Ausgabe 
(24.4.1915) 96. Drittes Blatt
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Drittes Blatt

Erscheint tglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSleßener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Der Luftkrieg im Osten.

Ein Berliner Mitarbeiter schreibt uns:

Die neue Luftkriegsaison hat auch die russischen Flieger auf den Plan gerufen. Als Rußland im Sommer vorigen Jahres heimlich und hinterlistig mobilisierte, waren im Reiche des Zaren 124 ausgebildete Zivilflieger vorhanden. Leistungsfähige Flugzeugfabriken fehlten und fehlen heute noch. Alles Nötige und Wesentliche muß von den Bundes⸗

nossen auf großen Umwegen bezogen werden. Als russische rmeefliegertruppen der Front standen bei Kriegsbeginn 20 Kompagnien zu je 4 Flugapparaten und 2 Reserveflug⸗ zeugen auf dem Papier. Die Marine verfügt über eine einzige Station: Libau, die wohl von unserm Kreuzer Augsburg derart zusammengeschossen worden ist, daß sie als dienstuntauglich ausscheiden mußte Was Rußland heute an Kriegsfliegern vorschi kann, ist den deutschen Mitteln nicht gewachsen und mit dem Aufwand der Franzosen und N auf dem westlichen Schauplatz nicht zu ver⸗ gleichen. rotzdem scheinen die Russen mit dem, was sie an Flug⸗ maschinen besitzen, nicht nur Aufklärungsarbeit treiben, sondern auch einen Vernichtungskrieg führen zu wollen. Und nach dem traurigen Vorbild ihrer westlichen Freunde haben fen es auf Ziele abgesehen, die durch das Völkerrecht geschützt ein sollten. Sie werfen ihre Bomben auf offene, außerhalb des Operationsgebietes liegende Städte. Sie 83 Bau⸗ ten des eben erst mühsam sich aufrichtenden deutschen Ostens und töten die harmlose Zivilbevölkerung, die schon durch die Einfälle der russischen Horden in namenloses Unglück gestürzt wurde.

Da gilt es nun einen energischen Abwehrkampf austzune Der Oberpräsident der Provinz Ostpreußen hat bereits in einer Kundgebung eine Reihe von Vorsichts⸗ maßregeln erteilt, und eine Strasexpedition der deutschen

lafetten e eee Standpunktverlegung. Wegen der

des Einschießens wegen sehr wichtig ist. Die 10,5⸗Jtm⸗ Ehrhardtkanonen schießen bekanntlich his über 8000 Meter

Nach dem heutigen Stande der 4 1 5 könnte also

Luf aus dem Schußbereich der Ballonabwehr⸗ kanonen gelangen. Trotzdem war es in der bisherigen Kri axis schwer, Flugzeuge auch in geringen Höhen mit Visier der 82 zu erreichen, geschweige denn Schüsse mit einiger Aussicht auf Ersolg auf sie anzu⸗ brin den ersten Kriegstagen soll von unserer Festung

Wesel aus ein französischer Flieger mit der Kanone herunter⸗ geholt worden sein. Seitdem ist unseres Wissens kein solcher Wurf mehr gelungen. Infanteriefeuer hatte bisher nur Ersolg, wenn der Führer selbst oder empfindliche Teile des Motors getroffen wurden. Von einer gewissen Höhe ab scheint der Flieger gegen Feuer von unten so gut wie sicher.

Bleibt als erfolg reichste Waffe gegen feindlichen Flieger⸗ einbruch nur übrig: Der Geschwadergegenflug oder ein Luftschiffangriff. Mit dem Gegenflug hat die deut⸗

Frauen ⸗Rundschau.

Frauenberufe, die der Krieg erzeugt einer ihe von Erwerbszweigen herrscht bei uns eine it an Arbeitskräften, stellenweise hat man daran

von Berufen ein, So gibt es in mache rinnen, entstanden. Der es

bringen schon eine Lederarbeiterinnen an 5 Tagen der 7 2. 25 dem e Unter⸗ icht. Wer die Ausbildu inter si K, in darauf rechnen, 4 is 20 Schillinge wöchentlich zu ver⸗ England M. lan Ar⸗ Einrichtung

inli dem Kri rtbestehen und ausgebaut werden. En e 7 3 12 ieg erzeugter Frauenheruf in England ist so vielseitig, daß ein einheitlicher Name für ihn fehlt.

5 derung durch Motorschisse und Automobile ein; Frauen sollen die Beförderung leiten f gleiche Weise sollen Eier, Gemüse und

ädten ihrer Erzeugung auf die Märkte geschafft

l den Frauen planmäßig Unterricht in der Außerdem so Fri planmäßig 3

fonser ven erteilt . endlich muß.

die ihr

sahrerin nennen

eför⸗]J Bergen untergebracht wurden. S.

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3

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Samstag, 24. April 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 5l, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

sche Heeresleitung im Osten bereits begonnen. Die deutschen Apparate führten in den letzten Tagen mehrfach Flüge im geschlossenen Geschwader aus, die zwölf bis fünfzehn Flug⸗ zeuge stark waren. Schon die Friedensübungen(Prinz⸗Hein⸗ rich-Flug) haben bewiesen, daß Geschwader bis zu 24 und 30 Flugzeugen ohne große Gefahr desStreifens und Ken⸗ terns operieren können. Einer solchen Luftmacht wären die Russen nie und nimmer gewachsen. Der gefährlichste Feind für eine abenteuernde Flugmaschine aber ist der bewaffnete Zeppelin. Auf unseren Kriegsluftschiffen sind, wie man weiß, neben den Maschinengewehren auch kleinkalibrige Schnell⸗ seuergeschütze und Bombenwurfvorrichtungen postiert, die außer zum Kampf gegen den auf der Erde befindlichen Geg⸗ ner sehr wohl auch zur Vernichtung feindlicher Flugzeuge geeignet sind; die Bombenabwurfvorrichtungen wirken aller⸗ dings nur nach unten, die Geschütze auf der Plattform aber nach oben. Wehe dem Flieger, der sich nicht durch schleunige Flucht retten kann! Das deutsche Land im Osten ist vom Feinde gesäubert. Nun gilt es noch, das Luftmeer über Deutschland zu reinigen!

Alte japanische Amerikafahrten.

Man schreibt uns:

Die überraschende Landung der Japaner in der mexikanischen Turtle⸗Bay eröffnet neue Möglichkeiten des Zusammenstoßes der gelben und der weißen Rasse und erinnert zugleich an die ur⸗ alten. die zwischen Ostasien und Mittelamerika, zum Teil noch im Dämmer der Vorzeit, bestanden haben. Nach den neueren ethnogtaphischen Forschungen erscheint es als ge⸗ sichert, daß die erste indianische Einwanderung aus Nordostasien über die Inselbrücke der Behringssee stattgefunden hat, ohne daß natürlich diefer in vollkommen vorgeschichtlicher Zeit sich ab⸗ spielende Vorgang eine Kulturübertragung bedeutete. Als nun zuerst die riesigen, zum Teil an ägyptische und vorderasiatische Architektur erinnernden Urwaldbauten von Copan, Quirugua, Pa⸗ lenque usw. bekannt wurden, konstruierte man die sonderbarsten Beziehungen zwischen Asien und Mittelamerika. Nach einem phan⸗ tasievollen englischen Forscher hatten hier die zersprengten Stämme des Volkes Israel ihre letzte Zuflucht gefunden und vorderasiatische Kultur mitgebracht, während Richard Knötel in seinem merkwür⸗ digen BucheAtlantis Phönizier und Chinesen etwa Lee zeitig in grauer Urzeit an die mexikanischen Gestade ge ließ und so ziemlich einfach das mittelamerikanische Kulturproblem löste. Auf wissenschaftlich gesicherterem Boden bewegen sich die Mitteilungen, die der Entdecker der nordöstlichen Durchfahrt, Erik Nordenskiöld in dem Anhang zur Erzählung seiner Vega⸗ fahrt aus japanischen, Archiven gab. Darin fand sich nicht allein die häufige, phantastische Angabe, daß japanische Seefahrer mehr⸗ malsüber den Nordpol in ein fernes, reiches Land gefahren seien, sondern auch ausdrückliche Berichte über gar nicht so lange Reisen in eine ostwärts gelegene Gegend, die nur die kalifornisch⸗ mexikanische Küste gewesen sein kann. Auch der alte Engelbert Kämpf⸗ fer, der große Japankenner des 17. Jahrhunderts, weiß von solchen Tradition sich in Japan lebendig erhalten hatte.

rollen und dem glaubt den Nachweis erbracht zu g e bild von Europa nach aller Welt, u. a, nach Ching und Amerika, gewandert ist. Religion und Kunst, besonders alter Zeit in enger Abhängigkeit voneinander, so d Richtigkeit dieser Hypothesen vorausgesetzt, die Uebereinstimmung mittelamerikanischer Kultur deren g Pukatans waren mit asiatischen 1 erklären könnte. Eine weitere wichtige Quelle über das Verhältnis Ostasiens Mittelamerika dürfte das im d Tichusantsch. d. i.Beschreibung der fremden Völker des kaiser⸗ lichen Inspektors des Außenhandels in der Provinz Fukien, Tschanjukua, werden, von dem die Sinologen, Friedrich Hirth und W. Rockhill, eine kritische Quell. unternommen ha⸗ ben. Wenn man bedenkt,

Anton eine chinesische Gesandtschaft nach Rom kam, daß süd⸗

Jahre 1225 n. Chr. entstandene f

enangabe. daß unter dem römischen Kaiser Mark Schw

berufen.

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Aus Stadt und Cand. Gießen, 24. April 1915. Der Gießener Landsturm in Feindesland. Frühling!

Ja, ja, es ist schon so, wenn sich auch mancher verwundert an den Kopf greifen mag: Es ist wirklich und wahrhaftig Frühling, richtig gehender Frühling; und in diesen Tagen sind's auch vollgemessene 5255 Monate, daß wir uns hier in V. häus⸗ lich niedergelassen haben. Das heißt, mehrniedergelassen als häuslich; letzteres mußte erst so ganz allmählich kommen, wie eins nach dem andern zu 0was zur Er⸗ böhung der Gemütlichkeit eigentlich noch sehr erwünscht war. Kunst, und sie muß, wie jede echte und rechte Kunst, zum guten Teil angeboren sein. Nämlich, erstlich zu f Gemütlichkeit(wie bei allem,

entdecken

Frühling, den rund

Schleter bedeftt

ha wenig über 100 Meter breit. DieHügel:

die Notlage versetzt worden sind, sich selbst ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen. Die französischen Frauen scheinen es hin⸗ sichtlich neuer Berufe, die sie erobern, nach den bisher vorliegenden Nachrichten mit den englischen nicht aufnehmen zu können. Nur von einem, durch den Krieg erzeugten Frauenberufe in Frankreich weiß ein holländisches Blatt, das sich mit diesem Gegenstande beschäftigt, zu berichten. Es spricht beredt für die ungeheuren Verluste des französischen Heeres; denn es handelt sich um den Beruf der Todesbotin. Dieser Beruf ist dadurch entstanden, daß die Angehörigen gefallener französischer Soldaten ihre Brief⸗ und Paketsendungen aus dem Felde mit dem Vermerkgefallen gurũück⸗ erhielten, noch ehe sie eine amtliche Nachricht bekommen hatten. Einzelne Frauen haben es nun auf sich genommen, den Hinter⸗ bliebenen Gefallener solche bitteren Botschaften auf zartere Weise zu übermitteln und sind im Dienste der Menschenliebe als Todes⸗ botinnen tätig. Einige von ihnen sollen in Paris dadurch so bekannt geworden sein, daß die Einwohner eines Hauses, auf das sie zukommen, ein wahres Grausen mt.

Das neue Frauenhaus in Bergen(Norwegen).

Am 1. Mai wird zu Bergen in Norwegen ein Unternehmen das ganz von weiblicher Tatkraft ge⸗ schaffen worden und das ausschließlich den Frauen und der weib⸗

zunächst, durch Es

Es wurde daher eine Aktiengesellschaft

gefördert worden, und mur worden. Das Frauenhaus soll wun zumächst den führenden Frauenorganisationen geschosse K während Räume den Zwecken des Hausfrauen Vereins für die praktische tionsvorträge berechnet ist,

Anzahl Anzahl

iche Eine

werk und das zweite Stockwerk ist ganz von ihnen eingenommen, während im obersten Stockwerke die auswärtigen Schülerinnen der Hausfrauenschule Unterkunft finden. Im ganzen umfaßt das Frauenhaus 15 vermietbare Privatn ohnungen. Jede dieser Woh⸗ nungen besteht aus einem großen Zimmer, einem Schlafalkoven. einer kleinen, aber äußerst zweckmäßig eingerichteten Gas küche, einer Kleiderkammer und einer kleinen Diele. Jede Wohnung ist vollständig für sich abgeschlossen: Ausstattung und Hausrat sind durchweg freundlich und gediegen ausgeführt. Durch die Mieten für diese Wohnungen sollen in der Hauptsache die erforderlichen Zinsbeträge gedeckt werden, und es scheint, daß diese Rechnung sich als richtig erweisen dürfte, denn schon jetzt ist der größte Teil der verfügbaren Wohnungen fest vermietet. So baut sich dieses Frauenunternehmen auf einer gesunden geschäftlichen Grundlage auf und hat alle Aussicht, im Dienste der Frauensache und der weiblichen Wohlfahrtspflege nützlich zu wirken.

Ein Auslandsbund deutscher Frauen.

Berlin, 23. April.(WTB. Nichtamtlich)) Unter dem NamenAuslaßdsbund Deutscher Frauen hat sich hier am 20. d. Mets. eine Vereinigung deutscher Frauen gegründet, der eine große Anzahl von Damen der besten Gesellschaftskreise beigetreten ist. Die Gründungs⸗Versammlung im Abgeordnetenhause wurde von der Gräfin Schwerin⸗Löwitz geleitet. Frau Konsul Mudra aus Philadelphia sprach auf Grund ihrer in Japan und Amerika gesam⸗ melten Erfahrungen über die Aufgaben eines solchen Bundes. Wäh⸗ rend es im Wesentlichen Aufgabe der Männer bleiben werde, die im Ausland lebenden Deutschen zu einem geschlossenen Ganzen durch die Unterhaltung deutscher Schulen und Zeitungen zu machen, böte sich den Frauen eine passende Gelegenheit zur wirksamen Ergänzung dieser Bestrebungen durch Herstellung persönlicher und gesellschaft⸗ licher Beziehungen zwischen den Auslands- und Inlandsdeutschen. Bei kurzem Aufenthalt in Deutschland sollten die Auslandsdeutschen nicht auf Hotels angewiesen sein, sondern in Familien der Bundes⸗ mitglieder eingeführt werden. erhielten sie Gelegenheit, sich persönlich über alle Fragen zu unterrichten, die das moderne Deutschland bewegen. In den Vorstand wurden gewählt: Gräfin Radolin⸗Königsmarck, Berlin, Roonstraße 9, Frau Staatssekretär Dr. Solf und Gräfin Schwerin⸗Löwitz. Der Jahresbeitrag wurde auf 10 Marl festgesetzt.

Neue Fortschritte des Frauenstimmrechts in den Vereinigten Staaten. Als vor einiger Zeit im amerikanischen Kongresse der Gesetzesantrag des all⸗ gemeinen Frauenstimmrechts abgelehnt wurde, teilten die Anhänger des Frauenstimmrechts sofort mit, sie würden alsbald daran gehen, das Stimmrecht weiter von den einzelnen Staaten aus zu erobern. Sie haben nun auf diesem Wege neuerdings einen wich⸗ tigen Fortschritt zu verzeichnen: zu den Staaten, die das Frauen⸗ stimmrecht bereits hatten, sind zwei neue erobert worden: in Massachusets in das Frauenstimmrecht mit einer starken Mehrheit von 19633 Stimmen angenommen worden, in New Jersen mit einer Ueberlegenheit von 17:4 Stimmen..

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