Ausgabe 
(11.11.1915) 266. Erstes Blatt
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über das Kabinett beunruhigt, ist, daß die Elemente der Kraft ausscheiden. Es verlor Carson, und es verliert, mindestens zeitweilig, Kitchener. Ich wage vorauszusagen, daß Kit⸗ cheners Abwesenheit sich sehr beträchtlich hinziehen wird. 5 Lord Court ny sagte: Die Lage an der Westfront ist, daß wir nicht siegten und nicht besiegt worden find. Die Hage an den Dardanellen ist die eines u unmöglichen Abenteuers. Wir beherrschen die Meere, können aber die deutsche Flotte nicht zur Schlacht zwingen. Die alte von vielen Generationen aufgebaute Zivilisation ist fast zerstört. Der Krieg hat das Niveau der Zivilisation herab esetzt und große soziale Rückschritte herbeigeführt, sowie die Bürg⸗ ber der persönlichen Freiheit weggenommen. Es ist daher nicht überraschend, daß man zu fragen beginnt, ob kein Ausweg aus dieser Lage möglich ist. Wenn die ein⸗ zige Alternative die wäre, daß wir unter Fremdherrschaft gerieten, so dürften wir in unseren Anstrengungen nicht nachlassen; wir müssen frei sein oder untergehen. Ich glaube jedoch, daß es eine andere Möglichkeit gibt. Die Leidenschaft für nationale Unabhängigkeit ist ruhmvoll, aber sie muß mit der Möglichkeit internationaler Freund⸗ 5 45 versshnt werden, wenn die Zivilisation bestehen kleiben soll. Der Gipfel der Tragödie ist, daß genau das⸗ selbe, was wir sagen und glauben, in Deutschland mit erselben ehrlichen Ueberzeugung gesagt und geglaubt wird. Dies führt jedenfalls zu dem Schlusse, daß es einen Ausweg aus der Sackgasse gibt. Ich fordere die Regierung nicht auf, jetzt den Ausweg zu zeigen, ich will nicht selbst die Bedingungen der Werfel ming aufzustellen versuchen, ich will aber einige Punkte erörtern, die für die Möglichkeit eines künftigen Ausgleichs wesentlich wären. Die unentbehrliche Grundlage des Ausgleichs ist die Be⸗ freiung Belgiens und Nordfr ankreichs; sonst müssen wir weiterkämpfen. In Deutschland ist der Gedanke weit verbreitet, daß England eine Kriegsentschädigung ahlen müsse. Es gibt keinen Engländer, der jemals zu⸗ 8 würde, daß England eine Kriegsentschädi⸗ 8 1 auferlegt wird. Endlich ist die Frage der Freiheit er Meere ein geeigneter Gegenstand für Friedensver⸗ handlungen.

Londoner Trinksprüche.

London, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Bei dem Festmahle in der Guildhall an⸗ läßlich der Einführung des neuen Lordmayors brachte der Staats⸗ sekretär des Amtes des Innern Sir John Simon einen Trink⸗ spruch auf die Alliierten aus. Er sagte, die Erfahrungen in diesem Kriege hätten nur die Ansicht bestärkt, daß jetzt die Aaivilisation um ihren Bestand gegenüber der Herrschaft der ittelmächte kämpfe, und da jetzt der wahre Zweck der un⸗ menschlichen Methoden Deutschlands ans Licht trat,

i das Bündnis so sehr gestärkt, daß es nicht mehr eine bloße Vereinigung militärischer und maritimer Art sei, sondern eine Vereinigung des Geistes freier Völler. Ueber den Beitritt Ja⸗ vans zu dem Abkommen, keinen Sonderfrieden zu schließen, sagte Simon, die Zeit, über die Friedensbedingungen zu sprechen, sei noch nicht gekommen.()) Balfour antwortete mit einem Trinkspruch auf Heer und Flotte. Er sagte, die ganze Strate⸗ gie der Alliierten beruhe auf ihrem Uebergewicht zur See. Ohne dieses würde ihr Los jetzt ein ganz anderes sein, als es war und werde. Der Verrat des Königs der Bulgaren sei ein diplo⸗ taatischer Sieg Deutschlands, den er nicht unterschätze. Die bulgarische Regierung werde von einfachen Motiven beseelt, nämlich von Gier und Angst. Bulgarien werde später zu der Ein⸗ sicht kommen, daß es einen großen Fehler begangen habe. Balfour sagte, er wolle weiter nichts über die Operationen und die Dauer des Krieges prophe zien, sondern nur sagen, daß er dem Ausgange kuhig entgegensehe. Asguith, der mit warmem Beifall empfangen murde, sagte, daß es in England jetzt nach 15 Kriegsmonaten nur eine Partei gebe Die Uneinigbeit sei verstummt, das Leben der Nation fließe in dem tiefen Bette der Eintracht und einstimmigen Entschlossenheit fort. Bezüglich Kitcheners Sendung erklärte Asguith: Kitchener wolle aus der Nähe und in enger Zusammen⸗ arbeit mit den britischen Vertretern und denen der Alliierten den

sanzen Zustand auf dem Balkan untersuchen, und seine a werde von den Alliierten mit ungeteilter Einstimmigkeit und warmer Sympathie begrüßt. Die Alliierten sind ent⸗ schlossen, zusammen zu stehen und zu fallen. Alle vom

inde verbreiteten Gerüchte über Einzelbestrebungen und einen e sind ein eitles und wertloses Geschwätz. Ich habe

welches die Ziele sind, die erreicht werden müssen, ehe die Alliierten die Waffen niederlegen. Sie sind dieselben geblieben, wie damals.(Beifall.) Wir glauben, daß wir unserem Ziele ein gutes Ende näher sind. Der Weg mag lang oder kurz sein, wir werden nicht stehen bleiben oder zögern, ehe wir den kleineren Staaten Europas die Unabhängigkeit, Europa selbst und der ganzen Welt die Befreiung von einer Gewaltherrschaft gesichert haben.(Lauter Beifall.)

8*

Rußlands Sozialdemokratie gegen den Krieg.

Berlin, 11. Nov. Die Korrespondenz Piper ist in der Lage, einen Aufruf der sozialdemokratischen Arbeiter⸗ schaft Rußlands zu veröffentlichen. Wir entnehmen diesem Aufruf folgende Sätze: f.

Bis heute hört man nicht auf, uns zu belügen. Vor der Nation wird geheim gehalten, daß der Rückzug mit den allergrößten Schwierigkeiten verbunden ist, daß die Armee jeder⸗ zeit in der Gefahr ist, abgeschnitten und zur Uebergabe gezwungen zu werden, daß die Deutschen in Kowno 800 Kanonen genom⸗ men, daß in Nowo⸗Georgiewsk eine ganze Garnison sich ergeben mußte, die aus 90000 Mann und 1200 Kanonen bestand, daß gegenwärtig sich in Deutschland und Oesterreich etwa 2 Millionen Mann und 10000 Offiziere kriegsgefangen befinden, daß die Deutschen im Besitze von etwa 10 000 russischen Kanonen sind. Die Blüte der russischen Nation quält sich ab in der deutschen Gefangenschaft oder ist auf den Kampffeldern begraben. Viele Leute sind selbstverständlich noch in Rußland geblieben. Aber diejenigen lügen oder irren sich unverzeihlicherweise, die sich vorstellen, daß man aus dieser Masse möglichst schnell für den modernen Krieg geeignete Armeen schaffen könnte.

Der Aufruf ist von dem ausländischen Sekretariat des Organi⸗ sationskomitees der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei an die Parteigenossen in Rußland erlassen und von folgenden hervorragenden Führern der russischen Sozialdemokratie unter⸗ zeichnet:

P. Akselrod, Astrow, L. Nortow, A. Martynow, S. Senkowsky.

*

Der Seelrieg.

Deutsche u⸗Bootstaten.

Berlin, 10. Nov.(WTB. Amtlich.) Am 5. November wurde am Eingang des Finnischen Meerhusens das Füh⸗ rerfahrzeug einer russischen Minensuchabteilung und am 9. November nördlich Dünkirchen ein französi⸗ sches Torpedoboot durch unsere Unterseeboote ver⸗

senkt. Der Chef des Admiralstabes der Marine.

*

Ein englischer Zerstörer gestrander. London, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Die Admiralität berichtet: Der ZerstörerLouis ist im östlichen Mittelmeer . er ist nur noch ein Wrack. Die Besatzung ist gerettet.

Fünf englische Schisfe verloren.

Kopenhagen, 10 Nov.(WTB. Nichtamtlich.)Na⸗ tionaltidende schreibt: Kürzli 121172 wir gemeldet, daß der DampferCEidsiva aus Bergen in der Nähe von Dover auf eine Mine gestoßen sei. Der Kapitän und die Be⸗ satzung sind in Bergen angekommen. Sie berichten, daß nicht weniger als fünfenglische Schiffe, darunter drei Patrouillenschiffe, gleichzeitig in der Straße zwischen Dover und Calais auf Minen gestoßen und versunken seien. Das erste Schiff, das in die Luft log, war ein Dampfer aus Glasgow mit Stückgut; das Schiff geriet in Brand, ehe es versank. Hierauf lief ein Patrouillenboot auf eine Mine. Es wurde in zwei Teile gesprengt; 16 Mann kamen um. Darauf wurde ein zweites Patrouillenboot in die Luft gesprengt, von dessen Besatzung nur zwei Mann

ettet wurden. Dann liefen noch ein Fisch⸗ und ein Fracht⸗ ampfer auf Minen. Was mit deren Besatzung geschehen ist,

im vergangenen Jahre in demselben Saale auseinandergefetzt

wußte der norwegische Kapitän nicht.

Erfolg eines errechnen l%

Rom, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) DieAgencia Stefani meldet aus Ferry v 9 1 7 10 Nen 11 2 mittag wurde bei Kap Carbonara der nach New Vork fah⸗ rende DampferA Nen na von der S. s Italia durch ein großes Unterseebobt mit öster⸗ reichischer 75 agge versenkt. LautGiornale d'Italia waren 422 Passagiere an Bord. Die Besatzung betrug 60 Mann. Bisher steht fest, daß 270 Mann gerettet sind. Sie sind in Biserta eingetroffen. 1

(Notiz: Nach zuverlässigen Nachrichten versuchte der Dampfer zufliehen. Das Unterseeboot war daher gezwun⸗ gen, von seinen Geschützen Gebrauch zu machen.)

* 135* Eine Abfuhr des englischen Cant.

Berlin, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Gegen die englische Cavell⸗Hysterie schreibt derLimburger Kurier vom 4. November: Uns mißfällt das Geheul sehr, das die englische Presse über die Hinrichtung von Miß Cavell schon 12 über einer Woche angehoben hat. Ihr Tod wird gebraucht, um das Volk gegen das deutsche Monstrum aufzupeitschen. Mit dieser Toten spielt man, um Re⸗ kruten anzuwerben. Das ekelt uns gewaltig an. Miß Cavell hat eine Missetat begangen, das steht sest. Ihre Tat mag Sympathie erwecken statt Abscheu, aber sie beging eine Missetat. Die Deutschen bestraften sie schwer, das ist wahr; aber sie bestraften sie, weil sie die Missetat begangen hat. Die 1 Generäle haben in Südafrika 26 000 Frauen und Kinder in Konzentrationslagern ermordet, die de mindeste verbrochen hatten. Ein Volk mit derartig schwarzen Taten in seiner jüngsten Ge⸗ schichte lönnte etwas weniger entrüstet sein über die Fehler anderer.

8 WienKonstautinopel.

Sofia, 11. Nov. Die Brücke zwischen Pirot und Nisch bei Sackovac ist hergestellt. In zehn Tagen dürfte die Bahn von Wien nach Budapest über Belgrad und Sofia nach Konstan⸗ tinopel in Betrieb sein. N

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* Griechenlands Ententebeziehungen

Paris, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) DieAgence Havas berichtet: Der griechische Gesandte überreichte gestern vormittag am Quai d'Orsay ein Telegramm des griechischen Ministerpräsidenten, welches ver⸗ sichert, daß Griechenland sest entschlossen sei, die Neutralität mit dem Charakter des aufrichtigen Wohlwollens gegenüber den et ne fortzusetzen. Das neue griechische Kabinett macht die Erklärungen von Zaimis bezüglich der freundschaftlichen Haltung er griechischen Regierung gegenüber den Alliierten in Salonik der eigenen. Die griechische Regierung hoffe, daß übelwollende Nachrich⸗ ten die guten Beziehungen zwischen der Entente und Grie⸗ chenland nicht trüben werden.

Oesterreichische Staatsmänner in Berlin.

Berlin, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich) Der öster⸗ reichisch-ungarische Minister des Aeußern, Baron Burian, der in Begleitung des Kabinettssekretärs Grafen Wal⸗ terskirchen eingetroffen ist, hat vormittags dem Reichs⸗ kanzler einen längeren Besuch abgestattet. Das Frühstück nahm der Minister beim Reichskanzler ein. An dem f. stück haben auch der österreichisch⸗ungarische Botschafter Prinz Hohenlohe, der Legationsrat Graf Larisch und der Unterstaatssekretär Zimmermann teilgenommen. Nachmittags wurden die Besprechungen mit dem Reichs⸗ lanzler sortgesetzt. Auch der morgige Tag dürfte dem gleichen Zwecke dienen. Der Besuch gilt ebenso wie die früheren der Erörterung laufender Angelegenheiten.

Englische Seeräuberei.

Berlin, 10. Nov.(Priv.⸗Tel.) Auf der Fahrt nach Libau wurde am 7. November der deutsche Kohlendampfer John Sauber, der die deutsche Handelsflagge führte, von einem Unterseebobot ohne vorherige Warnung mit zwei Torpedos beschossen. Ein Torpedo soll getroffen haben, Schiff zu explodieren, das andere Torpedo ging vorbei. Schiff ist wohlbehalten weitergefahren. 5

5 Die Duma.

Petersburg, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Ueber Kopenhagen.Rietsch schreibt über die Einberufung der Duma, daß der Zeitpunkt hierfür noch nicht feststehe, vor⸗ aussichtlich aber Ende November alten Stils sein werde. Eine kurze Tagung sei nicht zu erwarten, da das Programm sehr groß und die Mehrzahl der Minister für eine längere Tagung sei. a

Abberufung Dr. Dumbas.

Wien, 10. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Wie diePol. Korresp. erfährt, ist der österreichisch⸗ungarische Botschafter Dumba nunmehr auf Grund einer allerhöchsten Entschlie⸗ zung vom 4. November von seinem Posten in Washington abberufen worden. 1

Der Zeppelinbesuch in Sosia.

Sofia, 10. Nov. Zum Zeppelinbesuch schreibtCambanal, dieser stehe nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Krie operationen, sondern sei ein Symbol, daß nichts, weder Wasser, noch Land, noch Luft die direkte Verbindung Bulgariens mit den Zentralmächten hindere. Der Zeppelinbesuch sei eine Ehrung für Bulgarien, ein wohlverdientes Achtungstribut gegenüber der bulgarischen Nation. W

Aus Stadt und Cand. Gießen, 11. November 1915.

* Herabsetzung der Schweinefleisch⸗ und Wurstpreise. Wir können unseren Lesern die erfreuliche Mitteilung machen, daß von morgen(Freitag) ab die Preise für Schweinefleisch und frische Wurst um 2030 Pfg. für das Pfund ermäßigt werden. Nach den neuen Höchst⸗ preisfestsetzungen für lebende Schweine war der Rückgang

der Fleisch⸗ und Wurstpreise zu erwarten. e Kartoffelerträge. Es ist festgestellt, daß auch im Kreise Gießen eine Anzahl Landwirte ihre Kartoffel⸗ bestände, wie im vergangenen Frühjahr, falsch angeben. Wir nehmen an, daß sich die Leute der Tragweite ihrer une nicht bewußt sind. Die Kreisbehörden haben wiederholt unter Androhung harter Strafen auf die Wich⸗ tigkeit dieser Angaben aufmerksam gemacht. Die Gendar⸗ merie und die Sachverständigen haben Nachprüfungen vor⸗ enommen, und die Schuldi n werden sich vor dem taatsanwalt zu verantworten haben. Wir richten daher an alle Landwirte die dringende Mahnung, ihre Kartoffel- bestände nach bestem Wissen anzumelden und unrichtige . sofort richtig zu stellen.

Kartoffelmehl. Die Preise für Kartoffel⸗ stärkemehl sind ab 1. November 1915 um 8 Mk. für 1