Ausgabe 
(13.10.1915) 241. Zweites Blatt
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Zweites Blatt

Ar. 241 Erscheinl Läglich mit Arsnahme des Soumtags. Die Sleßener Famillendlätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Sieen zweimal

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweunal.

1565. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Hessische Zweite Kammer.

8 5 8 15 S R. B. e 1 5 75

Am ierungstische: atsminis r. v. Ewald, Fi nUanzminister Dr. Braun, Minister v. Hombergk, Ministe⸗ rialrat Schliephake.

Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um 10 Uhr. Das Haus tritt sofort in die Tagesordmung ein: Regierungsvorlage, betr. den Entwurf eines Gesetzes über die Wahlen zum 37. Landtag.

Staatsminister Dr v. Ewald gibt eine kurze Begründung der Vorlage. Die Annahme, daß die im vorigen Herbst verschobenen Ergänzungswahlen zur zweiten Kammer in diesem Jahre würden Jaftfinden können, hat sich leider nicht bestätigt. Noch haben unsere

inde sich nicht entschließen können, die Konsequenzen aus der

Tei 0 100 zu zlehen, noch sind viele unferer Mitbürger außerstande, T

ber vorzunehmenden Neuwahlen mitzuwirken und endlich würde es auch nicht angängig sein, die jetzige ernste 775 durch Partei⸗ kämpfe zu beschweren. Wir schlagen deshalb die Annahme des Gesetzentwurfs vor. Den Absatz 31 der Vorlage läßt die Regierung jedoch fallen, weil sich die Frage des Dienst⸗ und Vertragsver⸗ hältnisses von Kriegsteilnehmern nach Art. 64 vegelt und die vorgeschlagene Bestimmung auch zu unnützen Schlußfolgerungen Veranlassung geben könnte.. 5 Abg. Reh(fr. Vp.) erklärt als Ausschußberichterstatter, daß der Ausschuß einstimmig die Annahme des Gesetzentwurfs be⸗ 8 und 8 auch den 5 Regierung auf Streichung es einen Absatzes an sen hat. 55 Das Haus nimmt darauf ohne weitere Debatte einstimmig die Gesetzesvorlage an. 5 5 eee ere den etzentwurf ü ie Uebernahme von We el⸗ verpflichtungen für die Gemeinden und Gemeindeverbände

der Regierung der Auffassung, daß sich unsere sung bewegte und daß in Kriegs⸗

ö Da unsere Tagung nicht geschlossen wird, haben wir die Möglichkeit, bei der Vorlage von Anträgen usw. jederzeit die Ausschüsse einzuberufen und die Negierung um Auskunft zu ersuchen, einer verfassungsmäßigen Aufgabe, der sie. entziehen kann und wird.

wird der gierung Initiative zugeschrieben; aber auch wir haben ein Initiatiwrecht und können es durch Antragstellung aus⸗ üben und damit eine etwa widerstrebende Regierung zu Ver⸗ handlungen mit uns verfassungsmäßig zwingen Es ist aber auch Recht und Pflicht der Volksvertretung, in solcher Zeit der völlig neuen Verhältnisse, die mit dem Krieg über unser Volk gekommen sind, ihre Stimme zur Geltung zu bringen. Den. Ausschuß hat der Drang, zu helfen, zusammengeführt, und gerade in solchen Zeiten muß sich doch die Volksvertretung regen. Die Regierung hat die öffentlichen Körperschaften gehört. Aber eine Konsumentenvereini⸗ gung ist nicht v nwährend in der Volksvertretung alle Teile des Volks vereinigt sind, die das Einhalten einer mittleren Linie verbürgt. Bei den Ausschußberatungen bildeten die durch den Krieg hervorgerufenen wirtschaftlichen Fragen den Beratungs⸗

gegenstand. Manche derselben

sind inzwischen durch Vorschristen lung

Mittwoch, 15. Oftober 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: e 251, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

In Hessen haben die Kommunalverbände die Versorgung über⸗ nommen, die Reichsgetreidestelle ist im wesentlichen ausgeschaltet, Erhöhung der Brotrationen, Brotkarten durch das ganze Land, wie in Bayern, Ausdehnung des Kreises der Selbstversorger auf kleinere landwirtschaftliche Betriebe waren Gegenstand des Ver⸗ langens. Im letzteren Falle ein den Wünschen der Volks⸗ vertretung entsprechendes Entgeg nkommen durchge et. Ebenfalls überholt wurden die Ausschußbeschlüsse über die Kartoffelversor⸗ gung, die den Kommunalverbänden auferlegt wurde. Bei der reich⸗ lichen Kartoffelernte war eine Beschlagnahme von Reichs wegen nicht nötig, es kann im Bedarfsfall für eine Reichskartoffelstelle gesorgt werden, der 10 Prozent der gesamten Kartoffelernte bis zum 20. Februar zur Verfügung bleiben und zwar zu 3 Mark 5% Pfg, für den Zentner als Grund⸗ und Höchsttaye für Hessen. Die Fleischproduktion und der Fleischpveis hängen zum größten eil von den Futtermitteln ab, ebenso die für Milch und Butter. Besondere Beachtung verdiene auch die Versorgung mit Fett, dessen Mangel in den Städten zu einer wahren Kalamität worden ist. Auch für Petroleum muß unbedingt Sorge agen wer⸗ den. Die Bekämpfung der ungerechtfertigten Preis teigerung hat in gesetzlichen Bestimmungen der Generalkommandos Ausdruck gefunden, die darin schneller waren als die Reichsregierung. Der Wucher mit Bedarfsartikeln muß mit schweren Strafen belegt werden.Der Staat tritt jetzt auch für seine Beamten, Arbeiter, Pensionäre usw. ein auf dem Wege der Unterstützung im Falle der Bedürftigkeit. Der Redner gedachte zum Schluß noch der segensreichen Wirksamkeit der Militärbehörde, wie der Regierung und ihren Organen, auch der Kreis⸗ und städtischen, bezw. der ländlichen Behörden, die alle mit dem stark verminderten Personal ihre großen Aufgaben erfüllt haben. Sie wurden erleichtert durch die gute Ernte und das großartige Ergebnis der dritten Kriegs⸗ anleihe. So sei nach allen Richtungen hin in bester Weise vor⸗ gesorgt und wir können deshalb auch hier sagen: Lieb Vater⸗ land, magst ruhig sein!(Lebh. Beifall.) 5

kinister von Hombergk führt aus, die Frage des wirt⸗ schaftlichen Ausschusses habe zu einer auch für die Regierung wertvollen Aussprache geführt und besondere Erörterungen darüber veranlaßt, wie den Wünschen der Bevölkerunt i Hinsicht möglichst e werden ane Den vielen berechtigten Forderungen Ausschusses bezüglich der Volks⸗ ernährung habe die Regierung größtenteils Folge geleistet. Die von der Regierung getroffenen Maßnahmen betrafen zumeist Vor⸗ schriften zur Ausführung der Bundesratsbeschlüsse, und zur Durch⸗ führung der Organisationen. Die Regierung habe keinen Anstand genommen, dem Ausschuß nicht nur Rede und Antwort zu stehen, sondern auch über die von ihr getroffenen Vorschriften und Anregungen. Dank unserer vom Reich und allen Einzelstaaten und Kommunalbehörden vorsorglich getroffenen Maßnahmen zur Sicherstellung der Volksernährung ist der Aushungerungsplan unserer Feinde vollständig wirkungslos geblieben und die Regie⸗ rung benütze gern die Gelegenheit, dem Ausschuß und allen Be⸗ hörden, die an der Durchführung der Organisation mitgewirkt ha⸗ ban, wärmsten Dank und Anerkennung auszusprechen.

Abg. von Helmolt 870 weist auf die Einmütigkeit und Geschlossenheit des deutschen Volkes hin, unter allen Umständen

zuhalten und sich allen denjenigen wirtschaftli Maß⸗ nahmen bereitwillig zu fügen, die zur Sicherstellung Volks⸗ ernährung von maßgebender Stelle für erforderlich erachtet wur⸗ den. Nur dieser Einmütigkeit und vorzüglichen wirtschaftlichen Organisation fei es gt damen, daß alle Pläne un Feinde zu⸗ schunden murrden. Es hätten aber auch alle Kreise ihre Schuldig⸗ keit dabei getan, besonders auch die Landwirtschaft, und die Frauen auf dem Lande und die schon in den Ruhestand getretenen älteren Feute. Der Redner geht auf die hauptsächlichsten wirtschaftli Maßnahmen näher ein, begrüßt die Festsetzung von Höchstpreisen, die Einführung der Brvtkarten, die aber hinsichtlich der Zusatz⸗ 2 in der Handhabung der einzelnen Bestimmungen, wobei er besonders auf die Verschiedenartigkeit der Brot habung in 5 und Frankfurt aufmerksam macht.

Abg olthan(Zentr.) erörtert zunächst die Frage der ud der Berechtigung des wirtschafklichen Aus⸗

Weise gelöst haben. nen ein, die sehr wohl möglich und auch notwendig sei, und fordert die 8 für das ganze Land.

it der 2 hrung des Krieges auf dem Balkan wachse auch die Möglichkeit der Einfuhr ausländischen Getreides. Die Behand⸗ der sei in den verschiedenen sehr ver⸗

Milch und Fetten wünscht der Redner ein energischeres Eingreifen der Regierung; auch auf die schwierige Lage des städtischen Grund⸗ besitzes müsse Rücksicht genommen und die Grund⸗ und Stempel⸗ 15 75 herabgesetzt werden, wie es auch notwendig sei, besonders en kleineren und mittleren Beamten in dieser schwierigen Zeit entgegenzukommen. Die verschiedenen Beratungen des Ausschasses seien für unser Land von Vorteil gewesen und er werde auch fortfahren in dem Bestreben, gemeinsam mit allen politischen Parteien weiter im Interesse aller zu arbeiten. 5

Abg. Henrich(fr. Vp.) geht auf einzelne Wirtschaftsfragen näher ein und erörtert besonders die unzureichende Verteilung der Brotkarten: die Freizügigkeit derselben müsse im allgemeinen Interesse dringend gefordert werden. 5 5

Abg. Ulrich(Sozd.) bemerkt, man habe in der heutigen Tebotte allgemein nur Lobendes gehört über die Durchführung der wirtschaftlichen Maßnahmen und er erkenne ebenfalls an, daß alse behördlichen Organe ihre volle Schuldigkeit getan hätten. Es müsse aber noch mehr daran gedacht werden, daß gerade der Arbeiter und der Mann mit geringem Einkommen überhaupt durch die jetzige schwere Zeit und die Teuerung am allermeisten getroffen würden. Nur wenig kleinere Gruppen hätten von den Kriegs⸗ perhältnissen wirkliche Vorteile. Der Redner verlangt in seiner sehr umfangreichen Rede wirksamere Maßnahmen seitens der Ver⸗ waltungsbehörden für die am schwersten Getroffenen und wendet sich besonders gegen die wahre Geldgier, die viele ergriffen habe. Die Nahrungs- und Futtermittel lägen in den Händen des Wuchers und nicht in denen der Regierung. Die Regierung sollte mit allen Mitteln gegen dieKriegshyäne vorgehen und die hohen Kriegs⸗ gewinne mit einer Steuer bis zu 50 8 belegen. Der Redner setzte seine Ausführungen bis kurz vor 2 Uhr fort. Dann wurde die Beratung abgebrochen. Nächste Sitzung: Mittwoch früh 9 Uhr.

RAͤtriegsbriefe aus dem Westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Die bedrängte Lage der Franzosen vor Tahure.

J Großes Hauptquartier, 10. Okt. In der Champagne dauerte die ganze Nacht der Ar⸗ tilleriekampf, wenn auch nicht in ständigem Trommelfeuer, so doch unter ausgiebigster Verwendung schwerster Kaliber, ununterbrochen fort. Die Franzosen richten das Feuer be⸗ sonders auf unsere rückwärtigen Stellungen, sowie auf die sogenannten Balfon⸗ oder Erkerstellungen, welche zahnrad⸗ artig in die feindlichen Stellungen hineinspringen und daher flankiert werden können. In der gleichen schwierigen Lage befinden sich die Franzosen in ihren in unsere Linien vor⸗ springenden Halbinselstellungen.

Besonders bedrängt ist die Lage der Franzosen in dem Vorsprunge vor Tahure, wo sich die gehäuften Truppen⸗ massen in unserem Feuer nicht entwickeln können. Nord⸗ östlich von Tahure gelang uns abermals ein Rückgewinn an verlorenen Grabenstücken. Der Brennpunkt der feind⸗ lichen Anstrengungen, die nach vielen Anzeichen, beson⸗ ders der lebhaften Fliegertätigkeit, noch weiter dauern werden, liegt in der e von Somme⸗Py.

Leutnant von B. schoß gestern abermals einen feind⸗ lichen Kampfflieger von seinem neuen Eindecker aus ab, der in Flammen aufging und in Trümmern mit toten Insassen innerhalb unserer Stellungen zur Erde fiel.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Eingesandt.

(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerle Verantwortung.)

Die reine Mausefalle, N die den Benutzer aber zwecklos Geld kostet, ist der Postwert⸗ zeichen⸗Automat am Bahnhof. Die Einrichtung ver⸗ sagt so häufig, daß den Benutzern, abgesehen von dem Geldverlust, die Geduld reißt. Die Eisenbahnbeamten sind die ärgerlichen Auf⸗ tritte am Postautomaten schon so gewöhnt, daß sie sogar das Lachen verlernt haben über die manchmal sehr lustigen Auftritte, die sich vor dem Automaten abspielen, denn es fehlt nicht an drol⸗ ligen Versuchen, durch Trommeln und Klopfen an den Außen⸗ seiten der Maschine entweder wieder zum Geld oder zu Marken

des Bundesrats überholt, wie die Brot⸗ und Mehlversorgung.! schiedenartig gewesen, In der Frage der Versorgung mit Butter, zu kommen. mit der italienischen dramatischen Literatur begnügte er sich nicht schon an die Türken fortgegeben, wie Allvater bedauernd feststellte.

Ein Theaterkönig.

Am 13. Oktober sind 100 Jahre verflossen, daß der ehe⸗ malige Gastwirtssohn, spätere Marschall von Frankreich und König von Neapel, Joachim Murat, bei dem Versuch, seinen verlorenen Thron zurückzuerobern, in Calabrien erschossen wurde. Diesen Abenteurer, der, aus der Hefe des Volkes hervorgegangen, zum höchsten Glanz menschlicher Macht in unglaublich kurzer Zeit em⸗ vorgestiegen und Napoleons jüngster und schönster Schwester Ka⸗ roline vermählt war, nannte sein Schwager, nachdem er sich mit ihm wegen politischer Fragen entzweit hatte, verächtlich einen Theaterkönig. Er wollte damit Murats Hang zu maskerade⸗ haftem Pomp, zu phantastischer Kleidung und theatralischem Ge⸗ baren geißeln. Und in der Tat, wenn man seinem nachmaligen Ordonanzoffizier, dem Memotrenschreiber, dessenVierzig Jahre aus dem Leben eines Toten jetzt eine fröhliche Aufersbehung ge⸗ feiert haben, glauben darf, wenn man von Mrrrats bisweilen karikaturenhafter Kleidung als Araber, als polnischer Schlachzize oder gar als Großsultan, von der Buntheit und Kostbarkeit der Stoffe, der Verschwendung an Diamanten und Edelsteinen und prächtigen seltenen Federn liest, so ist man versucht, diesen Titel allein um deswillen gerechtfertigt zu finden. Jedoch verdient nach der genannten Quelle Murat den Namen befonders als Ehren⸗

titel. Versäumte er, als gelehriger Schüler seines großen Schwa⸗ E

gers, nichts, um der Vergnügungssucht der Napolitaner zu schmei⸗ cheln, so vergaß er auch nicht, sämtliche Theater der Stadt mit reichlicher Unterstützung zu fördern. Die ersten Sänger und Sän⸗

gerinnen Italiens ließ er mit ungeheuren Gehältern engagieren, I.

gab ungezählte Beträge für Kostüme und Dekorationen aus, und weder vorher noch nachhe haben die neapolitanischen Bühnen eine solche Glanzepoche gehabt? Sein größter Ruhm in der Geschichte der Oper aber wird es sein, daß auf seinen Befehl am Kömglichen Opernhaus in Neapel, als erster Bühne Italiens, Mozarts Don Juan zur Aufführung gelangte, und zwarnach dem un⸗ widerruflichen Willen Seiner Majestät genau in der Fassung, wie der Meister ihn komponiert hatte. Die beliebte Manier italieni⸗ scher Orchesterleiter, mit der Partitur und den Gesangspartien sich den Sängern und Sängerinnen anzupassen, wurde nicht ge⸗ stattet, nicht die geringste Abänderung, Schnörkelei oder unpassende Verzierung geduldet und nach langen mühevollen Proben das Werk des unsterblichen Meisters in so hoher Vollkommenheit aufgeführt, daß es unter allgemeinem, sich immer steigerndem Beifall über

dertmal 1 8 N gegeben werden konnte. Neben der per aber pflegte Murat auch das Schauspiel und nicht bloß das ranzösis besonders wohl seiner Gattin zuliebe, deren

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und ließ es gern geschehen, daß der obenerwähnte deutsche Offi⸗ zier in seinen Diensten Schillersche Dramen ins Italienische über⸗ setzte und zur Aufführung einstudierte. Als erste Gabe wurde natürlich der dem italienischen Verständnis am nächsten liegende Fiescp gewählt, der denn auch einen stürmischen Erfolg hatte. Es war eine Liebhaberaufführung, von den Mitgliedern der Hof⸗ geserlschaft veranstaltet, und wie ein Treppenwitz der Weltge⸗ schichte wirkte es, daß dabei die von einem Doria verführte Tochter des Republikaners Verrina von einer Gräfin Torka dargestellt wurde. Jedenfalls brauchen wir Deutschen selbst heutzutage uns nicht zu schämen, dieses französisch⸗talienischen Theaterkönigs zu gedenken, der ein Verehrer und Förderer Mozarts und Schil⸗ lers war. f *

Bulgarische Sagenweisheik. Je mehr die neuere Jorschung die Volksseele der Bulgaren, den unerschöpflichen Schatz ihrer Märchen⸗ und Sagenweisheit erschließt, umso sympathischer erscheint uns dies reichbegabte Volk des Balkan, das vor 14 Jahr⸗ hunderten unter dem Häuptling Asparuch aus seinen damaligen Sitzen an der Wolga nach dem alten Mösien, seiner heutigen Heimat, einwanderte. Bezeichnend für den frühen Bildungshunger des Volkes ist die alte Sage von der Entstehung der Tauben. lebten einmal Kinder eines Pfarrers, wie M. K. Tzepenkov im Sbornik erzählt, die im Frühling gar viel sangen. Es waren aber keine frommen Lieder, sondern sie verfluchten ihren Vater, weil er sie nicht zum Lehrer geschickt hatte, damit sie aus Büchern ernten; sie verwünschten auch sich selbst ob ihres elenden Loses und wurden aus Barmherzigkeit in Tauben verwandelt. Vorher aber hatten sie ihrem Vater einen Fluchgesang gesungen, der in der Uebersetzung von Adolf Strauß lautete:

Erblinden soll der Pfarrer, Mag mir kein Buch er geben, Daß ich daraus was lerne,

Damit aus mir was werde

Von scharfer Beobachtungsgabe zeugt die Erzählung von der Verteilung des Glücks unter die Völker, zu deren Verständnis man sich erinnern muß, daß sie zur Zeit der einstigen Türkenherrschaft in der Blüte der Osmanenmacht entstanden ist. Als der Herr das Glück unter die Menschen verteilte, da kamen zuerst die Türken vor Gott, um sich ein Geschenk zu erbitten. Der Allmächtige gab ihnen aus freien Stücken die Herrschaft. Als die Bulgaren von Gottes Gnadenverleihung hörten, stellten auch sie sich ein.Was wollt ihr haben? fragte diesmal der Herr. Und die Antwort ist bezeichnend für den stolzen, hochstrebenden Sinn

Volles;Die Herrschaft. Die war wm freilich fürs erste

Lieb seid ihr mir, Bulgaren, sprach er,aber das Gegebene kann ich micht zurücknehmen; doch will ich euch ekwas anderes geben, die Arbeit. Geht in Gesundheit! Seitdem sind die Bulgaren das fleißigste Volk unter allen Nachbarn. Später schlichen sich die Zigeuner ein, die nur das traurige Los abbekamen,arm zu sein und in Mühe und Qual zu leben; dann stolzierten die Franzosen heran, die den lieben Herrgott sehr von oben herab weidlich abkanzelten, daß er die Herrschaft schon fortgegeben hätte. Sie erhielten dafür die Eitelkeit!.... Es liegt ein tiefer Sinn in dieser Sage, ebenso wie in einer kleinen Geschichte, die dis au, dem bulgarischenkleinen Manne lastende Armut erklären möchte und im Grunde auf den Ton des Goethe'schendenn alle Schuld rächt sich auf Erden gestimmt ist. Früher hatten es die Leute besser, aber der Zimmermann verdarb alles. Und das kam so. Er verdiente durch seine Tagesarbeit so viel, daß er abends einen wohlgefüllten Beutel Geld nach Hause nehmen konnte. Als er eines Abends wieder mit seinem Geld auf dem Heimweg war, begegnete ihm der liebe Gott und fragte:Meister, was trägst du da in der Tasche? Der Zimmermann log:Holzabfälle, damit sich meine Kinder wärmen können. Aergerlich sprach der Herr:Von. nun ab sollst du auch Holzabfälle nach Hause tragen! Von der Zeit an ist der Zimmermann arm geworden, und wenn er sich auch den ganzen Tag gemüht hat, bringt er abends doch bloß Holz⸗ spähne nach Hause, um sich daran zu wärmen. Aehnliches besagt die auch den Türken bekannte, wohl überhaupt ursprünglich islamitische Legende, daß der Engel Gabriel den Adam pflügen lehrte; der Pflug ging so lange von selbst, wie Adam keine Sünde begangen hatte.. Nach mehreren Sagen schließlich, die zum Teil an die Baldursage der Edda und die von Firdusi be⸗ arbeitete persische Isferdiar⸗Sage anklingen, lastet auf den Bäumen des Landes ein uralter Fluch. Es ist dies die tief nachdenkliche Art und Weise, mit der sich das bulgarische Volk mit der Sünde ver⸗ gangener Geschlechter, der Waldverwüstung, abfindet. Ueber die Zukunft der Bulgaren aber leuchtet das schöne tiefe Wort, das in einer ihrer Schöpfungssagen steht:Arbeit schuf die Welt.

EdisonsKinetophon. Amerikanischen Blätter⸗ meldungen zufolge ist Edtson, der eben erst von einem schweren Augenleiden genesen ist, gegenwärtig damit beschäftigt, seine neueste Erfindung fertigzustellen. Es handelt sich um das sog. Kinetophon, einen Apparat, der die menschliche Stimme in genauer Uebereinstimmung mit den kinematograßhisch aufgenom⸗ menen Bewegungen photographisch festzuhalten geeignet ist. Die Erfindung, erklärt Edison, wird das Kino endgültig zur Auf⸗

führung von Dramen und Opern befähigen.