Nr. 74 zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Slehener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sleßen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zelt⸗ ragen“ erscheimen monatlich zwennat.
Ariegsbriefe aus dem Osten.
5 Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Der Russeneinfall in Memel.
Tilsit, 26. März.
Auf die Nachricht von dem russischen Einfall in Memel, der nach russischer Darstellung, die ich in Suwalki hörte, als besonderer strategischer Erfolg der russischen Armee gefeiert wurde, fuhr ich heute von der deutschen Linie östlich Su⸗ walki nach dem nördlichsten Zipfel Preußens, der von russi⸗ schen Kräften, vornehmlich Reichswehr, bedroht 10 sollte. Wer die Gefechtstätigkeit der russischen Reichswehr je beob⸗ achtet hat, konnte von Anbeginn überzeugt sein, daß mit diesem planlosen Einfall nur der Versuch acht wurde, durch billi orbeeren auf einem Gebiete, das für Opera- tionen nicht in Betracht kommt, die gesunkene Stimmung der benachbarten 10. russischen Armee zu heben. Ueber einen kurzen Plünderungszug ging die Tätigkeit der Russen auch nicht hinaus. Auf langer Autofahrt, die mich wieder recht den Unterschied zwischen deutscher und russischer 8 bei Ueberschreiten der Grenze lehrte, kam ich bis Heydekrug. Große Scharen der Landbevölkerung kehrten schon wieder nach dem Landkreis Memel zurück. Alle Gerüchte, die von 92 Eindringen in diese fast völlig unberührten Teile Ostpreußens sprechen, sind törichte Ueber- treibung. Ich konnte mich überzeugen, daß überall unter dichtem Frühjahrsregen die junge Saat kräftig und un⸗ gestört emporsprießt. 5 15
Bei Tauroggen und weiter nordöstlich der Straße von Tilsit nach Memel war lebhaftes Gefecht. Die Russen hielten unseren Säuberungstruppen, die aus der Linie nordöstlich von Tauroggen vorgingen, noch stand. In der Nacht vom 25. zum 26. erdröhnte dann auf russischer Seite ein Ka⸗ nonenschuß, der das Signal zum allgemeinen Rückzug dieser russischen Kräfte gab. Die Verfolgung der sich eilig nach Nordosten zurückziehenden 1 russischen Truppen wurde auf; mmen. Es stehen also auch auf diesem nörd⸗ lichsten Zipfel des östlichen Kriegsschauplatzes unsere Kräfte 3 von Podangen bis Tauroggen, auf russischem
n
Die unsinnigen Gerüchte, die in den ostpreußi Städten hinter 1— Front herumschwirrten, 2 diesen klaren Tatsachen wohl endlich zum Schweigen kom⸗ men; ebenso werden die Russen nach dieser schnellen und 8 Erledigung ihres Beunruhi sungsversuches ein- ehen, daß man ungestört auch deutsche Staͤdte, die außer⸗ halb des Operationsgebietes liegen, nicht plündern darf. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. —ů——ů ů
Baismard hat
chinger gegenüber„für die
. auf Kniephof zum ersten Male als Iburnalist verfucht, auf einen 9— Artikel über Parforcejagden eine entrüstete g schrieb, die aber von dem Redakteur der„Börsen⸗Nachrichten der Ostsee“ nicht aufgenommen wurde. Das war bei einem mafpoll liberalen Blatte durchaus begreiflich, denn Bismarck wendet sich in seinem
den lcibhaftigen Junker, der der für die i Natur, voll Kan f
0 diefen hellen scharfen einzelne klar geformt und wirksam ausgebaut, mit dem eingehend⸗ sten Fleiße durchgoarbeitet und gefeilt;
Gießener Stadttheater. . Des deutschen Volkes Ektehart. Dramatisches Gedicht von Hermann Stein goetter.
Hans Lange. Schauspiel von Paul Heyse. Hinter der Kriegsspielzeit 1914/15 schlossen sich gestern abend im Stadttheater die Tore. Zum Kehraus war noch einmal ein Publikum von erfreuender Zahl und erfrischender Beifallslust er⸗ schienen, und so konnte es nicht fehlen, daß ein würdiger Abschluß das schwierige Werk, ein halbes Jahr im Kriege Theater zu spielen, vollendete Man hatte sich den Abend als eine Vorfeier zu Bis⸗ marcks hundertstem Geburtstage zu denken; von deren Charakter konnte man sich im ganzen warm und ehrlich begeistern lassen. Direktor Steingvetter hatte sich selbst auf den Pegasus ge⸗ chwungen, um dem Tage seinen Grundton zu geben. Mit dem ramatischen Gedicht„Des deutschen Volkes Ekkehart“ prach er eine Sprache von solch finnfälliger Eindringlichkeit und deutschen Empfinden so wesensecht entstammender vaterländi⸗ schen Würde und Tiese, daß in Verbindung mit der meisterlichen Inszenierung des in dieser Beziehung recht anspruchsvollen Werkes eine patriotische Weihestunde zustande kam. A ee des 1 15 der 3 der ichtung, umspinnen einen i r im tkrie, schon seinen Tribut entrichtet hat, bie Geister des 7 A 9 0 ie mischen sich allgema den Wänden i 55 ten verstorbenen Ratskellermeisters erscheint
vor Jahr hunder⸗ 1 um ernächtli nen hat sich der Ritter aufgemacht; deutsche Kraft und Wissenschaft, deutsche 5 f 0 den ma orten voll ties⸗ innerlichen poetischen Gehalts zu lauschen, in denen der getreue Bis chlands Ruhm und Herrlichkeit, 5 dringt durchs Fenster; draußen— 15 1 nster; drau ammelt sich di. Rolandsbrunnen des Kanzl..
ichen Versammlung. Der dem ungewissen, duftigen
7
schönen] der
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
er als Fechter das Florett führte.„So sehr auch der Deckmantel einer lichtscheuen Anonymität in Miskrebit geraten“, schreibt er zum Schluß dieses seines ersten Zeitungsaufsabes,„fo werde ich doch, wenn ich vorstehende Bemerkungen unterzeichnen will, durch ein Gefühl tiefer Beschämrung davon abgehalten, welches ich bei dem Gedanken empfinde, daß ich die Schlechtigkeit begangen habe, in dem Stande der ci⸗devant nobles geboren zu werden, deren wenn auch wenig bekannte, doch gewiß maßlose Privilegien mit eisernem Druck auf unserm unglücklichen Volke lasten, deren em⸗ vörendes Vorrocht, die Partikel„von“ zu führen, wie ein Nebel⸗ gebisde hinterlassen von der Nacht finsterer Zeiten dem trauern⸗ den Daeutschland die Morgensonne bürgerlicher und gesellschaft⸗ licher Gleichheit verhüllt.“ Während seiner Täligkeik im ver⸗ einigten Landtag erkannte dann Bismarck die unbedingte Notwen⸗ digteit, für seine und seiner Freunde Ideen eine Zeitung zu gründen, und er trat für die Schöpfung eines solchen Blattes mil aller Kraft ein. Die Besprechungen der konservtaiven Abgeord⸗ neten im Jahre 1847 über diese Angelegenheit bildeten die Grundlage dafür, daß ein Jahr darauf die Krruz⸗Zeitung ins Leben gerufen wurde: er gehört zu den Paten und Mitschöpfern dieser wichtigen Zeitung. Seine Meisterschaft in der Behandlung der Tagespresse bewies er aber erst, als er Ministerpräsident ge⸗ worden war, und von dieser Zeit an hat er bis zu seinem Tode stets die Mithilfe der Zeitungen gesucht und gefunden.„Der Fürst war der Ansicht,“ sagt der bekannte Redakteur der„Hamburger Nachrichten“ Hermann Hoffmann in seinem kürzlich erschienenen Werk,„daß keine Regierung, sei sie monarchisch, parlamentarisch, demokratisch oder sonst was, auf die Mitwirkung der Presse bei Durchführung ihrer Politik verzichten und den Zusammenhang mit ihr verlieren dürfe, ohne die Folgen am eigenen Labe zu ver⸗ spüren und die Landes interessen zu gefährden.“ So schuf er sich denn bald nach seinem Eintritt in das preußische Staatsministerium das Instrument für seine publizistische Tätigkeit, indem er die ihm von ihren Eigentümern zur Verfügung gestellte„Norddeutsche All⸗ gemeine Zeitung“ zu seinem offiziösen Organ erhob. Auch auf an⸗ dere Blätter gewann er Einfluß; aber daß es eine„Presse des Reichskanzlers“ gäbe, hat er des öfteren zurückgewiesen, so einmal im Reichstag mit den Worten:„Ich habe Zeitungen, die unter Umständen mir weißes Papier zur 2 stellen und in denen ich nrich ausspreche, wenn ich keine andere Gelegenheit habe; aber mich deshalb für alle Artikel verantwortlich zu machen, die darin sdehen, das ist doch eine sehr weit getriebene Sache, und ich kann es gewohnheitsmäßig— ich möchte sagen:„sportmäßig“— nicht lassen, daß, wenn ich gerade hier bin, ich mich gegen derartige An⸗
iffe wehre.“ Bismarck hatte stets das lebhafteste Interesse für 88 er las persönlich eine ungeheure Menge von Blättern, und seine Mitarbeiter fanden ihn häufig, auf dem Sofa liegend, rings um sich her eine Flut von Zeitungsblättern ausstreuend, die er durchflog. Er hat nicht immer günstig von der Presse ge⸗ sprochen und mit f en Augen ihre Schäden und Fehler erkannt. Reuter und Havas, die beiden Korrespondenzbureaus, deren— 1 fährliches Treiben wir heute wieder verspüren, hat er einmal„die Brutstätten aller Euten“ genannt. Aber den Wert und die Be⸗ deutung der gutgelciteten Presse, die Tüchtigkeit der Journalisten erkannte er nrit warmen Worten an.„Ich kann aus einem tüch⸗ tigen Redakteur,“ erklärte er,„leichter einen Staalssekretär des Aeusseren und Inneren machen— bitte, denken Sie nur an Lothar Bucher— als aus einem Dutzend Geheirräte einen gewandten leitenden Redakteur.“ Oder:„Ich gebe Ihnen gleich einen Leiter⸗ wagen voll von diesen Gebeimräten, Juristen, Theologen oder auch Philologen mit lauter ersten Noten in die Lehre, und Sie können aus ihnen nicht viel mehr als einen Schneider machen, der mit der Schere irgendein geistloses Lofalblatt zusanonenstellt. Das Zcug zum Redakteur, der selber denkt, schafft und schreibht mit Schwung und Kraft, muß man auch mitbringen.“ Nicht selten ließ der Kanzler Diplomaten von hohenn Range warten, weil er vorher einen Journalisten empfangen wollte, auf dessen Meinungsäuße⸗ rung es ihm ankam. Die schönste Aufgabe der Presse aber sah er darin, in großen geschichtlichen Augenblicken das Nationalgefühl zu beleben und zu stärken.„Es gibt,“ so sagte er zu Hoffmann, „Augenblicke, wo es aus den Spalten der Zeitungen„wie Schwert⸗ geklirr und Wogenprall“ herausklingen muß, um den Furor Teu⸗ tonicus zu erwecken, ohne den wir unsere künftigen Schlachten nicht gewinnen können.“
Montag, 2. März 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersuats- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
stra pe 7. Geschastsstelle u. Verlag: Sol, Schrit⸗
leuunmgz: S112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.
am Rodberg geht der Vogelfraß in das. so daß der Wert der Grundstücke dadurch beeinträchtigt wicd. Es gibt Grund⸗ be ier, welche wegen des Vogelfraßes keine Obstbäume dorthin pflanzen, trotzdem die dortige Gegend sehr dazu geeignet ist. Am schlimmsten ist es immerhin bei den Kirschen. Wenn ein Schwarm Stare auf einen Kirschbaum fällt, wird die ganze Kirschenernte vernichtet. In Grünberg hat einmal ein Mann seine 24 schönen Kirschbäume abge bauen, weil er für die Vögel die Kirsch⸗ bäume nicht gepflanzt hat, wie er sagte. Wie aber ist dem abzuhel⸗ fen? Nur durch scharfses Schießen. Alle anderen Mittel helfen nicht. Die Schießerlaubnis zu erlangen kostet aber viel Mühe und auch Geld. Die Eingabe an das Kreisqantt kostet 1 Mk. 50 Pf. Stempelgebühren. Dann geht die Eingabe an die Bürgermeisterci, nachher an die Oberförsterei und zuletzt an den Jagdpächter. Der Jagdpächter erlaubt sich in der Regel den Spaß, das Schreiben des Kreisamts nicht 3 oder erst nach Erinnerungen des Kreisamts zu beantworten. ide letzteren sind in der Rezel nicht für Er⸗ laubniserteilung. Bis dann endlich die Erlaubnis erteilt(oder duch abgelehnt) wird, was letzteres häufig vorkommt, sind die Kirschen von den Vögel gefressen oder ganze Aecker mit Getreide vernichtet.
In mancher Gemeinde schreiten die Landwirte zur Selbst⸗ hilfe, indems sich eine Anzahl zursammentun und die Jagd oder einen Teil der Jagd pachten. Das Mittel soll beim Wild probatum ein, genügt aber nicht, die der Landwirtschaft schädlichen Vögel zu vertreiben. 1
Wir haben die Zuschrift, die sich dem Sinne nach mit andern uns in den letzten Wochen zugegangenen Meinungs⸗ äußerungen deckt, einem berufenen Kenner der Verhältnisse vorgelegt, der folgendes dazu bemerkt:
Der Einsender übersieht ganz, daß das Wild auch zur E r⸗ nährung beiträgt. Für das Großherzogtum Hessen betrug 1908 der Verkaufswert des abgeschossenes Wildes 900 000 Mk. Dieser Verkaufswert besteht zum allergrößten Teil in dem Feischwert. Daß das Wild für etwa 800 000 Mk. Schaden im Großherzogtum Lessen verübt habe, wird doch der Herr Einsender im Ernste nicht behaupten wollen.
Noch viel mehr als durch Wild wird nach der Meinung des Herrn Einsenders die Ernte beeinträchtigt durch die sehr gefähr⸗ lichen Vögel. Hier e der Schaden in das Ungeheure. Be⸗ sonders wird gegen die Stare als die Vertilger der Kirschem angekämpft. Hat denn der Herr Einsender nicht bedacht, welchen Nutzen die angeklagten Vögel durch Vertilgung von Millionen von Insekten für die Landwirtschaft stiften? Der Herr Einsender scheint ein Freund von Kirschen zu sein und ein um so größerer Feind der Stare. Sollte die Forstwirtschaft so töricht sein die Stare zu hegen. wenn sie nicht auch ungeheuer nützlich wären als Insektenvertilger? Wie würden die Saaten des Land⸗ wirtes aussehen, wenn nicht die angeschuldigten Vögel eifrig die verderblichen Insekten zu Millionen vernichteten?.
Alles hat eben seine zwei Seiten. Der einerseits nützliche Star frißt andererseits aber auch Kirschen, die man lieber selbst hätte. Der Wunsch manches Landwirts: hohe Jagdpacht, große Wild⸗
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Dermischtes.
'Die Riesenschreibmaschine von San Fran- zis ko. In der Weltausstellung von San Fran isco werden lag- lich die letzten Nachrichten vom europälschen Kriegsschanplatz in großen Plakaten bekannt gegeben Diese Plakate werden von einer Niesenschreibmaschine hergestellt, die 4,50 Meter hoch und 6,30 Meter breit ist und 14 Tonnen wiegt. Die Buchstaben haben eine Hohe von 0,75 Peter. Da natürlich keine Stenolypisun der Welt eine solche Maschine mit ihren Fingern regieren könnte, werden die Hebel elektrisch in Bewegung gesetzt mil Hilie einer Tastatur, die durchaus normale Fimenssonen ar
voll, um erfüllt werden zu können.
Jagd urd Land wirtschakt.
Aus unserem Leserkreise wird uns geschrieben:
In Nr. 51 des„Anzeigers“ wird ganz richtig darauf hinge⸗ wiesen, daß die Ernte der Landwirte durch den Wildschaden sehr beeinträchtigt, und daß der Schaden früher nur von den Land⸗ wirten, jetzt aber von dem ganzen Volk getragen werden muß, in⸗ dem es in der Ernährung durch den Wiloschaden leiden muß.
Noch viel macht wird aber die menschliche Ernährung beein⸗ trächtigt durch die der Ernte sehr gefährlichen Vögel, wie: Raben, Häher, Stare, Schwarzamfeln und andere. Bei Gießen
Dämmerlicht der Vergangenheit, den glühenden, flammenden Far⸗ ben der Gegenwart und dent noch von Schleiern ahnungsvoll der⸗ haugenen Sonnenlohen einer— wir hoffen es alle— nicht fer⸗ nen Zukunft ein Bild von zwingender vaterländischer Kraft ge⸗ malt, de sen Wahrheit auch nicht der kleinste Zug deutschen Wesens fehlt. Verwandlungen auf offener Bühne und Nebeueinanderher⸗
laufen verschie ener dramatischer Zeiten hätten es leicht im Ge⸗H
folge haben können, Kinowirkungen zu schaffen. Das ist aufs glücklichste vermieden. Die von prächtigen, lebens und farben⸗ frohen und mit voller Beherrschung schwieriger Mittel gestellten Bühnenbildern unterstützte dramatische Dichtung fand die Auf- nahmestimmung, die ihrem Gchalte entsprach; sie war eine wür⸗ dige Feier. Dem Verfasser bereitete das Publikum eine stürmische, von Herzen kommende Beifallskundgebung. In den Hauptrollen zeichneten sich Ferd. Steinhofer und Paul Schubert, dieser als Bismarck-Roland, jener als Dichter, aus.
Zum Beschluß des Abends hatte man dann Paul Heyses warm⸗ blütige, herzerquickende Prinzenerziehung durch bäuerliche gesunde Sinne gewählt. Hans Lange, der Pommer mit dem aufrechten Nacken, dem goldenen Herzen, dem kristallklaren Menschenverstand und dem unheimlich treffenden Mutterwitz soll dem machthungrigen Intriganten von Marschall helfen, der Herzogin Sophie den Sohn zu entfremden; Hans Lange aber tut genau das Gegenteil; er macht aus dem ungebärdigen Prinzenjungen einen ganzen Mann, der die Zügel des Herzogtums mit fester Hand fassen kann, als sie im Sturm am Boden schleifen. Was die schwertklirrende Zeit um
die Wende des 18. Jahrhunderts an dramatischen Wirkungen Lo
dem sicheren Geschmack des Meisters Novelle verwertet, vom Humpen des trunkliebenden getreuen Vasallen bis zum Kettoflirren des von der Vergeltung ereilten ritterlichen Bösewichts. Ein Drama freilich ist entstanden, wohl aber die spannende Erzählung eines Romans, wie er sich ohne Schwierigkeit auch in einem anderen Dorfe bezw. einem andern Schlosse hätte ereignen können. Das aber ver⸗ übelt man Heyse keineswegs; die Freude an den unterschiedlichen Prachtfiguren, die er sprechen läßt, ist zu groß dafür, und vor allem auch das la
bietet, das hat Paul Heyse mit
e Staunen darüber, wie in diesem Stücke mit Tod und Teufel Karten gespielt wird. Paul Schubert bot in der Titelrolle eine prächtige Leistung, in der sich all die Eigen⸗ schaften des bäuerlichen Fürstenerziehers klar und sympathisch
auf diese Art nicht] leidende
aur Zahnpflege
die ungeregelten Instinkte einer falschen,
herrschsüchtigen Despoten⸗
natur; Ferdinand Stein hofer als der junge Herzog hat in ähn⸗ lichen Rollen voll jugendlichen Ungestüms zu oft Proben seines sicheren Gestaltenkönnens abgelegt, als daß man nicht Hübsches
von der Art hätte voraussetzen können, mit der er die Rolle des jungen Heißsporns ansaßte. Auguste Frenzel war eine würdige derzogin, Rudolf Gol! als trink⸗ und gesinnungstüchtige Jürgen hätte man sich fast in die bekannten Hosen des Herrn von Bredow hineindenken können, und Hans Grosser-Braun gab mit seinem Henning allen Grund zur Anerkennung. a-
*
— Ein„Barbaren“ ⸗Musikfest in London.„Die drei B“ bestreiten, wie die englischen Blätter hervorheben, das große Musikfest, das am 15. April in London in der Queens Hall seinen Anfang nehmen soll. Als viertes„B“ könnte man hinzufügen, daß es sich dabei ausschließlich um Musik der„Barbaren“ handelt, wie man in England die Deutschen jetzt so gern nennt. Es ist nämlich ein Bach⸗Beethoven⸗Brahms⸗Musikfest, und es soll eine ganze Woche dauern. Das Cröffnungskonzert ist Orchester⸗In⸗ strumental⸗ und Vokalwerken Bachs gewidmet; ihm solgt die Auf⸗ führung von Bachs H⸗Moll⸗Messe. Das dritte Konzert enthält ein Programm, das nur Werke Beethovens für Orchester, Klavier und Singssimme aufweist; der vierte Abend ist Beethovens Missa solem⸗ nis geweiht. Im fünften Konzert kommt Brahms mit verschiedenen Werken zu Worte; das letzte, das sechste Konzert, weist Brahms! Deutsches Requiem und Beethovens Neunte Sinfonie auf. Das ndoner Sinfonie⸗Orchester vereinigt sich zu diesen Festauffüh⸗ dungen mit einem ausgewählten Fesschor von 200 Stimmen, der von der Philharmonis Gesellschaft und dem Sängerchor von Leeds gestellt wird. Der Reinertrag dieser Musikwoche soll not⸗ u französischen, belgischen und britischen Musikanstalten zugute kommen. Die Engländer haben ja immer das Gute ge⸗ dommen, woher sie es bekamen; deshalb werden sie auch auf die Musik der„Barbaren“ nicht verzichten.
— Eine neue Bühnenein richtung von Goethes „Faust“. Das Hoftheater in Darm stadt hat Felix von Wein⸗ gartners neue Bühneneinrichtung von Goethes„Faust“ zur Aue fübrung angenommen. Weingartners Musik zu„Faust“, die bee au mehreren Bühnen gespielt wurde, ist im Einklang mit der neuen Einrichtung vom Komponisten wesentlich umgestaltet wor⸗
wiederfanden. Walter D wor ko ws ki, der auch die wohlgelun⸗ gene Regie besorgte, zeigte als Marschall in wohltuender Mäßigung
den und gelangt in dieser Form ebenfalls in Darmfiadt zu. führung. 8
schaden vergütung, kein Wild! ist zu einseitig und widerspruchs⸗ g
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