Typus gemacht hat. Eine eiserne Kette verbindet die gegenwärtige Generation mit den Gräbern der Vergangenheit und den Wiegen der Zukunft. Namens dieser besseren Zukunft bitte ich Sie, zu 5 gestatten, Ihnen hier feierlich zu erklären, daß das polnische Volk nicht niedergedrückt, sondern frei ist, daß es nicht erschöpft und geknechtet. sondern stark ist, dank seiner mächtigen nationalen LViobenskraft infolge des Bewußtseins, daß es seinen Platz in der . Familie der Slawen in würdiger Weise einnehmen wird. Es wird mit ihnen bis zum letzten Atemzuge kämpfen und niemals die Farbe des Slawentums verraten.(Beifall.) Der Präsident rief: Es lebe das polnische Volk!(Allgemeine Huldigung.) Die Haltung Bulgariens.
Sofia, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Agence Bulgare“ meldet jetzt, daß die Vertreter der Entente⸗ mächte dem Ministerpräsidenten Radoslawow die Antwort ihrer Regierungen auf die bulgarische Note vom 15. Juni übermittelt haben und hinzufügten, man sei über⸗ eingekommen, strengstes Stillschweigen über den Inhalt zu bewahren. 8 5
Köln, 7. August.(WTB. Nichtamtlich.) Der Korrespon⸗ dent der„Kölnischen Zeitung“ in Sofia meldet von heute: Von maßgebender Regierungsstelle erfahre ich, daß die Vertreter des Vierverbandes nacheinander mündlich der bulgarischen Re⸗ gierung Erklärungen abgegeben haben, daß aber wegen der Hal⸗ tung Serbiens noch nicht alle von der bulgarischen Regie⸗ rung gewünschten Aufklärungen darin enthalten sind. Es wurde Teeine schriftliche Note überreicht. Die Regierung bezeichnet die Lage Bulgariens im Hinblick auf die Kriegsereignisse als sehr günstig. Tie türkisch⸗bulgarischen Ver handlungen gehen auf freundschaftlicher Grundlage weiter.
5 Rumänien. Lyon, 8. August.(WTB. Nichtamtlich.)„Progres“ meldet aus Paris, daß der rumänische Gesandte in Paris, Dahovary, nach Bukaxest abgereist ist. 2** Die Kämpfe an den Dardanellen.
Konstantinopel, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Zu dem im letzten amtlichen Bericht erwähnten Kampf bei Sedd⸗ül⸗ Bahr teilt das Große Hauptquartier ergän⸗ zꝛxͤend mit: Wir machten in diesem Kampf 60 Engländer zu Gefangenen, darunter einen Major und zwei Leutnants. Die Gefangenen sagten aus, daß von zwei Regimentern, die an diesem Kampf teilgenommen haben, nur 30 Soldaten am Leben geblieben sind. 5 Berlin, 9. Aug. Ueber eine Unterredung mit Hakki Pascha, dem neuen türkischen Gesandten in Berlin, be— richtet Rudolph Rotheit in der„Vossischen Zeitung“ aus Sofia, hinsichtlich der Dardanellen sei der Pascha voller Zauversicht. Die türkischen Nachschübe zur Auffüllung der Liücken würden jederzeit leicht bewerkstelligt. Die Einnahme der Befestigungen durch Landungstruppen sei nach wie vor unmöglich. Die feindliche Flotte sei durch die Tauch⸗ boote lahmgelegt. Die Zahl der bisherigen Landungs⸗ truppen werde auf 300 000 geschätzt, wovon 100000
tot oder verwundet seien. Die Entwicklung noch größerer
Truppenmassen auf dem beschränkten Raume auf Gallipoli sei unmöglich, weshalb die griechischen Inseln zur Unter⸗ bringung der Reserven beschlagnahmt worden seien. Een Geschent des deutschen Kaisers an die Türkei. KNonstantinopel, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Die
von dem deutschen Kaiser für das Grabmal Sala⸗ dins in Damaskus gestiftete arabische Lam pe wurde nachts feierlich von dem deutschen Konsul übergeben. Am
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Vorabend fand ein Essen zu 100 Gedecken statt, an dem
en teilnahmen. 8 Italien und die Türkei. Paris, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Die Agence Havas meldet aus Rom: Da die Türkei in der üblichen Ver⸗ FSogerungspolitik beharrt, hat Italien an die Pforte ein kategorisches Ansuchen um Erklärungen und Entschädi⸗ gungen gerichtet.(Anmerkung der Redaktion: Möglicher⸗ 5 12113 handelt es sich bei dieser Meldung um den Fall, der wisße Bit e zurückliegt. Italien forderte damals, daß ge⸗ wisse Beschränkungen, denen die Abreise der Italiener aus der Türkei unterworfen war, aufgehoben werden sollten. Die Türkei hatte jedoch bereits Anordnungen getroffen, um die fraglichen Beschränkungen zu gunsten sämtlicher Neu⸗ tralen zu beseitigen, wodurch der türkisch⸗italienische Zwi⸗ schenfall wohl zur beiderseitigen Befriedigung seine Erledi⸗ gung gefunden haben dürfte.) 8 Die Kämpfe im Kaukasus. Petersburg, 8. Aug.(WTB Nichtamtlich.) Die 35 Mitteilung vom Stabe der Kaukasusarmee besagt: Am 5. August in der Küstengegend Gewehr⸗ und Ge⸗ feuer. In der Richtung Ol ty warfen wir alle hart⸗
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schi 5 seacgen Gegenangriffe der Türken, die durch heftiges Ge⸗ 5. unterstützt wurden, und behaupteten die den
Türken abgenommenen Stellungen. Die Türken bauen eifrig Schützengräben. In der Richtung Sarykamysch wider⸗ standen wir dem Gegenangriff erfolgreich. In der Gegend des Mergemir⸗Passes dauern die Kämpfe an. In der Richtung auf Alaschkert entwickelten sich neue Ope⸗ rationen erfolgreich. Eine wichtige türkische Stellung auf der Paßhöhe wurde durch einen Rückenangriff mit dem Bajonett weggenommen. Wir machten viele Feinde nieder, machten Gefangene und eroberten Maschinengewehre und andere Waffen.
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.* 3 . Französische Vorbereitungen gegen deutsche * i Luftangriffe.
3 Paris, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich) Dem„Temps“ zufolge gibt der Ausschuß des Kriegsministeriums für che⸗ mische Studien die Mittel bekannt, mit denen sich die ivilbevölkerung im Falle eines Luftangriffs gegen die Wirkung erstickender Gase schützen kann. Der Ausschuß schlägt der Zivilbevölkerung vor, sich im Falle eines Alarms in die mittleren Stockwerke zu flüch⸗ ten, da die Keller und unteren Stockwerke von den schweren erstickenden Gasen angefüllt würden, während die oberen Stockwerke von den Bomben durchschlagen werden könnten. Man solle Mund und Nase mit einem angefeuchteten Tuch bedecken und sich möglichst schnell von der Stelle entfernen, die von erstickenden Gasen erfüllt sei.
Hohe Getreidepreise in Frankreich.
Paris, 8. August.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Temps“ meldet: Bei der Debatte über das Gesetz betr. den Ankauf und und Verkauf von Getreide und Mehl, das am Freitag in der
Diemal Pascha und Vertreter der höchsten türkischen Behör⸗“
tierte Lauche gegen die Steigerung des Getreidepreises Stellung. Der Preis sei von 25 Franken zu Kriegsbeginn auf 37 Franken gestiegen. Lauche erklärte, die Steigerung sei auf Spekulation zurückzuführen. Im August 1914 habe die Syndikatskammer der Pariser Getreidehändler der Regierung vorgeschlagen, ihr Auf⸗ träge für Lieferung von 300 000 Zentnern amerikanischen Ge⸗ treides zu 21 Franken zu zedieren. Das Abkommen sei durch Ver⸗ mittlung eines Mittelmannes zustande gekommen. Jedoch habe die Regierung statt 21 Franken 23½ Franken bezahlt. Unter⸗ staatssekretär Thierry erklärte, die Angaben des Teputierten Lauche seien richtig. Der Präsident des Ackerbauausschusses sei beauftragt, eine Untersuchung in dieser Angelegenheit durchzu⸗ führen. Der Sozialist Vio Mette bekämpfte die Kaufbedingun⸗ gen der Staatsintendemtur, die den Getreidekauf durch Agenten vornehmen lasse und sich um den Preis nicht kümmere. Unter⸗ staatssekretär Thierry bestätigte auch diese Tatsache und erklärte, er werde bei den Kaufgeschäften alle Mittelmänner zwischen den Produzenten und dem Staat ausschalten. Man müsse ihm jedoch Zeit lassen, die Reformen durchzuführen, da er seit seines Amts⸗ antritts eine Unmenge der wichtigsten und dringendsten Fragen zu erledigen habe. Ermäßigtes Briefporto zwischen England und Frankreich.
Paris, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.)„Petit Jour⸗ nal“ schreibt: Der zuständige Kammerausschuß hat nach einer Besprechung mit dem Handelsminister einen Ge⸗ setzesantrag angenommen, nach dem das Brie fporto zwischen Frankreich und England auf 10 Centimes ermäßigt
wird.
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* Gegen die Ausfuhr von Munition aus Amerika.
Manchester, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Der Lon⸗ doner Korrespondent des„Manchester Guardian“ meldet aus bester Quelle, der amerikanische Kongreß werde in wenigen Wochen zusammentreten und es werde ein Gesetz⸗ entwurf eingebracht werden, der die Ausfuhr von 3 munition an Kriegführende verbieten soll. Die Agitation da⸗ für sei überwiegend pazifistisch, aber es bestehe die Mög⸗ lichkeit, daß sie durch amerikanische Handelsinteressen ver⸗ stärkt werde.
England und Amerika.
New Pork, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Durch Funk⸗ spruch von einem Privatkorrespondenten des WTB. Die eng⸗ lischen Antwortnoten auf den amerikanischen Pro⸗ test wegen der Unterbindung des Handels, die von den Blättern in allen Landesteilen als unbefriedigend und als einen weiteren Protest erfordernd bezeichnet worden sind, werden jetzt von vielen Blättern sogar als eine Beleidigung Amerikas aufgefaßt. Verschiedentlich macht sich ein spöttischer Ton gegen England in den Blättern bemerkbar.„World“ erklärt, daß Amerika seinen Standpunkt nicht ändern könne. England mibßrauche die Kon⸗ trolle auf See in diesem Kriege ebenso wie in früheren Kriegen, Die führenden Bankiers und Baumwollproduzenten im Galve⸗ stoner Distrikt sind nach der„New York Sun“ der Ansicht, daß die Haltung Englands lediglich einen Versuch der englischen Finanz⸗ leute bedeute, eine Kontrolle des Welthandels zu erlangen. Diese Kreise verlangen, daß der Präsident sofort durchgreifende Schritte tue, um die Durchführung der von England vertretenen Grund⸗
sätze zu verhindern. Aus Indien. a
London, 7. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Times“ meldet, die Regierung von Indien hat beschlossen, alle deutschen Missionare zu internieren oder zu deportieren. 5
Berlin, 7. Aug.(Priv.⸗Tel.) Die„Voss. Ztg.“ meldet aus Amsteudam: Nach englischen Blättern beschloß die indische Regierung, alle dortigen Deutschen zu internieren oder zu verbannen.
Die spanische Geistlichkeit für Deutschland. Paris, 7. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Der Madrider Korrespondent des„Temps“ meldet, daß die Geistlich⸗ keit in Spanien eine eifrige Tätigkeit zu Gunsten Deutschlands betreibe. Einige Geistliche hätten in der Predigt empfohlen, Sammlungen für Deutschland zu ver⸗ anstalten. Die linksstehende Presse nehme gegen diese Werbe⸗ tätigkeit scharf Stellung.
2„ Der Seekrieg.
Die französischen Kriegsschiffsverluste. Paris, 7. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Wie der „Temps“ meldet, sind die Panzerkreuzer„Waldeck Rousseau“, „Jean Bart“,„Bouvet“ und 1 Gambetta“, die Unter⸗ seeboote„Cugnot“,„Curie“,„Saphir“ und„Joule“, sowie das Divisionsbbot und Minenleger„Casablanca“ in einem Tages befehl des Heeres genannt worden. Die Erwähnung erfolgte wegen Kriegsereignissen, die die Existenz dieser Schiffe in Frage gestellt oder ihre Zerstörung herbei⸗ geführt haben. Die Ereignisse sind bekannt bis auf eines, nämlich den Untergang des Unterseebootes„Joule“, das am 1. Mai im Verlaufe einer gefährlichen Mission in der Meerenge der Dardanellen auf eine Mine auflief und mit der ganzen Besatzung versank.
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Berlin, 7. Aug.(Priv.⸗Tel.) Der„Berliner Lokal⸗ anzeiger“ meldet aus Rotterdam: Der kanadische Dampfer„Indian Queen“, 2000 Tonnen groß, wurde von einem Unterseebobt versenkt. Die Bemannung ist gerettet.
London, 7. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Der britische Dampfer„Midland Queen“, 1993 Tonnen groß, ist gesunken. Die 9 ist in zwei Booten gelandet. (WTB. Nichtamtlich.) Llo
London 7. Aug. 3 Agen⸗ tur meldet: Die Gesazun fen der Fischer fahrzeuge „Hesperus“,„Ivan“,„Fi hermann“,„ liotrope“ und
„Challenger“ sind gelandet worden. Die Fahrzeuge wurden versenkt. Die Goelette„Hans Emil“ wurde in Brand ge⸗ setzt. Die Besatzung befindet sich an Bord des dänischen Dampfers„Tyr“ auf dem Wege nach Dänemark.
Paris, 8. Aug.(WTB. Nichtamtlich.)„Echo de Paris“ meldet aus Brest: Die Besatzung einer Fischerbarke hat in der Bucht von Penmarch ein Faß mit 150 Liter Oel aufgefischt. Zwei andere Fässer wurden in der Nähe des Strandes von Porsoarn aufgefunden. Man glaubt, daß die Fässer ins Meer geworfen wurden, um deutsche Unter- seeboote zu verproviantieren.(Anmerkung der Redaktion: Diese Auslegung ist doch wohl etwas zweifel⸗ haft.)
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Aus Stadt und Land. Gießen, 9. August 1915. Gedanken zur Lage auf dem Lebensmittelmarkt.
In der vorletzten Nummer des Organs des Deutschen Kartoffel⸗Großhändlerverbandes kommt ein Aufsatz über
Kammer zur Beratung stand, nahm der sozialistische Tepu⸗
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die Bekämpfung des Lebensmittelwuchers zu dem Schlusse,
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daß die bekannte Bundesratsverordnung über den Lebens⸗ mittelwucher ein 1 ins Wasser sei, weil sie die lige liche Teuerung nicht bekämpfe und bekämpfen könne, „in den meisten Fällen eine natürliche Grundlage für die hohen Preise vorliegen“ werde. Sollte man aber, so meint der ue die Verordnung straff handhaben, so sei zu befürchten, daß sich der ehrliche Handel ganz zurück⸗ iehe und das Geschäft solchen Elementen e werde, enen es auf ein wenig Gefängnis nicht so genau ankomme. Der Handel verliere die Lust an vaterländischen Werken, wenn man ihn wie einen Verbrecher bestrafe.
Diese Auffassung sei kurz angeführt, um zu zeigen, welchen Grad der Unklarheit der Lage auf dem Lebens⸗ mittelmarkt erreicht hat, und wie verschieden sich der gleiche Gegenstand in den Köpfen der Interessenten spiegelt. Wäh⸗ rend der Verbraucher geneigt ist, von der richtigen Hand⸗ habung der Verordnung alles Heil zu erhoffen, versucht die Gegenseite— in diesem Falle der Zwischenhandel— zu 5 beweisen, daß alles beim alten bleiben werde. Die Beweis⸗ 3 führung ist allerdings nicht glücklich. Sie sagt u. a.:„Wenn 9 der 1 Händler ein Geschäft zu einem gewissen nied⸗ rigen oder hohen Preise tätigt, so macht er damit erst den Marktpreis. Erst hinterher kann man unter Ver⸗ gleich einer Reihe von Geschäften mit Sicherheit sagen, was Marktpreis gewesen ist.“ Die Bundesratsverordnung nennt aber Wucherpreise alle solchen,„die unter Berück⸗ sichtigung der Gesamtverhältnisse, insbesondere der Marktlage, einen übermäßigen Gewinn bedeuten“ Die Norm liegt also in der Beurteilung der Gesamtlage und— Gott sei Dank— nicht im„Machen der Marktpreise“. Vielmehr sind ja gerade die„gemachten“ Marktpreise der Gegenstand der bundesrätlichen Aufmerksamkeit. 295 5
Verfolgt man die Erörterung der Lebensmittelteue⸗ rung in der Oeffentlichkeit, so drängt sich immer deutlicher die Tatsache auf, daß die rein theoretische Untersuchung der Ang bei weitem die praktische Untersuchung der Abhilfsmöglichkeiten überwiegt. Dabei wird leider manchesmal bedenklich übers Ziel hinausgeschossen. So konnte man am Samstag in einem Frankfurter Blatte lesen, daß so ziemlich alle Erwerbsstände, einschließlich der Landwirtschaft, sich auf die unverschämteste Weise an der Not des Vaterlandes mästen. Es werde mit einer Unbekümmertheit an der Notlage des Landes verdient, die ein erschreckendes Kennzeichen des tiefen Standes unserer öffentlichen Geschäftsmoral sei. Von diesem moralischen Tiefstand sei sogar das Publikum nicht auszunehmen, denn es blicke höchstens mit Neid auf die anderen, denen die Kon⸗ junktur die schönen Gewinne gestatte.— Bliebe also als einzig Moralischer der Artikelschreiber.
Diese und ähnliche Auffassungen gehn zu weit. Der Erwerbstrieb ist eine in der menschlichen Natur viel zu tief begründete Eigenschaft, als daß man seine Betätigung, selbst wenn sie der Gesellschaft unbequem wird, schlechthin als Unmoral bezeichnen könnte. Von einer solchen kann nur dann die Rede sein, wenn ein Stand oder eine Person in ge⸗ wissenloser Weise mit vollem Bewußtsein die Zwangslage . 5 85 ee e 84 dies leider
es vielfach geschieht, berechtigt nicht zu der schweren Beschuldigung, daß sowohl Erzeuger wie Verbraucher mora⸗ lisch zweifelhafte Existenzen sind. Wir haben schon wieder⸗ holt betont, daß dieses Stabbrechen über die Ursache unserer Lebensmittelnot nicht zu empfehlen sei. Eine Besserung der Lage ist durch die gerechte oder auch ungerechte Vogelfrei ⸗ erklärung irgendeiner Volksschicht kaum zu erreichen. Wohl aber— und das wird leider zu wenig beachtet— besteht die große Gefahr, daß von einer Seite, von der man es am wenigsten erwartet hätte, der Burgfrieden in einer nicht wieder gutzumachenden Weise schwersten Schaden leidet. Die immer wiederkehrende Aufzählung von Schauermären über die Mißgriffe von Behörden in Sachen der Teuerung und von kurzerhand als verbrecherisch abgetanen Kriegs⸗ gewinnabsichten der Verkäufer haben die Stimmung im Publikum nachgerade zu einer Siedehitze gesteigert, die den hohen Empfindungen, die der Krieg in unserem Volke weckte, geradeswegs zuwiderlaufen. Abgesehen von der voll⸗ kommenen Zwecklosigkeit der Schüxung solcher Gegensätze wird damit ein bestehender Riß in der nationalen Einmütig⸗ keit zu einer Kluft erweitert, deren Ueberbrückung von Tag zu Tag schwerer fallen muß. Zu oft ist gesagt und erwiesen worden, daß Deutschlands Stärke in seinem Idealismus liegt. Alles, was ihn trübt, hat deshalb 80 unterbleiben. Wem praktischere Erwägungen mehr sagen, denke nur an die nächste Kriegsanleihe: Es dürfte zu befürchten sein, daß mancher das Geld, das ihm die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse zuführten, im Säckel behält, wenn jeder sich als Richter über seine Geschäftsmoral berufen erscheint und scheltend hinter ihm herrennt, ihm an den Fingern vorrech⸗ nend, woher seine Taler stammen. Und den Soldaten draußen ist der Eindruck, den man aus mancher Zeitung heute emp⸗ fangen muß: Als ob nämlich daheim ein Katze⸗ und Hund⸗ Spielen Trumpf geworden sei, keineswegs als Stimmungs⸗ macher zu wünschen. 8
Hiermit soll niemandem geraten sein, eine Faust im Sack zu machen und im übrigen stillschweigend Ent⸗ wicklung der Dinge zuzusehen. Aber bei allem, was der
Einzelne und die Gesamtheit gegen das, was man heute Lebensmittelwucher nennt, tun, müssen die vaterlän⸗ dische Linie und die Würde der Zeit gewahrt bleiben. Und die sind mit der Kehrseite der Münze, nämlich einer zielbewußten und kräftigen Bekämpfung der wirk⸗ lichen Auswüchse, sehr wohl zu vereinigen. Wenn die Parole lauten würde: Weniger schimpfen, aber mehr han⸗ deln, bliebe erstens der so notwendige Frieden besser ge⸗ wahrt, und es würden ganz andere, greifbare Erfolge ge⸗ zeitigt werden. Daß in dieser Beziehung bei uns in Gießen mancherlei nachzuholen ist, davon überzeugt ein Gang über den Wochenmarkt, wo man immer wieder Zeuge von Vor⸗ fällen sein muß, die im Sinne des Gesagten allem Zweck⸗ mäßigen hohnsprechen. Wer anstatt zu einer ruhigen An⸗ wendung der Mittel, die durch die neuen Verordnungen an die Hand gegeben sind, lieber zu seinem Mundwerk die Zu⸗ flucht nimmt, dient der Sache schlecht. Und wer morgens um 8 Uhr mit Vehemenz auf den Artikel losstitrzt, den er noch am Abend vorher für viel zu teuer bezeichnet hat, handelt nicht besser. Hier muß der Hebel angesetzt werden Die wirklich erfolgversprechende und berechtigte Arbeit zu leisten haben sich in allen größeren(auch den hessischen Städten Kriegskonsumentenausschüsse als wirk⸗ samste Faktoren erwiesen. In Gießen hat man leider bis⸗ her von einem solchen noch nichts gehört. Die Ziele, die die Ausschüsse sich anderwärts gesetzt haben— gewissenhafte Preiskontrolle, Zusammenarbeiten mit den Lebensmittel⸗ ausschüssen, Sorge für eine konsequente, gerechte und vor 5 15
allem einheitliche Haltung des Publikums usw.— er⸗ scheinen gerade auch bei uns nicht wenig erstrebenswert.
9 1 * Denksteinweihe auf dem Windyof. 5 nachmittag fand die Cinweihung des au
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