Nr. 285 Der Sießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags.— Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Familienblätter; weimal wöchentl. kreis-
latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche zeitfragen Fernsprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsstelled1 Adresse für Drahtnach-⸗ richten: Anzeiger hießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Abend vorher.
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VBezugsprei; monatl. 85 Pf., viertel⸗ jährl. Mk. 2.50; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 75 Pf.; durch die Post Mk. 2.30 viertel⸗ jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf.— Haupt⸗ schriftleiter: Aug. Goetz Verantwortlich für den politischen Teil und da Feuilleton: Aug. Goetz für Stadt und Land Vermischtes und Ge⸗ 1 Otto Braun; für den Anzeigenteil: H. Schulstr. 7. Beck, sämtlich in Gießen.
Die englische Niederlage südl Die Rede Sonninos in der ita
(WTB.) Großes Hauptquartier, 2. Dezember 1915.(Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz. Außer Artillerie- und Minenkämpfen an verschiedenen Stellen der Front keine besonderen Ereignisse. Nordwestlich von St. Quentin fiel ein wegen Motor— schadens niedergegangener Doppeldecker mit zwei englischen Offizieren in unsere Hand.
Oestlicher Kriegsschauplatz. Die Lage ist unverändert. Die Schilderung des ruffischen Tagesberichtes vom 20. Nobember über Kämpfe bei Illuxt⸗Kasimirski ist frei erfunden. *
Bei der Armee des Generals Grafen von othmer wurden vorgehende schwache Abteilungen der Russen von den Vorposten abgewiesen.
Balkan⸗Kriegsschauplatz. Westlich des eim wurden Boljanic, Pleylje und Jabuka besetzt. Südwestlich von Mitrovica wurden viertausend Gefangene und zwei Geschütze eingebracht.
Oberste Heeresleitung.
* Wir dürfen uns heute darüber freuen, daß der gestern hier erwähnte türkische Sieg über die Engländer in Mesopotamien folgenschwer und weiktragend gewesen ist. Der ausführliche Konstantinopeler Bericht stellt fest, daß der Feind sich in der Richtung auf Kut el Amara, 170 Klm. südlich Bagdad, Zurückziehen mußte. Das bedeutet für die Engländer, die bis an die Mauern der uralten Kalifenstadt vorgedrungen waren, eine Katastrophe und die herbste Enttäuschung. Den größten Teil des von ihnen eroberten Weges mußten sie wieder räumen; Kut el Amara liegt an jenem Knie des Tigris, von wo es in der Luftlinie noch etwa 230 Klm. bis an den persischen Golf sind; beinahe 170 Klm. hat der Jeind vor den türkischen Angriffen. weichen müssen. Die türkische Siegesbotschaft spricht auch von einer für die dortigen Verhältnisse außerordentlich großen Beute. Die stol⸗ zen Engländer verloren nicht weniger als 5000 Mann; sogar einige Flußfahrzeuge fielen den Siegern in die Hände. Die deutsche Hilfe, das h ißt, die Versorgung unserer Bun⸗ desgenossen mit Kriegsmaterial, scheint sich also auch in der Iral-Front angenehm geltend zu machen. Hoffentlich gelingt es den Türken, ihren Sieg militärisch und politisch— die Bevöllerung am unteren Tigris könnte den Engländern eines Tages ebenso gefährlich werden, wie auf dem Balkan die griechischen Waffen— tüchtig auszunutzen! Die Rede Sonninos, des italienischen Ministers des Auswärtigen, liegt heute in einem ausführlichen Wortlaut vor, den wir vollständig wiedergeben, weil es interessant ist, wie die italienische Regierung angesichts der dauernden Miß⸗ erfolge des Heeres Cadornas vor dem Volke ihre Mißerfolge rechtfertigen will. In Ermangelung wirklicher Kriegsergeb⸗ nisse für das Land hat Sonnino viel von hoher Diplomatie, nationalem Elan, berechtigter Entrüstung gegen die barbari— schen Feinde und Einmütigkeit mit den Alliierten gesprochen. Während es den Zentralmächten gelungen ist, die Ernte der zurückliegenden Kriegszeit heimzuführen, hat der italienische Minister das massenweise herumliegende Stroh gedroschen. Wen interessieren heute noch die phrasenvollen Auskünfte über den italienischen Treubruch gegenüber dem Dreibund? Wir wissen ja genug von dem großen nationalen Rausch, dem sich die Kriegsmacher in Rom hingegeben hatten! Es gibt aber heute andere Fragen, die Sonnino nicht, oder nur halb beantwortet hat. Er wollte den Zentralverband erschüttern mit dem gewaltigen Geschehnis, das in der Unterschrift Italiens zu einem neuen Vertrage gipfelt. Mit solchen Sensationen, dem Versprechen, mit seinen Ver⸗ bündeten bis zu gemeinsamem Friedensschluß aushalten u wollen, wirkt diese„Großmacht“ im Kriege! Der Minister uuchte sich jedoch auch ein wenig mit dem Hinweis auf die KKriegserfolge der Truppen seines Landes zu brüsten. Nun, sie haben den Zentralverband doch wohl jedenfalls nicht daran gehindert, die Russen aus Galizien und aus Polen zu schlagen, und sie haben auch dem viel gepriesenen Jerbien keinen Beistand leisten können. Hier liegen die Fragen, die Sonnino 255 ser hätte beantworten müssen. Das sollen dem König Peter heute noch Versprechungen? Was soll die liebliche, aber billige Zukunftsmusit, wenn in dem gegenwärtigen Konzert der Ententemächte die ersten Geigen und Flöten versagen? Sonnino kündigte in verschwommenen Wendungen ein Einschreiten Italiens in Albanien an. Er läßt die Fahnen ruhmreieh flattern, sagt aber nichts über das Wie und Wann der neuen Unternehmung. Ist es denn noch nicht Zeit, den Franzosen und Engländern. zu helfen? Es ist schließlich
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Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.
Wien, 2. Dezember 1915.(WTB. Nichtamtlich.) Amt⸗
lich wird verlautbart: 2. Dezember 1915. Russischer Kriegsschauplaßz.
Nichts Neues.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Die Italiener erneuerten ihre Angriffe auf den Brücken⸗ kopf von Tolmein und auf unsere Bergstellung nördlich davon. Vor dem Mrzli Brh brachen drei, vor dem Bergrücken nördlich non Dolje zwei Vorstöße des Feindes zusammen. Im Tolmeiner Becken zerstört die italienische Artillerie die Ortschaften hinter unserer Front. Der Brückenkopf stand stellenweise wieder unter Trommelseuer und wurde von sehr starken Kräften mehrmals vergeblich angegriffen.
Bei Oslawija versuchte die feindliche Infanterie unter dem Schutze des Nebels durchzubrechen. Abteilungen unseres Infanterie-Regiments Nr. 57 schlugen hier drei Stürme ab. 0
Sonst kam es zu keinen größeren Infanteriekümpfen.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Heute früh sind wir in Plevlje eingerückt. Die Ein⸗ nahme der Stadt war das Ergebnis hartnäckiger Kämpfe. Die über den Metalka⸗Sattel vordringende Kolonne hatte gestern den Feind bei Boljanic geworfen, die über Pri⸗ boj anrückende Gruppe die Höhen nördlich von Plevlje ge⸗ stürmt, eine dritte die Montenegriner bei Jabuka ver⸗ trieben.
Unsere Truppen wurden von der mohammedanischen Bevölkerung mit Jubel begrüßt. Der Rückzug der Monte⸗ negriner ging zum Teil fluchtartig vor sich.
Südwestlich von Mitrovica brachte ein österreichisch⸗ ungarisches Halbbataillon viertausend serbische Gefangene und zwei Geschütze und hundert erbeutete Pferde ein.
Die Bulgaren setzten die Verfolgung auf Djahova fort.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.
Der türkische Bericht.
Konstantinopel, 2. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Amt⸗ licher Bericht des Hauptquartiers. An der FJrakfront verfolgen unsere Truppen den Feind energisch, um die Niederlage der Engländer zu vervollständigen. Wir stellten fest, daß die feindlichen Verluste vom 23. bis 26. November 5000 Mann übersteigen. Abgesehen davon verlassen eine Reihe demoralisierter Offiziere die Soldaten und die Truppenteile, um sich in die Umgegend zu retten. Der Feind schaffte an einem einzigen Tage mit Dampfschiffen etwa 2900 Verwundete fort. Der politische Agent im englischen Hauptquartier, Sir Komei befindet sich unter den Verwundeten! Da der Feind seinen Rückzug auch in dem stark befestigten Azizie nicht zum Stillstand bringen konnte, so versuchte er sich mit einer Nachhut unter dem Schutze seiner Monitore 15 Kilometer südwestlich dieser Oertlichkeit zu halten, aber durch einen in der Nacht vom 30. November zum 1. Dezember von uns unternommenen überraschenden Angriff wurde der Feind gezwungen, sich weiter in der Richtung auf Kuk al Ammara 170 Kilometer südlich von Bagdad zurückzu⸗ ziehen.
Wir fanden in Azizie und seiner Nachbarschaft viel Mund⸗ vorrat, Munition und verschiedenes Kriegsgerät. Unsere in die Umgebung entsandte Krieger erbeuteten etwa 100 Ka⸗ mele des Feindes. Die Tatsache, daß es dem Feinde nicht mehr gelang, auch nur einen kleinen Teil der Gegenstände und des Kriegsmaterials, das er im Stich ließ, anzuzünden und daß er eine Menge von Gegenständen, die Offizieren gehörten und die tech⸗ nischen Ausrüstungsgegenstände nicht mehr mitführen konnte, ist ein Beweis für die große Niederlage. Außerdem erbeu⸗ teten wir ein Kriegsmotorboot und einen eisernen
sowie ein Flugschiff. Wir stellten fest, daß der Feind auf seinem fluchtartigen Rückzuge mehrere Kisten mit Munition in den Tigris warf. Die Engländer teilten, um die Niederlage zu verheimlichen, der Bevölkerung in der Umgegend mit, daß sie einen Waffen⸗ stillstand mit uns geschlossen hätten, aber die schnelle Ver⸗
bezeichnend, daß der Redegewaltige das Deutsche Reich i Worte erwähnt hat, und er kann doch nicht
folgung durch unsere Truppen kennzeichnet dies als eine bloße Ausflucht. Von vier Flugzeugen, die wir dem Feinde abnahmen,
Leichter, der mit Mundvorrat und Munition angefüllt war, k.
ch von Bagdad.
chen Kammer.
wurden drei wiederhergestellt und fliegen jetzt über den feindlichen Reihen.
An der Kaukasusfront ließ der Feind in der Gegend von Wan bei einem Gefecht am 30. November mit unseren fliegenden Abteilungen 250 Tote auf dem Kampfplatze zurück. Der Feind flüchtete in östlicher Richtung.
An der Dardanellenfront bei Anaforta nahmen unsere Patrouillen einen Teil der feindlichen Drahthindernisse und Gräben und machten einige Gefangene.— Am 30. No⸗ vember eröffnete der Feind mit seinen Batterien zu Lande und zu Wasser ein Feuer nach verschiedenen Richtungen, das eine gewisse Zeit hindurch andauerte, aber wirkungslos blieb. Unsere Artillerie trat ebenfalls in Tätigkeit und nahm feindliche Soldaten, die ohne Deckung im Lager bemerkt wurden, sowie Munitionswagen des Feindes aufs Korn. Die Munitionswagen wurden zerstört. Bei Ari Bur nu dauerte der Kampf der Artillerie, Bomben⸗ werfer und Maschinengewehr-Abteilungen an. Der Feind ver⸗ suchte, die Schützengräben bei Kanlisirt, die in der letzten Zeit von uns zerstört wurden, wieder herzustellen, wurde aber durch un⸗ ser Feuer daran verhindert. Nachmittags eröffnete ein feind⸗ licher Kreuzer das Feuer auf die Stellungen unseres linken Flügels, wurde aber durch das Gegenfeuer unserer Torpedoboote gezwungen, sich zu entfernen. Bei Sedd ül Bahr fand eben⸗ falls eine gegenseitige Beschießung statt, die von Zeit zu Zeit nach⸗ ließ. Unsere Artillerie brachte eine feindliche Batterie zum Schwei⸗ gen, die die anatolische Küste und Meerenge zu beschießen ver⸗ suchte. Nachmittags fielen Geschosse, die von einem feindlichen Panzer vom Typ des„Agamemnon“ in der Richtung auf Kilid Bahr abgefeuert wurden, auf ein dort gelegenes Hospital und töteten vier und verwundeten 20 Soldaten. Eines unserer Kampf⸗ flugzeuge nötigte ein feindliches Flugzeug, das Kapa Tepe über⸗ flog, zur Flucht.
Aus der türkischen Kammer.
Konstantinopel, 29. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Ver⸗ spätet eingetroffen. Bei Beginn der Kammersitzung ge⸗ langte ein Telegramm des Kommandanten der 5. Armee(Dar⸗ danellen) Liman Pascha, zur Verlesung, in dem er der Kammer seinen Dank ausspricht für die Entsendung einer Ab⸗ ordnung von Deputierten, die die Dardanellenfront besichtigte. Ein Mitglied der Abordnung ergriff das Wort, schil⸗ derte die Eindrücke derselben, und rühmte die Tapferkeit der tür⸗ kischen Truppen, die siegreich seit Monaten gegen einen Feind kämpfen, der, an Zahl überlegen, mit allen Vervollkommnungen jeder Erfindung ausgerüstet ist, und einen Ueberfluß an Munition besitzt. Jeder, der die Front besichtigte, habe erkannt, wie wich⸗ tig das Terrain ist, an das sich der Feind noch anklammern kann, und konnte es sich nicht versagen, die ottomanischen Soldaten 3 umarmen. Die Abordnung konnte feststellen, daß alle beherrschen⸗ den Punkte fest in der Hand der türkischen Armee sind, und sich von der Vollkommenheit aller Dienstzweige der Armee, über⸗ zeugen, namentlich der Approvisionierung, die so beschaffen ist, daß selbst die Soldaten der äußersten Schützengräben Tee und warme Suppe erhalten. Die Abordnung gewann die Ueberzeu⸗ gung, daß der Feind nicht nur nicht um einen Zoll wird vor⸗ dringen können, sondern daß er demnächst ins Meer gewo werden wird. Der Redner versicherte, daß dies bald gesch⸗. würde; er rühmte sodann Liman Pascha, namentlich seine Pflichi treue und Ritterlichkeit, und schlug schließlich vor, an Liman Pascha und die anderen Kommandanten im Namen der Kammer ein Danktelegramm zu senden. Die Kammer stimmte dem Vorschlag einstimmig zu.
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Sonninos Rede.
Rom, 2 Dez(WTB. Nichtamtlich.)(Ftalienische Kam⸗ mer.) Der Minister des Aeußern Sonnino gab Erklärun,
ab, in denen es u. a. heißt: Der wirksame Beistand der italienis
Waffen ist der ganzen Welt bekannt. Seit Beginn unseres Krieges verspürte man in dem feindlichen Lager den furchtbaren Druck der italienischen Armee, die sich zur Eroberung der natürlichen Grenzen Italiens anschickte. Die Wirksamkeit un⸗ seres militärischen Beistandes erwies sich aufs klarste, als im letz⸗ ten September Oesterreich⸗Ungarn gezwungen war, eiligst be⸗ trächtliche Truppenkörper von Galizien nach den Alpen zu führen und als dieser Umstand die siegreiche Gegenoffen⸗ sive Rußlands in jenem Abschnikte ermöglichte. Dieses ge⸗ meinsame Vorgehen, das während mehrerer Monate sowohl im Kriege als auch in den diplomatischen Verhandlungen befolgt wurde, überzeugte uns von der Notwendigleit, öffentlich und feier⸗ lich Zeugnis abzulegen von der Solidarität, die zwischen den Alli⸗ ierten besteht und die durch das Mittel einer gemeinsamen Er lärung der fünf Mächte, durch welches das zwischen Frankreich. Großbritannien und Rußland am 5. September 1914 getroffene Abkommen, dem sich Japan anschloß, erneuert wurde. Unsere for⸗ melle Beitrittserklärung erfolgte schließlich in London. Dies möge ein Zeugnis sein, das jedermann die Augen öffne. Der formelle Akt unserer Zustimmung wurde schon in London. unterzeichnet.— Die Haltung Griechenlands gab Grund zu Besorgnissen
und Meinungsverschiedenheiten, die im Augenblick eine gewisse Spannung erreichten. Allein die Lage klärte sich. glücklicherweife sehr bald durch einen Notenaustausch. Da Griechenland ohne


