ut. 200
Erschetnt täglich mit Ausnahme des Soautags.
Sweites Blatt
Die„Gieener Famlllendlätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt far den Ureis Gleßen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zett⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweunal.
Gießener
Seneal Ameiger fir Oberhesen
165. Jahrgang
Die deutsche Arbeiterversicherung
und der Urieg.
Der Einfluß der sozialen Versicherung auf die jetzt alle Teile unseres Volkes beschäftigende Kriegsbereitschaft und Wehrfähigkeit Deutschlands ist erheblich viel größer als dies in weiten Kreisen des Volkes angenommen zu werden scheint. Mit dieser Frage, auch um den Beweis zu führen, wie sehr mit Hilfe des sozialen Versicherungswesens der Kampf auf dem Weltmarkt erfolgreich geführt worden ist, i sich der Direktor im Reichsversicherungsamt Witowski in einem lesenswerten Aufsatze in der„Deutschen Juristen⸗ Zeitung“., Er behandelt unter dem Gesichtspunkte der Wehr⸗ ähigkeit die Wirkung der sozialen Versicherung auf die Ge⸗ neheis und Wohlfahrt der arbeitenden Klassen. Er zeigt zunächst, daß die 1 ee dem Vater⸗ and ein kriegstüchtiges Geschlecht erzogen habe. Imposante Zahlen sind es, die uns von dieser autoritativen Seite ge⸗ eben werden. Gegen 20 Millionen Personen gehören der krankenversicherung an. Vor ihrer Einführung blieben viele erkrankte Arbeiter ohne ärztliche Behandlung und verfielen vorzeitigem Siechtum. Jetzt verfügen die Krankenkassen über etwa 100 eigene Krankenhäuser, Lungenheilstätten und Ge⸗ nesungsheime. Bis 1912 haben die Krankenkassen 5½ Mil⸗ liarden Mark für ihre 579855 aufgewendet. 5
Nicht geringer ist die vorbeugende Tätigkeit bei der Unfallversicherung. Mannigfache Schutzvorrichtun⸗ gen verringern die Betriebsgefahren. Dafür sind bereits 30 Millionen Mark aufgewendet und 25 Millionen Arbeiter werden in 900 000 Betrieben vor Verletzungen und tödlichen Unfällen geschützt. Die Berufsgenossenschasten allein haben für das Heilverfahren bereits 170 Millionen Mark ausge⸗
eben. Ihre Gesamtleistungen belaufen sich auf 2,5 illiarden.
Am vielseitigsten, sagt Witowski, sei das schadenver⸗ ütende Wirken in der Invaliden⸗ und Hinterblie⸗ enen⸗Versicherung. Hier nimmt die Tuberkulose die
erste Stelle ein. Die Versicherungsanstalten verfügen in ihren 80 eigenen Heilanstalten über rund 10 000 Betten. Für sie sind 90 Millionen Mark aufgewendet worden. Jährlich werden etwa 50 000 Lungenkranke behandelt; die Erfolge sind ersichtlich. Während 1897 in 68 Proz der Fälle Besse⸗ rung eintrat, wurde sie 1912 schon in 92 Proz. erreicht. Die Dauererfolge vermehrten sich von 1897 bis 1907, also in 10 Jahren, von 27 auf 57 Proz. 1890 starben in Preußen 84 086 Personen an Tuberkulose, 1913 nur noch 56 583. Die weit über 100 Millionen, die die Versicherungsanstalten in den letzten 20 Jahren für die Lungenheilung ausgegeben haben, tragen in der Wiederherstellung vieler Tausender reiche Frucht. Für die wichtige Wohnungsfürsorge haben die Versicherungsanstalten bis 1913 über 480 Millio⸗ nen zu billigem Zinsfuß ausgeliehen und bis dahen über 2 Milliarden Mark der Volkswohlfahrt zugesuhrt. Die Ge⸗ samtleistungen der Träger der Arbeiterversicherung betrugen bis 1913 fast 11 Milliarden! So ist diese Versicherung wirt⸗ schaftlich ein Segen für die etwa 60 Millionen Versicherten eworden, und Hunderttausende, die in Feindesland für das Vaterland kämpfen, verdanken ihre Wehrfähigkeit der recht⸗ 2 50 und sachgemäßen Behandlung durch die soziale Ver⸗ icherung.
Ein weiteres wesentliches Verdienst der öffentlich⸗recht⸗ lichen Versicherung ist die Milderung der sozialen Gegensätze zwischen Unternehmern und Arbeitern. Be⸗ kannt ist das weitgehende Selbstverwaltungsrecht, das den aus freien Wahlen hervorgegangenen Vertretern der Arbeit geber und Versicherten ermöglicht, ihre Interessen zur Gel- kung zu bringen. Als der frevelhafte Ueberfall über Kaiser und Reich hereinbrach, marschierten die Arbeiterbataillone
Schulter an Schulter mit den übrigen Volksgenossen gegen
den gemeinsamen Feind.
Auch die Träger der Arbeiterversicherung lassen es nicht an sich fehlen, bei der Rettung des Vater⸗ landes mitzuhelfen. Hierüber berichtet die Juristenzeitung, daß etwa an 1 300 000 Personen 225 Millionen Invaliden⸗ renten und an 1 200 000 Unfallrentner jährlich 180 Millio⸗
nen Mark Entschädigungen gezahlt werden! Der Krieg wird diese Ausgaben beträchtlich erhöhen, weil nach der Ent— lassung aus dem Militärverhältnis viele nicht mehr voll erwerbsfähig sein werden.
Ueber die Reichsversicherungsordnung hinaus sind aus Anlaß des Krieges dem Versicherungsträger besondere Leistungen auferlegt worden durch die Gewährung der Wochenhilfe an die Ehefrauen usw. Ungeachtet ihrer Gesamt⸗ leistungen bis 1912 von rund 11 Milliarden betrug dennoch das Vermögen der Versicherungsträger 3 Milliarden. In Anleihen des Reiches und der Bundesstaaten haben sie 558 Millionen angelegt. Bei den ersten beiden Kriegs- anleihen waren sie gleichwohl noch mit 381 Millionen beteiligt. Besonders umfassend sind die außerordent⸗ lichen Kriegs leistungen der Versicherungsanstalten. Die der Aufsicht des Reichsversicherungsamtes unterstellten Anstalten haben an Zuschüssen für das Rote Kreuz, zur Be⸗ schaffung von Wollsachen für das Heer, an Beihilfen für Ostpreußen und Elsaß-Lothringen, Ausrüstung von Lazarett⸗ zügen usw. über 7 Millionen und an Darlehen zur Linde— rung der Kriegsnot über 40 Millionen Mark aufgewendet und dem Roten Kreuz über 6500 Betten eingeräumt. Schon nach diesen knappen Auszügen aus den interessanten An- gaben, wie sie uns hier in eingehender Darstellung geboten werden, ist die Wirksamkeit der sozialen Versicherung aus Anlaß des Krieges zu erkennen und daß sich unsere Arbeiter— versicherung machtvoll entwickelt hat. Sie hat, sagt Direktor Witkowski, den Arbeiterstand gesundheitlich, wirtschaftlich und sozial gehoben. Mit ihrer Hilfe haben wir den Kampf erfolgreich geführt. In der Tat, es sind interessante Zahlen, die uns hier von maßgebender Seite nachgewiesen werden. Sie beweisen nicht nur aufs neue, wie auch die Arbeiterver— sicherung im Deutschen Reiche turmhoch über allen sozialen Einrichtungen unserer Feinde schon in Friedenszeiten stand; wir dürfen mit berechtigtem Stolze uns vor allem ihrer in diesem Kriege erfreuen. Hört man oft die Frage, woher das Reich diese Millionen kräftiger, jugendfrischer Kämpfer aus dem Boden stampfen könne, so kann man sie nun damit be⸗ antworten: durch eine wunderbare Organisation auf allen Gebieten, deren Größe wir jetzt erst erkennen, deren Segen uns jetzt nach diesem Kriege als goldene Frucht für die Mit⸗ wirkung des ganzen deutschen Volkes zuteil wird.
2 die Rede des englischen Ministerpräfidenten.
Zu der schon mitgeteilten lurzen Inhaltsangabe der Rede As⸗ quith's wollen wir den ausführlichen Wortlaut nachtragen. Asquith wurde mit großem Beifall im Unterhause empfangen. Nachdem er die Teils ahme dos gesamten Hauses wegen des Un⸗ falls des Königs, dessen Verwundung glüg(erweise nicht ernst sei, ausgesprochen hatte, fuhr er fort:„Die Erklärung, die ich jetzt abgebe, wurde durch Verhältnisse verzögert, die ich bedauere, die ich aber nicht ändern konnte Diese Verzögerung hatte vielleicht einen Vorteil. Sie gab mit Gelegenheit, von allen möglichen Sciten Ratschläge, Ermah rungen und Warrungen zu erhalten.(Gelächter. Ich befürchte, viele Erwartungen enttäuschen zu müssen und nicht zune mindesten die Erwartungen der vielen unter meinen Rat⸗ gebern, die zu denken scheinen, daß es meine Pflicht sei, heute hier in der Kleidung eines Verbrechers auf der Anklagebank zu exscheꝛ⸗ nen, der versucht, sich so gut wie möglich in einer zweifelhaften Stellung zu verteidigen oder gar im Gewande eines Büßenden, der Absolution erbittet.(Gelächter.) Ich denke nicht daran, eine dieser beiden Haltungen einzunehmen.(Lauter Beifall.)
Ich spreche als Chef des Kabinetts(Hört, hört) und ich werde, soweit dies möglich ist, eine Uebersicht über den gegen wär⸗ tigen und zukünftigen Zustand der Nation geben, die, wie ich glaube, fest entschlossen ist, wie immer den Krieg bis zum siegreichen Ende fortzusetzen(Neuer Beifall) und die das Ver⸗ trauen in die Regierung setzt, wie auch immer diese zusammengesetzt sein wröge, daß diese alle Mittel anwenden und aus allen Quellen schöyfen werde, wenn es nötig ist, um unser gemeinschaftliches, höchstes Ziel zu erreichen.(Lauter Beifall.) Es ist wahr, daß heute einige Teile des Horizonts bewölkt sind. Dieser Krieg ist ebenso wie alle anderen Kriege reich an Ueber rasch⸗ ungen und Enttäuschungen für alle Kämpfenden gewesen. Was unfer Land betrifft, so scheint es mir, daß in diesem Augenblick in außergewöhnlich hohem Maße drei Dinge notwendig sind, näm⸗ lich ein klarer Blick, ein unbegrenzter Vorrat an Geduld und ein
Brabant und hessen.
IV.
Brabant und Hessen, diese Zusammenstellung wird pielen fremd ins Ohr klingen. Ihre Beziehungen sind längst ver⸗ gessen. Sie sind auch im Mittelalter nie sehr rege gewesen, wie denn Brabant und Brabanter je länger je fremder Deutschland und dem Deutschtum gegenüberstanden. 5
Die Vermählung Landgraf Heinrich Raspes von Thüringen und Hessen mit Beatrix von Brabant, der Tochter Herzog Hein⸗ richs II., und der Ehebund, den Herzog Heinrich selbst ein Jahr später(1242) mit Sophie von Thüringen, der Tochter der heiligen Elisabeth und Nichte Heinrich Raspes, einging, knüpften die ersten Bande zwischen Brabant und Hessen. Wir können an⸗ nehmen, daß Herzog und Landgraf auf den Hoftagen Kaiser Friedrichs II. bekannt und befreundet geworden sind. Aus An⸗ hängern des Staufers sind beide später dessen erbittertste Gegner geworden Wir hörten schon, daß Herzog Heinrich ein Haupt⸗ förderer der Wahl seines Schwiegersohnes zum Gegenkönig Fried⸗ richs II. gewesen ist. 5 5
Heinrich II. von Brabant hat mindestens zweimal, wahr⸗ heinlich aber dreimal wenn nicht öfter, die Heimat seiner zweiten Gattin— in erster Ehe war er mit Maria, der Tochter König
hilipps von Hohenstaufen, vermählt gewesen— besucht. Daß er 242 auf der Wartburg weilte, um Sophie von Thüringen imzuführen, und bei Hin⸗ und Rückreise Hessen berührte, dür⸗ en wir annehmen. Zum zweitenmal ist er in Deutschland ge⸗ wesen, um persönlich an der Wahl Heinrich Raspes teilzuneh⸗ men. Damals mag er wohl gemeinsam mit einem Schwiegersohn die nicht mehr vorhandene, aber drei Jahre. von Landgräfin Sophie bestätigte Schenkungsurkunde für Kloster Butzebach bei Frankenberg, in der dieser als römischer König bezeichnet war. ausgestellt haben. Zum letztenmal führte ihn im Frühjahr 1247 sein Weg nach Hessen. Im Februar war König Heinrich Raspe gestorben. Der Streit um das thüringische Erbe entbrannte. Es galt für Herzog Heinrich, das Erbrecht seiner Gattin und seiner Kinder zweiter Ehe, vor allem aber seines damals drei⸗ jährigen Sohnes Heinrich zu wahren. Im Mai 1347 hat er in und um Marburg geurkundet und landesherrliche Rechte aus⸗ sellbt. Der Kampf um die Mainzer Lehen des Landgrauenhauses, 5 noch viele Blätter der hessischen Geschichte füllen sollte, hat
schon unter ihm begonnen. Papst e IV. hat vergebens 1 ihn beizulegen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß 1 inrich daran gedacht hat, mit Hilfe seines Neffen, König Wil⸗
helms von Holland, sich selbst zum Landgrafen von Thüringen zu erklären. In einem Lehensrevers, den ihm Graf Adolf von Berg, der offenbar in seinem Gefolge nach Hessen gezogen war, über die Burg Windeck ausstellte, läßt er sich f von Thüringen und Herzog von Brabant“ nennen.
Heinrichs II. letzter 12 in Hessen ist nur kurz ge⸗ wesen. Am 1. Februar 1248 ist er in Löwen gestorben. Seine Witwe Sophie, die sich von da an bis zur Volljährigkeit ihves Sohnes„Landgräfin von Thüringen, Herrin von Hes⸗ sen, verwitwete Herzogin von Brabant“ nennt, übernahm nach seinem Tode die Vormundschaft über ihren unmündigen Sohn und die Herrschaft über das Land Hessen. Mit männlicher Tat⸗ kraft und diplomatischem Geschick hat sie die Rechte Heinrichs des Kindes gegen ihren Vetter, den Markgrafen von Meißen, den Erzbischof von Mainz, der die hessischen Lehen für heim⸗ efallen erklärte, und ihren unbotmäßigen Adel vertreten und dug gerte. Sie ist gelegentlich noch nach Brabant zurück⸗ gekehrt. Als Wittum war ihr hier die Herrschaft Aerschot zuge⸗ wiesen. Das Hospital in Löwen ist von ihr gestiftet worden. Im übrigen scheint sie sich bis zu ihrem am 29. Mai 1275 erfolgten Tode fast ausschließlich in Hessen aufgehalten und in Marburg, nach dem sie gelegentlich„domina de Marburg“ fannt wird, Hof gehalten zu haben. Ihre letzte Ruhestätte hat die„domina de Marburg“ nicht hier, sondern in der Heimat ihres Gatten, in der Abtei Villers in Brabant, gefunden.
Auch ihr Sohn, Hessens erster Landgraf, Heinrich das Kind, hat sein Geburtsland Brabant, das er schon in frühester Jugend, spätestens 1248 verlafsen hat, nur besuchsweise aufge⸗ sucht. Im Gegensatz zu anderen nachgeborenen Prinzen des bra⸗ bantischen Hauses, die mit Herrschaften und Gvafschaften ausge⸗ stattet wurden, ist er aus der Erbschaft seines Vaters nicht mit Land, sondern wohl mit Geld abgefunden worden. Wenn die Land⸗ gräfin Sophie benachbarte Grafen und Herren gegen die Zahlung großer Summen in ihre Dienste nimmt, wenn sie mit ihrem Sohne dem Erzbischof von Mainz die große Summe von 2000 Mark zu⸗ sicherte, wenn beide 1265 Stadt und Grafschaft Gießen von dem Pfalzgrafen von Tübingen erwerben konnten, so liegt es auf der Hand, daß diese für jene Zeiten außerordentlichen Summen nicht aus den Einkünften des armen Hessenlandes, sondern nur aus der Abfindung Heinrichs aus der Brabanter Erbschaft stammen konnten. Insofern ist die Herkunft des ersten Landgrafen von Hessen aus dem Hause Brabant der Entwickelung der fungen Landgrasschaft sicher von großem Nutzen gewesen.
„
Donnerstag, J. November 1915
Rotattonsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: e ol, Schrist⸗
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.
Ueberfluß an aktivem und passivem Mut.(Beifall.) Ich denke nicht, daß unsere Nation in ihrer Gesanrtheit— ich habe sichen nur nötig, ganz im Vorübergehen auf eine lleine Cligue von Be⸗ rufsjammerern hinzerweisen, die unsere Feinde täglich durch ihre Kost mit eitlen Hoffnungen beseelt— ich glaube nicht, sage ich daß das britische Volk in seiner Gesamtheit Mangel an den Eigenschafter hat, die ich soeben nannte. Alles, was die Nation verlangt, ist, zu vernehmen— soweit das mit unseren diplomatischen und mili⸗ tärischen Forderungen in Uebereinstimmung zu bringen ist— wie unsere Angelegenheiten shehen und sicher zu sein, daß die Angelegen⸗ heiten bei der Fortdauer des Krieges sich fortbauernd kräftig ent⸗ wickeln werden. 5 0
Als wir den Krieg begannen, haben wir sechs Infanterie⸗ und zwei Kavallerie⸗Divisionen nach dem Kontinent gesandt. Bei den Operationen, die Sir John French soeben beschrieben hat, hatte dieser den Befehl über beinahe eine Million Menschen (Beifall). Hierzu kommen noch die Truppen an den Dardanellen, in Aegypten und auf anderen Kriegsschauplätzen, ebenso noch die Reserven in den Garnisonen zur Verteidigung des britischen Reiches in seinen weiter entlegenen Teilen.
Wie ist diese Riesenmacht auf die Beine gebracht worden durch ein Volk, das nie darnach gestrebt hat, eine Militärmacht zu sein, und dessen wichtigste Stütze seine Flotte gewesen ist, die von jedermann in dem vereinigten britischen Reiche stets als das einzige angesehen wurde, wonach wir in allererster Linie trachten müssen? In den letzten 15 Monaten haben wir eine beispiel⸗ lose Anzahl Leute für das Heer außerhalb der Marine angeworben. Die Beihilfe der Inder ist, wie bekannt, glänzend. Kanada gab 96000 Mann für die Expeditionstruppen. Australien sindte 92 000 Mann, Neuseeland 25000 Mann, Sädafrika sandte nach einem gut gelungenen glänzenden Feldzug wichtige Kontingente für den Dienst in Mittelostafrika und gab noch 6500 Mann für den Dienst in Europa.(Beifall.) Neufundland sandte 1600 Mann als Ersatzmannschaft für die Flotte. Westindien sandte 2000 Mann. Ceylon und die Fidschi⸗Inseln sandten Kontingente. Es ist bemerkenswert bei diesen Zehen, daß sie nur Streitkräfte in der Form von vollständigen Einheiten enthalten. Seit Be⸗ ginn des Krieges transportierte die Trans portabteilung der Flotte für Militärzwecke 2) Millionen Offiziere und Mannschaften, 320 000 Kranke, Verwundete, Pflegeschwestern, eine halbe Mil⸗ lion Tonnen Vorräte und Munition, 800 000 Pferde, Maulesel und Kamele. Diese Operationen machten 1000 Fahrten über das Meer nötig, die durch deutsche Treuzer bedraht wurden und die jetzt selbst noch in gewissem Maße, wenng'eich stets weniger, den Angriffen von Unterseebooten ausgesetzt sind. Es ist bemerkens⸗ wert, daß die Verluste an Menschenleben bei diesen Unter⸗ nehmungen zur See weniger als ein Zehntel Prozent betragen. (Beifall.) Ich glaube nicht, daß in der Weltgeschichte eine Nation, in welcher Periode auch, auf ähnliche Taten verweisen kann. Die Zahlen enthalten nicht die Millionen Tonnen Vorräte, vor allen Dingen Kohle und Oele, die wir für die Flotte unserer Verbündeten transportiert haben.
Ich verweise hier noch auf die Leute unserer großen Flotte, die in ausgedehnten Fernen unbemerkt im Hintergrunde l ben, aber die dem ganzen Reiche durch ihre Tätigkeit und ihre Wachsamkeit Dienste leisten, die uns nicht allein gegen jeden Einfall sichern, sondern die auch vom einen Ende der Welt bis zum andern die See nicht allein von den Kreuzern, sondern auch von der ganzen deutschen Handelsflotte reingefegt haben. Wo ist die große Flotte, von der so viel gesprochen wurde, und die so viel Wissenschaft und Geld erforderte, die eine fortdauernde Bedrohung des vereinigten Königreichs war) Sie ist eingeschlossen in die Ost⸗ see und wagt nicht, sich auf dem Moere zu zeigen, wo wir sie auf⸗ suchen und mit ihr abrechnen könnten. Die Gesamtwirkung der deutschen Kriegsmacht zur Ser nach 15 Kriegsmonaten ist auf einige mehr oder weniger svoradisch auftretende Versuche der Untersee⸗ boote e worden, die mehr unschuldige und unschädliche Bürger in die Tiefe der See schicken, als daß sie militärischen Schaden anrichten. Derartige Ziffern find beredter als ganze Kolonnen von Rhetorik. Ich weiß kein besseres Heilmittel für Leute, die Neigung zur Niedergeschlagenheit oder zu Zweifeln
„als sie darauf hinzuweisen, daß das britische Reich dabei ist, sich durch den größten Kampf, der je in der Woltgeschichte statt⸗ gefunden hat, durchzuschlagen. Ich s e keine Verteidigung aus lauter anhaltender Beifall), um die Haltung von Volk und Reich zu entschuldigen, die beide so Glänzendes geleistet haben, oder die Haltung der Regierung zu verteidigen, die stets nach bestem Ver⸗ mögen und gestützt durch das Vertrauen unserer Landesgenossen, diesen großen Krieg versorgt, vorbereitet und leitet“
Asquith sprach nun über die verschiedenen Kriegsschauplätze und wies besonders darauf hin, daß auf dem westlichen Kriegsschauplatz die Deutschen seit April keinen Fuß Ge⸗
biet mehr haben und setzte hinzu, daß hiermit noch lange nicht alles gesagt sei. In Bezug auf den östlichen Kriegsschau⸗ platz sagte Asquith, das britische Reich habe das größte Vertrauen
mne
Herzog Heinrich II. hatte sich noch viel mit den deutschen Ver⸗ hältnissen befaßt. Seine Nachfolger orientierten ihre Politik immer mehr nach der französischen und englischen Landgraf Heinrich das Kind und seine Nachfolger hatten in Hessen alle Hände voll zu tun, um ihre Stellung zu behaupten und zu verstärken. Kein Wun⸗ der, daß die Beziehungen des hessischen Zweigs zu dem Brabanter Hauptstamm mit der Zeit immer loser und spärlicher wurden. Als 1260 Herzog Heinrich III., der Stiefbruder des ersten Land⸗ grafen, starb und nur unmündige Kinder hinterließ, hat allerdings Heinrich das Kind gemeinsam mit seinen Vettern, dem Bischof von Lüttich und dem Grafen von Geldern, die Vormundschaft über seinen Neffen, Herzog Heinrich(IV.), übernommen und eine Zeit lang geführt. In den Jahren dieser Vormundschaft hat er sich in einen Urkunden gelegentlich als„Landgraf und Herr zu Hessen,
rmund von Lothringen und Brabant“, auf seinen Siegeln als „Bruder des Herzogs von Brabant“, später(1267) als„Vyr⸗ mund des Herzogs von Brabant“ bezeichnet, ein Beweis dafür, welchen Wert er auf dieses Verhältnis legte. Zum letzten Male scheint Landgraf Heinrich im Jahre 1279 in seiner alten Heimat geweilt zu haben. Am 25. November dieses Jahres hat er zu Brüssel seinen Verzichtbrief auf die Eigentümer des Brabanter Hauses zu⸗ gunsten seines Neffen, Herzog Johanns I., ausgestellt. 1285 end⸗ lich finden wir ihn noch einmal in Beziehungen zu Johann I., der ihn damals gemeinsam mit Gerhard von Luxemburg bevollmäch⸗ tigte, in seinem Namen von König Rudolf von Habsburg das Herzogkum Limburg, auf das Gerhard verzichtete, zu Lehen zu nehmen.
Damit bricht der Zusammenhang zwischen Hessen und Brabank ab, Wenigstens haben wir aus späterer Zeit kein Zeugnis mehr dafür, daß der Hauptstamm des Brabantischen Hauses, der noch etwa ein Dreivierteljahrhundert weiterblühte, noch mit der von Landgraf Heinrich J. abstammenden Nebenlinie in Hessen in irgendwelcher Verbindung gestanden hätte. Hessen und Brabant sind sich seit 1285 völlig fremd geworden. Wenn im 18. und 19. Jahrhundert hessen⸗ kasselische und hessen⸗darmstädtische Truppen, zum Teil unter der Führung hessischer Prinzen, auf brabantischem Boden gefochten und sich hier unvergängliche Lorbeeren erworben haben, so il ihnen wohl genau so, wie den meisten Hessen, die in dem gegenwärtigen Weltkriege den Boden Brabants betreten haben, kaum zum Bewußt⸗ sein W daß dieses Brabant die Wiege ihres Herrscherhauses gewesen ist.
——


