Ausgabe 
(9.7.1915) 159. Zweites Blatt
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ut. 159

tiefe Katzenjammer, und wenn er einen

weites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

England über sich selbst.

Wenn die unfähigen Befehlshaber und Beamten nicht bald besseren Leuten 8 England seine Verbün⸗ deten verlieren. Die Begeisterung der Kolonien wird gelähmt und die Armee wie die Flotte strengt sich vergeblich an. Ja, England wird sogar den Krieg verlieren, so leit⸗ artikelt ein ahnungsvoller Engel in derDaily Mail, und wenn man dieser Selbsterkenntnis allzugroße Schwarz⸗ seherei vorwerfen wollte, kann sie sich auf nichts geringeres als die seiner Lordschaft, des Herrn Hal⸗ dane berufen, der fast zur selben Stunde im Oberhaus den Schreckensruf ausstieß:England wird die Vorteile des Ansehens, der Vergangenheit und der Ueberlieferung verlieren! Man wird vielleicht einwenden, diese pessi⸗ mistischen Erkenntnisse beziehen sich nur auf das zu er⸗ wartende Defizit Englands, in Geldfragen werde der Eng länder eben am schnellsten ernüchtert. Schon sind aber volle Beweise da, daß man in London auch in militä⸗ rischer Hinsicht täglich klarer sieht und alle schönen Hoff nungen aufgibt. Im Unterhause hat der Unionist Houston seinen Landsleuten den denkbar reinsten Wein eingeschenkt, als er erklärte:Niemals in der ganzen Geschichte unseres Landes ist die Lage so verzweifelt gewesen. Sie bedeutet nach elf Kriegmonaten ein reines Patt.

Zu solchen Parlamentarierstimmen gesellen sich die Warnrufe hervorragender Intellektueller, wie z. B. des Dichters und Schriftstellers Rudyard Kipling, der, auf⸗

efordert, vor einer Versammlung in Newpork in Lanca⸗

re zu sprechen, in der die widerstrebenden jungen Briten fein Eintritt in die Armee angefeuert werden sollten, eine 1 7 mit folgender Ansicht überraschte:Deutsch⸗ land ist mit. Ausrüstung in den Krieg gezogen. Gegen diese Ausrüstung haben wir jetzt seit elf Monaten anzukämpfen. Wir haben gar keine Veranlassung, zu glau⸗ ben, daß Deutschland einen plötzlichen, dramatischen Zu⸗ sammenbruch erleiden werde, wie bei uns einige Menschen. noch immer hoffen. Warum sollte es auch? Zwei Gene⸗ rationen hindurch hat es sich in allen Einzelheiten vor⸗ bereitet, und die Nation ist mit jeder Fiber ihrer Herzen mit und in diesem Kriege.

Man könnte wieder einwenden, solche Reden sollten nur der Munitionsbill Lloyd George auf die Beine helfen oder Stimmung für die allgemeine Wehrpflicht machen. Aber diese Reden werden auch jetzt gehalten, nachdem das Rekrutierungsgesetz unter Dach und Fach gebracht ist und Dichter wie Volksvertreter wissen ganz genau, daß ihre Landsleute sich doch nicht zum militärischen Dienstzwang belehren lassen. Nein, was jetzt drüben bei unseren sogenann⸗ ten Vettern spricht, schreibt und druckt, ist der wahre, echte, an Zweck hat, so ist es der, das britische Publikum langsam, aber sicher auf den schlimmen Ausgang vorzubereiten. Man hätte es früher und billiger haben können. Zwei recht bedeutende Engländer haben es schon gleich nach Kriegsbeginn gesagt, Bernhard Shaw in der Septembernummer vonNashs Magazine: Wir müssen jetzt kämpfen und sterben und leiden mit dem schrecklichen Bewußtsein, baß wir uns für eine wahnsinnige Sache opfern. Und der zurücktretende Minister John Burns am 14. August 1914 in der Alberthalle zu London vor seinen Wählern:England hat alles auf eine Karte ge⸗ setzt, auf den französisch-russischen Sieg; wie aber, wenn Englands Truppen mit den Franzosen gemeinsam geschla⸗ gen werden? wenn die Kunde von Englands Nie rlage und Schwäche hinausdringt in die Kolonien, die fast nichts mehr gemeinsam haben mit dem Mutterlande? die viel- leicht nur auf irgendeine Gelegenheit warten, um vom Mutterlande abzufallen? wie, wenn Frankreich nicht siegt? Ungeheure Werte gehen dann verloren, und der Verlust an Einfluß auf die kontinentale Politik ist nie wie⸗ der auch in Jahrhunderten nicht wieder einzuholen. Ein so kräftiges, seines Wertes vollbewußtes Volk wie das

che ist nicht in die Fesseln zu legen, die man ihm

Das Sprach⸗ und dolksproblem des Isonzolandes. In Görz und Gradiska, Landschaften, die seit jeher als Völker⸗ heerstraße gedient haben, herrscht naturgemäß ein buntes ethno⸗ graphisches Mosaik, in dem die Deutschen trotz der auf die Goten⸗ und Langobardenzeit zurückgehenden alten Germanisierung des Landes nur verstreute Effekte bilden. Hier stoßen drei Haupt⸗ volker Europas, Slawen, Romanen und Germanen, aufeinander. Die 7 der Bevölkerung(63 Prozent) besteht nach Emil Zuckerkandl und K. Vipauz aus Slovenen, 30 Prozent find stalienisch⸗ladinisch und nur 1 Prozent deutsch. Trotzdem ist die deutsche Sprache auf diesem uralt deutschen Kulturboden allgemein verbreitet, denn vor allem die Slawen, die als Hausierer, Salami⸗ verkäufer und Kastanienröster in Oesterreich ihren Unterhalt suchen, wissen, daß sie eben mit dem Deutschen weit besser fortkommen als mit dem Italienischen, für das kleine, schon seit langen Jahren von Rom aus bezahlte Gruppen derIrredentisten eine ver⸗ gebliche Propaganda machen. Die rein Deutschen setzen sich heute nach einem der besten Kenner der verwickelten Ethnographie des Landes, Graf Coronini⸗Cronberg, aus einzelnen Gewerbetreibenden und Industriellen, aus angestellten oder pensionierten Beamten und aus den Angehörigen des stets sein Deutschtum treu bewahrenden alteingesessenen Adels zusammen. Wie schon daraus geschlossen werden kann, sie sich über das ganze Land zerstreut, so daß es dort heute keine einzige völlig deutsche Gemeinde gibt. Das ist um so merkwürdiger, als in früheren Jahrhunderten eine systematische deutsche Kolonisterung der Landschaften stattgefunden hat. So sind größere deutsche Einwanderungen im 14. Jahr- hundert aus dem Pustertal, das damals unter der Herrschaft der Görzer Grafen die dem uralten Kärntner Geschlecht der Gau⸗ grafen von Lurn und Leoben entstammten und im Jahre 1500 mit Graf Leonhard, dessen schönen Grabstein die Görzer Dom⸗ kirche enthält, ausstarben und in Beziehung zu den gleichfalls deutschen Patriarchen von Aqufleja stand, auf Veranlassung der letzteren nach dem Batscha⸗Tal und den umliegenden Gebirgs⸗ landen erfolgt. Es entstanden so die Ortschaften Deutschruth, Starschischoe und Podberda, deren Einwohner mit großer Zähig⸗ leit dem. Volkstum treu blieben, aber heute äußer⸗ lich vollständig slopenisiert sind.Trotzdem bezeichnen sie noch immer viele Gegenstände des täglichen Gebrauches mit deutschen Ausdrücken, und ihre Aussprache des Slovenischen unterscheidet sie eini ßen von den ursprünglichen Slovenen der Nachbarschaft, die sie selbstpravi Slovencirechte Slovenen nennen. Unter der ierung der Kaiserin Maria Theresia siedelten sich am

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lde de Bl 9. bei den Deutschen, wo

ster⸗ belegt sind. Es ist unter diesen Umstämden nicht zuviel

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Freitag, 9. Juli 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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schmieden will. Dieses Volk wird nicht eher ruhen und nicht eher rasten, als bis es in einem Vernichtungskampf gegen England siegen wird. Also, man hätte es früher und billi⸗ ger haben können.

London, 8. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) DieDaily Mail schreibt in einem Leitartikel: Dieselben Politiker wie früher sind im Amte. Es haben nur wenige Veränderungen stattgefunden, nur wenige neue Männer sind ins Kabinett berufen worden, um die Bürde zu tragen, die Asquith zu schwer werden wird, wenn das Publikum deutlich erkennt, was geschehen ist. Tatsächlich üben dieselben Männer wie zu Kriegsbeginn die poli⸗ tische Kontrolle aus, während Deutschland unfähige Leute besei⸗ tigte. Wir können den Krieg nur gewinnen, wenn das britische Publikum die Sache selbst in die Hand nimmt und auf der Ent⸗ lassung unfähiger Stümper unter den Politikern und im Kriegsamt besteht. ö 4

London, 8. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Es wird erklärt, Lloyd George brauche insgesamt 100000 Munttions⸗ arbeiter, die er Samstag zu erhalten hofft. 1 Der Herzog von Teck ist vorläufig zum militärischen As⸗ sistenzsekretär im Kriegsamt ernannt worden. 5

Aus dem Oberhause.

London, 8. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Im Oberhaus brachte Lord Midleton eine Resolution ein, daß die Regierung Schritte tun müsse, um die nichtmilitärischen Staatsausgaben zu verringern Er sagte, daß die letzten Tage eine beträchtlich ver⸗ änderte Haltung der Regierung betreffs des Krieges zeigten. Re⸗ den, wie diejenige Curzons, ließen erkennen, daß die Regierung entschlossen sei, das Volk nicht* 2 im Zweifel zu lassen, daß die Maske abgenommen und der Ernst der Lage völlig dar⸗ gelegt werden solle. Die Kriegsschuld würde im März 1916, wenn der Krieg dann beendet sei, 1293 Millionen Pfund Sterling be⸗ tragen, die Zinsen würden 18 194000, die Kriegspensionen etwa 19 Millionen ausmachen. Demgegenüber ständen, vorausgesetzt, daß die Verbündeten und die Dominions alle aus Anleihen entstan⸗ denen Verpflichtungen erfüllten, nur 62 750 000 zur Verfügung, so daß ein jährliches Defizit von 14 250 000 vorhanden sein würde. Dabei fehlten Maßnahmen zur Abtragung der neuen Schuld. Midleton kritisierte die einzelnen Ressorts und griff die Finanzpolitik der liberalen Regierung an, namentlich die Aus⸗ gaben für Sozialpolitik und Schulpolitik. Er sagte: Wir schei⸗ nen ebensowenig finanzielle wie militärische Vorbereitungen für den Krieg getroffen zu haben. 5 J g

Lord Lans dow ne stimmte im allgemeinen den Ausführun⸗ gen Midletons zu. Lord St. Aldwyn tadelte, daß der Schatz⸗ kanzler nicht sofort bei Beginn des Krieges die Besteuerung er⸗ höht habe. Lord Haldane stimmte der Ansicht zu, daß die Mi⸗ nisterien sehr verschwenderisch wirtschafteten, aber die Debatte mache

den Eindruck, als ob es nach dem Kriege genügen würde, neue

Steuern zu erheben und im übrigen fortzufahren wie vorher. Eng⸗ land werde indessen nach dem Kriege ein ganz anderes, weil viel ärmeres Land sein. Es werde die Vorteile des Pre⸗ stiges der Vergangenheit und Tradition verloren haben, die Eng⸗ land die einzigartige Stellung im Handel und in der Industrie gaben, und die es bisher genoß, weil es sie im Besitz hatte, ohne daß Rivalen hineinkommen konnten. Jetzt aber würden die Ri⸗ valen ins Feld einbrechen. England werde nicht so viel Ueber⸗ fluß an Kapital haben wie andere Länder. Die Kaufleute und die Industriellen würden auf die eigenen Hilfsquellen, auf ihr eigenes Geschick, ihre Findigkeit und ihren Unternehmungsgeist angewiesen sein. Es sei daher notwendig, sich jetzt darauf vorzubereiten. Es sei eine bessere Erziehung nötig. Die Kaufleute und Industriellem müßten eine bessere Vorbildung erhalten, wenn sie sich gegen die neue Konkurrenz behaupten sollten. Sparsamkeit müsse aufs ent⸗ schiedenste geübt werden, aber im Schulwesen eben so wenig wie bei den Armeen an der Front..

London, 8. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Nach einer Mittei⸗ lung des Handelsamtes nahm die Einfuhr um 17836 144 Pfd. Sterling zu; die Ausfuhr hat um 6 639 408 Pfd. Sterling ab⸗ genommen.

DieTimes über die vergeblichen Kämpfe an den Dardanellen.

London, 8. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) DieTimes schreibt in einem Leitartikel zu dem Bericht des Generals Hamil⸗ ton über die Kämpfe an den Dardanellen, der die Ereignisse bis zum 4. Mai darstellt. Es ist schwer verständlich, weshalb er nicht früher bekannt gegeben und weshalb das Publikum fünf Monate im Dunkel gelassen worden ist. DieTimes kritisiert die ab⸗ sichtliche Unklarheit eines Teiles des Berichtes und sagt: Man. hätte offen sagen sollen, daß im März die Transporte von Kriegs-

heute nur noch die ausschließlich deutschen Zunamen an die Ab⸗ kunft ihrer Bewohner zu gemahnen scheinen. Aber im Grunde ist diese Slawisierung doch nur ein äußerer Firniß, denn die führen⸗ den politischen und industriellen Kreise des Landes, dessen Adel die Attems, Cobenzl, Coronini und Thurn entstammen, sind deutsch und wohl mag der Krieg hier reinigend uraltes Deutschtum aus dem Dornröschenschlummer wecken. An Anzeichen fehlt es nicht: die mehr als kühle Aufnahme, die die italienischenBefreier fanden, bleibt ein klassisches Zeugnis dafür.

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Der Krieg als Sprachschöpfer. Der große Krieg hat auch die Sprache in wunderbar vielgestaltiger Weise beein⸗ flußt. Am schlagendsten und üppigsten zeigt sich diese befruchtende Einwirkung im Wortreich wichtigsten Nahrungsmittels, des Brotes; zukünftige Forscher der Kulturgeschichte werden, wie Franz Kemény im neuesten Heft derZeitschrift für das Realschulwesen an der Hand einer originellen Sprachauslese ausführt, mit Erstaunen den Einzelheiten der Brot⸗ und Brötchenfrage unserer Tage nachgehen. Unser tägliches Brot ist in Deutschland alles Mögliche, ein Reform⸗ brot, Vollbrot, Vollkornbrot, Einheitsgebäck, Einheitsbrötchen, Schwarzweißrotes Kriegsbrot, Tunkebrot, Blutbrot, Blut⸗Kartofsel⸗ brot, Strohbrot, Himmelsbrot, K-Brot usw. geworden. In Oester⸗ reich wurden Weiß⸗ und Schwarzbrot sowie Kleingebäck durch das schwarze Roggenbrot ersetzt, während das Weizenbrot zum Kaffee⸗ hausbrot befördert wurde. Daneben werden die verschiedensten Brotmehlsurrogate herangezogen: Reismehl, Reisstärkemehl, Malzstärkemehl, Kartoffelstärkemehl, Strohmehl, und es wird die Höckstausnützung der Getreide- und Mehlvorräte angeordnet, was im Wiener Deutsch zu den schönen Wortschöpfungen Mehl⸗ kommissär, Mehlkunde, Mehlsperre, Mehlkonferenz, Mehlfatierung und Mehlkarte führt. Außerdem wird dieFlüchtlingsausspeisung eingerichtet, dasNachtbackverbot erlassen und gegenNahrungs⸗ mittelpiraten strengstens vorgegangen. Sogar ein Brotlied ist ent⸗ standen, dessen beide Endverse lauten:Wir wollen den Weizen strecken Die Waffen: die strecken wir nicht! Groß ist die Wort⸗ familie der Brotkarten, von denen nur das Brotkartenalbum, die Malefizbrotkarten und derBrotkommissionsvorsitzende genannt seien. Von sonstigen hierher gehörenden interessanten sprachlichen Scköpfungen hat Kemény gesammelt: Lebensmittelpiraten, Hun⸗ gersnotpreise, Berliner Brotdemokratie, Kriegsspeisekarte, K-Gym⸗ nastik, Waffenübung des Magens, Kriegsdienst der Küche, Mehl⸗ speiskrise, königlicher Kartoffelbrotgeist, Aushungerungsstatistiker und viele andere mehr, alles Ausdrücke, die dem lebendigen Sprach⸗ und Oesterreichs entnommen und quellenmäßig

gesagt, daß gar viele Artikel des großen deutschen Wörterbuchs der Brü⸗

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material so fehlerhaft geladen worden seien, daß sie nach Alexandria gefahren und dort völlig umgepackt werden mußten. Ein kom⸗ binierter Angriff zu Land und zur See sei damals unmöglich ge⸗ wesen, weil trotz der großen Erfahrung in überseeischen Unter⸗ nehmungen die Transporte falsch geladen waren. Deshalb konnte der militärische Angriff erst im April beginnen, nachdem den Türken und Deutschen Zeit gelassen worden war, die Halbinsel in ein größeres und abwechslungsreicheres Gibraltar zu verwandeln. DieTimes preist den Schneid und die Tapferkeit der Truppen, die die Landung auf Gallipoli möglich gemacht hätten, stellt aber fest, daß bis zum April kein wirksames Zusammenarbeiten zwischen Heer und Flotte bestanden habe. Das Publikum werde mehr denn je durch den Mangel an Politik und Vorbereitungen, der die Unternehmung kennzeichne, verwirrt. Das Blatt erklärt: Wir be⸗ rühren hier nur den äußersten Zipfel der gemachten Fehler und sagen nichts über noch größere, die nur in elfter Stunde gut⸗ emacht wurden. Das Publikum ist berechtigt zu wissen, welche Entschuldigungen für die fundamentalen Fehler gegeben werden können, die Meerengen ohne militärische Hilse bezwingen zu wollen. DieTimes erklärt schließlich, die Lektüre des Berichts von Hamilton überzeuge jeden, daß die Alliierten schließlich das Ziel erreichen werden.(Notiz: Daß dieTimes aus dem Telegramm gerade diese Ueberzeugung gewinnt, wirkt allerdings etwas über⸗ raschend.) 0 5 a Eine Stimme aus Frankreich.

Paris, 8. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Der frühere Minister Hanotaur schreibt imFigaro, der wirkliche Charakter dieses Krieges beginne sich erst jetzt zu enthüllen. Der Krieg würde don den Alliierten schmerzliche und lange Anstrengun⸗ gen fordern. Deutschland habe sich von langer Hand vorbereitet; es bereite nicht nur seine militärische sondern auch seine industrielle und wirtschaftliche Mobilmachung vor. Dagegen mußten die Alli⸗ ierten alles improvisieren. Jetzt stelle sich haraus, daß diese Im⸗ provisation auch nicht genüge. Ueberall schreite man zur Avilen Mobilmachung. Hanotaux betont die Notwendigkeit für die Alli⸗ ierten, alle Anstrengungen in jeder Richtung zu zentralisieren. In militärischer Beziehung werde die Einheit des Kommandos durch das ständige Einvernehmen aller Führer sicherlich bald verwirklicht werden. In der industriellen Mobilmachung müsse ebenfalls die Verbindung aller Bemühungen erfolgen. Ihre Ver⸗ wirklichung werde durch die bereits bestehende finanzielle Organi⸗ sierung erleichtert. Hanotaut fordert, daß die gemeinsame finanzielle Organisation der Alliierten noch weiter aus⸗ gebaut werde, und daß die Diplomatie der alliierten Mächte Hand in Hand arbeite, ohne daß jede Macht besondere Absichten ver⸗ folge. Dies geschah bisher und vereitelte leider das Zustandekom⸗ men mancher wichtigen Abmachung. Die Freundschaft der Alli⸗ ierten werde angesichts des großen gemeinsamen Zieles zu sol⸗ chen Opfern sicherlich bereit sein.

die Wiedereroberung von Lemberg.

Blutig rot war abends die Sonne hinter einem schwarzen Damm untergegangen. In der Nacht hatte es geregnet, und als der Tag anbrach, hing schweres Gewölk wie ein bleiernes Dach über den Vorbergen der Karpathen. Eine eigentümliche Stimmung, dumpf und schwer, lagerte über der Landschaft, als wir hinaus⸗ fuhren nach Osten zu den blutigen Ereignissen entgegen. Aber mehr und mehr hellte der Himmel sich auf, und plötzlich, um die Mittagsstunde, brach sieghaft die Sonne hervor. Das war der Tag von Lemberg! Wir fuhren diesmal nicht auf der direk⸗ ten Lemberger Straße über Mosciska Grodek, sondern 15 Kilo⸗ meter weiter nördlich von Radymno, dort, wo die Armee Macken⸗ sens in gewaltigem Vorstoß zuerst die russische San-Stellung durch⸗ brochen hatte, auf einem Parallelwege über KrakowiceJaworow Janow an die vielgenannte Grodeker Seenkette heran, dicht hinter der die Russen seit einigen Tagen den letzten Versuch machten, den für sie so kostbaren Besitz der galizischen Hauptstadt zu ver⸗ teidigen. Ueberall wurde emsig an der Wiederherstellung der zer⸗ störten Verbindungswege gearbeitet. Deutsche Eisenbahntruppen, die wir an allen galizischen Strecken trafen, bauen an den ge⸗ sprengten Brücken und Schienensträngen. Mannschaften der deut⸗ schen Feldtelegraphie kletterten mit ihren Steigeisen an den Füßen wie die Spechte an den rohbehauenen Birken- und Kiefernstämmen hinauf, die von russischen Gefangenen aus den nahen Wäldern herangeschlepvt wurden, und zogen ihre Drähte. Auf den Land⸗ straßen aber schippte, schauselte und walzte alles durcheinander: deutscher und österreichischer Landsturm, gefangene Russen, ga⸗ lizische Frauen und Kinder. g

Noch lag sourst aber alles wie im tiefsten Frieden. Große Herden von langhörnigen Rindern und schönen Pferden tum⸗ melten sich auf den weiten Wiesenflächen, und die Bewohner der

der Grimm, bekanntlich einer kulturgeschichtlichen Quelle ersten Ranges, einer Neubearbeitung bedürfen werden, ehe noch das ge⸗ waltige Werk, an dem jetzt das dritte Menschenalter arbeitet, zu Ende geführt ist. Vielleicht aber hilft man sich, um den Plan des 1 Ganzen nicht zu stören, indem dieSprachschöpfungen des Welt⸗

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lrieges als Ergänzungsband erscheinen. Nach einem oberfläch⸗ lichen Ueberschlag, der nur das allgemeiner Verbreitete berück⸗ sichtigt, beziffern sie sich auf mehrere hundert bisher, wie denn die hier mitgeteilten aus der Brotfamilie schon rund 40 erreichen. So bringt der Krieg auch den Sprachforschern dankbare Arbeit.

Statistische Riesenzahlen vom Luftsalpe⸗ ter. Zu den wichtigsten wirtschastlichen Problemen des Weltkrieges gehört bekanntlich das Salpeterproblem, das die Frage der aus⸗ reichenden Bodendüngung in sich schließt. Die Wissenschaft hat ihm in der letzten Zeit um so mehr Interesse entgegengebracht, als nicht nur der Import des natürlichen, sog. Chilisalpeter aus Chile und Ecuador unterbunden ist, sondern auch alarmierende Gerüchte auftauchten, diese südamerikanischen Salpeterlager würden in vierzig bis höchstens sechzig Jahren erschöpft sein. Da sind nun einiga statistische Angaben von besonderem Interesse, die H. Großmann und Prof. Dr. Honcamp in mehreren Einzeluntersuchungen gegeben haben. Danach stieg der Weltkonsum an Salpeter von 100 Tonnen zu je 20 Zentner) im Jahre 1831 auf 20000 im Jahre 1851, auf 230000 im Jahre 1880, auf 1334000 im Jahre 1910 und betrug 1913 2 274000 Tonnen, wovon Deutschland allein 896 225 verbraucht und damit der stärkste Salpeterkonsument der Gegen⸗ wart ist. Eine von Peru und Chile jüngst abgeschlossene Aufnahme der staatlichen Salpeterlager ergab nun, daß unsSüdamerika wahrscheinlich noch mehrere Jahrhunderte hindurch bei einem noch größeren Export als jetzt wird mit Salpeter versorgen können. Nebenbei besteht aus klimatischen Erwägungen noch die Möglich⸗ keit, daß in Tibet solche Lager erschlossen werden könnten. In⸗ dessen hat der Krieg diese Quellen für Deutschland verschlossen und uns auf diegeradezu unversiegbare Stickstoffquelle der Erd⸗ atmosphäre hingewiesen. Sie enthält da man ihre Höhe nach den neueren Forschungen auf 300400 Kilometer veranschlagen muß etwa 4 Trillionen Kilogramm Stickstoff, dessen Ueber⸗ führung in Salpeter schon einen Hauptzweig der modernen chemi⸗ schen Industrie bildet. Man hat nun berechnet, daß in der über jedem Quadratmeter der Erdoberfläche ruhenden Luftsäule sieben Tonnen 7000 Kilogramm Stickstoff enthalten sind, oder mit anderen Worten: die über jedem Quadratkilometer der Erdober⸗ fläche ruhende Stickstoffmenge reicht schon allein aus, um den der⸗ 1 100 Halpeterbedarf der ganzen Welt auf mindestens 25 Jahre zu n!

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