für die Zeit bald nach dem Ausbruch des Krieges den Bankerott von hunderttausend Gewerbetreibenden, den Stillstand aller Fa⸗ briken, die nicht für Kriegsbedarf arbeiten, überhaupt eine nicht zu bekämpfende Arbeitslosigkeit, die Unmöglichkeft, die Arbeits⸗ losen zu unterstützen, den Bankerott der Kassen der Gewerkschaften, der Gemeinden, des Staats und des Reichs und eine allgemeine Hungersnot vorausgesagt.(Abg. Liebknecht ruft: Und dle Revolution!— Schallendes Gelächter im ganzen Hause.) Es ist gewiß nicht Bebel allein gewesen, der so dachte; viele von uns werden manche seiner Befürchtungen geteilt haben. Da ist es uns heute, nach ein ⸗m sechszehnmonatigen Kriege wohl erlaubt, zu sagen, daß wir unsere eigene Kraft unterschätzt haben(sehr richtig! und lebhafte Zusmmung), daß trotz aller Entbehrungen die große Arbeit, die Hingabe und die Opferwilligkeit, die von allen Seiten, von einzelnen, von Ver⸗ bänden, von Gederkschaften, von Gemeinden, von Staaten und vom Reiche an den Tag gelegt worden ist, Leistungen hervorge⸗ rufen hat, die wir nicht bloß registrieren, sondern für die wir auch dankbar sind.(Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner— ich deutete das vorhin schon kurz an— ziehen aus unserer Lage und aus unseren wirtschaftlichen Zu⸗ ständen den merkwürdigen Schluß, wir stünden unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Seit Wochen ist die Presse der Entente— und diese Artikel gehen zum Teil in die Presse der neutralen Länder über— voll von Artikeln mit sensa⸗ tionellen Ueberschriften:„Deutschland ist geschlagen“, „Deutschland am Ende“,„Deutschland verhungert“. Namentlich
das„Friedensbedürfnis Deutschlands“
spielt in diesen Artikeln eine ganz besondere Rolle. Keine irgendwie bekannte Persönlichkeit konnte eine Ortsveränderung vornehmen, ohne nicht als Friedensengel der deutschen Regierung hingestellt zu werden; bald Fürst Bülow ein der Schweiz, bald Staats- sekretär Solf im Haag, letztens Prinz Max von Baden in Stockholm und Kardinal Hartmann in Rom— sie alle hatten den Auftrag zu Friedensverhandlungen, und überall wurde das motiviert mit dem Gedanken: Deutschland ist fertig und muß um Frieden bitten. Dann hat man zur Abwechflung auch wieder mal andere Register gezogen. Nach den serbischen Erfolgen hieß es, der Kaiser werde in Konstantinopel einziehen und von da aus der Welt den Frieden diktieren. Es sollte dort deutscher Kleinmut, es sollte hier angeblicher deutscher Uebermut an den Pranger gestellt werden. An allen diesen Legenden ist auch nicht ein wahres Wort.(Hört, hört!) 0 25 Eingesetzt hatte diese Preßkampagne in dem Augenblicke, wo die Ententepolitik auf dem Balkan zusammen⸗ zubrechen drohte, wo wir den Weg nach Südosten öffneten, wo blutige Durchbruchsversuche unserer Feinde an der Westfront scheiterten. Das ist ja an sich verständlich. Nach so vielen Miß⸗ erfolgen war ein Mittel notwendig, um über die eigene schlechte Lage hinwegzutäuschen. Deshalb wurde der bevorstehende Zu— sammenbruch Deutschlands erfunden und in Umlauf gesetzt. Wo⸗ hin man blickt: Lüge und Verleumdung. Ich muß bei dieser Gelegenheit noch einen besonderen Fall hier festnageln. Als auf Geheiß Englands der General Botha Südwestafrika angriff, erfand er die Mähr von deutschen Angriffen und Eroberungs⸗ absichten auf Südwestafrika, um dann den Ueberfall auf deutsche Kolonien in den Augen seiner Volksgenossen zu recht⸗ fertigen. Bruderblut wurde vergossen; die Burenbevölkerung widerstrebte, an dem Ueberfall teilzunehmen, und ehemalige Waffenbrüder, die für die Ehre ihres Volksstammes eintraten, wurden in den Kerker geworfen. Jetzt sucht General Botha die burische Bevölkerung sogar zum Eingreifen auf dem europäischen Kriegsschauplatz durch die Behauptung zu bestimmen, daß die deutsche Eroberungslust sich auch auf das Heimatsland der Buren erstreckt.(Gelächter.) Ich finde kein Wort, das scharf genug wäre, um gegen diese Anwürfe und böswilligen Erfindungen Verwah⸗ rung einzulegen.(Beifall und Zustimmung). M. H.! Ich habe versucht, Ihnen die Lage auf den Kkiegsschauplätzen draußen im Felde nüchtern zu schildern, wie sie sind. So find
. die Tatsachen.
Gegen die Gewalt ihrer Sprache vermögen unsere Feinde nichts. In unserer Rechnung ist kein schwacher Punkt, ist kein unsicherer Faktor, der unsere feste Zuversicht erschüttern könnte.(Lebh. Beifall.) Wenn unsere Gegner sich jetzt vor den Tatsachen nicht beugen wollen, dann werden sie es später müssen.(Lebh. Beifall.) Das deutsche Volk, unerschütterlich in dem Vertrauen auf seine Kraft, ist unbesiegbar.(Erneuter lebh. Beifall.) Es heißt unser Volk beleidigen, wenn man glauben machen will, daß wir, die wir von Sieg zu Sieg schrei⸗ en die wir i Feindesland ste hen, unseren Feinden, die noch vom Siege träumen, rr n ige, an innerer moralischer Kraft nachstehen sollten. FFort⸗ gesetzter lebh. Beifall). Nein, wir lassen uns durch Worte nicht beugen; wir kämpfen den von unsern Feinden ge⸗ wollten Kampf entschlossen weiter, um zu voll⸗ enden, was Deutschlands Zukunft von uns for⸗ dert.(Stürmischer, immer von neuem wieder ausbrechender Beifall und Händeklatschen. Abg. Liebknecht ruft: Und die Eroberungspläne? Lärmende Zurufe: Ruhe, Ruhe, raus! Und erneut ausbrechender stürmischer Veifall.)
Hierauf tritt das Haus in die Tagesordnung(Inter⸗ pellation) ein.
Auf Anfrage des Präsidenten erklärt
Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg: Ich bin bereit, die Interpellation sofort zu verantworten. Zur Begründung der Interpellation erhält das Wort
3 Abg. Scheidemann(Soz.):
Seit mehr als sechzehn Monaten sind wir Zeugen eines Kampfes, wie die Welt ihn nie zuvor erlebt und hoffentlich auch niemals wieder erleben wird. Unendlicher Dank gebührt unsern Truppen, die Unerhörtes an Strapazen und Entbehrungen ge⸗ leistet haben.(Allseitiger Beifall.) Aber von 92 7 zu Tag ist auch das Blutmeer gestiegen, ist der Schmerz und die Not in allen Ländern größer geworden. Ist es da ver⸗ wunderlich, wenn aus allen Ländern die Frage kommt: Wie⸗ lange noch? Ich spreche nach reiflicher Ueberlegung offen aus: Alle Völker wären froh, wenn dem Kriege schnellstens ein Ende gemacht werden würde. Man müßte ja an der Menschheit ver⸗ zweifeln, wenn es anders wäre. Aber die verantwortlichen Staatsmänner wissen noch nicht, wie sie aus der Sackgasse her⸗ auskommen sollen. Da ist es eigentlich selbstverständlich, daß wir als Sozialisten unsere Stimme für den Frieden erheben. Gewiß, wir müssen uns der großen Verantwortung bewußt sein, die auf uns liegt, denn auch wir wissen, daß das sehr leicht mißverstanden werden kann und daß jedes Mißverständnis und jede Mißdeutung verhängnisvoll werden kann. Aber ich fürchte diese Last nicht. Wie liegen denn für uns die Dinge? Das Ziel, das in den Augusttagen des vorigen 85 hier allgemein proklamiert wurde, nämlich das der Sicherung bien feindliche militärische Einbrüche, ist erreicht; ein Blick auf die Karte lehrt das; keiner
unserer Gegner kann heute im Ernste glauben, den Krieg in unsere Gaue tragen zu können.
In einem Kampfe ae Heinen und mittleren Staaten kann wohl ein Teil auf die Keie gezwungen werden. Bei vinem ganz Europa aufwühlenden Kriege, wie wir ihn jetzt durch⸗ leben, ist das ausgeschlossen.(Sehr richtig! bei den Soz.) Vom Frieden kann und sollle auch zuerst der reden, dessen militärische Poßkon und wirlschaftliche Stärke ihm gestatten, auch jede Miß⸗ deutung seiner Bereitschaft zum Frieden als Zeichen der Schwäche mit ruhigem Kraftbewußtsem hinzunehmen.(Sehr richtig! bei d. Soz.) Demnach können wir vom Frieden reden, deshalb müssen wir vom Frieden reden.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Die wilden Zertrümmerungs⸗ und Zerückelungspläne unsbrer 1 gegen uns haben wir nicht vergessen. Aber bei un; im ande sind auch Eroberungspläne
ausgeheckt worden, an deren Verwirklichung kein politisch reifer Mensch bei uns denken wird und die das deutsche Volk ablehnt. Im Auslande sind diese Pläne dazu benutzt worden, um die Fortsetzung des Krieges immer wieder von neuem als absolut notwendig ba Durch derartige Annexionen würde die innere Einheik und Kraft des deutschen Nationalstagtes nur ge⸗ schwächt werden. Die Kriegsgefahr würde dauernd bestehen, und weitere au de die Folgen. Wir wehren uns deshalb auf das allerentschiedenste gegen die, die aus diesem Kriege einen Eroberungskrieg machen wollen.(Sehr richtig!
b. d. Soz.) l SEbenso scharf weisen wir die Eroberungsab⸗ sichten der Feinde auf Deutschland ab. Von
feindlichen Staatsmännern ist als Vorbedingung für den Frieden die Vernichtung des deutschen Militarismus und die Abtretung Elsaß⸗ Lothringens an, Frank⸗ reich hingestellt worden. Darauf sage ich ebenso ruhig wie be⸗ stimmt: Unsere Gegner verstehen unter Milita⸗ rismus etwas anderes als wir. Sie wollen unsere Heere, in denen unsere Söhne und Brüder stehen, vernichten. Was wir als Militarismus bekämpfen, ist eine Angelegenheit, über die innerhalb unserer Landesgrenzen zu entscheiden ist(Sehr richtig! b. d. Soz.), so wie über den franzö⸗ sischen Militarismus und den englischen Marinismus jenseits der Vogesen und jenseits des Kanals zu bestimmen sein wird. (Sehr richtig!) Den Gedanken einer Angliederung Elsaß⸗Lothrin⸗ gens an Frankreich, einerlei, in welcher Form sie erstrebt wird, lehnen wir ab. Neben diesen Eroberungsplänen ist aber auch
im Auslande 5 5 die Sehusucht nach Frieden
zum Durchbyuch gekommen. Das haben verschiedene Reden im englischen Unterhause und englischen Ober⸗ hause gezeigt.
In Italien haben auch die Sozialisten eine baldige Be⸗ endigung des Krieges gewünscht, gegenüber einer Regierung, die den frebelhaftesten aller je geführten Annexionskriege noch be⸗ gonnen hat, nachdem die Schrecken des Weltkrieges schon monate⸗ lang die ganze Welt mit Entsetzen erfüllt hatten.(Lebhafte Zu⸗ stimmung.) Und aus Frankreich berichtete die„Köln. Volks⸗ Zeitung“ in diesen Tagen, daß dort die Friedens stimmung, nachdem die Hoffnung auf Joffres Offensive ge⸗ scheitert ist, riesig zunehme. In einem französischen Feld⸗ postbrief, der veröffentlicht worden ist, heißt es:„Von allen Sol⸗ daten wird der Krieg von ganzem Herzon verabscheut. Ihr leb⸗ haftester Wunsch ist der, nach Hause zurückzukehren und niemals wieder einen Krieg anzufangen. Die Krieger von heute sind die zu⸗ verlässigsten Pazifisten der Zukunft.(Hört, hört! b. d. Soz.) Freilich gibt es bei uns Kriegswüteriche wie in allen Ländern, Ihr Maul⸗ heldentum wächst mit ihrer Felddienstuntauglichkeit.(Zuruf rechts: Unerhört!) Die Argumente der Feinde, daß Deutschland wegen nicht genügenden Menschenmaterials und aus Mangel an Lebens⸗ mitteln zusammenbrechen müsse, langweilen uns mit der Zeit. aß übrigens im Kriege heutzutage es nicht allein auf die Zahl er Mannschaften ankommt, ist doch wohl klar genug durch Hindenburg an der russischen Dampfwalze demonstriert worden.(Sehr gut!) Der Krieg hat in allen europäischen Ländern, auch in den neutralen Staaten, Folgen ge⸗ zeitigt, die schlimm genug sind. Europa richtet sich systematisch durch diesen Krieg zugrunde Seh richtig! bei den Soz.), und Amerika macht ein glänzendes Geschäft.(Sehr wahr!) Wenn das auch endlich England und Frankreich einsehen wollten! 8 5 Der Aushungerungsplan ist gescheitert.
Freilich mangelt es an diesem und jenem. Wir werden uns auch noch an die Fleisch⸗ und Fettkarte gewöhnen müssen, deren Ein⸗ führung meine Partei beantragt. Aeußerungen der Unzufrieden⸗ heit bei uns sind im Auslande phantastisch ausgeschmückt worden. Die Volksernährung ist eine Frage der Organisation und eine Frage rücksichtsloser Entschlossenheit. Wehe der eee die hier dauernd versagt.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Es ist ein geradezu verbrecherisches Treiben der feindlichen Staatsmänner und Politiker, wenn sie ihren Völkern immer wieder vorgaukeln, daß die militärische Situation sich zu unseren Ungunsten noch wesentlich ändern würde. Wenn im Auslande frei über die Kriegsziele gesprochen werden dürfte, würde mit elementarer Gewalt in allen Ländern der Friedenswille zum Durchbruch kommen. ch habe den Auftrag von unserer deutsch⸗ österreichischen Vruderpartei, hier zu erklären, da sie sich mit uns vollkommen 1 900 weiß in der Pflich zur Vaterlandsverteidigung wie in dem Willen zum Frieden, Der Krieg darf keinen Tag länger dauern, als es unbedingt mug ist. Die Unabhängigkeit des Landes muß gesichert sein, aber für kapi⸗ talistische Sonderinteressen will das Volk auch nicht nur einen einzigen Soldaten opfern.(Sehr richtig! b. d. Soz.)„Uns treibt nicht Eroberungslust, uns beseelt der unbeugsame Wille, den Platz zu bewahren“ usw. usw. Diese Worte aus der Thronrede vom 4. August sollten an keiner Stelle vergessen werden. Das deutsche Volk schwelgt nicht in Rache⸗ und enen e es sucht seinen freien Platz in der Welt neben den anderen, nicht über den anderen. Mit atemloser Spannung erwartet die ganze Welt die Antwort des Reichskanzlers. Hoffentlich findet er das erlösende Wort, hoffentlich spricht er seine Bereitschaft zu Frie⸗ densverhandlungen aus.(Lebh. Beifall b. d. Soz.)
Reichskanzler von Bethmann Hollweg:
Diese Interpellation hat im feindlichen Auslande mit Recht viel Aufsehen erregt, zumeist freudiger Natur. Man will in der Frage nach den Friedensbedingungen ein Zeichen des Nachlassens deutscher Kraft und des beginnenden Zerfalls der Einmütigkeit des deutschen Volkes erblicken.(Sehr richtig! rechts.) Nun, ich hoffe, und ich glaube, daß die soeben gehörte Begründung der In⸗ terpellation in der Hauptsache die freudigen Erwartungen nicht ermuntern, sondern ent⸗ täuschen wird.(Sehr richtig! und Bravo!) Gewiß wünschen die Interpellanten den baldigen Beginn von Friedensverhandlungen. Aus den Ausführungen des Vorredners schien mir die Besorgnis herauszuklingen, wir könnten der Möglichkeit eines ehrenvollen Friedens aus dem Wege gehen, vernünftige Friedensangebote, die uns gemacht würden, ablehnen, weil wir alle eroberten Länder behalten oder noch neue dazu erobern wollten. Aber ich muß anerkennen, daß zu seiner Anregung, den Krieg bald zu be⸗ enden und öffentlich zu sagen, wie sich die deutsche Regierung den Frieden denkt, die bisherige Geschichte des Krieges ganz natürlich hinleitet. Wir haben ungeheure Erfolge erzielt. Wir haben unseren Feinden eine Hoffnung nach der anderen genommen. Mit äußerster Zähigkeit haben sie sich, über den Verlust der einen enttäuscht, an die andere ge⸗
gellammert. Solange noch die Hoffnung auf Bulgarien lockte und
die Türkei ohne Verbindung mit den beiden Kaisermächten kämpfte, konnten wir nicht erwarten, daß sie die Hoffnung aufgeben und die bisherigen gegen sie gefallenen Entscheidungen der Waffen in der einen oder anderen Weise anerkennen würden. Jetzt, nach der mit Bulgarlen hergestellten Waffengemeinschafk, nach den großen Siegen in Serbien, nach der Eröffnung des Weges nach der Türkei und der damit verbundenen Bedrohung der empfind⸗ lichsten Stelle des cnglischen Weltreiches(fehr richtig!) muß
bei unseren Feinden sich mehr und mehr die Erkenntnis
festsetzen, daß das Spiel für sie verloren ist.(Sehr richtig!) und muß damit manchem Mann unter uns, der sieht, daß der Krieg nicht auf unsere Kosten ausgehen wird, der Gedanke auf⸗ steigen, warum noch weitere Opfer nötig sind und warum sie der deutschen Regierung keinen Frieden anbieten. Tatsächlich hat keiner unserer Feinde uns Friedensange⸗ boke gemacht. Tatsächlich haben unsere Feinde vielmehr es als ihr Interesse angesehen, uns— ich habe darauf vorhin hin⸗ gedeutet— fälschlich Friedensangebote anzudichten. Beides hat denselben Grund: eine Selbsttäuschung sondergleichen, die wir nur verschlimmern würden, wenn wir mit Friedensangeboten kämen(lebhafte Rufe: Sehr wahr!), statt daß sie uns kommen.
Wenn ich über unsere Friedensbedingungen sprechen soll, muß ich mir zuerst
die Friedensbedingungen der Feinde ansehen. Unsere Feinde haben im ersten Rausche der Hoffnung,. die sie zu Beginn auf diesen„leichten“ Krieg setzen zu können meinten, ausschweifende Kriegsziele aufgestellt, haben die Zertrümmerung Deutschlands proklamiert(Hört, hört! links), gegen Deubschland wollte mag, wenn nötig, zu diesem Zwecke 20 Jahre kämpfen. Inzwischen ist man dort über eine solche Dauer des Krieges etwas besorgt geworden(Heiterkeit), das Ziel ist trotz aller Ereignisse dasselbe geblieben. Ich verweise auf die in der vielgelesenen„National Review“ aufgestellten Kriegsziele, und so geht es mit wenigen Ausnahmen fast durch die ganze englische Presse.„Statesman“, ein als gemäßigt bekanntes Blatt, enthält unter den Friedensbedingungen die Rückgabe Elsaß⸗ Lothringens, Vernichlung des preußischen Militarismus, Vertreibung der Türken aus Europa usw. Ein früherer Minister
verlangt die Abtretung des ganzen Gebiets links des Rheins. Es
bleibt eben alles beim alten: Deulschland muß vernichtet werden. So klingt es auch aus der französischen Presse heraus. Noch immer wird Elsaß⸗Lothringen gefordert. Hanotaur hat noch ganz kürzlich im„Figaro“ im Gegensatz zu der sonst üblichen Legende von dem„überfallenen Frankreich“ das offene Belenntnis ab⸗ gelegt, Frankreich habe den Krieg gemacht, um Elsaß⸗Lothringen zu erobern.(Hört, bört!) der Abgeordnete Scheidemann wollte antworten, solche Preßäuße⸗ rungen geben die wahre Stimmung des Volkes nicht wieder. Es
mag sein, daß bei den Feinden einzelne nachdenkliche Männer, die
sich Rechenschaft von der militärischen Lage abgeben, im Grunde ihres Herzens wünschen, daß dem entsetzlichen Blut⸗ vergießen bald ein Ende gemacht würde. Aber ich sehe nicht, daß diese Männer in den spärlichen Fällen, wo sie sich zeigen. auch durchdringen. Vielleicht gehört ihnen einmal die Zukunft die Gegenwart noch nicht.
Die Oberhausreden,
auf die der Abg. Scheidemang des näheren eingegangen sst, haben in der englischen Presse, mit sehr wenig Ausnahmen, keinen Widerhall gefunden. Aber sie haben die wilden Kriegsziele herausgefordert, von denen ich vorhin gesprochen habe. Darüber kann ich nicht hinweg. Völlig entscheidend ist aber: Mister Asquith — auch darauf hat der Vorredner schon hingewiesen, hat in seiner Guildhallrede verkündet, seine Kriegsziele seien noch dieselben wie beim Ausbruch des Krieges: die Freiheit der kleinen Völker und die Vernichtung des Militarismus.
Ueber die Freiheit der kleinen Völker habe ich mich vorhin schon ausgesprochen. Ueber ein Jahr lang hat die Welt dieser englischen Philantropie glauben müssen. Jetzt, nach Griechenland, wird sie von ihr kuriert sein, und wahrscheinlich sind die kleinen Völker auch kuriert. Wir in Deutschland haben vom ersten Tage an gewußt, daß hinter diesem Schutz der kleinen Völker und der kleinen Staaten sich die Sucht verbarg, die großen Staaten, deren Aufwachsen man so lange mit Neid und Mißgunst verfolgt hatte, ein für allemal abzutun. Das nennt man Ver⸗ nichtung des preußischen Militarismus. einstimmend erklärt, Frankreich würde das Schwert nicht in die Scheide stecken, bevor nicht der deutsche oder preußische Militaris⸗ mus niedergekämpft ist. Daneben hat jeder Alliierte etwas be⸗ sonderes auf dem Herzen.
Der englische Kolonialminister will in Elsaß und in Polen die Durchführung des Nationalitätenprinzips. Der Minister weiß gewiß nicht, daß in den Reichslanden von rund 1,0 Millionen Einwohner über 87 Proz. deutscher und noch nicht 11 Proz. französischer Nationalität sind.(Hört! Hört!) Ob nach seiner Ansicht Polen seiner Nationalität nach zu Rußland gehört, ist nicht ganz klar.(Heiterkeit) Es wird ganz interessant sein, aus England zu hören, was nach dem Nationalitätenprinzip z. B. aus Indien und Aegypten werden müßte.(Große Heiterkeit und Beifall.) Briand will außer der Wiederherstellung Serbiens und Belgiens unter allen Umständen Elsaß⸗Lothringen haben. Sasonow hat ziemlich deutlich auf Konstantinopel hingewiesen. Der tat⸗ sächlichen militärischen Sachlage sind die Kriegsziele unserer Gegner und der gegnerischen Regierungen sehr wenig entsprechend.
Ich kann aber auch nicht ihre Forderungen etwa als Bluff ansehen, um sie nicht ernst zu nehmen. Unter der Protektion der Regierungen hat man
die Völker von Anfang an über die Wirklichkeiten getäuscht (Sehr richtigl), durch die fabrikmäßige Herstellung und Verbrei⸗ tung von Lügennachrichten aller Art unverlöschbaren Haß gegen uns gesät.(Sehr richtig!) Nun sieht man, daß mit alledem keine Siege erfochten werden. Man hat eine Reihe militärische und diplomatische Niederlagen erlitten. Man kann es nicht mehr verbergen, daß wir in Feindesland stehen im Osten und Westen und daß wir den Weg nach dem Südosten geöffnet haben: aber das ceterum censeo, daß Deutschland zertrümmert werden soll, soll trotzdem nicht aufgegeben werden; man hat sich so fest darauf verbissen, daß man davon nicht mehr los kann, und deshalb will man weitere Hunderttausende auf die Schlachtbank führen.
Als neuestes Reigmittel zur Aufstachelung blinder 1
Kriegswut gilt die Hoffnung auf den Er⸗
schöpfungskrreg. Daß unsere Lebensmittel reichen, daß es
nur darauf ankommt, sie richtig zu verteilen, darüber sind wir alle, auch die Partei des Vorredners, einig.(Sehr richtig!) Ein Gebiet, das von Arras und Lille bis Riga reicht, kann wirkschaftlich nicht erdrückt werden.(Zustimmung.) Wenn uns der Mangel
an Lebensmitteln nicht beugt, soll es nach der Ansicht der Feinde der Rohstoffmangel. Wir sind auf eine lange Kriegsdauer mit allem Nötigen versehen. Eine ganze Reihe von Stoffen, die wir vor dem Krieg aus dem Auslande bezogen, können wir jetzt
selbst herstellen.(Beifall.) Die dazu erforderlichen Fabriken sind
Mir schien.
Briand hat damit über⸗
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