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Erschein täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Der vormarsch durch Nurland.
Popeljany.—Kurschany—Szawle, das ist zurzeit die stra— tegische Linie des deutschen Vormarsches in Kurland. Er⸗ richtet man auf dieser Linie ein regelmäßiges Dreieck, so liegt dessen Spitze in Mitau und zielt schnurstracks auf— Rig a. Jede Stunde kann die Nachricht eintreffen, daß Mitau, über das sich die Flut des russischen Rückzuges ergossen haben muß, von den deutschen Truppen erreicht ist. Bei Mitau(russisch Mitawa) überquert die einzige von Tilsit nach Riga führende Chaussee die kurländische Aa. Dieser Fluß ist hier etwa 100 Meter breit und bildet mit seinem versumpften rechten Ufer die erste Schanze der Natur vor Riga. Noch viel gewaltiger ist das Hindernis der 800 Meter breiten Düna mit ihrem Sumpfgebiet, das sich vor Riga legt und das von den anstürmenden Regi— mentern überwunden werden muß. Die russische Reichs- verteidigung scheint auch zu der Bundesgenossenschaft der natürlichen Hindernisse kein Vertrauen mehr zu haben. Die Banken Rigas haben ihre Geldbestände, die Gerichte ihre Akten, die Verwaltungsbehörden ihre Archive schleu— — 5 nach 3 abbefördert. Ueber 10000 Zivil- personen sollen im Verlauf der letzten Wochen Riga fliehend verlassen haben. Für 19 Flüchtlingszüge hat die Nordwest— bahn täglich zu sorgen. Und die Staatsbeamten warten auf die Weisung ihrer Regierung zur Abreise. Wie uns von einem geflüchteten Deutschrussen mitgeteilt wird, hat in der letzten Zeit in Riga ein wahres Schreckens⸗ regiment geherrscht. Die letzten deutschen Zeitungen sind unterdrückt worden. Herr v. Klot, Vorsitzender der Balti⸗ schen konstitutionellen Partei, erhielt drei Monate Ge- fängnis, weil er in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt einen Brief nach Deutschland gerichtet hatte, was früher — auf dem Umwege über Schweden— durchaus zulässig war. Die Baronin Hahn in Mitau, Gattin des als ehe⸗ maliger preußischer Ulanenoffizier nach dem Osten ver- bannten Kreis-Adelsmarschalls, wurde zu einer Geldstrafe von 4000 Rubeln verurteilt, weil sie auf der Straße deutsch
esprochen hatte. Durch solche drakonischen und ungerechten aßnahmen hat sich die russische Regierung zuguter— letzt noch so unbeliebt gemacht, daß der deutsche Anmarsch vom größten Teile der Bevölkerung als Erlösung betrachtet wird. Uebereinstimmend versichern die aus Kurland in Berlin eintreffenden Bewohner, daß Rußlands militärische und finanzielle Hilfsquellen sich dem Zustande völliger Erschöpfung nähern. Bei der Plötzlichkeit des gegen Libau unternommenen Angriffs hatten die Russen gerade noch Zeit, ihre schwersten Geschütze abzutransportieren. Da⸗ n fielen bedeutende Vorräte an Getreide, Mehl, Kar⸗ Sheln,
un ftig wieder instand t
es überraschen, 9905 Knappheit an Vorräten mit no so reichlich versorgt war. Die Russen scheinen bis zuletzt noch auf das Erscheinen englischer Schiffe in der Ostsee gehofft zu haben, von denen sich aber bekanntlich nur ein paar Unterseeboote durch die dänischen Gewässer zu stehlen wußten. Nur für den Fall eines Zusammenwirkens mit den Engländern konnte die Belassung größerer Kohlenmengen in Kurland einen Sinn haben, denn für die Unterhaltung des Eisenbahnverkehrs empfahl es sich natürlich, die Depots weiter in das Land zurückzuverlegen. In der russischen Flotte ist völlige Auflösung aller Bande der Zucht ein⸗ 7 7— Daß in Kronstadt Mannschaften gemeutert, ihre ffiziere und Admirale ermordet haben, ist in Deutschland schon auf dem Umwege über Stockholm und Kopenhagen bekannt geworden. Der russischen Gewaltherrschaft ist das Rückgrat gebrochen, der Umsturz hält seinen Einzug in die Reihen der Streitmacht, wenn auch vielleicht noch mit einem zähen Widerstand der russischen Festungen zu rechnen ist. Aber auch die Nuß Riga wird geknackt werden. Die Bevölke⸗ rung Rigas— die Stadt zählte fast 300 000 Einwohner in Friedenszeiten— so weit sie in dem furchtbaren Kriegs-
ge Bilder aus den russischen Schützengräben bei Grudusk waren matt
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105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
sturm standgehalten hat, erwartet die deutschen Soldaten als Freunde und Befreier.
Berlin, 22. Juli. In Libau eingetroffenen Nachrichten zufolge, haben die Russen, laut„Berliner Lokalanzeiger“, bevor sie Windau räumten, Hafen und Stadt in Brand gesteckt, die zum größten Teil auch niedergebrannt sind. Auch in anderen Teilen, Kurlands haben die zurückflutenden russischen Truppen entsprechend den Befehlen ihrer Obersten Heeresleitung Güte gund Bauern⸗ gehöfte entweder angesteckt, oder in barbarischer Weise geplündert. Die Bewohner wurden von ihnen vielfach weggeschle ppt und in das Innere des Reiches ver- schickt.
Kriegsbriefe aus dem Often.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Die Kämpfe bei Prasznysz und Ziechanow. Ziechanow, den 20. Juli.
Nachdem die Armeeleitung unter Exzellenz Gallwitz in um⸗ fassender Weise den Angriff vorbereitet hatte— Vorbereitungen die trotz der Sorgfalt, mit der sie ausgeführt wurden, den Russen völlig verborgen blieben— begann in der Nacht vom 12. zum 13. die planmäßige Beschießung der russischen Stellungen. Als sich die Artillerie an den vorhergehenden Tagen einschoß, wurden die russischen Führer unruhig. Sie nahmen aber an, daß es sich um einen der vielen kleinen Versuche handelte, die in den ver⸗ gangenen Wochen zur Fortnahme kleiner Stellungsteile geführt hatten. Als noch um Mitternacht Ruhe herrschte, wurden sie in dieser Meinung bestärkt, und unsere gewaltige Kanonade, die gegen 4 Uhr morgens begann, traf die Russen meistens in tiefem Schlaf. Punkt 8 Uhr setzte unsere Infanterie auf der ganzen Front zum Sturm an. 0
Auf dem westlichen Flügel wurde Hügel 164 westlich der Eisenbahn Mlawa-Ziechanow eine viertel Stunde später im glän- zenden Sturmlauf genommen. Auf dem östlichen Flügel waren die Stellungen bei Grudusk in der gleichen Zeit in unserer Hand. Die russischen ersten Linien wurden so im starken An- prall überrannt. Viele Geschütze und Maschinengewehre fielen den Stürmenden in die Hand. Allein an der zerschossenen Kirche von Grudusk sah ich fünf russische Feldgeschütze stehen.
Gegen Praszuysz wurde der Durchbruch in Form einer Zange angesetzt, indem die Stellung westlich und östlich Prasznysz er⸗ zwungen wurde; die Truppen versuchten sich hinter Prasznysz wieder zu vereinigen, so daß die Russen gezwungen wurden, die starke Stellung bei Prasznysz selbst aufzugeben. Nach der glänzend durchgeführten„Zange von Praszuysz“, die ihren Namen in der Kriegsgeschichte haben wird, schlugen die wieder zusammen⸗ efaßten Divisionen gleich einem Hammer die russische Haupt⸗ 5— bei Sbiki entzwei. Diese außerordentlich starke russische festungsähnliche Linie zog sich über Bogate, Sbiki, Opinogora nach Ziechanow. Es wurde hier nachdrücklicher Widerstand geleistet, aber die Artillerie ebnete die Stellung zum Teil einfach ein. Die
egen den furchtbaren Eindruck bei Opinogora. Die russischen Pente hatten hier ein sauberes feldmäßiges Festungswerk ge⸗ schaffen, das völlig mit dicken Holzbohlen unterkleidet, mit besonders kräftigen Rücken⸗ und Seitendeckungen außerordentlich stark schien. Die Drahthindernisse lagen versenkt vor der Höhenstellung. Die deutschen Granaten hatten ganze Grabenstücke mitsamt den Ver⸗ teidigern auseinandergerissen, so daß nur unkenntliche Ueberreste —. waren. Nach dem, was ich hier sah, müssen die russischen erluste entsetzlich gewesen sein, denn in vielen Abschnitten lagen Mann bei Mann der Verteidiger tot in den Gräben. Auch der Sturm war nicht leicht, aber erfolgte schnell und durchschlagend. An einer Stelle wußten die Russen unseren unermüdlichen Trup⸗ pen, die sich schon drohend gegen Pullusk schoben, nichts als die 14. Kavalleriebrigade entgegenzustellen, die den rasend schnellen Vormarsch, koste es, was es wolle, wenn auch für kurze Zeit zum Stehen bringen sollte, um Gelegenheit zur mmlung zu geben. Ein Regiment Kosaken und ein Husarenregiment ritten an. Unsere Infanterie lag gedeckt in einem Kartoffelacker. Sie wartete ruhig, bis die Reiter auf 300 Meter heranwaren, dann eröffnete sie Schnellfeuer. Maschinengewehre setzten ein. Die Wirkung war vernichtend, ein Chaos von gestürzten, schlagenden Pferden, sterbenden Reitern. Nur ein winziger Bruchteil der Bri⸗ gade konnte sich retten. Ein tapferes, aber nutzloses Opfer, denn wir stehen vor dem äußersten Gürtel der feldmäßigen Befestigungen von Pullusk. Der westliche Flügel ging inzwischen, nachdem er Truppen über die Bahn geschoben hatte, gegen Ziechanow vor. In einer Reihe von kleineren Einzelgefechten brach er den stets wieder einsetzenden Widerstand der Russen.
Nunst und Wissenschaft.
— Ein königlicher Vorläufer Gutenbergs in Korea. Die neuesten Erforschungen der koreanischen Geschichte
das sehr interessante Ergebnis Ws daß Gutenberg im n Osten Asiens einen königlichen Vorgänger hatte, der schon ein halbes Jahrhundert früher— die Erfindung des Typendruckes ist in Deutschland um 1450 angesetzt— den Druck mit beweg⸗ lichen Metallettern erfand und durch ein Dekret allgemein ein⸗ führte. Der Druck ganzer Seiten von gestochenen Holzplatten war bekanntlich schon längst in China und den Ländern mit chinesischer Kultur(Japan, Korea) bekannt— das berühmteste Erzeugnis dieser Pressen ist der Druck des buddhistischen Religions buches„Tripithaka“ in etwa 1500 Bänden unter Kaiser Songtjong (982997), von dem sich ein Exemplar in der kaiserlichen Bi⸗ bliothek zu Tokio befindet— aber der Fortschritt zu beweglichen und sogleich aus Metall gegossenen Lettern ist die ureigene Er⸗ findung des koreanischen Imperators Thai⸗tjong, der von 1400 bis 1419 regierte. Nach den Forschungen des Paters Andreas Eckardt zu Seoul, die er im neuesten Heft des„Geist des Ostens“ absckließt, erließ der offenbar geistig hoch bedeutende Kaiser im dritten Jahre seiner Regierung folgende, im 242. Kapitel der großen koreanischen Enzyklopädie„Mun hun hi ko“ aufbewahrte Proftauatten:„Für die Regierung des Landes sind Bücher un⸗ bedingt von großem Vorteil. Unser Ostreich liegt außerhalb des Meeres, und nur selten gelangen 9 der
icher aus dem Reich Mitte zu uns; die Holzplatten aber nützen sich leicht ab, und eg ist schwer, für alle Bücher unter dem Himmel Holzplatten zu sckneiden. Darum ist es Unser Wille und Gesetz, daß man aus Kupfer Lettern verfertige und jegliches Buch drucke, damit auf diese Weise die literarische Kenntnis möglichst weite Verbreitung inde zum unermeßlichen Nutzen aller. Wir wollen aber nicht, ß dem Volke hierfür eigene Steuern auferlegt werden, und eben darum das Geld hierzu aus Unserem Schatze% ing man an, erzählt der interessante Bericht weiter, Lettern versertigen, und innerhalb weniger Monate waren einige underttausend Typen fertig.„Der große und berühmte Lite rat Kuon-Kun feierte diese Erfindu 2 einer Lobschrift.“ Von diesem ersten Gusse sind noch viele Tausende Lettern vorhanden; eine Serie von 20 Stück wurde durch Vermittlung des deutschen Konsuls Dr. Krüger in Seoul dem deuts Schriftmuseum zu Leipzig überwiesen. Von der Kompliziertheit dieser Druckschrift
macht sich einen Begriff, wenn weiß, daß die chinesisch⸗ e ee t b
benschrift ist, die mehrere] rasch und prompt eine unrichtige, als mit Schwanken und Stocken
Donnerstag, 22. Juli 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Nachdem der taktische Turchbruch gelungen war, wurde die ruf⸗ sische Stellung aufgerollt. Dicht vor Ziechanow und im Orte selbst war noch Gefecht. Am 16. um 6 Uhr morgens wurde Ziechanow besetzt, und mit augenblicklicher Schwenkung gingen die Truppen⸗
teile weiter. Am 17. morgens 4 Uhr wurde Plonsk von den Russen geräumt, und der westliche Flügel steht im Vorfelde von Nowo⸗Georgiejewsk. Das außerordentlich geschickte, fast geniale Verteidigungssystem in diesem Raume hat den Russen nichts genutzt. So wichtige Zwischenstellungen wie die beherrschen⸗ den Höhen von Gorne wurden von uns auf einem Anlauf genom⸗ men. Die gründliche Vorbereitung, Führung und der Sturmgeist unserer Truppen waxsen den überraschten Gegner auf allen Punk⸗ ten. Nicht um den Trümmerhaufen Praszuysz, von dem vielleicht noch vier Häuser stehen, nicht um das kümmerliche Nest Ziechanow, sondern um den Weg, die russische Armee völlig zu vernichten, handelte es sich. Auf diesem Wege sind unsere Truppen in diesen letzten schweren, aber leuchtenden und hochgemuten Siegestagen wieder ein kräftiges Stück vorwärts geschritten. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus dem Reiche.
Berlin, 21. Juli.(WTB. Amtlich.) Bisher ist nur den zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit, wie zur Früh⸗ jahrsbestellung und zur Ernte in die Heimat beurlaub⸗ ten Mannschaften freie Eisenbahnfahrt ge⸗ währt worden. Nunmehr ist für sämtliche Mannschaften bei Heimatsurlaub während des Krieges freie Eisen⸗ bahnfahrt bewilligt worden.
Berlin, 21. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Eine Ver⸗ ordnung des Bundesrats, betreffend den Verkehr auf dem Lebensmittelmarkt, steht bevor.
Gießener Strafkammer. N th. Gießen, 21. Juli.
wieder am Dienstag, so daß in dieser Woche zwei Verhand⸗ lungstage stattfinden. Es handelte sich gestern um Aburteilung von 3 Diebstahlsfällen.
ständig, in Gießen, wo er sich ohne Arbeit herumtrieb, eine Zieh⸗ 8 entwendet zu haben. In einer Wirtschaft in Großen zinden hat der junge Mensch eine Sammelbüchse vom Roten
Kreuz erbrochen und den aus 38 Pfg. bestehenden Inhalt an sich
büchse hat er versucht, gewaltsam zu öffnen, wobei er aber die Auf⸗ merksamkeit der Wirtin erregte, sodaß man den Vogel em⸗ fangen konnte. Der Oberstaatsanwalt beantragte 7 Wochen Gefängnis, gab aber anheim, den jugendlichen Menschen der bedingten Begnadigung zu empfehlen. Er werde sich dann mit dessen Eltern ins Benehmen setzen, um die 3 geklagten in Zwangserziehung zu veranlassen. Der Gerichtshof erkannte nach Antrag und rechnete 3 Wochen der Untersuchungshaft auf die erkannte Strafe an.— Für einen Biedermann hielt man den 52 Jahre alten, wiederholt vorbestraften Bergmann H., der auf der Grube Friedrich bei Hungen beschäftigt war. Dem Metzger⸗ meister Hofmann in Hungen, H. seine Einkäufe machte, fehlten öfter im Laden hängende Würste und Schwartenmagen. Der Gendarm, dem ein Fall zur Anzeige gebracht wurde, fand
glatt zugab, unmittelbar darauf aber die Gegend verließ und seinen Wohnsitz in den Schiffenberger Wald bei Gießen verlegte. In Gießen hat H. dem Fischhändler Laih einen Korb mit 10—12 Pfund geräuchertem Lachs entwendet. kammer bewilligte mildernde Umstände, um den Dieb vor dem Zuchthaus zu bewahren, doch sandte man ihn auf 1 Jahr 6 Monate ins Gefängnis und erkannte ihm auch die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von 3 Jahren ab.— Ein alter Kunde der Strafkammer ist der 26 Jahre alte Gärtner Otto Kr., ge⸗ boren in Molchleben, der trotz seiner Jugend schon sechsmal wegen Diebstahl vorbestraft ist. Neuerdings hatte er sich in Hirzenhain
Man wies ihm als Schlafraum die Kammer des früheren Knechts an, der ins Feld hatte ziehen müssen und daher seine Sachen und seine Ersparnisse in einem Koffer verschlossen in der Kammer hatte stehen lassen. Der Angeklagte schnitt in den Boden des Koffers ein Loch und plünderte dessen Inhalt. Man erkannte wegen rück⸗
Jahren und 6 Monaten und auf 5jährigem Ehrverlust.
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tausend Charaktere umfaßt; es war deshalb eine zweite Kultur⸗] tat von großer Tragweite, daß der Nachfolger Thai⸗tjongs, König Setjong, zur Vereinfachung des Druckes eine eigene koreanische Buchstabenschrift erdachte. Aber die Glanzzeit dieser koreani— schen Kultur ging schnell zu Ende, und so erfuhr des Abendland erst ein halbes Jahrtausend später die geniale Erfindung des könig⸗ lichen Rivalen und Vorgängers Gutenbergs im geheimnisvollen „Land der Morgenruhe“.
—. Die Farbenorgel. Die Tatsache, daß Musik und Farbe in gleicher Weise auf mehr oder weniger schnell sich fort⸗ pflanzenden Wellen beruhen, hat schon wiederholt zu dem Ge— danken angeregt, Musik und Farbe miteinander zu verbinden und ihre Wirkungen durcheinander zu verstärken. Ein in Amerika lebender wasischer Tondichter, Herr Skriabin, hat jetzt einen Apparat erdacht, der den immerhin interessanten Gedanken ein⸗ bürgern soll. Er besteht aus drei Teilen, einer Art von Har⸗ monium, einem Lampenring und einem System von Florschleiern. Das Harmonium besitzt eine umfangreiche Tastatur, die einzelnen Tasten schalten auf einen Druck des darauf Spielenden elektrische Ströme ein, die zu 12 hinter dem spielenden Orchester ringförmig angeordneten, mit verschieden getönten Glasplatten bedeckten Wolf⸗ ramlampen führen. Die Farbenstala dieser Glasplatten umfaßt 12 Töne, rot, rosiggelb, gelb, grün, hellblau, mondscheinblau, dunkelblau, lila, purpurrot, stahlgrau, metallfarben und dunkelrot. Rot entspricht der Note C, gelb D, perlblau E, dunkelblau Fis, grün A usw. Trägt nun Herrn Skriabins Kapelle eine Weise vor, so folgt der Spieler des Schaltharmoniums auf der vor ihm liegenden Partitur der Musik und schlägt je nachdem die oder jene Taste an. Dadurch wird diese oder jene Lampe eingeschaltet und strahlt durch ihre Farbplatte den gewünschten Ton in das darüber wallende System verschieden dichter Florschleier hinein. Natür⸗ lich drückt er aber nicht nur auf einzelne Tasten, sondern schlägt nach Vorschrift der Partitur auch ganze Akkorde an; forte und piano erzielt er durch größere oder geringere Intensität des ein⸗
leiteten Stromes. Der Erfolg soll„berauschend“ sein, und Herr Skriabin plant infolgedessen, besondere Stücke für seine Farben- orgel zu komponieren. Da darf man denn eine wahrhaft„farben⸗ reiche“ Musik erwarten.
Schnelle Antworten. 0 lieben und liebten es, wenn man ihnen schnell auf ihre An fragen Antwort erteilt. Von Friedrich dem Großen sowohl wie Napoleon J. wird erzählt, daß es beinahe besser war, ihnen
Zahlreiche große Heerführer
An⸗san Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit, die aber im Felde
eine richtige Antwort zu geben. Der Antwortende mußte nur eben Geist und raschen Entschluß beweisen. waren Friedrichs des Großen Fragen bei den Truppenbesichti⸗ gungen, insbesondere den sogenannten Spezialrevuen. Die Kom⸗ pagnien wurden während dieser Besichtigungen jede für sich for⸗ miert, alle Stabsoffiziere, der General nicht ausgenommen, mußten vom Pferde steigen, das Esponton(das war ein 8 bis 9 Fuß langer Spieß! zur Hand nehmen und die Kompagnien dem Könige vor⸗ führen. Da regnete es bisweilen Fragen nach allen möglichen Einzelheiten, z. B.: Er in seiner Kompagnie?“„Wieviel Rekruten?“„Wieviel von 10 Jahren Dienstzeit?“ Kurz, die Spezialrevue war eine Art von Examen, auf das sich schließlich die Kompagniechefs förmlich vorbereiteten, indem sie die Punkte, über welche sie befragt zu werden glaubten, aufnotierten und auswendig lernten. Wer sich auf sein Gedächtnis nicht sicher verlassen konnte, machte seine Notizen wohl gar in die Handschuhstulpe. Einstmals richtete nun der König bei einer solchen Gelegenheit an einen Kapi⸗ tän die völlig unerwartete Frage:„Wieviel Katholiken hat Er?“ Der Kapitän, des Königs Vorliebe für prompte Antworten ein⸗ gedenk, erwiderte, ohne sich zu besinnen:„Dreißig, Ihro Majestät.“ —„Wieviel Lutheraner?“„Hundertzehn!“—„Wieviel Refor⸗ mierte?“„Fünf!“—„Dreißig, einhundertzehn und fünf, das sind einhundertfünfundvierzig; da sehlen ja siebzehn Mann, was sind die?“—„Die haben gar keine Religion, Ihro Majestät,“ ant⸗ wortete der Kapitän. Der König lächelte und war zufrieden.— Von Napoleon wird ähnliches erzählt. Er besichtigte einmal eine neu zu erbauende Straße. Plötzlich richtete er an den den Bau leitenden Ingenieur die Frage, wieviel Kubikmeter Steine zu der Straße erforderlich seien. Der Ingenieur antwortete prompt und ohne sich auch nur einen Augenblick zu besinnen: 153 687. Der Kaiser merkte natürlich, daß die Ziffer rein aufs Geratewohl aus dem Aermel geschüttelt war, sah den Ingenieur lange durchdringend an, der aber hielt den Blick, ohne die geringste Verlegenheit zu verraten, und sprach dann von anderen Dingen. Aber kurze Zeit später erhielt der Ingenieur die Berufung auf einen höheren Posten; dem Kaiser hatte die Geistesgegenwart gefallen. Von Feldherren neuerer Zeit, die ebenfalls ein rasches Antworten lieben, sind zu nennen Prinz Friedrich Karl, der„rote Prinz“, und Graf Haeseler. Die zögernde Antwort, sie mag noch so richtig sein, verrät Mangel
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sonders notwendige Gaben sind. 1
—
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Gestern verhandelte die Strafkammer, seit längerer Zeit einmal
Der 17jährige Buchdruckerlehrling Aug. Sch. von Butzbach ist ge-
genommen. Eine weitere in der Wirtschaft stehende Sammel⸗
des An⸗
das Diebesgut in der Wohnung des H., der auch die Täterschaft
Die Straf⸗
bei einem Landwirt auf mehrere Tage zur Feldarbeit verdungen.
fälligen schweren Diebstahls auf eine Zuchthausstrafe von zwen
Sehr gefürchtet
„Wieviel Mann von fünf Fuß Größe hat
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