Ausgabe 
(13.3.1915) 61. Drittes Blatt
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wöchentlich. DieLandwittscgaftlichen zeil fragen erscheinen monatlich zweimal.

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105. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Samstag, J. Matz 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schrijitleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul;

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrift⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Ktiegsbriefe aus dem Westen. 5 Von umferm Kriegsberichterstatter. mecrechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, berboten) Die belgische Landwirtschaft und der Krieg. 1 Großes Hauptquartier, am 9. März.

Neben der belgischen hochentwickelten Industrie tritt die Land⸗ 1 4 scheinbar so zurück, daß man ganz überrascht ist, wenn man ihre Leistungen schwarz auf weiß in den statistischen Nachweisen liest. In dem im Jahre 1913 auf Initiative eines Deutschen, des in Brüssel ausässigen Straßburger Buchhändlers Thron er⸗ f. n, grundlegenden WerkeEtudes sur la Belgique berechnet der Diwistonschef im belgischen Landwirtschafts⸗Ministerium Gaspard den durchschnittlichen Gesamtbodenertrag Belgiens auf rund eine Milliarde Franken. Davon entfallen 700 Millionen Franken auf den Erntewert der Ackerfrüchte, der Rest auf den Ge⸗ ntise⸗, Obst⸗ und Gartenbau. Der sachverständige Beurteiler hebt dabeidaß weder die Kohle, noch die Hochöfen, noch sonst eine der Industrien des Landes an sich diese Ziffer erreiche. Dabei sind nur 30 vom Hundert der Bevölkerung noch in landwirtschaft⸗ lichen Betrieben tätig. g 5 Sy stattlich diese Ziffern aussehen mögen, so wenig bedeuten sie bei der besonderen Artung der belgischen Landwirtschaftsbetriebe ür die Ernährung des Landes. Knapp ein Trittel des Volks⸗

uches wird in den eigenen Grenzen erzeugt. Im übrigen ist

Rien if auf Einfuhr augewiesen. Aber der Hochstand der Pro⸗

n ist auch nur int Frieden, bei zahlungskräftigen Auslands⸗ bnebmern und unbeschränkten Ausfuhrmöglichkeiten denkbar.

Einige Einzeldaten mögen die Eigenheit der belg. Produktion be⸗ legen. Rings um Brüssel befinden sich die großartigen Weintrauben⸗ fulkuren m, deren liche Beeren oft Zwetschengröße erreichen. Förmliche Glasstädte dehnen sich da über Hektar an Hektar. In einem Jahre werden bis zu Kilogramm dieser köstlichen Trauben besonders nach England, Deutschland, den Niederlanden und 15 nach Nordamerika ausgeführt. Ebenso sind bei Brüssel allein 500 Hektar Erdbeerplantagen in Kultur, welche 30004000 Franken pro Hektar Jahresgewinn einbringen.

1 Bau der Zichorienwurzel bekanntlich ist die Pflanze selbst als Salat und Gemuüse namentlich in Flandern sehr beliebt 12 Hauptsitz in etwa 10 Gemeinden der Brüsseler Gegend, wo man bis 500 Franken Pacht pro Hektar bezahlte. Nachdem aber die Bodenpreise im weiten Umkreise der Metropole immer höher deigen, ist der Zichorienbau im Begriffe, weiter hinaus in andere

schaften abzuwandern. Frankreich nahm jährlich allein 4 500 000 Kilogramm Zichorienwurzeln ab.

In der Gegend von Gent gibt es auf einem Gesamtbodenraume von mehr als 1200 Hektaren nicht weniger als 700 Gärtnereien, die sich mit der 2 75 von Palnien, Lorbeeren, Azaleen, Rhodo⸗ dendren usw. beschäftigen und im Jahre 1911 nach Amerika für über 2 Millionen Franken exportierten.

Nach alledem ist Belgien geradezu ein landwirtschaftliches Musterland im Sinne jener weltabgewandten freihändlerischen Doktrinäre, die in Deutschland glücklicherweise längst völlig aus⸗

gestorben sind Ludwig Thoma hat diese Leute einmal in derMe⸗ daille sehr wirkungsvoll verspoktet, wo er dem überklugen Assessor,

der dem rgermeister den Rat gibt, zum Anbau hochwertiger Se Aigen e Antwort geben läßt:Jawohl, er Nägelein und Gelbveigelein, weil's gar a so guat schmeckt!

Alle die 1 15 3

auch als.

qusschauende positive Wirtschaftspolitit Iten hat, die innere Geschiossenheit des Betriebes, der sich aus sich selbst heraus erhal⸗ Niemals ware Belgien imstande, den Wirtschaftskrieg gegenüber einem blockierenden Feinde durchzuführen, zudem bei uns das ganze Volk bis zur letzten Arbeiterfrau freudig mobil ge⸗ macht hat. Ganz auf seine eigene Scholle angewiesen, würde es bei Fortsetzung seiner bisherigen Produktionsverhältnisse in kur⸗ zer Zeit ausgehungert sein. Viel unmittelbarer, als es unter irgend welchen Umständen bei uns möglich wäre, hat hier die Kriegsnot an die Tore der Bauernhöfe gepocht.

Da ergaben sich also für die deutsche Regie sehr beträcht⸗ N Ueber das was geschehen ist, um ihnen zu nen, um Belgien aus sich heraus so ernährungsfähig wie möglich zu machen und gleichzeitig der heimischen deutschen Volksernäh⸗ rung zu dienen, hat mir Geh. Reg. ⸗Rat Dr. Kauffmann, der Ministerialreferent für Landwirtschaft in der kaiserlichen Zivil⸗

rt ung für Belgien, eine Reihe von bemerkenswerten Auf⸗ ssen gegeben, denen ich das Folgende entnehme:

Getreu dem Berufe des Landwirtes war es unser Streben, nicht zu zerstören, sondern aufzubauen. Dazu suchten wir die frei⸗

ZBilder vom Winterkrieg am pruth. Der Kriegsberichterstatter Martin- H. Tonohoe mit beson⸗ derer Erlaubnis der russischen Heeresleitung ade Sebrbar bt russischen Stellungen am linken Ufer des Pruth besucht und zeichnet anschauliche Bilder des Krieges von dem weißen Hintergrund dieser schneebedeckten Landschaft abEs war ein kalter Tag, obwohl die Sonne zum erstenmal seit Wochen strahlte und einen schillernden Glanz in das helle Licht auf den weißen Fluren mischte. Von aus, der österreichischen Eisenbahnstation an der Linie Czer⸗ die Mamornitza in Rumänien gegenüber liegt, fließt der Pruth in Windungen ostwärts und südwärts, und sein Tal trennt hier die beiden 5 Heere Die Flußufer sind mit dünnem Buschwerk bedeckt, dessen kahle Zweiglein braun gegen die weiße Decke stehen. 1 Russen und Oesterreicher haben sich zu beiden des Ufers so behaglich, wie es geht, eingegra⸗ ben. Zu meiner R erhebt sich, wie ich so den Fluß hin⸗ untersehe, in einem scharsen Anstieg das weite Plateau, das Czer⸗

nowitz beherrscht Hier haben schwere Kämpfe zwischen Oester⸗ reichern und ssen zu Anfang des Krieges stattgefunden, und das Schlachtfeld 3 Tage ist 1 5 ein unfbers 1 Uirchhof.

auf dem Hunderte von Kreuze aus dem Schnee herausragen und zeigen, wo tapfere Krieger schlafen. Der Berichterstatter wurde von den Russen gastfreundlich aufgenommen; sie teilten mit ihm im Schützengraben ihr Reisbrot und ihre Gemüsesuppe; die Leute, die e Wache hatten, vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen, Zigarettenrauchen oder entlockten der Mund⸗ harmonika, diesem Lieblingsinstrument der Soldaten des Zaren, wehmütige Weisen. Als sich die Nachricht verbreitete, daß ein aus⸗ ländischer Berichterstatter gekommen sei, um die Soldaten zu be⸗ suchen, erregte das großes Aufsehen, und in den Dorfstraßen folgten 1 Gruppen von Leuten, die ihn anstarrten.Vom führen war an diesem Tage nicht viel zu merken. Und an den Flußufern en russische und österreichische Wachen hie und da ein paar Schlüsse, und das Krachen der Gewehre erweckte ein Echo in der dünnen, scharfen Winterluft. Das war alles. Hinter dem beginnt die Hauptstraße, die zu den Grenzen des russischen

es führt. Aber die Straße verliert sich bald in dem weiten das sich endlos bis zum Horizonte dehnt. Jenseits

desauf der österreichischen Seite, die gleiche weite ein⸗ tig e, nur selten von ein paar laubkahlen Bäumen unter⸗

hie und da die Strohdächer eines Dorfes, wie schmutzige i dem Schnee. Von einen aus, wo ich einen wei⸗

erhoffte, fand ich nur Schnee und wieder Schnee,

willige Mitarbeit der Belgier und haben sie mehr, als wir erwar⸗ ten konnten, gefunden: DieSection agricole, welche sich aus dem großen Komitee als Spezialabteilung herausgebildet hat, hat wichtige Aufgaben übernommen und geleistet. Sie befindet sich im Einvernehmen mit demBoerenbond, dem belgischen Bau⸗ ernbund, der eigentlich ein politisch⸗klerikales Gebilde ist, doch haben die Leute jetzt angesichts des Krieges den Parteihader zu⸗ rüdgestellt und gehen Hand in Hand. Die finanzielle Unterlage der notwendigen Unternehmungen ist die mit einem vorläufigen Kapital von 2 Millionen Franken gegründeteAssistance agricole.

DieSection agricole hat mit Genehmigung des kaiserlichen Generalgouverneurs Flugblätter verteilt und darin die Bauern drin⸗ gend ersucht, zugunsten des Halmfruchtbaues den Anbau der Zucker⸗ rübe auf etwa 50 Prozent einzuschränken. Darauf sind die Land⸗ wirte auch willig eingegangen, wie wir am besten an den ein⸗ gehenden Bestellungen auf Saatgut ersehen können. Irgend welche Zwangsmittel sind nicht angewendet worden. Sie wären auch nicht nötig gewesen, denn wir haben die Einfuhr von Rübensamen verboten. giev selbst aber erzeugt keinen Rübensamen, sondern bezieht ihn aus Deutschland und zum kleineren Teile auch aus Holland, Rußland und Frankreich.

Eine unserer ersten Sorgen war selbstverständlich gleich von Beginn an die Bergung der vorigen Ernte. Daß diese und die Verwertung der Ernte in so weitgehendem Maße gelungen ist, das ist nur der Fürsorge des kaiserlichen Generalgouverneurs zu verdanken. Wir mußten in allen Maßnahmen von Anfang an den äußersten Fall in Erwägung ziehen, daß die Nahrungszufuhr 537 durch die Blockade einmal ganz abgeschnitten werden

unte.

Nun ist die Zahl der belgischen Viehbestände im Verhältnis zum Areal außerordentlich groß, vielfach in den Händen von Klein⸗ betrieben, welche alle beträchtliche Futtermengen aus dem Aus⸗ lande beziehen. So kauft Belgien 250 000 Tonnen Futterkuchen jährlich aus Amerika, die meist im August anzukommen pflegen und daher diesmal größtenteils fehlten. Ferner werden 250 000 Tonnen Kleie, 75000 Tonnen Mais usw. bezogen. Wir haben zunächst dafür gesorgt, daß 75 Prozent der Melasse statt der Spiritusfabrikation der Viehernährung zugeführt werden.

Belgien besitzt treffliche Weiden, namentlich in seinem ganzen Norden und zwischen Lüttich und Namur. Wenn diese erst grün zu werden beginnen, wird die Gefahr für die Viehzucht beseitigt ein. Man hat diesmal, wie man überall sehen konnte, das Vieh

en ganzen Winter über draußen gelassen. Das geschah aus Futtermangel, wenn man auch sonst die Gewohnheit hat, den Weidegang entsprechend dem milderen Klima und der Abhärtung der Tiere sehr lange auszudehnen. f

Die Wintersaat steht im allgemeinen sehr gut und der Anbau ist nicht sehr wesentlich unter dem Normalen geblieben. Ueberall wird sehr fleißig auf den Feldern gearbeitet. Man darf überzeugt sein, daß wir sehr bald normalen Verhältnissen entgegengehen. Auch der Frühgemüsebau ist im besten Werden. Die Sagt ist schon bestellt. Bedeutsam für die deutsche Volksernährung ist der belgische Frühkartoffelbau. Im Frieden sind täglich Sonder⸗ züge nach Rheinland und Westfalen abgegangen und wir haben die nötigen Vereinbarungen mit dem Verwaltungsrate der belgi⸗ schen Eisenbahnen getroffen, daß das auch diesmal geschieht. Be⸗ kanntlich kommen die belgischen Frühkartoffeln einige Wochen srüber auf den Markt als die deutschen, und sie werden uns daher besonders willkommen sein. 5

Auf Veranlassung der deutschen Verwaltung haben die belgi⸗ chen Staatsagronomen, welche unseren landwirtschaftlichen Wan⸗ erlehrern entsprechen, die Landwirte überall aufgefordert, an die Arbeit zu gehen. Das haben diese auch willig befolgt und für unsere Anordnungen Verständnis Fel So z. B. für die Not⸗ N jetzt statt der hier sonst gezüchteten Feingemüse mehr den Massenbedarf zu berücksichtigen.

Eine Neuerung, welche sich sehr nett eingeführt hat, sind unsere Fohlenmärkte. Bisher wurden in Belgien die Fohlen meist aus dem Stalle heraus verkauft.

Die sehr zufriedenstellende Beschickung der ersten Märkte ist ein Zeugnis für das Vertrauen, welches die belgischen Züchter zu der deutschen Verwaltung gefaßt haben.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Woche die Summe im Haushaltsbuch verringert hat. Kriegssparsamkeit heißt: Lebensmittel spa⸗ ren. Ihr Erfolg besteht darin, daß man am Schluß der Woche weniger Mehl, weniger Fett weniger von all den Dingen verbraucht hat, an denen Mangel eintreten wird. Friedenssparsamkeit im Haushalt besteht darin, daß man weniger teure und mehr billige Lebensmittel verbraucht. Kriegssparsamkeit kann das Gegenteil fordern. Das heißt: gerade mit den allgemeinsten, einfachsten Lebensmitteln, mit Brot und Mehl und Fleisch, soll vorsichtig umgegangen werden, während gar keine Bedenken dagegen bestehen, daß teure und seltene Gemüse, Geflügel, Fische und sonstige Delikatessen von denen verbraucht werden, die Geld dafür haben, ja, während es diesen Leuten sogar zur Pflicht ge⸗ macht werden könnte, lieber solche Dinge zu essen, statt den anderen das wegzunehmen, was für alle da sein, was dem Aermsten erreichbar sein muß.

Die Friedenssparsamkeit ist sehr einfach und leicht durch⸗ zuführen: man sieht nur, wo und wie man am billigsten satt wird. Die Kriegssparsamkeit erfordert viel mehr Kennt⸗ nisse, Ueberlegung und Arbeit. Man muß erstens wissen, mit welchen Dingen gespart werden soll. Der Preis sagt einem das nicht, weil durch die Höchstpreise auch knappe Dinge billig geblieben sind. Man muß sich zweitens daran ewöhnen, mit solchen Vorräten sehr sparsam zu sein, die einen hohen Geldwert, aber einen hohen Nährwert dar⸗ stellen. Man muß in der Küche die Redensart beseitigen: Das lohnt die Arbeit nicht. Mit diesem Wort pflegen sich Hausfrauen und Dienstboten zu rechtfertigen, wenn unsorgfältig Kartoffeln geschält, wenn Reste weggeworfen werden, altes Brot nicht rechtzeitig benutzt wurde, weil es gerade in den Speisezettel nicht paßte usw. Es ist frag⸗ lich, ob in Friedenszeiten die Materialvergeudung um der Arbeitsersparnis willen berechtigt war; vielleicht war sie es zum Teil, denn die menschliche Arbeitskraft ist auch ein Wert. Aber jetzt gibt es überhaupt keine Lebensmittel⸗ menge, die klein genug und billig genug wäre, um darauf verwandte Arbeit nicht zu lohnen. Die kriegssparsame Hausfrau und die kriegssparsame Köchin muß mehr Ge⸗ danken und Arbeit an ihren Haushalt wenden als je. Im Frieden hat sie sich Vorwürfe gemacht, wenn sie das Huhn oder das Pfund Kartoffeln zu hoch bezahlt hatte. Jetzt muß sie stärkere Gewissensbisse haben, wenn etwas un⸗ verwendet verdirbt.

Kriegssparsamkeit bedeutet auch nicht nur einfach we⸗ niger verbrauchen. Wir wollen die Gesundheit unserer Angehörigen nicht gefährden, indem wir sie nur einfach knapper halten. Gewiß kann viel weniger gegessen werden, als im allgemeinen gegessen wird, ohne gesundheitlichen Schaden. Aber die Hausfrau, die ihre Kriegssparsamkeit darin betätigt, daß sie nur einfach die Rationen herabsetzt, erfüllt ihre Pflicht nur sehr unvollkommen. 559 Hauptauf⸗ gabe besteht darin, wie sie durch Auswahl, Aus nutzung, Zusammenstellung ihrer Familie trotz der Knappheit noch

ut ernährt. Das ist eine schwierige Kunst. Viele werden ste nicht ohne Anleitung und Ratschläge verstehen. Viele unwissentlich durch falsche

Hausfrauen haben bisher vergeudet, indem

Speisenzusammenstellung Nahrungsmittel

sie ihren Kindern von bestimmten gleichartigen Nährwerten

Aus Stadt une Cand.

Kriegsspar amkeit.

Von Gertrud Bäumer. Kriegssparsamkeit im Haushalt ist etwas ganz anderes als Friedenssparsamkeit. Friedenssparsamkeit heißt: Geld sparen. Ihr Erfolg besteht darin, daß man am Schluß der

Gießen, 13. März 1915.

zur Zafinpflege

so weit das Auge reicht. In der Ferne war Czernowitz von meinem hohen Hügel her sichtbar; es lag etwa 20 Klin entfernt unter den Strahlen der tiefer herabsteigenden Sonne; die Kuppel der Kathe⸗ drale glänzte in einem dämmrigen Silberlicht. Was mir am meisten auffiel, war die ungeheure Zahl von Krähen, die dem Heer folgen. weil sie bereits die scheußliche Mahlzeit wittern, die ihnen der Krieg vorwirft. Tausende dieser Hyänen der Luft folgten den Russen. Mit düsterm Flügelschlage und heiser schrillem Geschrei schwebten sie am Himmel dahin wie schwarze Wolken, geisterhaft im Abendlicht wie Gespenster des Todes, die kommendes Unheil ankünden. Die Nacht fiel allmählich über das Dorf in der Bukowina. Die Sterne zogen empor am kalten stahlblauen Himmel in ihrer unermeß⸗ lichen Pracht; die Hunde schlugen an beim Anrufen der vorber ziehenden Patrouille, und in den Gräben lagen die Soldaten in dumpfem Schlummer oder luden die Gewehre

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Carlyle und sein Dienst mädchen. Carlyle, der große englische Deutschenfreund, dessen mannhaftes Wirken für die bessere Erkenntnis des deutschen Wesens in jüngster Zeit öf⸗ ters in die Erinnerung gerufen worden ist, war im Verkehr durch⸗ aus kein umgänglicher Mensch, sondern hatte viel vomSpleen des Briten, war zudem der rechte Gelehrte, der stets in die Welt seiner Gedanken versunken die Umwelt wenig beachtete. Einen Eim⸗ blick in die Schwierigkeiten des Umganges mit ihm eröffnen uns die Briefe, die seine Gattin Jane Welsh Carlyle an ihr klei⸗ nes, 15jähriges Dienstmädchen Charlotte Southam richtete und die jetzt im Strand Magazine veröffentlicht werden. Die geistreich und hochgebildete Frau des großen Mannes schenkt ihrer jungen Dienerin das größte Vertrauen, spricht zu ihr in einem so freund⸗ lichen und intunen Ton, wie wohl selten eine Herrin zu ihrem Mädchen. Sie hatte Charlotte die Aufsicht über ihr Haus in Cheyne Row übertragen, während die Carlyles in der Stadt weil⸗ ten. Carlyle kam öfters allein nach der Sommerwohnung, um sich hier in seine Arbeiten zu vergraben, und die Briefe gewinnen für uns ein besonderes Interesse, wenn Frau Carlyle dem Mädchen Anweifungen gibt, wie sie es dem Herrn recht machen könne.Du kennst ja seine Art, schreibt sie einmal,und weißt gunz ge⸗ nau, was er haben muß. Frage ihn nur möglichst wenig und störe

Kaffee zum Frühstück haben will und ob er lieber Suppe oder Pudding zum Essen hat. Eins von den beiden mußt Du ihm jeden⸗ falls Amer arsammen mit dem Fleisch geben, und zum Frühstück

ihn nicht. Du mußt von ihm herausbekommen, ob er Ter oden l

so ziemlich kochen können, was er am liebsten hat, Hammelbrühe, Brot- und Reispudding, gekochtes Huhn. Wenn Du Dir ibst, ihn zufrieden zu stellen, dann wirst Du es auch können. Daram zweifle ich nicht. Und wenn er auch noch so grimmig dreinsieht und noch so wütend scheint, nimm Dir's nicht zu Herzen, solange Du Deine Pflichten tust. Reisen versetzt ihn immer in eine Art Fieber, und niemand sieht sehr freundlich drein oder spricht höf⸗ lich mit kranken Nerven. Ich lenne und Du auch eine junge Dame namens Charlotte Southam; wenn die krank ist oder Kopfschmer⸗ zen hat, dann sieht sie auch so böse drein, wie wenn sie von Gott und der Welt nichts wissen wollte, und doch weiß ich, daß sie gar⸗ nicht so böse ist, wie sie dann aussieht, und so ist es auch mit Mr. Carlyle; er ist garnicht sotüclsch, wenn er auch in hohem Maße danach ausschaut. Zwei Jahre später bereitet sie das Mädchen auf sein Erscheinen folgendermaßen vor:Du darfst keine Vor⸗ bereitungen für unsere Ankunft trefsen, bis Dir offiziell von uns Mitteilung gemacht worden ist. Sorge aber um Gotteswillen da⸗ für, daß Du zur Hand bist, damit er, wenn er ganz plötzlich ab⸗ reist, nicht in Wut gerät, wenn er am Ende seiner Reise nieman⸗ den findet, der ihm etwas zu essen macht und sonst für ihn sorgt. Wie vieledeutsche Dichter und Schriftsteller stehen im Felde? Die deutschen Dichter und Schriftsteller sind hinter keinem anderen Stande unseres Volkes an Vaterlandsliebe zurückgeblieben. Auch sie haben sich in großer Zahl dem Dienste des deutschen Heeres zur Verfügung gestellt. Ob sie im Heere kämpfen, ob sie bei den Sanitätsabteilungen wirken, ob sie als Kriegs⸗ berichterstatter die Vermittlung zwischen Heer und Heimat über

nehmen: überall tun sie getreulich ihre Pflicht. Das Buchhändler Börsenblatt hat sich die verdienstliche Aufgabe gestellt, die Zahl der im Felddienste tätigen deutschen Dichter und Schriftsteller zu er

mitteln. In einer ersten Liste konnte es bereits die Namen von 86 im Felde tätigen Mitgliedern des deutschen Schriftstellerstandes zu- sammenstellen, doch liegt bereits das Material für eine zweite Liste vor, die weitere 100 Namen umfaßt. Daß die deutschen Dichter und Schriftsteller vollauf ihre Schuldigkeit tun, das beweisen die Aus⸗ zeichnungen, die ihnen zugefallen sind. Unter den in der ersten Liste des Börsenblattes vereinigten Namen findet sich ein Inhaber des Eisernen Kreuzes J. und 2. Klasse, es ist dies der bekannte niederdeutsche Dichter Hermann Anders Krüger, der als Ober- eutnant und Regimentsadiutant eines Reservekorps dient. Das Eiserne Kreuz 2. Klasse ist Walter Bloem, dem bekanntlich bereits zum Leutnant aufgerückten Richard Dehnel, Paul Grabein, Rudolf

eine Scheibe Schinken oder ein Ei. Ich denke, Du wirst jetzt schon

Herzog, Paul Oskar Höcker und Ernst Wachler verliehen worden.

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