Ausgabe 
(2.12.1915) 284. Zweites Blatt
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284 Sweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme n des Sonntags. DieGießener Familienblätter werden dem

Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gießener?

General⸗Anzeiger für Oberhe

165. Jahrgasg

Staatliche Maßnahmen zur Regelung der Lebensmittelversorgung.

Futtermittel.

Eine kurze Uebersicht über die Futtermittelpolitik der Re⸗ gierung rechtfertigt sich aus der Erwägung heraus, daß für unsere Nahrungsmittelversorgung, soweit sie kierischer Herkunft ist, Kraft⸗ futtermittel die unerläßliche Voraussetzung sind. Die Intensität der deutschen Viehwirtschaft ruhte zum großen Teil auf aus⸗ ländischer Einfuhr, sie stützte den kapitalistischen Charakter der deutschen Viehzucht. Für rund 1 Milliarde Mark wurde jährlich an Futtermitteln importiert. Der Kriegsausbruch schnitt die Aus⸗ landszufuhr ab, und so war die deutsche Viehwirtschaft auf die deutsche Inlandsproduktion angewiesen; trotzdem ergab die Vieh⸗ zählung vom 1. Dezember 1914 einen normalen Bestand. Nur unter scharfem Rückgriff auf Roggen und Kartoffeln, in teil⸗ weiser Umgehung des Verfütterungsverbotes für diese Produkte, hatte dieser Bestand aufrecht erhalten bleiben können. Unter dem Druck des schnellen Zusammenschwindens der Kartoffel⸗ und Brotgetreidevorräte wurden die Verfütterungsverbote ergänzt und neu eingeschärft. Für den Futtermittelmarkt bedeutete dies eine Verknappung: dieselbe Wirkung hatten die Bestimmungen über schärferes Ausmahlen(Verminderung der Kleie) und die Sicher⸗ stellung des Hafers für die Heeresverwaltung. Die Bereitstellung von zuckerhaltigen Futtermitteln und Futterzucker konnte den Ausfall nicht wett machen. Diese Zustände zeitigten ein Herauf⸗ schnellen der Futtermittelpreise und erzwangen Maßnahmen zur Verminderung der Viehbestände. Eine Organisation der Futter⸗

mittelbeschaffung und Versorgung wurde im Anschluß an die

Berufsvereinigung der deutschen Landwirte eingerichtet. Ihr wurde

der Erwerb und Vertrieb übertragen. Die vorhandenen Bestände,

mit bestimmten Ausnahmen, sollten ihr zu ejnem angemessenen, näher geregelten Preise zugewiesen werden, und von ihr aus sollte die Zuteilung an die Kommunalverbände erfolgen, während diese die Verbraucher zu versehen hätten. Hafer zur Aussaat, und in bestimmtem Umfange als Futtermittel für Einhufer(nach

Bek. vom 31. März auch für andere Vieharten), wurde den Land⸗

wirten belassen. Verschiedene Höchstpreisbestimmungen für Hafer

und andere Futtermittel wurden nach 17% der andauernd

im Fluß befindlichen Verhältnisse abgeändert. Unter Höchstpreis

sestellt und beschlagnahmt wurde ebenfalls Gerste(mit Belassung

r Aussaat, und bestimmter Reservebestände), bei gleichzeitiger Beschränkung des Brauere verbrauchs. n

Der ungünstige Ausfall der Haferernte 1941 veranlaßte neue

Maßnahmen und neue Regelungen, vor allem insofern, als für den

Haferausfall Gerste herangezogen werden mußte. Damit unter⸗

fielen alle vier Getreidearten gleichmäßig der Beschlagnahme und

Bewirtschaftung. Besondere Schwierigkeit bot die Regelung der

e insofern, als sie gleichzeitig menschlichem wie tierischem

Bedarf dient. Den Kommunalverbänden wurde ein Beschlag⸗

nahmerecht auf die Gerstenernte ihres Bezirks eingeräumt. Die

1 seiner Produktion steht dem Landwirt zu beliebiger Ver⸗

ügung

und überweist sie der Zentrale für Heeresverpflegung. Die Reichs⸗ futtermittelstelle(errichtet durch Bek. vom 23. Juli 1915 zur einheitlichen Bewirtschaftung der Futtermittel, ihrer Sicherung und Verteilung) setzt fest, welche gewerblichen Betriebe ein Be⸗ zugsrecht für Gerste erhalten, und gibt dementsprechend Bezugs⸗ scheine aus. Um den Belauf der Bezugsscheine, des Saatgutes und des Saatgetreides mindert sich die Gerstenmenge, die der Kommu⸗ nalverband an die Zentralstelle für Heerespflege abzuliefern hat.

Neuere ne e befassen sich mit der Regelung zuckerhaltiger

Futtermittel und der Festsetzung von Höchstpreisen für eine Reihe

3 von Futtermitteln. g

5 Mit all diesen Maßnahmen Höchstpreise, Organisationen, Verbrauchsbestimmungen, Streckung sind die Grundlinien der 5 Jauttermittelpolitik festgelegt. Es überschreitet den Macht⸗

1 bereich staatlichen Eingreifens, die Knappheit zu beseiti⸗ 1 gen. Was an erreichbaren Zielen vorhanden ist, ist in Angriff

genommen worden, siehe unten die mustergültige Regelung der Balkanfuttermitteleinfuhr), und das sind die Probleme der Ver⸗ teilung und Preisregelung. Bei den unaufhörlichen. unvermeid⸗ 1 lichen Fluktuationen des Futtermittelmarktes verschuldet durch Ernteausfall, Witterung, Jahreszeit und den Verschiebungen auf korrespondierenden Märkten Nahrungsmittelmarkt, Vieh⸗ bestand, Markt der Schlempe und Melasse ergab sich notwendig ein gewisser Spielraum für das gesetzliche Eingreifen und seinen Ersolg, und damit ein Herantasten an die erreichbare, zweckmäßige

frei, die andere Hälfte übernimmt der Kommunalverband, S

Sibirien.

Von G. von Lessen. 8 Es wurde unlängst berichtet, daß sämtliche in russische Kriegs⸗

gefangenschaft geratene Deutsche und Deutschösterreicher nach Ost⸗ sibirien übe hrt werden sollen, und W. T. B. fügte hinzu, daß durch d Wechsel des Ortes nicht unbedingt eine Ver⸗ schlechterung der Lage der Gefangenen bedingt sei. Die der Mel⸗ dung beigefügte Bemerkung klingt ja gewiß beruhigend, aber welch furchtbaren Klang hat doch das Wort Sibirien für das Ohr eines eden der dort seine Angehörigen in Gefangenschaft weiß. End⸗ lose Schnee- und Eiswüsten, Bleibergwerke voll giftgeschwängerter Luft, Knuten, Kosaken treten vor das geistige Auge, wenn des Landes gedacht wird, das dem Zarismus seit Jahrhunderten dazu dient, seine Feinde, ohne deren Blut zu vergießen, aus der Zahl der Lebenden ausscheiden zu lassen. Sogar im europäischen Ruß⸗ land antwortet der Teilnehmer irgend eines schweren Straf⸗ verfahrens auf die Frage von Personen, die nicht der Zeugen⸗ handlung beiwohnten, ob der Angeklagte zum Tode verurteilt sei: Ja, aber zum qualvollsten. Das heißt: Auf mehrere Jahre ee Bergwerk ist erkannt worden.

Der Ruf Sibiriens, der Ort des Schreckens zu sein, liegt darin begründet, daß es seit seiner Eroberung unter Iwan dem Schrecklichen 1582 durch den Kosakenataman Jermak der übrigens als Belohnung einen Pelz von der Schulter des Zaren geschenkt erhielt immer eigentlich nur als Verbannungsstelle diente. Und da nun der Ort des Strafvollzuges besonders natürlich noch, wenn er der von Väterchens Regierung dazu auserkorene ist sich selbstverständlich nie starker Neigung er⸗

freut, so ist die Entstehung des vernichtenden Urteils über die Lebensbedingungen der asiatischen Besitzung Rußlands erklärlich. Aber auch einer der zahlreichen, immer vor beabsichtigter Auf⸗ nahme von Geld im Auslande unternommenen, meist aber miß⸗ glückten Versuche des Zarismus, sich in ein 5 1 5 Licht dort zu setzen, hat nur den Erfolg gehabt, viele Schauermären über Sibirien entstehen zu lassen. Es war so vor dreißig Jahren, da berief die Petersburger Regierung einen als äußerst schreib⸗ gewandt bekannten Angehörigen des Landes, das heute unseren Feinden die Munition liefert. Dieser Mann sollte durch sein laut vor aller Welt abgegebenes Zeugnis Väterchens Beamten⸗ schaft von dem peinlichen Vorwurf der grausamen Gefangenen⸗ behandlung weißwaschen. Als freier Bürger verlangte der Mann Einsicht in alles und, um seine Unabhängigkeit später besser dartun zu können, vor⸗ herige Regelung der Auslagen. Da nun der Berufung natürlich eine nach russischer Art vorgenommene, sich bis in die Geheim⸗

sse des Nachtisches erstreckende Prüfung auf Herz und Nieren angegangen war, willigte die Regierung ein. Der Fremd⸗

Gestaltung der Dinge. Das gilt übrigens, vielleicht nicht ganz so ausgeprägt, für alles gesetzliche Eingreifen auf wirtschaft⸗ lichem Gebiet. In der kapitalistischen Verkehrswirtschaft gibt es eben keinen isolierten, im Wirkungsbereich von vornherein be⸗ rechenbaren Eingriff. Jede Regelung zieht notwendig Verschiebun⸗ gen, und damit Neuregelungen anderer Art nach sich. Auf dieses charakteristische Moment aller staatlichen Wirtschaftspolitik soll in einem Schlußaufsatz näher eingegangen werden.

Aus dem Reiche.

Der Kriegsgewinnsteuerplan im Haushaltsausschuß.

Berlin, 1. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) Der Haushalts⸗ ausschuß des Reichstages hat den Gesetzentwurf über die Kriegsabgaben der Reichsbank mit einem Zentrums⸗ antrag angenommen, den Reingewinn aus den Jahren 1915 und 1916 statt zur Hälfte zu Dreivierteln dem Reiche zuzuweisen.

Auf die Anregung eines Redners der Fortschrittlichen Volks⸗ partei, den Gesetzentwurf über die Besteuerung von Einzelpersonen zur Erfassung der Kriegsgewinne im Februar oder März dem Reichstage vorzulegen, erwiderte der Stgatssekretär, er glaube, mit Sicherheit die Vorlage bis zu diesem Zeitpunkte in Aussicht stellen zu können. Er denke nicht an eine rohe und brutale Steuer, nach der einfach in allen Fällen 50 Prozent vom Ge⸗ winn genommen werden sollen. sollen berücksichtigt werden.

Berlin, 1. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) DemVor⸗ wärts zufolge beschloß die sozialdemokratische Reichstagsfraktion, im Reichstag folgende An⸗ frage einzubringen: Ist der Reichskanzler bereit, Auskunft darüber zu geben, unter welchen Bedingungen er geneigt ist, in Friedensverhandlungen einzutreten..

Mannheim, 1. Dez.(Priv.⸗Tel.) In ganz Baden ist lautN. Bad. Landesztg. eine Bierpreiserhöhung von 4 Mark pro Hektoliter in Kraft getreten. Es ist dies die zweite seit Kriegsbeginn. Die erste betrug 3.50 Mark pro Hektoliter.

Kirche und Schule.

Lehrerkonferenz. 5

w. Gießen, 1. Dez. Unter dem Vorsitz des Kreisschulinspek⸗ tors Professor Dr. Alles fand heute im Saale des Hotels Groß⸗ herzog die Lehrerkonferenz der Bezirke Gießen⸗Land, Grünberg und Hungen statt. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung, indem er den im Felde stehenden, sowie den für das Vaterland gefalle⸗ nen Lehrern ehrende Worte der Anerkennung und Dankbarkeit wid⸗ mete, worauf sich die Anwesenden zu ihrer Ehrung von den Plätzen erhoben. Das von dem Schriftführer erstattete Protokoll der vori⸗ gen Versammlung wurde anstandslos genehmigt. Grüns⸗Reiskir⸗ chen sprach dann in längerem Vortrag überKrieg und chule. Den inhaltsreichen Ausführungen sei entnommen: Der uns durch unsere Nachbarn aufgedrängte Krieg, so schwer er in das Leben des Einzelnen auch eingreift, und so viel Jammer und Elend er auch über die Völker bringt, hat uns doch in vielfacher Be⸗ ziehung die Augen geöffnet und dementsprechende Fingerzeige für die Zukunft gegeben, an denen die Schule nicht achtlos vorbeigehen darf. Wenn es auch richtig ist, daß unsere Schule einen nicht ge⸗ ringen Anteil hat, ein Geschlecht mit erziehen zu helfen, das an Mut und Tapferkeit an das Ertragem von Entbehrungen und Leiden jeder Art seinesgleichen in der Weltgeschichte nicht hat, so traten doch in den letzten Zeiten Erscheinungen zutage, die jedem Freund unseres Volkes Stoff zu tiefem Nachdenken geben mußten. Eine durchaus verkehrte, den wirklichen Tatsachen durchaus nicht ent⸗ sprechende Friedensschwärmerei, verbunden mit einer lächerlichen Nachäffung fremden Wesens hatte vielfach Platz gegriffen. Die Vergnügungssucht hatte einen recht bedenklichen Grad erreicht, und die Erziehung in Schule und Haus stand im Begriff, von Ver⸗

eisernem Besen Kehraus gemacht. Er hat gezeigt, daß Disziplin, Unterordnung, Autorität, Abhärtung und Selbstbeherrschung keine überflüssigen Dinge, sondern Notwendigkeit sind, und weil eben der Krieg ein notwendiges Uebel bleiben wird, ist es nötig, diese Tat⸗ sache bei der Erziehung zu berückfsichtigen. Echt deutsch und einfach muß die Erziehung unseres Volkes werden. Eine Jugendpflege un⸗ serer gesamten Jugend muß einsetzen. An den Taten unserer Helden muß die Jugend Kraft schöpfen. Unsere Verwundeten und Toten

ling reiste also ab, besichtigte wenig, ließ sich überall durch die Gouverneure und sonstigen höheren Vertreter Väterchens wunder⸗ voll aufnehmen und schrieb, in die Heimat zurückgekehrt, ein Buch, das zwar durch die Schilderung frech erfundener Greuel⸗ taten die Empörung aller Kenner Sibiriens entfesselte, aber in der ganzen Welt gelesen, in viele, übrigens auch die rus⸗ sische Sprache, übersetzt wurde, dem Verfasser ein Riesenvermögen einbrachte. Aber nicht nur die Wahl als Strafort und der, fast kindisch möchte man sagen, anmutende Versuch der Regierung, sich in ein besseres Licht zu setzen, hat Sibiriens Ruf zu einem äußerst schlechten gemacht, sondern die Tatsache, daß alles, was dies Land betrifft, mit einem Schleier des Geheimnisses umgeben wird, vermehrt das Grauen noch. Das Reisen dorthin ist er⸗ schwert, ebenso der Aufenthalt, zudem ist das Gebiet noch wenig erschlossen. Unklarheit herrscht überall und natürlich sagen sich die Leute: wo eine solche aufrecht erhalten wird, muß es viel zu verbergen geben.

Selbstverständlich nun soll nicht etwa behauptet werden, daß alles, was von den Schrecken Sibiriens erzählt wird, glatt er⸗ funden ist. So herrscht im Norden des Landes wirklich das Grauen. Hunderte und abermals Hunderte von Meilen zieht sich dort die Tundra, ein mit Moos bewachsenes Moor, hin, ge⸗ ziert durch verkrüppelte Bäume, die, obgleich uralt, kaum die Höhe eines Mannes erreichen. Meterhoch lagert im langen Winter der Schnee, ist das Spielzeug des nie zur Ruhe kommenden Nordwindes. Auch die Bergwerke Sibiriens sind voller Schrecken. Der zu ihnen Verurteilte ist nach russischem Gesetz jedes Rechtes entkleidet. Deshalb muß er es dulden, daß man ihn an den Karren schmiedet, dazu noch die schwere Kette mit der Kugel am Fuße nachschleifen läßt. Auch gegen die Schimpfworte und Schläge der entmenschten Wärter ist der Unglückliche aus dem gleichen Grunde machtlos. Ihm bringt nur der Tod, der meist schon nach ein paar Jahren eintritt, Befreiung. Im Süden Si⸗ biriens herrscht hingegen im Gegensatz zu diesen Schrecken des Eisgebiets und der menschlichen Roheit tropische Pracht; nur with Bild zu geben, der Tiger kommt dort vor, der Tee wa a. a

Doch das alles bezieht sich ja, Gott sei Dank, nicht auf unsere Stammesgenossen, weder der Norden des Landes, noch die Bergwerke, auch nicht des Südens tropische Hitze sind ihr Teil. Wo die Kriegsgefangenen hausen, herrscht ein gutes Klima und Ueberfluß an allem. Eier und Butter z. B. sind da so billig, daß trotz der hohen Fracht, die der auf die Eisenbahn an⸗ gewiesene Transport von dort bis zu uns kostet, sie sich doch noch wohlfeiler stellen, als die von uns erzeugten. Auch Korn, Ge⸗

müse, Fleisch, von Holz gar nicht erst zu reden, das gleiche Bild. Und durch die Weltenlage, die der Krieg e ver⸗

nzeiger

ssen

Die verschiedenen Verhältnisse

weichlichung angekränkelt zu werden. Da hat denn der Krieg mit

Donnerstag, 2. Dezember 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ·

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

ehen und stehen uns nahe, Das sind Vorbilder für unsere 1 8 5 9 Krieg hat Schüler und Lehrer einander näher ge⸗ bracht. Versäume darum der Lehrer nicht, die Zeit in richtiger Wür⸗ digung der großen Ideale des Vaterlandes aulszunützen! Denn die Erhöhung unserer Volkskraft, das muß das Ziel aller unserer Bestrebungen sein. Es gilt um nichts Geringeres als um den Besland des Reichs. Die dem Vortrag folgende Aussprache brachle keine neuen Punkte. Nach verschiedenen Mitteilungen schloß der Vorsitzende die Tagung.

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Aus Stadt und Land. 1 Gießen, 2. Dezember 1915. a Eröffnung der Bahnstrecke Haiger⸗Siegen. 155

Trotz des Krieges kann Deutschland es sich leisten, an seinen Kulturaufgaben im Innern des Landes weiter zu ar⸗

beiten. Das beweist auch die Fertigstellung des neuen Bah n⸗ zweiges von Haiger nach Siegen, von dem in

Nr. 282 desGieß. Anz. bereits Einzelheiten mitgeteilt wurden. Gestern konnte der neue Bahnzweig dem Betrieb übergeben werden. Zur Eröffnung fand eine Festfahrt statt, wozu die Eisenbahndirektion Elberfeld einen Sonderzug gestellt hatte. Eine große Zahl von Festgästen nahm daran teil, darunter die Regierungspräsidenten von Bake Arnsberg und Dr. von Meister⸗ Wiesbaden, sowie die beiden Eisen? bahnpräsidenten von Frankfurt und Elberfeld. Um ½10 Uhr fuhr der Festzug reich geschmückt von Kreuzthal ab. Auf 7 den einzelnen Stationen wurde unter dem Jubel der Be. völkerung Halt gemacht, wobei die üblichen Begrüßungsakte erfolgten. Die neuen Bahnhöfe, die hübsch dem Landschafts⸗ bilde angepaßt sind, trugen Festschmuck. Kurz nach 12 Uhr lief der Zug in Haiger ein In dem neuen prächtigen Bahn⸗ hof hielt zunächst Regierungsbaumeister Pirath⸗Siegen einen Vortrag über die Geschichte der neuen Bahn, die schon vor 25 Jahren geplant war. Die allgemeinen Vorarbeiten begannen 1907. Für den Erwerb des Bodens wurden 21 Millionen verausgabt. Mit dem 1. April sollte die Strecke 1 bereits vollendet sein, aber der Krieg brachte eine große Hemmung. Vor Beginn des Krieges waren 3000 Arbeiter beschäftigt, in letzter Zeit nur noch 500. Große Kosten ver⸗ ursachte der Bau im Weißbachtal. Es mußten 51 Brücken angelegt werden. 0 g ö 8 5 Von den drei großen Tunnels hat eins eine Länge a von 2651 Meter und ist somit der viertgrößte in Deutsch⸗ land; er kostet 6 Millionen Mark. Die ganze Strecke, die 30,5 Kilometer lang ist, erheischte in ganzer Summe einen Kostenaufwand von 30,6 Millionen Mark und ist als zwei⸗ gleisige Hauptbahn angelegt und wie Referent Piroth ausführte, hauptsächlich zur Entlastung der Rheinstrecken und zu einer schnelleren Verbindung von Nord⸗ und Süd⸗ deutschland bestimmt. Die neue Linie, die eine Kürzung von 27 Klm. gegen bisher bedeutet, verbindet im besonderen das alte Nassauerländchen mit Westfalen und liegt im Bereiche der beiden Eisenbahndirektionen Frankfurt und Elberfeld. Folgende Stationen werden in Zukunft im Reichs⸗ kursbuch neu zu finden sein: Rodenbach, Dillbrecht, Ruders⸗ dorf, Niederdielfen und Siegen⸗Ost. Wir haben es mit einer malerischen Gebirgsbahn zu tun, durch die schöne Punkte 0 des Siegerlandes erschlossen werden. 1 An den Vortrag schloß sich ein gemeinsames Früh⸗ st ü ck im Wartesaal an, gegeben von der Handelskammer Dillenburg und der Stadt Haiger. Nach der Rückfahrt war Festessen in Siegen, veranstaltet von der dortigen Handels⸗ kammer. Kommerzienrat Klein brachte das Kaiserhoch aus.

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Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.) 0 Ersatz⸗Res. Joh. Heinr. Fend, Landw.⸗Inf-Rg., 118, aus Schlitz. Landsturmmann Louis Römer aus Langd. Musk. Heinrich Mohn aus Himbach. Landsturmrekrut Aug. Lenz aus Effolderbach. Ers.⸗Res. Heinr. Hormann, Inf.⸗Rgt. 99, aus Beltershain. Grenadier Erich Gold schmidt, Kaiser Alexander⸗Garde-Gren.-Rat. Nr. 1, aus Wetzlar Ers.⸗Res. Otlo

kommt der ganze Reichtum, denn die Ausfuhr ist abgeschnitten. So unbegreiflich ist es also nicht und braucht auch keine Be⸗ fürchtungen hervorzurufen, daß die Kriegsgefangenen an einen 11 18 werden, wo ihre Verpflegung ohne jede Opfer durch⸗ ührbar ist. 8 1

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Ostpreußen das biblische Paradies.

Abenteurer und Gelehrte haben das Sehnsuchtsland der Mensch⸗ heit, dasverlorene Paradies, in den fernsten Weltgegenden und Erdteilen gesucht, keiner hat es so in nächster Nähe gefunden, wie weiland Doktor der Gottesgelahrtheit Johann Gott⸗ fried Hasse, Konsistorialrat und Professor zu Königsberg. Er hat den Garten Eden der Bibel in dem so lange geringgeachteten Ostpreußen entdeckt und im Jahre des Heils 1799 ein gelehrtes Werk ans Licht der Oeffentlichkeit treten lassen, in dem er einen umständlichen Beweis für diese seine Behauptung zu erbringen sucht. Das heute sehr seltene, in der Königsberger Stadtbibliothek be⸗ findliche Buch bietet so viel Kuriositätsinteresse, das wir von der barocken Zitatenweisheit des alten Herrn Einiges mitteilen wol⸗ len.Preußens Ansprüche, als Bernsteinland das Paradies der Alten und Urland der Menschheit gewesen zu seyn; aus bib⸗ lischen, griechischen und lateinischen Schriftstellern gemeinver⸗ ständlich erwiesen, ist es betitelt, betont also gleich, daß hier der Bernstein der Wegweiser zum Paradies werden soll.Er gleicht einem Leuchtturm für das dunkle Meer der Vor⸗ und Urwelt, mit dessen Hülfe man auch an die Wiege der Menschheit tre⸗ ten und das Urland, wo sie auftrat, erblicken kann. Letzteres sucht gegenwärtige Schrift aus der Bibel und dem ganzen Alter⸗ tum zu erweisen. Gelingt es ihr, so ist die Bernsteinküste eine durch ihr graues Alter heilige Stätte, so verdienen die Bernstein⸗ gräbereien Wallfahrten, und alle Reste des Bernsteins sind kost⸗ barere Reliquien, als alle Gebeine der Kirchenheiligen. Es be⸗ ginne nur diese Untersuchung kühl und unbefangen; und man habe nicht den Naturforscher und Chemiker, sondern den Geschichts⸗ forscher und Erklärer der Alten bei Lesung derselben vor Augen! DenBernsteinbaum, dessen Harz dasGold des Nordens ist, schildert der Konsistorialrat als einen Baum, größer als alle bekannten Bäume der Erde, dessen Holzkeine Rinde, kein Mark, keine Aeste, keine Knoten hatte, dessen Früchte Nüsse mit Scha⸗

F

len, ähnlich wie die der Mandeln, waren. Die Gegend, in der es so einzigartige schöne Bäume gab, muß nun das Paradies ge⸗ wesen sein. Das Wachstum so herrlicher Bäun zt Tropen⸗

wärme, also ein paradiesisches Klima, voraus. Dieser Bernstein⸗ baum war der Lebensbaum im Garten Eden, denn sein Harz zbesitzt eine so große elektrische Kraft, daß davon die Elektrizität selbst den Namen bat(Elektron griechisch= Bernstein.)Die elektrische Kraft ist aber die größte Lebenskraft für den tierischen

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