Nr. 291
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das »kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen SZelt⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für O
Mb. Deutscher Reichstag.
22. Sitzung, Donnerstag, den 9. Dezember, vormittags 10 Uhr. Am Bundesratstische: Dr. von Bethmann Hollweg, Delbrück, von Tirpitz, Wandel, Kraetke, Helffe⸗ rich, von Jagow, von Lisco. a 5
Die Frledensinlerpellalion.
Auf der Tagesordnung steht die Interpellation Albrecht und Genossen(Soz.): Ist der eichskanzler bereit, Auskunft darüber zu geben, unter welchen Bedingungen er geneigt ist, in Friedens⸗ verhandlungen einzutreten?
Vor Eintritt in die Tagesordnung das Wort
Reichskanzler Dr. von Bethmann Hollweg:
M. H., ich benutze die erste Gelegenheit, um Ihnen einen Ueberblick über die Lage zu geben. Kurz nachdem der Reichstag im August auseinandergegangen war, hat Bulgarien in den Krieg eingegriffen. Mit allen nur denkbaren An— strengungen hat die Entente seit Ausbruch des Krieges versucht, König Ferdinand auf ihre Seite zu ziehen. Oesterreichisch-ungarische, türkische, griechische Gebiete wurden ihm in liberalster Weise versprochen. Aber nicht nur Territorien der feindlichen und neu— tralen Staaten wurden vergeben, selbst das verbündete Serbien, für dessen angeblich bedrohte Integrität Rußland den Krieg ent⸗ fesselt hat, selbst das verbündete Serbien, für das die Entente zu kämpfen vorgibt, wurde nicht geschont. Damit Bulgarien für die Entente fechte, sollte Serbien ihm Gebietskonzessionen machen von solchem Umfange, daß es sich dazu nicht verstehen konnte. So wurden die Verbündeten unter sich uneinig. Die berechtigten nationalen Ansprüche Bulgariens und Mazedoniens waren, wie bekannt, nach dem letzten Balkankriege zugunsten Ser⸗ biens in erheblichem Maße beschränkt worden. Von Rußland im Stich gelassen, mußte Bulgarien, das die Hauptlast des Krieges getragen hatte, zusehen, wie die Früchte seiner Siege dem serbischen Nachbarn zufielen. Jetzt wird König Ferdi⸗ nand das Wort, das er am Ende des zweiten Balkankrieges seinem Volke gab, wahrmachen. Die bulgarischen Fahnen, die damals nach ruhmvollem Kampfe, aber schwerer Enttäuschung zusammengerollt wurden, flattern heute frei über dem damals verlorenen Lande.(Lebh. Beifall.)
(Abg. Liebknecht ruft: Das Sie damals im Stich gelassen haben.— Große Unruhe und Rufe: Ruhe! Ruhe! Abg. Liebknecht wiederholt seinen Zuruf. Große Unruhe, Lärm und Zurufe: Raus, raus!)
Anstatt eine Verständigung zu suchen und dem Lande die Opfer eines neuen Krieges zu ersparen, entschloß sich Serbien, nicht nur dem vereinten Angriff der deutschen und österreichisch⸗ ungarischen Armee die Spitze zu bieten, sondern auch gegen seinen
östlichen Nachbar vorzugehen. Serbien vertraute auf die Zusicherung Sir Edward Greys, daß England seinen Freunden auf dem Balkan jede nur denkbare Unterstützung leisten würde. Jetzt ist das serbische Heer zum größten Teil ver⸗ nichtet. Vergeblich haben die Serben auf die versprochene Hilfe Englands und Frankreichs gewartet.
Zum zweiten Male hat sich ein kleines Volk für die West⸗ mächte geopfert. (Lebhafte Zustimmung.) Unsere Truppen haben auch in den serbischen Bergen unter Ueberwindung aller Strapazen glänzend gekämpft.(Lebh. Beifall.) Unser heißester Dank gebührt unseren Kriegern.(Erneuter lebh. Beifall.) Und neben ihnen danken wir unseren alten, treuen, bewährten österreichisch-unga⸗ rischen Waffenbrüdern(lebh. Beifall) und auch dem neu ge⸗ wonnenen Freunde, dem bulgarischen Heere.(Lebh. Beifall.) Durch die Siege in Serbien ist die Donau frei gewor⸗ den, die erbindung mit der Türkef her gestellt. Ungehindert können wir unserem türkischen Ver⸗ bündeten die Hand reichen und freuen uns, ihm in dem heißen Kampfe, in dem er steht, in nachdrücklicherer Weise beistehen zu können als bisher.(Lebh. Beifall.) Mit heldenmütiger Tapfer⸗ keit haben die Türken die Wacht an den Dardanellen gehalten(Beifall), deren schnellen Fall Minister As quith schon im Sommer prophezeite. Heute stehen die Dardanellen fester denn je.(Lebh. Beifall.— Abg. Liebknecht: Bagdadbahn!— All⸗ gemeines Gelächter.) Im November wurde England mit Bag⸗ dad getröstet. Aber auch dort haben die Türken ihren alten Kriegsruhm bewährt und den Engländern eine sehr empfindliche Schlappe beigebracht.(Lebh. Beifall.) Der offene Weg nach dem nahen Orient bedeutet einen Markstein in der Geschichte dieses Krieges. Militärisch ist der direkte Zusammen⸗ hang mit der Türkei von unschätzbarem Werte.(Sehr richtig!) Wirtschaftlich ergänzt die Zufuhr aus den Balkanstaaten und der Türkei unsere Vorräte in willkommenster Weise. Darüber hinaus aber sind vor allem die Aussichten in die Zukunft verheißungsvoll. Dank der weitsichtigen Politik König Ferdi⸗ nands von Bulgarien ist
eine feste Brücke zwischen den unlöslich verbundenen Kaiser⸗ mächten, dem Balkan und dem nahen Orient geschlagen.(Beifall.) Diese Brücke wird nach dem Frieden nicht, von den Schritten kämpfender Bataillone widerhallen, sondern sie wird Werken des Friedens und der Kultur dienen. Lebh. Beifall.) Die Waffenbrüderschaft und die feste Freundschaft unter den auf unserer Seite kämpfenden Kräften ist nicht ge⸗ schaffen, um die Völker gegeneinander auszuspielen, sondern um in friedlichem Verkehr werktätigen Anteil zu haben an dem Auf⸗ stieg zu lebensvoller Entwickelung der Völker.(Beifall.) Was unsere Gegner politisch und militärisch am Balkan eingebüßt haben, suchen sie jetzt durch Akte der Gewaltpolitik gegen neutrale Staaten wett zu machen.(Sehr richtig!) Freilich bleiben sie damit ihrem von Anfang an verfolgten Prinzip treu.(Sehr richtig!) Zuerst wurde Belgien, dann Serbien be— stimmt, unter keinen Umständen den Weg der Verständigung zu betreten, sondern sich dem Kriegswillen der Entente zu fügen und zu opfern. Jetzt soll Griechenland an die Reihe lommen.
ergreift
165. Jahrgang
nzei
berhe
1
Freitag, 10. Dezember 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Vuch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ·
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
Anfangs behaupteten die Ententemächte, sie seien, als sie in Salo⸗ niki landeten, von Griechenland gerufen. Inzwischen ist es ja Venizelos selbst, der diese Bedingungen abgeleugnet hat. (Hört, hört!) Herr Venizelos hat in der griechischen Kammer aus⸗ drücklich erklärt, die Truppenlandung in Saloniki stehe mit seiner früheren Anfrage bei der Entente wegen etwaiger Truppen⸗ sendungen in keinerlei Zusammenhang.(Hört, hört!) Dennoch begannen England und Frankreich mit Tru ppenlandun⸗ gen in Saloniki und setzten sie trotz energischem Protest fort. Wir wohnen dem interessanten Schauspiel bei, daß England
die beherrschende Macht der englischen Flotte als diplo⸗
matisches Drohmittel gebraucht, um die griechische Regierung zur Verletzung der ihr als neutraler Macht obliegenden Pflichten zu zwingen.(Sehr richtig) Zuerst wurde auf diese Weise die wohlwollender 9 eutralität erpreßt. Als man sie im Grundsatz hatte, ging man noch weiter. Von Griechenland wurde gefordert: die Zurückziehung aller griechischen Truppen von Saloniki und Um⸗ gebung, freie Verfügung über diese Hafenstadt zur Einrichtung militärischer Anlagen, die Ueberlassung aller militärisch wichtigen Straßen für Militärtransporte, Freiheit für militärische Maß⸗ regeln aller Art in den griechischen Territorialgewässern(Hört! Hört!) Das versteht die Entente unter wohlwollender Neutralität. (Heiterkeit.) Die griechische Regierung ist trotz der schwierigen Lage, darin sie sich befindet, gewillt, die Neutralikät weiter beizubehalten.(Beifall.) Eine Neutralität, die ihrem ausdrücklich ausgesprochenen Willen entspricht und die sich mit der Würde und Unabhängigkeit Griechenlands und mit seinen Interessen deckt.(Beifall.) Abgeschlossen ist die Angelegenheit noch nicht.
Ich habe es für notwendig gehalten, auf die allerdings ja wohl schon bekannten Vorgänge von dieser Stelle aus noch einmal ausdrücklich hinzuweisen, um damit den Machenschaften entgegen⸗ zutreten, mit denen uns die Entente, vor allen Dingen England, unablässig bekämpft. In unermüdlicher Wiederholung und mit einer raffinierten Regie hat England der Welt die Vor⸗ stellung eingehämmert, es habe in edelmütiger Selbst⸗ losigkeit zur Erhaltung Belgiens eingegriffen und es sei berufen, an Deutschland ein göttliches Straf⸗ gericht zu vollziehen.(Gelächter.) England ist es geglückt, damit in der Welt Geschäfte zu machen. Mit der Zeit hat es aller⸗ dings Belgien als Kriegsvorwand aufgeben müssen; es wurde zu öffentlich bekannt, daß die Einkreisungspolitik Englands, daß die ohne Vorwissen des Parlaments erfolgte Uebernahme von Ver⸗ pflichtungen gegenüber dem an Rußland gefesselten Frankreich dem englischen Kabinett so die Hände gebunden hatte, daß Sir Edward Grey den Entschluß nicht fand, Rußland vor dem Kriege zu warnen, und daß er, als die russische Mobilmachung den Krieg entfesselt hatte— ob willig oder wider⸗ strebend, lasse ich dahingestellt— sich zum Eingriff in den Krieg entschloß, noch bevor Belgiens Neutralität über⸗ haupt in Frage kam.(Sehr richtig) Zuerst war es, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, die„Times“, die öffentlich zugab, daß
Belgien nicht der Kriegsgrund
war. Um so zäher hielt England daran fest, uns wegen der Neu⸗ tralität Belgiens als die vertragsbrüchige, die Welt unter ihren Militarismus zwingende Nation zu denunzieren, die vernichtet werden müsse. Jetzt hat England und haben seine Alliierten kein Anrecht mehr darauf, dieses Denunziantentum fortzusetzen.(Sehr richtig!) Wer eine Politik der Vergewaltigung betreibt, wie es jetzt die Entente Griechenland gegenüber tut, kann nicht weiter den Scheinheiligen spielen.(Sehr richtig!) Das werden wir genau so oft und nachdrücklich betonen und wiederholen, wie es England bersucht hat, hinter der Verleumdung Deutschlands sein wahres Gesicht zu verbergen.(Sehr richtig!) Uebrigens scheint England anzufangen, das selbst einzusehen. Die„Westminster Gazette“, von der man sagt, daß sie amtlichen Kreisen nahesteht, enthält in einem Artikel vom 30. November das Geständnis, England habe gegen⸗ über Deutschland zu den Waffen gegriffen, weil Deutschland sonst nicht hätte bezwungen werden können. Wes⸗ halb hat das die Entente nicht schon im August 1914 gesagt!? Dann hätte die Welt Bescheid gewußt! Wenigstens weiß die Welt jetzt Bescheid, warum auf Geheiß Englands dieser Krieg fortgesetzt werden muß.
Ueber die vermutliche Weiterentwicklung der militärischen Operationen auf dem Balkan stelle ich keine Betrachtungen an. Ich versuche nur, auszuführen, wie sich
die gegenwärtige Lage
darstellt. Im Osten nehmen unsere Truppen, zusammen mit den österreichisch⸗ungarischen, eine in das russische Gebiet weit vorge⸗ schobene, gut ausgebaute feste Verteidigungsstellung ein, immer bereit zu einem neuen Vorgehen.(Lebhafter Beifall.) Im Westen haben die mit größter Todesverachtung unternommenen Angriffe der Franzosen und Engländer zwar unsere Stellung an einzelnen Stellen eingedrückt, aber der Durchbruch, der unter allen Umständen erzwungen werden sollte, ist mißglückt.(Lebhafter Beifall.) Von dem Umfang des gewaltigen Ringens gewinnt man eine Vorstellung, wenn man bedenkt, daß Frankreich allein dee han pe ni r viel weniger Truppen eingesetzt hat als die waren, mit denen Deutschland den Krieg von 1870%½1 geführt hat. (Hört! Hört!) Es kann nicht genug getan werden, um die Dankesschuld des Vaterlandes gegen unsere Krieger abzutragen(stürmischer Beifall), gegen unsere Krieger, die trotz eines unerhörten Trommelfeuers, krotz einer vielfachen Unterlegenheit mit ihren Leibern dem Feinde einen Wall entgegengesetzt haben, den er nicht hat durchbrechen können.(Beifall.) Unvergängliche Ehre dem Andenken aller, die dort ihr Leben für ihre Freunde gelassen haben.
Wie an unserer Westfront ist die österreichisch⸗ ungarische Verteidigungsstellung gegen Italien fest und intakt.(Beifall.) In heldenmütiger Abwehr sind die unablässigen, mit ungeheuren Menschenverlusten verbundenen
Angriffe der Italiener abgeschlagen worden. Daß es den Italienern
dabei glückt, friedliche Städte, deren Erlösung sie sich zur Aufgabe gesetzt hatten, niederzuschießen, wird ihnen kaum einen Ehrenplatz in der Wellgeschichte sichern.(Sehr richtig!) Lassen Sie mich mit einem kurzen Wort unsere Arbeit hinter der Front 1 streifen. In Nordfrankreich und Belgien sind eine ganze Anzahl bon Mitgliedern dieses hohen Hauses tätig. Die Herren werden mir bezeugen, daß wir uns redlich und mit Erfolg bemüht haben, die Kräfte des wirtschaftlichen Lebens wieder zu beleben. Ueberall haben die Etappen hinter der Front geackert und geerntet. 8
5
Belgien ist es vielfach gelungen, in der Landwirtschaft annähernd
normale Wirtschaftsverhältnisse wiederherzustellen. Auch Industrie und Handel sind, wo es irgend ging, neu belebt. In das belgische Geld⸗, Kredit⸗ und Bankwesen ist wieder Ordnung gebracht. Die Verkehrsmittel, Post, Eisenbahn und Schiffahrtswege, sind in Gang gesetzt. Unzählige von den Feinden gesprengte Brücken sind wiederhergestellt. Im Kohlenbergbau ist fast die normale Zahl der Friedensbelegschaft erreicht, so daß im letzten Vierteljahr die Förderung fast 3 Millionen Tonnen ausmachte. Der Arbeits⸗ losigkeit wird durch staatliche und kommunale Notstandsarbeiten entgegengewirkt. Den Arbeitsmarkt normal zu gestalten, ist freilich ausgeschlossen, weil England dem verbündeten Lande die Ausfuhr über See abschneidet und dadurch seine Industrie er⸗ drosselt.(Hört, hört!) Die allgemeine Schulpflicht wird durch⸗ geführt.
Die früher vergeblich angestrebte Anwendung der Vorschriften über den Schulunterricht in flämischer Sprache wird durchgesetzt(lebh. Bravo); ebenso haben wir, was bisher in einem Lande mit höchster Industrieentwicklung nicht zu erreichen war, durch 5
strenge Durchführung staatlicher Fürsorge- und Schutz⸗ vorschriften
wenigstens für die Anfänge einer Arbeiterfürsorge gesorgt, wie sie seit langen Jahrzehnten bei uns besteht und wie sie nach deutscher Auffassung kein Land mit industrieller Entwicklung entbehren kann.(Beifall.) In Polen, in Litauen, in Kurland fanden wir die entsetzlichsten, von den Russen borgenommenen Zerstörungen, fanden wir einen Zu⸗ stand völliger Auflösung' vor. Neue Polizei⸗ und Verwaltungs- organe waren zu schaffen.
Eine neue Justizorganisation mußte ins Leben gerufen werden; das bis dahin völlig vernachlässigte Sanitäts⸗ wesen, namentlich in den größeren Städten, mußte von Grund auf reorganisiert werden. All das ist geschehen. Eine neue ord⸗ nungsmäßige Forst⸗ und Bergverwaltung wurde eingesetzt. Mehr als 4000 Kilometer neuer befestigter Straßen und eine Anzahl neuer Eisenbahnen ist gebaut. Wir haben in Polen, das unter der russischen Herrschaft keinerlei Selbstverwaltung kannte, eine Städteordnung eingeführt, die der Bevölkerung zur Selbst⸗ betätigung im öffentlichen Leben Raum gab. Ueberall wurde der öffentliche Schulunterricht wieder aufgenommen; in Warschau wurde die Universität, wurde eine technische Hochschule als nationale polnische Bildungsstätte eröffnet. M. H., das sind einige Proben aus unserer Verwaltungstätigkeit in den besetzten Ländern. Wohl noch nie in der Weltgeschichte ist in einem Kriege, wo Millionen vorn an der Front im Todesringen stehen, hinter der Front so viel Friedensarbeit geleistet.(Sehr wahr und lebh. Zustimmung.) Diese Arbeit sieht weder nach Hunnen noch nach Erschöpfung aus.(Sehr wahr und lebh. Zustimmung.)
Noch ein paar kurze Worte über 5 5
unsere wirtschaftlichen Zustände.
Wir haben genug an Lebensmitteln, wenn wir sie richtig verteilen. Das ist die grundlegende, die bestimmende Tat⸗ sache.(Sehr richtig!) Daß wir im Kriege uns nicht so billig und so reichlich ernähren können, wie im Frieden, das ist klar. Die Not, die als Folge des Krieges in vielen minderbemittelten Familien eingezogen ist, wird von niemandem lebhafter beklagt als von mir. Wo der Ernährer seine Gesundheit verloren hat, oder gar schon in Feindesland begraben ist, wo ein mühsam auf⸗ gebautes Unternehmen, auf das eine Familie ihre Existenz grün⸗ dete, durch die Einziehung des Leiters zusammengebrochen ist, da können wir mit staatlicher Unterstützung nicht alles wieder gutmachen. Ein so gewaltiges, allgemeines Schicksal trifft ein⸗ zelne Existenzen hart. Ich weiß wohl, welche Bürde von Sorgen und Entbehrungen viele deutsche Frauen mit ihren Kindern in dieser Zeit zu tragen haben; ich hege volle Bewunderung für den Heldenmut, für das stille Heldentum dieses Kampfes, für das auch ihnen der Dank des Vaterlandes gebührt.(Lebh. Beifall. Abg. Liebknecht ruft: Und was haben Sie getan?— Zurufe und Ge⸗ lächter bei den bürgerl. Parteien.)
Die Maßregeln, die die Regierung zur Linderung der Not und zur Verteilung der Lebensmittel ergriffen hat, sind vielfach als ungenügend oder als verspätet kritisiert worden. Ich will darüber in diesem Augenblick nicht rechten. Man hat bei dieser Gelegenheit ganze Stände für die bestehenden Verhältnisse ver⸗ antwortlich machen wollen. Verfehlungen einzelner kommen vor Aber wo wir den Wucher fassen können, da legen wir ihm ein unsauberes Handwerk. Unsere Feinde bezahlen höhere Preise für die wichtigsten Lebensmittel, für Ge⸗ treide und Kartoffeln, ziehen es aber vor, um das Dogma von der erfolgten wirtschaftlichen Abschließung Deutschlands glaubhaft zu machen, mehr von den Preisen bei uns als von den höheren Preisen bei ihnen selbst zu sprechen. Unsere Feinde können sich beruhigen; wir haben zwar keinen Ueberfluß, aber(mit erhobener Stimme),
wir kommen aus! (Beifall und Zustimmung.) 7
Vielleicht ist es interessand, die gegenwärtigen Verhältnisse mit den Vorstellungen zu vergleichen, die man sich vor dem Kriege von seinen wirtschaftlichen Einwirkungen machte. Der langjährige Führer der Sozialdemokratie, August Bebel, hat darüber aus⸗ führlich auf dem Jenaer Parteitage gesprochen. Bebel hat damals


