Ausgabe 
(6.12.1915) 287. Erstes Blatt
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Nr. 287

Der Slehener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen:

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General⸗Anzeiger für Ob

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstr. 7.

Montag, 6. Dezember 1915

Bezugspreis: monatl. 85 Pf., viertel A ährl. Mk. 2.50; durch

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Ein neuer bulgarischer Sieg südwestlich von Prizren. Große neue Erfolge der Türken.

TB.) Großes Hauptquartier, 4. Dezember.

(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplaß.

Die Kampftätigkeit wurde auf der ganzen Front durch unsichtiges, stürmisches Regenwetter behindert.

Oestlicher Kriegsschauplatz. Keine besonderen Ereignisse.

Die bereits im deutschen Tagesbericht vom 2. Dezember zum Teil richtig gestellte russische Veröffentlichung vom 29. November entspricht auch in ihren übrigen Angaben nicht der Wahrheit. Bei dem russischen Ueber fall auf Newel (südwestlich von Pinsk), der nur unter einheimischen und mit bem Sumpf⸗ und Waldgelände ganz vertrauten Führern möglich war, fiel der Divisionskommandeur in Feindeshand, andere Offiziere werden nicht vermißt. Daß sich bei Koslince und Czartorysk deutsche oder österreichisch⸗ungarische Truppen hätten zurückziehen müssen, ist nicht wahr.

Balkan⸗Kriegsschauplatz.

Die Kämpfe gegen versprengteserbische Abtei⸗ lungen im Gebirge werden fortgesetzt. Gestern wurden über zweitausend Gefangene und Ueberläufer ein⸗ gebracht. f

Oberste Heeres leitung.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 5. Dezember. (Amtlich.)

Westlicher und östlicher Kriegsschäuplatz. Keine wesentlichen Ereignisse. Balkan⸗Kriegsschauplatz.

In erfolgreichen Kämpfen bei Plevlje und im Gebirge nordöstlich von Ipek wurden mehrere Hundert Gefangene ema f

cht.

Bulgarische Truppen haben südwestlich von Prizren den zurückgehenden Feindgestellt, ge⸗ schlagen und ihm über hundert Geschütze und große Mengen Kriegsgerät, darunter zweihun⸗ dert Kraftwagen, abgenommen. Im Jomas⸗Gebirge (östlich von Debra) und halbwegs Kreova⸗Ohrida wurden serbische Nachhuten geworfen.

In Monastir sind deutsche und bulgarische Abteilungen eingerückt und von den Behörden wie der Bevölkerung freudig begrüßt worden.

Oberste Heeresleitung. * EI

Der neueste bulgarische Kriegsbericht bestätigt die hoch⸗ erfreuliche Meldung, die wir gestern durch unsere deutsche Heeresleitung erfuhren, und liefert interessante Ergänzungen dazu: die Serben sind auft ihrem Rückzug südwestlich von Prizren noch einmal vernichtend geschlagen worden. So haben denn die Bulgaren als treue Befolger der besten deut⸗ schen Kriegsregeln dem geschlagenen Feinde keine Ruhe ge⸗ lassen und ihr Siegeswerk gekrönt. Es ist noch in frischer Er⸗ innerung, daß bei der Einnahme von Prizren, am 28. Nov., 16 00017 000 Serben gefangen, 50 Feldgeschütze und Hau⸗ bitzen, 20 000 Gewehre, 148 Geschütze und sonstiges Kriegs⸗ material erbeutet wurden. Das wurde als das Ende des Feld⸗ zugs gegen Serbien betrachtet und war es auch. Der neue Sieg unserer Verbündeten bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes ist wohl auf albanischem Boden erfochten wor⸗ den, und vielleicht hat die serbischen Flüchtlinge dieses schwere Geschick um so härter anfassen können, als sie nach vielfachen Berichten auch Kämpfe mit albanischen Freischaren hatten führen müssen. Die gewaltige Beute, die neuerdings wieder gemacht worden ist, zeigt uns, daß die Serben kein zu ver⸗ achtender Gegner gewesen sind und daß ihnen von ihren größeren Brüdern, Russen, Engländern und Franzosen, alle mögliche Hilfe bei der Ausstattung mit Kriegsmaterial zuteil geworden war nur eben an der wirksamsten Unter⸗ stützung, an der erforderlichen Zahl von Hilfstruppen hatten sie es fehlen lassen und ihren Schützling damit völlig auf⸗ sitzen lassen.

Jetzt soll es mit der Leitung der Hriegsoperationen auf der Seite unserer Feinde besser, einheitlicher werden. Joffre hat Kommandogewalt über die gesamten zösischen Streitkräfté erhalten. Aber es sind im Grunde doch nur vage Vermutungen, eitle W die von französischen Mitarbeitern italienischer Blätter geäußert werden, wonach Joffre jetzt an der Spitze des gemeinsamen Kriegsrats gegen die zögernden Engländer sich bemühen würde, es durchzusetzen, daß die Feldzüge in Mazedonien sowohl wie auf Gallipoli bis an ein gün 5 Ende durchgeführt werden. Dabei hatten französische Blätter selbst so häufig ge⸗ warnt und auf die gefährliche Lage gerade der Balkan⸗ Truppen hingewiesen! Freilich, der Zweck dieser Treibereien war auch nur immer, die Engländer für die Balkanfront heranzukriegen. Neuerdings haben englische und sranzösische Staatsmänner und Generäle in Calais wieder eine ihrer be⸗ liebten Konferenzen abgehalten. Wir zweifeln jedoch daran, daß solche Konferenzen überhaupt zur Beurteilung der Lage in Saloniki zuständig sind, denn die Haltung Griechen⸗ lands ist noch völlig ungeklärt, und neu auszurüstende Heeresteile der Entente können doch nicht ins Blaue hinein entsendet werden. Die Zentralmächte lönnen übrigens viel

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geduldiger die Beschlußfassung Griechenlands und Rumä⸗ niens abwarten. Monastir ist von deutschen und bulgarischen Truppen besetzt worden und über der französisch-englischen Front zieht sich ein schweres Wetter zusammen.

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In der italienischen Kammer hat der Minister⸗ präsident Salandra ausgesprochen, daß die Regierung sich vollständig Rechenschaft gebe von dem Ernste der inter⸗ nationalen Lage und von der Notwendigkeit, die Eintracht der Verbündeten aufrecht zu erhalten. Dann fuhr er fort, sein Vertrauen in den endlichen Sieg sei keineswegs erschüttert. Das sind merkwürdige Redewendungen, die denn auch einen Teil der römischen Presse schon zur Kritisierung der Salandraschen Leistung auf die Beine gebracht haben. Gleich⸗ wohl hat die Kammer dem Kabinett mit 405 gegen 48 Stim- men ihr Vertrauen ausgesprochen. Man fühlt es in Italien eben, daß die trüben Aussichten nun einmal nicht zu ändern sind und daß es jetzt, der allgemeinen Stimmung wegen, heißen muß, gute Mine zum bösen Spiele zu machen. Die Abrechnung wird später erfolgen. Wenn die Sonne über dem Balkan untergegangen sein wird und auch für den blauen Himmel Italiens drohende Zeichen bemerkbar werden. Hin⸗ denburg hat nach einer der vorliegenden Meldungen in dieser Beziehung der Zukunft wieder einmal den Weg gewiesen.

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Die österreichisch⸗ungarischen Tagesberichte.

(WB.) Wien 4. Dezember Michtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 4. Dezember 1915. Russischer Kriegsschauplatz.

Nichts Neues:

Italienischer Kriegsschauplaß.

Die Angriffstätigkeit des Feindes gegen den Görzer Brückenkopf und den Nordteil der Hochfläche von Do⸗ berdo hält an.

Schwächliche Angriffe und Annäherungsversuche bei Oslavija und vor der Podgara wurden abgewiesen. Die Beschießung der Stadt Görz dauert fort.

Gegen den Monte San Michele und bei San Martino griffen stärkere italienische Kräfte an. Unsere Truppen schlugen auch hier alle Vorstöße zurück.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Unsere Truppen haben gestern früh die Höhen füdlich von Pleplje im Sturm genommen. Auch bei Tresu⸗ jevica südwestlich von Sjenica wurden die Montenegriner geschlagen,

BWestlich von Novipazar vertrieben bewaffnete Mos⸗ lims plündernde montenegrinische Banden. An Gefangenen wurden gestern bei Novipazar und Mitrovica insgesamt 2000 Mann eingebracht. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Wien, 5. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 5. Dezember 1915.

Russischer Kriegsschauplatz. Stellenweise Geschützkampf.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Gestern beschränkten sich die Italiener an der Isonzofront auf Geschützfeuer von wechseluder Stärke. Nur bei Oslavija versuchten sie bei Tag und Nacht ver⸗ einzelte Angriffe, die alle abgewiesen wurden. An der Tiroler Front entwickelte die feindliche Artillerie eine lebhafte Tätig⸗ keit gegen den befestigten Raum von Lardaro.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Bei Celebic kam es neuerlich zu einem größeren Ge fecht. Die Montenegriner wurden durch eine von Foca aus eingreifende Gruppe an die Grenze zurückgewor⸗ fen. Südlich von Pleplje wiesen unsere Truppen heftige montenegrinische Gegenangriffe ab. Unter dem im Gebirge erbeuteten Kriegsmaterial befinden sich eine Million Infan⸗ teriepatronen und hundert Artillerie-Munitionsverschläge. Südlich von Novipazar wurden gestern abermals sechs⸗ hundert Gefangene eingebracht.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Der bulgarische Bericht.

Sofia, 5. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Bulgarischer General⸗ stabsbericht vom 3. Dezember: Nach der Zertrümmerung der Ser⸗ ben am 29. November bei Prizren zogen sich die Trümmer der serbischen Armee gegen Djakova und entlang der Beli Drini gegen Dibra und Skutari zurück. Unsere Truppen setzten die Verfolgung der Serben in beiden genannten Richtungen fort. Am 3. Dezember holten unsere entlang der Beli Drin i verfolgenden Kolonnen die Serben in der Stellung am linken Djumaufer ein, griffen sie energisch an, zersprengten sie und zwangen sie zum Rückzuge, welcher in pauikartige Flucht ausartete. Hier ließen die Serben 100 Feldkano⸗ nen und Haubitzen, 200 Automobile, eine ungeheure

Menge Kriegsmaterial, 150 Trainfuhrwerke und derartige Mengen von Uniformen und Ausrüstungsgegenständen zurück, daß der Weg entlang der Beli Drini bis Kula Ljuma dadurch verlegt ist. In der Richtung auf Djako va zogen sich die serbisch⸗monte⸗ negrinischen Truppen beim Erscheinen unserer Truppen zurück und räumten Djakova, wobei sie sechs Haubitzen im Stiche ließen; unsere Kavallerie verfolgt sie gegen Djakova. Nach Aussagen von Gefangenen mußte König Peter auf einer Tragbahre getragen werden, weil der Marsch entlang des Drini⸗Flusses west⸗ lich Kula Ljuma selbst für Pferde unmöglich ist.

Die Eisenbahnverbindung SofiaNisch. Sofia, 5. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Bulgarischen Telegraphen⸗Agentur. Die Eisenbahnverbin⸗ dung zwischen Sofia und Nisch ist wieder herge⸗ stel lt. Der Zugverkehr hat heute begonnen.

Grausamkeiten der Engländer und Franzosen

gegen die bulgarische Bevölkerung.

Sofia, 5. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Der Sonder. berichterstatter des Wolff-Bureaus meldet: Die En be länder und Franzosen jagten die bulgarische Bevölke⸗ rung aus vielen Dörfern im Gebiete von Tikwesch fort. 700 Greise, Weiber und Kinder, kamen in dem größten Elend in Radowitsch an.

Die Verwendung der Aerzte.

Berlin, 4. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Für die Ver⸗ wendung in Bulgarien kommen Zivilärzte vorläufig nicht in Frage. 2

Die neuen Befugnisse Joffres.

Paris, 4. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Wie dasJour⸗ nal berichtet, hat die Ernennung Joffres zum Ober⸗ befehlshaber der französischen Armeen gewisse Gruppen der Kammer veranlaßt, Aufklärungen über diese Ange⸗ legenheit zu verlangen. Infolgedessen hat der Heeresaus⸗ schuß bei Briand Schritte unternommen. Der Minister⸗ präsident erklärte, daß die dem Generalissimus zu⸗ erkannten neuen Befugnisse lediglich den Zweck haben, eine Einheit in der Leitung der militärischen Unternehmungen und ein engeres Zusammenwirken zwischen dem Oberbefehl der französischen Armeen und den im großen Hauptquartier stattfindenden fachmännischen Bera⸗ tungen der Verbündeten herzustellen. Briand fügt hinzu, daß die Regierung nicht die Absicht habe, General Joffre im Oberbefehl über die Armeen an der französischen Front einen i zu geben.Petit Parisien will wissen, es sei ziemlich sicher, daß die unmittelbare Veran ich⸗ keit für die französische Front einer neuen, unter der Autorität des Generalissimus stehenden militärischen Per⸗ sönlichkeit werde anvertraut werden. Der General, der be⸗ rufen sei, diese Verantwortlichkeit zu übernehmen, und dessen Name baldigst bekanntgegeben werden dürfte, habe seit Beginn des Krieges glänzend bewährte Ausdauer und un⸗ übertrefflichen Mut sowie hervorragenden Scharfsinn bei der Lösung von Fragen bewiesen, welche durch die nicht vorgesehene Axt des Krieges hervorgerufen worden seien,

DerTemps kritistert die Engländer.

Paris, 5. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) In einer Kritik der diplomatischen Lage sagt derTemps, es sei die feste Ueberzeugung der französischen Regierung, daß die Aufgabe Mazedoniens einen Fehler darstellen würde und weist darauf hin, daß zurzeit französische politische Per⸗ sönlichkeiten bei dem alliierten Großbritannien dieser Ueber⸗ zeugung Ausdruck zu geben und Geltung zu verschaffen am Werke seien. Es handele sich in der Tat darum, die Eng⸗ länder zu verpflichten, Verstärkungen zu ent⸗ senden, die eine Wendung in der Lage hervorrufen könnten, welche durch Unschlüssigkeit und Verschleppung allzusehr verschlimmert worden sei.

Aus dem rumänischen Parlament.

Bukarest, 4. Dez.(WTB. Nichtamtlich) In der Se⸗ natssitzung erklärte der Ministerpräsident Bratianu auf die Anfrage des Senators Argetojanu über die auswärtige Politik, daß er aus der durch die Umstände gebotenen Zurück⸗ haltung nicht heraustrete. Die Regierung könne nicht antworten. Ebensowenig antwortete sie auf die von Filipescu angekündigte Interpellation betreffend die Kriegsverwaltung, da es sich dabei um die Landesverteidigung handle. Soweit die Interpellation die Erwerbung einer Blaugasfabrik durch das Kriegsministerium be⸗ handle, erhalte Filipescu die gewünschten Unterlagen, ent⸗ gegen der ursprünglichen Entscheidung der Regierung. Fili⸗ 95 6 bestand auf der Forderung noch weiterer Unterlagen.

ratianu erklärte jedoch, die Verantwortung für die Verweigerun

aller Unterlagen zu übernehmen, deren Mitteilung er schädli

für die Landesverteidigung halte. Er liefere gern Unterlagen aus, bei denen es sich um Anzweiflung seiner persönlichen Ehrer⸗ l handele. Filipescu erklärte: Ich verlange alle Unter⸗ agen, Bratianu antwortete: Sie bekommen sie nicht!(Leb⸗ hafter Beifall.) Argetojanu wunderte sich, daß Bratianu ihm nicht antworten wolle; habe dieser ihm doch wiederholt erklärt, er sei ein ebenso guter Rumäne wie Argetojanu. Bratianu bat den Interpellanten, ihm den Tag der Erklärung anzugeben. In der Kammersitzung hat Delavrancea eine Anfrage an den Ministerpräsidenten gerichtet, die achtzehn Punkte enthielt, u. a. über die Rechte der Ausländer, über das Erscheinen verschiedenei Schriften zur Erregung volkstümlicher Strömungen, sowie die Einmischung von fremden Gesandten in die Politik des Landes und über die fremde Propaganda in der Presse.