Nr. 2414
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165. Jahrgang
General Anzei ger für Obel dagen
Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ. Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstr. 7.
Mittwoch, 13. Oktober 1015
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der Angriff Bulgariens auf Serbien.
Nisch, 12. Oktober.(WTB. Nichtamtli
der Front von Knjazevae angegriffen.
GTB.) Sroßes Hauptquartier, 12. Oktober. (Amtlich.) 5. Westlicher Kriegsschauplatz.
Nördlich von Arras setzten die Franzosen ihre An⸗ griffe fort. 5
Zwei Teilangriffe gegen die von uns am 8. Oktober 5 91 von Loos zurückeroberten Gräben wurden ab⸗ gewiesen. 5
Stärkere Angriffe gegen die Front nordöstlich von Souchez bis östlich von Neuville brachen stellenweise unter sehr erheblichen Verlusten für den Feind zusammen. Nur an zwei kleinen Stellen gelangten die Franzofen bis in unsere vorderste Linie.
Auch in der Champagne endeten französische An⸗ griffe beiderseits Tahure mit einem empfindlichen Rückschlage für den Feind. Trotz starker Artillerievorbereitung ver⸗ mochte er gestern abend nirgends einen Geländevorteil zu erringen. Seine Versuche, heute früh an derselben Stelle durchzustoßen, scheiterten ebenfalls.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Hindenburg.
Auf der Westfront von Dünaburg führte unser An⸗ griff ur Erstürmung der feindlichen Stellungen westlich von Illuxt von 2˙/ Kilometer Fronbreite. Drei Offiziere, 367 Mann sind gefangen genommen, ein Maschinengewehr ist erbeutet. Russische Gegenangriffe wurden abgeschlagen.
Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Nichts Neues. 2 8
Heeresgruppe des Generals v. Linsingen. Die feindliche Kavallerie bei Jeziercy räumte das Feld.
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Die Lage bei den deutschen Trunpen der Armer des Generals Grafen Bothmer ist unverändert.
Balkan⸗Kriegsschauplatz.
Auf der ganzen Front macht unsere Vorwärtsbewegung gute Fortschritte. Stadt und Feste Semendria sind gestern von unseren Truppen genommen.
Oberste Heeresleitung. „„
Die Lawine, die seit längerer Zeit drohend über Serbien hing, ist ins Rutschen gekommen. Gestern noch hieß es, die Meldung von einer bulgarischen Kriegserklärung an Serbien sei verfrüht. Die„Kölnische Zeitung“ meldete
strich:„Die„Neuen Zürcher Nachrichten“ wollten aus
ester Quelle erfahren haben, daß am Montag mittag 11 Uhr Bulgarien Serbien die Kriegserklärung zugestellt habe. Eine Bestätigung der Nachricht fehle.“ So wird denn die Sache ihre Richtigkeit gehabt haben. Sicher ist, daß wir bis zur Stunde über die Vorgänge und Vorverhandlungen mit Ser⸗ bien, die jetzt durch den bulgarischen Angriff zum Abschluß gekommen sind, nicht unterrichtet worden sind; auch eine Lawine kommt nicht in Bewegung, bevor nicht ein vermehrter Druck oder eine Schneeschmelze den Anlaß gegeben hat. Ueberraschung kann das neue Ereignis niemandem bereiten, denn die führenden Männer in Sofia hatten ihre Absichten deutlich genug angekündigt. i Wir begrüßen das Eingreifen Bulgariens in einer Stunde, da wir auf dem besten Wege sind, dem neuen Bun⸗ desgenossen über Serbien hinweg bald die Hände zu reichen. Die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen haben auf der ganzen Front an der unteren Drina, der Save und der Donau mit großem Erfolge angegriffen, und deutsche Truppen haben nicht nur Semendria erobert, sondern auch den serbischen Feind bereits auf Pozarevac, 10 bis 15 Kilo⸗ meter südlich er Donau, zurückgedrängt. Es scheint, als gehe der deutsch⸗österreichische Vormarsch, vielleicht aus Rück⸗ sicht auf Rumänien, nicht durch das„eiserne Tor“ am Lauf der Donau entlang. Auch die Bulgaren haben nicht von dem nordwestlichsten Zipfel ihres Landes aus, an der Donau, angegriffen, sondern an der Front von Knazevac, von wo sie nur etwa 40 Kilometer bis Nisch zurückzulegen haben. Ser⸗ bien wird demnach von allen Seiten, wie ein Schwamm, zusammengepreßt, und es läßt sich erfreulicherweise voraus 55 daß der serbische Krieg nicht von langer Dauer sein
ird.
Die deutsch⸗österreichisch⸗ungarischen und bulgarischen Angreifer bekümmern sich nicht mehr um die schreienden und angstvollen Zuschauer im Süden. Der bulgarisch⸗serbische
rieg ist in einer Stunde entbrannt, die auch für Griechen⸗ land eine Entscheidung bedeutete. Der neue Ministerpräsi⸗ dent Zaimis in der Kammer die Grundzüge seiner Politik enthüllt, und da er erklärte, die Haltung Griechen werde sich den künftigen Ereignissen anpassen, so darf man hoffen, daß auf die neue Tatsache des bulgarischen Angriffes sich in Athen nicht schon wieder der Wind drehen wird. Das Kabinett Zaimis war berufen worden, um ohne Feindschaft gegen die Zentralmächte sich mit Bulgariens Be en abzu⸗
finden. Wollte König Konstantin auf die bulgarische Kriegs⸗ erklärung an Serbien das Schwert gegen Bulgarien ziehen, so hätte er Venizelos nicht kalt zu stellen brauchen. Auch der Ausdruck Zaimis', Griechenland werde sich den künf— tigen Ereignissen anpassen, läßt erwarten, daß man ich in die unvermeidliche neue Machtverteilung fügen wird Es ist mit jedem Tage klarer geworden, wie windig es mit der in Saloniki eingestellten Hilfe des Vierverbandes bestellt war. England und Frankreich hatten nichts anderes beabsichtigt, als die Hellenen möglichst schnell und besin⸗ nungslos in den Krieg zu stürzen. Dieses nette Streben ist einstweilen vereitelt worden; Griechenland wartet zuerst die künftigen Ereignisse ab. Ob nun wirklich in Saloniki die von einem serbischen Blatte bereits ironisch begrüßten Brüder aus Algier, Kongo, Indien und Transvaal, die Senegalneger und Zulu⸗Kaffern, in Haufen alsbald landen werden? Wir wagen einen Blick in die Zukunft zu tun und sehen nichts als neue Tränen im Auge Albions; die fran⸗ zösische Presse hat zwar nach Verstärkungen in Saloniki ge⸗ rufen, aber unumwunden erklärt, Frankreich, das teilweise vom Feinde besetzt sei, dürfe seine Kräfte nicht zersplittern. Wir sehen, daß die verantwortlichen Persönlichkeiten in Athen Verhandlungen mit Bulgarien und den Zentral⸗ mächten anknüpfen und sich schließlich auf diese Weise dem Lauf der Weltgeschichte anpassen werden. Venizelos hat den Satz ausgesprochen:„Keinesfalls dürfen wir Bulgarien ge⸗ statten, Serbien niederzuwerfen, um nachher uns mit allen Kräften anzugreifen.“ Wohlan, versäume Griechenland den notwendigen Anschluß nicht! Bulgarien wird, nach der freundschaftlichen Aeußerung seines Königs, zum Verhandeln bereit sein, und die Leni werden zu einer befrie⸗ digenden Einigung gern die helfende Hand bieten.
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Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.
Wien, 12. Okt.(STB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: Wien, 12. Oktober 1915.
Russischer Kriegsschauplatz.
Die Lage ist unverändert. Im Raume südlich von Burkanow schlugen wir drei russische Angriffe ab. Die Abwehr eines vierten, der gegen ein Frontstück von zwei bis drei Kilometern gerichtet war, ift noch im Gange. Am Kor⸗
minbach und nördlich von Bafalowka am Styr unternahm 22
der Feind gleichfalls einige erfolglose Vorstö ße. l Italienischer Kriegsschauplatz. Keine Aenderung. 5 Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Südlich der Save und der Donau und an der un⸗ teren Drina wird an ganzer Front angegriffen. Die aus Belgrad vordringenden k. und k. Truppen erbeuteten bei der
Erstürmung des östlich der Stadt und der Laudon⸗Schanzen Gaf
aufragenden Berges Li par drei Geschütze und einen Schein⸗ werfer. Alle Höhen im Umkreise von Belgrad, die die Strom⸗ übergünge auf Feldgeschützertrag beherrschen, sind im Besitz der Verbündeten. Die Deutschen eroberten Semendria und drängen den Feind auf Posarewatsch zurück. Auf der Grenze zwischen der Herzegowina und Montenegro kam es an mehreren Stellen zu Geplänkeln mit montenegrinischen Abteilungen.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.
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Eine Erklärung des Ministeriums Zaimis.
Athen, 12. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der „Agence Havas“. Ministerpräsident Zarmis erklärte in der Kammer, daß die Regierung nach einer genauen Prüfung der augenblicklich äußerst verwickelten internationalen Lage ihre Politik auf dieselben Grundlagen zu stützen gedenkt, wie die Politik, die Griechenland seit dem Beginne des europäischen Krieges befolgt habe. Zaimis fuhr dann fort: Um den Lebensinteressen der Nation besser zu entsprechen, wird unsere Neutralität bewaffnet sein; unsere Haltung werd sich den künftigen Ererg⸗ nissen anpassen. Die Regierung, die in den kritischen Augen⸗ blicken von den Vertretern des griechischen Volkes unterstützt wird, verfolgt die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit.
Auf die Rede Zaimis antwortete Venizelos: Nie⸗ mand will das Land in innere Unruhen stürzen. Im Hinblick auf die augenblickliche Lage wird, die Kammermehrheit der Regierung ihre Unterstützung gewähren, so lange die Politik der Re⸗ gierung die Grundlagen meiner Politik nicht umstürzen wird, über welche die Kammer bereits abgestimmt hat. Bestünde kein Vertrag mit Serbien, so würde unser Interesse uns zwingen, jedesmal aus unserer Neutralität herauszutreten, wenn ein an⸗ derer Staat sich auf unsere Kosten vergrößern will. Es han⸗ delt sich nicht darum, zu wisfen, ob wir Krieg führen sollen oder nicht. londern un muß wissen, wan wir den Krieg beginnen
ch.) Meldung der„Agence Havas“. Die Bulgaren haben uns auf
müssen. Keinesfalls dürfen wir Bulgarien gestatten, Serbien tiederzuwerfen, um nachher uns mit allen Kräften anzugreifen. Die Seele der Nation sagt sich, es sei im Interesse Griechen⸗ lands, daß Bulgarien zerschmettert werde. Wäre Bulgarien sieg⸗ reich, so würde der Hellenismus vollkommen vernichtet werden. Venizelos sprach die Hoffnung aus, daß sich die Politik der neuen Regierung als besser erweise als die seinige.
Englische Drohungen gegen Griechenland.
London, 12. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Morning Post“ schreibt in einem gestrigen Leitartikel, Griechenland würde, wenn es wohlwollend neutral bleiben würde, während Bulgarien Serbien angreife, an der balkanischen und an der eigenen Sache zum Verräter werden Es würde, wenn der Hahn kräht, seinen Glauben verleugnen; Bulgarien wäre der Judas und Grie⸗ chenland der Petrus. Das Blatt droht sodann, daß Griechenland die Freundschaft der englischen Seemacht verlieren würde, die es so lange genossen habe, daß es vielleicht nicht wüßte, was ihre Entfremdung bedeute. Die Griechen sollten sich ihres blühenden Seehandels und ihrer schutzlosen Küsten erinnern und bedenken, daß eine ernstliche Entfremdung Englands ihren Ruin binnen 24 Stunden bedeuten würde. Die deutsche Gefahr sei entfernt, die englische Gefahr unmittelbar. Neutralität könne es in dem jetzigen Balkankrieg nicht geben.
Der bevorstehende bulgarisch⸗serbische Krieg.
Berlin, 13. Okt. Zur Meldung eines Zürcher Blattes, wonach Bulgarien am 11. Oktober die Kriegserklärung an Serbien habe abgehen lassen, kann die„Voss. Ztg.“ melden, daß sie e verfrüht sei. Tatsache aber sei, daß sich die bulgarisch⸗serbischen Beziehungen derartig verschärft hätten, daß der bewaffnete Konflikt zwischen Serbien und Bulgarien unvermeidlich bevorstehend bezeichnet werden
müsse. f Der serbische Bericht. Nisch, 12. Okt.(WWB Nichtamtlich) Meldung der Agence Havas. Belgrad mußte geräumt werden, um es vor
einer feindlichen Beschießung zu bewahren. Unsere Truppen hal⸗ ten folgende Linien besetzt: Lipovac— Tscherkovac—Brejane—Lip⸗
bes.—Semendria brntere Morawafront), Kupes— Ekmekluk(Bel⸗ grader Front), Obrenovac(Sawefront). Der Feind ver⸗
fügte über eine gewaltige schwere Artillerie, besonders über 105⸗Millimeter⸗Geschütze, was die Kämpfe sehr blutig gestaltet. Die Verluste besonders an Offizieren, sind beider⸗ seits ungeheuer. Unsere Truppen leisten den feindlichen Sturm⸗ angriffen siegreich Widerstand. Bisher ist die Anwesenheit von d Arm und 8 österreichisch⸗ungarischen Korps bei Belgrad festgestellt worden. Eine deutsche Division bei Ram und eine andere deutsche Division bei Parojovac(alle beide von unbekannter Zusammensetzung), die 11. bayerische und die 10. und 26. Neusehn Division wurden bei Kowina und Bawanitscho auf unseren Front gemeldet. Ferner meldete man noch die An⸗ wesentheit feindlicher Truppen, deren Zahl noch nicht genau fest⸗ gestellt worden ist. Bei Obrenovac befinden sich anderthalb öster⸗ reichische Divisionen. Bei Obrenovac und Badovintzi(untere Trinafront) meldet man zwei österreichischaungarische Brigaden Bei Obrenovac verwendet der Feind sehr reichlich erstickende se.
Heiteres aus Serbien.
„Sofia, 12 Okt.(WTS. Nichtamtlich.) Das serbische So⸗ zialistenorgan„Budutschnost“ schreibt zur Landung von Truppen der Entente in Saloniki: Wir haben das sel⸗ tene Glück erlebt, Zeugen der majestätischen Bekundung slavi⸗ scher Brüderlichkeit zu sein. Es kommen als Gäste unsere teuren Stammverwandten, slavische Brüder aus Algier, Kon go, Indien und Transvaal, ferner unsere Vettern, Marok⸗ kaner, Senegalneger und Zulukaffern. Sie sollen die serbischen Reihen ausfüllen und mit uns unter der Fahne unserer gemeinsamen slavischen Mutter Rußland gegen die Ger⸗ manen in Bulgarien und der Türkei in den heiligen Kampf ziehen. Wenn wir dann, angeführt von asiatischen und afri⸗ kanischen Helden, den Feind besiegen, wird dies einen Triumph des Christentums über den Islam bedeuten und einen Triumph der weichen slavischen Seelen über den groben barbar⸗⸗ schen Germanismus. Im Namen dieses Triumphes begrüßen wir unsere teuren Brüder, die Marokkaner, Senegalneger, Zulukaf⸗
fern, Papus und Inder, diese unermüdlichen Verteidiger de⸗.
unterdrückten Slaventums und Christentums Aus Saloniki.
sämt⸗ lich von den Dardanellentruppen und 2000 Engländer, ins gesamt al so 20000 Mann, welche die Division Baillaud bilden. Außer diesen landeten keine Mann⸗ schaften. Am 9. Oktober traf der Befehl ein, daß eine Brigade nach Serbien abgehen solle. Im letzten Augen⸗ blick kam Gegenbefehll Die Engländer versuchten in⸗ zwischen Karaburun und die Spitze des Hafens u besetzen, wurden aber durch die Griechen daran ge⸗ Rade Es erscheint ausgeschlossen, daß selbst in einigen Wochen mehr als 40 bis 50 000 Mann in Saloniki ger
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