zweites Blatt SEtrscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das »xreisblatt für den Mreis Sietzen“ zweimal wöchentlich. Die„Tandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweunal.
165. Jahrgang
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Freitag, 12. März 1015 1
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
2. le ener Anz el ger Schrüttleitung, Geschäßtsftelle u. Druckerei: Schul⸗
General⸗Anzeiger für Oberhessen
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: Sol, Schrist⸗ leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
Aus dem Finanzaussshuß der hessischen zweiten Kammer.
g rb. Darmstadt, 11. März. Der erweiterte Finanzausschuß setzte gestern unter dem Vor⸗
jtd des Abg. Dr. Osann seine Beratungen über die verschiedenen Schulanträge fort. Die Großh. Regierung war durch die drei Minister und die Herren Ministerialrat Schliephake, Geh. Landesökonomierat Müller, Geh. Legationsrat Dr. Neid⸗ hart und Geh. Oberschulrat Scheuermann vertreten. Die Regierung widersprach auch heute den radikalen Anträgen Korell und Calman. Für eine ae Freigabe des Nachmittagsunter⸗ richts seien die Verhältnisse im Lande zu sehr verschieden. Wenn im Vorjahr die Ernte eingebracht und die Herbstbestellung bewirkt werden konnte, so müsse dies unter Ausnutzung der gewonnenen Erfahrungen auch für die kommenden Arbeiten trotz weiter ver⸗ miinderter Arbeiterzahl möglich sein. Jedenfalls müsse die Ent⸗ scheidung bei den Kreisschulkommissionen verbleiben. Im Verlauf der weiteren Aussprache brachte der Abg. Bach folgenden Ver⸗ mittlungsantrag ein: 1
abe e den 11 5 der F dies notwendig nen läßt, kann wa ieges auf Antrag des Gemeinde⸗ und Schulvorstandes:
1. der Nachmittags unterricht ausgesetzt werden,
2. können die Schüler und Schülerinnen des obersten oder der
beiden obersten Jahrgänge ganz vom Unterricht befreit werden.
Der Abg. Calman änderte seinen gestrigen Antrag in fol⸗ gender Weise ab: 9
Beurlaubungen in Volksschulen für die Dauer der allgemeinen Mobilmachung.
Wir beantragen:
1. daß in Gemeinden mit stark überwiegender landwirtschaft⸗ licher Erwerbstätigkeit der letzte Jahrgang der Volksschulen, so⸗ wohl der Knaben wie Mädchen, für die Zeit von Beginn des Schul⸗ jahres bis Ende der Herbstarbeit beurlaubt wird, es sei denn, daß sich ein Schüler oder eine Schülerin nicht dauernd in der e beschäftigt und der Schulvorstand deshalb den Ur⸗
versagt: 5
2. daß im ländlichen Volksschulen die jüngeren Jahrgänge während dieser Zeit, soweit auch hier das rfnis vorliegt,
ganz oder teilweise beurlaubt werden;:
3. daß berechtigten Urlaubsgesuchen in gewerblichen Kreisen ebenfalls entsprochen wird; ö
4. daß während des Sommers in allen ländlichen Schulen der Nachmittagsunterricht auf Antrag des Schulvorstandes ganz oder teilweise ausfällt; 0
5. daß in anderen Schulen ähnlich begründeten Urlaubs⸗ gesuchen tunlichst entsprochen wird.
Die Regierung erklärte sich mit dem Antra Bach ein verstan⸗ den,— gegen den abgeänderten Antrag Calman einzuwenden, daß die Befreiung der obersten Schulklassen allgemein gefordert werde, muten sie von der Prüfung und. f der Kreisschulkommission abhängig zu machen.— Die Abg. Korell⸗ Ingelheim und Uebel zogen ihre Anträge 1 des ab⸗
ten Antrags Calman zurück, der mit Mehrheit angenom⸗ men wird. 5
wurde sodann die Aus spruche liber die Anträge, die sich auf die Bolksernährung beziehen, fortgesetzt. bel wurden die Maßnahmen der Reichs regierung und auch der Landesregierung in Bezug auf die Höchstpreise, die Beschlagnahmungen usw. einer f en Kritik unterzogen. Allgemein wurde bedauert, daß diese Maßnahmen vielfach zu spät und in unzureichendem Maße ge⸗ troffen worden sind. Namentlich gilt das von den Höchstoreisen auf Mehl und auf landwirtschaftliche Hilfsstoffe(Futtermittel und Düngemittel). Von anderer Seite wurden in diesem Zusammenhan auch die Wirkung der Maßnahmen und die Preissteigerungen auf die konsumierende Bevölkerung in den Städten beleuchtet. Sowohl aus ländlichen wie aus städtischen Kreisen wurde auf die wachsende Mißstimmung hingewiesen, die aus unzweckmäßigen oder aus unter⸗ lassenen Maßnahmen veranlaßt werde, es wurde abet auch all⸗ seitig ebenso nachdrücklich betont, daß die Mißstimmung, soweit sie auf mangelndes Verständnis der Lage der einzelnen Volksteile untercinander zurückzuführen ist, bekämpft werden muß, da alle Volksteile sich in der gegenwärtigen Zeit gegenseitig vertragen und verstehen lernen müssen, da von der Einigkeit des gesamten Volkes der Ausgang des großen Ringens abhängig ist.— Die Beratungen wurden auf Freitag vertagt. ö 5
f Von den Wiener Bühnen. Aus Wien wird uns geschrieben: Ter Wiener Hans Müller, der mit seinem neuesten Werk„Die blaue Küste“ in der Neuen Wiener Bühne zu Worte kam, nennt die vier Akte ein leichtes Spiel“. Da der Einfall dieser Komödie sehr dünn, die wirklichen Scherze noch dünner, die überlebtesten Geistreiche⸗ leien aber in der, wörtlich genommen: erdrückenden Majorität sind, war der nur von spärlichen Zischern getrübte Erfolg eine Täu⸗ schung. Die Langweile des Abends wurde, außer durch Frau Ro⸗ land, nur durch die Frisierkunst des Herrn Korff unterbrochen, der einen abenteuerlustigen Grafen mimte und als Friseur sich in die Nähe der Angebeteten schmuggelt. Er muß zur Probe die Zofe frisieren, und Herr Korff brachte zum Ergötzen des Publikums ig ein tadelloses Haargebäude zusammen. Das war die
billige Sensation des verlorenen Abends.
Im Burgtheater erzielte Hauptmanns„Bogen des Odysseus“ bei seiner Erstaufführung in Anwesenheit des Dich⸗ ters einen mehr lauten als Linie Herr Marr als Odysseus und Frau Wolgemutzh als Leukvne Teil batten. Die Regie stellte sehr wirkungsvolle Szenen. Felir Philippis! Schauspiel„Der Fall Ravelli das im Deutschen Volkstheater seine Hlraufführung erlebte, ver⸗ leugnet als geschickt aufgemachte Kolportagekomödie keinen Augen⸗ blick i Erzeuger und ist ihren älteren Geschwistern wie aus dem icht geschnitten. Der Erfolg war trotz der ausgezeichneten Frau Wallentin ziemlich matt, zumal die e e
szene die Wirkung des letzten Aktes zerstörte. 9* 7
rufen hier zuerst die Reaktion hervor, von der die Gegen⸗
oßen Erfolg, an welchem in erster f
Aus dem Budgetausschuß des Reichstags.
Berlin, 11. März.(WTB.) Der verstärkte Budget⸗ ausschuß des Reichstages begann heute die Erörterung des Etats des Auswärtigen Amts mit einer Aussprache über die gesamte politische Lage. Der Referent eröffnete diese Aussprache mit einem allgemeinen Ueberblick über die militärische und poli⸗ tische Lage. Danach gab der Staatssekretär des Auswärtigen Amts Auskunft über die gegenwärtige diplomatische Lage und schilderte dabei im einzelnen unsere Beziehungen zu den neutralen Mächten. Ausführlich wurde die Lage der Zivil⸗ und Kriegsgefangenen in feindlichen Ländern besprochen. Be⸗ richte, die von neutraler Seite dem Auswärtigen Amt erstattet worden sind, sind zwar in mancher Beziehung beruhigend, in vielen Fällen sind die feindlichen Regierungen jedoch ihren Pflich⸗ ten in der Behandlung der Gefangenen nicht nachgekommen. Die gegen das Völkerrecht festgehaltenen Zivilgefangenen sind vielfach schlechter behandelt worden als Kriegsgesangene. Die Unterkunfts⸗ verhältnisse haben namentlich zu Beginn des Krieges große Mängel aufgewiesen. Besonders schlecht erscheint die Lage der mittellosen Zivilgefangenen in Rußland. Zur Erleichterung ihrer Lage ist der amerikanischen. Botschaft in Petersburg, ebenso wie denen in den anderen feindlichen Ländern unbeschränkter Kredit zur Ver⸗ fü rung gesellt worden. Dauernd ist die Reichsregierung in Ver⸗ bindung mit den Schutzmächten und wohltätigen Vereinigungen bemüht, für die Besserung der Lage der Gefangenen zu sorgen.
Mit schärfster Entrüstung wurde der durch die Hinrichtung der Deutschen Ficke und Grüdler in Casablanca begangene Justizmord besprochen. Von der Regierung wurden die Schritte dargelegt, die geschahen, um die Vollstreckung zu verhindern. Ueber Vergeltungsmaßregeln behält sich die Reichsregierung ihre Ent⸗ schlüsse vor bis zum Eingang des Urteils. Die durch die Presse bekannt gewordene Ankündigung der britischen Admiralität, daß die gefangenen Besatzungen von„u“-Booten einer anderen Behandlung unterworfen werden sollen als andere Kriegsgefangene, wurde sofort zum Gegenstand einer Anfrage bei der englischen Regierung gemacht. Dabei wurde kein Zweifel darüber gelassen, 25 zur schärfsten Vetaettun g gegriffen werden würde, alls sich die Ankündigung bestätigt. Die Angabe, daß die Eng⸗ länder deutsche Gefangene auf Schiffe gebracht hätten, um sie ge⸗ wissermaßen als Kugelfang gegen deutsche Angriffe zu benutzen, hat sich als irrtümlich herausgestellt. Der Grund der Maßnahme ist in Unterkunftsschwierigkeiten zu suchen; Gefahr liegt für diese Gefangene nicht vor. In eingehenden Erörterungen beschäftigte sich der Ausschuß mit der brutalen völkerrechtswidrigen wirtschaftlichen Kriegführung Englands. Es wurde allgemein zustimmend an⸗ erkannt, daß die dagegen ergriffenen Vergeltungsmaßnahmen not⸗ wendig und wirkungsvoll sind. Die in der Frage des„U“-Boot⸗ krieges ergangenen Noten fanden allgemeine Billigung.
Wie es im englischen Hauptquartier aussieht.
Eine interessante Schilderung des britischen Haupt⸗ quartiers in Frankreich finden wir in den Darstellungen einiger englischer Berichterstatter, die von French emp⸗ besich 8 sind 7— 9 1 Delg ene genau
ichtigen durften.„Das warz eiß französis Hanel, vüni Wahl. aer, d ie beben Zu dustrien, die in Friedenszeiten die Stadt das englische Hauptquartier aufgeschlagen ist. Hier und da erinnert noch das Stück eines sestigungswerkes an die alten Kriegstage des Ortes, als Marlborpugh, Turenne oder Conds um jeden Zoll breit von Französisch⸗Flandern kämpften. Nun ist wieder Krieg die Industrie des Ortes. Die Stadt selbst liegt tatsächlich fern vom Kriege, aber geistig wird sie vom Feinde belagert, denn alle Angriffe
ernähren, in der
bewegung ausgeht. In dem engen Umkreis dieses Platzes vollzieht sich das gn e Denken des Feldheeres; hier ist leichsam das Gehirn der Schlacht. Die Stadt läßt äußer⸗ ich weniger vom Kriege erkennen als irgend eine, die ich innerhalb des Operationsgebietes besucht habe. Zwar stößt man selten auf Bürger, aber die Soldaten sind auch nicht zahlreich. Nur hier und da steht eine Schildwache mit auf⸗ gepflanztem Bajonett vor dem Haus eines wohlhabenden
irgers. Nur eine ungewöhnliche Anzahl von Offizieren 15 es auf den Straßen, deren Mützen mit dem roten treifen sie als Mitglieder des Generalstabs erkennen lassen. Der Stab stellt eine ganze Regierung dar. Aus wieviel Leuten er ge ärtig besteht, kann ich nicht sagen, aber für das Wachstum unserer Heere in Frankreich seit dem
kraft nach. Seine stärksten Reize hat der Mirakelfilm in den Massen⸗ szenen, so in dem Aufzuge der Siechen, in dem Frühlingsreigen, in der Gerichtsszene. Die Direktion der Sendlingertor-Lichtsviele“ hat sich die Sache etwas kosten lassen. Sie bietet ein wirklich recht . Orchester und einen Frauenchor, der in den Klosterszenen itaneien singt. Daß bei Beginn eine Schar brauner Klosterfrauen das Theater durchzieht, wirkte allerdings sehr komisch. R. R.
— Ein englischer Bismarck⸗Roman.„Der Mann von Eisen“ heißt das neueste soeben erschienene Werk des viel⸗ gelesenen englischen Romanschriftstellers Richard Dehan und erhebt damit den Anspruch, ein Bismarck⸗Roman zu sein. Aber freilich spielt der eiserne Kanzler darin eine merkwürdige Rolle; er tritt erst auf der 240. der 800 Seiten auf und liefert nur gleichsam die geschichtliche Hintergrundfigur für die höchst spannenden Aben⸗ teuer des englischen Helden und der französischen Heldin. Der Ro⸗ man spielt im deutsch⸗französischen Krieg und behandelt die Liebe eines Engländers zu einer Französin, der Tochter eines Obersten, der im Kriege fall. Bismarck rettet die Beiden vor den preußi⸗ chen Truppen, als die Heldin Juliette ihren toten Vater sucht und der liebende Brite sie begleitet; vorher hat er schon einmal den jungen Mann vor einer aufgeregten Volksmenge beschützt. Juliette will zum Dank als eine zweite Charlotte Corday den großen Mann umbringen; aber als Bismarck eine Stecknadel verschluckt und daran zu sterben droht, siegt das Mitleid und sie rettet ihn, indem sie ihm die Nadel aus dem Hals zieht. Dafür werden auch die Beiden unter Bismarcks Schutz ein glückliches Paar. Und zu dem Titelhelden eines solchen Kolportageromans muß Bismarck einem schreibseligen Engländer herhalten!
—Englischer Klub⸗Klatsch. Eine für die Stimmung in 1. bezeichnende Ermalntung unter dem Titel„Von Klub⸗ Klatsch“ bietet ein Leitartikel der Times.„In Kriegszeiten holt man sich so leicht eine Gemütsverstimmung wie bei schlechtem Wet⸗ ter eine Erkältung, und die eigentlichen Herde für diese VBerstim⸗ mungen sind die Klubs“, heißt es da.„Jeder, der so wenig zu tun daß er den ganzen Tag an den Krieg denken kann, wird sicherlich daruber verstünmt sein, so wie jeder, der den ganzen Tag über seine Gesundheit nachdenkt, ein Hypochonder wird. Solche Leute gibt's immer im Klub; sie sind hier, weil sie sonst nichts zu tun haben, und ihre Verstimmung übertragen sie auf andere. Ihre Informationen wollen sie immer aus den besten Quellen haben, und ihre Nachrichten sind, da sie aus einem verstimmten Gemüt kommen, stets trüber und grausiger Art. Und darin liegt ihre Ansteckungsgesahr, denn sie locken die Verstinnmung hervor,
ich es in den ersten Tagen des Krieges besuchte, in vier Räumen untergebracht war, während es jetzt etwa ein Dutzend Gebäude besetzt hält. Alle Bedürfnisse der Armee
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August spricht die Tatsache, daß das Hauptquartier, als 1
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werden von hier aus befriedigt. Das Kriegsministerium hat
seine eigene Abteilung; das Justizministerium ist durch
das Militärgericht vertreten, das Finanzministerium durch den Oberzahlmeister, die öffentlichen Arbeiten durch den
Generalquartiermeister und das Unterrichtsministerium kann man in einer Offiziersschule verkörpert sehen, die
hier eingerichtet ist. So hat jede Abteilung der Regierung
hier ihre Vertretung, und die Leute, die hier arbeiten, stellen die verschiedensten Berufe dar. männer, Ingenieure, Kartographen, Photographen, Sach⸗ verständige für das Fliegerwesen, Leute, die den Trans⸗ port besorgen, Mitglieder des diplomatischen Dienstes, Sprachkundige, Detektivs, Gelehrte, Historiker, Journalisten usw. Die ganze Einrichtung der Organisationen des Großen
Da gibt es GeldF⸗
Hauptquartiers ist so auf eine sehr breite Basis gestellt.
Neben den strategischen Hauptfragen werden hier Fragen 93 behandelt; es ist eine
der Politik und der Verwaltung
Mannigfaltigkeit von diplomatischen, industriellen, ökono⸗
mischen, sozialen und militärischen Faktoren, die hier zusammenläuft. Nur ein Teil ist z. B. das Hauptquartier des Fliegerkorps, und doch eine ganze
Welt für sich. Die Luftflotte empfängt ihre Stärke und
Wirksamkeit von den Vorratshäusern und Werkstätten, die
ringsherum entstanden sind. In den Vorratshäusern findet 3
man jeden erdenklichen besonderen Teil, der zu einer Flug⸗
maschine gehört, in zahlreichen Exemplaren aufgestape
In den Werkstätten arbeiten Zimmerleute neben Elek⸗ trikern und Mechanikern; ein besonderes Bureau erstattet Bericht über jeden Flug, über seinen Erfolg oder Miß⸗ 885 Und eine solche Organisation bis ins kleinste muß jede der zahlreichen Abteilungen haben.
Wenn Ihr Brot verzehrt, denkt an das bater⸗ land, und spart für kommende Seit. 5
0 2 Gerichts aal. 1 Mordprozeß Vogt. 1
rm. Darmstadt, 11. März. Die Schwurgerichts verhandlung im Fall Vogt⸗ Heydrich wurde am heutigen zweiten Iungstage mit der Zeugenvernehmung fortgesetzt. Verschiedene i Nachbarschaft des Unglückshauses wohnende Villenbefitzer machen nähere über
Entdeckung des Brandes und des Mordes, wobei die
iin
tragt wurde, am kommenden Samstag
7 seiner Tochter und spricht sich ungünstig über Heyd⸗ rich aus. 4
In der Nachmittagssitzung wird die zweite Frau des Ermordeten, geb. Müller, vernommen, die über die Ehescheidung nähere Angaben macht. Frühere Lehrer und Mitschüler schil⸗ dern Vogt als sehr soliden, fleißigen Menschen. Seme Wirtin in Heidelberg, bei der er 6 Semester wohnte, hat gefunden,
der W e, bebe fr. Aft 3
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klärt, daß sie am Donnerstag vor 8 von Vogt beauf⸗ 1
daß Vogt seit seiner Bekanntschaft mit der H. seine Studien ver⸗*
die in so vielen Herzen schlummert. Was sie sagen, ist wahrschein⸗ lich sinnlos, aber da der Zuhörer ebenfalls geheime Aengste hat, so ist er schnell bereit, das Schlimmste zu glauben. Der Zuhörer vergißt dann, daß der Klub⸗Mießmacher als ein urteilsloser Ge⸗ selle bekannt ist, daß er der letzte wäre, der etwas genaues weiß, da die Behörden ihre Geheimmisse und gefährlichen Nachrichten so einem Klub⸗Mießmacher gerade nicht ausliefern würden; er ver⸗
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gißt das, weil er selbst ängstlich ist und Angi jedes Urteil aus-
schließt. So wiederholen denn die andern das, was ihnen der Mießmacher erzählt hat, jedem, der es hören will, und so breitet sich die von einem Unverständigen plötzlich erzeugte Gemütsver⸗ stimmung auch auf die aus, die von seiner Bekanntschaft bisher verschont blieben. Um solch eine„Erkältung der Seele“ zu ver⸗ meiden, muß man, wenn man dem Mießmacher nicht aus dem Wege gehen kann, sich immer wieder fragen, ob der etwas über den Krieg wissen kann, der sonst von nichts etwas weiß. Man frage ihn nicht genauer aus, denn er wird dann nur noch mehr lügen, und seine Lügen werden glaubhafter erscheinen. Man glaube kei⸗ nem, der diese Geheimnisse für wahr hält, weil er sie von jeman⸗ den gehört hat, der direkt von der Front kommt. Man bedenke, daß die Leute an der Front nichts wissen, außer dem, was ge⸗ rade unter ihren Augen passiert, und daß ein Mann, der 5
lich nicht die Wahrheit sagt, sie nicht deshalb eher sagt, weil er
aus Flandern kommt. Er mag so tapfer sein wie ein Löwe und ein durch und durch anständiger Kerl; es gibt nun einmal Leute, die alle Tugenden haben und doch nicht die Wahrheit reden, wenn sich ihnen Gelegenheit bietet, irgend eine aufregende Geschichte zu erfinden. Und das sind gerade die Leute, die uns all die furcht⸗
baren Geschichten erzählen; sie möchten durchaus etwas Neues,
etwas Aufregendes und Abenteuerliches mitteilen, und da man so
etwas selbst im Rriege nicht immer erlebt, lassen sie ihre Phan⸗
tasie spielen. Deshalb ist die beste Regel, alle Gerüchte über den
Krieg nicht zu glauben, von welchen höchsten Stellen sie auch aus⸗
gehen sollen. Am schlimmsten ist der russische Klatsch, der die un⸗
geheuerlichsten Formen angenommen hat. Denke daran, daß dein
Klub⸗Mießmacher, der heute alles so genau weiß, gestern ebenso
genau wußte, was sich nicht bestätigt hat, und es vergessen hat.
Morgen wird er vergessen haben, was er heute so genau weiß,
wenn es sich als falsch herausstellt; aber er wird wieder etwas
Neues wissen, und solange der Krieg dauert, wird er auch wahr⸗
scheinlich einen finden, der ihm glaubt.“


