Ausgabe 
(17.9.1915) 219. Zweites Blatt
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Ur. b Zweites Blatt

Erscheimt töglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSleßener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Sietzen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gieße

165. Jahrgang

ner Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Freitag, 17. September 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗ straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: e 51, Schrist⸗

leitung: 112. Adrefse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Minsk und Pinsk.

Minsk und Pinsk, zwei merkwürdige Namen für das deutsche Ohr. Und die fast drollige Zusammenstellung ergibt sich aus dem Zufall der gleichzeitigen Kriegsereignisse im Osten. Minsk und Pinsk sind die Richtpunkte zweier neben⸗ einander he Vormärsche der deutschen Heere. Während Pinsk am gestrigen Donnerstag in die deutsche Gewalt gekommen eee,. in ziemlich weiter Entfernung von Front. Gegen Minsk richtet sich der Vormarsch derjenigen Truppen, die nach der Erobe⸗ rung von Wolkowysk ihren Weg auf Slonim zu nehmen. Es ist ein schwieriges Kampfgelände, das sich vor Minsk an Die linken N isse des Njemen stellen sich hier dem Angreifer wie ein ganzes System von Naturschran⸗ ken gen. Ueber diegelwianka, dem ersten dieser Flüsse, sind nach der Meldung der Generalstabsberichte sowohl die 5 als auch die des Prinzen Leopold von vorgestoßen. Auch die Schara, die an dem wich⸗ tigen Verkehrsknotenpunkt Slonim vorbeifließt, ist in einem der letzten Heeresberichte genannt worden. Noch weiter nach Osten legt sich der Niemenstrom selbst vor Minsk. Unmittel⸗ bar vor Minsk bildet noch der Ptitsch, ein Nebenfluß des großen Polesiestromes Pripjet, die letzte Schranke.

Minsk ist das Herz von Weißrußland, womit gesagt ist, daß man sich auch hier noch lange nicht im eigentlichen Rußland, im echten Moskowiterreich befindet. Nur etwa 4 der Bevölkerung von Minsk sind Russen! Polen

t es dort nur 3 Prozent. 16 vom Hundert machen die Juden aus. Das übrige ist ebenweißrussische Bevölkerung, eine vollständig selbständige ostslawische Nation. Ihre Sprache ist keineswegs ein Dialekt der russischen. Eher zeigt sie Anklänge an das Polnische. Die Industrie in Minsk ist auffc stark. 1910 zählte man 630 Fabriken mit 10 ionen Rubel Produktion und 11000 Arbeitern. Aber das Land um Minsk ist arm und kulturell tiefstehend. Die Straßen find die schlechtesten in Rußland. Auf Sympathien fitr die deutschen Truppen rechmet man zwar bei der furcht⸗ baren Unterdridie das weißrussische Volk seitens der Petersburger Re ung von jeher erfuhr. Aber die niederen Klassen sind 1 5 nationalbewußt, die Masse der Einwohner

viel zu ebildet, um die Bedeutung des Augenblicks zu erkennen. Sind ja des Lesens kundig in Minsk von 1000 Einwoh nur 178! In den höheren Schichten der Bevölke⸗ rung sind nur die wenigen 8 Weißrussen, die polnischen und jüdischen Fortschritt er erklärte Feinde der russischen Herrschaft. Ihre Zahl ist viel zu gering, um opti⸗ mistische Erwartungen auf eine Volkserhebung zu vecht⸗ Fee e ee e Ji derb ler Len und dect an besten, wenn allein die Wa der Verbündeten bei der

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ein wichtiges Wort gesprochen. Pinsk, das Zentrum der Jaeuchn in ben Sten Per Pripjet und

stolda in den Händen der Wer hätte es noch Kicheiger Pripser Hebes, bag 3. sich dem 15 ch der er Denen inen wird

all gemein doch stellun von der Wegelosigkeit und Undurchdringbarkeit der 15 Viele der einst vollständig ungang⸗ baren Wasseradern scheinen jetzt trockene Ufer zu haben. Das Wegenetz ist bis zu einem gewissen Grade entwickelt. Wahr⸗ scheinlich sind auch die überall berg ee Bahnlinien von dem marschierenden Heere als ge 3 worden, da die Schwellen ganz in den Sand⸗ und Schotterbettungen versenkt liegen. Die Ansiedlungen sind in den letzten Jah⸗ ren häufiger geworden. Entwässerung und Anbau haben das übrige getan Der Besitz der Stadt Pinsk ist von großer Bedeutung. Von Pinsk an verkehren Dampfschiffe auf dem Pripfet, der hier schon eine Breite von etwa 60 Meter aufweist. Die Jasssolda, die bei Pinsk in den Pripjet mün⸗ det, ist durch den Üginski⸗Kanal mit der Schara und damit auch mit dem Niemen ver n. Auch mit dem westlichen Bug besteht eine Verbindung. Man kann sich denken, wie

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Die neue Front im Osten.

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Brabant und hHessen. 1

Als 1870 die deutschen Heere Frankreichs Grenzen überschritten, stand es bei allen Vaterlandsfreunden fest: das Elsaß muß wieder deutsch werden. Noch war es diesseits des Rheines trotz der mehr mehr als zweihundert Jahre, die seit dem Frieden von Münster und Osnabrück, der das Elsaß dem französischen Räuber überantwortete, unvergessen, daß im Elsaß seit Urzeiten deutsche Volksgenossen saßen, daß Straßburg, diewunderschöne Stadt, und die stolze Feste Metz früher einmal zum deutschen Reiche gehört hatten.

Wie viele oder vielmehr wie wenige werden wohl im Früh⸗ herbst 1914, als Lüttich fiel, als über Löwen, Brüssel und Ant⸗ werpen die deutsche Fahne entfaltet wurde, davon gewußt oder daran g haben, daß auch diese Städte einmal deutsch ge⸗ wesen sind, daß der größere Teil des heutigen Belgien früher einmal ein Bestandteil des alten deutschen Reichs, ja daß es noch 150 Jahre länger als das Elsaß deutsch war, und daß die öster⸗ reichischen Niederlande, der burgundische Kreis, mit Brüssel, Löwen und Antwerpen, Limburg und Luxemburg, Gent, Ypern und Brügge, Namur und Mons erst 1797, das Fürstbistum Lüttich gar erst 1801 von dem altersschwachen Körper des heiligen römischen Reiches deutscher Nation losgelöst worden sind? Freilich: das Land zwischen Maas und Schelde Flandern ist das ganze Mittelalter über französisch gewesen und erst 1548 zum burgundischen Kreis geschlagen worden hat niemals so enge Beziehungen zu dem übrigen Deutschland gehabt, wie sie das Elsaß auch noch nach seiner Abtrennung vom Reiche bis in die neuere Zeit mit uns verknüpft haben. Völkisch war das Elsaß von e ein geschlossenes deutsches Gebiet. Hüben und drüben vom Rhein wohnten Alemannen. Die Elsässer Kultur ist bis zur franzosischen Revolution reindeutsch gewesen.

Das Land zwischen Maas und Schelde dagegen hat von allem Anfang an ein Sonderdasein geführt. Seine Kultur ist eine Uebergangskultur gewesen. Völkisch zerfiel es in zwei Hälften, eine R und eine germanisch⸗flämische. Den

Mallonen ist deutsches Wesen und deutsche Sprache von je so fremd gewesen, wie ihnen das Französische von je sympathisch war. Von den Flamländern aber hauste der größere Teil jenseits der

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deutsch⸗französischen Grenze, der Schelde, im französischen Flandern. Daß diese Trennung der Flamländer in einen französischen und einen deutschen Teil der Eigenbrödelei der deutschen Flamländer, die sich gegen die bluts verwandten Deutschen ebenso störrisch abschlossen, wie im Norden etwa die Friesen, im Süden späterhin, die Schweizer, Vorschub leistete, ist begreiflich. 1

Auch Flandern hatte nach der Auflösung des Reichs Karls des Großen zeitweise zu Ostfranken, zu Dentschland, gehört. Erst 925 ist die Schelde zur endgültigen Grenze zwischen Frank⸗ reich und Deutschland geworden. Bis dahin hat das Land zwischen Maas und Schelde fast hundert Jahre lang, vom Tode Kaiser Ludwigs des Frommen bis auf König Heinrich I., einmal ums anderemal den Herrn gewechselk. Es ist bald ost⸗, bald west⸗ fränkisch, deutsch oder französisch, um diese jüngeren Bezeichnun⸗ gen einmal vorweg zu nehmen, zeitweise auch Teil eines selbst⸗ ständigen Königreichs Lotharingien gewesen. Von 925 bis fast zum Ende des deutschen Reiches hat es dann mit längeren Unter⸗ brechungen der Oberlehnsherrlichkeit der deutschen Kaiser unter⸗ standen. Einzelne kraftvolle Herrscher haben wohl jahre oder jahrzehntelang die Zügel fester anziehen und die eigenwilligen Fürsten⸗ und Grafenhäuser des Landes, die Brabanter, Henne⸗ gauer, Limburger, Luxemburger u. s. f. unter ihre Botmäßigkeit zwingen können. Auf die Dauer aber hat die schwächer werdende Reichsgewalt in der alten lothringischen Grenzmark immer mehr au Ansehen und Einfluß eingebüßt, bis schließlich von der Ober⸗ lehnsherrlichkeit der Kaiser, die einzelne Kaiser aus ottonischem, salischem und staufischem Hause noch unumschränkt ausgeübt hatten, nur mehr ein Schatten übrig geblieben war, und die französische Revolution endgültig die letzten schwachen Fäden, die das heutige Belgien an das Reich band, zerriß.

Neben dem Unabhängigkeitssinn der Bewohner haben an dieser schrittweisen Loslösung Niederlothringens vom Reiche, die schon im frühen Mittelalter einsetzte, den Hauptanteil die trotzigen Dynastengeschlechter des Landes gehabt, unter denen wiederum das der Herzöge von Brabant unbestritten die erste und führende Stelle innehatte.

Name und Geschichte dieses stolzen Fürstenhauses, dessen bra⸗ bantischer Hauptast schon in der Mitte des vierzehnten Jahr⸗ hunderts mit Herzog Johann III. abstarb, sollte jedem Hessen vertraut und geläufig sein. Blüht doch der von dem Sohne Herzog Heinrichs II. von Brabant und der Sophie von Thüringen, Landgraf Heinrich I. von Hessen, demKinde von Brabant, be⸗ gründete Seitenast der Brabanter noch heute in Hessen, stammt doch Großherzog Ernst Ludwig in gerader Linie von jenem Grafen

Karls des Großen, um die Mitte des neunten Jahrhunderts die Stammreihe des Hauses eröffnet. Die hessische Linie hat 9 dings seit vielen Jahrhunderten den Zusamm⸗ ing mit ihren Stammlande verloren. Der Umstand, daß diese Stammlande seit Jahresfrist wieder in deutschen Händen sind, daß auch hessische Truppen an dem Siegeszuge durch Belgien beteiligt waren, möge es rechtfertigen, wenn an dieser Stelle die Erinnerung an die Brabanter Vorfahren und Verwandten des hessischen Fürsten⸗ hauses aufgefrischt wird. 1

Von den großen Geschlechtern Niederlothringens ist das der Brabanter das älteste. Es tritt schon jahrzehntelang früher ins Licht der Geschichte als die benachbarten Grafen⸗ und Fürsten⸗ häuser und zwar von allem Anfang an in einer so hervorragenden Stellung, wie sie die meisten übrigen sich erst im Laufe der Zeit erkämpfen und erringen konnten. Graf Balduin VII. ausgestorbene ältere Haus der Grafen von Flandern, das in einem 864 gestorbenen Grafen Odoaker seinen Ahnherrn sah, kann ihm, wie an Ansehen und Macht, so auch an Alter annähernd verglichen werden. Heutesist das Haus Brabant unter allen noch blühenden deutschen Fürstenhäusern weitaus das älteste. Nur noch drei von ihnen können ihre Stammbäume bis in die letzten Jahrzehnte des ausgehenden neunten Jahrhunderts, bis in die Karolingerzeit, zurückführen. Sie können dies aber auch nur auf Grund von mehr oder minder anfechtbaren Verknüpfungen und Behelfen, genau so wie die einzige Familie des nicht regierenden hohen Adels(Salm⸗ Reifferscheidt), die man mit einiger Gewißheit bis in die Karolinger⸗ zeit zurückverfolgt.

1 Dagegen ist der Stammbaum des Hauses Bra⸗

ant fechtbar. Rechnet man ihm, wie dies allgemein und aus triftigen Gründen geschieht, den oben erwähnten Grafen Giselbert, den Schwiegersohn Kaiser Lothars I., zu, dann gibt es in ganz Eurvpa nur ein einziges regierendes Fürstenhaus, das mit den Brabantern um den Vorzug des höchsten Alters streiten kann, das der Bour⸗ bonen.

Graf Robert der Tapfere von Anjou, der Stammvater der Könige von Frankreich, ist der Zeitgenosse Graf Giselberts vom Maasgau gewesen. Giselbert tritt uns zum erstenmal 841, in den Kämpfen der Enkel Karls des Großen, entgegen. Fünf Jahre später, 846, entführte er die Tochter Kaiser Lothars I. Diesen ältesten Daten aus seinem Leben stehen als alteste

Erw Graf Roberts des Tapferen zwei urkundliche Nachrichten aus 68.

Giselbert vom Maasgau ab, der mit seiner Gattin, einer Urenkelin! Jahren 838 und 852 gegenüber. Ist die erste dieser Erwähnungen

Nur daß im Jahre 1119 mit

mindestens seit 889 lückenlos und unan⸗

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