Ausgabe 
(22.11.1915) 275. Erstes Blatt
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116
 
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275

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Montag, 22. November 1015

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Novpipazar besetzt. Ein neuer Balkanbund?

(WB.) Großes Hauptquartier, 20. Nov.

(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplaßtz.

Feindliche Monitore, die Westende beschossen,

zogen sich vor dem Feuer unserer Küstenbatterien wieder]!

zurück. An der Front stellenweise lebhafte Artillerie-, Minen⸗ und Handgranatenkämpfe.

Oestlicher Kriegsschauplatz. Keine wesentlichen Ereignisse.

Balkan⸗Kriegsschauplatz. Nova Varos, Sjenica und Raska sind besetzt, im Ibartale ist Dren, östlich des Kopgonik ist Prepolac erreicht. Zweitausendachthundert Serben wurden gefangen genommen, vier Geschütze wurden erbeutet.

Oberste Heeres leitung. (WTB.) Großes Hauptquartier, 21. November.

(Amtlich.) 5. ö Westlicher Kriegsschauplatz.

An der Bahn Npern Zonnebeke gelang eine größere Sprengung unserer Truppen in der feindlichen Stel⸗ lung. Französische Sprengungen südüstlich von Souchez und bei Combres hatten keinen Erfolg. Bei Souchez kamen wir den Franzosen in der Besetzung des Sprengtrichters zuvor und behaupteten ihn gegen einen Angriffsversuch.

Auf der übrigen Front an verschiedenen Stellen lebhafte Feuerkämpfe. 5

Unsere Flugzeuge warfen auf die Bahnanlagen von Poperinghe und Furnes eine größere Zahl Bomben ab; es wurden Treffer beobachtet.

*

Derenglische Oberbefehlshaber sagt in seinem Bericht vom 15. Oktober über unseren Angriff südwestlich von Loos am 8. Oktober, daß nach zuverlüssigen Schätzungen Jachttausend bis neuntausend gefallene Deutsche vor der eng⸗ lisch⸗französischen Stellung gelegen hätten. Diese Behaup⸗ tung istfreie Erfindung. Unser Gesamtverlust an Ge⸗ fallenen, Vermißten und an ihrer Verwundung Erlegenen betrug siebenhundertdreiundsechzig Mann.

Oestlicher Kriegsschauplatz. Die Lage ist im allgemeinen unverändert.

Balkan⸗Kriegsschauplatz.

Deutsche Truppen der Armee des Generals v. veß haben Nobibazar besetzt. Die Armee des Generals v. Gallwitz und der rechte Flügel der Armee des Generals Bojadjieff kämpfen um den Austritt in das Lab⸗Tal nördlich von Pristina.

Die Zahl der am 19. November gefangen genommenen Serben erhöht sich auf dreitausendachthundert, gestern wurden über viertausend vierhundert Mann gefangen genommen.

Oberste Heeresleitung.

. Der feindliche Vierverband muß zusehen, wie das letzte Stück Altserbiens von den Zentralmächten und Bulgarien erobert worden ist und wie dem König Peter das Wasser bis an den Hals steigt. Aber auch diplomatisch haben die Feinde das letzte Pulber verschossen. Es haben so viele Konferenzen in London und Paris stattgefunden, und auch Italien soll, nach einer Pressemeldung, künftig ständig zu den Beratungen herangezogen werden, obgleich es von den gemeinsamen Zielen und Schritten nicht viel wissen will und in großen orgen sich lediglich bemüht, das Nächstliegende zu voll⸗ bringen, den Habsburger Feind unterzukriegen. Es ist aber zu vermuten, daß es mit der Einigkeit auch zwischen Franzosen und Engländern nicht weit her ist. Von Albion wird zuviel Komödie gespielt, und man weiß nie recht, ob es bei einem in Angriff genommenen Unternehmen auch mit dem rechten Ernste dabei ist. Jedenfalls waren in Saloniki die e zuerst an der Front und ihre Führer haben sich als die Antreiber der vorsichtigen britischen Truppen erwie⸗ sen. Heute freilich scheint sich in Frankreich ein Umschlag zu vollziehen. Es heißt, in der letzten französischen Senatssitzung seien Meinungen laut geworden, das Abenteuer in Saloniki ganz aufzugeben. In London hat man noch einmal die diplo⸗ matischen Backen voll genommen. Kitchener war in Athen und hat dort wohl auch militärische Ueberzeugungsgründe geltend gemacht. Dann ist er in Saloniki gewesen, aber nicht dort geblieben! Man darf seine Mission in Griechen⸗ land als gescheitert betrachten. Es mehren sich die Gerüchte, daß Griechenland mit dem Herzen auf der Seite der Zentral⸗ mächte steht. Denn nur so erklärt sich die Nachricht, es solle von England fortan wirtschaftlich blockiert werden. Es heißt aber auch ferner, daß zwischen Bulgarien, Griechenland und Rumänien in kürzester Zeit ein neues Balkanbündnis zu⸗ stande kommen werde. Zu diesem Bündnis habe Rumänien die Initiative gegeben, und Bulgarien und Griechenland hätten gerne eingewilligt. Die Verhandlungen dauerten zur⸗ zeit in Sofia noch fort. Diese Mitteilung derVoss. Ztg. steht in Uebereinstimmung mit einer Meldung derFrankf. Ztg. aus Sofia, wonach einer der bulgarischen Minister folgende Erklärung abgegeben haben soll: Wir stehen vor der Vernichtung Serbiens. Eine wichtige 5 wird die Einmischung Griechenlands an der Scite der entralmächte sein. Zur Verwirklichung der griechischen nationalen

Ansprüche ist diese ie bedeutungsvoll, da eine teilweise Besetzung der albanischen Küste durch griechische Truppen die Pläne des Vierverbandes auf dem Balkan unmöglich macht. Alle Hoffnungen auf eine Besserung der Lage des Vierverbandes sind gescheitert. Nach der erneuten Neutralitätserklärung tumäniens gegenüber Bulgarien unter der Berücksichtigung, daß Rußland über keine Truppen für den Balkan verfügt, und daß ein neues Kabinett mit dem Freunde der Zentralmächte, Carp, gebildet wird, werden die Beziehungen zwischen beiden Staaten keine Verschlechterungen erfahren.

Jedenfalls hat sich die militärische Lage auf dem serbischen Kriegsschauplatz für dieEntente so ungünstig als möglich gestaltet. Die Festung Novipazar, die Haupt⸗ stadt des ehemaligen Sandschak, ist in die Hände unserer siegreichen Truppen gefallen. Das serbische Heer im Nord⸗ westen wird in die Berge Montenegros gedrückt und von jeg⸗ licher Verbindung mit den englischen und französischen Hel⸗ fern und seinen eigenen Streikkräften im Süden des Landes abgeschnitten. Während die Armee Koeveß schon dicht bis an den größeren Teil der montenegrinischen Grenze heran⸗ geschoben worden ist, hat sich die Armee Gallwitz bei ihrem Vormarsch von Kursumlje her bereits Pristina soweit ge⸗ nähert, daß sie in Fühlung mit dem rechten Flügel der Armee Bojadjieff um den Austritt aus dem Gebirge in das Labtal nördlich jener Stadt kämpft. Ueber die bisherigen Kriegserfolge, die völlige Eroberung Serbiens, stellt einer unserer Mitarbeiter folgende Betrachtungen an:

Unter Altserbien versteht man ein Gebiet von 48 303 Quadrat- kilometern mit rund 3 Millionen Einwohnern. der Rest, der noch zu besetzen wäre, ist nicht etwaganz Neuserbien, sondern nur ein Streifen jener Gebiete, die Serbien in den letzten Balkankriegen er⸗ raffte. Will man sich wirklich auf dieser letzten, abgebröckelten Scholle halten? Will man es im serbischen Hauptquartier auf den alleräußersten Vernichtungskrieg ankommen lassen? Die Gefangenen der Deutschen und Bulgaren, die Ueberläufer, die nach Montenegro entkommen, erzählen schaudernd, in welchem Zustand sich dasstolze, von Mütterchen Rußland einst so reich ausgestattete Serbenheer befindet, wie der Hunger wütet, wie die Witterungsverhältnisse einen geordneten Rückmarsch un⸗ möglich machen, wie diese Armee sich in verirrte Kolonnen und die Kolonnen sich in kopflose Haufen auflösen. Man hat die Bevöl⸗ kerung Altserbiens überall bis zum letzten Augenblick in der sicheren Hoffnung gelassen, daß die Gegner nicht über Nisch und Uesküb hinauskommen werden, daß Boden und Wetter Halt ge⸗ bieten und daß Hunderttausende von Ententetruppen aus Saloniki den kühnen Angreifern rechtzeitig in die Flanke fallen und Serbien wieder rasch befreien werden. Aus den Hundert⸗ tausenden von Engländern und Franzosen, die angeblich zu Hilfe eilen, sind rund und richtig achtzigtausend geworden. Mehr sind

auf keinen Fall bis heute in Saloniki gelandet und wieviel sind bis vor die bulgarische Front ge⸗ kommen? Eine Hoffnung nach der andern bricht zusammen.

Noch lockt der Vierverband zu einem letzten Totentanz in Mon⸗ tenegro und Albanien. Ein Winterfeldzug großen Stils auf dem Balkan wird in großsprecherischer Weise angekündigt. Man solle nur noch ein wenig warten, bis die nötigen Kräfte vollständig konzentriert seien. Der serbischen Armee werde die Rolle zufallen, die künftige Offensive von Skutari und Durazzo aus zu unterstützen. Ist es menschenmöglich, daß man mit sol⸗ chen Versprechungen noch krebsen geht? Ist es denkbar, daß mit solcher Windbeutelei ein ernster, furchtbarer Kampf hinausgezogen wird, der notwendigerweise nur zu immer neuen größeren Vor⸗ teilen des Gegners führen muß? Daß Kitchener und Denys⸗ Cochin in Athen ihre letzten Minen voraussichtlich ganz ver⸗ geblich springen lassen, ist noch verständlich. Aber eine mili⸗ tärische Entscheidung auf montenegrinischem oder albanischem Bo⸗ den herbeiführen zu wollen, erscheint als Gipfel jenes törichten Dilettantismus, der die Kriegführung Churchills und seiner Nach⸗ solger so ehrend auszeichnet.

* 1*

Die österreichisch⸗ungarischen Tagesberichte.

Wien, 20. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 20. November 1915..

Russischer Kriegsschauplatz. Bei der Armee des Erzherzogs Josef Ferdinand wurde nordwestlich von Oly ka ein russischer Angriff abgeschlagen. Sonst nichts Neues.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Kämpfe im Görzischen dauern fort. Der Brückenkopf von Görz wurde wieder an mehreren Stellen vergeblich angegriffen, die Stadt eine Stunde lebhaft, dann müßig beschossen.

Im Nordteil der Hochflüche von Doberdo erneuerte der Feind seine Vorstöße mit starken Kräften sowohl gegen unsere Stellungen am Nordhang des Monte San Michele, als auch gegen den Abschnitt von San Martino. Mehrfach kam es zum Handgemenge. Die Italiener wurden überall zurückgeschlagen; unsere Kampflinie ist nach wie vor in unseren Händen. Dasselbe gilt auch von unseren Stellun⸗ gen bei Zagora, wo der Gegner nächst der Straßensperre eindrang, in erbittertem Nahkampf aber wieder vollständig vertrieben wurde. Unsere Flieger bedachten Verona, Vicenza, Tricesimo, Udine und Cervignano mit Bomben.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Die Armee des Generals der Infanterie v. veß hat Nova Varos besetzt und die Linie Sjenica Dugapol⸗ janoRaska überschritten. Südöstlich von Raska nahm eine k. und k. Brigade zweitausend Serben gefangen.

Die deutschen Truppen des Generals v. Gallwitz kämpften südlich des Prepolac⸗Sattels, die Armee des Ge⸗ nerals v. Bojadjieff im Gebiete von Goljak Planina. Der Feind wurde fonst gestern durch die Waffen der drei

verbündeten Heere vom letzten Stück altserbischen Bodens vertrieben. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Wien, 21. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 21. November 1915.

Russischer Kriegsschauplatz. Im Wolhhnischen und am Styr stellenweise Ge⸗ schützfeuer, wobei die Russen Gasbomben verwenden. Sonst keine besonderen Ereignisse.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Italiener haben neuerdings Streitkräfte von der Tiroler Front ins Görzische gebracht. Unter Einsatz solcher Verstärkungen greift der Feind den ganzen Görzer Brückenkopf neuerlich an. Vor dem Monte Sabotino brachen mehrere Vorstöße in unserem Feuer zusammen. Im Abschnitte von Oslavija gelang es dem Gegner, in unsere Verteidigungslinie einzudringen. Ein Gegenangriff brachte jedoch diese Stellung mit Ausnahme einer Kuppe nordöstlich des Ortes, um die noch gekämpft wird, wieder in unseren Besitz. Drei feindliche Vorstöße gegen Pevma mißlangen unter schweren Verlusten. Besonders heftige Angriffe waren auch diesmal gegen die Podgora gerichtet. Auch hier wurden die Italiener blutig abgewiesen. Der Raum beider⸗ seits des Monte San Michele stand unter starkem Ar⸗

tilleriefeuer. Nachmittags gingen am Nordhange des Berges bedeutende feindliche Kräfte vor. Der Angriff scheiterte in

unserem Kreuzfeuer. Das gleiche Schicksal hatten mehrere Vorstöße gegen den Abschnitt von San Martino und nördlich des Görzer Brückenkopfes gegen die Straßen⸗ sperre bei Zagora. In Tirol schlugen die Verteidiger des Col di Lana zwei italienische Angriffe auf die Spitze dieses Berges ab..

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Eine österreichisch⸗ungarische Kraftgruppe erzwang sich 1 von Cajnica eingenisteten Monte⸗

gegenüber den nördlich negrinern den Uebergang über die obere Drina. Novi⸗ bazar wurde von deutschen Truppen besetzt. Oestlich davon warf im Ibar⸗Tal eine österreichisch⸗ungarische Kolonne den Feind zurück. Die Zahl der in diesem Raum gestern ein⸗ gebrachten Gefangenen übersteigt 2000. An den Eingäugen des Amselfeldes wird heftig gekämpft.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

***

Lord Kitchener in Athen und Saloniki.

Athen, 20. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Lord Kitchener ist hier angekom⸗ men und besuchte in Begleitung des britischen Gesandten den König. Die Audienz dauerte über eine Stunde. Später besuchte Kitchener den Ministerpräsidenten Skuludis. Heute abend reiste Kitchener wieder von Athen ab.

Lyon, 20. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) WieProgrés aus Saloniki meldet, ist Kitchener am Freitag vor⸗ mittag aus Mudros in Saloniki eingetroffen. Er hatte eine Besprechung mit den englischen Generalen. Kitchener reiste wieder ab, ohne ans Land gegangen zu sein.

London, 21. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Das Bureau Reuter meldet aus Athen: Die Unterredung Kitche⸗ ners mit dem Ministerpräsidenten Skuludis dauerte Stunden. Der englische Gesandte wohnte der Unterredung bei. Hierauf wurde ein längerer Minister⸗ rat abgehalten. Kitchener reist am Abend ab, sein Reiseziel ist unbekannt.

Die wirtschaftliche Blockade von Griechenland.

London, 21. Nov. TB. Nichtamtlich.) Den Blättern wird aus Athen gemeldet: Die britische Gesandtschaft teilt mit, daß die Ententemächte die wirtschaftlich und kommerzielle Blockade von Griechenland beschlossen haben.

Alexandria, 21. Nov.(WTB Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die ägyptischen Versicherer weigern sich, griechische Schiffe zu versichern. Die Bankiers verweigern die Ausstellung von Frachtbriefen für griechische Schiffe. Die ägyptische Post nimmt keine Postanweisungen für Griechenland mehr an.

Der serbische Generalstab.

Berlin, 22. Nov. Der serbische Generalstab soll sich nach Genfer Blättermeldungen auf dem Rückzug durch die Berge in Prizrend befinden, wo bereits die Regierung eingetroffen ist.

Zusammenbruch der serbischen Bevölkerung.

Mit dem Fortschreiten des Angriffs der Truppen der Bulgaren und der Zentralmächte beginnt die moralische Widerstandskraft des serbischen Volkes völlig niederzubrechen. Im Morava⸗Tale zeigte sich die Bevölkerung demütig und arbeitswillig, keine Spur mehr von Haß und Widerspenstig⸗ keit. Die zahlreichen Gefangenen bedürfen nur weniger Be⸗ gleitmannschaften; so wurden z. B. 500 gefangene Serben von 6 Dragonern geleitet. Mit der Witterung, Unterkunft und Verpflegung sind unsere deutschen Truppen zufrieden. Die größten Schwierigkeiten bereiten die grundlosen Wege, die namentlich an die Gespanne außerordentliche Anforde⸗ rungen stellen.(Aus einem Feldpostbrief vom 11. November aus der Gegend von Jagodina.)

3b.