Ausgabe 
(23.3.1915) 69. Zweites Blatt
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Ur. 69

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Zweites Blatt

DieGletzener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Sleßen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit ragen erscheinen monatlich zweimal.

105. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

Mit schwerverwundeten Uriegern von Ronstanz nach Lnon und zurück.

Ein Schweizer Blatt bringt einen interessanten Bericht über einen deutsch⸗französischen Verwundetenaustausch. Da⸗ bei wird hervorgehoben, das Benehmen der deutschen Be völkerung habe in wohltuendem Gegensatz zu dem der fran⸗ zösischen gestanden. 16 Mann der Rot⸗Kreuz⸗Kolonne St. Gallen wären aufgeboten worden zu einem Transport von Konstanz durch die Schweiz nach Lyon und zur Heimbeglei⸗ tung schwerverwundeter deutscher Soldaten aus Frankreich nach Konstanz. Ein Mitglied der Kolonne erzählt über die Hin⸗ und Rückfahrt:

Am letzten Donnerstag verließen wir, 16 Mann unserer Ko⸗ lonne. St Gallen. Wir mußten nachmittags 2 Uhr in Konstanz den Dienst antreten. Um 4 Uhr begannen wir mit dem Einladen der 234 schwerverwundeten Franzosen. Um 8.05 Uhr fuhr der Sanitätszug ab. Er stand unter der Leitung von Herrn Dr. Guisan, einem verdienten Förderer der Rot⸗Kreuz⸗Sache in der Westschweiz. Als stellvertretender Feldwebel stand ihm der Präsident der St. Galler Kolonne, Herr Rüegg, zur Seite.

Ehe der Zug Konstanz verließ, hatte sich eine unübersehbare Menschenmenge am Bahnhof angesammelt. Es herrschte im Pu⸗ blikum eine untadelige, vornehme Disziplin. Kein Wort wurde laut; es war alles totenstill, vom furchtbaren Ernste des Augen⸗ blicks ergriffen.

2 Etzwilen wurde das erste Halt gemacht; wir waren in der Schweiz. Hier erhielten die Soldaten die ersten schweizerischen Liebesgaben. Ganze Zainen voll wurden in die Wagen gebracht. So wurden die Soldaten schon beim Beginn der Fahrt durch unser Land mit Geschenken überhäuft. In Winterkhur standen die Leute in großer Masse um den abgesperrten Bahnhof. Nur wer Liebesgaben abzugeben hatte, wurde zum Bahnsteig N

In Zürich war ebenfalls alles abgesperrt; in Baden hielt wiederum das Publikum den Bahnhof dicht besetzt; das gilt auch für Bern und die großen westschweizerischen Stationen.

Bei der stundenlangen Fahrt durch unser Land hatten wir 5 nügend Arbeit. Ich darf heute stolz sagen, daß die St. Galler Ko⸗ lonne auch diese Aufgabe gelöst hat als eine vom echten Samariter⸗ tragene Truppe. Sie tat alles, um den armen Soldaten Frankreichs die Fahrt zu erleichtern, und die Verwundeten haben jede Hilfe und Handreichung mit herzlichem Danke belohnt. Wir n sieben Blinde bei uns, durch Schuß war ihnen das Augen⸗ icht geraubt worden; weit über hundert Mann hatten nur noch ein Bein, andere nur noch einen Arm, da waren Gelähmte. Ein junger Soldat hatte einen Schuß durch die Wirbelsäule; dabei war ihm ein Knöchelchen weggeschossen worden, und seither ist er vom Becken bis zu den Füßen vollständig gelähmt. Wieviel Not und Elend führte der Zug mit sich! Wie schrecklich ist der Krieg! Alles ört er, alles vernichtet er. Wir haben viel erlebt auf dieser vor allem aber wuchs in uns die Freude, helsen zu ditrfen und helfen zu können.

Der Tag brach an wir fuhren auf französischem Boden; um 10 Uhr vormittags, also am Freitag, langten wir in Cyon an. Soll ich erzählen, wie kalt die Verwundeten empfangen wur⸗ den? Es herrschte eisige Stille, alles ging sonderbar hart mili⸗ tärisch zu und her. Niemand bekam die Verwundeten zu 51 alles war abgesperrt. Die Soldaten wurden sofort in andere Zuge verladen und wieder fortgebracht in Spitäler im Innern des Landes. 2 babe hierbei den bestimmten Eindruck erhalten: Das französische Volk darf nichts von diesen Transporten zu sehen be⸗ kommen; es darf nicht wissen, wie die Sache für das Land steht. Nur das nicht! Das Volk verlöre den Mut und die Hoffnung. Einmal kreuzte ein Truppentransport unseren Zug. Die ins Feld fahrenden Jungen sahen die Heimkehrenden; sie grüßten sich und trennten sichLe jour de gloire est arrivs! sangen unsere Ver⸗ wundeten, als sie über die Grenze fuhren; nicht alle sangen mit; sie 3 so müde und ernst und wissen nicht, was die Zukunft In Lyon hatten wir deutsche Schwer verwundete einzuladen. Nach kurzer Rast mußten wir um 2 Uhr, nach dem Mittagessen, das wir in einem Spital einnahmen, wieder antreten. 166 Verwundete nahm unser Zug auf; um 4 ÜUhr stand er zur Abfahrt bereit. Ich habe erzählt, wie vornehm und untadelig sich das deutsche Publikum bei der Abfahrt in Konstanz benommen hat. 5 doch nur das gleiche sagen vom französischen Publikum in Lyon. ich wohl, daß sich vor und bei der Abfahrt des Zuges Szenen ereig⸗ neten, die zum Widerlichsten, Häßlichsten gehören, was ich je gesehen

ch will hier nicht Einzelheiten verbreiten. Aber sagen darf] haus

Dienstag, 23. März 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckeres. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul;

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S851, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.

habe: und ich war jahrelang in der Welt draußen. Nicht der ver⸗ 8 Volksmasse möchte ich schuld geben, nicht den Frauen und Rädchen, Burschen und Männern, die in Wort, Geschrei und Ge bärde die Deutschen beschimpften und nicht einmal mehr vor Krüppeln Achtung haben; nein, die Schuld trägt eine gewissenlose, aufgepeitschte Pariser Presse. Um die Deutschen den Blicken einer wütenden Menge zu entziehen, ließen wir die Roulcau der Wagen⸗ fenster herunter. Ein französischer Offizier rief dem Publikum zu: Soyez sages! Je vous en prie! Aber sein Ruf ging unter im Lärm Man achtete seines Ranges nicht.

Das muß ich sagen: Die französischen Offiziere und Soldaten haben sich sehr nobel benommen. Sie waren im Verkehr nobel: doch der wütenden Masse gegenüber blieben sie machtlos.

In den Abend hinein fuhren wir der Schweiz entgegen. Bei verschiedenen französischen Landstationen erfuhren wir ähnliche Szenen wie in Lyon. Ich will schweigen von all dem und über⸗ ehen zum schönen Empfang der Deutschen in Genf.

chweizerboden Schweizerart. Mit Blumen schmückten die Genfer Rot⸗Kreuzler den ganzen Zug. Die bekannte Genfer Wohl täterin Frl. Favre hatte auf ihre Kosten den Verwundeten ein Nachtessen herrichten lassen, und jeder der Deutschen bekam ein Glas Bier dazu. Wie dankbar waren die Soldaten für jedes freundliche Wort, für die reiche Liebesgaben, für den herz⸗ lichen Empfang im alten Genf! Ein jeder bekam eine frankierte Ansichtskarte: ein Gruß an die Heimat, eine Erinnerung an die Fahrt durch die Schweiz. Vor Abfahrt des Zuges wurden die Karten eingesammelt und der Genfer Post übergeben. 1 Uhr nachts waren wir in Lausanne Auch hier gab es für die deutschen Soldaten eine Unmasse Liebesgaben. Der Bahnhof war dicht besetzt, der Empfang ein sehr warmer. Bern passierten wir um 3 Uhr morgens, und in Zürich trafen wir um 6 Uhr in der Frühe ein. Nach kurzem Aufenthalt fuhr der Zug der deut- schen Grenze zu. In Etzwilen, Steckborn und Ermatingen wurden wiederum Liebesgaben gespendet und bei der langsamen Vorbei⸗ fahrt sogar in die Wagen geworfen oder gar an Angelruten durch die Wagenfenster hineingeboten.

Bei der Einfahrt in Konstanz spielte eine Musikkapelle Heil dir im Siegerkranz. Mit Musik und Hurra- und Hoch⸗ rufen wurden die heimkehrenden Schwerverwundeten empfangen. Eine gewaltige Begeisterung ging durch die tausend und tausend, die sich eingefunden hatten. Das war der Gruß des deutschen Volkes an 7 heimkehrenden, schwerverwundeten Krieger. Da blieb kein Auge trocken, und uns Schweizern wird der Empfang unvergeßlich bleiben. Wie anders war es in Konstanz als in Lyon! Woher das wohl kommen mag?

Wir Neutralen sind Zuschauer. Aber von Zeit zu Zeit greifen wir als Vermittler ein, und wo es gilt, helfende Hand anzulegen, da wollen wir beweisen, daß wir nicht laue Beobachter, sondern gute, aufrichtige Nachbarn sind. Was wir den andern Gutes tun, ist unsere Pflicht; denn wir leben mit allen Nachbarn im Frieden.

Aus dem Reiche. Die Memeler Flüchtlinge.

Königsberg(Preußen), 22. März. WTB. Nichtamtlich.) Regierungspräsident Graf von Heyserlingk begab sich am Samstag

auf die Kurische um die Ortschaften, in denen Memeler Flüchtlinge sind, zu besichtigen Auf der Nehrung befanden sich 7 bis 8000 Flüchtlinge, welche überall von der

Bevölkerung frenndlichst cufgenommen worden waren. Für die Lebensmittel zufuhr von Königsberg war sofort vom Landeshaupt⸗ mann im Ei mit den Staatsbehörden gesorgt worden. Warme Decken und Kleider lieferte die Versandstelle des Vater⸗ ländischen ins in Königsberg. Der Abtransport der Flüchtlinge war durch Sturm und Schneewettter erschwert, trotzdem gelang es, etwa 3500 Menschen zu Wagen nach Cranz und in Schlitten über das Kurische Haff von Schwarzort nach Starischken und von Nidden nach Karkeln zu bringen. Dagegen konnten die vom Regierungspräsidenten von Pillau nach Schwarz⸗ ort zur Aufnahme von Flüchtlingen entsandeen Dampfer wegen des herrschenden Stuymes leider ihre Aufgabe nicht erfüllen. Die rüstigen jungen Leute kamen zu Fuß über die Nehrung und das Packeis. In den Ortschaften, in denen Flüchtlinge rasten, ist überall für Verpflegung und Unterkunft gesorgt. In Schwarzort befanden sich zeitweise 7000 Menschen. Dort leitete der Memeler Landrat, Geh. Regierungsrat Cranz, persönlich die Fürsorge. Das Kranken⸗ Barmherzigkeit entsandte dorthin Gemeindeschwestern. Ein Arzt ist von der Regierung nach Nidden gesandt worden, ein an⸗ derer Arzt wird nach Schwarzort geschickt.

Fahrt des Vereins für das Deutschtum im Ausland nach Friedrichsruh.

Der Hauptvorstand des Vereins für das Deutschtum im Aus⸗ land hatte geplant, am 1. April die Auslandsdeutschen aus aller Welt zu einer gemeinsamen gewaltigen Kundgebung nach Hamburg zusammenzuladen. Der Krieg hat diesen Plan vernichtet. Der Ver⸗ ein ladet indessen, wie er uns schreibt, alle Mitglieder und Freunde der deutschen Sache ein, gemeinsam mit ihm in Friedrichsruh an dem Grabmal e Reichsgründers am 1. April einen Kranz niederzulegen. le, die gewillt sind, sich an dieser feierlichen Kundgebung zu beteiligen, werden gebeten, ihre Anmeldung bis zum 22. März der Geschäftsstelle des Vereins für das Deutschtum im Ausland, Berlin W. 62, Kurfürstenstraße 105, bekannt zu geben. 1

Berlin, 22. März.(WTB. Nichtamtlich) Wie wir hören, hat der Kaiser am heutigen vaterländischen Gedenktage dem Staatssekretär des Innern und Vizepräsidenten des Staatsministe⸗ riums Dr. Delbrück, dem Minister der öffentlichen Arbeiten v. Breitenbach und dem Reichsbankpräsidenten Havenstein das Eiserne Kreuz 1. Klasse, sowie den sämtlichen Staats⸗ ministern, Staatssekretären und Oberpräsidenten das Eiserne Kreuz 2. Klasse am weiß⸗schwarzen Bande verliehen, soweit sie nicht schon im Besite dieses Ordenszeichens sind..

Berlin, 22. März.(WTB. Nichtamtlich.) In der heutigen Sitzung des Bundesrats wurde itber die Festsetzung der Ma⸗ trikularbeiträge für das Rechnungsjahr 1915 Beschluß ge⸗ faßt und den vom Reichstag angenommenen Gesetzentwürfen, betreffend die Feststellung des Reichshaushaltsetats, sowie des . der Schutzgebiete für das Rechnungsjahr 1915 zu⸗ gestimmt.

Dresden, 22. März.(WTB. Nichtamtlich.) Aus Bethe⸗ noiville wird unter dem 21. März gemeldet: Der König be⸗ sichtigte gestern das Schlachtfeld von St. Privat vom 18. August 1870, u. a. das Sachsendenkmal und das Grab des sächsischen Generals v. Graushaar, ferner die sächsische Mörserbatterie und besuchte dann den sächfischen General der Infanterie von Carlowitz sowie den Oberbefehlshaber der 3. Armee, Generaloberst v. Einem. Am Abend traf der Monarch in dem Hauptquartier des komman⸗ dierenden Generals von Kirchbach ein. Am Sonntag besuchte der König die sächsischen Reserveregimenter, die insbesondere in den Kämpfen bei Ripont Hervorragendes geleistet haben. Später begab er sich zu kurzem Befuche des Kaisers in das Große Haupt⸗ quartier. ö

Aus Stadt und cand. Gießen, 23. März 1915.

umzug.

5 im Fam Hautsherrn allemal ein einschnei⸗ dendes Ereignis, wenn der Möbelwagen bestellt und das Heim verlegt werden soll. Der 1. April steht heuer auch in dieser Beziehung unter einem ganz besonderen Zeichen, nämlich unter dem des Krie ges. In n Familien hat er einschneidende Verã in der Lebenshaltung her⸗

acht. indem der Ernährer im Felde geblieben ist⸗ und nun an die Hinterbliebenen die en, i 5 Leere tritt, ihren Haushalt mit geringeren Mitteln zu ite oder ganz au en. Diese Erscheimungen dürften sich auch in Gießen diesmal stark bemerkbar machen. Wie wir hören, liegen bei den Möbelspediteuren viele Umzugsauf⸗ 1b nach auswärts vor; Veranlassung des We ist in vielen Fällen der Tod des Familienhauptes. satz in Ge⸗ stalt des Zuzugs von außerhalb soll einstweilen noch nicht in entsprechendem Umfang zu erwarten sein.

Wer es eben einrichten kann, pflegt die Verlegung feines Heims vor dem eigentlichen Umzugstermin zu be⸗ werkstelligen, und die Wohnungen, die leer standen, haben ihre neuen Mieter schon aufgenommen. Für die andern bringt dann der Monatsletzte die Freuden und Leiden des Wohnungswechsels. Mehr als je erscheint es heuer berech⸗ tigt, denen, die sich ein neues Heim einrichten, die Forde⸗ rung nach dessen Vervollkommnung entgegenzu⸗

Der Blumenhandel der Riviera in Kriegszeiten. Der Frühling ist an der Riera nun mit vollem Prangen eingezogen, wenn auch freilich ganze drei Wochen später als sonst, da die starken Schneefälle in den Bergen ihm bis dahin den Weg versperrten Myriaden von Blumen entfalten nun ihren Duft, und an geschützten Stellen wagen sich auch schon die Blüten der Obst⸗ bäume hervor. Aber in all diesem Blühen und Treiben des Lenz herrscht diesmal nicht dieselbe Freude und Lust wie sonst. Den Be⸗ wohnern, denen die Frühlingspracht sonst nicht nur ästhetischen Reiz sondern auch klingenden Lohn brachte, ist mit der Ueppig⸗ keit des Blühens wenig gedient, denn sie können ihre Blumen nicht absetzen. Wie Grace Curnock in derDaily Mail des Näheren ausführt, liegt der Blumenhandel der Riviera völlig darnieder, weil die Kunden aus all den kriegführenden Ländern fehlen, in denen man jetzt an andere Dinge denkt als an die holden Kinder des Südens Noch niemals find die Blumen so wenig wert gewesen, und man überschüttet verwundete Soldaten geradezu mit diesen 8 Floras, mit denen man sonst sehr haushälterisch um⸗ ging. Sobald sich ein Krieger auf dem Blumenmarkt von Nizza zeigt, so entsteht ein edler Wettstreit unter Herren und Damen, die ihm die meisten Blumen schenken wollen, damit er sie seinen Kameraden im Lazarett mitnehme, und der Arme keucht dann be⸗ laden mit einer übergroßen duftigen Last davon. Seit der fran⸗ zösische Schriftsteller Alphonse Karr vor etwa einem halben Jahr⸗ hundert die ersten Rivierablumen nach Paris sandte, um sie dort fen zu lassen, und damit die Mode der Rivierablumen be⸗ gründete, haben sich immer weitere Kreise der Rivierabevölkerung mit dem Blumen- und Obsthandel beschäftigt, und allein nach Paris und London wurden jährlich fast 10 000 Tonnen Blumen gesandt. Dieser Erwerb ist jetzt auf einen sehr geringen Maßstab ein⸗ eschränkt, und mit Wehmut blicken die Leute auf die blühende racht, die ihnen Nahrung verschaffte und die jetzt nutzlos ver⸗ duftet oder zu Schleuderpreisen weggegeben werden muß. Aber der dies jährige Ausfall ist es nicht allein, der den Blumenhandel an der Riviera schädigt Da ein großer Teil der geschulten Gärtner eingezogen ist, so bleiben zur Pflege der Gärten und zum Züchten Blumen nur noch die Frauen und die alten Leute übrig, und da diese die Kunst vielfach nicht so gut verstehen, so wachsen und wuchern die schönen n wild; die Pflanzen leiden; die seinen Arten, aus denen die 1 2 5 gemacht wurden, geraten. Aicht, und auf Jahre hin dürfte die ganze Zucht, die so zarter Obhut und so feinster Behandlung bedarf, sich nicht wieder in so edlen Arten entfalten, wie man sie vor dem Kriege erlangt hatte.

uen arbeiten, die, so gut es geht, die Arbeit tun. Der Winter gewesen, und es gab so viel Schnee und Frost, wie seit nicht. Auch das trägt Hazu bei, daß die Blumenernte keine te sein wird, und darunter dürften am schwersten die

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großen

e den zahllosen Gärten der Riviera sieht man jetzt nur Herold 55

3 von Grasse zu leiden haben, die ganz Europa mit wohlriechenden Essenzen versorgen Viele Kilometer rings um diese schöne Stadt dehnen sich ja die Felder mit sorgfältig gezüchteten Blumen aus, die ihren Duft dann für die Parfüms hergeben müssen; sie stehen auch jetzt wieder in voller Blütenpracht, denn der Frühling ist schließlich doch noch mächtiger als der Krieg, wenn au eilich seine Schöpfungen unter der harten Faust dieses Widersachers leiden müssen.

Wilhelm Herolds Abschied von der Bühne. Aus Kopenhagen wird uns geschrieben: Gleichzeitig mit der Vollendung feines 50. Lebensjahres nimmt Wilhelm Herold, der gefeierte Tenor des hiesigen kgl. Theaters, der ja durch seine Gast⸗ spiele auch in Deutschland allbekannt geworden ist, Abschied von der Bühne. Dieser Entschluß des Künstlers, mitten im vollen Glanze seines Ruhmes die Stätte seiner Wirksamkeit zu verlassen, bildet ein neues Zeugnis dafür, wie klug Herold Kunst und Leben immer zu erfassen und zu gestalten verstanden hat. Er ist ein erstklassiger Tenor und verzeihen Sie das harte Wort! den⸗ noch intelligent. Nur dank dieser Intelligenz konnte er seinen Weg so schnell und so siogreich machen, denn es ist kein Ge⸗ e wenn man offen ausspricht, daß seine Stimmittel von

use aus an Glanz hinter denen manches seiner Kollegen vom r zurückstanden Herold selbst hat einmal, wie der Musik⸗

itiker Charles Kjerulf erzählt, ausgerufen:Ach, hätte ich nur Niels Hansens Stimme gehabt da hättet Ihr was sehen und vor allem hören sollen, Kinder! Aber wenn er Niels Hansens Stimmittel nicht hatte, so verfügte er dafür über ein solches Ge⸗ schick in der Behandlung und der Oekonomie seiner Stimme, bildete er sich zu einem solchen Meister des Vortrages aus, daß er Dänemarks größter moderner Tenor und einer der gefeiertsten

modernen Tenöre in ganz Europa werden konnte. Freilich hatte 8

seine Stimme von Hause aus die besonders glückliche Gabe eines sehr innenden Klanges; dazu kam das entschieden Männlich⸗ Si e, das Herolds 5 Spiel und Erscheinung kenn⸗

nete, und so konnte es geschehen. daß vor 22 Jahren der

als 28jäghrige Schullehrer von der Insel Bornholm das an⸗ 1 7. Publikum sogleich im Sturme gewann.

behauptete dann freilich diese Stellung nur dank einer un⸗ ausgesetzten Arbeit an sich und seiner Kunst. Zu seinen Eigen⸗ tümlichkeiten gehörte in erster Linie die vollkommene Herrschaft, die er auf der Bühne über sich besaß. Er rührte, erschütterte, be⸗ zauberte, blieb aber dabei stets Meister seiner selbst. Dafür zeugt cine hübsche Anekdote, die der bereits erwähnte Kjerulf von zu erzählen weiß. Der Künstler hatte die Gewohnheit, vor dem Betreten der Bühne immer mit irgend etwas zu spielen. So steht er auch eines Abends hinter den Kulissen und jongliert mit einem Zweikronenstilcke, wirft es in die Luft, fängt es wieder auf, läßt es verschwinden und wieder empor bis bas Geldstück

stellungen gefeiert. Die Preise sind er⸗ höht, aber das Haus wird sicher gestopft voll sein, und das Publi⸗ kum wird keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um Wilhelm Herold zu beweisen, wie dankbar es ihm ist und wie es ihn schätzt. N Tränkt der Storch seine Jungen? Eine alte Streitfrage der Vogelforscher ist jetzt durch einwandfreie, durch die photographische Platte festgehaltene Beobachtung zugunsten von Naumann und Brehm entschieden: Tränkt der Storch gemeint ist der weiße Storch seine Jungen? Albert Heß teilt in derNaturwissenschaftlichen Wochenschrift im Auszuge die Beobachtung mit, die A. Burdet in Wageningen in Holland machte: er sah, wie ein Storch in einem nahen Graben Wasser holte, das heißt den Kehlsack damit füllte, zu seinem Nest flog und seine Jungen tränkte und bespritzte. Ein klarer Wasserstrahl war deutlich sichtbar. Burdet hat den Hergang photographiert. Er macht mit Recht darauf aufmerksam daß dieser zug aus dem Leben eines so leicht zu beobachtenden Vogels von den Ornithologen offenbar übersehen wurde. In der Literatur schreibt nun Naumann: Gabuch Wasser schleppen sie im Kehlsacke zum Neste. Und Alfred Brehm(Tierleben):Die nötige Wasser⸗ menge schleppen die Alten mit der Nahrung im Kehlsacke herbei und speien ste diesen vor Bei großer Hitze sollen sie die Jungen auch überspritzen Der schweizerische Storchenbeobachter Fischer⸗ Sigwart in Zofingen t nicht an ein solches Tränken und vermutet, daß die Beobachter einen Vorgang beim Füttern un- richtig gedeutet haben. Die jungen Störche find in den Nestern auf den Haus- und Kirchendächern sehr stark den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Die alten Störche trinken fleißig und viel. Der an Wasser wäre daher begreiflich. Bei den Vögeln ist aber ein richtiges Tränken der Jungen durch die Alten sonst nicht der Fall, so daß dieser Punkt der besonderen Beachtung verdient.

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