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ur. 100 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sleßener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Jelt⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Der Uriegsausschuß der Zweiten Kammer
trat am gestrigen Freitag vormittag zu seiner vi i zusammen, der als Regierungsvertreler Miller v. 8. 95 2 7 2 Staatsrat Dr. Becker, Ministerialrat Schliephake u. a. bei⸗ wohnten. Zu Beginn der Sitzung widmete der Vorsitzende Dr. sann dem verstorbenen Abg. Bu sol d einen ehrenden Nachruf, den die Mitglieder stehend entgegennahmen. Sodann wurde folgen⸗ des Schreiben der Ersten Kammer bekannt gegeben: „Die Zweite Kammer hat den Wunsch ausgesprochen,„daß bei Maßnahmen, die von Großh. Regierung, insbesondere zur Sicherung der Volksernährung ergriffen werden, und bei anderen wirtschaftlichen Fragen auch Vertreter der Zweiten Kammer mit zu Rate gezogen werden“. Die Versammlung der Mitglieder der Ersten Kammer vom heutigen hat von der hierüber gemachten Mit⸗ teilung vom 23. v. Mts. Kenntnis genommen. Sie behält sich ihre endgültige Stellungnahme zu diefer Frage bis zu ihrer Be⸗ handlung im Plenum verehrlicher Zweiter Kammer vor. Sie ag 175 7 78 15 die 5 885 bei der verfassungs⸗
Aßigen Regelung dieser Frage die Großh. Regierun das Rech der Initiatibe behält und daß der Ersten Kammer der e Einfluß auf die Entschließungen der Großh. Regierung wie der verehrlichen Zweiten Kammer gewahrt bleibt.
Der Präsident: gez. Fürst von Leiningen.“
Darauf wurde die Erörterung über den Antrag Molthan, betreffend Besteuerung der Kriegsgewinne, fortgesetzt. Dr. Osann brachte folgenden neuen Antrag ein:
1. Großh. Regierung zu ersuchen, im Bundesrat dafür einzu⸗ treten, daß bei der Besteuerung der Kriegsgewinne auf dem Wege des Vermögenszurwachses auch die juristischen Personen, Akt i ngesellschaften, Gesellschaften mit be⸗ schränkter Haftung und andere Erwerbsgesell⸗ schaften der Steuer unterworfen werden. i
5 Die Regierung zu ersuchen, im Bundesrat darauf hinzu⸗ wirken, daß von der Reichssteuer auf Kriegsgewinne auch den Einzelstaaten ein Anteil zugewiesen wird..
In ausführlicher Begründung dieses Antrags verlangt er Feststellung der Kriegsgewinne durch sachverständige Prüfung der Geschäftsbilanzen. Die Besteuerung lediglich auf Grund der be⸗ stehenden hessischen Steuergesetzgebung sei ungenügend, auch die Besteuerung ausschließlich zugunsten des Reiches sei nicht rich⸗ tig, vielmehr müsse den Bundesstaaten ein Anteil an dem Ertrag dieser Steuer zufallen. Die Sonderbesteuerung der erwerbsfähigen Kriegsuntauglichen stellt er zur Debatte.
Bei der Besprechung des Antrags Dr. Osann trat die ein⸗ mütige Auffassung zutage, daß die Kriegsgewinnsteuer möglichst ausgiebig zu gestalten und den Bundesstaaten ein entsprechender Anteil am Ertrag zu sichern sei. Die Anregung eines Abgeord⸗ neten, welcher die e des gesamten Kriegsgewinns
ahme bezeichnete, fand jedoch keine
gewissem Sinne 9 sei, da ohne deren e Eingreifen ein
r die i wirtschaft und ni t ei ne wissen Grade besteuert. Er
odann wurde der Antrag Dr. Schmitt und Genossen betr. hrend des Krieges erörtert. Bei der Begründung des Antrags wurde darauf hingewiesen, daß besonders 1 Gewerbtreibende sich darüber beklagten, daß ihre Gesuche um Steuernachlässe von den Finanzämtern nicht ge⸗ nügende Berücksichtigung fänden. Der Regierungs vertreter wies auf
Gießener
General⸗Anzeiger für Gberhessen
105. Jahrgang
zeiger
Samstag, 14. August 10915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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die bestehenden gesetzlichen Vorschriften hin, welche von den Finanz⸗ ämtern befolgt werden müßten und die verhinderten, daß Nachlässe der Einkommensteuer während des Steuerjahrs nur dann eintreten könnten, wenn die Quelle des Einkommens gänzlich in Wegfall komme. Daher sei bei nur teilweisem Geschäftsrückgang durch den Kriegsausbruch ein Nachlaß für 1914 gesetzlich nicht statthaft ge⸗ wesen. Für 1915 seien bei der Steuereinschätzung die Einkommen⸗ ausfälle weitgehendst berücksichtigt worden. Den Finanzämtern sei wiederholt anbefohlen worden, bei der Steuereinschätzung Milde walten zu lassen und soweit es sich um Steuerpflichtige handelte, die zum Heeresdienst eingezogen wurden, die Nachlässe von Amts wegen zu verfügen. Infolge dieses Vorgehens der Steuerbehörden seien in letzter Zeit fast keine Klagen mehr vorgekommen. Nach kurzer Erörterung des Antrages wurde derselbe mit Rücksicht auf die Darlegungen des Regierungsvertreters für erledigt erklärt.
Im weiteren wurde die Besprechung über die Frage der Brotversorgung fortgesetzt. Minister von Hombergk zu Vach machte zunächst die Mitteilung, daß die Kreisämter nunmehr ermächtigt worden seien, von der einschränkenden Be⸗ stimmung des 8 6 der Verordnung vom 8. Juli 1915 in ge⸗ wissen Fällen abzusehen, wodurch der Kreis der Selbstversorger auch auf solche Getreideerzeuger erstreckt werde, welche weniger Getreide, als dort vorgesehen sei, erzeugen. Zur Einleitung den Besprechung über die Brotversorgungsfrage erstattete der Abg. von Helmolt einen längeren Bericht, in welchem er die Gründe der Brotknappheit im vergangenen Jahre erörterte und einen Ueberblick über die vom Bundesrat getroffenen Maßnahmen und deren Wirkungen gab. Zur Ausführung der gesetzlichen Maß⸗ nahmen für die neue Ernte machte er verschiedene dankenswertel praltische Vorschläge. Diese wurden ergänzt und erweitert durch die Ausführungen des zweiten Redners Abg. Henrich, welcher u. a. besondere Vorschriften über die Verteilung der verschie⸗ denen Getreidearten zwecks Herstellung eines möglichst gleich⸗ mäßigen Brotes empfahl. Er regte an, die Kommunalverbände zur Ansammlung von Getreidereserven zu veranlassen. Eine Er- höhung der Brotration, sowie die Freizügigkeit der Brotlarten und die Festsetzung möglichst gleichmäßiger Höchstpreise auch für den Kleinverkauf seien dringend wünschenswert. Tie Stellung eines besonderen Antrags behielt er sich vor.
Hiermit wurde die Sitzung abgebrochen. Fortsetzung der Be⸗ ratung morgen früh.
Aus dem Reiche.
Der neue 10-Milliarden⸗Kredit.
Berlin, 13. Aug.(zens. Bln.) Dem Reichstag ist nun⸗ mehr der Nachtragsetat zugegangen, in dem die Bewilli⸗ 92 70 eines neuen Kriegskredits in Höhe von zehn Milliarden gefordert wird. In diesem Gesetzentwurf wird auch mitgeteilt, daß die in den fortdauernden Aus⸗ gaben des Reichshaushaltsetats für das Rechnungsjahr 1915 vorgesehenen diplomatischen und konsularischen Vertretun⸗ gen in Italien fortfallen. Und dann heißt es:
„s 3. Der Reichskanzler wird ermächtigt, zur Bestrei⸗ tung einmaliger außerordentlicher Ausgaben die Summe von Mark 10 000 000 000 im Wege der Kreditfürsorge ¹¹ bewilligen. F 4. Die zur Ausgabe gelangenden Schul d⸗ verschreibungen und Schatzanweisungen, so⸗ wie die etwa zugehörigen Zinsscheine sollen sämtlich oder teilweise auf ausländische oder auch nach einem bestimmten Wertverhältnis gleichzeitig auf in⸗ und ausländische Wäh⸗ rungen sowie im Ausland zahlbar gestellt werden. Die Fest⸗ setzung des Wertverhältnisses 11 der Nebenbedingungen für Zählungen im Auslande bleibt dem Reichskanzler über⸗
lassen.“ Höchftpreise für Hülsenfrüchte.
Berlin, 13. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Wie wir von unterrichteter Seite hören, schweben zurzeit in den betei⸗ ligten Ressorts Erwägungen über die Beschlagnahme und Höchstpreisfestsetzungen für Hülsenfrüchte aller Art; unter voller Wahrung der berechtigten Wünsche der Produzenten sollen durch diese Maßnahmen diese wichtigen für weite Bevölkerungskreise unentbehrlichen Nahrungs⸗ mittel der ungehinderten Preistreiberei entzogen werden.
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Berlin, 13. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Im Reichstage hat der Abgeordnete Liebknecht vom östlichen Kriegs⸗ schauplatz eine vom 31. Juli 1915 datierte Anfrage ein⸗ gebracht, ob die Regierung bei entsprechender Bereitschaft
der anderen Kriegführenden bereit ist, auf der Grundlage des Verzichts auf Annexionen aller Art in sofortige Friedensverhandlungen einzutreten. 1255 Berlin, 13. Aug.(WTB. Amtlich.) Der österreichisch⸗ ungarische Minister des Aeußern Baron v. Burian ist heute b in Berlin eingetroffen. 5 Berlin, 13. Aug,(WT Nichtamtlich.) Der„Reichs⸗ anzeiger“ veröffentlicht eine Bekanntmachung betr. Ein⸗ schränkung der Arbeitszeit in den Spinnereien, Webereien und Wirkereien. Danach wird die Arbeits⸗ zeit in den gewerblichen Betrieben, in denen Gespinste, Gewebe, Wirkstoffe und Wirlwaren aus Baumwolle, Wolle, Kunstwolle, Flachs, Jute und Hanf hergestellt werden, auf fünf Tage in jeder Woche beschränkt. FF
Aus Stadt und Cand. Gießen, 14. August 1915. Die Kracheburg.
Sie ist nicht mehr, die Kracheburg, Die morsch und faul war durch und durch Und trotzdem viel bewundert Mit schiesem Dach und schiefer Wand Und innen drinn, wie ausgebrannt, Getrotzet dem Jahrhundert.
Wie lang ist's her, da hauste drin Ein Meister mit vergnügtem Sinn, Sowie mit Säg' und Hobel.
Man sah's ihm an, daß er der Mann, Dem alles drinnen untertan,
Stolz gab er sich und nobel.
Und wie er schick und höflich war,
So ahmts ihm nach von Jahr zu Jahr Sein Haus iu Anmut stetig:
Ein Knicks nach vorn, Verbeugung links, Nach rechts zu gings nicht allerdings Und hinten wars nicht nötig.
Kein Fremder, der was auf sich hielt Und im Salon'ne Rolle spielt,
Der ließ es sich entgehen,
Die Kracheburg in heil'ger Scheu, Zu Gießen in der„Neue-Bäu',
Mit Ehrfurcht anzusehen.
Nun ist sie hin! Ein ödes Loch! Geröll und Gras bezeichnen noch Den Ort, wo sie gesallen.
Und Mäus und Ratten spielen drin, Die Wolken ziehen drüber hin,
Der Wind streicht durch die Hallen!
Dem Bürger, der an gar nichts denkt Und nachts vorbei die Schritte lenkt, Fährt's brühwarm in den Magen! Es wird ihm gruselich und schwül, Ein niederträchtiges Geflühl
Kriecht eiskalt über'n Kragen!
Und trotzdem hat der Gießener doch Ein still Vergnügen an dem Loch, Mag man auch drüber schwätzen.— Er weiß, daß nirgends eine Stadt So etwas Hochapartes hat—
Und so was muß man schätzen!
Drum Steuerzahler schweigt nicht still, Wenn man den Platz euch nehmen will, Um Häuser drauf zu bauen! Heut ist zwar hiervon nichts zu sehn, Doch könnt's in 20 Jahr'n gescheh'n, Wer will dem Stadtrat trauen?? 1275* 5 * Einschränkung des Briefverkehrs nach dem nichtfeindlichen Auslande. Die Reichspostverwaltung teilt mit: Zur zweckentsprechenden Durchführung der während des Krieges notwendigen militärischen Ueberwachung des Nach⸗ richtenverkehrs mit dem Ausland ist es erforderlich, daß der Brief⸗ text der offen aufzuliefernden Privatbriefe nach dem ni chtfeind⸗ lichen Ausland, mit Ausnahme der besetzten Teile Belgiens und Russisch⸗Polens, gleichviel ob die Briefe in deutscher oder in einer für den Briefverkehr nach dem Auslande gestatteten fremden Sprache abgefaßt sind, nicht über zwei Bogenseiten gewöhnlichen
Berliner Uriegssilhouetten. 3 Von Alfred Bratt.
Wenn femand nach längerer Abwesenheit heute nach Berlin kommt, wird er unschwer die Stadt wiedererkennen, die ihm in den Tagen des Friedens so vertraut war. Er wird auf den ersten Blick, beim ersten eiligen Durchwandern der Straßen, beim flüchtigen Besuch der bekannten Lokale alles äußerlich ziem⸗ lich genau so sehen, wie er es bis zum 1. August vorigen Jahres 2 sehen gewohnt war. Denn die auffälligsten neuen Elemente
3 Straßenlebens— Uniformen im Gedränge, Krieg in den Schaufenstern, Krieg auf den Plakaten— sind heute jedermann so vertraut, daß sie dem Besucher ebenso zu Berlin wie zu jeder anderen Stadt gehörig erscheinen. Er wird finden, daß das Leben weiter seinen Gang geht— unbeirrt, kraftvoll, mit vollem Atem aus breiter Brust, in dem schweren und doch elastischen, tausendtönigen und doch rhythmischen Gang der Maschine einer Riesenstadt. Und dennoch— wer näher zusieht, nicht in be⸗ 7 Gewohnheit oder eiliger Verfolgung irgendeines Zieles, sondern mit liebendem Interesse und erwägender Betrachtung— wer Einzelheiten, Stimmungen und scheinbare Geringfügrgkeiten zu sehen und zu deuten gewillt ist, wird erkennen, daß in dem gewaltigen Mosaikbild von Großberlin manches Steinchen ver⸗ rückt ist, mancher Ton verändert, manche Farbe gewandelt wurde durch den neuen Rausch der rauhen Welt.
1 Am Potsdamer Platz..
Abends um neun. Um diese Zeit brauste stets ein wühlendes, Windrichtungen. Die König⸗ 815 e Bellevue⸗ und Leipziger Straße sandten
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Airrten und schleiften über den ungeduldig vibrierenden Asphalt. Auch heute wälzt sich dieser Auftrieb vor der Arbeitsruhe, dieser letzte Ausschwung der Flut vor der Ebbe über das Rund des Platzes. Auch heute klingelt Straßenbahn hinter Straßenbahn, und die Verminderung des Verkehrs ist nur wenig zu erkennen. Einzelne kleine Erscheinungen sind's, die der Krieg auf diesen Kreuzpunkt gepflanzt hat, wie der Maler Schlaglichter auf sein Gemälde. Die Zeitungsverkäufer stehen hier nicht mehr ver⸗ einzelt wie Inseln im Gewoge. Sie bilden eine lange Reihe, vom Hotel Fürstenhof bis zur Ecke hinunter. Sie stehen in Reih und Glied, als hätten die kriegerischen Ereignisse, die sie zu
ünden haben, ein Anrecht darauf, in militärischer Aufstel⸗
g ausgerufen zu werden. Und all diese Namen, mögen sie ö'r oder Diskant ertönen, dringen als strategische
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hastiges Treiben aus allen vier 9
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Lebendigkeit über den Platz, ratterten, knarrten, Iso
Punkte, als Generäle, als chene Flüsse oder Gebirge an unser Ohr.„Hindenburg Riga... Isonzo... Es sind abgerissene, aber vehement klingende Akkorde von dem großen Drama, das uns allen so sehr in Herz und Sinn geschrieben steht. Man geht weiter, und noch tönt es nach, Worte nur, Schall, der sich verflüchtigt, aber von tiefer Bedeutung und stählernem Klang.
Mitten auf dem Platz blickt man empor zu dem Dachfirst des Josty⸗Hauses. Dort oben flammen auf hohem Gestänge die Luftbuchstaben der elektrischen Lichtreklame. Sie leuchten auf, eine unsichtbare Hand schreibt mit feuriger Schrift, dann verlöschen sie, um gleich wieder aufzuflammen in einem neuen Satzgefüge. Und in den kurzen Pausen zwischen Licht und Licht erblickt man hoch oben durch den Schleierdunst der Stadt das Gewölbe des still nächtigen Himmels. Da— nun leuchtet es wieder auf, und in die gestirnte Nacht glühen die Worte: Marke Feldgrau Neben dieser schwebenden Leuchtschrift drehten sich früher zwei rasende Flammenräder, die man schon von weitem aus der Leipziger Straße kreisen sah. Sie sind erloschen— Einschrän⸗ kung des Geschäftsbetriebes— nun ja... Aber der Tag wird kommen, da alles in neuer Bewegung erstrahlt, und dann werden auch fie von neuem erglühen und ihr Teil beitragen zu dem großen Feuerwerk. 5
Man schreitet über den Damm und steht vor der Rampe des Café Josty. Das Plaudern der Menschen auf der Terrasse dringt nicht mehr so laut und vielstimmig herab. Jeder Gast hält den Kopf über eine Zeitung gebeugt und liest, liest. Und auf der Rückseite der Blätter, in fettem Druck von unten nur verschwom⸗ men sichtbar, dieselben Schlagworte: Riga... Hindenburg.
Der„kleine Generalstab“.
Im Westen: an einer Ecke des Kurfürstendamm, vor einem bekannten Künstlerlokal, das man vor grauen Jahren schon Cafe Größenwahn taufte. An dieser Ecke staut sich der Verkehr der
sgänger, wie vor einem unsichtbaren Wellenbrecher. Warum?
s weiß mam nicht; er staut sich eben vor dem Café des Westens, das ist nun einmal so. Hier sieht man Leute mit ge⸗ nialen Locken, Mädchen ohne Hut, einen geblümten Schal über den Schultern. Die Gäste des Cafés kommen und. gehen; man bleibt stehen, man spricht und geht nur langsam weiter, und oft kehrt man auch bald wieder zurück. An dieser Ecke war zur Zeit der Mobilisation die Nachrichtenbörse aufgeschlagen. Die Automobile der Zeitungen, die das Lesefutter nach dem Westen
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heißumstrittene und ebenso heißbespro⸗
bringen, halten hier zuerst. Zeitungsleute treffen sich hier, Nach⸗ richten, Vermutungen, Prophezeiungen schwirren durch die Luft. Diese Ecke war im August und September allabendlich, ja die halbe Nacht hindurch schwarz von Menschen. Die Berliner, die niemals um einen Scherznamen verlegen sind, tauften die Ecke den„kleinen Generalstab“. 5 5 Der„kleine Generalstab“ steht jetzt nicht mehr in ununter⸗ brochenem Dienst. Die regelmäßig erscheinenden amtlichen Berichte haben ihm viel von seinem Nervenreiz genommen, indem sie den Nachrichtenhunger eindämmten und in ruhigere Bahnen lei⸗ teten. Aber wenn eine große Neuigkeit verkündet wird, ist der Platz in kürzester Zeit wieder ebenso von durcheinandersprechenden 1 Menschen erfüllt wie im vergangennen Herbst. Plötzlich, man vermag kaum zu sehen, wie und woher, ist das Pflaster unsichtbar geworden unter den vielen Röcken und Hüten, und das laute ummen mischt sich in die Geräusche der Fuhrwerke. 8 Der„kleine Generalstab“ ist also trotz aller Gewohnheit, die den Menschen 5 mit den größten Ereignissen vertraut macht, noch immer am Leben. Und er wird erst verschwinden, wenn der wirkliche, der große Generalstab sein Werk zum Abschluß ge⸗
bracht hat. Auf der Straßenbahn.
05 in Uniform. In grünen Jacken, die grünen Mützen der Straßenbahner auf dem widerspenstigen Haar. Wer dachte früher daran, daß Frauen diesen Dienst tun würden? Nun, jetzt tun sie Dienst, sicher, zuverlässig und bescheiden, als sei dies schon immer so gewesen. Viele sind still, einen in sich gekehrten Zug im Gesicht. Das sind die Schaffnerinnen, die um den linken Arm ein Trauerband tragen.
Immer wieder wird man in der Bahn auf seltsame Weise an den Krieg erinnert. Man hört eine helle Stimme, man blickt auf: eine Frauen hand streckt das Billett entgegen. Die Hand einer Frau, die tapfer und eifrig ihren Dienst tut, wie ihr Mann weit draußen, irgendwo, seine Pflicht erfüllt— oder schon er⸗
füllt hat. 5 Die Schloßwache.
Nicht Hunderte, nein, Tausende und mehr folgen in diesem Jahr der Wache, 8 05 mit Musik und Helmenglanz aufzieht. Alles ist wie früher, und doch ist alles anders, denn es hat eine neue Bedeutung bekommen, die wir mit neuen Augen sehen. Die Männer in Uniform, die im Schmetterklang ihrer Instrumente dahinschreiten, haben für uns etwas unendlich Stärkendes, Be⸗ ruhigendes. Der Zusammenklang der straffen Schritte mit der takt⸗
festen Musik erfüllt uns mit einem früher ungekannten Empfinden


