Ausgabe 
(10.12.1915) 291. Zweites Blatt
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Scham, wir wissen es nicht.

in Betrieb.(Beifall.) Von Metallen, hat man gemeint, könnte einmal das Kupfer knapp werden. Wenn wir auf das bereits verarbeitete Kupfer zurückgreifen, reichen wir für viele Jahre. Wolle und Baumwolle haben wir in Belgien und Polen in großen Posten gefunden.(Beifall.) Baumwolle bekommen wir

jetzt auch über die Donau.(Beifall.) Mit dem Gummi halten wir Haus. Wir stellen mit bestem Erfolg künstlichen her, und wenn er einmal knapp werden sollte glaubt jemand im Ernst, uns wegen Gummimangel niederzuzwingen?(Große Heiterkeit.) a

Und nun die Erschöpfung an Menschen.

Der Abgeordnete Scheidemann hat selber sehr zutreffend darauf hingewiesen, wie die Geschichte dieses Krieges gelehrt hat, daß es auf die Zahl allein nicht ankommt. Ganz unerfindlich ist es, wie Frankreich, dasselbe Frankreich, das jetzt den Jahrgang 1917 ein⸗ beruft, das den Jahrgang 1916 schon größtenteils eingesetzt hat, wie dieses Frankreich von der Erschöpfung des deutschen Menschen⸗ materials sprechen kann. Wir sind bei Heranziehung der Dienst⸗ pflichtigen lange nicht so weit gegangen wie Rußland, auch nicht wie Frankreich, das die Wehrpflicht über das 45. Lebensjahr aus⸗ gedehnt hat. Bei der uns noch zur Verfügung stehenden Zahl von Wehrpflichtigen denken wir nicht daran, die Grenze weiter zu stecken.(Hört, hört! und Beifall.) Unsere Ver luste sind nicht nur relativ, sondern auch absolut gerin⸗ gex als die französischen.(Beifall.) Wir haben 30 Millionen Einwohner mehr als Frankreich. Unsere Verluste, wenngleich geringer als die französischen, sind unendlich schwerwiegend und schmerzlich.

Herr Bryan hat der französischen Frauen, ihrer Tränen und ihrer Tapferkeit gedacht, glaubt jemand, daß die deutschen Frauen nicht ebenso tapfer sind, ihr Vaterland nicht ebenso heiß lieben? Unsere Feinde sollen es versuchen, uns zu vernichten, wenn wir um Haus und Hof kämpfen, geht uns der Atem nicht aus.(Stürm. Beifall.)

Wohin der gegen uns geschürte Haß führt, sieht man mit Schaudern an dem Baralong Fall.

(Lebh. Sehr richtig!) wo eine englische Schiffsbesatzung in scheuß⸗ licher Weise die hilflose Mannschaft eines deutschen U-Bootes er⸗ mordet hat.(Große Bewegung und lebh. Pfuirufe.) Die se gräßliche Mordtat ist in der englischen Presse völlig totgeschwiegen worden(hört, hört!), ob aus Auf den Geist ihrer Marine sind die Engländer immer stolz gewesen, wie wollen sie diese gräß⸗ liche Mordtat verantworten, diesen kalten Mord an unbewaffne⸗ ten, hilflosen, wehrlosen Kriegern? Er wird für alle Zeiten in der Geschichte als eine Schande dastehen. Ich will diesen Fall nicht berallgemeinern, obwohl in der englischen Presse manche Zeug⸗ nisse für die rohe Auffassung des Kriegerhandwerkes stehen. Ich erinnere z. B. an die Berichte desDaily Chronicle aus dem englischen Hauptquartier, in denen die Lust der englischen Sol⸗ daten an der Hinschlachtung der Deutschen in so scheußlicher Weise dargestellt und verherrlicht wurde, daß ich mich scheue, die Hauptworte nur in den Mund zu nehmen. Bei unseren Truppen ist die Tötung des Gegners nicht Scherz und Sport. Wir ver⸗ schmähen solche Niedrigkeiten. Unsere Truppen tun ihre Pflicht als ehrliche, anständige Männer und darum erst recht als brabe Soldaten.(Stürm. Beifall.)

Wenn einmal die Geschichte die Schuld an dem ungeheuerlich⸗ sten aller Kriege erwiesen hat, dann wird sie das entsetzliche Unheil aufdecken, das Haß, Verstellung und Unkenntnis angerichtet haben. (Hört, hört! links.) Solange diese Verstrickung von Schuld und Unkenntnis bei den feindlichen Machthabern besteht und ihre Geistesverfassung die feindlichen Völker beherrscht, wäre

ein Friedensangebot von unserer Seite eine Torheit

(lebh. Zustimmung), die die Kriegsdauer nicht ver⸗ kürzt, sondern verlängert.(Zust.) Erst müssen die Masken fallen! Noch wird der Vernichtungskrieg gegen uns ge⸗ predigt. Damit müssen wir rechnen. Mit Theorien, mit Friedens⸗ äußerungen von unserer Seite kommen wir nicht vorwärts.(Zu⸗ ruf des Abg. Liebknecht: Eroberungsplänel) Kommen Friedens angebote, die der Würde und der Sicherheit Deutschlands entsprechen, so sind wir allezeit bereit, sie zu diskutieren.(Lieb⸗ knecht: Eroberungspläne!) In dem vollen Bewußtsein der großen, von uns erstrittenen und unerschütterlich dastehenden Waffenerfolge lehnen wir jede Verantwortung für die Fortsetzung des Unheils ab.(Zuruf des Abg. Liebknecht: Eroberungs⸗ pläne! Heftiger Widerspruch rechts. Rufe: Raus! Zurufe: Steckt den Kerl ins Irrenhaus!) Es soll nicht heißen, daß wir den Krieg nur um einen Tag verlängern wollen, weil wir noch dieses oder jenes Faustpfand dazu erobern wollen. (Zuruf des Abg. Liebknecht: Dazu!). In meinen früheren Reden habe ich auf die allgemeinen Kriegsziele hingewiesen. Ich kann auch heute nicht auf Einzel⸗ heiten eingehen, ich kann nicht sagen, welche Garantien die Kaiser⸗ liche Regierung z. B. in der belgischen Frage fordern wird, welche Machtunterlagen sie für diese Garantie fordern muß. Aber eins sollen sich unsere Feinde selber sagen: je länger und erbitterter sie den Krieg führen, um so mehr wachsen unsere Garantien. (Stürmischer, anhaltender Beifall.). Wenn unsere Feinde für alle Zukunft eine Kluft zwischen Deutschland und der übrigen Welt aufrichten wollen, dann sollen sie sich nicht wundern, daß auch wir unsere Zukunft danach ein⸗ richten.(Lebhafte Zustimmung und anhaltender Beifall.) Weder im Osten, noch im Westen dürfen unsere Feinde von heute über Einfallstore verfügen, durch die sie uns von morgen ab erneut und schärfer als bisher bedrohen.(Abermalige Zustimmung, erneut einsetzender stürmischer, langanhaltender Beifall im ganzen Hause, auch auf den Tribünen.) Es ist ja bekannt, daß Frankreich seine Anleihe an Rußland nur unter der ausdrücklichen Bedingung ge⸗ geben hat, daß Rußland seine polnischen Festungen und Eisen⸗ bahnen gegen uns ausbaut(Sehr richtig!), und ebenso ist es bekannt, daß England und Frankreich Belgien als ihr Aufmarschgebiet gegen uns betrachteten. (Sehr richtig!) Damit müssen wir uns politisch und militärisch und wir müssen auch wirtschaftlich

die Möglichkeit unserer Erhaltung sichern. (Lebh. Zust.) Was dazu nötig ist, muß erreicht werden.(Zust.) Ich denke, es gibt im deutschen Vaterlande niemand, der nicht diesem Ziele zustrebt.(Hört, hört! links, sehr richtig.) Welche Mittel zu diesem Zwecke nötig sind, darüber müssen wir uns die Entscheidung vorbehalten. Wie ich schon am 19. August d. J. ge⸗ sagte habe: Wir sind es nicht, die die kleinen Völker bedrohen; nicht um fremde Völker zu unterjochen, führen wir diesen uns

aufgezwungenen Kampf, sondern allein um die Zukunft

unseres Lebens und unserer Freiheit.(Zuruf des Abg. Liebknecht: Es ist nicht wahr! Gr. Unruhe und Rufe: Raus! Zurufe des Abg. Liebknecht: Staatsinteressen! Er⸗

oberungen!)

Fur die deutsche Regierung ist dieser Kampf dasselbe, was er bon Anfang an war und was in allen unseren Kundgebungen unverändert festgehalten wurde: Der Verteidigungskrieg des deutschen Volkes! Dieser Krieg darf nur mit einem Frieden be⸗ endet werden, der nach menschlichem Ermessen Sicherheit gegen seine Wiederkehr bietet. Darin sind wir alle einig. Zuruf des Abg. Liebknecht: Nein!) Das ist unsere Stärke.(Brausender Beifall im Hause und auf den Tribünen. Zuruf des Abg. Liebknecht: Eroberungspolitik!)

Das Haus tritt in die Besprechung der Interpellation ein.

Abg. Dr. Spahn(Ztr.):

Im Namen der sämtlichen Mitgliedervereinigungen dieses hohen Hauses mit Ausnahme der Herren Inlerpellanten habe ich zur Interpellation folgende Erklärung abzugeben:

Die Beendigung dieses uns aufgedrungenen Krieges wünschen auch wir. Wir blicken dabei voll Bewunderung und Dankbarkeit auf den ununterbrochenen Siegeszug aller unserer Truppen, die in Gemeinschaft mit unseren tapferen österreichisch-ungarischen, bulgorischen und türkischen Verbündeten von Erfolg zu Erfolg schreiten, ihre ruhmreichen Fahnen weit in Feindesland hinein⸗ getragen und soeben das serbische Heer zertrümmert haben. Wir vertrauen auf die unbeugsame, allen Angriffen unserer Feinde gewachsene und überlegene Stellung unserer Heere in Ost und West, die uns mit unseren Verbündeten den vollen Erfolg des Krieges verbürgen.(Lebh. Beifall.) Wir blicken auf die nicht zu erschütternde wirtschaftliche und finanzielle Kraft unseres Volkes

und Landes, die uns Ernährung und Rüstung ausreichend sichert.

Mögen unsere Feinde sich erneut zum Ausharren im Kriege ver⸗ schwören, wir warten in voller Einigkeit mit ruhiger Ent⸗ schlossenheit, und lassen Sie mich einfügen, in Gottgertrauen die Stunde ab, die Friedensverhandlungen ermöglicht, bei denen für die Dauer die militärischen, wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Interessen Deutschlands im ganzen Umfang und mit allen Mitteln einschließlich der dazu erforderlichen Gebiets⸗ erwerbungen gewagt werden müssen.(Stürm. Beifall und Hände⸗ klatschen bei den bürgerlichen Parteien.)

Ein Antrag der Abga. Bassermann, auf Schluß der Aussprache wird (Große Unruhe bei den Sozialdemokraten, wildem Geschrei steigert.)

Westarp. usw. angenommen. die sich teilweise zu

Präsident Kaempf: 5 Der Schluß der Beratung ist angenommen.

Abg. Haase(Soz.): Es ist ein schnöder Bruch der Geschäftsordnung. Man will die Minderheit vergewaltigen.

Abg. von Payer(Fortschr. Volkspartei): Es wollte niemand Herrn Landsberg das Wort aßbschneiden. Es liegt ein Versehen des Schriftführers vor.

Abg. Ledebour(Soz.): Das ist ein unerhörtes Verfahren.

Abg. Dr. Landsberg(Soz.)

Deer ganze Vorgang beruht anscheinend auf einem Versehen im Bureau. Ich hatte die Absicht, hinter dem Redner der Mehr⸗ heitsparteien zu sprechen, da wir Sozialdemokraten doch hier keine Monologe halten wollen, und hatte mich deshalb zunächst von der Rednerliste streichen lassen. Als ich aber mit dem Abg. Dr. Spahn eine Verständigung erzielen konnte, habe ich mich erneut als erster Redner zum Worte gemeldet. Es liegt also offenbar ein Ver⸗ sehen des Bureaus vor, das sie ausgenutzt haben. Mit Ihrem Verhalten machen Sie einen Riß in die Einigkeit des deutschen Volkes.

Abg. Scheidemann(Soz.):

Das Verhalten der Mehrheit ist empörend, kurzsichtig und unverantwortlich. Die interpellierende Partei soll nach allge⸗ meiner Uebereinstimmung unter allen Umständen am Schluß der Debatte das Wort erhalten. Sie haben die Uebung durchbrochen. Ich erhebe schwersten Protest dagegen.

Abg. Bassermann(ul.): 5 Von einer Absicht, dem Abg. Landsberg das Wort nicht zu

berstatten, kann bei den bürgerlichen Parteien absolut nicht die

Rede sein.(Lachen bei den Soz.] Wir bedauern das Mißver⸗ ständnis, haben es aber nicht verschuldet. Ein Schlußwort, wie der Vorredner es erwähnt hat, gibt es nur bei Initiativanträgen, nicht bei Interpellationen.

Abg. Schulz(Reichspartei):

Uns trifft an dem Mißverständnis nicht ein Funken von Schuld. Da hier ein Versehen vorliegt, beantrage ich, die Dis⸗ kussion nochmals zu eröffnen und dem Abg. Dr. Landsberg das Wort zu erteilen. 5

Abg. Dr. Liebknecht(Soz.): Die interpellierende Partei muß unter allen Umständen das letzte Wort haben.

Abg. Stadthagen(Soz.): Wir müssen Gelegenheit haben, im vollsten Maße unsere Meinung zu sagen.

Abg. v. Payer(Vp.):

Wir konnten nicht wissen, daß durch ein Versehen des Büros das Wort des Abg. Dr. Landsberg unter den Tisch gefallen ist. Die Gerechtigkeit verlangt, dem Abg. Dr. Landsberg das Wort nachträglich zu erteilen. 5

Der Antrag des Abg. Schultz⸗ Bromberg(Rp.) auf Wiedereröffnung der Aussprache wir d angenommen.

Abg. Landsberg(Soz.):

Ich will hoffen, daß der unerfreuliche Vorgang von soeben bald vergessen sein wird, daß wir am luß den Saal verlassen können, ohne noch an den Vorfall zu denken.(Lebh. Beifall.) Hoffentlich wird auch in Zukunft sich die Mehrheit niemals wieder einer Minderheitspartei gegenüber so benehmen wie heute. Bei Beginn des Krieges sahen wir die Kultur Deutschlands be⸗ droht. Das hat uns die Waffen in die Hand gedrückt. Die Sorge um die bedrohte Kultur nötigt uns jetzt, zum Frieden zu mahnen. Nicht bloß bei uns hat man den Eindruck, daß der psycho⸗ logische Moment gekommen ist, um dem Frie⸗ dens gedanken 55 zu treten. Auch in England redet man vom Frieden. Und der Papst hat in einer, einen großen Aal erkennen lassenden Rede im Konsistorium davon gesprochen.

ulturelle Güter stehen auf dem Spiele, und wirtschaftlich kann man sagen: Die veruneinigten Staaten von Europa haben den Vereinigten Staaten von Amerika Platz gemacht.(Sehr richtig!)

Vom Reichskanzler kann man ja nicht verlangen, daß er flötet, wenn die Staatsmänner im feindlichen Auslande die schwersten Geschütze auffahren.(Sehr richtig). Hätte der Reichs⸗ kanzler so gesprochen wie Briand und Asquith, etwa von der Vernichtung des französischen Militarismus und des englischen Marinismus, so wäre meine gesamte Fraktion in die allerschärfste Oppositionsstellung gegen ihn getreten. Wir wollen die Vernich⸗ tung unsexes eigenen Landes verhüten. Aber wir wollen auch kein anderes Land vernichten. Der Reichskanzler hat nicht Worte ertönen lassen, wie wir sie von den Herren Briand und Asquith haben hören müssen.(Abg. Liebknecht: Doch! Allgem.

Gelächler.) Das hängt von der geistigen Beschaffenheit des Ein⸗ zelnen ab.(Stürmischer Beifall und Händeklatschen im Hause und auf den Tribünen).

Wohl aber hätte der Reichskanzler als Staats⸗ mann des Staates, dessen Heere den Krieg in alle mit uns in Krieg liegenden Länder haben hineintragen können, dessen Heere einen undurchdring⸗ lichen Gürtel um das deutsche Valerland gezogen baben, detaillierte Friedens bedingungen nennen kön⸗ nen, zumal die Worte des Reichskanzlers erkennen lassen, daß seine Friedensbedingungen sich sehr gut hören lassen können. Ueber die Erklärung der Parteien gehe ich hinweg. Wir haben nicht die

Fnterpe een an die Parteien gerichtet, sondern an den Reichs⸗

anzler. Aus den Worten des Reichskanzlers haben wir auch nicht den Inholt der Erklärungen der bürgerlichen Parteien beraus⸗ gehört.(Die Abgs,. Liebknecht und Ledebour rufen: Doch!) Aber ich bitte Sie. meine Herren, geben Sie doch dem Auslande nicht Waffen in die Hand!(Stürm. Beifall und Händeklatschen im Hause und auf den Tribünen.) Das wird nicht Ihre Absichk sein, aber die Wirkung ist es. Der Reichskanzler hat die Länder, die wir augenblicklich besetzt halten, als Faustpfand bezeichnet; nach meiner Kenntnis werden Fauftpfänder zurückgegeben. Der Reichskanzler hal sich ferner grundsählich zum Friedensschluß be⸗ reit erklärt. Auch das ist eine Erklärung, die in wohltuendem Gegensatz zu den Ausführungen der Herren Briand und Asquftß steht. Selbstverständlich fügt er hinzu: einenehrenvollen Frieden,

Einen onderen Frieden will natürlich kein deutscher Mann.(All⸗

seitiges Bravol)

Der Reichskanzler hat ferner eine Sicherung gegen frivole Angriffe für die Zukunft verlangt. Wenn es eine solche Siche⸗ rung gibt, dann wollen wir sie alle.(Sehr richtig!) Die Frage ist nur: worin besteht diese Sicherung? Ich will heute nur sagen, worin sie nicht besteht. Sie besteht nicht in der Fort⸗ führung dieses Krieges bis zur völligen Erschöpfung aller Krieg⸗ führenden, denn es würde sonst eine Desperadostimmung in der ganzen Welt entstehen, die in dem Worte zum Ausdruck kommen würde: besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Keine Sicherung würde ferner die Unterjochung und Ver⸗ gewaltigung eines Volkes mit eigener geistiger Kultur sein. Groß⸗ mut der Staatsmänner hat sich noch immer bewährt. Wären 1866 gewisse Annexionspläne nicht durch einen zielbewußten genialen Staatsmann unterdrückt worden wäre dann das Jahr 1870 möglich gewesen? Ich sollte aber meinen, daß es wohl eine sehr weitgehende Sicherung gegen wiederholte Angriffe geben kann, ich zweifle keinen Augenblick, daß dieser furchtbare Ader⸗ laß zur Mehrung der friedlichen Gesinnung der Völker bei⸗ tragen wird, und wer weiß, wie nahe wir vor Verträgen über Rüstungsbeschränkungen stehen, die nicht nur den Völkern große Ersparnisse bringen, sondern die vor allen Dingen das Miß⸗ trauen beseitigen helfen, das immer wieder zu blutigen Zu⸗ sammenstößen führt.

Der Reichskanzler hat im Vertrauen darauf, daß die mili⸗

tärische Lage Deulschlands vor Mißdeutungen schützt, seine Be⸗ reitwilligkeit zum Abschluß eines ehrenvollen Friedens aus⸗ gesprochen. Von unbilligen Bedingungen, die er dem Gegner zu ertragen zumutet, habe ich aus seiner Rede nichts vernommen, und das ist für mich das Entscheidende. Was unter Sicherungen im einzelnen zu berstehen ist, darüber wird später zu sprechen sein; Hauptsache ist, daß die Verhandlungen beginnen, und kein Staatsmann kann die Einleitung von Friedensverhandlungen mit dem Hinweis darauf ablehnen, daß ihm das als Zeichen von Schwäche ausgelegt werden könnte. So können wir uns wohl der Hoffnung hingeben, wenn sie auch erst in ganz dünnen und schwachen Umrissen vor uns auftaucht, daß für die miteinander im Kriege liegenden Völker die Erlösung recht bald kommen wird. Täuscht uns diese Hoffnung, weil unsere Gegner den Frieden nicht haben wollen, weil sie nach wie vor erklären, daß sie auf der Vernichtung der deutschen Wehrkraft und auf Annexionen bestehen, so werden sie sich überzeugen müssen, daß unser Ruf nach Frieden nicht hervorgegangen ist aus Sorge um den Ausgang des Krieges für uns(Lebh. allseitige Zustimmung). Sie werden dann sogar eine Steigerung unserer Kraft merken, denn, wenn es überhaupt möglich ist, den Mut und die Ausdauer unserer Krieger zu stärken, dann wird das Bewußtsein, das sie haben dürfen, diese Wirkung baben das Bewußtsein, daß, was sie noch zu ertragen haben, auf das Schuldkonto unserer Gegner kommk.(Lebh. allseitige Zustimmung, Widerspruch der Abgg. Liebknecht und Ledebour.)

Ich bin von der Fraktion als Redner bestimmt und nicht Gu Liebknecht und Lebeßong Sie!(Stürmischer Beifall und Hendeklatschen im ganzen Hause.)] Eins möchte ich zum Schlusse noch feststellen nicht, um irgend jemanden zu kränken, sondern um völlige Klarheit zu schaffen. In der französischen Deputierten⸗ kammer ist neulich gesagt worden, Frankreich habe nicht die Ab⸗ sicht, sich auf Kosten Deutschlands zu bereichern, nur Elsaß⸗ Lothringen wolle man selbstverständlich zurücknehmen. Ich will erklären, daß wir für solche Ausführungen einfach kein Verständ⸗ nis haben.(Lebh. Beifall.) Es wird Aufgabe der deutschen Re⸗ gierung sein, dafür zu sorgen, daß gewisse Hoffnungen auf eine Wiedereroberung von Elsaß⸗Lothrin⸗ 1 völlig vernichtet werden.(zLebh. Beifall.) Ich chließe, indem ich sage: Wer das Messer erhebt, um Stücke aus dem Körper des deutschen Volkes zu schneiden, der wird, mag er ansetzen wo er will, ein in der Verleidigung einiges deutsches Volk treffen, daß ihm das Messer aus der Hand schlagen wird, (Stürmischer Beifall und Händeklatschen im ganzen Hause.)

Damit ist die Besprechung der Interpellation erledigt.

Präsident Kaempf ö

tritt der Auffassung entgegen, die aus dem Verlauf der Ge⸗ schäftsordnungsdebatte möglicherweise erstehen könnte, als ob diese Debatte durch ein Mißverständnis oder einen Irtum eines der Schriftführer entstanden sei. Im weiteren erbittet er die Er⸗ mächtigung, Tag und Tagesordnung der nächsten Sitzung fest⸗ zusetzen. a Abg. Liebknecht(Soz.)

beantragt, wegen seiner Anfragen die nächste Sitzung morgen stattfinden zu lassen, denn Freitag und Dienstag sind(Zuruf rechts: fleischlose Tage! Heiterkeit.) die Tage, die für die kleinen Anfragen bestimmt sind.(Lebh. Widerspruch.)

Abg. Dr. Spahn(Zentr.)

bittet, auf die Arbeiten des Hauptausschusses bei der Ansetzung der nächsten Sitzung nach Möglichkeit Rücksicht zu nehmen. Es lasse sich noch nicht übersehen, wann die Arbeiten im Ausschuß entsprechend fertiggestellt seien.

Es bleibt bei dem Vorschlage des Präsidenken, daß er die nächste Sitzung anzuberaumen hat. 5

Schluß: 172 Uhr.