Ur. 265
Erscheint laglich mit Ausnahme des Sonntags.
weites Blatt
Die„Sießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den reis Siehen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen deit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
General⸗Anzeiger für O
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165. Jahrgang
Der Save⸗Uebergang am T. u. 8. 10. 15.
Schon lange waren unseve Vorbereitungen für einen Uebergang über die Save getroffen, jede Einzelheit war wohl erkundet und jede Möglichkeit in Betracht gezogen. Unsere Brigade sollte im Abschnitt Kirche Bezanija— Zuckerfabrik und 115 südlich Zemun— Eisenbahnbrücke den Uebergang machen. Das Regiment sollte sich zunächst in den Besitz der kleinen Zigeunerinsel setzen, die auf einem Damm erreicht werden konnte, während wir die Große Zigeuner⸗ insel nehmen sollten.
Letzteres war eine äußerst schwierige Aufgabe. Jeder Mann wußte, daß die Insel stark besetzt war, daß drüben im Buschwerk ein zäher und gut schießender Gegner lauerte und daß Minen und andere Ueberraschungen während des Ueberganges auf ihn warteten. Trotzdem gingen unsere braven Kerls heran wie immer!
Am 6. 10. 12 Uhr mitternachts stand das Regiment hinter dem Save⸗Damm bereit. 8 5 5
Inzwischen belegte unsere Artillerie die Festungswerke Bel⸗ grads, die Ufer der Save und die Inseln mit stärkstem Feuer. Unaufhörlich flogen die Granaten gegen die Höhen Belgrads, zer⸗ sprangen in dem Buschwerk der Juseln und zischten gegen die Ufer der Save. Detonation folgte auf Detonation!
Punkt 1 Uhr 15 Minuten vormittags begannen die Minen⸗ werfer ihr Feuer und schleuderten Minen aller Größen gegen die die Inseln. Jetzt steigerte sich auch das Artilleriefeuer zu größter 5 Dumpf grollte der Donner in den Tälern der Donau und Save, hell zeichneten die durch die Luft fliegenden Geschosse ihre Bahn im Dunkel der Nacht wi Meeteore, und grell leuchteten die einschlagenden Granaten. Es war ein schaurig⸗schöner Anblick! 0 Jetzt war es Zeit, die Pontons, die im Galovica⸗Kanal ver⸗ steckt lagen, in die Save zu bringen. Leise trugen die wackeren Pioniere die Fahrzeuge über den Damm hinunter ans Wasser, und Lautlos bestiegen sie unsere Leute. a
Pünktlich 2 Uhr 10 Minuten vormittags stießen die Pontons vom Ufer ab. Bis dahin hatte der Feind sich völlig still verhalten, und weder auf unser Artillerie- noch Minenfeuer irgendeine Ant- wort gegeben.
Beinahe hatte es den Anschein, als ob er überhaupt nichd mehr da wäre..
Kaum näherten sich jedoch unsere Pontons der Insel, als sie von einem rasenden Infanteriefeuer überschüttet wurden. Gleich⸗ zeitig setzte die serbische Artillerie mit heftigem Feuer ein. Schnel⸗ ler arbeiteten die wackeren Pioniere in den Booten, vorwärts ehran an das Ufer! Trotzdem viele Pontons von Schüssen durch- bohrt versackten oder auf Minen liefen, trotzdem die Strömung manches Fahrzeug mit sich fortriß, trotzdem die landenden Leute durch 8 und Maschinengewehrfeuer schwere Ver⸗ Urste erlitten, unsere Helden drangen vorwärts und arbeiteten sich am Ufer empor..
urück kehrten die leeren Pontons, die ersten Leute ihrem Schicksal überlassend, bald kehrten sie vollbeladen wieder. So gelang es dem unvergleichlichen Heldenmute der Pioniere, nach und nach 6 Kompagnien und 3 Maschinengewehre hinüber zu schaffen— mehr ging nicht, da sowohl Menschen, wie Material zu Ende waren. 1 5 0
Fast sämtliche Ruderer waren tot oder verwundet, von den Pontons nicht ein einziges mehr gebrauchsfähig.
Die Kompagnien drangen nun trotz heftigen Widerstandes der Serben im Handgemenge Mann gegen Mann durch das dichte Ufergestrüpp weiter und setzten sich in den Besitz zweier feindlicher Stellungen. Hier hielten sie zunächst an, da es zu schwierig war, im Dunkeln weiter vorzudringen. 8
Der Spaten arbeitete, und er arbeitete gründlich! Denn manches blutige Spatenblatt legte Zeugnis ab von seiner Ver⸗ wendbarkeit als Waffe. 8
Die Serben setzten sofort zum Gegenangriff an, um sich wie⸗ der in den Besitz der Insel zu setzen. Hin und her wogte der Kampf, fünfmal mußten die Unsrigen vor der Uebermacht zurück, aber immer wieder drangen sie vor und behaupteten sich schließlich in der erstgenommenen Stellung.
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Mittwoch, 10. November 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Unterdessen belegten die Serben den Strom, das Ufergelände und die Unterstützungen hinter dem Save⸗Damm mit schwereln Granatfeuer.
Als der Morgen graute und man den Schauplatz der nächt⸗ lichen Tätigkeit überblicken konnte, war von unseren Helden auf der Insel nichts zu sehen. Tote nur lagen am Ufer, und hier und dort bewegte sich ein Verwundeter im Grase. Das heftige Gewehr⸗ feuer jedoch ließ vermuten, daß unsere Leute tapfer bei der Arbeit waren, und so war es auch!
5 Unsere Kompagnien hatten trotz der serbischen Ueberlegenheit ihr Vordringen fortgesetzt und waren bis fast an den Südrand der Insel gelangt. Dicht am Wasser hielten sich die Serben noch. Leider fing jetzt die Munition an knapp zu werden, so daß nur äußerst sparsam geschossen werden durfte. Die Serben, die die Schwäche unserer Leute erkannt hatten, versuchten sie zu um⸗ zingeln,— es gelang ihnen nicht.
Von allen diesen Vorgängen hatte das übrige Regiment keine Ahnung. Abgeschnitten von den Kämpfen auf der Insel darch den Verlust der Boote war es nicht möglich, Meldungen oder Nach⸗ richten zu erlangen, oder Munition oder Verstärkungen hinüber⸗ zuschicken. Nur das Infanteriefeuer zeigte, daß unsere Leute schwer zu kämpfen hatten.
Da gelang es am Nachmittag einem mutigen Offizier, mit einigen Leuten die Save zu durchschwimmen und Meldung von dem Stand des Gefechtes zu bringen. Mittels eines Pontons, das von einer anderen Division, die oberhalb überzugehen versuchte, abgetrieben war und von zwei Schwimmern herangeholt wurde, brachte man schleunigst Munition hinüber.
Natürlich brannte das ganze Regiment, nachdem es von den Ereignissen auf der Insel gehört hatte, darauf, an den Feind zu kommen, aber erst gegen Abend konnte man darangehen, auf den notdürftig geflickten Pontons Truppen überzusetzen. Das 3. Ba⸗ taillon ging zuerst über, dann der Rest der anderen Bataillone.
Als alles herüber war,— reichlich Munition war mitge⸗ nommen— faßte ein Bataillonsführer die übergesetzten Teile zu⸗ sammen und warf den Feind aus seiner letzten Stellung heraus.
6 Uhr vormittags war das östliche Drittel der Großen Zigeu⸗ nerinsel in unserem Besitz.;
e Wunderbarerweise hatten die Serben eine Floßbrücke von der Insel zum anderen Ufer unversehrt gelassen, so daß die Mög⸗ lichkeit gegeben war, das andere Ufer zu erreichen. 5 5
Nachdem die Artillerie die serbischen Stellungen, die Gebäude der Saveufer unter Feuer genommen hatte, nachdem die unter der Brücke vorgefundenen Sprengkörper von einer Offizterspa⸗ trouille beseitigt waren, griff das Regiment an und setzte sich um 5 Uhr nachmittags in den Besitz des südlichen Saveufers.
Der Uebergang war gelungen!
In noch nicht zwei Tagen hatte das Regiment den Uebergang erzwungen und eine herrliche Waffentat, eine neue Glanzleistung seinen früheren Erfolgen hinzugefügt.. 5
Für die Nacht besetzte das Regiment die Lederfabrik und Zuckerfabrik mit zwei Bataillonen, während ein Bataillon noch auf der Großen Zigeunerinsel verblieb. 5 0 5
Patrouillen stellten fest, daß sich der Gegner in südlicher Rich⸗ tung zurückzog. 5
Manch stummer Held ruht aus auf der Zigeunerinsel, man⸗ ches Auge ist noch trotz liebevoller Behandlung gebrochen, mancher brave Mann windet sich verwundet in Schmerzen— das Regi⸗ ment wird nie diese Männer vergessen, die Helden von der Zr⸗ geunerinsel! ö i
Die alte Serbenfeste Krusevac.
Starke natürliche Bergfestungen, schon in der Römerzeit von mächtigen Schanzen gekrönt, schirmen die Stadt Krusevac, die nächste Siegesbeute der deutschen Truppen in Serbien. Und die Romantik der Kosowoschlacht, des berühmten Riesenkampfes auf dem Amselfelde 1389, wirft ihre malerischen Schatten auf die Ruinen ringsum, auf die Kirchen und Gräber. Ein zerbröckelter Turm und ein verfallener Wall sind die einzigen Reste des alt⸗ serbischen Königsschlosses, in dem Zar Lazar residierte, der ebenso wie sein großer Besieger, Sultan Murad J., an jenem welthistori⸗
schen Schlachttage seinen Tod fand. Nahe bei dieser Schloßruine zeigt das Volk in zerborstenen Säulen und Mauern die Moschee, in der Lazars schöne Tochter dem Sohne Murads, Bajesid Ilderim, als Gattin folgen mußte. Nur des letzten selbständigen Serben⸗ fürsten„weiße Kirche“ hat die Wandlungen eines halben Jahr⸗ tausends überdauert und bildet heute trotz iher sonderbaren Re⸗ staurationen das bedeutendste Baudenkmal von Krusevac. In der alten Türkenstadt, nördlich von den modernen Vierteln, ist die Stätte, wo Vuk Brankowitsch ruht, der angebliche Verräter in der Amselfeldschlacht. Unter der türkischen Herrschaft brannten hier an jedem Freitag Kerzen als dankbare Erinnerung der Nachfahren an die„von Gott gewollte“ Hingabe des Serbenfürsten an die Sache der Streiter Allahs. Der erste serbische„Freiheitsheld“ Kara⸗ georg, der Ahnherr des jetzigen Königshauses, ließ die Lichter löschen und die Gebeine Vuks ausgraben und in alle Himmels⸗ richtungen verstreuen. In den Türkenkriegen hat die vielumkämpfte Stabt unsäglich zu leiden gehabt; Bajesid I., Ilderim, Murad II., Hunyadi von Ungarn, Mohammed II. und Suleiman der Prächtige haben im Wandel der Zeiten als Sieger in ihren Mauern geweilt. 1810 fanden bei Krusevac blutige Kämpfe statt, die der rufsische Oberbefehlshaber der aufständischen Serben, Graf Orurk, als eine Art Sieg über die numerisch schwächeren, sich tapfer perteidigenden Türken verzeichnen konnte. Zweiundzwanzig Jahre' später brachte eine Grenzregulierung die Festung dauernd an das neugegründete Fürstentum Serbien. Sie mag, soweit eine serbische Statistik zuverlässig ist, an 9000 Seelen ohne die auch im Frieden starke militärische Besatzung zählen. Ihre strategisch wichtige Lage haben schon die alten Römer erkannt, als sie die Feste an dem Knoten⸗ punkt der Straße nach den Minen von Kopavpnik, der Adria⸗ Donaustraße von Caeak und des Heerweges zum Donaulimes bauten. Und heute bedeutet die Eroberung der Stadt ein neues Ruhmeszeichen in dem unaufhaltsamen Siegeslauf unserer Truppen an der serbischen Morava. 5 a
f Briefkasten der Redaktion.
(Auduyme Aufragen bleiben unberücsichtigt.) J. 3. L. Die Zeichen bedeuten Landsturmtauglichkeit(Fehler an den Gliedmaßen) und zeitige Unbrauchbarkeit wegen Haut- krankheit.
Märkte.. fe. Frankfurt a. M., 9. Nov. Auf dem heutigen He u— und Strohmarkt war nichts angefahren.
Die Marktpreise für Vieh und Frucht und die Gießener Fleisch⸗ und Brotpreise am 8. November 1915.
Schlachtviehpreise in Frankfurt a. M.
Fleischpreise in Gießen
Ochsen 50 Kg. Schlachtgewicht ½ Kg. 120—124 Pfg. 110—136 Wit.
Kälber ½¼ Kg. Schlachtgw. 105.127 Pf.“ ½„ 120124 Pfg.
Schweine //„ 8 130-155, 2 10 00
Getreidepreise in Mann he im
Weizen 100 Ng. 27.00 M. Roggen 100 Kg. 23.00 Mk.
Brotpreise in Gießen:
Weißbrot 2 Kg.— Ufg., Schwarzbrot 2 Kg. 68 Pfg.
Mit eisernem Besen wird bei uns gegenwärtig allem Fremdenkult und fremden Erzeugnissen der Garaus gemacht. Dem deutschen Volke gehen— was viele Friedensjahre nicht ver⸗ mochten— endlich die Augen auf. In jedem deutschen Haushalte sind jetzt z. B. die früher so beliebten französischen Feinseisen mit Recht verpönt. Als eine gute Feinseife rein deutscher Herkunft ist besonders die echte Steckenpferd⸗Seife zu empfehln, da dieselbe den Vergleich mit den um vieles teureren französischen Mar⸗ ken nicht im geringsten zu scheuen hat. Di. /u.
Ein neuer Fortschritt in der Technik der künstlichen Gliedmaßen.
Wenn wir heute in der Lage sind, den im Kriege Verstümmelten
die verlorenen Gliedmaßen durch künstliche von sehr hoher Voll⸗ kommenheit zu ersetzen, so wird dies dem erfolgreichen Zusammen⸗ wirken des Chirurgen mit dem Techniker gedankt. So Vorzügliches aber auf diesem Gebiete bisher auch schon erreicht worden ist, so scheint doch unmittelbar noch ein neuer, sehr bedeutsamer Schritt ur weiteren Vervollkommnung künstlicher Gliedmaßen bevorzu⸗ stehen, dessen Tragweite sich heute noch gar nicht übersehen läßt. Und zwar ist es in diesem Falle der Techniker gewesen, der dem Chirurgen einen neuen Weg gezeigt und den Blick auf ein äußerst wichtiges Stück chirurgischen Neulandes gelenkt hat. Die Muskeln, welche zur Bewegung der Hand dienen, sind in der Hauptsache im Unterarme gelagert, die zur Betätigung des Unterarmes erforder⸗ lichen Muskeln liegen im Oberarm usw. Beim Verluste einer Hand bleiben also in der großen Mehrzahl der Fälle die zu ihrer Be⸗ wegung erforderlichen Muskeln im Unterarm unversehrt, und diese Muskeln verlieren ihre Fähigkeit, sich unter dem Einflusse eines bewußten Willensantriebes zusammenzuziehen, erst im Laufe der eit, infolge des Nichtgebrauches. Da hat sich nun, wie es in einem erichte des bei Otto Spamer in Leipzig erscheinenden„Pro⸗ metheus“ heißt, der technische Pfadfinder auf diesem chirurgischen Gebiete, Professor A. Stodola in Zürich, gesagt, daß man, wenn man diese Handbewegungsmuskeln des Unterarmes in ge⸗ eigneter Weise mit den beweglichen Teilen einer künstlichen Hand, in »erster Linie mit den künstlichen Fingern in Bewegung bringen könnte, damit eine sehr ergiebige natürliche Kraftquelle für die Finger⸗ bewegung gefunden hätte, die den. der künstlichen Finger fast so einfach gestaltet, wie es der Gebrauch der natürlichen war: der Willensantrieb des Trägers der künstlichen Hand genügt zur Bewegung der Finger. Man kann nun— und da zeigt sich auch die Kunst des Chirurgen in hellem Lichte— tatsächlich durch einen chirurgischen Eingriff die Enden— Sehnen— der Hand⸗ bewegungsmuskeln des Unterarmes zusammenfassen, zu einer mit Haut umgebenen frei vorstehenden Schleife oder zu einer anderen für die zur Kraftübertragung geeignete Verbindung mit der Fkünstlichen Hand brauchbaren Form verheilen lassen, und so ein von Stodola recht glücklich benanntes„lebendes Maschinenelement“ schaffen, daß die bisher fehlende Brücke zwischen dem natürlichen Gliedrest und dem künstlichen Gliedteile herstellt. Professor Sauerbruch in Greifswald hat Stodolas Anregung nach der chirurgischen Seite hin weiter ausgearbeitet und hat schon meh⸗ rere Operationen vollzogen, die nach geschehener Ausheilung und Fertigstellung der zugehörigen. künstlichen Glieder beweisen wer⸗ den, in welchem Maße die Hoffnungen, die man an das neue Verfahren knüpft, in Erfüllung gehen werden. Bei der künstlichen Hand werden die an diese angeknüpften Muskeln das Beugen der
a inger und das Schließen der Faust übernehmen, während das Strecken der Hand dann durch geeignet angebrachte Federn bewirkt werden soll. Dazu wäre nur ein einziges„lebendes Maschinen⸗ 1 eine einzige Schleife am Ende der zusammengefaßten
rmmuskeln exforderlich. Man kann aber auch schon daran
eenken, nur einen Teil dieser Muskeln zum Beugen der Finger
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und der Faust zu benutzen und einem anderen, zu einer zweiten Schleife zusammengefaßten Teile dieser Muskeln das Beugen des Daumens zu übertragen. Weiter hofft man bei Verlust des Unter⸗ arms die im Oberarm liegenden Bizeps⸗ und Trizeps⸗Muskeln sowohl zur Beugung des Unterarms, wie außerdem für die Greif⸗ bewegung der Hand nutzbar machen zu können, und es eröffnet sich sogar der hoffnungsvolle Ausblick auf die Möglichkeit, nach der Amputation beider Arme die künstlichen Arme und Hände mit Hilfe der Brust- und Schultermuskeln wenigstens in einem ge⸗ wissen Grade beweglich machen zu können. Da, wie schon oben ge⸗ sagt, die Bewegungsmuskeln abgenommener Glieder erst nach längerer Zeit infolge des Nichtgebrauches ihre Arbeitsfähigkeit verlieren, erscheint es nicht ausgeschlossen, daß noch dem größten Teile, wenn nicht allen in diesem Kriege Verstümmelten die Wohltat des neuen Verfahrens zuteil werden kann.
Ludwig Fuldas neues Stück in Frankfurt.
Aus Frankfurt a. Main wird uns geschrieben: Ludwig Fuldas Spiel in drei Aufzügen„Die Rückkehr zur Na⸗ tur“ erfuhr bei seiner Uraufführung im Frankfurter Schau⸗ spielhause eine recht freundliche Aufnahme. In einem kleinen Rokokokönigreich bricht am Tage der Krönung und Trauung des neuen, sehr jugendlichen Fürstenpaares eine Revolution aus. Der alte König hat es ein wenig bunt getrieben! Die Mißstimmung des Volkes entlädt sich gegen den kaum dem Knabenalter ent⸗ wachsenen Nachfolger und seine kleine Braut. Der Hofnarr läßt die beiden entfliehen durch einen unterirdischen Gang. In einem deutschen Walde nimmt sich ein freundlicher Einsiedler der zwei Flüchtlinge an, gewährt ihnen Schutz und Schirm und öffnet ihnen die Augen für die Schönheit und Geheimnisse des Lebens von Pflanzen und Tier, von Quelle und Matte. Ein Jahr vergeht Mittlerweile hat des Rolokokönigreiches Völklein die Zeit der Volkstribunen satt. Die Republik wird gestürzt. Die Haupträdels⸗ führer müssen schleunigst das Feld räumen. Der Hofnarr weist ihnen den Weg. Durch des alten Königs verborgenen Gang unter der Erde verlassen auch sie deie Stadt. Im Walde stoßen sie auf das junge, in ländlicher Kleidung sich wohlfühlende berjagte Königspaar, das sie nicht erkennen, das sie aber zum einfachen Mahle lädt und ihnen die alten Krönungsmäntel zum Schutz gegen Wind und Wetter auf die Wanderung mitgibt. Da nun die Monarchie wieder zurückgeführt ist, geht man auf die Suche nach den vertriebenen Königsleutchen. Der Hofnarr weiß den Weg. Die Schranzen sind erstaunt über die Tracht des frohen Paares, das obendrein glückstrahlend den nun ganz und gar das Gleichgewicht verlierenden Herren Ministern und Mar⸗ schällen verkündet, daß ein gesunder Kronprinz mit in die wieder sichere Residenz einziehen werde. In die Handlung hinein hat der Dichter ein feines, leicht beschwingtes Märchenspiel gewoben. Luft⸗ geist und Nymphen treten auf, der alte Staubgeist breitet seine bittere Weisheit aus. Doch siegen die lichten Feen der Quelle und der Bäume und der übermütige Luftgeist. Das Herz des jungen Fürsten haben sie erobert, der nach dem Schlosse gerufen, von seinem Waldkönigreich, innig des genossenen Glüches gedenkend, Abschied nimmt:
„Laßt, Geister, Duft und Glanz und Farbenglut Ins Dasein auch des Aermsten sich ergießen; Seid Helfer mir, seid Helfer meinem Volk!“
Ludwig Fulda hat den Märchenton in seinem Bühnenwerk aufs glücklichste getroffen. Weniger geschlossen und bildhaft sind die Geschehnisse der„Wirklichkeit“. Der Lobgesang auf die Natur, den der zweite Aufzug darstellt, leidet unter einem gewissen Ueber⸗ schwang. In diesem Akt stört ferner die allzu breit geratene Zeichnung. Das Märchenhafte des Stückes, in dem viel Fulda'sche Spruchweisheit steckt, und das durch des Dichters flüssige, klingende Verse einen feinen Glanz an sich trägt, wird durch eine musikalische Verbrämung wirksam erhöht. Die Musik stammt von Aladar Rado, der als österreichischer Reserveoffizier im Kampfe gegen die Serben im letzten Jahre gefallen ist. Des Werkes Aufführung ging
unter der Regie des Intendanten Behrend vor sich, die mit Liebe
und gutem Gelingen ihrer Aufgabe gerecht wurde. Die Königsleut⸗ chen spielten Herr Pröckl und Fräulein Ro min sehr frisch und in r und Spiel sicher Nach dem zweiten und letzten Aufzug rief man den anwesenden Dichter mit den Darstellern, unter denen 10 vor allem noch Herr Manz als Luftgeist und Herr Auer ba als Staubgeist auszeichneten, durch hellen, stürmischen Beifall.
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— Zwei musikalische Erstaufführungen in Dresden. Aus Dresden wi uns geschrieben: Max Regers neues sinfonisches Werk, die„Variationen über ein Thema von Mozart“(aus der Klaviersonate in A-Dur) brachte die Kgl. musikalische Kapelle in einem Sinfoniekonzert zum erstenmal zu Gehör. Das von grundmusikalischer, reichster, echt schöpferischer Phantasiekraft erfüllte Werk voll feiner und eigen⸗ artiger orchestraler Schönheiten machte tiefen Eindruck und wurde mit außerordentlichem Beifall bedacht.— Ein Synagogen⸗ Konzert unter Leitung von Dr. Leo Fantl brachte Franz Schuberts Psalm 92 im hebräischen Urtert zum Überhaupt erstenmal in Deutschland zur Aufführung. Das kleine Werk für Chor, Baritonsolo und Sologuartett ist voll inniger Musik, die die sorgfältig vorbereitete Aufführung schön zum Aus⸗ druck brachte. A. G.
— Hamburger Uraufführung. Aus Hamburg wird uns geschrieben: Im zweiten Abend des sogenannten Urauffüh⸗ rungs⸗Zyklus ließ das Thalia⸗Theater mit dem Volksstück „Wo am Dach die Schwalben nisten“ ein paar Haus⸗ dichter, Leo Kaßner und Hans Lorenz, zu Worte kommen. Auf ein Vorspiel folgen vier Bilder. Die beiden Verfasser haben sich redlich bemüht, aus allen Winkeln ihrer Werkstatt einen ganz leidlichen Flickkram zusammen Das Publikum sieht mit Rührung, was auf diese Weise nett und artig zustande kommen kann. Und wenn am Schlusse der alte Vater seine Kinder, die er vor zwanzig Jahren in einer Stunde der Verzweiflung in fremde Hände fortgab, nun wieder sein eigen nennt und zärtlich an die Brust drückt, so ist die gerührte Stimmung auf ihrem Höhepunkt. Der Abend endete mit lauten Beifallsspenden. Das Ereignis hatte allerdings mehr lokalen Charakter. G.
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