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(17/08/1915) 192. Zweites Blatt
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Ur. 102 Zweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

05Siehener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Siezen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zelt⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

General⸗An

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

zeiger für Oberhessen

dienstag, 17. August 1015 1

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: e 51, Schrist⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Karl Franz Josef. Zum 47. August. Vom Dr. Hans Wantoch Wien).

Am 17. August tritt Oesterreichs künfti⸗ fer neumundzwanzigste Jahr seines Lebens. e i Kaisers Geburtstag. Der Patriarch unter den europäischen Monarchen, Kaiser Franz Josef, wird 85 Jahre. Niemals wird dasGott erhalte inbrünstiger gebetet worden sein, als an diesem Tag in diesem Jahr, Nie wurde es den Oesterreichern eindring⸗ licher bewußt als in diesen dretzehn Monaten des größten Krieges, was für die Macht des Staates, für das Wohl der Völker und das Wohlergehen jedes Einzeknen die Person des Kaisers bedeutet, und. über alles Erwarten die alte Habsburgermonar⸗ chte sich in den 67 Regterumgsjahren dieses Greises verjüngt hat. . e es war 1 vielen, vielen

n Fest, ge n im Kalender. uer flammten auf den Höhen der Berge. Die Kelche der Gäste in den eleganten salontirolerischen Berghotels klangen aneinander. Es war ein Gipfelpunkt und zugleich das Ende der sommerlichen Saison. Bald nach Kaisers Geburtstag schnürten die Wiener ihr Ränzel und kehrten heim in die Stadt. Kaisers Geburtstag war eim Datum in jedem österveichischen Jahre. Aber ein hübscher und liebens⸗ würdiger Zufall, wie ihn der Witz der Weltgeschichte zuweilen liebt, hat es gefügt, daß sich künftig, in den Tagen unserer Kinder und Enkel, daran nicht viel zu ändern braucht. Eine Verschiebung um 5 5* Tag: Oesterreichs künftiger Kaiser ist am 17. August

Nun tritt er in sein neunundzwanzigstes Lebensjahr. Das

29. Jahr: gewiß, das bedeutet nicht viel. Es ist ein geringer Teil von dem, was einem Menschen zugemessen ist an latenter Kraft des Leistens und Wirkens. Aber erinnern wir uns ein wenig in diesem Alter hatte Franz Josef schon ein gutes Stück größ⸗ ten und schwersten Erlebens hinter sich. In diesem Alter hatte er schon Altösterreich, das 1848 und 49 auseinander zu fallen drohte, in eine neue und feste Form gebracht. In diesem Alter hatte er 1859 bereits erlebt, und das erstemal die treulose Tücke des Feindes erfahren, gegen den er fast noch Knabe 1848 das erste, als Jüngling das zweite, als Mann 1866 das dritte als Greis nun das vierte Mal zu Felde zieht. 29 Jahre: in diesem Alter war ein anderer Karl, der Sieger von Aspern, bereits Generalissimus der kaiserlichen Armeen. Karl Franz Josef blieb auch als Thronfolger was er war, er blieb ein bescheidener Schüler, ein eifriger Lerner, er machte von dem Vorrecht seiner Geburt, im Sturmlauf die Rangleiter der militärischen Karriere zu durchfliegen, keinen Gebrauch. Auch in diesem Jahr lernten wir ihn nur als den senhaftesten Zuschauer kennen, im Haupt⸗ quartier, bei den Korps⸗ und Divistonsstäben, in eroberten und wiedergewonnenen Orten, im Norden und im Süden, ber allen Truppenteilen, allen Regimentern, allen Völkern in Feldgrau: und Karl Franz Josef weiß nun haarklein, aus eigener Anschauung, wie jedes Regiment, jede Waffe, jedes Volk in Oesterreich sich schlägt. Ein Zuhörer und Zuschauer auch in diesem Jahr, wie früher bei den Schotten im Gymnasium in Wien, wie später, in Gesellschaft von Universitätsprofessoren, in Prag, wie nachher und durch lange Jahre an der Seite der gewaltigsten Persönlichkeit des Desterreich, an der Seite seines Oheims und Vormunds Franz Ferdinand. Ein Zuhörer und Zuschaer: Und, die ihn näher kennen bernten, sagen, er sei ein Meister in dieser Kunst. Aber nur wenige kennen ihn näher. Von diesem Mann, der einst über 50 Millionen Menschen und eine der wich⸗ tigsten Persönlichkeiten Europas sein wird, weiß die breite Oeffent⸗ lichkeit nicht viel mehr als dies: daß er der erstgeborene Sohn des bezaubernd schönen und sprühend temperamentvollen Erzherzogs Otto und der sauften, sächsischen Königsschwester Maria Josesa ist, * Tochter 1 ehr eigenwill i 8 done 1 di 8 i illi 1 obert von a, die Jugendgespielin, die Jugen debe Erzherzogin Zita gefreit, daß er auf dem zweitürmigen, hellbraunen Schloß Wartholz(von Ferstel, dem Ringstraßen⸗Ferstel erbaut), in dem kleinen Semme⸗ ringsort Reichenau Kindheit, Flitterwochen und erste Mannesjahre verlebt hat und daß ihm gleich als erstes Kind der ersehnte Thron⸗ erbe geboren worden ist. Dieses Leben war vom Schicksal treu be⸗ hütet. Dieses Leben nahm einen glatten, hindernislosen und un⸗

tragischen Es war ein Leben, dashelle und aus⸗ be schafft. Es war das Leben eines Götter⸗ lieblings. g

So sah Oesterreich mit stillem Behagen durch ein volles 1 diefes Leben reifen. Entzückt von seiner Anmut,

gefesseit von dem Charme seiner bescheidenen Freundlichkeit, voll Vertrauen in seine vertrauensvolle Güte, die fast einen Schimmer von der Milde Franz Josefs hat und einen Glanz von seiner Beliebtheit. Das Dasein Karl Franz Josefs ist den Oesterreichern eine so selbstverständliche Sache, gleichsam wie das Dasein Franz Josefs eine Staatsinstitution geworden, daß man nicht viel weiter nach ihm fragte. Karl Franz Josef ist der wenigst biographierte Thronerbe.

In Niederrösterreich wuchs er auf, dort, wo es am nieder⸗ österreichischsten ist und den Zauber der betörend sanften, man möchte sagen: Wiener Landschaft am reizvollsten spiegelt. Persen⸗ beug in der Wachau, der alten Nibelungenstraße, ist sein Geburts⸗ ort. Und ganz wie ein niederösterreichischer Gutsherrnsohn, der seine Jucker kutschiert, der viel in freier Luft ist, sieht er aus. Rotgebrannt von der Sonne, schlank von der Bewegung, gefund und wunderbar frisch. Persenbeug war sein Geburtsort. Aber der wichtigste Ort seines Lebens war Reichenau. Das liegt so still am Fuße der Rax. Kleinbürgerliche Sommerfrischler sind da. Einen Kurpark gibt es. Oh, nicht wie in Nizza oder auch mur in Abbazia, einen Kurpark mit rauschenden Roben, internationalen Gesichtern, mondänen Alluren. Ein ganz kleiner und bescheidener Kurpark ist das, mit der Hausschürze sozusagen. Erzieherinnen rufen, Kinderwagen stehen in der Sonne, Frauen sitzen da mit der Handarbeit. Und irgendwo auf einer Bank sitzt ein junger Offizier mit seiner Frau: Karl Franz Josef und Zita... Im Winter aber gibt es nicht einmal das. Der Zug aus Wien ist das einzige Ereignis. Er bringt die Zeitung. Und täglich sah man den jungen, blonden Offizier zu Fuß den dreiwiertelstündigen Weg zur Bahnhofstrafik gehen und seine Zeitung kaufen. Das heißt: es waren mehrere, ein ganzes Pack, es waren Zeitungen jeder Richtung, denn Karl Franz Josef wünscht sich zu unterrichten. Dies war es auch, was ihn als Knaben gleich dem Sohn ganz gewöhnlicher Bürgersleute auf die ganz gewöhnliche Schulbank eines ganz gewöhnlichen Wiener Gymnasiums gebracht hat. Und dies war es wiederum, das ihn später in Prag mit seinem Professor für Volkswirtschaft oft und oft Banken, Fabriken, in⸗ dustrielle Etablissements besuchen ließ. Ueberhaupt: Karl Franz Josef hat eine ganz besondere und in dem Agrarstaat Oester⸗ reich⸗Ungarn doppelt schätzbare Neigung für diesen modernsten aller bürgerlichen Berufe, Karl Franz Josef interessiert sich be⸗ sonders für Handel und Industrie. Und diese Anteilnahme findet das nachdrücklichste Entgegenkommen von seiner Gattin: Erz- herzogin Zita ist Studentin der Nationalökonomie. Die wunder⸗ liche Neigung zur Gelehrsamkeit ist ihr angeerbt. Ihr Vater, einst der Herrscher von Parma, der 1859 sein Land an das Haus Sa⸗ voyen abtreten mußte, war Bibelforscher von Namen und Rang. Er war überhaupt eine der markantesten Persönlichkeiten des Hauses Habsburg: dieser Herzog Robert. Er lebte fern vom Hof am Fuße des Schneebergs in Schwarzau seinen Wissen⸗ schaften und seinem eigenen Willen, der einmal sehr laut von sich reden machte, als er in einer Antiduellaffäre zwischen zwei öster⸗ reichischen Kavallieren für die Duellgegnerschaft Partei ergriff und einen der beiden Nichtduellanten, den Grafen Ledochowskt, an seinen Hof nahm. Der entschiedene Wille ging vom Vater auf die Tochter. Menschenfreundlich ist dieser Wille. Er stellt die Sache über die Person(selbst wenn es die eigene ist). Und Erz⸗ herzogin Zita hat einen Wahlspruch, der jedem Staatsmann Ehre machen würde: Der Wahlspruch heißt:Plus pour vous, que pour moi. a.

Jawohl, es ist ein fast tzianischer Zug. Er zeichnet eine bestimmende Linie um das Charakterbild des Thronfolgers. Karl Franz Josef wollte, als er Thronfolger wurde, als der Krieg aus⸗ brach, sich die Generalswürde micht ohne eigenes Verdienst erwerben.

Und die erste Auszeichnung, die ihm zuteil wurde, kam nicht aus d.

der k. k. Militärlanzlei in Schönbrunn. Sie kam aus dem Großen Hauptquartier Kaiser Wilhelms: das Eiserne Kreuz. Als Oberst zog er in den Krieg. Aber der bescheidene Rang war nicht nur Pose. Einer, der dabei war, hat mir erzählt: Wie der Kueg aus⸗ brach, begegnete der Oberst Karl Franz Josef im Kriegsministertum einem General der Kavallerie. Es war an einem dienstlichen Ort. Und der Oberst Karl Franz Josef klappte die Hacken zusammen. Er machte Front und erstattete Meldung, wie irgend ein Stabs⸗ offizier irgend einem General... Erst nach einem vollen Kriegs- jahr hat auch Karl Franz Josef den roten Kragen bekommen. Denn er hat Zeit, er hat das Glück der Jugend für sich und die Tragik eines Kronprinzenschicksals blieb ihm erspart. 29 Jahre wird er heute alt. Und morgen sein Großoheim 85. Der heutige Tag gehört ihm und der Zukunft. Morgen aber wird keine Lippe in Oesterreich inbrünstiger als die seine einstimmen in dasGott halte

Was der Reichstag bringt.

Während die Stickstofflommission schon an der Arbeit war und der verstärkte Haushaltsausschuß heute seine Tätigkeit aufnahm, tritt das Plenum des am 29. Mai bis zum 10. August vertagten Reichstags am Donnerstag, nachmittags 2 Uhr, zusammen. Die Dauer der nepun 5 in deren Mittelpunkt die neue Kriegskreditvorlage stehen wird, schätzt man auf zehn bis zwölf Tage.

Besagte Vorlage wird dem Reichstage im Rahmen eines Nachtrags zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1915 zugehen, und es wird darin, wie bereits mitgeteilt worden ist, ein neuer Kredit von 10 Milliarden Mk. gefordert. Bisher hatte die Volksvertretung an Kriegskrediten bewilligt: Am 4. August unf Milliarden Mk., am 2. Dezember wieder fünf Milli⸗ arden und am 20. März im Rahmen des Etats zehn Milli⸗ arden. Mit dem jetzt geforderten neuen Kredit wird also der Gesamtbetrag von dreißig Milliarden Mk. erreicht, eine Summe, deren Höhe daran zu ermessen ist, daß die ges- samte Reichsschuld vor Ausbruch dieses Weltkrieges fünf Milliarden Mk. betrug. Von den bisher bewilligten Kre⸗ diten wurden durch die erste und die zweite Kriegsanleihe rund 13¼ Milliarden Mk. aufgebracht, und die dritte Kriegsanleihe soll bald nach der Bewilligung des neuen Kredits, die selbstverständlich mit ganz überwältigenden Mehrheit(der friedensbedürftige Liebknecht dürfte nicht dazu gehören) erfolgen wird, ausgegeben werden. Ebenso ist an einem glänzenden Erfolg der neuen Anleihe schon in Rücksicht auf die günstige militärische Lage und die große Geldflüssigkeit nicht zu zweifeln. Es wird deshalb auch damit gerechnet, daß der Ausgabekurs der Anleihe, die wieder eine fünfprozentige sein wird, eine kleine Erhöhung, wahrscheinlich auf 99½, erfahren wird. e

Ob der Reichstag noch in dieser Tagung die Vorlage über das Reichsstickstoffmonopol, mit der sich der Ausschuß schon in dieser Woche beschäftigt hat, erledigen wird, das gilt als sehr zweifelhaft, ja, man kann wohl sagen als wenig wahrscheinlich. Zwar hat der Reichsschatzsekvetär Dr. Helfserich im Ausschuß erklärt, daß die Regierung sich mit einem Monopol für den Großhandel ohne Einst kung des Kleinhandels und ohne Verteuerung der Stickstoff⸗ verbindungen begnügen wolle, aber es bestand bisher doch noch eine sehr starke Obstruktion gegen das Gesetz, und man weiß nicht, ob es in den vertraulich din Ausschu 0 verhandlungen gelungen ist, diese umzustimmen. Keines⸗ wegs kommt für die Tagesordnung dieser Som ion die Frage der Reform des Reichsvereinsgesetze in Frage. Ende Mai ist ein Ausschuß zur Beratung den Vorlage eingesetzt worden, und dieser wird sich jetzt er schlüssig zu machen haben, wie sie an den, durch zahlreiche

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Abänderungsanträge bl umfassend gewordenen Bera⸗ tungsstoff gehen soll.! alls ist an die Inangriff⸗ nahme dieser Materie nicht vor Herb

schaftlichen Kriegsmaßnahmen der Regierung wird sich zu⸗ nächst der ver karte Haushaltsausschuß beschäftigen, 14 es hängt von der Entschließung der Parteien ab, ob dan auch noch das Plenum darüber beraten wird. Es handelt sich dabei vor allem um den Wirtschaftsplan für das ne Erntejahr und um mannigfache andere wirtschaftliche Maß⸗ nahmen, die durch den Krieg und seine Folgen bedingt sind, wie die Organisierung der Arbeitsvermittlung für Kriegsbeschädigten, die Kontrolle über freiwillige Kriegs wohlfahrtspflege, die Fürsorge in der Kreditbeschaffung für den Mittelstand und dergleichen mehr. Dagegen dürfte

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Holländischer Brief. Amsterdam, im August 1915. August 1915! Ein Jahr ist vorübergegangen, ein Jahr ge⸗ waltiger Erhebungen, aber auch wohl ee Leids. Holland ist bis jetzt vom Krieg verschont geblieben. Es durkte in dem großen Sturm die kleine friedliche Oase bleiben, der klare Spiegel, der den Kämpfenden ihr wahres Antlitz zeigt. Und doch hat der Krieg auch Holland seinen Stempel aufgedrückt. In erster Linie natür⸗ lich in den innerpolitischen Strömungen. Dort, wie auf dem Ge⸗ biete des Handels, der Industrie, der gesamten Wirtschafts politik sind chiebungen eingetreten, deren Tragweite und Bedeutung nicht nur für das niederländische Reich und seine Kolonien, son⸗ dern auch für alle übrigen Länder sich heute noch garnicht über⸗ sehen lassen. Daher kann von diesen Verän en Vorgänge, die sich noch im statu nascendi befinden hier noch nicht die Rede sein. Der Krieg hat aber auch dem äußeren Bilde des Landes, also jedermann sichtbar, sein eigenartiges Gepräge gegeben. Beherrscht wird dieses äußere Bild auch hier vom Heer. Aus den ungeordneten Scharen, die man zu Anfang des großen Krieges in aller Eile zusammenrief, ist eine vorzüglich geschulte und disziplinierte Armee geworden. Das militärfremde Land und Volk hat sich langsam an sein Heer gewöhnt, Interesse und Neigung wächst in allen Kreisen und mehr noch: man hat in diesen Tagen die Notwendigkeit, eine starke Wehrmacht zu besitzen, erkannt: vor kurzem erst wurde von den Kammern das Gesetz angenommen, demzufolge alle ungedienten Männer bis zum 30. Jahre(und das ist eine stattliche Zahl) eingezogen werden. Die Hauptmacht des holländischen Heeres konzentriert sich naturgemäß an den Grenzen. Aber überall im Lande, in der großen Stadt wie im klein⸗ ssen Fischerdorf, trifft man die neue grün⸗graue Uniform. In der Hauptstadt Amsterdam liegt nur eine verhältnismäßig kleine Garni⸗ son. Immerhin reichte der in gewöhnlichen Zeiten dafür verfüg⸗ bare Raum nicht aus. Außer in den Kasernen sind die Soldaten in öffentlichen Gebäuden und neuerrichteten Quartieren unter⸗ bracht. Die Amsterdamer, die sonst für ihre Garnison kaum einen lick übrig hatten, nehmen jetzt au Schicksal der in ihrer Stadt befindlichen Soldaten regen Anteil. Fast jeden Mittwoch macht die Garnison einen Rundgang durch die Stadt. Voran zieht die Mufik, eine merkwürdige Zusammenstellung mohilisierter Berufs⸗ musiker und Bauernsöhne, die vor dem Kriege sich auf Horn und Flöte übten. In der vordersten Reihe fällt der kleine, dicke Becken⸗ schläger auf, ein Holländer, der lange Jahre in Deutschland lebte und wirkte und in dortigen Künstlerkreisen wohl bekannt ist; mit elassener Miene schwingt er sein gewaltigtönendes Instrument. ann kommen die Truppen. An der Spitze die prächtige, kerzen⸗ rade und h ante Figur des Kommandanten, eines indischen etwas kleinere, freundliche

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dige Adjutant. Dahinter die Soldaten, starke, junge, blonde Kerle, kräftig und frisch und vertrauenerweckend Die Bevölkerung zieht tanzend und singend und schreiend mit: Auch diedeftigen Myn⸗ heers und Mebrouwe und vor allem die jungenmeisjes kommen hinzu und freuen sich an dem ungewohnten Bild. Je mehr sich der Zug der Zentrum nähert, umso größer wird die Teilnahme, umso mehr staut sich die 8 5 Durch die engeKal⸗ verstraat, die Hauptverkehrsader der Stadt, kommt man nur mühsam hindurch; und führt der Weg durch dieJodenbreestraat, dann muß der Zug wohl öfters halten. Die Haltung der Ghetto⸗ Bewohner ist übrigens bemerkenswert. Sie, die sonst nur Augen haben für ihren Verlaufsstand, ihren Laden, ihr Geschäft, lassen alles im Stich. Sie drängen sich zur Truppe hinan. Sie spötteln manchmal über die drohenden Waffen, aber meistens begleiten sie die Truppen mit teilnehmenden, ja sogar mitleidsvollen Worten. Die Soldaten lachen und ziehen lustig weiter. Nur beim Verlassen des Ghettos, am Ausgang der Jodenbreestrnat, sah ich, wie einer von ihnen einen heimlichen ehrfurchtsvollen Blick hinaufsandte zu einem Hause, das fremd und ruhig steht inmitten eines Knäuls verfallener schmutziger Gebäude. In diesem Hause lebte und litt und schuf und starb, in königlicher Einsamkeit, e Ryn.

Wallenstein und die Frauen.

In Schillers Wallenstein⸗Drama spielt bekanntlich, soweit der Held in Betracht kommt, die Liebe keine Rolle. Wallensteins Schicksal bleibt von der Leidenschaft der Liebe unberührt und wird allein durch die Politik entschieden. Entspricht das Bild, das Schiller hier entworfen hat, der geschichtlichen Wirklichkeit? Eine Antwort auf diese Frage gibt die feine Charakterstudie über Wallenstein, die Ricarda Huch soeben beim Insel-Verlage in Leipzig erscheinen läßt. Ihr ist offenbar bei der Arbeit an ihrer epischen DichtungDer deutsche Krieg Wallensteins proble⸗ matische Gestalt besonders merkwürdig geworden und sie versucht nun in ihrem neuen Buche die Persönlichkeit und den Charakter des rätselhaften Mannes in ihrem wahren Wesen und Kerne mit künstlerischer Anschaulichkeit herauszuarbeiten. Scharf und eistvoll kennzeichnet sie das Geheimnis des Charakters Wallen steins mit dem Satze:Wallenstein war zu stolz, um abhängig, zu schwach, um Rebell zu sein, das heißt, um dem herrschenden Recht seine eigene Ueberzeugung entgegenzusetzen; dies war seine Tragik. Bewußt oder unbewußt begann er damit eine Grund⸗ lage künftiger Macht 95 zu schaffen, indem er zum katholischen lauben übertrat und indem er sich durch Heirat Reichtum sicherte. In noch höherem Maße als jetzt war es in früheren hrhunderten selbstverständlich, daß der Mann aus praktischen Erwägungen beiratete. Nicht eine Geldheirat, sondern

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eine Heirat aus Neigung wäre eine Abnormität gewesen un würde der Erklärung bedürfen. Immerhin, da es auch j und schöne Erbinnen gab, erregte es Aufsehen, daß Wallenst mit 25 Jahren eine alte und häßliche Frau wählte. Es sich dadurch, daß derselbe Jesuit, Veit Pachta, der ihn zum Religionswechsel veranlaßt hatte, ihm die Heirat vorschlug;

lag den Jesuiten daran, daß die begüterte Witwe einen ihnen ergebenen Katholiken n damit ihre Besitzungen nicht 1 protestantische Hände fielen. Wallenstein ließ sich gern leiten

wenn er fühlte, daß man es gut mit ihm meinte: er nah

sogar die Vermutung zu, daß 2 Frauen gegenüber leidenschaftliche Natur war. 0

Nach fünfjähriger, kinderlofer Ehe, im Jahre 1614, starß seine Frau, und erst acht Jahre später verheiratete er sich wieder. Das war damals eine große Ausnahme; die Regel war daß ein Witwer höchstens einige Monate verstreichen ließ, bis er sich eine neue Frau nahm. Seine zweite Frau, Isabella von Harrach, gehörte dem Wiener Hofadel an und war die Tochter eines Günstlings des Kaisers; die Vorteile dieser Ver⸗ bindung liegen demnach auf der Hand. Die Ehe scheint sehn glücklich gewesen zu sein, was allerdings bei dem seltenen Zu⸗ sammensein der Gatten wenig bedeutete. Aus den Briefen Isa⸗ bellas an ihren Mann spricht eine lieblich bescheidene Zärtlich? keit, und wenn man auch in Betracht zieht, daß dieser Ausdruck ergebener Liebe Stil der Zeit war und den Frauenbriefen des 16. und 17. Jahrhunderts eigentümlich ist, so bleibt doch der Eindruck eines innigen Verhältnisses übrig. So viel sich be⸗ obachten läßt, war Wallenstein stets ritterlich liebenswürdig gegen Frauen und verständnisvoll auf sie eingehend, ohne ihnen do eigentlich näher zu kommen. 8 5 f

Er ist gewiß ein feiner Herrn, schrieb die geschiedene Herzogin von Braunschweig ihrem Bruder, dem Kurfürsten von Brandenburg,und nicht also, wie ihn etliche Leute gemacht haben; er ist gewiß sehr courtoisch

hat uns alle große Ehre erwiesen, ist gar lustig hier gewesen Besonders Frauen gegenüber, die in Not waren und feinen 1

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uchten, war er inimer hilfsbereit. Einer evangelischen Witwe, bie von ihrem Bekenntnis nicht lassen, aber doch auf ihren

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