ur. 185 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Felt⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Deutsche Methode beim Vormarsch in Kurland.
Daß uns das feindliche Ausland Mangel an Originalität vor⸗ wirft und dennoch nichts Eiligeres und Besseres zu tun weiß, als uns von A bis 3 zu kopieren, ist eine der heitersten Erscheinungen in der schweren ichen Vor wenigen Tagen ist nun in dem großen liberalen russischen„Rußkoje Slowo“ ein langer Artikel über die„deutsche Methode und der moderne Krieg“ erschienen, die wiederum zum Nachahmen russischerseits anspornen soll und der für uns deshalb von großem und aktuellem Interesse ist, weil er in schönster Weise alle jene Kleinarbeit bei unserem Vormarsch in Kurland schildert, die man leicht unterschätzt, der wir aber zweifels⸗ ohne unsere großen Erfolge mit zu verdanken haben. Wir geben hier Au n ihr denn en r inch 0 ein mehr denn einer Hinsicht,“ sagt das russische Blatt,„sind die deutschen Angriffskämpfe gegen Szawle(Schaulen) eine voll⸗ ständige Abhandlung über die Kunst des Kriegführens. Sie lehren uns die letzten, kriegerischen Neuheiten Deutschlands. Wie üblich, schreiten die Deutschen in jäher Weise voran; kaum haben sie eine neue Stellung inne, so befestigen sie diese derart, daß sie die zur Verteidigung des Errungenen notwendigen Kräfte auf ein Mindest⸗ maß zurückschrauben. Die Schützengräben der Deutschen sind er⸗ staunlich sauber gehalten und verhältnismäßig fast leer; alle dreißig, werzig Schritte findet man ein Maschinengewehr. Aber hinter den Schützengräben zirkulieren die beweglichen Munitionslager, um die notwendige Munition da zu verteilen, wo man ihrer bedarf. So ist immer alles rasch zur Hand, während ein Aufstapeln und ein. Durc er vermieden wird.„Nur nichts Ueberflüssiges im Schützengraben, dafür aber Raum, Licht, Luft, Sauberkeit!“ Nie⸗ mand würde es wagen, seine Eiserne Portion aufzuessen, ohne dazu berechtigt zu sein; wir haben im Januar in Ostpreußen Deutsche gefangen genommen, die seit Tagen nichts gegessen hatten, aber die Eiserne Portion war immer noch unberührt— hieran kann man die Disziplin dieser Deutschen erkennen. Bei Libau verwen⸗ den die Deutschen gewaltige Kraftwagen, in denen gelöschter Kalk herbeigeführt wird, mit dem die Schützengräben ausgebaut und gegen Geschosse unverletzbarer gemacht werden. Aber diesen Kraft⸗ wagen fällt noch eine anz andere Aufgabe zu; sie sind mit wasser⸗ dichten, riesenhaften ehältern versehen, die dem deutschen Sol⸗ daten sein wöchentliches, ja oft sein tägliches Bad ermöglichen. Die schweren 8 des modernen Krieges gewähren allen möglichen, ansteckenden Krankheiten Vorschub. Um gegen diese an⸗ zukämpfen, sehen es diese Teutschen auf peinlichste Sauberkeit ab. Hinter den 0 chützengräben findet man überall Verordnungen an⸗ geschlagen, in denen die Soldaten mit schweren Strafen bedroht werden, falls sie nach einem Ruhetag mit einem schmutzigen Hemd etwa wieder zur Front kommen. In den Schützengräben selber werden mit Zement bekleidete Becken eingebaut, die mit Wasser ge⸗ füllt werden und in denen sich die Soldaten täglich baden, waschen und massieren. Dies ist ihnen derart zur Gewohnheit geworden, daß, falls wir deutsche Gefangene machen, deren erste Bitte bei uns immer ein Bad ist. Diese Deutschen halten ihre Schützengräben so sauber, wie ihre Körper. Und dann finden wir in jedem dentschen Schützengraben ein breites Brett, das als Tisch dient. Bei uns alte niemand jemals diese Idee. 8 5 Soldaten essen auf ihren ien, werfen die Brptrinden oder die abgenagten Knochen und sogar ihr Essen, falls sie satt sind, einfach zu Boden. Und so ver⸗ wandeln sich unsere Schützengräben rasch in große Abfall⸗ und Kehrichtgruben. Bei diesen Deutschen ist es ganz anders. Weiter zielt man bei ihnen darauf hin, so wenig Soldaten wie nur mög⸗ lich, im Schützengraben zu haben; man will nicht, daß die Soldaten in überflüssiger Weise der Beschießung ausgesetzt sind. Aber über⸗ all sind Posten aufgestellt. Beim geringsten Alarm tritt das Tele⸗ phon in Wirkung, wie überhaupt die deutschen Schützengräben buch⸗ stäblich mit telephonischen Drähten überspannt sind. Alle Befehle werden telephonisch übermittelt, was eine große Ersparnis an Offi⸗ zieren bedeutet, da zum Ueberbringen der Befehle keine mehr not⸗ wendig sind. Um keine Kanonen zu verlieren, bedienen sich diese Deutschen wiederum der gewaltigen Kraftwagen. Unsere Offiziere waren anfangs sehr erstaunt: sie hatten einen deutschen Schützen⸗ graben oder eine deutsche Stellung erobert, fanden aber nur wenige deutsche Soldaten vor und überhaupt keine Kanonen, keine Ma⸗
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Montag, 9. August 108
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerel. R. Lange, Gießen.
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schinengewehre und keine Munition! Wo war all das hingekom⸗ men? Wir haben es erst spät erfahren: diese Deutschen haben ge⸗ panzerte Kraftwagen, die während des Kampfes mit Munition voll⸗ gepfropft sind. Wer bei der geringsten Gefahr für die Kanonen— bhesonders für die schweren— werden diese mit Ketten an die Kraftwagen angehängt und abgeführt, so daß wir das Nachsehen haben! Je weniger deutsche Soldaten in der Feuerlinie, um so größer die Zahl vom Kanonen und Maschinengewehren.„Dichte Reihen von Maschinengewehren, lichte Reihen von Soldaten!“— das ist ihre Losung. Man verbietet dem deutschen Soldaten zu schreiben, bevor er seine Ruhe wiedererlangt hat. Wenn die Nerven wieder ausgespannt sind, dann erst verteilt man ihnen Briefbogen mit der Mahnung:„Reißt Euch zusammen, beunruhigt nicht mit Euren Briefen die Eltern und die Geschwister.“ Kurz und gut, bei diesen Deutschen ist für alles vorgesorgt, und alles ist voraus gesehen; von der Brotrinde, die nicht weggeworfen werden darf, bis zum Briefbogen, der erst zur richtigen Stunde ausgegeben wird. In der Tat, dies ist ein Hrieg, bei dem Deutschland mit seiner ganzen, echten Seele dabei ist und zugleich mit seinem gan⸗ zen Hirn.“
So weit der„Rußkoje Slowo“, man kann diese Ausführungen. in der Wahrheit zusammenfassen, daß unser Krieg der Sieg der Qualität über die Quantität ist. Rußland, Frankreich und England brachen den Krieg vom Zaun, weil sie vom Glauben an die all⸗ mächtige Zahl befangen waren. Dieser Glaube hat sich als das erwiesen, was er ist, als ein Wahn.
Uriegsbriefe aus dem Westen.
Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Die Jahresfeier von Lüttich. Lüttich, 7. August. Zur Feier der Einnahme von Lüttich fand heute auf dem St. Lambertplatze vor dem alten Fürstbischofspalaste die große Parole⸗ ausgabe statt, welcher auch die gesamte deutsche Beamtenschaft Lüttichs beiwohnte. Hierbei hielt Gouverneur Exz. von der Schulen⸗ burg eine Ansprache, in der er u. a. Folgendes aus führte:
Die Parole ist heute Lüttich; denn heute vor einem Jahre wurde Lüttich genommen. Während in ganz Deutschland die Mobilmachung in vollem Gange war und der Aufmarsch der Armee noch nicht einmal begonnen hatte, rückte General von Emmich mit nur vier schwachen Bataillonen und drei Batterien hier ein und besetzte die Chartreuse, die Maasbrücken und die Zitadelle. Der Gouverneur gedachte des starken Widerstandes, den die von Osten, Norden und Süden zum Sturm auf die Festung angesetzten sechs Brigaden schon auf dem Vormarsch durch die irregeleitete Bevölkerung und in der Linie der starken Forts gefunden hatten. Am 5. abends waren die Truppen im Halbkreis bis dicht an die Fortslinie herangeschoben. Am 7. wurde die große Ruhmestat dieses gewaltigen Krieges vollendet. Darum gedenken wir heute mit Stolz des großen Führers Emmich und seiner damals noch kriegsungewohnten, tapferen, todesmutigen Truppen, und nicht zuletzt gedenken wir des Ge⸗ nerals von Ludendorff als Gehilfe Emmichs, der bald darauf nach dem Osten zu Feldmarschall von Hindenburg berufen, und viel zu den großen Erfolgen in erster Linie beigetragen hat Die Einnahme Lüttichs hatte unseren Armeen das Tor nach Belgien und Frankreich geöffnet. Ebenso verheißungsvoll nimmt das neue Kriegsjahr seinen Anfang. Der von unseren tapferen Truppen unter dem fast 70jährigen Prinzen Leopold von Bayern erstrittene Besitz der großen Festung Warschau gibt uns den Schlüssel nach Osten und die frohe Zuversicht, daß es nach der Niederzwingung der Russen bald auch im Westen wieder weitergeht. Vorwärts bis zum siegreichen Ende! Daß jeder seine Pflicht tun und mithelfen wird, geloben wir und rufen: Seine Majestät der Kaiser hurra!
Hierauf fand die Verleihung einer Anzahl Auszeichnungen an die Garnison Lüttich statt.
An General von Emmich wurde folgendes Telegramm abgesandt: 5
Nachdem wir gestern an den Gräbern der beim Sturm auf Lüttich gefallenen Helden gedachten, begrüßen wir heute am
Jahrestage des Einzuges Euer Exzellenz, den siegreichen Führer, gedenken Ihrer tapferen Truppen und geloben, getreu über dem zu wachen, was damals so ruhmvoll erkämpft wurde. Gouverneur und Besatzung Lüttichs. Graf Schulenburg, Generalleutnant.
W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
Aus Rigas Vergangenheit.
Immer näher rücken die deutschen Heeressäulen der alten Hansestadt an der Düna, die durch die Jahrhunderte ch das Ziel erbitterter Kämpfe gewesen ist. Riga wurde in, Jahre 1 1201 von dem streitbaren Albert, dem zweiten Bischof von Livland, 5 begründet. Das Blühen und Gedeihen der Hansestadt war von jeher mit dem Schicksal Livlands eng verknüpft. Aus den. Händen des Ordens der Schwertbrüder, der sich später mit dem Deutschen Orden in Preußen zusammenschloß, ging Livland und mit ihm Riga um die Mitte des 16. Jahrhunderts in volnische Hände über. Nachdem es dann jahrhundertelang das Streitobjekt 0 schen Rußland, Schweden und Polen gewesen war, wurde Liv⸗ land im Frieden von Oliva den Schweden zugesprochen, die jedoch die Provinz bereits 50 Jahre später an Rußland verloren, 1 in dessen Besitz sie bis heute geblieben ist.— Während der Blüte der Hansa war Riga ein wichtiger Vorplatz des Bundes, in dessen Mauern das Hamburger Recht galt. Noch heute trägt Riga in seinem Aussehen das unverkennbare Gepräge der mittel⸗ alterlichen Hansestädte: vor allem erinnern die enge Bauart der Straßen mit ihren teilweise spitzgiebeligen Häusern und die go⸗ tischen Kirchen mit ihren hochragenden Türmen an diese Zeit. Mit dem Verfall der Hanse ging auch das mittelalterliche Leben Rigas zurück. Später kamen noch die andauernden Streitigkeiten zwischen den Bischöfen und den Ordensrittern hinzu, wobei die ersteren und mit ihnen die Bürger Rigas, die sich auf ihre Seite stellten, den Kürzeren zogen. Dann kam das Reformationszeitalter. Lin⸗ land und mit ihm Riga wurden protestantisch. Die Stadt er⸗ richtete 1525 ein protestantisches Konsistorium und trat 1541 dem Schmalkaldischen Bunde bei. Inzwischen war die Macht Polens immer mehr gewachsen. Bereits 1561 war der größte Teil Liv⸗ lands in polnischem Besitz, nur Riga hielt sich bis 1582. Kurze Zeit darauf begannen die Schweden um den Besitz Livlands zu streiten. Nach wiederholtem Ansturm zog 1621 Gustav Adolf in die Stadt ein. Daß Riga bei diesen andauernden Kämpfen an seiner früheren Macht einbüßte, liegt auf der Hand. Besonders die polnische Zeit bedeutete für Livland eine Zeit der Bedrückung unter dem Einflusse polnischer Jesuitenherrschaft. Unter den Schweden blühten Stadt und Land wieder auf. Ruhe und Ordnung und damit der Wohlstand kehrten zurück. Dann kam der große nordische Krieg, der unsägliches Elend für das Land im Gefolge hatte. Alles wurde von den russischen Heeren verwüstet. November 1709 rückte Peter der Große vor Riga. Die Stadt verteidigte sich tapfer, Hunger und eine schwere Seuche zwangen sie endlich zur Uebergabe. Sie war damit in russischen Besitz übergegangen, behielt jedoch, wie überhaupt die ganzen O provinzen, ihre Selbstverwaltung und Sprachenfreiheit. Nach und nach blühte die Stadt wieder auf. Von dem Einmarsche Napoleons in Rußland blieb Riga unberührt. Während des Krimkrieges verhängten die Engländer die Blockade über den Meer⸗ busen von Riga und unterbanden dadurch zeitweilig den Handel der Stadt. 1857 wurden die Festungswälle niedergelegt und so Raum für die notwendige Stadterweiterung geschaffen. Anderthalb Jahrhunderte hindurch hat Riga unter dem Szepter des russischen Kaisers in Ruhe und Frieden gelebt. Sie konnte ihre Eigenart weiter entwickeln, Handel und Wandel konnten sich ausbreiten Die Stadt besaß eine ausgedehnte Selbstverwaltung auf dem Ge⸗ biete der Rechtspflege, der kirchlichen und Schulverwaltung, der Polizei und des Verkehrswesens. Die Sprache war deutsch, die Verwaltung wurde in deutschem Geiste ausgeübt und prägte dem gesamten öffentlichen Leben einen deutschen Charakter auf. Deutsch war auch das Recht, nach welchem in den Gerichten Recht gesproen wurde. Deutsch waren die Schulen, das Gymnasium, die Realschulen und das Polytechnikum in Riga. In dem livländischen Landtage war die Stadt mit einem Sitz vertreten. Dieses alles änderte si Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zuerst begannen die Russifizierungsbestrebungen auf kirchlichem Gebiet, dann folgten
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Eine Glasausstellung.
Man schreibt uns aus Wien: Der Krieg. So fängt jeder Ge⸗ danke an, den wir seit 12 langen, langen Monaten denken, jede Zeile, die wir schreiben und jede Zeile, die wir lesen. Aber: Der Krieg hat der böhmischen Industrie sehr, sehr böse 5 er
at ihr alle Ausfuhrwege gesperrt, die die böhmischen Kunst⸗ und xportgläser in aller Herren Länder, unserer nächsten Feinde wie der Italiener, Engländer und Franzosen und unserer allerfernsten Neutralen in Siam, Chile, Mexiko brachten Er hat einen Strich acht durch die nette Summe von 25 Millionen Kronen, mit en der Glasexport in unserer Handelsbilanz figurierte, und er hat 15000 bis 20 000 Familien, die allein im deutschen Nord⸗ böhmen vom Glasbrennen, Glasmalen lebten, ihren Erwerb recht sehr reduziert. Ja, lieber Leser, es lohnt sich, die 8 die jetzt in Wien im österreichischischen Museum für Kunst und Industrie zu sehen sind, ein bißchen näher anzuschauen, und durch Propa⸗ ganba oder Ankauf über die Kriegszeit hinüberzuretten, was ahrhunderte geschaffen haben. 5 5 Nämlich: das böhmische Glas hat seit Alters einen guten Klang. Ganz interessante Dinge, die man da erfährt: z. B daß anno 1687 Herr Berka von Dauba die erste Glashütte in Haida angebrannt hat. Oder: daß schon 1701 böhmische Glashändler in Oporto ihre Waren zu Verkauf anboten, daß 1710 ein förmliches Reisekartell von 14 böhmischen Glasfabrikanten geschlossen wurde für den Verkauf nach Rußland. Oder: daß 1680 ein Glasindustriel⸗ ler Kreibich per Extrapost aus Böhmen nach dem Orient reiste, um an Ort und Stelle den besonderen Bedarf der Herren Türken, Araber und Marokkaner festzustellen. Weiß der verehrte Leser, was für Glaswaren der Siamese geliefert wünscht? Hier kann er es sehen: drei kleine grüne Döschen, klein, kleiner, am kleinsten, in die der Siamese die ungekauten, einmal und zweimal gekauten Bethelkörner tut. Oder: der Buddhist in Nordindien verlangt r Aufbewahrung des dreimal heiligen Gangeswassers tuten⸗ rmige Flaschen, die— anders werden sie. nicht gekauft— un⸗ bedingt einen roten Glasstöpsel haben müssen. Oder der Bra⸗ silianer, der wiederum Schnupftabakdosen will. Der Marokkaner verlangt Bierflaschen, die wie Helme aussehen und Gendarmen⸗ flaschen heißen. Und alles, alles und noch viel mehr wird in ungeheuren Mengen in Böhmen fabriziert und von den englischen Andenkenreisenden als besonders markantes und bodenständiges Kulturprodukt in den Basaren 0 Das patzig dekorierte Gold⸗
las mit aufgepappten Blümchen, den ärgsten Kitsch, haben wir Also: wir sind sehr geschickte und kauf⸗
den Italienern angehängt. männisch gewitzte Leute. 1 14 5 Aber: wir sind nicht nur das. Das Exportglas nämlich ist FKommerzware, Massenartikel, ohne Kunstwert und Kunstabsicht. Aber: für uns und unsere einzigen Freunde, die Teutschen, haben wir etwas Besseres, etwas, das sich sehen lassen kann: das böh⸗ mische Kunstglas. Prachtvolle Dinge, die da ausgestellt sind: Kristalle, Buntglaser, Aetz- und Ueberfanggläser, bemalte, gravierte, und geschliffene Gläser aller Art, aller Farben, aller Formen, ba ern stilistert, bald naturalistisch geziert, bald in Biedermeier⸗
ung oder in baroden Reminiszenzen. Künstler von Rang
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und Namen, wie Hoffmann, ein Artverwandter Klimts und Kolo Mosers oder der Darmstädter Margold, haben da die Entwürfe hergestellt, und in Haisa wie in Stein⸗Schönau(Nordböhmen) be⸗ stehen seit 65, bezw. 45 Jahren zwei kunstgewerbliche Fachschulen, die nur der Veredelung der Glasindustrie dienen. Haben auch Gutes geleistet: ja, der weltberühmte englische Kristallschliff ist nichts an⸗ deres als ein Plagiat aus Haida in Nordböhmen, wie auch die ebenso weltberühmten französischen Kronleuchter gar nicht aus Frankreich, sondern seit 120 Jahren aus Nordböhmen stammen. Ja, man erfährt und entdeckt so allerlei in der Absperrung des ieges, wenn man sich einmal auf sich selbst besinnt. Dr. H. W. *
— Ein Tagebuch der Gattin Mozarts. Im Besitze des bekannten Münchener Antiguars Jacques Rosenthal befindet sich ein bisher noch nicht veröffentlichtes, handschriftliches Tage⸗ buch der Gattin Mozarts, das eine für die Mozartforschung in mancher Hinsicht wichtige Quelle bildet. Inhalt und Bedeu⸗ tung dieses Tagebuches Konstanzens werden nun von Dr. Ernst Bücken zum ersten Male in den von dem erwähnten Antiquariate herausgegebenen„Beiträgen zur Forschung“ näher untersucht. Konstanze Mozart hat dies Tagebuch nach dem Tode ihres zwei⸗ ten Mannes, des dänischen Etatsrates v. Nissen, in den Jahren 1828 bis 1837 geschrieben, und es bezieht sich sein Inhalt, wie auch die Aufschrift auf dem Umschlage besagt, in erster Linie auf die Herausgabe der Mozartbiographie, die Nissen verfaßt hatte. Allein die Bedeutung der Aufzei gen geht über diesen Gegenstand weit hinaus, indem wir durch das Tagebuch einen, Einblick in das Seelenleben der Gattin Mozarts erhalten, deren Charakter scharf umrissen zu zeichnen bisher noch nicht gelungen ist. Es erscheint Konstanze Mozart darin als eine Frau von außer⸗ ordentlicher Gutmütigkeit und Wohltätigkeit. Davon zeugt ihr Verhalten gegen ihre Schwester Aloisia(Lange), die Jugendliebe Mozarts, die Frau Konstanze, als sie in Not geraten war, nach Ausweis zahlreicher Stellen des Tagebuches in rührender Weise unterstützte. Das Tagebuch gibt uns auch Kunde von dem sehr regen Briefwechsel Konstanzes mit ihren Söhnen, von denen der jüngere, Wolfgang, ihr„Wolf“, wie sie im Tagebuch ihn nennt, ihrem Herzen am nächsten stand— es war der Sohn, der Mozart „ähnlich war an Gestalt und edlem Gemüt“. Echtes, schönes Wohlwollen spricht auch aus Konstanzes letztwilligen Verfügungen. Wir werden an Mozarts Worte erinnert, wie er als Bräutigam an seinen Vater über„seine liebe gute Constanze“ schrieb, daß sie die„gutherzigste unter ihren Schwestern“ sei und das„beste Herz von der Welt“ habe. Sie war eine schlichte Frau von einer Einfachheit des Denkens und Fühlens, die manchmal zur Einfalt wird Mit welcher Naivetät schildert sie in ihrem Tagebuche nicht die Badereise, die sie im September 1829 nach Gastein unternahm; wie sie in der Frühe, nachdem 5 der„ganzen Menschheit einen fröhlichen guten Morgen gewünscht“ hat, mit„Gottes Hilfe ein Bad genommen“ hat, wie sie„bei Straubinger ein Glas Bier
trunken“ oder ihre geistigen Bedürfnisse durch die Lektüre eines
e I Stückes von Kotzebue befriedigt hat. Sie war, wie ihre Tagebuch⸗
eintragungen beweisen, eine im hohen Grade haushälterische und geschäftskundige Frau, die in der Aufzeichnung ihrer Ein⸗ und
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Ausgänge geradezu peinlich genau war. Nun lassen sich ja natür⸗ lich aus dem Charakter Konstanzens, wie er um 1830 sich dar⸗ stellt, nicht ohne weiteres Rückschlüsse auf die Zeit ihrer mit Mozart anstellen. Menschen können sich zu verschiedenen Le⸗ benszeiten bedeutend ändern, aber immerhin hat man keinen Grund, anzunehmen, daß die Konstanze des Tagebuches mit der Ehegattin Mozarts gar keine Aehnlichkeit mehr aufgewiesen habe. Einer der bedeutendsten neueren Mozart⸗Biographen, Artur Schu⸗ rig, hat die Behauptung aufgestellt, daß. ihren Mo⸗ rt unmöglich geliebt haben könne. Sollte das warmfühlende Menschenkind, als das Konstanze aus ihrem Tagebuche erkenn?“ bar wird, einen Mann wie Mozart, diesen trotz manchen Schwächen so liebenswerten Menschen, der sein Weib vergöttert hat, wirk⸗ lich nicht wiedergeliebt haben? Wie sie auch noch in späterer Zeit von„ihrem Mozart“ dachte, davon mag eine in ihrer Schlichtheit dreifach beredte Stelle des Tagebuches Zeugnis ablegen:„Mei liebes Clavier, wopauf Mozart soviel gespielt und komponiert hat, als die zauberflöte la Clemenza di Tito, das Requiem und eine freimaurer Cantate, erhalten, wie sehr froh ich darllber bin, bin ich nicht im stande zu beschreiben! Mozart hatte dies Clavier so lieb und deßwegen habe ich es doppelt lieb.“ 9 — Neue Forschungenüberdie Rätseldes 8. Den Planeten Mars hat Lau in der Marsnähe des Wine 1913/14 eingehend studiert, um gewissen Widersprüchen in den Er⸗ klärungen der Marskanäle auf den Grund zu kommen. So zeigte sein Instrument von 95 mm Oeffnung, wie in einem Berschte über diese Forschungen von Riem in der„Naturwissenschaftlichen Wo chenschrift“(Verlag von Gustav Fischer in Jena) mitgeteilt wird, noch 18 Kanäle, obwohl nach den Untersuchungen von Newromwm eigentlich kein einziger hätte sichtbar sein dürfen. Die Polarflecken zeigten eine mit der Jahreszeit fortschreitende Aenderung in Größt und Farbe, wenn auch nicht in der gleichen Weise. Das kommt aber daher, daß die südliche Marshalbkugel 146 Tage Winter hat gegen 200 auf der nördlichen und daher sind die nördlichen Schneeflecken auch ausgedehnter und dauerhafter. Eine neue Bezeichnung wird in die Marstopographie eingeführt, die sogenannten Moräste, dunkle Gebiete von bräunlicher Farbe, die um die Zeit der Schneeschmelzen entstehen und in der Nähe der Pole vorkommen. Wenn die Schnee⸗ massen am Pol schmelzen, werden die arktischen Einsenkungen von den kalten Wassermassen unter starker Nebelbildung gefüllt, der okergelbe Boden der Einsenkungen wird rotbraun gefarbt und wenn die Moräste später verbleichen und austrocknen, treten grünliche Farbentöne auf, an die der Beobachter sogar die Vermutung einer Anwesenheit von Vegetation knüpft. Ueberhaupt hat der Beobachter fast überall eine Menge von kleineren Veränderungen auf der Mars⸗ oberfläche feststellen können, von denen freilich schwer zu sagen ist wie weit sie reell sind, und wie weit sie in den Bedingungen des Instrumentes sowie der Durchsichtigkeit und Ruhe der Atmosphärer von Mars und Erde ihre Entstehung finden. Für die Sichtbarken der sogenannten Kanäle läßt sich eine deutliche Beziehung zwischen ihrer Anzahl und dem scheinbaren Durchmesser des Planeten 5 stellen, also mit anderen Worten, die Sichtbarkeit der Kanäle pa von der Entfernung der beiden Planeten ab, so daß also die oft erwähnte Entwickelung dieser rätselhaften Gebilde ein rein opti-
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