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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sleßener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger
nzeiger
für Gberhessen
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Samstag, 16. Oktober 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 5, Schrist⸗
leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
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Die Feldkraftwagen⸗Aftiengesellschaft.
Der Bedarf des Heeres an Kraftfahrzeugen ist ein un⸗ jeheurer Was an feldbrauchbaren Fahrzeugen im Lande ief, mußte herangezogen, die Automobil⸗Industrie ganz in den Dienst des Heeres gestellt werden. Diese Kriegs⸗ einflüsse sind naturgemäß auf allen wirtschaftlichen Ge⸗ bieten, die von der Kraftwagen Nutzung abhängig sind und sich dieser in langen Friedensjahren angepaßt haben, be⸗ sonders fühlbar geworden. Es muß daher das Bestreben der Heeresverwaltung darauf gerichtet sein, das gegen Störungen besonders empfindliche Wirtschaftsleben der Gegenwart, sobald nur irgend möglich, zu unterstützen und
zu heben, und hierzu gehört in erster Linie auch die Rück- gabe der Transportmittel— soweit entbehrlich, noch wäh⸗
rend des Krieges, in der Hauptsache nach dem Kriege— und 29 in einer, beiden Teilen, der Heeresverwaltung und Interessenten durchaus entsprechenden, zweckmäßigen.
ise. Die Heeresverwaltung ist aus leicht erklärlichen Grün⸗ den nicht in der Lage, die sehr umfangreichen Verkaufs- geschäfte selbst in der Hand zu behalten. Sie muß sich aber auf der anderen Seite, im fiskalischen und allgemeinen Interesse, ihren Einfluß auf die Geschäfte wahren. Unter diesen Gesichtspunkten wurde auf Anregung der Heeres⸗ verwaltung die Feldkraftwagen⸗Aktiengesell⸗ schaft gegründet und mit Unterstützung der beteiligten Kreise durchgeführt. Die Geschäftsräume der Gesellschaft befinden sich in Berlin, Unter den Linden 34. An der Spitze der Gesellschaft steht der Aufsichtsrat, zu dessen Sitzungen Mitglieder des preußischen und bayerischen Kriegsmini⸗ steriums und des Reichs⸗Schatzamtes eingeladen werden; ferner ein Ausschuß bestehend aus: 1 Offizier, 1 Ingenieur der Heeresverwaltung und einem Vertreter der Aktien⸗ gesellschaft. Die geschäftlichen Maßnahmen der Gesellschaft unterliegen der Zustimmung der genannten Regierungs⸗ stellen. Die Gesellschaft hat sonach engen Zusammenhang mit den staatlichen Behörden und verfolgt einen rein ge⸗ meinnützigen Zweck. Alle unlauteren Geschäftsbestrebungen sind ausgeschlossen. Das Aktienkapital wird zu einem Satze verzinst, der niedriger als der zurzeit bei festen Anlage⸗ werten übliche ist. Der Reingewinn fließt in die Staats⸗ kasse. Er besteht aus dem um die Geschäftsunkosten gekürzten baren Erlös der Wagen. Ueber die Unkosten wird, wie bei jeder Aktiengesellschaft, Rechnung gelegt. Die Wagen bleiben bis zum Verkaufsabschluß Eigentum der Heeresverwaltung. Die Gesellschaft ist im kaufmännischen Sinne lediglich Ver⸗ kaufs⸗ und Verrechnungs⸗Zentrale für den Staat! Die Ge⸗ sellschaft wird alle berechtigten, allgemeinen Wünsche be⸗ züglich des Ankaufs von Wagen, die zu ihrer Kenntnis gelangen, in Erwägung ziehen und bestrebt sein, in ver⸗ trauensvoller Zusammenarbeit mit den beteiligten Kreisen den 3 5 8 Bahnen d e Wirt char e 5 geeignet sind, ir Itsfortschritt 7255 dern Dazu gehört vor allem, daß die All- gemeinheit mit Wagen versehen wird, die der gründlichen Untersuchung und Instandsetzung vor der Abgabe an den Käufer unterworfen werden. Auf diese Weise wird der Ueber⸗ gang zur Friedensnutzung und die Gestaltung des deutschen ——————————— ene.
Nraftwagenmarktes nach volkswpirtschaftlich- rechtlichen Grundsätzen gewährleistet. Der Verkauf wird selbstverständ⸗ lich dezentralisiert werden. Die Wagen kommen in Orte mit großen Kraftwagen-Depots und stehen dort dem Käufer zur Besichtigung frei. Die Zustandsaufnahme, die dem Kauf⸗ lustigen von der Gesellschaft zugänglich gemacht werden, lassen nicht allein die Fehler des Wagens erkennen, die vor Einleitung der Instandsetzung bestanden haben, sondern auch die ausgeführten Reparaturen und Ersatz-Ausrüstungen. Hierdurch ist jede Sicherheit gegen Uebervorteilung gegeben,
Mit der Liquidation der Gesellschaft wird etwa drei Jahre nach dem Friedensschluß gerechnet werden können. Das Aktienkapital wird dann an die Einzahler zurückver⸗ gütet. Ueber die Gesellschaft, die ein glückliches Zeichen deut⸗ scher Organisationsstärke ist, wird die Oeffentlichkeit auf dem Laufenden erhalten werden.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 16. Oktober 1915. Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.)
Ers.⸗Res. Lehrer Jak. Bretz, Inf.⸗Regt. 99, aus Alten⸗ stadt.— Musk. Lehramtskand Hrch. Stück ra th, Inf.⸗Regt. 365, aus Dillenburg.— Musk. Hermann Euler, Inf.⸗Regk. 186, aus Butzbach.— Landwehrm. Wilh. Leyerzalpf, Landw.⸗Inf.⸗ Regt. 116, aus Butzbach.— Gefr. Wilh. O th, 2. Landst.⸗Inf.⸗ Batl., aus Heinbach.— Grenadier Johs“ Hainb äche r, 5. Garde⸗ Gren.-Regt, aus Grebenau.— Landwehrm. Karl S ch au b, Landw.⸗Inf.⸗Regt. 116, aus Mudersbach.— Landwehrm. Willi Brück, Res.⸗Inf.⸗Regt. 81, aus Wetzlar— Vizefeldw. d. Res. Carl Scriba aus Friedberg.— Unteroff. Konr. Ad ol ph aus Pfordt.— Ers.⸗Res. Heinr. Becker aus Willofs.— Landwehrm. Carl Scheel, Landw.⸗Inf.⸗Regt. 87, aus Ruppertsburg.— Unteroff. Heinr. Falk, Landw-⸗Inf.⸗Regt. 87, aus Hungen.— Landsturmm. Wilh. Merz, Res.⸗Inf.⸗Regt 80, aus Schotten. — Ers.⸗Res. August Lenz, Landw.⸗Inf.⸗Regt. 116, aus Nieders⸗ hausen— Landwehrm. Wilhelm Haus, Res.⸗Inf.⸗Regt. 81, aus Hohensolms.— Musk. Karl Klas, Inf.⸗Regt. 166, aus Holz⸗ hausen.— Füs. Wilh. Keiner, Inf.⸗Regt. 80, aus Werdorf.— Gefr. Heinr. Hansel, Res.⸗Inf.⸗Regt 116, aus Hörgenau.— Musk Kasp. Ba st aus Lauterbach.— Landwehrm. Christ. Ritter
aus Maar.— Kriegszahlmeister Klein, Inf.⸗Regt. 115, aus Darmstadt.— Schulverwalter Gg. Büchler, Inf.⸗Regt. 115, aus Brensbach i. O.— Gefr. Rob. Mokans ki, Inf.⸗Regt. 81,
aus Wetzlar⸗Niedergirmes.— Landsturmm. Gefr. Fuhrparkkolonne 212, aus Atzbach. Res.⸗Inf.⸗Regt. 261, aus Katzenfurt.— Musk. Karl Erb, Res.⸗ Inf.⸗Regt. 118, aus Schadenbach.— Landwehrm. Aug Martin, Res.⸗Inf.⸗Regt. 116, aus Nieder⸗Gemünden.— Musk. Hermann Becker, Landw.⸗Inf.⸗Regt. 116, aus Nieder⸗Weisel.— Gefr. Hermann Weiß, Inf.⸗Regt. 167, aus Ludwigshütte.
* Mili ani
Heinr. Velte, — Grenadier Heinr. Post,
5 sche Ausbildung der Jugend. Am Samstag fand in den sog. Ochsenwiesen eine Nachtübung statt, die durch Verwendung von Leuchtraketen recht inter⸗ essant wurde. Am Mittwoch abend gab nach den all⸗ gemeinen Uebungen Briefträger Hans Horst, der als Wehrmann in dem Landwehr⸗Regiment 116 am 8. Sep⸗ tember v. Is bei dem Sturmangriff bei Vitry schwer ver⸗ wundet worden und in französische Gefangenschaft geraten war, recht interessante Schilderungen aus der Gefangenen⸗
zeit. Am 24. Februar ist er als Austauschgefangener ler 5 ein Wein a verloren) wieder in die Heimat zurückgekehrt. Die Bilder, die er über die Behandlung in den französischen Lazaretten entwarf, stimmten tiefernst. Dankbar wurden seine Ausführungen aufgenommen. Der Vorsitzende wies noch in dem Schlußwort darauf hin, daß der Vortragende seine Erlebnisse in der Gefangenschaft in einer kleinen Broschüre e habe, die bei i u billigem Preise zu erhalten sei. „ der neue Schwank„Herrschaft⸗ licher Diener gesucht“ von Burg und Taufstein macht, wie man uns schreibt, mil großem Erfolge gegenwärtig die Runde über die deutschen Bühnen. Seiner harmlosen Liebenswürdigkeit wegen, die sich in einer sehr flotten Aufführung bot, war er auch vergangenen Sommer in Nauheim sehr beliebt. Die Neuheit, die morgen, Sonntag abend, zum ersten Male gegeben wird, gelangt auch an den Abonnementsabenden zur Aufführung. Oberhessischer Kunstperein. Die zur Ausstellung
angemeldeten Gemälde sind zum größten Teil eingetroffen, so daß die Eröffnung der Ausstellung am Sonntag, den 24. Oktober, erfolgen kann. 5
f 25 Religiöse Kriegsvorträge. Der zweite der vom Oberhessischen Verein für innere Mission veranstalteten Vorträge wird am Montag, 18. Oktober, 8 Uhr abends pünktlich, in der Stadtkirche gehalten werden. Professor D. Schian wird das Thema behandeln:„Die deutsche Kriegs⸗ frömmigkeit als nationale Frömmigkeit“. Der Eintritt ist für jedermann frei. Die Gaben, die beim Ausgang erbeten werden, sind besonders für die Versorgung oberhessischer Lazarette mit geeignetem Lesestoff bestimmt. . Hessen⸗Nassau.„
II Marburg, 15. Okt. Bei der Stadt sind bis jetzt etwa 5000 Zentner Kartoffeln bestellt. Wie bekannt ge⸗ geben wird, werden sie zum Preise von 2,75 bis 3,05 Mark ohne Transportkosten) angeliefert.— Heute wurden hier seitens der Landwirtschaftskammer unter großer Beteiligung von Kauflustigen 50 Beutepferde verkauft. Die Tiere wurden zu hohen Preisen, 1½ jährige nicht unter 1000 Mk., abgesetzt.— Der vom Gewerbeverein und den Innungen auf Veranlassung der Handwerkskammer angeregte Bu ch⸗ führungskursus für Handwerkerfrauen und Töchter hat etwa 100 Teilnehmerinnen gefunden.— Dem Kommandeur eines Landwehr⸗Bataillons, Otto Fran⸗ kenberg, der bereits das Eiserne Kreuz 2. Klasse besitzt, wurde auch diese Auszeichnung 1. Klasse verliehen.
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Gießener Stadttheater.
Ernst, Herzog von Schwaben. Trauerspiel von Ludwig Uhland.
Gestern abend ging im Stadttheater zum ersten Male in der zweiten Kriegsspielzeit der Vorhang hoch. Man sah diesseits von ihm, das sei zum Beginn gleich mit Freude festgestellt, daß es dem schein nach wohl nicht nötig sein wird, Huttens Wahl⸗ spruch: Ich habs gewagt! über die Eröffnung des Spielwinters 1915/16 zu schreiben, denn die Hoffnung aufs Stammpublikum hat sich nicht als trügerisch erwiesen. In dem Augenblick, da das Theater zum zweitenmal den beschwerlichen Weg durch die Fähr⸗ lichkeiten einer schweren Zeit beginnt, seien ihm ehrliche Wünsche mitgegeben. Daß man gestern die Pforten in der Süd⸗ Anlage öffnete, konnte sich übrigens nach den Erfahrungen, hinter denen sie sich in der vorigen Spielzeit schlossen, kaum als ein Lotterie⸗ spiel darstellen; über das„Wie“ aber mag die Theaterleitung selber Huttens Spruch gestellt haben. Er kann verschieden ge⸗ sprochen und gedeutet werden. Im frisch⸗fröhlichen und zuver⸗ sichtlichen Sinne seines Herrn möchten wir ihn allerdings in diesem Falle nicht ausgelegt wissen.
Das Wagnis war, vergessen zu machen, daß Ludwig Uhland kein Dramendichter gewesen ist. Der Gewinn konnte darin bestehen, daß zwischen seinem Schwabenherzog Ernst und uns der Glorien⸗ schein der deutschen Treue ein Band gewoben hätte, dessen Fäden im großen Erleben der Zeit verknüpft sind. Das ist bis zu einem gewissen Grade zweifellos gelungen; aber es wäre nicht ehrlich, wenn damit allein die Bühnenfähigkeit des Werkes bewiesen wer⸗ den sollte.— Es ist wie eine Ironie. So mancher spätere Lyriker hat, durch Uhlands dichterischen Rat, den Vögeln auf den Zweigen nachzusingen, mit dem poetischen Ausdruck seiner Gefühle kein
Ende finden können. Uh wie 5 er es gekonnt. Die anscheinend höchste Einfachheit war bei ihm vollendete Sieg der Kunst über den Stoff. Und nun seine Dramen! Gerade da, wo Wort und Gedanke zur höchsten Einheit erhoben werden sollen, versagt sein weises Maßhalten. Gottlob, dem Meister der reinen, schönen Ballade, aus der heraus erst die tiefe Poesie des Volkslieds wieder erquoll, tuts keinen Abbruch, und es ist keine Kränkung für ihn, wenn seine Dramen schon auf
Schule in der Literaturstunde als gute Lese⸗ aber schlechte Bühnenstücke gekennzeichnet werden. Und wenn sich unwillkürlich die Erinnerung an verklungene Aufsatzthemata, wie Herzog Ernst, ein Sinnbild der deutschen Treue oder Herzog Ernst's Schuld und Sühne einstellt. Vor eine jede Kränkung stellt sich auch schon seine aus einer treuherzigen, ursprünglichen Natur quellende poetische Gesamterscheinung. Aber gerade das, was seine Lyrik und Epik so anziehend und edel macht, nämlich die mildg Gemütlichkeit, mit der er seine mittelalterlichen Gestalten ideali⸗
siert und ins Typische, Abstrakte erhebt, das macht seine Dramatik unklar und einförmig in der Physiognomie.
Wir wollen Menschen auf
der Bühne sehen; so wir die Feinheit,
Anmut und Zierlichkeit bewundern, mit der Uh⸗ land in seinen Balladen die Lieblingsfiguren seiner Phantasie, blinde Könige, blinde Harfner, zarte, goldhaarige Burgfräulein in den zarxtesten Aquarellfarben zu einem Genxe vereinigt, in dem ihm nur 1 vergleichbar ist, so lebhaft lehnt sich das Gefühl gegen die Uebertragung des Epos und der Romanze auf die Bühne auf, Epos und Romanze vertragens wohl, daß mit dich⸗ terischem Gemüt und keuscher Empfindung die reale Seite des Le⸗ bens verklärt wird; im Drama aber bringt dieselbe Hand, die hier ihrem Instrument Töne von höchster Innigkeit und Wärme entlockt, mit den gleichen Mitteln gänzlich veränderte Wirkungen hervor. Die Gestalten tragen ein fremdes Gewand, ihre Bewe⸗
gern
Uhland hat es als Lyriker gekonnt, und
gungen werden steif und altfränkisch, ihr Charakter resigniert⸗senti⸗ mental, romantisch-melancholisch. Man kann sich nicht frei machen von dem Gedanken an jene Auswüchse der Romantik, die Uhland in seinen Balladen so glücklich mied, an die Ritterfräulein, die dem einsamen Schäfer vom Söller ein trauriges Ade zuwinken, an die Turniere, in denen sich ein Dutzend gebeugter Ritter zu Ehren einer toten Königstochter erstechen usw. usw. Doch damit genug des— grausamen Spiels. Und einen Verzeihung heischenden, verehren⸗ den Blick auf Uhland, dessen Lieder zum liebsten Besitz des deutschen Volks ehören 5 Das alles soll Direktor Steingoetters— nicht geringe—
Arbeit, aus dem Herzog Ernst Bühenwirkungen herauszuholen, nicht grundsätzlich ablehnen oder gar verkleinern. Es bleibt im Empfinden der Zeit eine starke Gewähr dafür, daß das Hohelied auf die Treue, Deutschlands stolzeste Zier, im Herzen des Zuschauers manch vollen Akkord mitschwingen läßt. Und es sei, da zwischen den Motiven, die für und gegen eben dies Stück sprachen, eing außergewöhnlich breite Kluft liegt, auch zur besseren Würdigung der Gesamtleistung festgestellt, daß Kluft nach unserer Kenntnis auch recht wohl bewußt gewesen ist. Als Fazit aber bleibt dennoch: das„Ich habs gewagt!“ ist nicht frei von der Bedenklichleit, ob das Objekt für das Wagnis ge⸗ eignet gewesen ist. 1
Ueber die Aufführung selbst ist hinsichtlich der aufgewandten Mittel und der Einrichtung durch Direktor Steingoetter Gutes zu sagen. Man sah frische, farbige, fleißige Bilder, die flott und sicher hinter nicht allzu lang niederhängendem Vorhang aufgebaut wurden. Ueber dem Spiel lag ein leichter Schleier von Unsicher⸗ heit, der in den Verhältnissen begründet war: Um Ferdinand Steinhofer und Walter Dworkowski gruppierten sich durchweg neue Kräfte, die in ihr neues Heim noch hineinwachsen müssen. Steinhofer, dessen Herzog Ernst stets den befreienden Hauch der sicher und richtig gelösten Aufgabe mit auf die Bühne brachte, sah man mit aufrichtiger Genugtuung wieder. Um sein Fach des jugendlichen Helden braucht uns einstweilen nicht bange zu sein. Aehnliches gilt, mutatis mutandis, auch von Walter Dworkowski, der dem farblosen Kaiser mit Erfolg kräftigere Töne aufzusetzen bemüht war. Von Frl. Rubens, die die Kaiserinnenkrone trug, war im Prospekt des Stadttheaters als von der Vertreterin der Salondamenrolle gesprochen. Ihre Schuld ist's also nicht, wenn man der jugendlichen Erscheinung dieser Gisela den dreißigjährigen Sohn und den Besitz der größten, Weisheit Europas nicht zu glauben vermochte. Das erfahrene und gut abgewogene Spiel der Künstlerin konnte 1 05 unverschuldeten Mangel nicht wett machen. Die übrigen neuen Kräfte boten durch⸗ weg angemessene Leistungen. Wir möchten den Herzog Ernst nicht als maßgeblichen Prüfstein für sie bewerten und deshalb zurückhaltend im Urteil sein; doch sei der sympathischen Wärme gedacht, mit der Ernst Theil ing dem treuen Werner von Kiburg Leben zu verleihen suchte. Die Kampfszenen des letzten Aktes entbehrten stellenweise trotz der erfreulichen Anzahl kräftiger Statisten, die man unter der zahlenmäßig beschränkten Männer⸗ welt gefunden hatte, des nötigen Naturalismus. Die Zuschauer nahmen die seltene Gabe dankbar, aber, abgesehn von Einzel⸗ stellen, ohne rechte innere Wärme auf. 5 5
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Eroica. Von Hans Heinrich Ehrler. Aus der Champagne kam ein Freund, der dort jüngst in den Schlachten leicht verwundet wurde. Er saß still unter uns und unsere dankbare Liebe strahlte ihm zu. Noch nicht drei Wochen war der blauäugige Jüngling im Feld
die Theaterleitung sich diefer W
gewesen; man hatte ihn vorher zum Offizier ausgebildet und in ein Bataillon von Landwehrleuten gesteckt. 5 5
Er habe sich immer etwas vor den reifen Männern geschämt und seine Befehle darum in die Form von Bitten und Rat⸗ schlägen gekleidet. Dennoch habe die Kompagnie freudig mit⸗ gemacht, auch im Schlimmsten bei ihm standgehalten und für die benachbarten Teile eine ernste Lage gerettet. 5.
Wie sein Mund uns das sagte, legte sich seine feine schmale Hand über das Kreuz erster Klasse, das er auf dem Herzen trug. Er tat dies mit einer rührenden Bewegung, nicht hinweisend, sondern gleichsam bedechend, etwa um sich selber nicht ruhmredig zu fühlen; vielleicht war auch das Erlebnis wieder so inständig in ihm gegenwärtig geworden, daß er nach dem Zeichen greifen mußte.
Aber er erzählte nichts weiter von den Kämpfen, dafür gern einiges aus dem Leben hinter der vordersten Gefechtslinie. Es war diese Geschichte darunter: 5. 5
„Unser Arzt hatte sich mit dem Veterinär zusammen im ald eine Hütte gebaut, die sogar ein Klavier barg. Wir hörten manchmal in der Nacht das Spiel von der Anhöhe in unserg Gräben herabkommen. Der Hauptmann, bei dem wir Leutnants im Unterstand wohl eine Partie unternahmen, legte die Karten weg und jedes Wort verstummte. Auch bei den Franzosen wurde es ganz still. Der Krieg schien rings aus der Runde gefallen und geschwunden zu sein; nur die Geschütze grollten fort über der selt⸗ samen Musik aus dem Lande Irgendwo. 5
Auch sonst war der Umkreis des Doktors durch die immer herzliche Bereitschaft seines Wesens erhellt, doch jene magische Ein⸗ wirkung gab ihm darüber hinaus den Schein eines geheimen
Wohltäters. „Wird er sich hören
aaf 1 manchem Abend fragten wir uns: assen?“
Und ich glaube, nie in der Welt wurden die Namen unserer deutschen großen Tondichter so genannt, als wenn auf dem frem⸗ den, welschen Boden einer unter den Horchenden entdeckte: „Mojart Bach Hahn
Einmal flog auch, offenbar von einer sonst Minen schickenden Schleuder geworfen, ein grüner Waldstrauß vom Feind herüber mit einer Widmung an ihn..
Ein paar Tage lang freute sich der so Geliebte darauf, daß er von daheim die Symphonien Beethovens erhalten werde. Es war, als leere die Ankündigung Heimatluft über uns aus.
Dann kam eines Abends, der Mond war im leicht bewölkten Himmel aufgestiegen, von oben herunter die Ervica.
Ich war allein und hatte mich, wie im voraus von einem Zauber gezogen, schon an den Waldrand hinaufgemacht, der nun, wunderlich erhellt, zum feierlichen Raum des Spieles wurde. Ich hatte mich noch nie so heilig bewegt in einer Kirche befunden.
i Die Hütte lag nicht mehr weit: ich ging, mich willkommen wissend, darauf zu. Die Tür stand offen, drinnen brannte nur
eine Kerze. 5 Am Klavier saß jedoch nicht der Doktor,
K 5 jed 5 sondern einer unserer Unteroffiziere, daheim ein Maler. Er spielte weiter, als ich eintrat. In der Ecke, vom Licht kaum beschienen, stand der Tierarzt und zeigte mit der Hand auf den Schragen; dort lag der Doktor tot. „Ich blieb am Türpfosten stehen, bis das Spiel ausging. Dann erfuhr ich, daß auf dem Weg vor einer halben Stunde eim Geschoßsplitter den Arzt getroffen habe. Der mit ihm gehende Unteroffizier trug den Toten herauf und fand auf dem Klavier die am Vormittag eingetroffenen Symphonien. Die Eroica war schon über den Tasten aufgeschlagen.“ Das erzählte der Leutnant einfach, mit ziemlich diesen Worten. 1 1


