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(18.10.1915) 245. Zweites Blatt
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Ar. 245 Zweites Blatt Erscheint läglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗

fragen erscheinen monatlich zweimal.

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General-Anzeiger für Oberhessen

105. Jahrgang

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Montag, 1. Oktober 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch⸗ und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗

leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Kriegsbriefe aus dem Westen. Von unserm Kriegsberichterstatter. Nuberrchtiater Nachdruck, auch aus zugsweise, verboren)

Ein Jahr deutscher Verwaltung in Belgien und seine Erfolge.

Eine Unterredung mit dem kaiserlichen Generalgouverneur, Exzellenz Freiherrn von Bissing. Großes Hauptquartier, am 9. Oktober. In einer Unterredung, die mir Se. Exzellenz, der kaiser⸗ liche Generalgouverneur in Belgien, i von Bissing, im Februar gewährt hatte, hatte er als einen der großen Leitsätze seines Verwaltungsprogramms betont, er wolle es den Belgiern zu Bewußtsein bringen, daß er auch für sie arbeite, für ihr Bestes und unter Schonung und g ihrer Eigenart. Er Ueberzeugung Ausdruck gegeben, daß deutsche Art und den Wesen, deutsche Kraft und deutsche Arbeit hier in Belgien zu Ehren kommen müssen, wie sie auf der 17 Welt sieghaft sind. Und er hatte mir gleichfalls in Aussicht gestellt, daß er mir gelegentlich 5 mitteilen werde, wie sich das Verwaltungs⸗ programm, so wie er es sich vorgezeichnet habe, auf diesem zu⸗ nächst ungemein schwierigen Bo bewährt habe. Diesem Ver⸗ sprechen ist der kaiserli Generalgouverneur bei meinem kürz⸗ lichen Aufenthalt in Brüssel in außerordentlich liebenswürdiger Weise nachgekommen.

Auf 11 Uhr war ich bestellt. Da ich etwas zu üh einge⸗ troffen war, hatte ich noch Gelegenheit, ein pa Schritte durch den herrlichen Park zu wandern, der dem Gou ementspalaste

gegenüberliegt, vorbei an den straßenlangen Verwaltungsgebäuden voll atemlos fleißiger Arbeiter, und an dem kleinen im Buschwerk halbversteckten Theaterchen aus des belgischen Königtumes Früh⸗ zeit, das in seinen niedlichen Biedermeierabmessungen an Lauch⸗ städt erinnert. Pünktlich um 5 Minuten vor 11 Uhr fuhr der Kraftwagen vor, der den Generalgouverneur von seinem Sommer⸗ sitze Trois⸗Fontatnes hierherbrachte.Ja! Nach Sr. Exzellenz kann man die Uhr stellen! sagte die Ordonnanz am Eingangs⸗ tore, die inzwischen kaum mit dem Andrang der Besucher fertig werden konnte, die alle, ein buntes Gemisch von Angehörigen des einheimischen Adels, von Kaufmännern und Fabrikanten und einfachen Leuten aus dem Volke, ein Anliegen beim General⸗ gouverneur vorzubringen hatten. 5 5 Wenige Minuten später stand ich der sehnigen Soldaten⸗ gestalt des Generals gegenüber, der in den ruhelosen Arbeits⸗ monaten feiner Brüsseler Zeit fast noch jugendlicher geworden zu sein schien. Man hört es auch jedem seiner Worte an, wie sehr es ihn froh macht und erhebt, daß seine Mühe so sichtbar gesegnen gewesen ist.Mit dem bisherigen, Erfolge, so sagte er,kann ich wohl zufrieden sein. Meine Wünsche und Absichten, die ich damals darlegte, haben sich im wesentlichen erfüllt, und auf besondere Schwierigkeiten bin ich nicht gestoßen. Namentlich fol⸗ gendes möchte ich besonders hervorheben: Die Benutzung und Verwertung der Verwaltungs⸗ und Selbst⸗ verwaltungsorgane des Okkupationsgebietes ist immer weiter fort⸗ geschritten, und diese Organe haben die deutsche Verwaltung, welche selbstverständlich die Aufsicht über sie führt, in befriedigender Weise unterstützt. Das gilt von allen Ministerien, die überhaupt in Frage kommen Die Minister selbst sind natürlich abwesend und nicht in Funktion. Aber die Arbeitsstellen sind im Gange,

mit Ausnahme der Eisenbahn⸗, der Post⸗ und der Telegraphen⸗

8 stwerwaltung a wieder, unter Aufsicht des deutschen Postdirektors, 1 1 und für die Bedürfnisse der Bevölkerung befrie⸗

gen ise.

Eine große Sorge waren bekanntlich die Ernährungsschwierig⸗ keiten der belgischen Bevölkerung Sie sind bisher und hoffent⸗ lich auch in Zukunft dadurch sehr vermindert worden, daß sich erstens die Landwirtschaft den Anordnungen und Ratschlägen der deutschen Verwaltung gefügig gezeigt hat und mit regem Ei und Fleiß alle diejenigen Produkte erzeugt hat, die für die Volksernährung als eine Hilfe anzusehen sind, und ferner dadurch, daß mit dem amerikanischen und den einheimisthen Hilfskomitees

zufriedenstellende Abkommen getroffen worden sind. Hierbei hat

Male abgestellt sein, welche die von den pp Komitees gestellten

Eifer sonderen Zweck, der Unsittlichkeit und der Verbreitung der Ge⸗

nicht nur die Frage der Brotgetreideeinfuhr und der Verteilung desselben an die belgische Bevölkerung eine günstige Neuregelung erfahren, sondern es sind auch gleichzeitig die Uebergrifse der verschiedenen Komitees in die richtigen Schranken gewiesen wor⸗ den, so daß kein Zweifel darüber bleiben konnte, wer in Belgien die Verantwortung trägt und das Heft in der Hand behält. Damit werden die Klagen der Bevölkerung selbst hoffentlich ein für alle

Bedingungen oft als einen Zwang übelster Art empfunden hatte. Weniger günstig hat sich die Wiederbelebung der Industrie entwickelt. Hier waren Schwierigkeiten zu überwinden, die zum Teil nicht beseitigt werden konnten, noch können, so lange der Krieg Einfuhr und Ausfuhr hindert, die Einkaufsverhältnisse anormal macht und die Zuführung vieler Rohstoffe abschneidet. Dazu kommt, daß gewisse Industriezweige während des Krieges überhaupt darniederliegen, in Belgien wie überall. Segensreich hat hier die von mir gebildete Wirtschaftskom⸗ mission eingegriffen, durch welche die Möglichkeiten, die Industrie zu heben und zu beleben, gesucht und gefunden werden Es ist erfreulich, daß sich auf meine Einladung hin auch belgische In⸗ dustrielle an den Beratungen beteiligt haben. Das wird weiter fortgesetzt und auch Vertreter des Handels werden zur Mit⸗ arbeit aufgefordert werden. Ein wesentlicher Fortschritt war, daß sich der Wirtschaftsausschuß für Belgien gebildet hat, der mit der Wirtschaftskommission berät, namentlich Fragen der Kon⸗ kurrenz und dergleichen. In der großen Tagung, die in der Wirtschaftskommission unter meinem Vorsitz stattgefunden hat, war das gedeihliche Fortschreiten dieser Verständigung deutlich zu erkennen. 5 Während also zugegeben werden muß, daß die Industrie im allgemeinen unter den Schwierigkeiten leidet, die auf der Hand liegen, hat sich doch einer ihrer Zweige immer weiter entwickelt und immer größere Erfolge erzielt, nämlich der Bergbau. Die Bergwerke und Zechen, namentlich die im Gebiete von Lüttich, sind fast bis zur Friedens produktion beschäftigt, und auch in den übrigen Gebieten liegen hier die Verhältnisse sehr günstig. Die gesamte Förderung wird gestützt und wohl geleitet von der von mir eingerichteten Kohlenzentrale, die mit den zuständigen Stellen in Ost und West zusammenarbeitet, Förderung und Bedarf jeder⸗ zeit übersieht und so immer günstig beeinflussend eingreifen kann. Die als natürliche Folge des Darniederliegens der verschie⸗ densten Industriezweige aufgetretene Arbeitslosigkeit war von An⸗ fang an meine und der Verwaltung dauernde Sorge Abhilfe hat u. d. die Anwerbung e Arbeiter für die deutsche Industrie, besonders für den deutschen Bergbau, geschaffen, die trotz anfäng⸗

licher Schwierigkeiten täglich mehr Erfolg hat. Auch diese Anwer⸗ bung ist zentralisiert. Viele der so in deutsche Industriebezirke ge⸗ kommenen belgischen Arbeiter lassen 9 schon ihre Frauen 8 5 kommen, woraus zu schließen ist, sie eine gewisse Seßhaftig⸗ keit in Deutschland wünschen, sich dort wohl fühlen und die guten Löhne benutzen, um ihre Familien besser zu halten, als es ihnen hier in Belgien bei den zunehmenden Lebensmittelpreisen und den geringeren Löhnen möglich war. 8

Die Wohlfahrtseinrichtungen, die von mir unter der Flagge des belgischen Roten Kreuzes ins Leben gerufen worden sind, sollen vor allem der Arbeitslosigkeit der Frauen steuern, und haben ein ungeheures Betätigungsgebiet besonders hier in Brüssel gefunden. Es wurden Arbeitsmöglichkeiten in den verschiedensten Richtungen geschaffen. Oft mußte den Frauen die Arbeit erst ge⸗ lehrt werden. So beschäftigen wir in einer großen Fabrik neun⸗ hundert Frauen mit Näharbeit. Im sogenannten Dispensaire wird die Arbeit an die Heimarbeiterinnen verteilt. Auch werden dort Strümpfe gestrickt, sei es zum Selbstverbrauch sei es zum Ver⸗ kauf. Mit dieser Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten für Frauen hängt auch die Sorge und Pflege für Mütter und Kinder, für die mit Tuberkulose behafteten Kranken, und schließlich, wenn auch etwas abgetrennt davon, für die Kriegsbeschädigten und Kriegs⸗ flüchtlinge zusammen. Diese Bestrebungen für letztere habe ich das Protektorat übernommen werden von belgischen Damen ge⸗ leitet. Ein Teil der Wohlfahrtseinrichtungen hat auch den ganz be⸗

schlechtskrankheiten vorzubeugen. In Verbindung mit der polizei⸗ lichen Aufsicht der Unsittlichkeit ist das große Krankenhaus in St Gilles eingerichtet worden, dessen Leitung und dessen aufopferungs⸗ vollen Schwestern des Franziskanerordens Exc. von Bissing das

wärmste Lob spendete. Hier erfahren die Aufgenommenen nicht nun körperliche Pflege, sondern sie werden auch sittlich und seelisch aufgerichtet. Die noch vor einem Jahre ungeheuer verbreiteten Geschlechtskrankheiten sind infolge der deutschen Polizeimaßregeln bereits auf normale einstellige Prozentzahlen heruntergegangen. Und ähnlich, wie das hier in Brüssel in mustergültiger Weise vor⸗ gemacht worden ist, so ist das mit der Einrichtung der Wohlfahrts⸗ einrichtungen überall in der Provinz aufbauend nachgeahmt wor⸗ den. An der Spitze steht für jede Provinz ein vom Generalgouver⸗ neur ernannter Delegierter des Roten Kreuzes. Man bemüht sich, die Verbindung mit den provinziellen Einrichtungen nach Mög⸗ lichkeit zu gewinnen und aufrecht zu erhalten. Daß letztere nicht immer recht geglückt ist, liegt an der Sucht der belgischen Kreise, sich die sogenannte Seloständigkeit zu wahren, und ferner wohl auch noch teilweise an der Angst, daß ihnen die Mitarbeit mit deutschen Organen, selbst wenn sie ersichtlich nur zum Besten der Belgier geschieht, von Ueberpatrioten verdacht werden könnte. Es zeigt sich aber doch, daß diese Furcht schwindet und daß man mei⸗ nem offenen Briefe an die Bevölkerung, der sehr gut gewirkt hat, folgen und einsehen wird, daß es patriotischer ist, unter den jetzi⸗ gen Verhältnissen, am Wohle des Landes und des Volkes mitzu⸗ arbeiten, als ablehnend und murrend beiseite zu sitzen. 5 Unter den Leistungen des Kultusministeriums hob der Ge⸗ neralgouverneur besonders die Durchführung des allgemeinen Schulunterrichtes hervor, den Belgien der deutschen Verwaltung verdankt. Seit diesem Jahre besteht die allgemeine Schulpflicht. 5 Die Schulaufsicht wird gewissermaßen nur politisch ausgeübt, damit g verhindert wird, so fügte Exzellenz von Bissing mit Betonung hinzu, daß etwa die Schule zu einem Felde der politischen Agitation gemacht und in die Herzen der heranwachsenden Jugend die Feindschaft gegen das Deutschtum gepflanzt wird. g

Mit Freude hätte ich es begrüßt, wenn es auch möglich ge: wesen wäre, die Universitäten wieder in Gang zu bringen, und 1 ich habe diese Angelegenheit entsprechend ihrer Wichtigkeit mein 5 lebhaftes Bemühen zugewendet. Aber die fast unüberwindlichen, 5 übrigens naheliegenden Schwierigkeiten wurden wohl von bel⸗ 0

gischer wie von anderer Seite so sehr hervorgehoben, daß ich vor⸗ erst auf die Durchführung verzichten mußte. Der Generalgouver⸗ neur sprach im diesem Zusammenhang ausführlicher über dieses ihn sehr lebhaft beschäftigende Thema und gab der Hoffnung Nusdruck, daß es ihm in absehbarer Zeit dennoch gelingen werde, die Univerfität Gent, die hierbei allein in Frage komme, wieder zu eröffnen. 250. N Mit Genugtuung stellte Exzellenz von Bissing dann sest, daß es ihm in zunehmendem Maße gelungen ist, das Verhältnis zwis⸗ schen der belgischen Kirche und der Staatsgewalt zu bessern; l nachdem er da im Beginn die hinlänglich bekannten Schwierig⸗ keiten vorgefunden hatte, erkannte man doch wohl bald, daß dieser deutsche Generalgouverneur, wenn er auch jeder in die Kirche verirrten politischen oder gegen uns gerichteten Bestrebung mit der aus Rücksicht auf die Sicherheit und Ruhe unserer Trup⸗ pen erforderlichen Unerbittlichkeit entgegengetreten wäre, anderer⸗ seits doch auch der Mamm war, unt in voller Gerechtigkeit die Rechte der Kirche gegen jede unbillige Anfeindung zu wahren und zu schützen. Das hatten kluge Leute bald erkannt. 8 Sehr befriedigt äußerte sich der Generalgouverneur über seine Maßnahmen gegen diejenigen Arbeitsfähigen, welche sich weigern, zu arbeiten und gegen alle, die einen Deutschen boykottieren, ace ihn 1785 solche, die 1 oden eschäfte ma wollen, ir ie in ihrer i rohen. Das hatte vollen Erfolg 5 jedem Versuch, Verhetzung zu treiben, von vornherein ein Ende gemacht. 1 Zum Schluß sprach sich der überragendste Kenner der bel⸗ gischen Verhältnisse auf meine Frage über seine Eindrücke von der Stimmung der Bevölkerung in einer Weise aus, die sicher die Leute in der Heimat, welche gerade diese Frage so oft stellen, außer⸗ ordentlich befriedigen wird. Feindliche Gesinnungen gegen uns, so meinte er, mögen selbstverständlich in manchen Kreisen noch bestehen. Es wäre ja unnatürlich, wenn das nicht bei der Lage der Verhältnisse der Fall wäre. Aber sie machen sich nirgends störend bemerkbar, und das ist die Hauptsache. Die große Mehrheit der Bevölkerung denkt viel zu praktisch, um sich mit unnützen Sentimentalitäten aufzuhalten und hält es für richtiger, sich in den Gang der Dinge verständig einzufügen. Bei der Beurteilung der belgischen Verhältnisse darf man nicht auf die großen Städte

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Gießener Stadttheater.

Herrschaftlicher Diener gesucht. Sckwank von Eugen Burg und Ouis Taufstefn.

Wie man's anzufangen hat, um den Krieg an seinem heiteren Ende zu packen, wurde gestern abend im Stadttheater ausführlich und recht unterhaltsam demonstriert: Man wird eingezogen, 95 sich dank seiner Intelligenz vom Feldwebel⸗Putzer zum Oberst⸗ leutnants⸗Burschen befördern, kommt mit dem Oberstleutnant auf mehrwöchigen Urlaub und verlobt sich kurzerhand mit dessen Schwägerin. Worauf der Oberstleutnant gezwungen, ist, seinem Burschen einen Kuß zu geben und sich der weiteren kriegerischen Laufbahn des also Ausgezeichneten die schönsten Perspektiven er⸗ öffnen. Ganz so schnell gings 1 gestern abend nicht. Bis es so weit war, mußten noch etliche Schwierigkeiten überwunden werden. Der spätere feldgraue Bräutigam war nämlich bis dato noch ein Lebemann mit höchst vielseitiger Vergangenheit, der u a.

drei Vermls en durchgebracht und genügend Erfahrung gesammelt hat, spröde Herzen sogar in Dienerlivree zu knicken. Im Hause seiner Angebeteten, wo er zur Anknüpfung zarter Fäden einen recht gewagten Besuch macht, wird er nämlich mit dem neu zu engagierenden Diener verwechselt, weiß aber Herr der Situation zu bleiben und auch aus dieser sonderbaren Blüte Honig zu saugen Er steckt sich in Eskarrins und fülberbeknopften Frack und bleibt seiner Liebe nahe. Nicht nur in seiner 1 r Pat aber, sondern auch in seiner Tante naht das Verhängnis. Der Vater der Umwor⸗ benen hat nämlich den Einfall, diese Tante heiraten zu wollen, führt sie seinen Töchtern zu, und der Kladderadatsch ist fertig. Der Neffe als Diener! Fürchterlich. In dem Augenblick kommt aber als Retter aus der Not die Einberufung.

Nun wäre im gewöhnlichen Leben alles zu Ende Aber wofür haben wir denn Krieg? Was liegt näher, als daß der verunglückte Liebhaber im Felde der Bursche des Schwagers seiner Erkorenen, eben des genannten Oberstleutnants wird? Daß er im Urlaub in Kräßtzchen, Trittchen und sonstigen ungewohnten Ausrüstungs⸗ gegenständen die Koffer des Oberstleutnants dem Mädel vor die Füße wirft und schließlich, die Wichsbürste in der rechten und einen Reitstiefel in der andern Hand, den Verlobungskuß empfängt? Ueber solch harmlosen Firlefanz, der weder von der Logik Blässe noch von allzu großem Selbstbewußtsein angekränkelt ist, lacht man allemal gern, zumal die Schwankfirma Burg und Ludwig Taufstein dem guten Geschmack keinerlei Gewalt antut. Kriegshumor, das Wort hat viel Gewicht bekommen in diesen ernsten Zeiten. Warum soll er nicht ab und zu in Feldgrau mit oder ohne Sporen über die Bühne gehen? Jedenfalls fand er gestern abend ein bereitwillig zu Lachen und Beifall geneigtes Publikum, dessen Lustigkeit manchmal mitten in die Szene hinein klatschte. Ferdinand Steinhofer als herrschaftlicher Diener hatte die Hauptschuld daran, wenn die Heiterkeit sich bisweilen überpurzelte; Else Burghoff, unsere neue Naive, gab mit

Schick und Schneid den

Theiling als Oberstleutnant, Rudolf Goll als heiratslustigem Vater, Auguste Frenzel als dessen Zukünftiger, Martha Schild als Frau Oberstleutnant zuverlässige Lösung. Else Jüngling als Dienstmädchen, Albert Stettner als Dienstvermittler und Artur Eugens als richtiger Diener waren ebenfalls am Platze. Und hätte man den herrschaftlichen Diener gefragt, ob er denn selber glaube, daßsowas trotz aller Wechselfälle des Krieges möglich sei und ob er nicht auch das Gefühl habe, daß er zu einer literarischen Gesellschaft nicht recht passe, so würde er zweifel⸗ los, wie gestern abend so häufig, sagen: Schadet nichts, schadet gar nichts, schadet absolut nichts! Er soll recht behalten. A=

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Zu Emanuel Geibels 100. Geburtstag.

Lübeck, 17. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) In schlichter und würdiger Weise wurde heute der hundertste Geburtstag des Reichs⸗ herolds und bekannten Dichters Emanuel Geibel in seiner Vaterstadt begangen. Die Stadt trug Flaggenschmuck. Helferinnen des Roten Kreuzes verkauften Andenken an den Gefeierten. Gei⸗ bels Denkmal und Grabstätte waren. mit frischem Grün geschmückt. Am Vormittag fanden Feiern und Kranzniederlegungen am Grabe und vor dem Denkmal auf dem Geibelplatz statt. Eine besondere Weihe erhielten die Feierlichkeiten durch Gesangsvorträge von 650 Sängern, bestehend aus dem Lübecker und den bereits am Samstag eingetroffenen Mitgliedern der Hamburg⸗Altonger Gesangvereine. Die Leitung hatte Bundeschormeister Johs. v. Scheffler⸗Ham⸗ burg. Bei der Gedenkfeier an dem Grabe des Dichters sprach der frühere Senior Lindenberg. Er gedachte mit herzlichen Wor⸗ ten seiner persönlichen Beziehungen zu dem Gefeierten. Bei dem Festakt am Denkmal entwickelte Schulrat Wychgram ein Le⸗ beusbild des unvergleichlichen volkstümlichen Vaterlandsfreundes.) Die erhebende Feier schloß mit dem Niederländischen Dankgebet der Sänger, begleitet von einer von der Lübecker Schutzmannschaft gebildeten Kapelle und unter Glockengeläut. Am Nachmittag fand vor völlig ausverkauftem Hause im Stadttheater ein Konzert statt, dessen bedeutende Einnahmen dem Senat zu wohltätigen Zwecken. zur Verfügung gestellt werden. Bei der wohlgelungenen Veran⸗ staltung sang der Sängerchor bekannte Geibelsche Lieder, die stür⸗ mischen Beifall fanden, besonders das VolksliedDer Mai ist ge⸗ kommen. Geheimrat Max Grube vom deutschen Schauspiel aus Hamburg hielt einen Vortrag über Geibelsche Dichtung. Die Fest⸗ rede hielt erster Staatsanwalt Benda. Aus Lübecks weiterer und näherer Umgebung waren zahlreiche Teilnehmer zu den Fest⸗

lichkeiten erschienen. N

Paul Scheerbart f. Wem Paul Schrerbart unbekannt war, dem läßt sich nur schwer ein Bild dieses wunderlichsten aller Menschen geben und dem großen Publikum ist er ja trotz der langen Reihe seiner Schriften doch immer ein Fremder geblieben. Lang, hager, blond, mit graublauen Träumeraugen und Zügen,

den Anlaß, warum der Lebemann in die schlüpft; auch die übrigen Aufgaben fanden in Ernst

gemischt war, war Paul Scheerbart Phantast und Humorist, und seine Phantasie ist stets humoristisch, sein Humor stets phantastisch gewesen und geblieben. Aber seine Phantasie überragte und be⸗ herrschte alle seine geistigen und seelischen Kräfte. Sie war maß⸗ los; sie übersprang souverän alle Grenzen der Wirklichkeit, schuf unmögliche Wesen, ersann undenkbare Begebenheiten; sie griff in den Himmel und in die Tiefe der See, nutzte aber zugleich die

allermodernsten Erfindungen zu wahrhaft schwindelnden Möglich⸗ keiten usw. In Scheerbart lag vielleicht der Stoff zu einem Jules Verne auf unendlich erhöhtem, künstlerischem Niveau, und viel? leicht hätte er, wenn er diese Aufgabe ergriffen hätte, Erfolg und

ein großes Publikum gefunden. Aber wenn es je einem Menschen an Weltläufigkeit gefehlt hat, so ist es Paul Scheerbart gewesen. Im Grunde war er, was mandie Welt nennt, für ihndas An⸗ 995 dere, der Feind, die Schwere und, was er vor allem haßte, das 3 Philisterium. Er zählte nicht zu denen, die prunkend einen Phi⸗ listerhaß zur Schau trsondern er war Philisterfeind von Blat

und Natur und hat sie darin auch mit den Jahren nicht geün Für ihn schien die Zeit nie kommen zu sollen, wo er, wie senes Zigeuner Murgers, auch mal in Ruh was Gutes schmausen wollte er wurde geistig nicht älter und immer fuhr er fort, seine Seifen⸗ blasen zu erzeugen, seine phantastischen Träume zu träumen. Schließlich kristallisierten sie sich das konnte ja gar nicht aus⸗ bleiben mum seine Erfindung, und das war nichts Geringeres als das Perpetuum mobile, dasPerpeh, wie es in Scheerbart⸗ scher Sprache hieß. Wie er von dieser Erfindung, über der er un⸗ endlich gebrütet hat, in der Schrift, in der er sie anno 1900 der Welt vorlegte, sprach, das ist überaus bezeichnend für seine Neigung, wie die ganze Welt, so schließlich auch sich selbst zu parodieren oder wenigstens nicht zu ernst zu nehmen. So schreibt er:Wenn's nach der Erfindung des Perpeh noch stumpfsinnigen wird als bisher, so muß man sich doch eigentlich hüten, das Perpeg zu Ende zu erfinden. Ich freue mich darum eigentlich, daß das Ding heute tatsächlich noch nicht geht. Und morgen wird es auch noch nicht gehen darauf möchte ich wetten. Das beruhigt mich ein wenig. Und wieder:Wenn die Geschichte jetzt geht, ist es zweifellos das größte Weltwunder auf der Terra ein unheim liches Weltwunder. Wenn die Geschichte nicht geht, haben wir aber zweifellos ein noch größeres Weltwunder vor uns. Ward je eine Erfindung in solcher Laun' beschrieben und angekündigt? Alles ir allem war dieser wunderliche Mensch, in dessen Adern, wie er

zuweilen des Nachts um. Uhr mitteilte, wie bei Nietzsche pol⸗ nisches und deutsches Blurt gemischt flossen, ein himmelblauer Idealist, dessen Idealismus es eigentlich aber an Körper fehlte. was er micht mochte, das wußte er: das Gewöhnliche, das Schwere, das Spießige, das Stumpfsinnige: ihn entzückte alles, was Geist, Temperament, Originalität war, und wo er auf dero traf, war er leicht zu begeistern. Wofür er aber seine schillernden

Gaben einsetzen sollte, das hat Paul Scheerbart nie gewußt; als ein verlorenes Kind der Phantasie ist er in dieser harten und eckigen Welt herumgeirrt. 5

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in denen viel Kindlichkett mit einem Schusse satirischer Schärfe