Erscheint taglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famziienblätter“ werden dem Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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Blatt
Die Kämpfe im priesterwalde.
Aus dem Großen Hauptquartier wird uns geschrieben:
In den französischen Tagesblättern vom 30. Mai erschien ein amtlicher Bericht über„Die Eroberung des Priesterwaldes“. Darin waren die schweren Kämpfe geschildert, die die Franzosen in diesem Walde zu bestehen hatten und die für sie„nach sieben Monaten un⸗ ablässigen Ringens endlich zum Ziele führten“. Dieser Priesterwald war in den ersten Julitagen der Schauplatz erneuter schwerer
„eines durchschlagenden deutschen Erfolges. 5 Vom Kamm der Höhe, die steil aus dem Moseltal aufsteigt und dieses nur um etwa 200 Meter überhöht, erstreckt sich nordwestlich Pont⸗A-Mousson ein ausgedehntes Waldgebiet. Dessen gegen Pont⸗a⸗Mousson abfallender Teil bis an die Straße Fey en Haye— Norroy heißt auf den deutschen Karten„Priesterwald“, während auf den französischen nur der südliche Waldteil diesen Namen führt, der nördliche aber Bois Communaur genannt ist. Hierin mag eine Erklärung dafür liegen, daß die Franzosen sich für unbestrittene Herren des„Priesterwaldes“ hielten. Am Südrand des Waldes, an der Straße Pont⸗ä-Mousson—Montauville—Limey liegt der erzierplatz. im Walde der Schießplatz der Garnison Pont⸗A⸗ Nousson. Die Mannschaften der französischen Regimenter, die uns hier gegenüber stehen, stammen aus den Ortsckaften der Umgebung und manch gefangener Franzose konnte in Begleitung von deutschen urmmännern früher, als er gedacht und gehofft hatte, seine
Angehörigen in seinem Heimatsort begrüßen.
Der Priesterwald ist der echte Lothringische Wald. Nur wenige und schlechte Wege durchziehen 1 Dichtes Unterholz erschwert jegliche Bewegung außerhalb der Wege. Die mangelnde Forstkultur
unsere und die französischen Granaten nachgeholt. Sie haben e Licht und Luft geschaffen. Freilich sind sie dabei so
weit igen, die alten Baumriesen teils mit samt den Wurzeln
herauszureißen, teils inmitten der Stämme zu knicken. Tief ein-
gerissene Schluchten zerklüften den Wald und behindern seine Weg⸗ samkeit. Die höchste Erhebung hat das Waldgelände in einem Höhenkamm, der vom Eintritt der Straße Fey en Haye—-Norroy in den Wald nach Osten zieht. Auf dem höchsten Punkt steht das Croix des Carmes. Auf diesem Höhenrücken liegen die deutschen 0 n.
In schweren, hin- und herwogenden, monatelangen Angriffen war es den Franzosen dank ihrer Uebermacht Anfang Juni ge⸗ Iungen, auf dem westlichen Teil des Höhenrückens Fuß zu fassen.
wieder hinunter zu werfen, war das Ziel unseres Angriffes
am 4. Juli. Es war kein leichtes Stück Arbeit, das uns dort bevorstand. Die Franzosen hatten 6 und 7 Stellungen hinter—
einander in einer Gesamttiese von 4 bis 500 Mtr. ausgebaut. Unser Angriff wurde eingeleitet durch einen Vorstoß aus dem an der Mosel liegenden Abschnitt. In einer Breite von etwa 250 Mtr. ang es hier, in die feindliche Stellung einzudringen, und fünf sische Blockhäuser mit samt ihrer Besatzung in die Luft zu sprengen. Wir zerstörten die eingebauten Kampfmittel und gin⸗ gen dann, wie vorgesehen, wieder in die alte Kampfstellung zu⸗ rück, ungestört vom Feinde.
Nachmittags begann der Hauptangriff. Die durch unser Ar-
I euer erschütterte französische Infanterie konnte dem Ansturm. nicht standhalten. Stellung auf Stellung fiel. Am Abend waren alle französischen Stellungen in einer Breite von 1500 Mtr. ge⸗ nommen. 12. Offiziere, über 1000 unverwundete Gefangene, 3 Ge⸗ . 2 7 Minenwerfer, 7 Maschinengewehre, 1 Pionierpark mit
lichem Gerät waren unsere willkommene Beute. Was die Fran⸗ zosen in monatelangem Ringen erworben, hat unsere stürmende
anterie, unterstützt durch die vortreffliche Artillerie, ihnen in wenigen Stunden wieder entrissen. Wo man hobelt, fallen Späne. Ohne Verlust ist solch ein Erfolg nicht zu erreichen. Unsere Gesamt⸗ verluste einschließlich der nur vorübergehend ausfallenden Leicht⸗ verwundeten erreichten aber nicht einmal die Zahl allein der an gefangenen Franzosen. Deren Verluste an Toten waren außer ordentliche. Nach Aussage der Gefangenen waren die Kompag— nien schon vor unserem Angriff nur durch unser Artilleriefeuer auf 60 bis 70 Mann zusammengeschnolzen. In dem eingangs erwähn⸗ ten amtlichen Bericht ist betont, daß die französischen Soldaten den Priesterwald als„unsern Wald“ ungleich sinniger bezeichnen als die Deutschen, die ihn„Todeswald“ oder„Wald der Witwen“ nennen. Die Phantasie des Borichterstatters in Ehren. Uns ist indessen von einer derartig geschmackvollen Benamsung nichts be kannt. Am 4. Juli ist aber der Priesterwald den Franzosen zum „Todeswald“ geworden.—
Selbstverständlich mußten wir damit rechnen, daß der Feind uns den Gewinn bald streitig machen würde. Schon in der Nacht zum 5. Juli setzte er zu dem erwarteten Gegenangriff an. Wir konnten diesen, wie auch die späteren, abweisen. Unter Gefangenen befinden sich auch farbige Franzosen. Söhne der Insel Réunion sind es, die zum Kampfe für Zivilisation und Kultur herangeholt sind.
nur in ihrer Uniform sind sie französische Soldaten gewor— den, sondern auch in ihrer Gesinnung. Denn gleich diesen sagten sie bei ihrer Vernehmung aus, daß sie den französischen Zeitungen keinen Glauben mehr schenken, daß sie. des Krieges müde. den Frieden wollen, sei er zugunsten Frankreichs oder nicht. Anscheinend ist diese Stimmung auch in der Bevölkerung nicht selten. In Pont⸗A-Mausson sollen Frauen das Automobil des Präsidenten der Republik mit Steinen beworfen haben unter dem Rufe, sie wollten den Frieden, sie wollten ihre Söhne zurückhaben.
Minister Churchill und das Problem der Scheldemündung.
Berlin, 19. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ schreibt unter der Ueberschrift:„Magister Churchill“: Dem Londoner Korrespondenten des„Nieuwe Rotterdamsche Courant“ hat Winston Churchill interessante Mit- teilungen gemacht. Der Bericht hierüber hatte ein eigentümliches Schicksal Zehn Tage hielt ihn der englische Zensor zurück. War die Aufgabe so schwer und zeitraubend, für Churchills Weisheit eine zusagende Fassung zu finden? Ehe die Oeffentlichkeit den In⸗ halt erfuhr, bildete er den Gegenstand einer Anfrage im britischen Unterhaus, und Asquith erklärte die Uebereinstimmung des Kabinetts mit der Auffassung Churchills. Das ist für diesen un⸗ weifelhaft eine große Genugtuung, der nach der Kaltstellung als Nene auf dem ehrenrollen Ruheposten eines Kanzlers des Herzogtums Lancaster seinem Tatendrang unwillkommene ügel anlegen mußte. Churchill fühlt sich als Spezialist für die eurteilung englischer Verhältnisse, sicherlich mit dem leichen Recht, wie Sir Edward Grey für die kontinentale olitik, der bekanntlich auch einmal in seinem Leben die bri⸗ tische Insel im vorigen Sommer für einige Tage verlassen hat.
Der damalige Marineminister Churchill begleitete die famose
Marinebrigade auf ihrem Hilfszug nach Antwerpen. Beide, Bri⸗
gade und Churchill, vermochten allerdings das Schicksal der Festung
nicht zu wenden. Die wackeren Blaujacken schifften sich schleu⸗
nigst ein, als die deutschen Bomben sich zu aufdringlich bemerkbar
machten, und auch Churchill konnte nur mit dem Munde helfen, ehe
er 1 7 8 voranging. Jetzt. 3 5 5 dem reichen Schatz in Antwerpen gesammelten ahrungen
ch, um Holland damit zu beschenken. Das Problem
der Scheldemündung erschien, wie erinnerlich, vor einigen
auf der Tagesordnung, als Holland sich anschickte, die Be⸗
5 bei Vlissingen zu verstärken. Vergeblich mühte sich damals England, den Holländern in den Arm zu fallen. Auch Churchill bezeichnet die jetzige geographische Regelung der Schelde⸗
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15. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Mittwoch, 21. Juli 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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mündung als„unnatürlich“. Denn hätte Antwerpen Transporte über den Fluß erhalten können, so wäre es nicht gefallen. Wir wollen dem Fachmann nicht widersprechen, auch wenn er sich auf das Glatteis der Prophezeiungen begibt. Aber ob dem holländi⸗ schen Leser die Lage ebenso„unnatürlich“ erscheint, wie dem Eng⸗ länder, der auch die Fortsetzung der Kanalküste nur als ein briti⸗ sches Glacis ansieht, ist doch einigermaßen zweifelhaft. Ueber gewisse Demarchen Englands im Haag und in Brüs⸗ sel, die sich auf die Scheldepassage bezogen, sind wir nicht näher unterrichtet. Wir wissen nur, daß sie stattgefunden haben. Be⸗ dauerlicherweise erfahren wir auch jetzt aus Churchills orakel⸗ haften Aeußerungen nichts Genaueres über die Pläne unserer Feinde bezüglich des Scheldeproblems, natürlich für den Fall, daß sie in die Lage kommen sollten, es nach ihren Wünschen zu regeln. Vom Frieden sind wir noch weit entfernt, meint Churchill. Darum hat es keinen Sinn, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was er möglicherweise bringen werde. Aber eine Besorgnis möchte er zerstreuen, daß man Holland zumuten werde, seinen flandri⸗ schen Besitz gegen ein Stück Ostfriesland zu tauschen. Es ist recht interessant, bei dieser Gelegenheit von solchen Plänen zu hören, die sich offenbar schon so weit verdichteten, daß man in den Niederlanden davon Kenntnis erhielt. Daß England die aus⸗ schließliche Kontrolle der ganzen Küste von Calais bis zur Schelde⸗ mündung als sein hauptsächlichstes Kriegsziel betrachtet, liegt auf der Hand. Wir haben auch Grund zu der Annahme, daß es Calais nicht wieder zu räumen bcabsichtigt, und schwerlich wird unter den Jungfrauen des heutigen Frankreich wieder eine Jeanne d'Arc erstehen.
Aber es ist für Holland und Belgien verführerisch, das Los zu teilen, das England dem geschwächten Frankreich zugedacht hat? Ihre Häfen und Flußmündungen nach britischen Wünschen ein⸗ zurichten, ist doch gleichbedeutend mit der Bürde eines englischen rotektorats. Um dieses Ziel der britischen Politik zu ver⸗ hüllen, greift Churchill nach dem recht plumpen Mittel, Holland vor dem deutschen Nachbar zu warnen. Deutschland kann dazu getrieben werden, Holland anzugreifen, seine Lage ist die der Bestie im Käfig, die nach rechts und links wild um sich schlägt, je näher die Flam⸗ men heran rücken. Eine starke Zumutung ist dieses Bild für Neutrale, die sich aus ungefärbten Berichten über die wahre Kriegslage unterrichten können. Täglich lesen die Holländer, vielleicht haben sie es auch schon persönlich erfahren, daß der Vier— verband in der ganzen Welt nach der Hilfe der Neutralen schreit, während die verbündeten Zentralmächte, auschließlich auf die etgene Kraft bauend, von Erfolg zu Erfolg schreiten.
Auch die längst abgetane Legende, England und seine Bundes— genossen kämpften füy die bedrohten kleineren Nationen, holt Churchill wieder aus der Rumpelkammer hervor. Aber er muß die Abfuhr von Seiten des holländischen Blattes selber einstecken, das ihn an seine Liverpooler Rede erinnert, England habe den Krieg begonnen, um Frankreichs Niederlage zu verhindern. Daß Churchill einen besseren Befähigungsnachweis auf dem Gebiet der äußeren Politik erbracht hat als auf dem der Marine, kann man nach diesen Leistungen eigentlich nicht behaupten. Was aber den angeblichen Schutz des Schwächeren anlangt, möchten wir uns auch eines zoologischen, oder richtiger gesagt sportlichen Bildes bedienen: Der Dreiverband hing den serbischen Köder— sisch an die Angel, um damit den italienischen Hecht zu fangen. Ein Wort Churchills wollen wir uns auch aneignen, findet doch auch ein blindes Huhn manchmal ein Korn: Der Friede ist noch weit; es hat keinen Sinn, sich jetzt schon den Kopf darüber zu zerbrechen, was er bringen werde. Deutschland achtet die hollän⸗ dische Neutralität auf das Gewissenhafteste und hat damit Gleiches mit Gleichem vergolten. Denn im Gegensatz zu Belgien hat Hol⸗ land dem englischen Verführer sein Ohr verschlossen, als er an es herantrat. Holland ist eben wirklich neutral geblieben.
Es liegen nun keinerlei Anzeichen vor, noch bestehen irgend— welche Absichten, die Churchills Warnungen vor der deutschen „Bestie im Käfig“ rechtfertigen. Ein absolut selbstständiges neu- trales Holland ist eine wertvolle Flankendeckung für das Deutsche Reich. Auf der anderen Seite bildet der„unnatürliche“ Zugang der Scheldemündung mehr als einen Schönheitsfehler im britischen Bilde des zukünftigen Europas, die holländische Befesti⸗ gung Vlissingens sogar einen garstigen Klecks. Schade, daß sich der mitteilsame Herr Churchill versäumte, sich über diesen Punkt zu äußern.
Uriegsbriese aus dem Westen. Von unserm Kriegsberichterstatter.
(unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten)
Auf der Bergveste des Hartmannsweiler Kopfes. 1 Großes Hauptquartier, 15. Juli 1915.
Selten hat der Vogesenwanderer den Hartmanusweiler Kopf besucht. Er war einer der„Köpfe“, die bei der in Jahrtausenden der Erdgeschichte erfolgten Abwitterung der jüngeren Gesteine dem Wetter Trotz geboten, aber als Anpassungsform an den Sturm und den sprengenden Frost jene für die südlichen Vogesen und den südlichen Schwarzwald kennzeichnende Halbkugelform erhalten hatten, die das alemannische Volk„Belchen“ und die Franzosen „Ballen“ nennen. Vor den anderen, die dutzendweise in seiner Nähe anfragen, zeichnet sich der Hartmannsweiler Kopf dadurch aus, daß er am weitesten in die Rheinebene vorspringt und dadurch eine herrorragende strategische Bedeutung hat. Aber wer dachte an Krieg, wenn er dem heiligen Frieden der waldigen Wasgauwipfel zustrebte? Ihn lockte mehr als dieser Vorberg, der die Tausendmetergrenze nicht ganz erreicht, der benachbarte Gebweiler Belchen, der dieselbe Aussicht bot und mit seinen über 1400 Meter als höchste Spitze der Vogesen weit in die Vege⸗ tationsregion der Alpen hineinreichte, auf die er eine so breite Aussicht vom Mont Blanc bis zum Säntis gewährte; oder der Molkenrain oder der Hohneck. So einladend nahe er lag, so vereinsamt blieb der Hartmannsweiler Kopf.
Heute, wo er von allen südlichen Vogesenhöhen diejenige ist, um die am meisten Blut vergossen wurde und die am häufig⸗ sten in den amtlichen Berichten von uns und von dem Feinde genannt wurde, ist es, als ob er die Verpflichtung fühle, sich fernerhin sichtbar von der ganzen Vogesenkette abzuheben. Kaum geben die letzten Vorstadthäuser von Mühlhausen den Blick nach der Vogesenkette frei, so bemerkt man eine Höhe, auf deren Gipfel der d dünn und borstig, wie ausgerauftes Haar, gegen den Himmel steht. Zwischen den kahlen, astlosen Baumstämmen wogt von Zeit zu Zeit Rauch auf, den der Kundige als Minen⸗ sprengung erkennt. Der ganze Gipfel ist voller Narben und Schmisse, denn hellrot zeichnen sich Granateinschläge und Schützen⸗ gräben auf seinem Gestein ab. Das ist der Hartmannsweiler Kopf, unser heutiges Ziel.
Bis zu seinem Fuße ist noch ein ziemlich weiter Weg, den der Kraftwagen schnell zurücklegt. Mühl hausen schlief noch, als wir aufbrachen, in Lutterbach ist schon beginnendes Leben. lleber den Dächern am Ausgange schwebt eine schwere, schwarze Wolke, die sich rasch zerteilt. Vielleicht haben die Franzosen eben wieder B wie neulich, wo sie mit schwerem S geschütz den hnhof suchten und ein paar Kinder zerrissen, die auf dem Wege zur Schule waren. In Wittelsheim, wo di, reichen oberelsässischen Kalischätze ausgebeutet werden, stehen be Bohr türme, als ob sie Sonntag feierten, und in den hübschen Garten- kolonien für die Arbeiter sieht man kaum einen Menschen. In
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Bollweiler, das ich bei meinem Besuche im Winter noch unber⸗ sehrt sah, bietet sich jetzt das typische Bild einer begonnenen Beschießung. Bei dem Versuche der Franzosen, von den Vogesen⸗ kämmen aus den Bahnknotenpunkt zu zerstören, sind eine Anzahl Bürgerhäuser von Granaten durchlöchert worden. Aber die Ein⸗ wohner sind dageblieben, und in den Straßen sieht man die hier im hügeligen Lande üblichen Ochsenwagen am frühen Morgen die Ernte einbringen, und an den Landstraßen sammeln die Bauern die kleinen Kirschen, die zum Brennen des Kirschwassers dienen und die auf große, über die Straße und das benachbarte Ackerland gespannte Zeugplane geschüttelt werden. Näher ist man dem Vogesenkriege in Sulz, wo die Franzosen seit geraumer Zeit hereinschießen und namentlich den Ortsausgang des gast⸗ lichen, mit seinen zahlreichen Weinschenken jedem Vogesenwanderer wohlbekannten Städtchens böse zugerichtet haben. Die Beschießung von Ortschaften wie Sulz, in denen unersetzliche malerische und/ kulturelle Werte zu zerstören sind, die aber strategisch nicht die mindeste Bedeutung haben und militärisch nicht besetzt sind, ist eine sinnlose Freveltat, die freilich für die französische Krieg, führung kennzeichnend ist. Seit sie die Hoffnung, das Elsasß wiederzugewinnen, endgültig aufgegeben haben, genügt es ihrem Heldenmute, harmlose elsässische Dörfer und Städtchen von Zeit zu Zeit mit Brandgranaten zu belegen und einige friedliche Ein⸗ wohner zu morden. Das nennen sie dann die„Befreiung des Elsasses“. Man findet z. B. in den französischen Zeitungen weinerliche und verlogen sentimentale Aufsätze, in denen geschildert wird, wie ein alter Elsässer, der sein Ende nahe fühlt, sich bis an einen französischen Beobachtungsposten in den Hochvogesen tragen läßt, mit brechendem Auge das Land segnet und seine baldige „Befreiung“ durch die Franzosen vom Himmel erfleht, bis er mit den Worten:„La sainte terre, la terre quand meme francaise“ seinen Geist aufgibt, während ein Pioupiou eine schnell herber⸗ geholte Trikolore über den Sterbenden hält. Es fehlt nur der Photograph, der die Szene für den„Gaulois de Dimanche“ festhält. Der nächste Aufsatz, der auf diese Schwindelei folgt, ist dann kaltblütig überschrieben:„Nous bombardons Metzeral dans les Vosges...“
Es gibt freilich auch Oertlichkeiten, welche sich einer auf⸗ fallenden Schonung durch die Franzosen erfreuen. So z. B. das Schloß Ollweiler, welches niemals beschädigt worden ist, auch damals nicht, als die Franzosen im vollen Besitze des Hartmanns⸗ weiler Kopfes waren. Der Eigentümer, der zu den Leuten ge⸗ hört, die einige Tage vor Ausbruch des Krieges in rätselhaften Weise genau Bescheid erhalten hatten und sich daher über die Grenze begeben konnten, ist„parti“. Der Sohn dient als fran⸗ zösischer Offizier. Heute noch ist jeder französische Gefangene— ich sprach deren wieder in Mühlhausen eine Anzahl— davon überzeugt, daß Frankreich von Deutschland überfallen worden sei, nachdem die Deutschen seit mehr als 40 Jahren nichts anderes getan hätten, als den Krieg gegen Frankreich vorzubereiten. Diese Legende mag während des Krieges durch eine gut geleitete Preßmache aufrechterhalten werden, wie manche andere. Aber später, wenn die Waffen schweigen und die Akten reden werden, wird es den Franzosen doch schwer werden, zu erklären, wie es zugegangen ist, daß ihre sämtlichen Sachwalter in Elsaß sich einige Tage vor Kriegsbeginn jenseits der blau-weiß⸗roten Grenzpfähle verzogen haben, während z. B. die Vertreter der größten deutschen Zeitungen in Paris, trotz ihrer Fühlung mit der deutschen Bot⸗ schaft,. Kriege überrascht worden und in Gefangenschaft g. raten sind.. 5
Ein Rebenhang führt zum Fuße des Berges hinüber. Mitten durch die reichbehangenen Stöcke gehen neugebrochene Fußp trauernd verkümmern die zertretenen Reben auf der Erde. Sie werden wieder wachsen, es ist der größte Schade nicht, den den Krieg hier angerichtet hat. Aber für den, der dies Land lieb hat, ist es ein schmerzlicher Anblick.„Unsere schönen Reben!“
Durch dichten friedlichen Mischwald geht der Weg in weit⸗ ausladenden Kurven dem Gipfel entgegen. Noch erinnert nichts in diesem grünen Revier an den Krieg, als hin und wieder das Gedröhn platzender Geschosse, das vom Gipfel her, aber auch von weiter her von den umkämpften Höhen des Hochgebirges an der Grenze kommen kann. Aber plötzlich gewahrt man arbeitende und rastende Soldaten im Waldesgrunde. Am Wege häufen sich Schanzmaterial, Stacheldrahtrollen, zugeschnittene Stämme. Posten sperren den Aufgang und prüfen die Ausweise.
Dann zieht sich ein Schützengraben, wohlausgebaut und wohl⸗ erhalten, so daß man sieht, er ist freiwillig verlassen, quer über die ganze Lehne. Das ist die alte deutsche Stellung. Von hier aus wurde der steile Gipfel am 25. April erstürmt. Wer das Gelände beurteilen kann, der sieht, das war eine Höchstleistung menschlicher Tapferkeit. Und die Bewunderung wächst, wenn man das breite Gebiet der ehemaligen französischen Stellungen durchschreitet, die zwar unter der deutschen Artilleriewirkung zum Teil sehr gelitten haben, die aber bei ihrer Ausdehnung noch in ihrem jetzigen Zu⸗ stande ein Bollwerk darstellen, welches man für uneinnehmbar halten möchte. Und doch ist es von unseren Jägern im Kampfe Mann gegen Mann genommen worden. Nach starker Artillerie⸗ vorbereitung hatte der Sturm morgens zwischen 5 und 6 Uhr gegen den wichtigen Schlüssel der französischen Stellung, den Rebfelsen, begonnen. Eine halbe Stunde später war der Gipfel in 1500 Meter Breite erstürmt und fest in unserem Besitz. Und er ist es heute noch; was auch die französische Berichterstattung, die sich hier wieder einmal in ihrem ganzen Werte exwiesen hat, zu⸗ sammenberichten mag: an keiner Stelle kann ein Franzose die Augen über die Kuppe des Hartmannsweiler Kopfes erheben, um sehnsüchtige Blicke nach der elsässischen Ebene zu senden. Ich kann das bezeugen, denn ich habe unsere ganzen Stellungen bis zum letzten Graben besichtigt und den Kampf, der hier oben seit dern Einnahme des Gipfels weiter geht, aus unmittelbarer Nähe, mitten im Brennpunkte, beobachten können.
Ich spreche, wenn ich das dankbax anerkenne, nicht für mich, sondern für unseren Generalstab, der seinen Kriegsberichterstattern als einziger unter den kriegführenden Mächten Gelegenheit gibt, so weit vorzukommen und die Dinge mit eigenem Urteil zu be⸗ trachten, weil er der einzige ist, der auch in seiner ganzen Bericht⸗ erstattung mit offenen Karten spielt.
W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 21. Juli 1915. Auf dem Felde der Ehre gefallen. Aus Hessen und den Nachbargebieten.)
Musk. Georg Habermehl, Inf.⸗Regt. 206, aus Wallen⸗ rod.— Musk. Wilh. Niebergall, Inf.⸗Regt. 83, aus Göbeln⸗ rod.— Musk. Karl Jung, Res.⸗Inf.⸗Regt. 252, aus Waldgirmes. — Einj. Kriegsfreiw. Alfons Hermann Müller aus Butzbach. — Gefr. Otto Hahn, Res.⸗Inf.⸗Regt. 223, aus Stumpertenrod.
Landwehrm. Louis Lückhof, Landw.⸗Inf.-Regt. 116, aus Manderbach.— Lt. d. Res. Kreisgeometer Georg Frauen ⸗ felde, Res.-Inf.⸗Regt. 223, aus Michelstadt. Krie
2, aus Wingers 1, aus Darmstadt. It., aus Leun
Unteroff. Karl Eberle, Res.⸗Inf.⸗Regt. — Gefr. Konr. Schädle, Res-Inf.-Nat. Unteroff. d. Res. Jak. Schmidt, Jäger-Rgt. z. — Kriegsfreiw. Traugott Hilgenbera, Res.-Juf Friedberg.— Landsturmmann Wilh. Jost, Landst.-Crl.⸗Bat. 228. aus Offenbach a. M.— Musk. Konr. Scheer, Inf-Agt. 168, aus
Nomrod.— Ers.⸗Res. Aug. Jung aus Haiger.— Wehrm. Louis Lückhof aus Menderbach. Pionier Heinr. Gerhardt aut
Rommelhausen.— Jäger-Radfahrer Karl Heß aus Bleichenbach. 9


