8 8 1 8 125 SBeoeites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
— Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen öeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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Uriegsbriese aus dem Osten.
Von unserem zum Ostheere entfandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Der Vorstoß von Mlawa. 5 a Mlawa, den 14. Juli. Während die Armeen Mackensens von Süden her mit starken Schlägen die Linie des vorgeschobenen Vierecks der russischen Stel⸗ lung, in dessen Mittelpunkt etwa Warschau liegt, aufbrachen, setzte auch von Norden aus allgemeiner Richtung Mlawa eine Offensivbewegung der Armeen Hindenburgs ein. Wieder an ein Stelle, an der die Russen eine deutsche Offensive für unmöglich hielten, weil sie unsere Kräfte im Süden gebunden hielten. Ueber Ausmaß und Ziele der Narew⸗Offensive ist natürlich noch nichts zu sagen. Ich gebe hier nur ein paar Bilder aus den Auf⸗ marschtagen und dem ersten Gefechtstag, in dem der Durchbruch durch die russische Stellung erzwungen wurde.
Bei Pryszuysz und Demsk waren in den letzten Februartagen und im Anfang März heftige Gefechte. Die Felder hinter Demsk sind mit Granaten besät. Gegen tausend hagelten über das kleine weiße Gutshaus in die jungen Roggensaaten. Dann war Ruhe in Mlawa. Die Stadt wurde allmählich an Sauberkeit gewöhnt, sogar ein neuer Platz mit gärtnerischem Schmuck wurde angelegt. Man verlor in den langen Monaten des Stellungsktrieges auch hier den Humor nicht. Exzellenz Gallwitz erzählte mir, daß man ihn dicht hinter den Stellungen zu einem Platz geführt habe, der mit großen Buchstaben auf weißem Schilde als„Nicolaijewitsch⸗ Platz“ bezeichnet war. Auf die Untersuchung dieser merkwürdigen Ehrung stellte es sich heraus, daß hier Röcke geklopft wurden und Wäsche aufgehängt. Namentlich auf die letzte Tätigkeit soll man bei Auswahl des Namens besondere Rücksicht genommen haben.
Aus der Ruhe des Stellungskrieges kam der Zipfel Ostpreußens und die Gegend von Mlawa wieder in operative Bewegung. Es gibt kaum einen Winkel in Mlawa, der nicht belegt gewesen wäre. Die Straßen waren grau von durchmarschierenden Truppen, die Tage waren voll Spannung und Erwartung. Das Kommende hing in der Luft, man las es von allen Augen. Die Zufahrtsstraßen waren belegt von Kolonnen und Automobilen.
An einer Stelle traf ich einen Divisionsstab, den wir um Unter⸗ stützung bei einer Automohilpanne baten. Der Herzog von Koburg⸗ Gotha war, wie es ja bei den deutschen Bundesfürsten üblich f hier in der Nähe seiner Truppen. Sehr frisch, Shagpfeife im Munde, liebenswürdig. Libau interessierte den Herzog sehr, ja, und sein Regiment läge jetzt auf 150 Meter dem Feinde gegenüber, man könne bei Tage nicht mehr recht hin, morgen würde es wohl an⸗ ders sein.
Truppen, Truppen und wieder Kolonnen kommen uns ent⸗ gegen, es sind die Reserven, die einrücken. Ein starker Gewitter⸗ regen geht nieder, es geht im Schritt, der Weg fängt an, un⸗ ergründlich zu werden. Stumm, die Zeltbahn über die Schultern, ziehen die Leute vorwärts. Sanitätswagen stampfen vorbei. Stroh, in feste Ballen gepreßt, wird nach vorn gebracht. Morgen spricht
die Schlacht.
Die Russen sind ahnungslos. Gerüchten, die zu ihnen kommen, 8 sie, wie sich später herausstellt, keinen Glauben beigemessen. ie deutschen Batterien sind überall in Stellung: sobald es hell wird, werden sie das erste Wort in dem großen Ringen sagen, das
in dieser Nacht beginnt. 5 Gegen fünf Uhr ist die Sonne wie eine dunkelrote, klaffende Wunde am Himmelsrand. Die Wolken schleiern bald dichter und schwerer über den roten Schein, der Himmel wird dunkel Als ich gegen 6 Uhr an den Beobachtungspunkt des Artillerie-Komman⸗ deurs in der Nähe von Borowe ankomme, ist eben noch die zer⸗ durch das Scherenfe zu er⸗
6 Kirche von G ernro Davor liegen die starken Stellungen der Russen, die durch⸗ brochen werden sollen. Die Artillerie— Kanonen, Mörser und Haubitzen—, die einen Augenblick geschwiegen hatten, setzten wieder ein. Die Riesenorgel der t spielt. Es ist mir— und nicht mir allein— feierlich und beklommen wie in der Kirche als Junge bei diesem Orgelklang, der da braust und singt; ich fühle mehr, als daß ich es weiß, daß hier eine schwere und große Entscheidung einsetzt und ich denke immer, während ich in die Ferne sehe, wo Rauch aufsteigt und Schrapnellwolken flattern: wann spielt die andere Orgel den Schluß dieser heldenschönen und heldengroßen starken, deutschen Musik, den Schluß:„Nun danket alle Gott...“ Die Ferne verhängt sich, noch ist Licht über Grudusk, aber schwere Fransen streichen schon darüber. Die Wolken ziehen wie wandernde Heere, wie schwarze, wehende Fahnen flattert es über den russischen Linien. Dann zuckt es auf und in das Dröhnen der
105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
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Dienstag, 20. Juli 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul-
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: l, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
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Geschütze wallt das Donnern eines schweren Gewitters, bis die Artillerie, der der dicke graue Regenschleier auch jeden Zielpunkt 5 vor dem himmlischen Artillerielärm schweigt. Er war stärker.
Bald nach sieben Uhr wird es lichter; die Batterien setzen wieder ein und verstärken von Minute zu Minute ihr Feuer. Um acht Uhr bricht die Infanterie aus ihren letzten Stellungen, die dem Feinde ja oft auf 150 Meter genähert sind, zum großen Sturmangriffe vor. Von ½8 Uhr an wird das Geschütz⸗ feuer betäubend, die großen schweren Kanonen, die bisher noch schen Linien aufsspringen. Sie verschwinden wieder. Der Atem geschwiegen 5 setzen ein. Punkt 8 Uhr sieht man die deut⸗ stockt, jedes Vermögen des Körpers ist in die Augen gebannt,„Sie sind durch!“ sagt der Artillerie-Oberst am Scherenfernrohr. Er rast durch den Gang von der Beobachtungsstelle zum Telephon, um das Feuer verlängern zu lassen. Ein paar russische Schrapnells erscheinen jetzt auch über dem Dorfrand, sonst ist von der russi⸗ schen Artillerie nicht viel zu merken, erst im Laufe des Tages macht sie sich hier und da störend— aber nie ernstlich eingreifend.— be⸗ merkbar. Es kommt die Meldung, daß die Infanterie die Mitte von Grudusk erreicht habe.„Hunderte von Gefangenen laufen über.“
Los! Wir setzen uns in Marsch auf Grudusk. Das Auto bleibt in einem Dorfe stehen. Etwas weiter vorwärts auf der Straße Mlawa.—Grudusk— Praszuysz steht in einem Dörfchen Feldartil⸗ lerie. Wir bekommen plötzlich ziemlich dicht russisches Feuer und wissen nicht recht warum, bis wir merken, daß es der Artilleri⸗ gilt. Die Granaten gehen ziemlich gut in das Dorf hinein. Ein, Unteroffizier und zwei Mann kommen mit der Telephondraht⸗ rolle langsam über das Feld. Sie tun ihre Arbeit, legen den Draht, und lassen Grangten Granaten sein. Dicht bei unserem, Platz, wo wir im dicken Grase liegen und das Ende der russischen Tätigkeit abwarten, wird es ihnen doch zu bunt.„Die schießen ja in eenem ejal weg!“ sagt der Unteroffizier.„Da sall nu een. Rejementsstab nein!“ Er wartet einen Augenblick.„Wie steth's vorn?“„Se haben äben rechts Schwenke gemacht,“ sagt der Mann. „Durch Grudusk sind sie durch.“ Das hieße, daß die Regimenter auf Lysakowo eingeschwenkt sind Von dort hört man jetzt auch ziemlich nah heftiges Insanteriefeuer. Plötzlich fängt die deutsche Feld⸗Batterie schräg vor uns an zu feuern, Schnellfeuer; sie scheint die russische Batterie entdeckt zu haben. Denn nach einiger Zeit hört der Granatsegen auf.„Nu ist's aber auch Zeit,“ sagt der Unteroffizier und legt sofort seinen Draht weiter.
Wir marschieren auf der Straße weiter. Rechts ist das In- fanteriegefecht immer noch in voller Entwicklung. Die schweren Geschütze donnern ununterbrochen. Man kann unter dem wolkigen, zerrissenen Himmel weit in die leichtgewellte Landschaft sehen. Wir durchschreiten die letzte deutsche Stellung, immer deutlicher heben sich die Ruinen von Grudusk ab. Die Felder rechts und, links des Weges liegen brach, ein weiß⸗goldenes Meer von wilden Kamillen und Sternblumen wellt über den Boden. Nur an einer Stelle ist ein karger Roggenschlag. Jetzt kommen die schnell ge⸗ grabenen Schützenlinien, die in der letzten Nacht von unserer In⸗ fanterie gegraben wurden mit dem flüchtig angelegten Stachel⸗ draht verhau davor Die Brandwolken von schlagen hoch. Die ersten Toten* auf dem Felde,, die ersten, die in diesem neuen Kampfe ihr Blut gaben. Das Gewehr mit dem aufge⸗ pflanzten Seitengewehr zeigt n. vorn bei dem ersten Mann, dicht bei dem deutschen Drahtver e aus dem Graben vorwärts getan hat. Sein blondes Gesicht ist still und schön, seine Faust liegt sest am Schaft, Ein puar Kame⸗ vaden* weiter vorn. Alle die leben, müssen diesen Stillen danken. E⸗ brennt die Gedanken wie Feuer ein, so ein Helden⸗ e e eee datentodes, den soll Deutschland vergessen. Zeit und Ewigkeit kommen nahe zueinander auf diesen blutigen Feldern, Dank und Ehre denen, die als Helden über die goldene Brücke gehen.
Die Verluste sind nicht groß, ganz verschwindend gegen den Erfolg, für den Einzelnen ist's immer freilich der Tod, den er zu sterben hat.
Die russische Stellung am Rande des Dorfes ist festungsähn⸗ lich ausgebaut. Die schmalen Schießscharten sind oben meterhoch mit Erde überdeckt, breite Gänge führen durch eine ganze unter⸗ irdische Stadt, in der es Nischen mit Tischen und Bänken gibt. Mitten hinein in diese überdeckten Gänge und Gräben haben die deutschen Granaten geschlagen. Ganze Teile der Unterstände sind verschüttet. Die Gewehre, die in der Schießscharte in Anschlag lagen, sind dabei mitten durchgebrochen. Der Kolben liegt unten unter Erdmassen, und der Lauf mit dem spitzen russischen Bajonett starrt noch aus den Luken. Die Schützen liegen, oft furchtbar zerrissen, bei den Kolbenteilen unten im Graben. Bei einem
Mann ist nur das Georgskreuz zu erkennen, das außblinkt, sonst Die Russen müssen
ist er verschüttet und verstümmelt.
Die Ausstellung des Gießener Uunstvereins. Gießen, 19. Juli. Im vollkommenen Gegensatz zur Ausstellung der Münchener Künstlerinnen steht die neue Darbietung des Gießener Kunstvereins. Tort eine Fülle von Namen: hier ein ein einziger Künstler, Pro⸗ fessor Walter Illner aus Darmstadt. Dort vielfach etwas Demo⸗ kratisches, ein Drauflosgehen, der Eindruck des Suchens und Wer⸗ dens: hier ein geborener Hofmaler mit glänzenden, ja 5 5 rischen Eigenschaften, aber mit einem leisen Zug des Scho
nfertig⸗ seins, denn hat man fünf von seinen Bildern gesehen, kennt man auch das sechste bereits ungesehen. Gerade in der Sicherheit, mit der die Erscheinung beherrscht wird, liegt die Gefahr, in Manier zu versinken, liegt die Versuchung, unter dem sprühenden Feuer technischen Könnens zu vergessen, nach der seelischen Aehnlichkeit des Porträts, nach der Seele des Porträtierten überhaupt zu fragen. Eine einzige Ausnahme dürfte das Bildnis der Frau von Scanconi sein, das, märchenhaft in Farbe und Zeichnung, bei voller Wir⸗ kung aller äußeren Momente einen zarten, seelischen Hintergrund empfinden läßt. Meisterlich sind hier auch die Hände erlebt und wieder; en, die auf andern Bildern oft etwas Hölzernes und Ungegli es haben. em allgemeinen neigt der Künstler mehr dazu, harmlos fröh⸗ liche Heiterkeit sestzuhalten, und sein außergewöhnlich guter Farben⸗ inn unterstützt ihn dabei aufs glücklichste. Er schafft so in seinen 1 häre des Wohlbefindens, des Gepflegten und Lebensgenusses, die ihn zum Maler der eleganten Frau vorzüglich geeignet erscheinen läßt. Sein Hauptausdrucksmittel, das Pastell, ist ihm stets gefügig. Er weiß ihm immer neue Möglich⸗ keiten zu entlocken, um farbige Phantasien und Harmonien hervor⸗ uzaubern, um Schmuck, Seide, Schleier und Kissen in leuchtenden Tönen wirken zu lassen. Illner hat einen solch außergewöhnlich guten Blick für malerische Reize, für dekorative Wirkung, für eigen⸗ artigen Nebeneinander von Farben, daß man unwillkürlich wünscht, 1 möge diese große Begabung auch einmal an Stilleben und Aehn⸗
Rosl“ nicht ganz entgangen ist.*
In eimer Reihe von Porträts bedient sich Illner auch der Oel⸗ malerei, die für die Bewältigung von größeren Flächen und von Dunkelheiten besser sich eignet. So erfolgreich wie mit dem Stift ist er dabei freilich nicht. Das sichere Einsetzen der Farbe fehlt, das die Oeltechnik erst lebendig und vibrierend macht. Die Farbe ist mitunter vermalt, verliert ihre Tiefe und ihre Glut und wird „speckig“.“ Ein hartes Nebeneinander verhindert den plastischen Eindruck, wie sich deutlich an dem Porträt der Frau von Kaulla beobachten läßt. Die helle Halslinie steht zu unvermittelt neben dem Dunkel des Hintergrundes. 5
Auch in dem etwas alltäglichen Bildnis des Freiherrn von Leonhardi haben die Farben ihre Unmittelbarkeit, ihr Leuchten eingebüßt. Es fehlt das große, vereinfachende Sehen, wie die Pastellbilder es so vortrefflich zeigen. Das Ohr z. B. ist ganz ohne Zusamm g gemalt, in flachem, kreidigem Ton.
Viel befriedigender sind die Schwierigkeiten auf dem großen Porträt des General von Bosse gelöst. Es wirkt repräsentativ, groß⸗ zügig und eigenartig durch seine Komposition, die straff auf der Diagonale aufgebaut ist. Von den Oelbildern am besten gelungen dürfte aber das Bildnis des Dr. Tust sein, das eine höhere Stufe der Technik zeigt, das flott und lebensvoll herausgearbeitet ist.
Der Künstler hat sich auch an einem großen Bild religiösen Inhalts versucht. Die„Kreuzigung“ bietet zwar gute Einzel⸗ heiten, wie die Aufstellung der Schächer und ihre Kontraste von hell und dunkel Aber der Gruppe der Frauen fehlt ganz die In⸗ nerlichkeit, sie ist hingestellt, wie man Modelle im Atelier aufstellt. Das e rührt keinerlei Erschütterung in uns auf. Dies Bild bleibt ein Versuch, dem Schaffenden selber gewiß lehrreich, aber wohl ihn und die Beschauer deutlich zurückweisend auf das eigentliche
ld seiner Begabung: auf die Wiedergabe der Anmut und des
iebenswürdigen. Paula Messer⸗Platz. *
— Die Ueberlegenheit der Deutschschrift. Der Streit über die größeren lesetechnischen Vorzüge der deutschen oder lateinischen Schrift ist immer noch nicht abgeschlossen, immer noch wird ein heftiges Für und Wider ins Feld geführt. Es ist aber jetzt, da unser Verhältnis zum Ausland eine grund⸗ legende Umwandlung erfahren hat, für uns von besonderem Interesse, daß die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Unter⸗ suchungen, über die Prof. Fritz Kern im letzten Heft der„Um⸗ schau“ berichtet, sich entschieden zu Gunsten der Deutschschrift aussprechen. Schon Schackwitz hatte bei erwachsenen Versuchs⸗
personen festgestellt, daß die Deutschschrift die Kraft der Augen⸗
furchtbare Verluste gehabt haben, denn ganze voll⸗ besetzte Grabenteile sind nur noch ein Chaos. In den erhaltenen Stücken sind die Zeichen der wilden Flucht zu sehen, alles liegt wirr durcheinander, Brotbeutel und Gewehre, Hand⸗ granaten und tausende von Patronen noch in den Blechbüchsen verpackt, Brote und Gemüsekonserven, Tabak und Witzblätter, die schmutzige und lüsterne Bilder zeigen. Ein kleiner Apparat fällt auf, ein Instrument, das erlaubt, daß man in das Vorfeld sehen kann, ohne den Kopf zu zeigen. Ein länglicher Kasten mit seitlichen Oeffnungen oben und unten, hinter denen im Winkel zueinander geneigt zwei Spiegel befestigt sind. Sicherlich ist das Kästchen. ganz praktisch und geeignet, unnötigen Kopfschüssen zu entgehen, beim Sturm, da er nicht viel nützt, haben ihn die Russen mitsamt den Gewehren fortgeworfen und sind in Scharen rechts und links der Stellungen übergelaufen. Die ersten hundert Gefangenen waren uns vorhin begegnet, jetzt werden wieder über hundert durch das Dorf getrieben. Es sind kräftige Gestalten. Sie gehören einen sibirischen Division an. Sie meinen, daß das Artilleriefeuer ent⸗ setzlich gewesen wäre.„Wie jüngster Tag.“ Ein gefangener Oberst ist schon zum Divisionsstab geführt worden. Die gleitmann⸗ schaften erzählen, daß sich bei Lysakowo die Russen noch einmal gestellt hätten.„Aber wir sind druff,“ und der Mann zeigt in ein Waldstück, vor dem ein paar mächtige Heumieten zu erkennen sind. „Und jetzt gehn mer weiter,“ und er zeigt mit derselben groß⸗ artigen Bewegung gegen die Höhen, hinter denen Prasz⸗ nysz liegt. Alle Leute von den stürmenden Regimentern, mit denen ich, sprach, sind in der gleichen„uffgekratzten“ Stimmung. Man sieht den Sieg ordentlich in allen Augen glänzen, und sie erklären alle, daß„mer diesmal Schluß machen“. Ich will ihnen gar nicht widersprechen. Ich habe nach der Winterschlacht gemeint, daß die Russen den Feldzug verloren, wenn wir ihn auch n lh 2 lange nicht gewonnen hatten. Ich glaube, daß man allmählich
die Zeitspanne, die dieses„noch“ bedeutet, wird abschätzen können. Ich will dabei den Vorwurf eines allzugroßen Optimismus gern auf mich nehmen; wenn man auf den Schlachtfeldern dicht bei unseren Truppen weilt, muß man ein Optimist werden. 23
Als wir gerade dabei sind, durch den Gutsgarten zu gehen, dessen Obstbäume voll Birnen und Aepfel angesetzt haben, sausen ein paar russische Schrapnells in das Dorf. Wollen sie diesen granatendurchfurchten Garten auch noch die paar letzten Zweige von den Bäumen schlagen? Was können sie anders wollen, in dem Dorf ist außer uns— zwei Hauptleuten und einem Kriegs⸗ berichterstatter— kaum jemand zu finden. Aber da saust schon eine zweite Ladung in den Garten. Wir ziehen es vor, in einem der verlassenen Unterstände die weiteren russischen Schießversuche abzuwarten.„Die sind so sinnlos und treffen uns,“ sagt der Hauptmann vom Großen Generalstab. Der andere, Hauptmann vom Stell vertretenden Generalstab, der besondere Mission hat, ist über die Sinnlosigkeit des russischen Schießens geradezu empört. Aber es nützt nichts.
Nach einiger Zeit scheinen die Schüsse etwas südlicher zu gehen. 1 189 auf die Straße und gehen zum Ausgang des Dorfes 3 0 Hier auf freiem Feld hat man Ueberblick. Die Straße von Demsk trifft sich in Grudusk im spitzen Winkel mit der von Maawa, und auf der Demsker Straße jagen in vollem Galopp Munitions⸗ kolonnen vorwärts. Da— diesmal Granaten— saust es über unfere Köpfe Zwei fallen zu kurz, zwei schlagen in die Kolonnen ein. Ein Pferd fällt. In rasender Eile wird es ausgeschirrt. die anderen Gespanne jagen vorbei. Rain, Rain, Rain, Rain Wieder genau auf die Straße Der getroffene Wagen setzt sich wieder in Galopp, er scheint nicht viel beschädigt zu sein. Von der anderen Seite hinter uns beginnt das Dröhnen einer schweren deutschen Batterie, man scheint die russische Batterie zu suchen. Die Kolonne hat den Schutz des Dorfes erreicht. Eine neue hält schon hinter dem Hügel, der gegen Sicht deckt. Einzeln jagen die Gespanne jetzt vorwärts, die Peitschen klatschen nieder, die Pferde setzen das Letzte ein, als wüßten sie, um was es sich handelte. Wieder sausen die Granaten. Durch. Endlich nach langer Zeit macht die Batterie— vermutlich aus Munitionsmangel oder weil sie infolge deutscher Beschießung Stellungswechsel vornehmen muß — Pause. Wir gehen zurück.
Tie Schlacht rückt weiter vorwärts, scheinbar mit ziemlicher Schnelligkeit. Was an den anderen Punkten geschieht, weiß ich nicht, ich fühle nur, der Sieg schlägt mit rauschenden Flü⸗ geln über den Regimentern. Wir rücken vor, das on⸗ nern der Geschütze wird schwächer durch die Entfernung, das In⸗ fanteriefeuer ist nicht mehr zu hören. 13
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Da ich biesen Bericht anfing zu schreiben, fuhren eben Hinden⸗
burg und Ludendorff an meinem Fenster vorüber. Die Einwohner 5 5
musreim um rund 25 Prozent schont. Diese Erfahrung ist nun durch eine Reihe von exakten Versuchen, die M. Lobsien ben Knaben anstellte, bestätigt worden. Es ergab sich auch hier, daß, um eine Zeile zu lesen, bei Deutschschrift im Durchschnitt 8,17, bei Lateinschrift 10,11 Augenbewegungen erforderlich waren. Die schärfere Charakteristik der deutschen Buchstaben ermöglicht es, einen größeren Abschnitt der Zeile auf einmal zu erfassen, Lobsien kam zu ganz neuen Ergebnissen, indem er nicht nu. die Zahl der Augenbewegungen, sondern auch die Lesezeit für die Zeile maß. Während das Lesen der Deutschschrift 18,06 Zeiteinheiten erfordert, braucht man für die Lateinschrift nur 15,78; eine Zeile in Lateinschrift wird also um 12,6 Prozent vascher gelesen als eine Zeile in Deutschschrift. Trotzdem kann der Leser ein in Lateinschrift gedrucktes Stück nicht schneller be⸗ wältigen, als wenn es in deutscher Schrift gedruckt ist. Wenn er auch die einzelne Zeile rascher liest, so muß er dafür im ganzen mehr Zeilen lesen, weil die deutsche Druckschrift regeln mäßig mindestens 10 Prozent mehr Schriftsatz auf einer Zeile ent⸗ hält als die lateinische. Damit wird der Unterschied der beiden Schriftarten für die Schnelligkeit des Lesens völlig aufgehoben. Nun kommt es aber nicht nur auf das mechanische Zeitmaß des Lesens allein an, sondern dieses hat sich dem pfychologischen Zeitmaß, das die geistige Aufnahme und Verarbeitung des Ge⸗ lesenen fordert, und dem physiologischen Gebot, das Auge mög⸗ lichst wenig zu ermüden, anzupassen. Bei der deutschen Schrift hat das Auge um 25 Prozent weniger Bewegungen zu machen, es strengt sich also um ein Viertel weniger an. Da ferner die Schnelligkeit des Lesens sich der geistigen Aufnahme anpaßt, und der Leser eines Antiquatextes sich den Inhalt eines Lese⸗ stückes ebenso rasch anzueignen bestrebt ist wie beim Fraktur⸗ druck, so führt in der gleichen Zeit das Auge beim Lesen den Lateinschrift, bei der es mehr Zeilen zu bewältigen hat, um ein Viertel mehr Bewegungen aus, und die Ruhelagen des Auges müsfen entsprechend verkürzt we Während das Auge 100 Frakturzeilen liest, also 817 Augenrucke vollzieht, muß es 112 Antiquazeilen, also 1132 Augenrucke bewältigen. Der Blick geht beim Frakturlesen gleichsam mit langausholenden festen Schritten, bei der Antiqua hastig und trippelnd die Zeile entlang. Die vielen raschen und kleinen Bewegungen ermüden aber das Auge ganz besonders, die größeren schweifenden Blicke mit längeren Ruhe⸗ lagen, welche die Fraktur erlaubt, sind dem Auge erheblich zuträglicher. So bestätigt jede neue Versuchsreihe die bessere Lesbarkeit und besonders die größere Zuträglichteit für die Angenn die die Deutschschrift der Lateinschrift gegenüber hat. 9
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