1 g 8 0 Nr. 274 Erstes Blatt Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags.— Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Familienblätter; weimal wöchentl. Kreis⸗ latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche Feitfragen JFernsprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsstelleß1 Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Abend vorher.
165. Jahrgang
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5 schriftleiter: Aug. Goetz.
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und druckerei: Schulstr. 7.
Samstag, 20. November 1915
Bezugspreis: monatl. 85 Pf., viertel⸗
Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen.
Die österreichisch⸗ ungarischen Truppen im Sandschat eingerückt. Die Bulgaren vor Albanien.
An die Hinterbliebenen der Gefallenen.
Gießen, 20. November.
Herrlich und ans Wunderbare grenzend sind die Taten unserer Heere, aber in diesen zurückliegenden 15 Monaten blutigen Ringens hat kein Siegestaumel je das deutsche Volk gepackt. Denn vor uns liegt zwar, im Schleier unseres Träumens und Sehnens, ein Reich voll Glanz und Macht, aus dem Lärm der Waffen hoheitsvoll sich aufrichtend, aber rückwärts schauen unsere Augen noch zu nah und deutlich den unnennbaren Jammer dieser Zeit. Wildes Vernichten, rauchende Trümmer, weithin auf den Feldern und Straßen, die der Krieg durchschritt— und es war, als wollte er den Erdenrund sich unterwerfen— ein großes Sterben, ein hoff⸗ nungsloses Abwelken blühender Gärten, das die Natur selber erschreckte. Milde Gefühle und Triebe sind abgelöst von rauher Gewalt, hartem Willen, und die Zurückgebliebenen
sind nur stille und traurige Hüter der Lebensquellen von Kultur und Trost, denn die schwarzen Schleier lassen die Hochgesänge verstummen; auch in die freien Tempel der Muse begleitet uns mehr Schatten als Licht. Würde nach sanfter Christensitte es läuten beim Einbetten der vom Tode Heimgeholten, der Glocken eßerner Mund würde unablässig die Tage und die Nächte zu uns sprechen. In einem deut⸗ schen Märchen heißt es, ein Riese habe einmal den Tod im Kampfe niedergerungen, aber er sei wieder aufgerichtet wor⸗ den, weil anders die Welt so mit Menschen angefüllt würde, daß sie nicht mehr Platz hätten nebeneinander zu stehen. Der nötige und milde Erlöser ist heute selber zu einem ungebän⸗ digten Riesen geworden, der mit wildem Zorn die Gräber säet in alle Winde. N
Aber heute sollen wir nicht ihm ins verzerrte Angesicht
chauen, dem Tode, n seiner blutigen 5 ickten,„nem Schreckensbannkreis von Vaterhand Ent⸗ a, cen lieben Brüdern und Abgeschiedenen ohne Zahl, d raußen in der Fremde eingebettet sind und doch aus fernen Sphären zu uns herniederschauen und sich zu uns herablassen. Nicht klagend und weinend wollen wir mit ihnen Zwiesprache halten, sondern, wie sie uns verließen, liebend, händedrückend und sie schmückend. Und es ist eine all⸗ gemeine, große Feier, die wir für sie rüsten wollen, die da heute aufsteigen aus ihren Gräbern, sich sammeln zu einem großen Heere, in ihrem feldgrauen Soldatenrocke, mit man⸗ chen Wunden und Gebrechen, auf uns zuwandeln, wie wir sie so oft gesehen beim Durchmarsch oder auf den Bahnhöfen. Wir wollen ihnen das Wiedersehen in der Heimat bereiten, von dem sie sangen, als sie hinauszogen. Anders als sonst ist diesmal dieser Sonntag den Toten geweiht. Ihre Gräber sind weit, aber ihre Liebe kehrt zu uns zurück, und wenn sie in den Hütten und Häusern ihrer Lieben Einkehr gehalten haben, dann weist ihnen das Vaterland die gastlichen und unvergäng⸗ lichen Ehrenquartiere an, an denen Dankbarkeit für alle Zeiten treue Wacht hält.
Ihr Hinterbliebenen habt nicht nur Kränze zu winden. mit Tränen eines geliebten Sohnes, Bruders oder Gatten zu gedenken. Der Tote steht noch unter den Fahnen. Eure Andacht und Liebe gehört auch jenem Ziele, um das mit schweren Opfern gerungen worden ist. Wäre es denkbar, daß, je länger der Krieg dauert, desto mehr um gefallene Helden Trauernde mit dem Schicksal hadern, das die Ab⸗
geschiedenen erlöste, uns aber noch prüft und aneiferte Dann würden sie dem Andenken der Braven die hohe Weihe re Es ist wohl schwer, die Liebe zum Vaterlande mit der Zuneigung zur Familie oder zum Freunde zu ver⸗ gleichen. Obwohl sie seltener ist oder seltener zum Bewußt⸗ sein kommt, so ist sie doch nicht von geringerer Art als diese. Sie nährt sich am wenigsten von selbstsüchtigen Trieben. Sie saßt nicht nach lockend ausgestreckten Händen, lebt auch nicht nur von der Gegenwart. Der vaterländische Gedanke ist echte, treue Liebe, und wie man sie schuldig ist, das haben nicht nur Sänger und Dichter unserer Helden⸗ zeiten uns gesagt, sondern auch so feinsinnige und zart⸗ fühlende Männer wie etwa Hölderlin. Er hat das Vater⸗ land oft voll Inbrunst das„Heilig Duldende“ genannt und einen in der Schlacht gefallenen Jüngling die herrlichen
Worte sprechen lassen:
Wie oft im Lichte dürstet' ich euch zu sehn,
Ihr Helden und ihr Dichter aus alter Zeit!
Nun grüßt ihr freundlich den geringen
i f Fremdling, und brüderlich ist's hier unten. N Und Siegesboten kommen herab: die Schlacht 4 Ist unser. Lebe droben, o Vaterland,
Und zähle nicht die Toten! Dir ist,
Liebes! nicht einer zu viel gefallen.
Ist unser Land und Volk nicht der Schatz, zu dem wir alle sammeln, der uns überdauert und wie kaum etwas anderes unser Leben und Wirken ermuntert? Unser Land war zu oft ein„heilig duldendes“, in dem Sinne wie auch Hölderlin es meint, wenn er auf die Fremden, die von ihm zehren und es doch höhnen, weist und es anruft: „Ost zürnt! ich weinend, daß du immer blöde die eigne Seele leugnest.“ Wüster Schlachtenlärm, grause Verwüstun⸗ gen haben gar oft auf seinen Fluren gelegen. Und doch, wie winnen wir, zurückblickend, in seiner von Sturm und! etter durchbrausten Geschichte die erhebenden Bilder von euem H und Kämpfen! Die Zeit mildert und adelt ecklich Erlebte. Heute liegen noch die
sondern den seiner blutigen Sichel Ent⸗
Schauer des Mordens und Brennens wie lähmend auf uns, und manche Gemüter mögen dabei schwankend werden im Glauben an die Notwendigkeit all dieser Härten. Spätere Zeiten erst werden die ganze Größe dieser Epoche fühlen und ermessen, und deutsches Heldentum wird das Sinnen und Lernen neuer Geschlechter erfüllen. Vielleicht wird dann in den Büchern auch jener englische Lord genannt werden, der im Unterhause uns die„Vergötterung des Staates“ vorgeworfen hat, den wir an die Stelle von Religion und Moral gesetzt hätten! Es gibt auch unsterbliche Lächerlichkeiten. 5
Um die Toten, die ihr Leben für's Vaterland hin⸗ gegeben haben— der„Staat“ fordert andere Pflichten, wie Steuerzahlen, Befolgung der Gesetze— ist uns nicht bange. Ihnen„spinnt das Schicksal keine Tücke mehr“ und weg sind sie über Wunsch und Furcht. Die Klagenden mögen sich mit dem Troste des großen Gesetzes wappnen, das über uns allen waltet. Unsere osmanischen Verbündeten mit ihrer Lehre Muhameds von der Vorherbestimmung gehen darin noch weiter: Todestag und Todesart sind jedem Sterblichen schriftlich vorausbestimmt. Darum gehen sie todverachtend in den Kampf und trösten sich in jeder Lage von Not und Tod mit Gottes Willen. Wir könnten manches von ihnen lernen. Der Tod ist unerbittlich. Nur im altindischen Traumland ist es einmal möglich gewesen, daß ein liebendes Weib sich den Gatten von den Toten zurückholte. Sawitri, die himmlisch schöne und reine Königs⸗ tochter, vermochte durch weise Tugendworte den Tod zu bestimmen, ihren Gatten wieder zum Leben zu erwecken. Die Ruhe der Toten soll uns heilig sein, und wir dürfen durch Klagen und Hadern sie nicht aufstören. Es sollte keine deutschen Frauen von der Art Lenorens geben, die„ohn' ihn nicht selig werden“ zu können meinen. Und wenn wir nicht wissen, wo die Gräber der Teuren liegen, so beunruhigt uns dies nicht; sie wohnen unserem Herzen desto näher, und lebendiger ist das Geleite, das sie uns geben, ihr Andenken, das im Vaterlande unauslöschlich fortbesteht.
Die amtlichen Tagesberichte. (WTB.) Großes Hauptquartier, 19. November.
(Amtlich.) 5 Westlicher Kriegsschauplatz. Artillerie- und Minenkämpfe in und bei den Ar⸗ gonnen, sowie in den Vogesen. 5 Ein deutsches Flugzeuggeschwader griff englische Trup⸗ penlager westlich von Poperinghe an.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Nichts Neues.
Balkan⸗Kriegsschauplatz.
Bei den gestrigen erfolgreichen Verfolgungskämpfen wurden rund fünftausend Serben gefangen ge⸗ nommen.
Oberste Heeresleitung.
* Wien, 19. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 19. November 1915.
Russischer Kriegsschauplatz. Keine besonderen Ereignisse.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Die italienischen Angriffe an der Isonzofront ha⸗ ben wieder begonnen. Wie bei den letzten großen Angriffen richteten sie sich auch diesmal hauptsächlich gegen den Raum von Görz. Der Brückenkopf steht unausgesetzt unter schwe⸗ rem Geschützfeuer. Angriffsversuche gegen Os lavija und ein starker Vorstoß gegen die Podgora⸗ Höhe wurden ab⸗ geschlagen. Die planmäßige Beschießung der Stadt Görz dauerte vormittags vier, nachmittags über zwei Stunden an. Dreitausend Geschosse aller Kaliber waren diesem Zer⸗ störungswerk gewidmet. Sie verursachten große Brände. Der militärische Schaden ist gering; dagegen ist die Ein⸗ wohnerschaft durch Verluste an Menschenleben und Eigentum schwer getroffen. Im Nordabschnitt der Hochfläche von Do— berdo griff der Feind abermals heftig an. Am Nordhang des Monte San Michele drang er mehrmals in unsere Stellung ein; die erbitterten Nahkämpfe endeten jedoch für unsere Truppen mit der vollständigen Behaup⸗ tung ihrer ursprünglichen Kampflinie. Alle Vorstöße gegen den Abschnitt von San Martino scheiter⸗ ten unter den schwersten Verlusten für die Italiener. Ebenso mißlangen an der Front nördlich des Görzer Brückenkopfes zwei starke Angriffe des Feindes bei Zagora, mehrere schwächere im Vrsic⸗Gebiete und im Raume von Flitsch. Einer unserer Flieger bewarf die Tuchfabrik von Schio mit Bomben.
Südöstlicher Kriegsschauplatz. Die Montenegriner wurden bei Priboj erneut ge⸗ schlagen. Unsere Truppen rückten unter dem Jubel der mohammedanischen Bevölkerung im Sandschak ein. Die Vorhuten unserer in Westserbien operierenden Streitkräfte stehen vor Nova Varos und in Sienica. Eine Kolonne hat den 1931 Meter hohen Jankow⸗Kamen überquert.
Die deutschen Divisionen des Generals v. Köveß gewannen
die Gegend von Raska; südöstlich von ihnen kämpfen am Fuße der Kopaonik⸗Planina österreichisch-ungarische
Truppen. Die Vorrückung deutscher und bulgarischer Divi⸗ sionen gegen das Becken von Pristina macht Fortschritte.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.
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Die Entscheidung in Serbien. Der bulgarische Bericht.
Sofia, 19. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vom 16. November.
Die Operationen auf allen Fronten entwickeln sich mit großem Erfolg für uns weiter fort. Unsere Armeen, die überall vordringen, haben heute folgende Ergebnisse erzielt: Nach dem französi⸗ schen Rückzug von der Front Gradsko—Nikodim südlich Veles
und jenseits der Cerna, einem Rückzug, bei dem die französischen
Soldaten ihre Gewehre und Ausrüstungen wegwarfen, nahmen
unsere Truppen heute durch einen kühnen Frontalangriff Soͤ⸗
nicka— Glava, einen wichtigen strategischen Punkt, ein, den
Paß der Babuna— Planina an der Straße Veles— Prilep.*
Die Besitznahme dieses Passes öffnet unseren Truppen die Tore von Prilep und Monastir. heute Prilep.
Unsere Truppen, die in der Gegend von Tetowo(Kalkan⸗ delen) operierten, sind heute gegen Süden vorgedrungen; sie
schlugen die Serben und besetzten Gostiwar, von wo aus
sie den Feind in Richtung Kischewo verfolgen.
Die bulgarischen Kolonnen, die auf der Front Katschanik—
Unsere Abteilungen besetzten
Gilani—Kopiliak⸗Berg mit allgemeiner Richtung Gilani—Pristinn
operierten, durchbrachen die Rückzugsbewegung des serbischen Zentrums und eroberten Gilani. Unsere Abteilungen befinden sich heute westlich dieser Stadt in einer Ent⸗
fernung von 15—18 Klm. von Pristina. Wir machten 2000 Ge—⸗ fangene und erbeuteten 18 Geschütze, 20 Munitions⸗
wagen, 2000 Gewehre und zahlreiches sonstiges Kriegsmaterial.
Unsere Armee, die im Abschnitt zwischen der früheren türkisch⸗ serbischen Grenze in der Gegend von Lescovac operiert, ist den Serben auf den Fersen und bedrängt sie in nächster Nähe. Sie erreichte die Linie Arhanes ka— Plan ina, Höhe 1128, Dorf Radiwolac, Kopiliak⸗Berg, machte 300 Gefangene und erbeutete eine Batterie von vier Geschützen mit Bespan⸗ nung, sowie zahlreiches Pionier material.
Unter der Brücke von Alexandrovac entdeckten wir 13 Geschütze, die die Serben in die Morava geworfen hatten.
Die bulgarischen Kriegsziele.
Konstantinopel, 19. Nov.(WTB. Nichtamtlich))
„Tasvir⸗i⸗Efkiar“ veröffentlicht eine Unterredung mit dem
bulgarischen Gesandten Koluschew, der u. a. ausführte: Bulgarien wird Wert darauf legen, infolge des Krieges auch in der bulgarisch⸗serbischen Konvention von 1912 nicht ein⸗ begriffene Gebiete, in denen jedoch der bulgarische National⸗ gedanke seit jeher eingepflanzt war, wie das Morava⸗ Tal und die Landstriche von Nisch und Vranja ein⸗ zuverleiben, um dadurch seine nationale Einheit zu sichern. Koluschew hob hervor, daß viele Volksteile in Serbien Bul⸗ garen seien, und erinnerte daran, daß selbst Pasitsch bul⸗ garischer Abstammung sei, was ihm seinerzeit in Belgrader Hofkreisen zum Vorwurf gemacht wurde. Die französisch⸗
englische Expedition in Mazedonien erklärte Koluschew für
eine Komödie. Anstatt die Serben retten oder Sofia oder ger
Konstantinopel erobern zu wollen, hätten die Franzosen lieber trachten sollen, ihr eigenes von den Deutschen besetztes Land zu retten. Der Gesandte brandmarkte in den schärfsten Aus⸗ drücken die Beschießung von Dedeagatsch und betonte zum Schluß, daß die türkisch⸗bulgarischen Beziehungen nach dem Kriege sich auf wirtschaftlichem Gebiete entwickeln würden.
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Berlin, 20. Nov. Alle Blätter betrachten die Ent⸗ scheidung in Serbien als bevorstehend. Der„Berliner Lokal⸗ anzeiger“ berichtet: Die Schleier von den militärischen Vorgängen in Serbien fallen. Vor uns entrollt sich das Bild eines groß angelegten und seit Tagen unter den schwierigsten Verhältnissen in der Durchführung begriffenen Angriffes auf die noch im Felde befindlichen feindlichen Streitkräfte. Die Ereignisse steigern sich mit unheimlicher Wucht in dem Maße, als sie von der bosnischen. Grenze durch den Sandschak über die Grenzwälle des Amselfeldes nach dem Kosovopolje übergehen.
Priboj, dt e


