Ausgabe 
(12.8.1915) 188. Zweites Blatt
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188 Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Feit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

Donnerstag, 12. August 1915

Rotationsdruck und Verlag der Br ühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S251, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Ariegsbriefe aus dem Often.

Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters. Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Im deutschen Warschau.

5 9099 Warschau, 6. August⸗

5 gleichen Maße, wie sich der starke Druck der Armee Gall⸗ witz auf die russische Narew⸗Stellung und schließlich auf die russische Ru linie von Warschau nach erbitterten Kämpfen bemerkbar machte, zog sich die russische Front im Westen von Warschau schritt⸗ weise zurück. Unter täglichen Gefechten und Schaxmützeln drangen Teile der 9. deutschen lemee nach, und nachdem die starke Blonie⸗ Linie nicht mehr ernstlich gehalten wurde, drangen in der Nacht zum 5. August die ersten deutschen Truppen in Warschau ein. Als ich heute von Sochaczew über Blonie die Einmarschstraße der deut⸗ schen Truppen nach Warschau hineinfuhr, glich die breite Reichs⸗ straße einem Heerweg, auf dem sich eine ganze Völkerschaft zu bewegen schien. Viele Hunderte von Wagen mit Bauern und Städtern, reich und arm, voll beladen, folgten sich in ununter⸗ brochenen Zügen. Es waren die vielen tausend Flüchtlinge, die aus allen Teilen des von uns besetzten Polens nach Warschau geflüchtet waren, und die nun ihre Heimatsorte wieder erreichen wollten. Bis Sochaczew waren schon die Warschauer Droschken mit Flüchtlingen gekommen. Die kleinen eleganten Wagen mit blau livrierten und numerierten Kutschern waren das erste Zeichen. der Großstadt Warschau. Dann tauchten die hohen Schornsteine der Ziegeleien und Fabriken auf, die ersten Kirchtürme stiegen schmal und steil am Horizont empor. Durch die schmutzige und ärmliche Vorstadt Przedmiescie⸗Wola rollte der Wagen nach dem Mittel⸗ punkt der Stadt, die beim ersten Anblick vom Kriege kaum berührt schien. Eine elegante und neugierige Großstadtbevölkerung drängte sich auf den Hauptstraßen, alle Läden waren geöffnet. Dieser erste Eindruck, daß alke Nachrichten über Warschauer Nöte und russische Zerstörungspläne stark übertrieben worden waren, verstärkte sich mir dann, als ich nachmittags auf der Terrasse des Europäischen 2 saß und das bunte Leben der Großstadt an mir vorbeizog. Tas elektrische Licht ist in Ordnung, die Wasserleitung arbeitet, die elektrische Bahn fährt, die Läden und Hotels haben alles zu verkaufen, was man für Geld verlangen kann.

Anden Straßeneclen lleben große Anschläge, in denen General⸗ feldmarschall Prinz Leopold von Bayern die Bevölkerung zur Ruhe ermahnt und den friedlichen Bürgern deutschen Schutz verspricht. Gleichzeitig wird erklärt, daß der Armeeleitung Anschläge gegen das deutsche Heer, das Warschau besetzt hält, bekannt geworden. seien. Die Bevölkerung wird dringend ermahnt, solchen Anschlägen leinerlei Vorschub zu leisten. Die Warschauer Zeitungen, die in Extrablättern erscheinen, drucken die Aufrufe ab und richten im Arschluß die Mahnung an die Bürger, sich nach ihm zu richten. Allerlei nationalpolnische Wünsche scheinen emporzutauchen; die Bevölkerung gibt sich sichtlich alle Mühe, liebenswürdig zu erschei⸗ nen. Als Prinz Leppolds feste und ehrwürdige Soldatenerscheinung nachmittags vor einem größen Hotel zu sehen war, staute sich die

Menge zu einem großen Ring, der den deutschen Oberbefehlshaber ehrfürchtig grüßte. f

Während eine deutsche Kapelle vor dem Brühlschen Gasthof Märsche und Vaterlandslieder spielte, tauchte plötzlich ein russischer Flieger über der Stadt auf, und die deutschen Musiker fanden sich plötzlich allein, bis die Ballonabwehrkanonen den Schatten ver⸗ trieben hatten und die neugierige Masse wieder den deutschen Siegesliedern zuhörte. 0

In hartem Gegensatz zu den farbigen Bildern westländischen Großstadtlebens stehen die Straßen, die zur Weichsel führen. Eine knappe Viertelstunde von dem Brennpunkte des Warschauer Tagestreibens sausen die Gewehrkugeln über die Weichsel, denn das rechte Weichselufer, auf dem der Vorort Praga liegt, ist heute noch von den Russen besetzt. Die beiden Weichselbrücken find von den Russen gesprengt worden, allerdings scheint nur das Mäittelstück bei der Alexandrowskibrücke ernstlich von der 5 beschädigt worden zu sein. An den Weichsel⸗ ufern liegt sich die Infanterie gegenüber, und den ganzen Tag setzte das Schießen eigentlich nie recht aus. Das Summen der Gewehrkugeln über Brücken und Heerstraßen dicht neben dem leichtfertigsten Lebensgenuß macht einen Eindrück, den man nicht leicht vergißt. Am Abend, als sich bei elektrischer Bogenbeleuch⸗ tung Warschau immer noch nicht zur Ruhe begab, fing das Feuern stärker an, und eben gegen Mitternacht höre ich an meinem Fenster im Hotel Brühl das Auf⸗ und Abschallen des Feuer⸗ lärms an der Weichsel, und zuweilen sausen zu hoch gehende Geschosse über den großen, dunklen Garten, der nach dem Fluß liegt. Es sind Schüsse, die nichts mehr entscheiden. Warschau,

die heißumworbene Hauptstadt des westlichen Rußland, ist fest in unserer Hand. Alles weitere ist noch nicht zu übersehen. Als eine Landsturmkompagnie einzog, sang sie:Nun danket

alle Gott, und viele tausend deutsche Soldaten, die die Türme Warschaus auftauchen sahen, werden in heißem Herzen das alte Lied von Leuthen miterlebt haben. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. (Ueber Tilsit verspätet eingetroffen.)

Aus Stadt und Land. Gießen, 12. August 1915.

Der Gießener Tierschutzverein

übersendet uns folgenden Jahresbericht für 1914: Im verflossenen Vereinsjahre wurden am 30. März, 18. Juni und 7. Dez, 1914 und am 2. Juni 1915 Vorstandssitzungen abgehalten. Dem Vorsitzenden, Herrn Hauptlehrer Knauß, war es leider nicht mög⸗ lich, an der Vorstandssitzung des Hauptvereins für Hessen teil⸗ zunehmen. Die 39. Hauptversammlung des Tierschutzvereins für das Großherzogtum Hessen tagte am 27. Juni zu Alzey. Sie zu besuchen, konnte sich niemand vom Vorstande entschließen, weil die Reise dahin zeitraubend und kostspielig ist. Im Laufe des Jahres schieden 33 Mitglieder durch den Tod, durch Wegzug, insolge des Krieges oder aus unbekannten Gründen aus dem Verein aus, dagegen traten 2 Personen ein, so daß er zurzeit nur noch 533 Mitglieder zählt. Nach dem Paragraphen 4 der Ergänzungsbestimmungen zu den Satzungen des Hauptvereins scheiden jedes Jahr die zugewählten und ein Drittel der in der Hauptversammlung gewählten Mitglieder des Vorstandes aus. Da die Ausscheidenden am 20. März wiedergewählt wurden, so traten nur insofern Veränderungen im Vorstande ein, als Ersatz für die Herren Oberbürgermeister i. R. Mecum sowie Gewerbebank⸗ direktor Loos gefunden werden mußte. Für jenen wurde Ober⸗ bürgermeister Keller, für diesen Brauereibesitzer Bichler ge⸗ wählt. Zu den Aufgaben des Tierschutzes zählt fraglos die Belehrung durch Wort und Schrift. Um dieser Forderung gerecht zu werden, wurden in den Vorstandssitzungen Flugblätter, Zeit⸗ schriften und Jahresberichte mit der Bitte verteilt, sie zu lesen und Wichtiges zu berichten. Diesem Wunsche entsprach Herr Schlachthofdirektor Modde insofern, als er über die besten und daher gebräuchlichsten Arten der Tötung von größeren Haustieren einen ausführlichen Vortrag hielt. Pastor R. von Jhering richtete an den Verein das Ersuchen, dem Verein zur Förderung humanen Schlachtens in Leipzig beizutreten. Der Vorstand be⸗ schloß, zur besseren Belehrung über die Ziele dieses Vereins, die Schriften des Sanitätsrats Dr. Rahmdor zu lesen, worauf R. von Ihering Antwort werden soll. Zum Besten des Verein für Sanitätshunde bewilligte man 50 Mark, die Rechtsanwalt Homberger dahier überwiesen wurden. Am 29. Juni d. J. sollte zu Genf unter dem Namen Roter Stern ein Verein zum Schutzekranker Pferde gegründet werden. Als Beitrag wurden 2 Prozent des Jahresbeitrags der Mitglieder gefordert. Auf Antrag des Vorsitzenden Knauß beschloß der Vorstand den Beitritt. Dem Gesuche um Aufnahme in den Verband der Tierschutzvereine des Deutschen Reiches wurde auf dem Verbands⸗ tage zu Stuttgart entsprochen.

Bald nach dem Ausbruche des Krieges überreichte der Vor⸗ sitzende dem Oberbürgermeister der Stadt Gießen namens des Vereins 500 Mark für die Kriegsfürsorge; am 7. Dezember be⸗ willigte der Vorstand die zweite Gabe von 500 Mark, die an den Oberbürgermeister zur Linderung der Kriegsnot überwiesen wurde; ferner wurde am 2. Juni der Antrag der Herren Krug und Wolff, sofort für wohltätige Zwecke auf dem Gebiete der Kriegs⸗ fürsorge 500 Mark hereitgufellen über deren Verwendung später bestimmt werden soll, einstimmig zum Beschluß erhoben. Alle bewilligten Unterstützungen wurden von der Generalversammlung einstimmig N Die Beurteilung der Tierschutzkalender hatte Herr Lehrer Fritzel übernommen. Da er indes nicht zur Sitzung kommen konnte, so erstattete Herr Lehrer H. Müller den Bericht. Obschon sein Urteil günstig lautete, so glaubte der Vorstand dennoch von der Verteilung der Tierschutzkalender dies⸗ mal absehen zu müssen, weil die hohen Spenden für die Kriegs⸗ fürsorge ihm anderweit die Pflicht weiser Sparsamkeit auferlege. Aus dem Grunde sei er auch genötigt, keinerlei Prämien, weder an Gendarmen, Schutzleute und Flurschützen, noch an die Schlacht⸗ hofs⸗ und Friedhofswärter zu verleihen, obschon sie den Tierschutz nicht minder treu ausgeübt haben.

In der Hauptversammlung vom 30. März wurde über die Er⸗ richtung einer Fahrschule zu Gießen beraten. Der Vor⸗ sitzende schlug Kurse vor, die bei 2 Wochenstunden 2 Monate dauern sollen. Da nun von den Teilnehmern kein Schulgeld erhoben wird, so werden die Kosten etwa 120 Mk. betragen, falls die Interessenten Wagen und Pferde für den praktischen Unterricht kostenlos stellen. Die Kosten sollen die Innungen, die Fuh Herks⸗ besitzer und die Stadt tragen; Beihilfe ist erwünscht von der Pferdemarktkommission, dem Automobilklub und dem Ruderverein. Nach längerer Besprechung beschloß die Versammlung ein Rund⸗ schreiben an alle Interessenten mit dem Ersuchen, einen Beitrag

zu zeichnen. Ist die Deckung für die Ausgaben gesichert, so soll eine allgemeine Versammlung anberaumt werden. 1

An den Hauptverein wurde die Frage gerichtet, was seit dem Vogelschutzgesetz vom 30. Mai 1908 in Hessen für den Vogel⸗ schutz geschehen sei. Dank des milden Winters verursachte, die Vogelfütterung nur eine geringfügige Ausgabe. Die Bezirks⸗ sparkasse Gießen bewilligte 100 Mark aus dem Reingewinn des Geschäftsjahres 1913. Dem Rechner wird forthin 1 Prozent des Jahresumsatzes zur Deckung seiner Auslagen gewährt. m 2. Juni legte der Rechner Wolff die Rechnung vor. Sie schloß in Einnahme mit 2714,73 Mark, in Ausgabe mit 2705,70 Mark ab. Zurzeit beträgt der Vermögensbestand 2081/24 Mark. Die Rechnung wurde von den Herren Fritzel und Krug geprüft und

richtig befunden, worauf der Vorsitzende dem Rechner namens der

Haupt versammlung dankend Entlastung erteilte. 1

Zum Schlusse sei noch eins nachdrücklich gesagt: groß ist die Zeit, und sie mitzuleben ist ein Glück; aber schwer ist guch, un⸗ ermeßlich schwer durch die ungeheuren Opfer an Gut, Blut und Leben. Unerbittlich greift sie in alle Lebensverhältnisse, llein wie groß, ein. Auch unsere Bestrebungen hat sie stark beeinflußt. Von dem Gedanken:Erst hilf dem Menschen, alsdann stehe dem Tiere bei, wurden unsere Beschlüsse getragen; daher unsere namhaften Gaben für die Kriegsfürsorge in unserer Stadt, Indes vergaßen wir auch der treuesten Kameraden unserer Helden im Felde nicht, des Sanitätshundes und des Pferdes, die Not und Tod in Treue mit ihnen teilen.

*

Auf dem Felde der Ehre gefallen.

(Aus Hessen und den Nachbargebieten.)

Landwehrmann Otto Jung, Inf.-Rgt. 149, aus Cleeberg. Landsturmmann Rudolf Lenk, Inf.-Rgt. 168, aus Weilburg. Jäger Johann Pfuhl, Jägerbat. 11, aus Oberwalgern. Lt. Karl Strecker, Drag.⸗Rgt. 23, aus Mainz. Musketier Aug. Reutzel aus Rinderbügen. Kriegsfreiw. Vaul Röhrig, Inf.-⸗Rgt. 258, aus Wetzlar. Musk. Heinr. Gräf aus Laubach, Geir. Lehrer Karl Christ, 3. Ers.⸗Rat. Königsbero, aus Niederhörlen. Gefr. Ludwig Sondermann, Garde-Gren. Rgt. Elisabeth, aus Alsfeld. Kriegsfreiw. Johs. Steinbach, Res. Inji.-Agt. 252, aus Zell bei Alsfeld. Musk. Ludwig Bill, Res⸗Ini.-Rat. 266, aus Naunheim. Gefr. Karl Heinr. Fink, Res.-Inf.-Agt. 46, aus Aßlar. Unteroff. Jak. Kaps, 2. Land⸗ wehr-Pionier-Komp., aus Aßlar. Landsturmmann Wilh. Fich, Res.⸗Inf.⸗Rgt. 11, aus Ober⸗Mockstadt. Gardist Heinrich Winnecker. Res.⸗Juf.-Rat. 253, aus Volkartshain. Musk. Heinr. Linker I, Res.-Juf.-Rgt. 224, aus Breungeshain. Landsturmmann Alex. Müller, Inf.-Rgt. 141, aus Alsteld. Greugadier Heinr. Schar eh, Garde-Gren.-Rgt. 5, aus Vadenrod.

Offiz Stellv. Valentin Bormuth, Inf.-Rgt. 80, aus Forst⸗

haus Winterstein. Landsturmmann Heinrich Klee, Res.⸗Inf. Rgt. 118, aus Rödgen bei Pbil ipps aus Biedenkopf.

5 5 *Diebstähle. In der Nacht zum 11. August wurden aus einem außerhalb 25 Stadt gelegenen Gebäude mittelst

Einbruchs ein Gewehr, M. 98, im Werte von 100 Mark; dessen Lauf für Bleigeschosse hergerichtet ist, mit der Fabrik⸗ nummer 88 261 und auf dessen HülsenkopfWaffenfabrik Mauser A.⸗G., Oberndorf a. N. 1908 steht,

mit Patronen und eine Diopter⸗Blendscheibe entwendet. 9

Ferner wurden aus einem Garten an der Lahnstraße acht

junge, Jahre alte bunte Hühner gestohlen. Sach⸗ dienliche Mitteilungen bezügl. der Täterschaft nimmt die

Kriminalpolizei entgegen. 8

* Wem gehört das Fahrrad? In der hiesigen Zeughauskaserne wurde im Monat September 1914 ein Fahrrad MarkeOpel mit der Fabriknummer 15 338 aufgefunden, das schon seit Wochen herrenlos dort ge⸗

standen hat und offenbar von einem Diebstahl herrührt, da

die Fabriknummer bis zur Unkenntlichkeit verbeult ist. Der Eigentümer kann sich bei der Kriminalpolizei melden.

Landkreis Gießen. OBirklar, 11. Aug. Gefreiter Heinrich Schneider von

Friedberg. Leutn. der Res. Theodon

1

125 1

eine Pistole

hier beim Infanterie-Regiment 116(Kaiser Wilhelm), 3. Komp., 9

wurde am 1. August zum Unteroffizier befördert und ihm

hierbei das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. A Stockhausen, 11. Aug. In dem hiesigen Braun⸗

eisenstein- Bergwerk sind gegenwärtig 25 russische Gee

fangene, die vorher längere Zeit in Ilsdorf in Arbeit standen, U

beschästigt. Kreis Büdingen. § Büdingen, 11. Aug.

Türk erhielt das Eiserne Kreuz. Dasselbe Ehrenzeichen wurde

i Kunst und Wissenschaft.

Johanna Kinkel. Die 100. Wiederkehr von Gottfried Kinkels Geburtstag(11. August) erweckt auch die Erinnerung an jene geistvolle und charakterfeste Frau, mit der den Dichter ein fast 1 Lebensbund vereinte und die durch ihr be⸗ deutendes Wesen vom größten Einfluß auf seine Entwicklung wurde. Kinkel lernte sie im Jahre 1839 kennen. Johanna Mockel, die Tochter eines Bonner Gymnasiallehrers, hatte damals die Fesseln einer unglücklichen halbjährigen Ehe mit dem Kölner Musikalienhändler Matthieux gerade abgestreift. Es entwickelte sich zwischen den beiden Menschen, die um ihre geistige Befreiung E. en und die gleicherweise die Liebe zur Kunst einte, ein starkes Freundschaftsband. Im Salon der Bettina von Arnim in Berlin hatte Johanna ein tiefes Interesse für die Poesie ge⸗ wonnen, daß sie nun betätigte, als sie in Bonn den poetischen Maikäferbund gründete, dem neben Kinkel Freiligrath, Simrock, Alex. Kaufmann u. a. angehörten. Nachdem Kinkel Johanna bei einem Kahnunglück auf dem Rhein das Leben gerettet, wurde das Verhältnis der beiden inniger, und als Johanna, um die Ehe zu ermöglichen, zum Protestantismus übertrat, wurde am 22. Juli 1843 der Lebensbund geschlossen. Strodtmann gibt in seiner

gesehen:Ihre Züge fesselten nicht durch Schönheit, aber aus 5 eistreichen, tief eindringenden blauen Auge, dessen Blick schwer zu ertragen, strahlte ein hoher und mächtiger Geist, und der i r rühmt vor allem ihre Unerschrockenheit und die männliche Festigkeit des Charakters. Charakterstärke bedurfte ohanna vor allem, als ihr Gatte sich an dem revolutionären reiben beteiligte, und sie zeigte sie im schönsten Maße sowohl während Kinkels Gefangenschaft wie später im Exil. Kurz vor ihrem Tode hat Johanna einen Roman geschrieben, der diese Periode ihres Lebens darstellt:Hans Ibeles in London, der nach heute wert gelesen zu werden ist, sowohl um der sympathischen Gestalt der Schreiberin wie um seiner tatsächlichen Schilderungen willen. Der lintertitel des Werkes lautet:Ein Familienbild aus dem Flüchtlingsleben. Unter einem leichten Phantasie⸗ berwurf spürt man das durchaus Biographische und Historische leicht heraus. Den Inhalt des Romans bildet der Kampf einer Flüchtling ilie der Jahres 1848 um die Neuerrichtung ihrer stenz. ertvoll sind die Darstellungen des englischen Lebens

m sener starren formelhaften Eigenart, wie sie dem Wesen

1 0 Kinkels ein Bild von Johanna, wie er sie in Berlin n. 9

der Deutschen entgegentritt. Geschichtlich bedeutsam aber ist die Schilderung der revolutionären Kreise, in denen sich dieGenossen des großen Schiffbruchs, die nach dem Scheitern ihres Zukunfts⸗ schiffleins an Englands Küste angetrieben, zusammenfinden und die aus der Revolution ein Schwatz machen.Es war dahin gekommen, daß die meisten Flüchtlinge den NamenRevolutionär als den Titel eines ausschließlichen Amtes ansahen und jeder Nichtrevolutionär ihnen als ein müßiger Mensch galt. Es war nicht mehr die Rede davon, irgendeine positive Arbeit zu tun, denn nur die negativen Pläne galten für Tätigkeit. Johanna Kinkel vertrug das Londoner Klima nicht. Sie litt viel an Herzbeklemmungen. Am 15. November 18658 stürzte sie bei einem solchen Anfalle aus dem Fenster. Malwida von Meysenburg schildert in denMemoiren einer Dealistin ihr Ende und auch das Begräbnis auf dem neuen Friedhof der Nekropolis, wo Freiligrath über dem Grabe die schönen Verse sprach:

Zur Winterszeit in Engelland,

Versprengte Männer, haben

Wir schweigend in den fremden Sand

Die deutsche Frau begraben.

Der Rauhfrost hing am Heidekraut,

Doch sonnig lag die Stätte,

Und sanften Zugs hat ihr geblaut

Der Surrey-Hügel Kette.

Die empfindlichste Wage. Für genaue Messungen bedürfen die modernen Naturwissenschaften, vor allem die Chemie, außerordentlich feiner und empfindlicher Wägevorrichtungen. Schon die gewöhnlichen Laboratoriumswagen zeigen Gewichtsunterschiede von ½¼0 Milligramm, allerdings nicht mehr ganz genau, an. Viel empfindlichere Wägevorrichtungen aber sind notwendig bei den mikrochemischen Untersuchungen, bei denen es sich um ganz mini⸗ male Stoffmengen handelt. Für diese Zwecke sind seit einer Reihe von Jahren sog.Mikrowagen konstruiert worden, die auf Bruch⸗ teile eines Gewichtsunterschiedes von ¼0 Milligramm reagieren. Natürlich sehen derartige Mikrowagen nur wenig den gewöhnlichen Wagen, bei denen mehrere Gramm Gewichtsunterschied nichts aus⸗ machen, ähnlich. Sie besitzen weder Wiegeschalen noch auch Ge⸗ wichte, da man derartig leichte Gewichtsmaße nicht mehr mit Präzi⸗ sion herstellen kann. Man kann auch mit solchen Wagen nicht beliebige Gewichtslasten wägen, sondern auch die gesamte abzuwre⸗

gende Substanz darf nur Bruchteile eines Milligramms betragen. Eine solche Mikrowage, die vor einigen Jahren wegen ihrer

15 1 1 t

genialen Konstruktion großes Aufsehen erregt hat, war die Mikro⸗ wage von Prof. Nernst, dem berühmten Berliner physikalischen Chemiker. Neuerdings ist aber, wie wir demPrometheus ent⸗ nehmen, eine noch empfindlichere Wage von Riesenfeld und Möller gebaut worden. Die Empfindlichkeit dieser Wage ist

bis auf die unfaßbar klingende Differenz

0 von 3,3 105 33 millionstel Kilogramm

ist keine Schalenwage, sondern eine Torsionswage. Zwischen den Enden einer Messinggabel von 9 Zentimeter Spannweite ist ein Quarzfaden von 0,0125 Dicke mit sprödem, braunem Siegellack⸗ litt e Senkrecht zum Quarzfaden ist an ihm der Wage⸗ balken starr befestigt. Beim Belasten dieses starr befesligten Balkens wird dieser gedreht,tortiert; aus sich das Gewicht der zu wiegenden Masse berechnen. Der Wage⸗ balken besteht aus einer Glaskapillare von 13 Zentimeter Länge und 78 Milligramm Gewicht. Er ist unsymmetrisch am Quarz⸗ faden aufgehängt. Der längere Arm trägt am schälchen. Beim Wägen wird die zu wiegende Substanz auf das abgenommene Schälchen gebracht, und zwar vermittelst mit Platin⸗ ösen versehenen Glasstäbchen, und dann jenes angehängt. Die Schwingungen der Wage sind sehr gedämpft, so daß man ablesen kann, wenn die Wage zur Ruhe gekommen ist, was etwa drei Minuten dauert. Solch eine Wage verlangt natürlich einen völlig isolierten Aufenthaltsort, um nicht durch Luftstöße erschüttert zu werden. Man stellt sie in einen abgelegenen Keller, dessen Wände hermetisch abgedichtet sind. Das Standbrett besteht aus Schiefer und ist 1 80 87875 1 h

Sauber undsäubern.(Zur Geschichte eines Kriegswortes). Viele Wörter unserer Sprache weisen, 5 neben ihrer eigentlichen Bedeutung eine übertragene Bedeutung auf. Wendet man dasselbe Wort in einem Satzgefüge zweimal, zuerst in der übertragenen und dann in der eigentlichen Bedeutung an, so kommt gewöhnlich ein hübscher Witz zustande. Wenn wir beispielsweise sagen:Nachdem unsere tapferen T preußen von den Russen gesäubert hatten, mußlen sie die Provinz noch wirklich säubern, so ist das ein ganz annehmbarer Witz. Der * 8 stellt 5 3 übertragenen Bed er in dem jetzigen gewaltigen Völkerringen am häufigft brauchten Kriegsworte dar. Wie oft kann man 8* berichten lesen, daß es unserer Artillerie, lungen sei, die feindlichen Stellungen zu säubern. Immer schimmert

Der Gefreite der Reserve Otto

1 abgestuft worden. Die Höch 5 belastung darf nicht mehr als 5 Milligramm betragen. Diese Wage 1

seiner Lageveränderung läßt

Ende das Wäge⸗

ppen Ost⸗

eutung eines

8 den Krie 2 der Infanterie usw. 5 8