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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famllienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Sießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirischaftlichen Zeit⸗ ragen“ erscheinen monatlich zwernal.
105. Jahrgang
Aus dem neiche.
Kriegswohlfahrtspflege der Postbeamtenschaft.
Die unter dem Vorsitz des Wirklichen Geheimen Ober- Postrats Vorbeck, des Ober-Postdirektors von Groß-Berlin, mit Unterstützung aller postalischen Fachvereinigungen des Reichs⸗Postgebiets sogleich nach Kriegsausbruch unter den Postbeamten in die Wege geleitete Sammlung zur Linde⸗ rung der Kriegsnot„Kriegsspende von Angehö⸗ rigen der Reichs-Post⸗ und Telegraphenver⸗ waltung“ hat während des ersten Jahres ihres Be⸗ stehens ein Ergebnis gehabt, das der Opferwilligkeit der ee das beste Zeugnis ausstellt. Die Gaben⸗ iste weist nach Ablauf des ersten Jahres einen Betrag von 1 Million und 706 598.39 Mk auf Von den eingesam⸗ melten Beträgen sind bisher 1 183 000 Mk. verteilt worden. Es haben u. a. erhalten: 1. die Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen 500 000 Mk.; 2. das Rote Kreuz 170 000 Mk.; 3. das Kriegsministerium zur besseren Verpflegung Verwundeter in den staatlichen Reservelazaretten, für die Kriegsinvalidenfürsorge usw. 125 000 Mk.; 4. die Kriegsnotleidenden in Ostpreußen 100 000 Mk.; 5. die Kriegsnotleidenden in Elsaß⸗Lothringen 30 000 Mk.; 6. der Nationale 5 de en 25 000 Mk.: 7. der deutsche Verein für Sanitätshunde 16 000 Mk.; 8. das Oesterreichische Rote Kreuz 34000 Mk.; 9. das Ungarische Rote 8 20 000 Mk.; 10. der Rote Halbmond 30 000 Mk.; 11. die Hilfe für kriegsgefangene Deutsche 20 000 Mk. usw. Neben dieser allgemeinen Sammlung, die sich in erster Linie die Unterstützung der großen, das ganze Reichs- gebiet umfassenden Organisationen für die Liebestätigkeit zur Aufgabe gemacht hat, haben sich in den einzelnen Ober⸗ 1 tdirektionsbezirken noch besondere Sammlungen ge⸗ ildet, deren Ergebnisse den örtlichen Kriegswohlfahrts⸗ 1 15 zugute kommen. Bisher sind für diese Zwecke eine
illion und 621000 Mk. aufgebracht worden. Die Ge⸗ samtspende der Postbeamtenschaft für Kriegswohlfahrts⸗ zwecke beträgt mithin 3 Millionen und 327000 Mk. Das Ergebnis muß um so höher bewertet werden, als rund 8⁰ Postbeamte, d. h. ungefähr ein Drittel des gesam⸗ ten Personals im Felde steht. Die Reichspostbeamtenschaft sieht es als ihre Ehrenpflicht an, an der Linderung der Kriegsnot nach besten Kräften mitzuwirken. Sie hat des⸗ halb einstimmig beschlossen, die Sammlungen für die Dauer des Krieges fortzusetzen. Es können mithin noch weitere erhebliche Mittel erwartet werden.
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Berlin, 30. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Auf die zum 21. Oktober an den Kaiser gerichteten Glückwünsche des preußischen Staatsministeriums ist folgende telegraphische Antwort ergangen: Großes Hauptquar⸗ tier, 29. Oktober 1915. Dem Skaatsministerium Meinen wärmsten Dank für die erhebenden Worte, mit denen es Mir am Tage der 500 jährigen Herrschaft Mei⸗ nes Hauses in der Mart Brandenburg das Gelöbnis der Treue erneuert hat. Wunderbar erscheint bei einem Rück⸗ blick auf das vergangene l Jahrtausond branden⸗ burgisch⸗preußischer Geschichte die göttliche Führung. Ueber Tiesen und Höhen hinweg wurde Mein Haus von dem Kurhut zur Kaiserkrone und die kleine Mark zum Mittel⸗ punkt des Deutschen Reiches erhoben, dessen starke Kraft sich in dem aun Völkerringen, dem schwersten aller Zeiten, Fveund und Feind gegenüber glänzend bewährt hat. Voller Demut bekenne Ich mit dem gesamten deutschen Volke:„Bis hierher hat der Herr 15 80 Er wolle uns auch er in Gnaden beistehen und das mit seinen Fürsten und freien Städten in Einmütigkeit und Opfermut uner⸗ schütterlich zusammenstehende deutsche Volk, geläutert und gesestigt durch die trüben Tage der schweren Heimsuchung,
Montag, J. November 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.
hindurchführen zu dem hellen Sonnenlicht des Friedens zu neuem, kraftvollem Wirken auf der ihm von der gött⸗ lichen Vorsehung gewiesenen Bahn. Wilhelm, R.
Berlin, 30. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Reichs⸗ anzeiger“ veröffentlicht folgende am 1. November in Kraft tretende Bestimmung des Stellvertreters des Reichs kanz⸗ lers: Abschnitt 11 der Bekanntmachung über die Festsetzung der Grundpreise für Butter und die Preisstellung für den Weiterverkauf vom 24. Oktober erhält folgenden Zusatz: Liesert ein Großhändler an einen Kleinhändler Butter in kleinen Packungen, in denen sie unmittelbar an die Verbraucher abgegeben werden bann, insbesondere in Halbpfundpaketen, sa darf der Zuschlag für den Groß⸗ handel um drei Mark erhöht werden; um den gleichen Be⸗ trag vermindert sich der zulässige Zuschlag für den Klein⸗ handel.
Berlin, 1. Nov. Wie mehrere Morgenblätter melden, liegt nunmehr der Abschluß der Obst- und Fruchtsaft⸗ sammlungen des Vaterländischen Frauenver⸗ eins anläßlich des Geburtstages der Kaiserin vor. 10 156 Spender brachten dem Frauenvereins 24332 Kg. Früchte und Marmeladen, 3680 Kg. Fruchtsäfte und außer⸗ dem 1343 Mk. bares Geld. Der Wert der Waren wird von sachverständiger Seite auf mindestens 75000 Mk. geschäßt. Mit der Sichtung und Ordnung der Waren waren 60 Sol⸗ daten sechs Tage lang beschäftigt.
Berlin, 30. Okt. Der Parteivorstand der Sozial⸗ demokratie veröffentlicht eine Mitteilung des Partei⸗ vorstandes und des Parteiausschusses über die Lebens- mittelfrage. Es wird anerkannt, daß die Regierung sich der Kenntnis der hier drohenden Gefahr nicht ver⸗ schlossen habe, aber betont, daß die neuesten Verordnungen nicht genügen. Es werden erneut folgende Forde run⸗ gen aufgestellt: Nach Art der Brotversorgung sind alle wichtigen Lebensmittel zu beschlagnahmen und an die Ver⸗ braucher zu Höchstpreisen abzuführen, die die Kriegskon⸗ junktur ausgleichen und jedenfalls auch für die minder⸗ bemittelte Bevölkerung erschwinglich sind. Die Höchstpreise müssen unter Berücksichtigung der örtlichen nach Bezirken für das ganze Reich und zwar sowohl für den Produzenten als auch für den Großhändler wie für den Kleinhändler festgesetzt werden. Der durch wilde Speku⸗ lation des privaten Handels in die Höhe getriebene Preis des aus dem Auslande eingeführten geringen Quan tums an Lebensmitteln und Futtermitteln darf unter keinen Umständen zum Maßstab für die Preisgestaltung auf dem inländischen Lebensmittelmarkt dienen.— Den Gemeinden ist die Verpflichtung aufzuerlegen, daß sie ihre Einwohner mit Lebensmitteln versorgen, ihnen müssen aber zu gleicher Zeit die dazu erforderlichen Rechte und Preigseftfeh ungen verliehen werden.— In einer Eingabe der Vor⸗ stände der sozialdemokratischen Partei und der Generallommission der Gewerkschaften, die dem Reichskanzler am 27. Oktober unterbreitet worden ist, wird verlangt, daß den Familien der Kriegsteilnehmer für die Monate November bis März Kartoffeln und Kohlen auf Kosten des Reichs geliefert werden und daß den Gemeinden die n übertragen wird.
böln, 30. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Die Firma Ge⸗ brüder Stollwerk, Köln, die, wie man sich erinnert, anläßlich des Geburtsta von Generalfeldmarschall Hin⸗ denburg 10000 Kilo Schokolade für die Truppen an der Ostfront gestiftet hat, stellte neuerdings weitere drei Waggons zu je 5000 Kilo für die Armee der Westfvont zur Verfügung, ferner 10000 Kilo für die veveinten Trup⸗ pen der siegreichen Mackensen⸗Armee und 5000 Kilo für die erfolgreichen Verteidiger der Dardanellen. Außerdem hat das österreichisch-ungarische Zweighaus der Gebrüder Stoll⸗
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Verhältnisse
werk 10 000 Kilo im Werte von 100000 Mark, hinxeichend für 2½ Millionen Tassen des kräftigen Nährmittels über⸗ wiesen.
Dresden, 31. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der Kaiser hat 15 29. Oktober an den König nachstehendes Telegramm gesandt:
„Es macht mir Freude, Dir mitzuteilen, daß ich dem Kronprinzen in Anerkennung der guten Dienste, die er bei den letzten schweren Kämpfen geleistet hat, auf Vorschlag des Oberbefehlshabers das Eiserne Kreuz erster Klasse ver⸗ liehen habe.“
Aus Stadt und Cand. Gießen, 1. November 1915.
Fettknappheit, keine Fettnot.
Es ist nicht richtig, wenn heute über eine Fettnot geklagr wird. Eine solche könnte nur dann anerkannt werden, wen ein Fettverbrauch in dem bisherigen Umfange nötig wäre Dies ist ohne jeden Zweifel nicht der Fall. Das Fett dient ausschließlich als Kraftspender und kann zu diesem Zwecke bis zu einem sehr weitgehenden Grade ohne jeden Schaden vollständig durch andere kraftspendende Nahrungsmittel ersetzt werden. Als solche kom⸗ men insbesondere die zucker- und stärkehaltigen Nah⸗ rungsmittel in Betracht.
Der Fettverbrauch ist in den letzten Jahrzehnten, besonders in den Großstädten, außerordentlich gestiegen, da das Fett als Genuß⸗ mittel geschätzt wird. Von dem Durchschnittsverbrauch in den letzten Jahren in Höhe von 106 Gramm täglich auf den Kopf der Bevölkerung kann man sicherlich ohne jedes Bedenken 3 durch eine entsprechende Menge von Kohle⸗ hydraten ersetzen. Ein täglicher Fettgebrauch von 35—40 Gramm ist unter diesen Umständen als 5e e anzusehen. Für einen solchen Verbrauch sind zweifellos ausreichende Fett⸗
mengen, auch auf längere Zeit vorhanden.
Danach kann von einer Fettnot gar keine Rede sein. Es ist zwar ein reichlicher Fettgenuß im bisherigen Umfange nicht mehr möglich, wir können aber das Fett leicht ersetzen, und zwar durch Herstellung wohlschmeckender und nahrhafter warmer Speisen mit wenig Fett, vor allen Dingen aber durch Einschränkung des Fettaufstriches zum Brot zugunsten zuckerhaltiger Stoffe wie Syrup, Kunsthonig, Rübensaft und vor allen Dingen N die in diesem Jahre reichlich zur Verfügung tehen.
* Vom Füsilier zum Hauptmann! Oberleut⸗ nant d. R. Hermann Böning, Retter des Eisernen Kreu⸗ 955 Inhaber der Hess. Tapferkeitsmedaille und anderer
rden, wurde durch A. K. O. zum Hauptmann d. R. be⸗ fördert. Böning ist durch seine rege Tätigkeit in Friedens⸗ zeiten auf den Gebieten der vaterländischen Jugendpflege, es Kriegervereinswesens, des Roten Kreuzes, des Wehr⸗ vereins und vieler ähnlicher Bestrebungen, unter anderem
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seit Beginn des eges im Felde, versah in vorderster Linie den Dienst als Kompagnie⸗ und Bataillonsführer und verwaltet zurzeit einen besonderen Vertrauensposten in der 5. Armee. Die Beförderung verdient insofern Ne Be⸗ achtung, weil Herr Böning, der von der Pike auf ge⸗ dient hat und aus dem Unteroffizierstand hervorgegangen ist, schon in Friedenszeiten wegen hervorragender Kennt⸗ nisse und Leistungen zum Leutnant der Reserve befördert wurde und jetzt im Feldzug sich zum Hauptmann empor⸗ gearbeitet hat.
Aula des Gymnasiums fand am Donnerstag die zweite Mitgliederversammlung statt. Im Mittelpunkt der l stand ein Vortrag eines Mitgliedes des Vereins. Die klaren und lehrreichen Ausführungen der Vortragenden behandelten die auf dem Butter⸗ markte herrschende Teuerung und die Mittel, ihr zu begegnen. Die sich an den Vortrag anschließende Aussprache war sehr lebhaft. Nachdem auch die übrige Tagesordnung
Darmstädter Hoftheater.
Das neue Drama von Karl Schönherr,„Der Weibs⸗ teufel“, das Freitag abend hier zur ersten Aufführung kam, ist schon durch seine taufführungen im Wiener Hofburgtheater und besonders durch Max Reinhardt in den Berliner Kammer⸗ spielen den Literaturfreunden einigermaßen bekannt geworden. Bei uns in Hessen hat es in letzter Zeit besonders insofern von sich reden gemacht, als es bei seinem Erscheinen auf dem Spielplan des Mainzer Stadttheaters einen derartigen Sturm von Entrüstung hervorrief, daß sich die Mainzer Theaterdeputation. veranlaßt sah, das Stück unaufgeführt wieder vom Theaterzettel verschwinden zu lassen. Vor wenigen Tagen ist dann auch noch eine Bekanntmachung des Mainzer Gouvernements erschienen, in welcher die Aufführung des„Weibsteufel“ bei einer Strafe bis zu 600 Mark oder 6 Wochen Haft für den Bereich des Gouverne⸗ ments verboten wird. Ueber die Gründe zu diesem Verbot hat man leider nichts Näheres erfahren, und man kann sich darüber also nur in Vermutungen ergehn. Jedenfalls aber können, wie man vielleicht aus dem pikanten Titel schließen möchte, bestimmte Sitt⸗ lichkeitsgründe dafür nicht angeführt werden oder Bedenken reli⸗ iöser Art dafür nicht in Betracht kommen. Das Drama„Der Weibsteufe“ perlangt nur drei Personen, den Mann, das Weib
und den jungen Grenzjäger. Die urwüchsige, von Kraft strotzende Frau hat den alternden, kränkelnden Mann, den Schmuggler, geheiratet und lebt mit ihm seit 6 Jahren in der Einöde an der Grenze in dem einzigen Gedanken der Geldgier. Da kommt der junge Jäger ins Haus mit der Absicht, durch Anknüpfung einer Liebelei den Schmuggler zu entlarven und sich den Stern an der Uniform zu verdienen. Aber in der Frau erwacht bald nach der ersten Aussprache die Sinnesgier, der männlich⸗derbe Bursche at es ihr angetan, die„Bestie“ in ihr regt sich. Sie hat plötzlich ie ganze Jammerhaftigkeit ihres Mannes erkannt und ein Schauder ergreift sie bei seinem bloßen Anblick. Aber auch der Jäger ist ihr nur mehr ein Mittel zum Zweck: Als ihr der Mann das schöne Stadthaus erworben und testamentarisch verschrieben at, peßt sje die beiden Männer aufeinander und suggeriert dem
a ie Ermordung ihres Gatten, der denn auch im Streit er
55 wird. Die drei grundverschiedenen Charaktere sind mit fast
unheimlicher Schärfe realistisch wahr gezeichnet, aber es ist dem
Dichter doch nicht gelungen, den„Teufel im Weibe“ mit klarer
Logik Zu begründen. Sein Erwachen nach sechsjähriger Entsagung
und Samaritertätigkeit kommt zu unvermittelt; auch wird man kaum berstehen, weshalb sich der„Weibsteufel“ schon vor dem Besit
des ersten Helden ihrer Sinne nach weiteren Opfern sehnt, die
sie als Erbin des schönen Stadthauses zu gewinnen denkt und
auch die Darstellung, die die grellen Gegensätze noch unter⸗
streicht(namentlich in dem fortwährend kreischenden und krätzenden
„Mann“), vermochte diese Schwäche nicht zu verringern. Im allge⸗
meinen muß gesagt werden, daß das„Psychologische“ der drei eure sterhand gezeichnet ist und seine tiefe Wirkung auf
das Publikum nicht verfehlte. Die Darstellung lag in den Hän⸗ den des Frl. Herta Alsen und der Herren Kurt Westermann und Hans Baumeister, der auch mit Umsicht und Geschick die Spielleitung durchführte. Nach dem dritten und letzten Akt löste sich die Spannung des Hauses in mehrmaligen stürmischen Her⸗ vorrufen und auch das in der kleinen Hofloge anwesende Groß⸗ herzogspaar beteiligte sich an den Beifallsspenden. E b. *
— Berliner Theaterbrief:„Maria Stuart“ bei Reinhardt. Aus Berlin wird uns geschrieben: Selten wurde ein Theaterabend mit soviel Spannung erwartet, wie die seit Wochen angekündigte„Maria Stuart“ Inszenierung Max Reinhardt's, die endlich Freitag Ereignis ward. Sel⸗ ten wurde auch eine Vorstellung von soviel Zwischenfällen, Mei⸗ nungsverschiedenheiten, Presseerörterungen eingeleitet. Als Köni⸗ gin Elisabeth wurde Hermine Körner vom Fresdener Hof⸗ theater angekündigt, und diese Ankündigung rief eine lange Reihe von Differenzen hervor. Die Leitung der Dresdener Hofbühne erklärte, daß Frau Körner vertraglich gebunden sei und daher kein Recht habe, in Berlin aufzutreten; Hermine Körner erklärte, daß sie frei sei; die Dresdener Intendanz erklärte Frau Körner kontraktbrüchig, kein Theaterdirektor, der dem Bühnenverein an⸗ gehöre, dürfe sie engagieren; Reinhardt erklärte seinen Austritt aus dem Bühnen verein. Und nach allen diesen Erklärungen und Gegenerklärungen ging Freitag schließlich der Vorhang auf, der Streit der Parteien war verstummt, die Kunst kam zu Worte. Und es zeigte sich, daß dieser Abend nicht zwecklos so heiß und laut umstritten worden war. Diese Inszenierung des Schillerschen Trauerspiels gehört zu den Besten, was Reinhardt zu geben hat, sie zeigt ihn auf einer Höhe, die historische Gestalten in die Gegen⸗ wart ruft, Worte zu pulsendem Leben formt und selbst die ge⸗ schichtliche kühle Belastung und das langsam und starr schreitende Hofzeremoniell aus seiner prunkvollen Bildhaftigkeit zu lösen und unserem Verständnis nahe zu bringen vermag. Dieses reich stilisierte, in prunkhaft strenge Räume und stilreiche Kostüme ge⸗ kleidete Zeremoniell gab der Aufführung Hintergrund Rahmen und Grundton. Und eine geistige, menschlich⸗natürliche Gliederung des Schillerschen Verslaufes, die Gedanken und Gefühle aus dem Reigen kalter Schönheit hob und 15 blut voller Wirklichkeit machte, ohne jedoch jemals die Grenze des Erlaubten zu überschreiten, Muß das Ewig⸗Menschliche zwischen zwei Königinnen, die in gleichem
aße Herrscherinnen und Frauen sind. Die Elisabeth Hermine Kör⸗ ner war eine Königin von Koyf zu Fuß, eine strenge, stolze, purita⸗ nische Königin, eine Fürstin, die Hofluft atmet mit der Selbstver⸗ ständlichkeit der Gotterwähltheit. In allen Herrscherszenen, in denen Elisabeth in der Mitte ihrer Paladine steht, stand eine Königin auf der Bühne, eine Königin, die nichts mit der Billig⸗ keit des Theateradels gemein hat, eine Königin in Haltung und Blick, in Miene, Bewegung und Stimme. Dort aber, wo Elisa⸗ beth Mensch sein darf, Mensch sein muß— in den Gesprächen mit dem sehr weiblich geliebten Leicester, in dem Aug' in Aug
mit der verhaßten Stuart, in den Szenen des Zweifels und der erlösenden und doch so schrecklichen Gewißheit— hob Hermine Körner diese Königin mit der gleich starken Kraft reinen Künstler⸗ tums zum Menschen, zum Weibe empor. Die Schottenkönigin. Stuart Maria Feins ließ das Menschliche vor dem König⸗ lichen sprechen. Dem schillernden Intellekt ihres Spiels, dem dunklen Sang ihrer alle Gefühlsstimmungen malenden Stimme Sole die Vereinigung jugendlicher, sinnlicher Schwäche, hohen
tolzes, geborenen Königskums und aller irdischen Güter ent⸗ kleideten Elends auf ergreifende, niemals ermattende, nirgends krstarrende Weise. Ferdinand Bonn war Graf Leicester. Wieder einmal zeigte es sich, welch großer Schauspieler Bonn sein könnte, wenn es ihm gelänge, sein Theaterhaftes völlig abzu⸗ streifen. Es gelang auch in überraschendem Maße; bis zum letzten Akt, wo das pochende Theaterblut mit dem gebändigten Darstel⸗ ler durchging. Trotz allem: eine bedeutende Leistung, Gut, nur manchmal zu gejagt war der Mortimer Paul Bildt's. Am besten in der jugendlich⸗geklärten Sterbeszene.
-„Der Schuh“. Aus Zürich wird uns geschrieben: Eine sehr interessante und in ihrer Ausführung wohlgelungene Ausstellung veranstaltet momentan in ihren Räumen das Kunst⸗ gewerbemuseum der Stadt Zürich. Die Ausstellung ist dem „Schuh“ gewidmet und zeigt die Entwicklung der Schuhfabrikation von der Gewinnung des Leders bis zur Herstellung und Zu⸗ sammensetzung der einzelnen Teile. Ueberdies gewährt sie einen Ueberblick über die Schuhreklame, in dem sie die gelungensten Reklamebilder schweizerischer, deutscher und amerilanischer Schuh⸗ fabriken einander gegenüberstellt. Den interessantesten Teil der Ausstellung bildet die ethnographische Schuhsammlung, in der neben den zierlichsten Chinesenpantöffelchen der ungeheure, derbe Kürassierstiefel eines deutschen Reiters aus dem dreißigjährigen Kriege steht. In einer besonderen Vitrine sind Goethes Haus ⸗
nachher in Riemers private Goethe⸗Sammlung gelangten.
Wien, 30. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Die Blätter drücken ihre Genugtuung über die Verleihung des Nobelpreises an den Wiener Arzt Barany aus, der sich unter seinen Fachgenossen des größten Ansehens erfreut.— Die Blätter be⸗ tonen, daß die Zuteilung des Preises an den österreichischen Ge⸗ lehrten in hohem Grade ehrend ist, nicht nur für ihn und die Wiener Schule, sondern auch als treffende Antwort von unpar⸗ teiischer Seite, auf den Schimpf des Barbarentums. Der mit dem Nobelpreis Ausgezeichnete, der in Przemysl einem Feldspital zugeteilt war, fand während des Krieges eine eigene Methode zur Behandlung von Kopfschüssen durch Schädeloperationen und erzielte damit ausgezeichnete Erfolge. Er ist seit Uebergabe der
kung an Malaria an einem größeren wissenschaftlichen Werk arbeitet.
* Gießener Hausfrauen⸗Verein. In der
schuhe zu sehen, die ihm Marianne Suleika schenkte und die
Festung in russischer Gefangenschaft, wo er trotz seiner Erkran⸗
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auch schriststellerisch, in Wiesbaden hervorgetreten. Er stehrt


