Ausgabe 
(8.10.1915) 237. Erstes Blatt
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A 1 25 Nr. 237 Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Familiendlätter; zwennal wöchentl. Kreis: blatt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche Zeitfragen 95 Fernsprech-Anschlüsse: 15

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Freitag, 8. Oktober 1015

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Das neue griechische Kabinett.

Der Beginn des Urieges gegen Serbien.

(TB.) Großes Hauptquartier, 7. Oktober.

(Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz.

Die französische Offensive in der Champagne nahm ihren Fortgang. Nach starkem, nach und nach bis zu äußerster Heftigkeit gesteigertem Artilleriefeuer setzten gestern mit Tagesgrauen die Angriffe wieder ein. Nordwestlich Souain brachen unter schwersten Verlusten und Einbuße von zwei Offizieren, 180 Mann an Gefangenen sechs Massen⸗ angriffe der Franzosen zusammen. Westlich der Straße Somme⸗PySouain in Richtung Ste. Marie konn⸗ ten Teile von zwei neueingetroffenen Divisionen an einer Stelle über unsere vorderste Linie vordringen. Durch sofort einsetzenden Gegenangriff wurde der Feind wieder heraus⸗ geworfen, zwölf Offiziere, 29 Unteroffiziere, 550 Mann blieben als Gefangene in unserer Hand. Zwei Maschinen⸗ gewehre wurden erbeutet. Westlich der genannten Straße konnte der Feind bei seinen Massenangriffen keinen nennens⸗ werten Erfolg erzielen. Gegen ein kleines Grabenstück öst⸗ lich des Navarin⸗Gehöftes, in dem er sich halten konnte, ist der Gegenangriff im Gange. g

Nur bei und nördlich Tahure gelang es dem Feinde nach hin⸗ und herwogendem Gefecht etwa 800 Meter Raum zu gewinnen; der Angriff kam durch unseren Gegenangriff zum Stehen.

Die Versuche des Feindes, die Stellung nördlich und nordöstlich des Beauséjsour⸗Gehöfts zu durchbrechen, scheiterten gänzlich. Wo der Feind bis in unsere Gräben vorstoßen konnte, wurde er niedergemacht oder gefangen ge⸗ nommen. Die Stellung ist restlos in unserem Besitz. Drei Offiziere, 300 Mann wurden an Gefangenen abgeführt, drei Maschinengewehre dem Feinde abgenommen.

Einem heftigen, aber erfolglosen Angriff in den Morgen⸗ stunden gegen die Briqueterie-Stellung nordwestlich von Ville sur Tourbe folgten im Laufe des Tages nur schwächere Vorstöße, die abgewiesen oder durch Artillerie⸗ feuer im Keime erstickt wurden. Nördlich von Arras fanden nur bedeutungslose Handgranatenkämpfe statt.

Im Aisnetal bei Sapigneul mißglückte ein schwäch⸗ 15 8 Ueberfall auf einen vorspringenden Grabenteil.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls von Hindenburg. Vor Dünaburg drangen unsere Truppen in fünf Kilometer Breite in die feindliche Stellung ein.

Südlich des Dryswjaty⸗Sees ist der Feind weiter zurückgedrängt. Eine attackierende russische Kavallerie-Bri⸗ gade wurde zusammengeschossen. Zwischen dem Bogins⸗ kolje⸗See und der Gegend von Smorgon wiederholten die Russen ihre verlustreichen Durchbruchsversuche, die ohne Ausnahme, zum Teil nach Nahkampf, gescheitert sind. Es sind 11 Offiziere, 1300 Mann Gefangene gemacht worden.

Bei Raggasem(an der Rigaer Bucht) wurde ein russisches Torpedoboot durch unsere Landbatterien schwer be⸗ schädigt.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Nichts Neues.

Heeresgruppe des Generals bv. Linsingen.

In den Kämpfen bei Czartorysk ist der Feind aus den Waldungen östlich dieses Ortes geworfen.

Balkan⸗Kriegsschauplatz.

Deutsche und österreichisch⸗ungarische Truppen haben die Drina, die Save und Donau an mehreren Stellen überschritten und auf dem östlichen Drina⸗ und südlichen Save⸗ und Donau⸗Ufer festen Fuß gefaßt.

Oberste Heeresleitung.

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Das alte Wort Bismarcks, daß wir für Kämpfe im Orient nicht die gesunden Knochen eines einzigen pommer⸗ schen Grenadiers aufs Spiel setzen wollten, gilt nicht mehr, denn die Zeiten haben sich geändert. und es ist heute jeder⸗ mann klar sogar unsere Feinde sagen es sich gegenseiti welch außerordentliche Interessen das Deuts. Reich am Ausgang des neuen Kampfes der Türkei gegen die⸗ jenigen hat, die auch unsere Feinde sind: England und Rußland. Wir werden England zum Frieden mit uns zwin⸗ gen, wenn wir seine Kraft im Orient brechen, und es ist nicht mit Unrecht gesagt worden, daß wir von den Ufern bes Hellespontes aus vielleicht wirksamere Schläge gegen Britannien führen können als von Stützpunkten an der französischen Nordküste. Russische, englische, italienische Blät⸗ ter überbieten sich in Ausdrücken des Erstaunens und der Bewunderung über die Kraft und die Zielbewußtheit der Deutschen. In der Tat, die neuen Entscheidungen, die bei Bulgarien und Griechenland gefallen ind, zeigen, wie die deutschen Aktien in der Welt gestiegen, die englischen,

russischen und französischen aber gefallen sind. Das deutsche Wort hat in der Welt wieder einen helleren und besseren Klang als noch vor Jahresfrist und vor dem Kriegsaus⸗ bruch. Es macht uns stolz, daß die kaiserliche Regierung in Athen Verwahrung eingelegt hat in Dingen, die andere befreundete oder neutrale Staaten noch er und direkter berühren als uns. Wir wissen aber auch, daß der jetzt aus⸗ gebrochene neue Balkankrieg, in dem wir ja auch Bulgarien endgültig an unserer Seite haben, uns keine unüberwind⸗ lichen Schwierigkeiten machen wird, und unserem Volk wird nicht bange bei dem Schauspiel, daß deutsche Truppen nun auch noch auf einem neuen, weiter entlegenen Kriegs⸗ e ihren alten und neuen Kriegsruhm geltend zu machen haben. 5

Europa am Scheidewege! In anderem Sinne, als Prof. Walter Schücking im neuesten, soeben erschienenen Heft desMärz es meint. Wir wollen aber auch diese Stimme hören, weil es dann um so klarer wird, wie man jetzt nicht denken darf. Schücking tritt in diesen schweren Entschei⸗ scheidungsstunden für die obligatorische Schieds⸗ gerichtsbarkeit ein, so daß die Redaktion desMärz selbst in einer Anmerkung hinzufügt, sie nehme einen weniger optimistischen Standpunkt ein als der Verfasser. Ist es denn aber nicht noch etwas mehr als Optimismus, wenn der Marburger Professor sich also vernehmen läßt:

Es läßt sich heute schwer sagen, mit welchen Augen unsere Enkel einmal später in der Fülle der Kriegsliteratur lesen werden, die der gegenwärtige Kampf bei uns hervorgebracht hat. Aber man müßte an der Menschheit verzweifeln, wenn man nicht hoffen dürfte, daß sie mit einer gewissen Wehmut in der Mehrzahl aller dieser Erzeugnisse den einen Gesichtspunkt vermissen werden, der ihnen der oberste sein wird, nämlich den der Humanität. Sie werden erstaunen, daß das nationale Denken in Deutschland dresen Weltkrieg in erster Linie als einen Märzensturm bewertete, der die grünen Saaten des deutschen Volkstums erst recht sprießen lassen sollte, nicht als die furchtbarste Katastrophe, die das alte Europa jemals gesehen hat. Man wende nicht dagegen ein, solch Denken über den Krieg lähme den Willen zum Sieg. Ist es denn nötig, daß man eine Feuersbrunst wegen ihres ästhetischen Wertes den Menschen als etwas Großes und Gutes preist, um ihre Energie zu entfachen, das Feuer zu löschen? Würde man nicht umgekehrt solches Tun für geradezu zweckwidrig halten?

Wir glauben, daß die Klage Schückings auf einer fal⸗ schen Beobachtung beruht. Die Humanität ist ein oberstes Leitmotiv, dürfte aber gewiß nicht das oberste Motiv Hindenburgs sein, sofern auch die Vernichtung von russi⸗ schen Menschenleben an sich nicht human ist. Wenn von Humanität jetzt nicht allerwege gesprochen wird, so darf dies nicht wundernehmen; es ist aber unberechtigt und ungerecht, den vielen Tausenden, die in erster Linie für eine kraftvolle Fortsetzung des Krieges bis zu einem ehrenvollen Frieden sind auch Sozialdemokraten zählen sich zu ihnen vorzuwerfen, daß sie den Gefühlen der Menschlichkeit untreu geworden wären. Schückings Vergleich mit der

Feuersbrunst hinkt stark. Denn hier handelt es bc bei bewundernder Darstellung um eine Sache er Kunst und Aesthetik, dee jedoch, bei der

Freude über unsere Siege und über die Wunder deutscher Stärke um eine praktische Sache. Durch unsere Krieg⸗ führung wollen wir etwas erreichen; wir dürfen ihre Flam⸗ men nicht also ohne weiteres ausblasen. Und zur praktischen Sache kommt dann allerdings noch eine ideale Seite, näm⸗ lich das Bewußtsein, daß uns der deutsche Sieg doch etwas lieber ist als der Sieg unserer Feinde.

Prof. Schücking spricht sodann auch vom Umlernen und schreibt folgende überzeugungsvollen Sätze:

Aber sind wir wirklich diejenigen, die umlernen müssen? Zunächst kann der Pazifismus das Verdienst beanspruchen, daß er in den vergangenen Jahrzehnten sich immer wieder mit dem Problem des Krieges beschäftigt hat. Die Mehrzahl unseres Volkes hat redlich gearbeitet und hat sich ihres Lebens gefreut; aber hat sie jemals daran gedacht, daß bei dem bisherigen po⸗ litischen System in Europa die Welt jeden Tag in Flammen aufgehen konnte? Haben denn die herrschenden Kreise in Deutsch⸗ land bewußt und planmäßig daran mitgearbeitet, die andern Nationen von dem guten Willen unserer verantwortlichen In⸗ stanzen und der großen Mehrheit unseres Volkes zu überzeugen uh 1 Zeitalter der internationalen Verständigung herauf zu

ren

Dazu wirft der Pazifist auch der deutschen Regierung direkt ihreverständnislose Haltung bei den Haager Kon⸗ ferenzen vor! Es ist gewiß einstarker Toback, der uns aus solchen unzeitgemäßen Nörgeleien entgegenströmt, und ähnliche Vorhaltungen hat die deutsche Regierung ja häufig widerlegen können. Wir möchten nur eins zu Schückings Ausführungen noch bemerken, nämlich auf die ungeheure Einseitigkeit hinweisen, in die er verfällt. Er scheint ganz zu vergessen, daß die Völker im allgemeinen nicht nur ein verschiedenstarkes Friedensbedürfnis haben, sondern auch Ziele, wobei sie praktischen Notwendigkeiten folgen müssen.

dabei wird wohl immer, gerade die Lahde dieses Kriegs bestärken uns darin, das Wort Wallensteins auch für die Staaten Geltung behalten:Wo einer Platz nimmt muß der andere rücken. Und wer wollte verkennen, daß uns das Weltbild, das uns die Staaten vor dem Kriege boten, nicht als Vollendung entgegenleuchtete und nicht einmal wert war, daß es für alle Ewigkeit unverän⸗ dert erhalten blieb?

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Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.

Wien, 7. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 7. Oktober 1915.

Russischer Kriegsschauplatz. f

An der bessarabischen Grenze und bei Krze⸗ mieniec in Wolhynien wurden mehrere russische Angriffe abgewiesen. Sonst herrschte an der ostgalizischen Front und an der Ikwa Ruhe. Nördlich von Dub no und an der Putilowka setzte der Feind an zahlreichen Punkten unter großem Munitionsaufwand starke Kräfte zum Angriff an. Er wurde überall unter schweren Verlusten zurückgeschlagen. Stellenweise kam es zu einem erbitterten Handgemenge, so bei Olyka, wo den Russen die Linzer Division in ge⸗ wohnter Kaltblütigkeit entgegentrat. Wir nahmen etwa 800 Mann und mehrere Offiziere gefangen. Nordöstlich von Kolki beiderseits der von Sarni nach Kowel führenden Bahn ist der Feind an einzelnen Stellen auf das Westufer des Styt vorgegangen. Ein von österreichisch⸗ungarischen und deutschen Kräften geführter Gegenangriff schreitet erfolg⸗ reich fort. Oesterreichisch⸗ungarische Bataillone entrissen den Russen das zäh verteidigte Dorf Kulikowice am Styr, wobei 200 Gefangene eingebracht wurden. Deutsche Truppen 10 den Gegner aus seinen Stellungen bei Czar⸗ orysk.

Bei den k. k. Streitkräften an der oberen Szezara nichts Neues.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Gefechtstätigkeit an der Südwestfront be⸗ schränkte sich gestern auf die gewöhnlichen Geschützkämpfe. Nur gegen den Nordteil der Hochfläche von Doberdo bei Petteano versuchten Abteilungen eines italienischen Mobil⸗Miliz⸗Regiments anzugreifen. Dieses Unternehmen scheiterte vollständig. Unsere Truppen jagten den Feind in der Nacht bis über seine Vorpostenaufstellung zurück.

Südöstlicher Kriegsschauplatz. Oesterreichisch⸗ungarische und deutsche Streitkräfte er⸗ zwangen sich gestern zwischen der Mündung der Drina und dem Eisernen Tor an zahlreichen Punkten den Ueber⸗ gang über die Save⸗ und Donau⸗Linie. Die serbi⸗ schen Vortruppen wurden zurückgeworfen. Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Das neue griechische Kabinett.

London, 8. Okt.(WTB. Nichtamtlich) Meldung des

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Reuterschen Bureaus. Die Mitglieder des neuen griechischen

Kabinetts sind: Zaimis Vorsitz und Aeußeres; Gu⸗ naris Inneres; Vanakitsas Krieg; Kunduriotis Marine; Dragumis Finanzen; Theotokis Handel und Unterricht; Rhailis Justiz und Eisenbahnen. In der Be⸗ setzung des Kriegsministeriums wird vielleicht noch eine Aenderung eintreten. Das neue Kabinett wird Montag vor der Kammer erscheinen.

Der neue Ministerpräsident Zaimis war zum ersten Male Minister unter Delyannis. Ministerpräsident war er im Jahre 1897 bis 1899. Zum ersten Male übernahm er die Ministerprä⸗ sidentschaft im Jahre 1901. Im Jahre 1907 wurde er Oberkom⸗ missar von Kreta und zwar dann, als Prinz Georg sich von diesem Posten zurückzog. 5 Er notifizierte im Jahre 1913 die Thron⸗ besteigung des Königs Konstantin an den Höfen von Wien, London, Petersburg, Kopenhagen und Kristiania. Zaimis gehört zu den großen Familien Griechenlands. Sein Vater war bereits Minister⸗ präsident, und die Familie hat an den Unabhängigkeitskämpfen Griechenlands teilgenommen. Er war sein langes Leben lang Abgeordneter, hat sich aber in den letzten Jahren von der Politi ganz zurückgezogen und wurde zum Gouverneur der griechischen Nationalbank ernannt. Daß Zaimis nicht mehr im politischen Leben steht, auch nicht mehr Abgeordneter ist, wird den König veranlaßt haben, gerade ihn mit der Bildung des Koalitions⸗ kabinetts zu beauftragen.

Berlin, 8. Okt. Zum Rücktritt Venizelos' verlautet nach verschiedenen Morgenblättern aus Athen, daß der König von Venizelos verlangt habe, er solle sich nicht mit einem nur formellen Protest gegen die offenkundige Verletzung der griechischen Neutra⸗ lität durch die Entente begnügen, sondern auch die Erklärung ab⸗ geben, daß Griechenland fest entschlossen sei, seine Neutralität auch mit den Waffen zu schützen. Venizelos weigerte sich, diese Erklärung zu überreichen, worauf der König erklärte, daß er die Politik des Ministerpräsidenten nicht mehr zu billigen vermöge.

Die bulgarische Antwortnote.

Paris, 7. Okt.(Zens. Frkft.) Havas meldet aus So⸗ fia: Ein Communiqus gibt bekannt, daß die bulgarischs Note den Vertretern Frankreichs, Englands und Rußlands überreicht worden sei. Sie erklärt das Wesen der bewaff⸗ neten Neutralität Bulgariens und weist die Anschul⸗ digung bezüglich der angeblichen Anwesenheit deutscher und österreichisch⸗ungarischer Offiziere in der bulgartschen Armee 18 Die 9 0 055 Regierung beabsichtigt die Veröffent⸗ ichung eines Grünbuches über ihre Verhandlungen mit dem Vierverband.

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