20. Jahrhundert im Kriege nicht nur Heere gegen Heere kämpfen
läßt, son die Gesamtheit der 8 gegeneinander, kam sie zu dem Schluß, daß unter den Tausenden von Problemen, welche die Forderung nach Krafterzeugung innerhalb des Landes an uns stellte, die Probleme des Arbeitsmarktes, zu den schwie⸗ rigsten und einschnei sten gehörten. Die Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt 55 sich nicht so rasch und geräuschlos vollziehen können, wenn Deutschland nicht seit langem die Frau in seinen Ar⸗ beitsorganismus hineingezogen hätte. Die deutsche Landwirt⸗ ue hat schon in Friedenszeiten zum großen Teil auf den Schultern der 1 geruht. Die Wichtigkeit dieser Tatsache zeigte ich schon in den ersten Tagen des Krieges, wo mitten aus der earbeit heraus die arbeitsfähigsten Männer der Landwirtschaft entzogen wurden. Sie wurde noch deutlicher, als es galt, dem eng— lischen Aushungerungsplan dadurch zu begegnen, daß man dem deutschen Boden so viel als möglich abzuringen versuchte. Mit Stolz können wir heute sagen, daß über ein Jahr deutscher Land⸗ wirtschaft hinter uns liegt, die durch Frauen-, Kinder- und Greisen⸗ arbeit in voller Ausdehnung aufrechterhalten wurde. Weit weniger rasch hat sich das Eintreten der Frau in die von den Männern ver⸗ lassenen Posten auf den anderen Gebieten des Wirtschaftslebens vollzogen. Erst als die bewunderungswürdige Anpassungsfähig⸗ keit der deutschen Industrie und des deutschen Handels das bei Aus⸗ bruch des Krieges auftretende Gespenst der Arbeitslosigkeit gebannt hatte, beginnt auch in der Industrie allmählich die Vertretung der Männer du rauen einen größeren Umfang anzunehmen. Allein im ersten Halbjahr 1915 nahm die Zahl der Arbeiterinnen um eine halbe Million zu. Diese Zunahme war am stärksten inner⸗ halb der Rüstungsindustrie, die heute zum großen Teil in Frauen⸗ händen liegt. Vom Standpunkt der Kriegsbereitschaft unseres Va- terlandes aus betrachtet müssen wir sagen, daß die bereits vor dem Kriege angebahnte Verweiblichung der Metallindustrie einen sehr günstigen Faktor in unserer Kriegsbilanz bildete. Auch im Handel hatten die Frauen anfänglich unter großer Arbeitslosig⸗ leit zu leiden, aber je länger je mehr wurden sie im Laufe der Zeit zum Ersatz der eingerückten Männer sogar an solchen Stellen eingelkellt, die früher von der Verwendung von Frauen ganz ab⸗ gesehen hatten In erster Linie kamen hierbei die am besten aus⸗ gebildeten Kräfte in Betracht. Schließlich haben sich auch die Post⸗ und Eisenbahn⸗Verwaltungen im Schalter⸗ und Außen⸗ dienst zur Mehreinstellung von Frauen entschließen müssen. Auch die Straßenbahnschaffnerin ist eine typische Figur im Straßen⸗ leben der deutschen Shale d geworden. In den höheren Be⸗ rufen waren die Schicksale der Frauen während des Krieges sehr verschiedenartig. Stark gelitten haben die Künstlerinnen und die Privatlehrerinnen. Günstig gestaltete sich die Lage dagegen für wissenschaftlich gebildete Lehrerinnen, Aerztinnen, Zahnärztinnen und soziale Berufs⸗ arbeiterinnen. Es kann als ein Glück bezeichnet werden, daß gut ausgebildete Frauen in all diesen Berufen an die Stelle der zum Heeresdienst einberufenen Männer treten konnten. Mit dem Uebergang von der Kriegs⸗ in die Friedenswirtschaft werden aber auf dem Arbeitsmarkt von neuem schwierige Verhältnisse ein⸗ treten. Die Frauen, die heute als Vertreterinnen einberufenen Männer zum Teil auf schwer verantwortungsvollen Posten stehen, müssen sich heute schon mit dem Bewußtsein erfüllen, daß die meisten von ihnen nach Wiedereintritt friedlicher Zeiten von ihrer Arbeit zurücktreten müssen. Deshalb gilt es für die Frauen, die Kriegs⸗ ve treturgen übernommen haben, sich heute schon für die Zeit nach dem Kriege dadurch 3 ß aus den reichlicher fließenden Einnahmen für jene Uebergangsmonate gespart wird. Auch die Berufsorganisation und Kriegsfürsorge⸗Ein⸗ richtungen werden für diese Zeit besondere Mittel bereitzuhalten haben, damit die Frauen, die in Zeiten der Not die Aufrechterhal⸗ tung der heimischen Volkswirtschaft ermöglichten, am Ende des Krieges n in bittere Not geraten. Im Interesse der Frauen wird auch darauf zu achten sein, daß unsere Sozialpolitik den neuen Verhältnissen angepaßt wird. Eine generative Fürsorge, Menschenkräfte neubildende Wohlfahrtspflege wird das Wahrzeichen der kommen Jahrzehnte sein. Daneben wird die Zentralisation des Arbeits nachweises eine Grundforderung sein, um Män⸗ ner und Frauen an die möglichst geeigneten Posten zu bringen. Auch der Berufsberatung und Berufsausbildung wird man viel größere Aufmerksamlkeit als bisher widmen müssen. Im 215 haben sich gerade jene Frauen, welche bereits Berufsernst und Fachkenntnisse mitbrachten, als wertvollste Glieder des Arbeits⸗ körpers erwiesen. Je mehr Frauen erkennen, daß sie selbst verant⸗ wortliche Arbeit zu leisten haben, je mehr werden dazu imstande sein, das Leid ihres persönlichen Lebens zu t„ weil sie ver⸗ stehen, daß das, was sie hingeben, wie das, was sie schaffen, Bau⸗
steine sind für die deutsche Zukunft. 0 der anschließenden Aussprache wurde angeregt, sorgfäl⸗ tige Beobachtun über die körperliche Eignung der Frauen für
die Berufe anzustellen, die sie in Kriegsvertretung ausüben, da die Gefahr besteht, daß die Frauen in ungeeigneten Berufen bleiben. Zu berücksichtigen ist ferner, daß in manchen von den Frauen ge aufgesuchten Berufen, z. B. kaufmännischen, man Jeegsbeschä⸗ digte beschäftigen wird Der Entstehung von Berufsschulen aus der Kriegswohlfahrtspflege z. B. Wäscheschulen, ohne daß die Veranstalter eine rechte Vorstellung von den Bedingungen des Arbeitsmarktes haben, sollte die Aufmerksamkeit der Behörden zu⸗ gewandt werden. In den kleineren Städten ist Gewicht auf die Ge⸗ e att daß man sie a ernte e kaufmänni se⸗ werblichen Berufen zuführt. 1
Aus Stadt und Cand. Gießen, 30. September 1915.
Die 650 jährige Zugehörigkeit Gießens zu Hessen. Festsitzung der Stadtverordneten.
Die Stadtverordneten hatten sich gestern nachmitta um 5 Uhr zu einer außerordentlichen Sitzung e gefunden, um den Tag zu begehen, an den Gießen vor nunmehr 650 Jahren an Hessen kam. Von r äußeren Feier hatte man aus Gründen der Zeit Ab genommen Stadtarchivar Dr. Ebel gedachte der Bedeu⸗ 3 des Tages in einem Vortrage aus der Geschichte der Stadt. Was der Stadtverordnetensitzung das bedeutsame Gepräge gab, war ein außerordentlich herzlicher Tele⸗ grammwechsel zwischen dem Oberbürgermeister, dem Großherzog, dem Staatsminister, dem Minister des Innern und dem Ehrerbürger der Stadt Gießen Exz. Dr. Gnauth, vor allem aber die Verleihung einer Ehrenkette an den n der Stadt. Gießen ist die erste hessische Stadt, der diese Ehrung zuteil wird. Der Ober⸗ bürgermeister eröffnete die Sißzung mit folgender An⸗
sprache: f
Aalen u d eee Beltane g in gewaltigen Völkerringen ist für unsere Stadt ein Gedenktag herangekommen, und wenn auch die ernste Zeit des Krieges, der all' unsre Gedanken- erfüllt, grö Feierlichkeiten naturgemäß verbietet, so wollen doch die erwählten Vertreter der Stadt eine Stunde dankbarer Erinnerung dem denkwürdigen Er⸗ 1 daß 1 1 650 Jahre m essen vereinigt ist. ahre 1265— am 29. Sep⸗ tember wird es zum ersten Male urkundlich bezeugt— dam wich 25. schon damals mit dem Stadtrecht begabt, an Heinrich, den ersten
dgrafen von Hessen, den Begründer des hessischen Fürsten⸗ hauses, aus dem Herzogsstamme von Brabant. 1265 und 1915, welche Fülle wechselvollen Geschehens in unserem Hessenlande, in unserem Fürstenhaus, im Staats- und Verfassungsleben, im Städtewesen, nicht zum wenigsten im Werdegang unserer Stadt
Aͤb'ber, so verschieden die unde des 13. von denen des 20. Jahrhunderts sind: gerade in re
del ie vergleichende Betrachtung manche Uebereinstimmung fest⸗ stellen. im
5 e
sie im glücklichen i von Macht und Recht und is die kräf⸗ tigsten Stützen ihrer Fürsten. Lediglich nit Hilfe der Städte konnten Landgraf Heinrich J. und seine Nachrolger anderer mißgünstiger Gewalten känpfend sich erwehren. Ein Bürger der Stadt Gießen, Eckhard Holzschuher, ist es gewesen, der, hermlichen Anschlag entdeckend, seinem Landgrafen das Leben rettete und da⸗ für ewige Freiheit von allen Abgaben zugesprochen erhielt, Trrue um Treue. 0
Vermöge ihrer stets bewährten Gesinnung ward den Städten bedeutsamer Einfluß auf die Landesregierung ver⸗ gönnt und zuerst von allen Ständen sind die Städte zur Land⸗ standschaft gelangt, Vertrauen gegen Vertrauen.
Das Mittelalter mit seiner Städteblüte, hochgemut und er⸗ innerungsreich, ist vergangen. Ein neues Zeitalter der Städte ist im 20. Jahrhundert heraufgezogen, im Glanze des neuen deutschen Reiches, das die Bahn frei machte für Handel, Industrie und Verkehr und damit für die Entfaltung eines neuen Städtewesens.
Wenn so das Reich die Krüfte ausgelöst hat, welche das Städtebürgertum zu neuen herrlichen Taten wirtschaftlichen und kulturellen Schaffens entflammt haben, so wissen wir doch, daß die Wurzeln allen Aufftiegs im heimatlichen Boden, in hei⸗ matlicher Art und Sitte gelegen sind. 5
Vor allem aber bekennen wir mit Bismarck:„Der Deutsche bedarf einer Dynastie, der er anhängt“ Besorgt für das Wohl seines Landes, begeistert für Kunst und Wissenschaft, beseelt von lauterstem Gerechtigkeitssinn waltet Großherzog Ernst Lud⸗ wig als frei⸗ und edeldenkender Fürst seines Herrscheramtes und überall sind die glücklichen Anregungen wahrnehmbar, die in liebevoller Fürsorge von dem hessischen Fürstenhaus ausgehen. Insonderheit erfüllt uns heute aufrichtiger Dank für das Interesse und Wohlwollen, das der Landesherr und eine weitschauende Staatsregierung allezeit unserer Stadt bekundet haben. Seit der Väter grauen Tagen steht im hohen Klang die alte Hessen⸗ treue: an Liebe und Treue zum angestammten Fürstenhaus werden Gießens Bürger sich von keinem übertreffen lassen. Treue um Treue.
Als zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Erneuerung des preußischen Staates zur Notwendigkeit wurde, gründete Freiherr vom Stein in beispielloser Kühnheit der Gedanken die Wieder⸗ geburt der Nation auf die freie Selbstverwaltung des Städtebürger⸗ tums. Es war der Leitgedanke der Stein schen Reform, die Ver⸗ fassung des Staates aus der kommunalen Selbstverwaltung heraus 8 Zu allererst wurden die Bürger der Städte zur reiwilligen Teilnahme am Staatswesen aufgerufen. Freiheit und Selbständigkeit in der Verwaltung städtischer Angelegenheitem, daraus folgend Belebung des Gemeingeistes und Bürger⸗ sinnes, wie der Vaterlandsliebe und Nationalehre,— auf diesen Grundlagen sollte der Staat neu aufgebaut werden. Es zeigte sich, wie dieses Vertrauen in die freischaffenden Kräfte des Bürgertums sich bewährte. Vertrauen gibt Kraft und die Kraft befähigt zur Tat. Machtvoll sind die Städte durch die freie und ehrenamtliche Arbeit ihrer Bürger emporgestrebt und in stetigem Fortschritt zu hoher Kultur und großem Wohlstand gelangt;
immer neue wirtschaftliche, soziale und kulturelle Aufgaben nahmen].
sie auf sich auf zahlreichen Gebieten eines mannigfaltigen kommu⸗ nalen Lebens. Durch den Gemkingeist ihrer Bewohner, durch opferwillige Tatkraft und Valerlandsliebe wurden die Städte zu hervorragenden Gliedern des Staates und nie versagen⸗ den Helfern des Vaterlandes. Vertrauen gegen Vertrauen. Freiherr vom Stein, der glühende Vaterlandsfreund, sprach aus: „Heilig bleibe uns das Recht und die Gewalt unseres Königs, aber damit dieses Recht das Gute wirken kann, ist es nötig, der höchsten Gewalt Mittel zu geben, wodurch sie die Wünsche des Volkes kennen lernen und ihren Bestimmungen Leben geben kann.“ Und ein anderesmal sagte er:„Befreit den Bürger von Vormund⸗ schaft, denn nur die freie Arbeit in der Gemeinde hat die Größe unseres Bürgerstandes begründet.“ In der Gewalt des Fürsten und in der freien Arbeit der Bürgergemeinde erblickte dieser welt⸗ geschichtliche Mann die lebensstarken Grundfesten der Nation— und der Lauf der Geschichte gab ihm Recht. a
Fürst und Stadt, in Treue fest, stark im Ver⸗ trauen, wie es war im Mittelalter, wie es die Gegenwart immer neu befestigte, so soll es bleiben durch allen Wechsel und Wandel der Tage, in guten und in ernsten Zeiten.
m Götz von Berlichingen erklingt der Doppelruf:„Es lebe der Kaiser! Es lebe die Freiheit!“ So erfüllen uns heute, am Tage der 650 jährigen Zugehörigkeit unserer Stadt zu Hessen, hoffnungsvoll die doppelten Wünsche: für den Glanz und die Blüte des hessischen Fürstenhauses und für das Gedeihen freischaffenderk Arbeit unseres Gemeinwesens. Das Gelöbnis unwandelbarer Liebe und Treue bekunden wir wie immer mit dem Ruf: Seine aa Hoheit Groß⸗ dec Ludwig und das Großherzogliche Haus leben hoch,
Alsdann gab der Oberbürgermeister folgenden Tele⸗ grammwechsel bekannt:
An Seine Königliche Hoheit den Großherzog Darmstadt.
In stiller Feier, wie es die Zeit gebietet, gedenkt heute die Stadt Gießen ihrer 650 jährigen Zugehörigkeit zu Hessen und bittet Eure Königliche Hoheit, das erneute Gelöbnis un⸗ wandelbarer Treue und Anhänglichkeit und ehr⸗ furchtsvolle Wünsche für Eure Königliche Hoheit und das Groß⸗ herzogliche Haus huldvoll entgegenzunehmen. 1
Oberbürgermeister.
Darauf antwortete der Großherzog in folgendem
Telegramm: An den Oberbürgermeister, Gießen. Darmstadt, 29. September 1915.
Für die Huldigung, welche die Stadt Gießen mir aus An⸗ laß ihrer 650 jährigen Zugehörigkeit zu Hessen dargebracht hat, danke ich herzlich. Während langer Jahrhunderte hat die Stadt Gießen mit ihrem Fürstenhaus in Treue Freud und Leid ge⸗ teilt. Sie hat sich im Kranz der hessischen Städte zu hoher Be⸗ deutung entwickelt und nimmt als Sitz der Landesuni⸗ versität unter den Pflegestätten deutscher Wissenschaft einen ehrenvollen Platz ein. Möge Gottes Gnade auch in Zu- kunft über der Stadt Gießen walten. Möge ihr, nachdem für unser deutsches Vaterland ein ehrenvoller Friede erkämpft ist, eine weitere glückliche Entwicklung beschieden sein. Ich stifte der Stadt Gießen aus Anlaß ihres Jubiläums eine Oberbürger⸗ meister⸗Kette, wegen deren Herstellung ich demnächst Auf⸗ trag geben werde. Ernst Ludwig.
Staatsminister v. Ewald hatte folgenden drahtlichen Glückwunsch gesandt:
An den Herrn Oberbürgermeister der Stadt Gießen.
In ernster Zeit begeht heute die Stadt Gießen die Feier ihrer
650 jährigen hörigkeit zu Hessen. Der Stadtvertretung und der rgerschaft bringe ich zugleich im Namen des Staats-
ministeriums zu diesem Ehrentage die aufrichtigsten Glück⸗ wünsche dar. Möge die Stadt Gießen weiter blühen und 8550 ihr erfolgreiches Wirken auf geistigem und wirtschaftlichem Gebiet auch ferner zum Segen unseres Hessenlandes
gereichen. Staatsminister von Ewald.
Die Antwort lautete: An Seine Exzellenz Herrn Staatsminister von Ewald 1 8 Darmstadt.
die ehrenden Wünsche, mit denen Euer Exzellenz und das Staatsministerium des Tages gedachten, da in ernster Feier die Stadt Gießen ihre 650jährige Zugehörigkeit zu Hessen begeht,
bringe ich Euer Exzellenz namens der Stadtvertretung und Bür⸗ gerschaft von Gießen aufrichtigsten Dank zum Ausdruck. Begleitet von dem Wohlwollen Großherzoglicher Staatsregierung und unter
Benutzung der ihnen gewährten Freiheiten sind die in ihr wirk⸗ samen geistigen und wirtschaftlichen Kräfte unserer Stadt zu
reicher Blüte gediehen. Wie die gegenwärtige große Zeit die un⸗
überwindlichen geistigen und wirtschaftlichen Kräfte des deutschen Bürgertums offenbart, so wird ein siegreicher Friede die Bürger⸗ schaft Gießens an ihrem Platz finden, auf mannig⸗ sachen Gebieten in treuer Pflichterfüllung und opferwilliger Hin⸗ gabe an den Staat mitzuarbeiten an der glücklichen Zukunft unseres Hessenlandes.
Wir sind gewiß, daß bei dieser Arbeit die wohlwollende Teilnahmeder Staatsregierung 9 fehlen wird.
Ke„ Oberbürgermeister.
Der Depeschenwechsel zwischen dem Minister des Innern und dem Oberbürgermeister lautet:
An den Herrn Oberbürgermeister der Stadt Gießen.
Wie zuerst vor sechshundertundfünfzig Jahren ist Gießen seitdem oft und rühmleich in Hessens Geschichte ge⸗ nannt worden. Daß die Stadt wissenschaftlichen Strebens und tatkräftigen Gewerbefleißes ihren gedeihlichen Auf⸗ schwung unter den Segnungen eines siegreich erkämpften Frio⸗ dens fortsetzen möge, ist mein inniger Wunsch zum heutigen Gedenktage. von Hombergk zu Vach,
Minister des Innern.
— Herrn Minister des Innern Hombergk zu Vach 8
Für die zum heutigen Gedenktage übermittelten Wünsche bitte ich Euer Exzellenz den aufrichtigsten Dank der Stadt Gießen entgegennehmen zu wollen. Unter den Segnungen eines sieg⸗ reichen Friedens wird die Stadt, vor neue und große Au- gaben gestellt, durch pflichttreue Arbeit ihrer Bürger in weiterer gedeihlicher Entwicklung 1 5— der glücklichen Zukunft unseres Hessenlandes dienen. Bei dieser Arbeit bitten wir wie bisher wohlwollender Fürsorge der Staatsregierung gewärtig sein zu dürfen. Keller, Oberbürgermeister.
Exz. Dr. Gnauths Glückwunsch lautete:
An den Stadtvorstand Gießen. In alter Anhänglichkeit an unser Gießen gedenkt mit Ihnen des heutigen bedeutungsvollen 5 6 n r. Gnauth.
Darauf antwortete der Oberbürgermeister:
Sr. Exz. Finanzminister a. D. Dr. Gnauth N Köln⸗ Mülheim. Stadtvorstand dankt für freundliches Gedenken und sendet deste Grüße. Keller, Oberbürgermeister. Alsdann nahm Stadtv. Dr. Ebel das Wort zu seinem oben erwähnten Vortrag, den wir demnächst in den Fa⸗ milienblättern zur Kenntnis unserer Leser bringen werden.
***
» Förderung der Volksernährung. Wie wir erfahren, hat das Kreisamt verfügt, daß der Stadt Gießen zunächst für die Zeit bis Ende laufenden Jahres aus Mitteln des Kommunalverbandes der Betrag von 15000 Mark zur Verfügung gestellt wird. Die Stadt will den ihr zugewiesenen Betrag in erster Linie zur Be— schaffung von Kartoffeln und Vollmilch für Säuglinge und kleine Kinder der minderbemittelten Bevölkerungsklassen verwenden. Auch die Landgemeinden werden von dem Kom—
munalverband bedacht werden.
* Die Dienststunden des Chemischen Unter⸗ suchungsamtes für die Provinz Oberhessen sind für die Wintermonate(1. Oktober 1915 bis 1. Mai 1916) auf die Zeit von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachmittags festgesetzt.
* Eine Riesen⸗ Sonnenblume wurde auf dem Grundstück des Hil'isbahnwärters Leb auf der Strecke Gießen— Fulda im Bezirk der Bahnmeisterei 5 Gießen geerntet. Sie hatte einen Blumenteller von 50 em Durchmesser. Die Zahl der Samen- kerne betrug 3903 und das Gewicht 380 Gramm.
Kreis Schotten.
b Ulrichstein, 29. Sept. Die beiden Söhne des hiesigen Bürgers Hr. Scharmann V. sind im Kriege ausgezeichnet worden; der eine erhielt das Eiserne Kreuz, der andere die Tapferkettsmedaille, beide wurden zu Gefreiten besördert.
Ober- Seibertenrod, 29. Sept. Vizewachtmeister Nees erhielt das Eiserne Kreuz.
Hessen⸗Nassau.
l Marburg, 29. Sept. Der Kreispreis für die Mehl⸗ abgabe an die Städte Marburg und Wetter wird vom 1. Oktober ab für Roggenmehl(75 Proz.) auf 33,50 Mk. und für Weizenmehl(75 Proz.) auf 39,00 Mk. für 100 Kilo festgesetzt. Die Preise im Kleinhandel sollen für Roggenmehl 36 Pfg. und für Weizenmehl 42 Pfg. das Kilo betragen.
E Frankfurt a. M., 29. Sept. Zur Versorgung be⸗ dürstiger Kriegsteilnehmerfamilien mit Kartoffeln beabsichtigt die Stadtverwaltung den Ankauf von 75000 Zentnern Kartosseln. Trotz des gewaltigen und 8 auch lohnen⸗ den Auftrages ist, ihr jedoch bis jetzt kein Verkaufsangebot auf einen bestimmten und annehmbaren Preis zugegangen.
— Königstein, 29. Sept. An der Hühnerstraße wurde beim Steinbrechen eine römische Begräbnisstätte frei⸗ gelegt. Bis jetzt fand man 14 Gräber, die 70—90 Zentimeter un⸗ ter der Erdoberfläche lagen. Sie waren alle mit hochkantigen Stei⸗ nen umstellt und enthielten zahlreiche Gefäßscherben, Steinbeile, Backsteine, Ein Backstein 8 8 den hufeisenförmigen Stempel der vierten römischen Legion. Die Ausgrabungen werden fortgesetzt, jedenfalls durch die Leitung des Saalburgmuseums. Die Fund⸗ gegenstände verbleiben der hiesigen Altertumssammlung..
Vermischtes.
Ein Eisenbahnunfall in Sachsen. Dresden, 29. Sept.(WTB. Nichtamtlich.) Der abends von Geithain in Liebertwolkwitz eintreffende Personenzug Nr. 4509 erlitt gestern einen bedauerlichen Unfall. Bei seiner
Telegramm an Seine von
Einfahrt in den Bahnhof Liebertwolkwitz entaleiste in der ersten Weiche aus noch festzustellender Ursache der hintere Zugteil. Ein Wagen vierter Klasse legte sich um und wurde eine Strecke geschleist. Hierbei wurden zwei
bersonen tödlich und fünf leicht verletzt. Aerztliche Hilfe war rasch zur Stelle, ebenso ein Rettungszug mit den zuständigen Ve- amten und Betriebsmaschinen des Sicherungsdienstes. Noch in der Nacht traf der Präsident der Königlichen Generaldirektion in Dresden, Dr. Ulbricht, an der Unfsallstelle ein und unterrichtete sich eingehend über den Vorgang und die getroffenen Maßnahmen. Die Sperrung des Hauptgeleises war heute vormittag um 6 Uhr
beseitigt.. ——————
Märkte. Fo. Wiesbaden. Viehhof- Marktbericht vom 29. Sept. Am heutigen Viehmarkt standen zum Verkauf: 244 Rinder(darunter 92 Ochsen, 14 Bullen, 198 Kühe), 366 Kälber, 42 Schafe und 26 Schweine. Geschäft lebhast. Es wurde zu den gleichen Preisen wie am 27. d. Mts. gehandelt. Der Auftrieb wurde bald abgesegzt.
5 Amtlicher Wetterbericht. Wetteraussichten in Hessen am Freitag, den 1. Oktober 1915:
Wolkig, meist trocken, kühl. —..—̃̃äͤ——
In deutschen Händen. Die völlig veränderten Ver— hälinisse in der Dresdener Cigarettenfabrik Georg A. Jas- matzi Aktiengesellschaft— Uebergang sämtlicher Aktien in deutsche Hände, Anschluß der Gesellschaft an die Antitrust⸗ bewegung— treten dieser Tage insofern besonders deutlich in Erscheinung, als die Georg A. Jasmatzi Aktien- gesellschaft auf die dritte Kriegsanleihe den Be⸗ trag von 1 Million Mark gezeichnet hat. 900
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