Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Sweites Blatt
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
71 5 Freitag, 8. Oktober 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗
leitung: 112, Adresse für Drahtnachrichten⸗ Anzeiger Gießen.
Der neue Balkankrieg hat begonnen.
Zar Nikolaus ist Oberbefehlshaber nur noch über das russische Heer, nicht aber über Balkan. Seine Rolle als Schiedsrichter ist dort ausgespielt, seine Ukase finden keine Beachtung mehr, und sein Ultimatum an Bulgarien hat eine runde Ablehnung erfahren, so daß der Vierverband nach dieser Abfuhr wohl oder übel die diplomatischen Beziehun⸗
en abbrechen mußte. Was nun? Wenn die Herren in
ondon, Paris, Petersburg und Rom logisch handelten, müßte die Kriegserklärung alsbald salber müßte dieser neue Valkankrieg schon jetzt beginnen. Aber allem Anschein nach hat man sich innerhalb der Vierverbandsdiplomatie, deren Zerfahrenheit immer größer wird, über die weiteren Schritte noch nicht geeinigt. Doch was auch die Entwicklung auf dem Balkan mit sich bringt, in Bulgarien ist man darauf gefaßt und gerüstet. Das Organ des Ministerpräsidenten Radoslawow,„Narodni Prawa“, sprach es offen aus: Das Schwert hat das Wort! Was König Ferdinand nach dem letzten Balkankriege 9 0 daß Bulgarien seine 19255 vollen Fahnen eingerollt habe für bessere Tage, jetzt soll es wahr werden. Jetzt soll Bulgarien durch die Einverleibung des ihm von den Serben entrissenen Mazedoniens zum Groß⸗Bulgarien anwachsen, soll zugleich der Weg von Deutschland und der Donaumonarchie über Bulgarien nach der Türkei, der Weg vom Brandenburger Tor nach Konstan⸗ tinopel eröffnet werden. Das Zeichen zum Aufbruch kann nicht lange mehr ausbleiben, so hatte Radoslawows Blatt erklärt. Nun, unsere Truppen haben das Zeichen jetzt gegeben, indem sie die Drina, Save und Donau überschritten, den neuen Balkankrieg gegen Serbien mit schnellem Vorstoß und mit einem bedeut⸗ samen militärischen Erfolg eröffneten. So ist dieser Welt⸗ krieg wieder an dem Punkt angelangt, von dem er aus⸗ ging, auf dem Balkan.
Hat sich der Vierverband wirklich eingeredet, daß er durch die völkerrechtswidrige Landung in Saloniki nicht nur Griechenland, sondern auch Bulgarien einschüch⸗ tern, am Ende sogar einen erneuten Druck auf Rumänien ausüben könnte? Jedenfalls ist die dreifache Spekulativu gründlich mißlungen. Der Versuch, Griechenland und Bul⸗ garien gegeneinander aufzuputschen, scheiterte an der alle Zukunftsmöglichkeiten erwägenden, weitausschauenden Poli⸗ lik der beiden Könige, die seit dem jüngsten Telegramm⸗ wechsel wieder den Weg zu einander gefunden haben in der
leichen Sorge vor den Vampyrgelüsten des Vierverban⸗ 2 55 Nach Venizelos Plan sollte Griechenland sich auf Grund des Bündnisses mit Serbien, das doch in dem Augenblick gegenstandslos war, als die Serben das durch den Ver⸗ trag garantierte Gebiet freiwillig abtreten wollten, auf Rechnung des Vierverbandes die Fehde Bulgarien und die Türkei eröffnen. Den teil davon hätt
5925 und das jetzt
enutzen wollte, um sich auf Kosten Griechen⸗ Konstantin icksal Ser⸗
die Landung der N Verbl.
hen daß„nur die außerordentliche Treue des Volkes
Das Kabinett Bratianu hält an der von der Kammermehr⸗ heit beschlossenen Neutralitätspolitik, für die sich drei Vier⸗ tel der Volksvertretung erklärt hatte, fest im Einvernehmen mit dem König, der an Staatsklugheit den bulgarischen und e Monarchen nicht nachsteht. a
So ist das Balkanspiel endgültig verloren, denn die Balkanstaaten, soweit sie nicht wie Serbien in den Klauen des Vierverbandes stecken, wollen sich, dem Satze Taille⸗ rands folgend, nicht mit einem Leichnam verbünden. Die italienische Meldung, daß die weiteren Truppenlandungen in Saloniki bis zur Klärung der Lage eingestellt worden seien, hat viel für sich, denn 8 des Umschwunges in Griechenland wird dem Vierverband zum Schluß nichts anderes übrig bleiben, als das ganze Saloniki⸗Abenteuer aufzugeben, wie er wohl oder übel auch das Dardanellen⸗ Abenteuer über kurz oder lang abbrechen muß. Den Schau⸗ platz des neuen Balkankrieges bestimmen nicht mehr die auf allen anderen Kriegsschauplätzen geschlagenen Vier⸗ verbändler, sondern vielmehr die siegreichen Zentralmächte haben ihn bereits bestimmt mit der Ankündigung im deut⸗ schen Generalstabsbericht vom 7. d. Mts., daß die Truppen 155 Verbündeten die Drina, Save und Donau überschritten haben.. Berlin, 7. Okt.(Priv.⸗Tel.) Der„Berliner Lokalanzeiger“ meldet aus Chiasso: Der„Corriere della Sera“ berichtet aus Athen vom 6. Oktober, daß die begonnene Truppenlandung des Vier⸗ 5 in Salonik bis zur Klärung der Lage eingestellt wor⸗
ei.
Sofia, 7. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Bul⸗ garischen Telegraphenunion. Der deutsche außerordent⸗ liche Botschafter Fürst Hohenlohe traf auf der Rück⸗ reise von Konstantinopel hier ein. Er wohnt als Gast des Königs im königlichen Palast. 8 55
Sofia, 7. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Bul⸗ garischen Telegraphen⸗Agentur. Der Botschafter Für st Hohen⸗ Lohe ist heute früh nach Bukarest abgereist, wo er sich einige Tage aufhalten wird. ö
London, 7. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Burcaus. Die„Times“,„Morning Post“, „Daily News“ und„Daily Chronicle“ besprechen die griechische Krise und gelangen einstimmig zu dem Schlusse, die einzige Möglichkeit zur raschen Beendigung der unerträglichen Lage sei, die in Saloniki gelandeten Streitkräfte sofort soviel wie möglich zu vermehren und sie durch ein mächtiges Ge⸗ schwader zu unterstützen. Die„Times“ und die„Morning Post“ dringen außerdem darauf, der griechische König solle aufgefor⸗ dert werden, unzweideutig seine Absichten zu erkennen zu geben.
. Aus Stadt und Cand. Gießen, 8. Oktober 1915.
955 e ins Feld. Der Vaterländische Frauenverein beabsichtigt, wie wir kürzlich mitgeteilt haben, in seinen 2150 Zweigvereinen am 22. Oktober, am Geburtstage der Kaiserin, von den deutschen Frauen eingekochtes Obst und Fruchtsäfte für die Kämpfer in den Schützengräben und für die Feld⸗ und Heimatlazarette in Empfang zu nehmen. Sicherlich wird der Hinweis auf diese Sammlung noch manche Hausfrau veranlassen, die Früchte, die der Herbst jetzt spendet, für den genannten Zweck zu sterilisieren und auch Fruchtsäfte bereit zu stellen. Gerade der Monat Oktober liefert ja in Apfel⸗ saft, Birnensaft, Schlehensaft, Ebereschensaft, Berberitzensaft noch eine reiche Auswahl an kühlenden und erfrischenden Getränken. Nun besteht aber die Möglichkeit, daß in manchen Haushaltungen ein Mangel an leeren Flaschen herrscht, während in an⸗ deren Wein⸗ und Likörflaschen im Ueberfluß vorhanden sind, die sich vortrefflich zum Einfüllen der Fruchtsäfte eignen. In An⸗ betracht des guten Zweckes ergeht deshalb an unsere Hausfrauen die Bitte, überflüssige, saubere Flaschen an solche Haushaltungen abzugeben, die sich an der Sammlung beteiligen wollen und denen es an Flaschen für Fruchtsaft fehlt. Die Schulfugend ist sicher überall gern erbötig, den Transport zu übernehmen. Am zweckmäßigsten setzen sich die einzelnen Zweigvereine mit den Schulleitern in Verbindung und erbitten deren Zustummung zur Beschäftigung der Jugend in genannter Weise. 5
Von den Durchbruchsversuchen im Westen erzählt ein uns zur Verfügung gestellter Feldpostbrief eines Gießener Reserveleutnants wie folgt:
„Gestern hatten wir wieder einen großen Tag, die Franzosen
leisteten sich das Vergnügen, anzugreifen, wurden aber kräftig
abgeschmiert. Schon die ganzen Tage davor hatten uns die Fran⸗ zosen mit fürchterlichem Artilleriefeuer überschüttet und auch schwere Minen mit 3 großen Minenwerfern auf unsere Stellung geworfen. In der Nacht vom 19. auf 20. lamen wir in Reservestellung, während das 2. Bataillon in Stellung kam und zwar in den Abschnitt, den wir sonst immer besetzten, die 8. Kompagnie. Wir sollten eigentlich 9 Tage in Reserve liegen, doch durch das furchtbare Feuer war die 8. Kompagnie der⸗ maßen erschüttert, daß sie am 24. abends für 48 Stunden um Ablösung bat. Am 25. morgens gegen ½5 Uhr war die Ab⸗ lösung beendet und schon gegen 6 Uhr setzte das fürchterlichste Artilleriefeuer ein, das ich je in diesem Kriege erlebt habe. Selbst in der Champagne war es nicht so schlimm gewesen. Kurz nach 9 Uhr merkte ich, daß das Hauptfeuer mehr na rückwärts verlegt wurde. Es sah nun schnell einer von uns, ie wir im Granat⸗Stollen saßen, heraus über die Deckung des Graben⸗ randes und meld⸗te chich schon, daß die Franzosen an⸗ greifen. Nun aber wir heraus aus dem Stollen, und da sah ich zu meinem Schrecken, daß die Franzosen die erste Stellung über⸗ liefen, ja am linken Flügel die 2. Stellung— in der ich lag sogar auch schon überrannt hatten. Nun war guter Rat teuer, denn die Kerle kamen in einer derartigen Uebermacht, daß ich mit den paar Leuten, die mit mir im Stollen gelegen hatten, nichts dagegen anfangen konnte. Ich warf den Franzosen noch ein Dutzend Handgranaten zwischen die Beine, ließ meine paar Männekens noch einmal gründlich Schnellfeuer abgeben und zog mich dem Graben nach rechts vor, wo es noch ziemlich frei vom Feinde war. Dort stieß ich auf den Kompagniefeldwebel der 11. Kompagnie, der etwa 8 Mann bei sich hatte. Darüber war ich heilfroh, denn mit meinen 6 Mann hatten wir doch dann wenigstens eher Aussicht, der Gefangenschaft zu entgehen. Die 2. Stellung war inzwischen auch von den Unsrigen besetzt, so daß wir wenigstens den Rücken frei hatten. Und nun feuerten wir, was nur das Zeug hielt, in die dicken Haufen der Fran⸗ zosen und zwar sowohl von vorn wie auch den beiden Seiten. 5 Rechts von uns waren die Franzosen schon sehr weit durch, und auch links waren sie schon weit genug. Am rechten Flügel wurden die Kerls nun zuerst zurückgetrieben und auch von der Front kamen die Franzosen nicht mehr heran. Nun hieß es, sie auch bei uns hinaustreiben. Wir gingen nun in unserem Graben nach links wieder vor mit unseren 15 Mann und 5 brüllten Hurra, was das Zeug hielt, gleichzeitig gingen aus 5 der 3. Stellung Teile der 8. Kompagnie zum Angriff vor 1 worauf sich die Franzosen trotz ihrer großen Uebermacht flucht⸗ 5 artig zurückzogen und auch über die 1. Stellung zurück⸗ 5 gingen. Nebenbei bemerkt, war das schon keine Stellung mehr,
sondern nur noch ein Granatloch am anderen, ebenso war die 2. Stellung, in der ich mit dem ersten Zug in Reserve gelegen, an einigen Stell vollkommen eingeebnet. Unsere Artillerie funkte nun noch fürchterlich in die zurückgehenden Franzmänner und brachte ihnen kolossale Verluste bei. Um ½12 Uhr hatten wir die Sache geworfen und die Gräben waren vollkom⸗ men frei, außer einigen Gefangenen und den verwundeten und toten Franzmännern. Um 3 Uhr griffen die Feinde in dem rechts an uns anschließenden Abschnitt noch einmal an, kamen 9 aber nicht weit und wurden, unter nochmaligen fürchter⸗ 5 lichen Verlusten, von 3 Seiten unter Infanteriefeue: und f Artilleriefeuer genommen, zurückgeschlagen. Jedenfalls hatten die 4 Franzosen eine große Sache vor, denn ein Gefangener sagte uns, 1 daß drei Kapallerie⸗Brigaden bereit standen, außerdem wurde eine direkt hinter der französischen Stellung auffahrende f Batterie von unserer Artillerie vollkommen erledigt. Hauptsache 1 ist, daß wir den Franzmännern wieder mal gezeigt haben, daß 5 ein Durchbruch nicht gelingt. 0 1 Landkreis Gießen.
au- Heuchelheim, 6. Okt. Der von hier ürtige, in Ober⸗Ohmen 1 0 Alsfeld) angestellte Lehrer K. Gorr, Leut⸗ N nant d. R., starb am 30. September an den Folgen der kurz 3 zuvor empfangenen Verwundung. Ein in die von ihm geführte 2 Kolonne eingeschlagener Granatvolltreffer setzte seinem Leben ein. Ende.— Sanitätsgefreiter Fr. Reuschling, im Landwehr⸗ 3 Infanterie⸗Regiment 116, ebenfalls von hier, wird als ver⸗ 1 mißt gemeldet. 5
Kreis Friedberg. a 4 „Friedberg, 7. Okt. Der ganze Kreis Friedberg. 5 ist, nachdem in Wölfersheim und Rodheim die Maul⸗ und Klauen⸗ 5 seuche erlosch, vollständig seuchenfrei geworden. Hessen⸗Nassau.
F. C. Marburg, 7. Okt. Mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse wurde der Direktor der medizinischen Klinik, Geh. Medizinalrat Professor Dr. Matthes, ausgezeichnet.
„Spangenberg, 7. Okt. Der 69 jährige Land⸗ wirt Albert Schonert, der schon 1870—71 mit Auszeich⸗
Münchner Brief.
Aus München wird uns geschrieben: Nun erleben wir wieder jene schönen Herbsttage, die für München sprichwörtlich ge⸗ worden sind. Der Lenz ist in Oberbayern zumeist regnerisch und kalt, aber in den Zeiten des Frühherbstes kommen Tage, die einander gleichen wie Schwestern von edlem, schlankem Wuchse; und in ihren Augen liegt Klarheit und Kühle. In langer Kette stehen sie im Spaliere, da das Jahr langsam und bedächtig abschreitet. Und sie lächeln bisweilen die wehmütige Erinnerung des geschie⸗ denen Sommers oder gedenken in ernster Hoheit der Schwanen⸗ weiße kommender Wintertage. 5
Diese Tage fallen gewöhnlich in die Zeit, da das Oktober⸗ fest stattfindet. Und, wenn Frieden im Lande geherrscht hätte, dann wäre auch diesmal jenes Fest begangen worden, das fast drei Wochen lang eine Volksgaudi großen Stiles abgibt, Ein Fest⸗ platz wäre entstanden, so ein richtiger Amüsierrummel mit Ver⸗ kaufsbuden und Schauzelten und Bierhallen und Karussells. Und
eschminkle Ausrufer hätten zu Otto dem Hungerkünstler und dem ben Ramlo eingeladen. Und Steckerlfisch, Bratwürscht und Spießhähnderln wären zum Gegenstande üppiger„Völlereien“ geworden. Das Oktoberfest hat aber nicht nur seine große Bedeu⸗ tung als Gelegenheit vergnüglichen Geldumsatzes— es ist auch eine große, bedeutsame landwirtschaftliche Ausstellung. Im ganzen aber, eine Art„herbstlicher Faschings“ war das Oktoberfest ein
trefflicher Ausdruck süddeutscher Lebensfreude. Zweimal wurde es gering
nun schon dem Kriege zum Opfer gebracht. un werden wir wieder auf'die Schwantalerhöse pilgern, um„nur im Nebel“ den Heimweg ins ferne Schwabing zurückzufinden? Jetzt ist die Zeit der Geschütze, nicht die der Tanzmusik!
Die Zeit des Opferns und des Verzichtens guch. Das weiß der Münchner und fügt sich ohne Murren darein. Er hat sich schon ganz gut damit abgefunden, daß es keine Weißwürste mehr gibt, und auch an die Neuordnung der Bierverhältnisse, die einschneidendste Maßnahme, die tief in des Münchners Gewohnheiten griff, hat man sich nun nachgerade gewöhnt... In diesen Tagen findet auch in München die Nachmusterung der früher Ausgemusterten statt. „Nun wird's bald gar saan mit'ne Krieg, wann wir einrucka“, meinte einer von ihnen in humorvollem Skeptizismus. Immerhin erwies sich mancher, der ehemals den„gelben Schein“ erhalten hatte, als geheilt und aussichtsreicher Zukunftssoldat.
Durch die ständig sortdauernden Einberufungen werden natür⸗ licherweise alle Berufe und Betriebe in heftige Mitleidenschaft 11125— Vielfach können freilich die zum Soldatendienste gerufenen Männer durch weibliche Hilfskräfte ersetzt werden. So t sich denn auch der Münchener Magistrat entschlossen, dem Beispiele
5
anderer Städte zu folgen und in seine Straßenbahnbetriebe weib⸗ liches Personal einzustellen. Lange hatte man sich dagegen ge⸗ sträubt. Der Hauptberuf der Münchener„Frau aus dem Volke“ ist der einer Kellnerin, des„Bier⸗ oder Wassermädls“. Aeltere Jahr⸗ gänge werden bisweilen in städtische Dienste als Straßenbahn⸗ Schienen⸗Reinigerinnen oder Dienstfrauen oder auch in königliche als Hofbräuhaus⸗Kellnerinnen genommen. 2— Trambahn⸗ schaffnerinnen? Vermittlerinnen des Verkehrs? Nein! Man scheute sonderbarerweise davor zurück, Frauen auf der Plattform der Straßenbahnwagen mit dem Publikum in dienstliche Verbindung zu bringen. Hielt man im Magistrate die Münchener Bevölkerung für gar zu unreif, als daß man das Experiment des Geschlechter⸗ tausches bei der Trambahn hätte wagen können? Für unreifer als die Leute in Berlin und Breslau und in all den anderen Städten, die längst das Schaffnerinnensystem mit gutem Erfolge eingeführt haben? Nun, wir werden ja sehen, wie sich die neue Einrichtung in München bewähren wird. Jedenfalls wird das kommende Er⸗ eignis der Trambahnschaffnerin in München lebhaft besprochen. Man erzählt sich, daß viele Kellnerinnen den neuen Beruf ergreifen wollen. Da man jetzt um 12 Uhr Polizeistunde hält, und da die not⸗ wendige Biersparsamkeit den Besuch der Wirtschaften nicht eben günstig beeinflußt, erhoffen sie sich von dem„stehenden“ Berufe größere Aussichten als ihnen jetzt blühen. Und die Gefahr, sitzen zu bleiben, ist ja ber einer Trambahnschaffnerin auch ziemlich
Das Münchener Kunstleben ist jetzt ein wenig stiller. Die„Sezession“, die einzige große Ausstellung dieses Sommers, wird nächstens geschlossen werden. Dafür entfalten die Theater eine um so lebhaftere Tätigkeit. In den königlichen Theatern wird vom 1. Oktober ab wieder täglich gespielt werden. Der Ausfall an Schauspiel⸗Vorstellungen, welcher durch die bisherige Ein⸗ schränkung des Betriebes unvermeidlich war, wird durch die Zu⸗ teilung einer entsprechenden Anzahl Opern wettgemacht werden. Als nächste Novität bereitet die Oper„Don Juans letztes Aben⸗ teuer“, Text von Otto Anthes, Musik von Paul Graener, vor. Sodann wird voraussichtlich eine Neueinstudierung der„Rose vom Liebesgarten“ von Hans Pfitzner folgen. Im Laufe der kommenden Spielzeit werden auch mehrere Opern⸗Uraufführungen stattfinden; zum Teil Werke junger Komponisten, denen damit zum ersten Male der Weg in die Oeffentlichkeit geebnet werden soll. R. R.
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Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
„Einige Tausend Gefangene wurden gemacht.“ So las am Stammtisch der Baurat aus dem Tagesbericht des
Großen Hauptquartiers.„Das müssen wohl drei oder vier tausend! 2000
Gefangene sein“, fügte er hinzu.„Müssen?“ widersprach ihm sein Nachbar, der Arzt,„damit können auch dreizehn oder vierzehn hundert Gefangene gemeint sein“.„Unmöglich!“ verteidigte sich erstaunt der urat,„einige Tausend bedeutet doch mehrere Tausend“.„Das stimmt nicht fiel der Chemiker ein,„man sagt doch: der Mann ist einige 40 Jahre alt und versteht doch darunter nicht dreimal oder viermal vierzig, sondern 43 oder 44 Jahre“ „Und ich bin der Ansicht“, warf der Kaufmann ein,„daß der Aus⸗ druck, der Mann ist einige 40 Jahre alt, ungefähr 40 Jahre alt bedeutet, so daß der Ausdruck richtig ist, wenn der Betreffende 38 oder 39 Jahre alt ist. Man sagt ja auch im Französische⸗⸗ il avait quelque quarante ans und versteht unter quelque durch⸗ aus den Sinn von ungefähr oder etwa, weshalb es auch in diesenr 1 das s der Mehrzahlform nicht erhält“.„Wenn einige Tausend drei oder vier Tausend bedeuten soll“, pflichtete ihm der Gewerberat bei,„dann müßte es doch heißen: einige Tausende“ „Was meinen Sie denn?“ wandte sich der Baurat an den Sprach⸗ lehrer, der an der Ecke des 1 dem Wortgefecht lächelnd zuhörte.„Meine Herren“, erklärte diefer,„das Hauptquartier hat g das Tausend als Maßbestimmung gebraucht, und manche säch⸗ 1 liche wie auch männliche Maßbestimmungen nehmen das Endungs⸗e
der Mehrzahl nicht an. Diese Einbuße der Biegungsform kommt
daher auch bei Maßbezeichnungen wie drei Dutzend Zigarren, 1 fünf Schock Stroh, acht Pfund Zucker vor. Das unbestimmte Zahl⸗ 5
wort einige hat mehrere Bedeutungen in unserem Sprach⸗ 1 gebrauch. Erstens bezeichnet es soviel wie etwas darüber; der 5 Sprachfors cher Grimm meint, zwei, drei oder höchstens vier darüber; 1 es entspricht der Zusammenzählung bei den Zahlenbildungen 1
21—29, 31—39 usf. Man sagte früher: er ist einige und vierzig Jahre alt; das„und“ ließ man aber später meist weg, wenn einige voraufging. Da also„einige“ stets nur Einer, nie aber Zehner oder Hunderter bezeichnet, so kann einige Tausend g nicht 1300 oder 1400 bedeuten. Zweitens 8 einige wje das 5 französische quelaue den Sinn von etwa. Er ist einige vierzig. Jahre alt bedeutet hiernach zwar auch: etwa vierzig Jahre alt,
aber dieser Gebrauch ist selten und wird von den strengen Gram⸗
matikern getadelt. Ganz ausgeschlossen jedoch ist, i„ „Multiplikation“ mit Zehnern zu benutzen, als ob ei etwa 3 40 oder 120 seien; denn Vierzig ist keine Wohl aber kann einige Tausend ein„Mi ltiplikatior sein und ist es auch in der Sprach ohnheit der me Somit drückt es den Zahlbegriff in derselben Weise aus, wie es schon seit der gotischen Zeit mit jedem Mehrfachen von Taufend geschieht, und wonach 2000, 3000, 4000 eigentlich 2, 3, 4 4000 heißt. Demnach bedeutet einige Tausend immer 5
—— Teich(ln
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