zu weit führen, wollte ich an dieser Stelle auf die vielen Einzelheiten der beiden Werke eingehen, die besonders schön waren und auch vollauf gelangen, auch im Alt und im Sopran. Es war eine der besten aller im Laufe der Jahre gebrachten Aufführungen, vielleicht in der Hauptprobe in einigen Beziehungen schöner noch, als in der Aufführung selbst. Orchester, Orgel und Klavier harmonierten ausgezeichnet; gewiß wäre es noch schöner gewesen, hätte sich in dieser Zeit volle Or⸗ chesterbesetzung ermöglichen lassen. Aber, was als Ersatz nur immer 9 werden konnte, das ist geleistet worden; insbesondere die S am Flügel durch Herrn Prosessor Trautmann bot
hönheiten, wie man sie wohl selten zu hören bekommt. 5
Ganz vortrefflich war das Stuttgarter Oratorien⸗ guartett, in ihm besonders Sopran und Tenor, aber auch die Altistin sang sehr schön und der Bassist sehr ausdrucksvoll, nur fügte er sich seinem Klangcharakter nach den andern Stimmen nicht so ein, wie es vielleicht erwünscht gewesen wäre Auch hier darf mam sagen, daß wir kaum je hier bei 1 5 Aufführungen eine so gleichmäßig hochstehende Leistung des Vokalquartetts im ganzen gehabt haben. Wir werden das Stuttgarter Ora⸗ torienguartett gerne wiederkehren sehen. Besonders hervor⸗ 1 5 sei die Wiedergabe des wunderbaren Beethoven'schen„Be⸗ nedietus“. 1 N 5
Die Mädchen⸗ und Knabenchorschule bewährte sich in Herzogen⸗ berg's Geburt Christi aufs beste. Es lag ihnen besonders ob die Gemeindechoräle zu ersetzen, durch die Herzogenberg das Werk direkt dem kirchtechen Gottesdienste dienstbar macht. Sie trugen besonders durch den letzten Choral mit dazu bei, die weihnächtliche Stimmung recht weihevoll ausllingen zu lassen, in die das ganze
Werk die große Zubörerschaft sichtlich mit bestem Gelingen versetzte. N . 9 0


