Ausgabe 
(22.5.1915) 119. Erstes Blatt
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10658. Jahrgang Gen. 1

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General⸗Anzeiger für Oberhessen

Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ. Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schulstr. 7.

N W Samstag, 22. Mal 1015 Bezugsocels: monatl. 75 Pf., viertel- jährl. Mt. 2.20; durch a Abhole- u. Zweigstellen monatl. 65 Pf.; durch die Post Mk. 2. viertel; jährl. ausschl. Bestellg. f Zeilenpreis: loxal 15 Pf., 5 ausw. 20 Pf. Haupt- ö schristleiter: Aug. Goetz. 4 Verantwortlich für den. politischen Teil und das

pfingsten!

f Gießen, 22. Mai. Das Fest des heiligen Geistes, das uns sonst mit einem Blütenzauber von Maienwonne umgab, trägt heute ein an deres Gewand. Zwar jubiliert die Natur in ihren klang⸗ vollsten Tönen; eine so berauschende Fülle von Licht und Fax ben scheiwen uns nur die Maien ferner Jugendtage gebracht 1 Aber in diesen süßen Wohllaut, der unsin ernster 1 athstille nur staunende Andacht zu erwecken pflegte und die Eitelkeit des Verstandes unter die schönen Gefühle beugte, die unsden Göttern nah und näher hebt, fällt ein böser Mißklang. Der gigantische Gefährte dieser Früh⸗ lingstage ist der Krieg und, wie der Geist der Verneinung, wendet er alle Gaben des erhabenen und heiligen Geistes mit einem Worthauche zu Nichts. Wir stehen mit den Be schlüssen des italienischen Parlamentes vor einer Vergrö ßerung des Weltbrandes, der uns neben die Naturwunder seine rauchenden Trümmer gestellt hat, und wir sinnen nach, wie es möglich war, daß gerade in dem Lande, wo sanfter Wind vom blauen Himmel weht, die Myrthe still und hoch der Lorbeer steht, in diesen Tagen ein so wüster Garten von Haß und Verblendung empor gewuchert ist und warum im steten Ziele deutscher Sehn ssucht uns die wutgeballte Faust entgegengereckt wird. Es 4 die sanften Stimmen aus deutschen Träumen, und über der tausendstimmigen Sprache des lieblichen Festes klingt es eisenhart: einem neuen Feinde begegnet das deutsche Schwert, Freundesverrat, finsterer als Hagens Tat unter der Linde des Odenwaldes, läßt uns im Innersten erbeben und stählt uns den Willen zu erbitterter Abwehr. Wir waren seit Monaten nicht ohne Ahnung, daß die Italiener Arges gegen ihren Bundesgenossen von gestern im Schilde führten, und wenn das heutige kämpfende Deutschland dem ehernen Siegfried gleicht, dem kein Feind gewachsen war, so hat der Treubruch Italiens doch nicht jenes 1 vom sterbenden Helden im blutgeröteten Blumenfelde geschaffen; wir begegnen dem neuen Gegner mit voller Vorbereitung und ungeschwächter Kampfkraft, es gibt auch in dieser Stunde in deutschen Herzen kein Klagen und Zagen, sondern nur den heiligen Geist der Treue und Zuversicht in die Stärke unserer Heere. In der männlich ruhigen Rede unseres Reichskanzlers 9K die sich enthüllende neue Gegnerschaft hat uns nur in Satz nicht völlig eingeleuchtet, nämlich daßim deut⸗ schen Volke das Bund. ltnis zu Italien feste Wurzeln gefaßt habe. Der er hat dies in guter, wohlbegrün⸗ deter Absicht gesagt, allein das Volk hatte in dem Verhält- mis zu Italien lange. ein Haar gefunden. Wir er⸗ 21 823 1 208 e Extratouren des etzten Ja nuts und wissen wohl, daß der Bund mit Ikullen, der im Mai 1882 geschlossen werden konnte, weil man in Rom infolge der Besetzung von Tunis durch Frank⸗ reich nach einer Stütze italienischer Mittelmeerpolitik suchte, im Laufe der Zeit auf eine schlefe Ebene gelommen war. Als. Englands Politik in einen zunehmenden Zwiespalt mit der deutschen geriet, gab es einen Riß auch im Dreibund⸗ vertrag, soweit Italien dabei in Frage stand. Denn Italien mit seiner langgestreckten Küste muß die englische Flotte respeltieren und braucht in England den Gönner und För derer seiner Pläne. Man kann es begreiflich finden, daß Italien beim Ausbruch des großen Krieges nicht an unserer und Oesterreich-Ungarns Seite gegen England zu lämpfen wünschte, es war zum Besten des Landes, daß es neutral blieb. Aber wenn heute die italienische Presse, laut einer neuesten Meldung, vorgibt, englische Drohungen hätten die kriegerische Stellungnahme des Kabinetts Salan⸗ dra bewirken müssen, so ist dies Unwahrheit und Heuchelei. Wohl mögen die englischen Lockungen freundliche und grol⸗ lende Töne angeschlagen haben, aber bis zu einem Ultima⸗ tum zu schreiten, war Sir Edward Grey sicher zu klug. Dies würde die Welt der Neutralen viel zu arg in Auf regung gebracht haben, und England hat, wegen seiner Haltung in der belgischen Frage, allen Anlaß, eine gute Miene u bewahren. Dembrennenden Italien bringen so schwächliche Vorbehalte, die nichts anderes sind als Zweifel an eigener Kraft und Tüchtigkeit, wenig Ruhm ein; wenn die italienischen Blätter auf diese Weise die Gründe Salan⸗ dras mit einer neuen Tünche übermalen, so vermehrt sich nur der Eindruck, daß dieses Voll des Südens unwissend, von phantastischen und bezahlten Agenten verhetzt, in ein Abenteuer hineintaumelt.

In Deutschland hat die italienische Massenerregung nicht im mindesten ansteckend gewirkt, es herrscht hier nur ein beruhigendes Gefühl militärischer Ebenbürtigkeit oder Ueberlegenheit. Wir nehmen uns keinen Ruhm voraus. Aber wenn, wie es heute heißt, die Presse derEntente von namenloser Wut der Deutschen gegen Italien berichtet, so dürfen wir dazu feststellen, daß dies wieder einmal eine lrasse Unwahrheit ist. Es herrscht bei uns mehr stiller Wider wille gegen die verräterische Haltung des neuen Feindes als Wut oder Erregung. Wir beginnen einzusehen, daß die

Dinge so ihren Lauf nehmen mußten, und wir gewinnen mehr und mehr den Eindruck, daß die verantwortlichen Staatsmänner in Berlin und Wien die Fäulnis des Bundes- pertrages mit Italien rechtzeitig in ihrem Programm berücksichtigt hatten. Beide Zentralmächte sind dem un ssicheren Dritten im Bunde weder schwächlich nachgelaufen, noch erscheinen sie heute etwa als betrübte Lohgerber, denen die Felle 7 sind. Solche Erkenntnis erweckt 1 in einem Volle nicht Wut gegenüber dem Widersacher, son⸗

dern Vertrauen in die oberste Leitung seiner Geschäfte.

ö So sind die Pfingstgefühle hüben und drüben hell von einander unterschieden. Deutschland und sein Bundesgenosse bewahren den heiligen Geist starker Entschlossenheit. Unser . ld ist rein wie die frische Farbe des Lenzes. Der italie

nische Geist lodert, aber es ist kein heiliger Geist, sondern nurheiliger Egoismus, der die dortige Staatskunst über die Schwelle des Pfingstfestes in einen wahnwitzigen Krieg trieb. Heiliger Egoismus? Gewiß, eine Regierung hat die eignen Voltsineressen als höchstes Gut zu hüten. Wenn aber die Methode dabei in Mißachtung ehrlich zu erreichender Erfolge und in ein bloßes Schachern unter

Begriffe von Zuverlässigkeit und Treue ausartet, dann ver hüllt der Pfingstgeist angewidert sein Haupt. Und wenn d' Annunzio, der Herold der italienischen Kriegssucht, seinen freigebigen Gönnern in Paris triumphierend telegraphierte: Ich bin trunken vor Wonne,die siegreiche Schlacht ist geschlagen so zieht ein gewisses Mitleid mit den Be⸗ wohnern des schönen Landes im Süden in die deutschen Herzen, denn wir wissen, daß dieser Poetenapostel ein falsches, unheiliges Land der Träume bestellt. Deutschland und seine Bundesgenossen vertrauen ihrem Geiste der Wahr- heit und Gerechtigkeit, und wenn das liebliche Pfingstfest in neuer blutiger Gefahr erschauert, so fühlen wir uns frei von Schuld.

**

* Großes Hauptquartier, 21. Mai.(WTB.

Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz.

Nördlich von pern griffen farbige Franzosen nachts unsere Stellung östlich des Kanals an. Der Kampf ist dort noch im Gange. Ein am späten Abend beginnender Angriff der Engländer südlich Neuve Chapelle in Ge⸗ gend von La Quinquerue brach in unserem Feuer zusammen.

Nordöstlich von Arras schossen wir bei Fresnohy ein feindliches Flugzeug herunter. 4 Ein weiterer, von den Franzosen gestern nachmittag im Walde von Ailly angesetzter Angriff scheiterte unter erheblichen Verlusten für den Feind, der einige Gefangene in unserer Hand ließ.

Oestlicher Kriegsschauplaßz. Rar der Gegend Sza wle k fanden nur kleinere Gefechte

statt. An der Dubissa gelangte unser Angriff östlich Podu⸗ bis bis Betygola. Er brachte uns weitere 1500 Gefangene

ein. 5

Auch e Miloszajcie und Zemigola wur⸗ den die Russen über den Fluß zurückgeworfen. Weiter südlich bug der Kampf. Die Reste der südlich des Riemen geschlagenen russischen Kräfte setzten ihre Flucht in Richtung No wno fort.. a

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Die Lage bei den deutschen Truppen ist un⸗ verändert. Oestlich Jaroslau wurden gestern Ge sangene gemacht, die nicht mit Gewehren, sondern nur mit Eichenkeulen ausgerüstet waren. Von der Armee des Generalobersten von Mackensen und den übrigen im Verbande des österreichisch-ungarischen Heeres kümpfenden deutschen Truppen wurden seit dem J. Mai 104 000 Gefangene gemacht und 72 Geschütze sowie 253 Maschinengewehre erbeutet. Diese Zahlen sind in den bereits veröffentlichten Gesamtzahlen enthalten.

Oberste Heeresleitung.

Die französischen Verluste. Berlin, 22. Mai. Nach demNieuwe Rotterdamsche Cou⸗

rant werden die französischen Verluste bei den Kämpfen zwischen Arras und Lille auf 100000 Mann geschätzt.

Kitchener verlangt neue Soldaten. London, 21. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Die Blätter bringen ganzseitige Anzeigen, daß Kitchener neue Soldaten verlangt. Der Aufruf wird an allen Straßenecken angeschlagen Das Kriegsamt gibt bekannt, daß das Alter auf 40 Jahre er⸗ höht und die Körpergröße auf 5 Fuß 2 Zoll herabgesetzt wird

Der amtliche französische Bericht.

Paris, 20. Mai.(Ctr. Frkft.) Die amtlichen Berichte vom Donnerstag lauten: K

3 Uhr nachmittags: Während der Nacht vom 19. zum 20. Mai wurde kein Ereignis gemeldet

11 Uhr abends: Zwischen Nieuport und Arras bleibt das Terrain aufgeweicht und sehr schwer benützbar. Der Tag war gekennzeichnet durch ein lebhaftes Artilleriegefecht, in dessen Ver⸗ lauf zwei deutsche Flieger angegriffen wurden, der eine durch die englische, her andere durch die französische Artillerie. In der Cham pagne bei Beauséjour sind wir mit Minen bis zu den feind lhen Gräben vorgedrungen und haben Fühlung mit ihnen be⸗ halten. In den Argonnen haben wir bei Bagatelle einen An- griff zurückgeschlagen. Im Walde von Ailly haben wir mehrere Schützengräben genommen, Gefangene gemacht und das eroberte Terrain behauptet.

Die Finanzlage Frankreichs und Rußlands.

Berlin, 22. Mai. Die Finanzlage Frankreichs wird, wie verschiedene Morgenblätter berichten, auch Rußland zwin gen, über kurz oder lang zu Zwangsanleihen zu greifen. In Paris berechnet man die russischen Kriegsausgaben bis 1. April auf 5500 Millionen Rubel.

Ein deutsches Weißbuch über die völterrechtswidrige Führung des belgischen Voltstrieges.

Berlin, 20. Mai. DieNordd. Allg. Ztg. veröffent- licht ein Weißbuch über die völker rechtswidrige Führung des belgischen Volkskriegs, das den Regierungen der neutralen Mächte mitgeteilt, auch der Presse des Inlandes und Auslandes zugängig gemacht wird. Das Weißbuch enthält eine Denkschrift, worin gegen das völkerrechtswidrige Verhalten der belgischen Bevölke rung und der belgischen Regierung scharfer Protest erhoben

wird. Der Denkschrist ist ein umfangreiches Material bei gefügt, darunter vier Sonderberichte der im Kriegsmini

Preisgabe der, auch im Verkehr der Nationen geheiligten

Feuilleton: Aug. Goetz;* für Stadt und Land, 4 Vermischtes und Ge- richtssaal: Otto Braun; 4 für den Anzeigenteil: H. 5 Beck, sämtlich in Gießen. ö N 5

sterium gebildeten Militär-Untersuchungsstelle über die 2 Kämpfe in Aerschot, Andenne, Dinant und Löwen. 5 * f

Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.

Wien, 21. Mai.(WTB. Nichtamtlich.)(Ausführliche Meldung.) Amtlich wird verlautbart, den 21. Mai 1915, mittags: Die Kämpfe an der Front in Mittelgalizien dauern fort. Die in der Sanstrecke abwärts Sieniawa noch am westlichen Flußufer haltenden russischen Ab⸗ teilungen wurden über den Fluß zurückgewor⸗ fen. Oestlich Jaros lau wiesen die verbündeten Truppen vereinzelte Vorstöße starker feindlicher Kräfte blutig ab. Die Gefangenenzahl nimmt weiter zu. In heftigen Nachtkämpfen erstürmten unsere Truppen östlich Drohobycz eine russi⸗ sche Stellung und eroberten den Ort Neudorf, hierbei wurden 1800 Gefangene gemacht.

Die russische Gegenoffensive über den Dujestr in Ostgalizien kam an der Pruthlinie zum Stehen. Die feindlichen Durchbruchsversuche bei Kolomea sind gescheitert; alle Angriffe gegen diesen Brückenkopf wur⸗ den unter schwerften Verlusten drs Feindes abgeschlagen.

In den Kämpfen im Berglande von Kielce, die stellen⸗ 8 andauern, sind bisher 4000 Gefangene ge⸗ macht.

Seit dem 16. Mai ist die Gesamtsumme der Ge⸗ fangenen um weitere 20 000 Mann gestiegen; sie be⸗ tragt seit dem 2. Mai 194000 Mann.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

Die Schlacht in Mittelgalizien.

Berlin, 22. Mai. Die zweite Maienschlacht, die Schlacht in Mittelgalizien, dauert, wie demBerliner Lokalanzeiger aus dem K. u. K. Kriegspressequartier gemeldet wird, an. Der von seiten der Verbündeten ausgeübte Druck auf die Front Przemysl Grodeck nimmt zu. Die Zahl der während der Kämpfe am San gemachten Gefangenen stieg auf 20 000, 4 die im Mai gemachte Gesamtzahl erreicht das zweite Hundert⸗ tausend, das ist die Stärke einer ganzen Armee. In Süd ost⸗ 2 galizien ist die Offensive der russischen Armee endgültig zum Stehen gekommen.

Der russische Bericht. 5

Petersburg, 20. Mai.(Ctr. Frkft.) Die Petersburger Tele: graphen-Agentur meldet: Bis jetzt wagen die Deutschen nicht einzugestehen, daß sie am 11. Mai von Sza wle vertrieben worden sind. Sie sprechen von irgendwelchen russischen Angriffen gegen diese Stadt, von Angriffen, die abgewiesen worden sein sollen. Indessen erstreckt sich unsere Frontlinie in dieser Gegend auf eine 2 beträchtliche Entfernung bis westlich von Szawle. Tie amtlichen deutschen Mitteilungen 15 die acht Geschütze, die die beiden ar 15. Mai von den Teutschen beim Uebergang über die Dubissa in der Nähe des Dorfes Ugiani verlorenen Batterien bilden, auf zwei herab. Dagegen vermehren diese Mitteilungen die Zahl der russi⸗ 2 Gefangenen nicht nur um das Vierfache, sondern um noch viel In Galizien sind alle unsere Stellungen östlich von Drohobyez gemachten Anstrengungen der Deutschen bis jetzt gescheitert. Die Stadt Drohobycz wurde nur von einem einzigen Kosakenregiment verteidigt, das sich mit unbedeutenden Verlusten augenblicklich hinter die Infanterie zurückgezogen hat. Trotzdem haben die Oesterreicher die Kühnheit, amtlich 5100 bei Drohobyes gemachte russische Gefangene zu melden.*

DieTimes über die russische Niederlage.

London, 21. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Der militärische Mitarbeiter derTimes schreibt: Die Früchte des russi⸗ schen Winterfeldzuges in den Karpathen sind größten⸗ teils verloren. Wir hoffen, daß die beruhigenden Versicherungen aus Rußland sich als mehr erweisen werden, aber es besteht die Möglichkeit, daß die Lage noch schlimmer wird, ehe sie sich bessert. Wir müssen offen unsere Enttäuschung bekennen. Es ist schwer zu verstehen, daß gegen die Offenfive, die einen Monat vorher vorauszusehen war, nicht entsprechende Gegenmaßregeln getroffen wurden. Auch ist nicht erklärlich, weshalb der russische Nachrichtendienst anscheinend versagt hat. Die Hauptsache ist jetzt die Vereinigung der russischen Armeen und die Integrität ihrer ganzen Linie.

Eine Million Russen gefangen.

Die hohen Zahlen der Siegesbeute an Kriegsgefangenen, die in der gewaltigen Schlacht in Westgalizien und in den Karpathen gemacht wurden, haben die an sich ungeheure Schar der Russen, die in den Gefangenenlagern Deutschlands und Oesterreich-Ungarns untergebracht sind, in den letzten Tagen unheimlich anschwellen lassen. Obwohl naturgemäß unter den verwundeten Gefangenen eine ziemlich hohe Sterblichkeit herrschen muß und einige der frither eingebrachten Gefangenen, die völlig invalid geworden sind, auch schon ausgetauscht sein dürften, wodurch die Gesamt⸗ zahl der heute in unserer und in der Obhut unserer Verbündeten stehenden russischen Gefangenen etwas geringer geworden sein muß als eine einfache Addition der von den amtlichen Berichten seit dem Beginne des Feldzugs genannten Zahlen ergeben würde, beläuft sich doch heute, so schreibt dieFrankf. Ztg., die Zahl der kriegsgefangenen Russen auf mehr als eine Million. Zu Beginn dieses Monats waren in Deutschland 513 000, in Oesterreich und Ungarn mindestens 301 700 russische Gefangene untergebracht. Seither sind auf den Kampfplätzen im Südosten, wo die verbündeten Heere gemeinsam fechten, mindestens 188 000, auf den nordpolnischen und kurländischen Schlachtfeldern von deutschen Truppen allein nahezu 16000 Gefangene erbeuten worden. 1017000 Mann haben also die russischen Heere bisher! an Gefangenen allein eingebüßt. Der Rückschluß auf die Höhe der russischen Gesamtverlusts, die eine geradezu phantastische Höhe erreichen müssen, liegt nahe genug. 21

Die Zahl der in den Gefangenenlagern der Zentralmächts untergebrachten Franzosen beläuft sich am 20. Mai auf etwa 254 000, der Engländer auf 24000, der Belgier auf 40000 und der Serben auf 50 000, so daß die Gesamtzahl der Kriegsgefangenen, die in unsexen Lagern verpflegt werden im zehnten Kriegsmonat schon auf 1385000 gestiegen ist. Das sind Zahlen, denen die Kriegsgyschichte nichts Aehnliches zur Seite zu stellen hat.

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