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nr. 52 zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sleßener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Rreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zelt⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
N 105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Der Notenwechsel zwischen den vereinigten Staaten und Deutschland.
(WTB) Berlin, 2. März.(Amtlich.) Der amerikanische Botschafter hat im Auftrag der Regierung der Vereinigten Staaten der deutschen Regierung 15— 1 vom 22. Februar da⸗ tierte Note überreicht: 1
Die amerikanische Regierung gestattet sich im Hinblick auf den Schriftwechsel, der zwischen 8 und den Regierungen Deutsch⸗ lands und Großbritanniens über den Gebrauch neutraler Flaggen — englische Handelsschiffe und die Kriegsgebieterklärung der deutschen Admiralität stattgefunden hat, der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß die beiden kriegführenden Regierungen im Wege gegenseitiger Zugeständnisse eine Grundlage für eine Verständigung finden möchten, deren Ergebnis darauf abzielt, neutrale, dem fried⸗ lichen Handel 9 Schiffe von den ernsten Gefahren zu befreien, denen sie bei der Durchfahrt durch die die Küsten der kriegführenden Länder berührenden Meere unterworfen sind.
zie Amerikanische Regierung bringt ergebenst in Anregung, daß eine Verständigung etwa auf Grund ähnlicher Bedingungen wie der nachstehenden erreicht werden möge. 5
Diese Anregung soll in keiner Weise als ein Vorschlag der Amerikanischen Regierung elten, denn diese ist sich naturgemäß wohl bewußt, daß es ihr nicht zukommt, Bedingungen für einge Vereinbarung zwischen Deutschland und Großbritannien vorzu⸗ schlagen, obwohl die vorliegende Frage sie selbst und das Volk der Vereinigten Staaten unmittelbar und in weitgehendem Maße interessiert. Sie wagt lediglich sich die Freiheit zu nehmen, die nach ihrer Ueberzeugung einem aufrichtigen Freund eingeräumt werden darf, der von dem Wunsche geleitet wird, keiner der beiden 8 Nationen 8 zu bereiten und möglicher⸗ weise gemeinsamen Interessen der Menschlichkeit zu dienen. In der Hoffnung, daß die Ansichten und Anregungen der Deut⸗ schen und Britischen Regierung über eine Frage, die für die ganze Welt von hervorragendem Interesse ist, zutage gefördert werden, wird das im nachstehenden vorgezeichnete Verfahren angeboten.
Deutschland und Großbritannien kommen dahin überein,
1. daß treibende Minen von keiner Seite einzeln in den Küsten⸗ gewässern oder auf hoher See ausgelegt werden, daß ver⸗ anferte Minen von keiner Seite auf hoher See, es sei denn ausschließlich für Verteidigungszwecke innerhalb Kanonen⸗ schußweite von einem Hafen, gelegt werden, und daß alle Minen den Stempel der Regierung tragen, die sie ausgelegt, und so konstruiert sind, daß sie unschädlich werden, nachdem
sie sich von ihter Verankerung losgerissen haben;
2. daß Unterseeboote von keiner der beiden Regierungen zum Angriff auf Handelsschiffe irgend einer Nationalität Ver⸗ wendung finden außer zur Durchführung des Rechtes der Anhaltung und Untersuchung: f
3. daß die Regierungen beider Länder es zur Bedingung stellen, daß ihre beiderseitigen Handelsschiffe neutrale Flaggen als 2 oder zum Zweck der Unkenntlichmachung nicht
enutzen.
Großbritannien erklärt sich damit ein verstanden, daß Lebens⸗ und Nahrungsmittel nicht auf die Liste der absoluten Konterbande gesetzt werden und daß die britischen Behörden Schiffsladungen solcher Waren weder stören noch anhalten, wenn sie au Agenturen in* 1* 1 von—— Vereinigten Staaten nanthaft gemacht„um solche Warenladungen in Empfang zu nehmen und an konzessionierte deutsche Wiederverkäufer zur aus⸗ schließlichen Weiterverteilung an die Zivilbevölkerung zu verteilen.
Deutschland erklärt sich damit einverstanden, daß Lebens- oder Nahrungsmittel, die nach Deutschland aus den Vereinigten Staaten — oder je na von irgend einem anderen neutralen Lande— eingeführt werden, an Agenturen adressiert werden, die von der Amerikanischen Regierung namhaft gemacht pverden; daß diesen amerikanischen Agenturen die volle Verantwortung und Aufsicht bezüglich des Empfangs und der Verteilung dieser Einfuhr ohne Einmischung der Deutschen Regierung obliegen soll; sie sollen sie ausschließlich an Wiederverkäufer verteilen, denen von der Deut⸗ schen Regierung eine Konzession erteilt ist, die ihnen die Berech⸗ tigung gibt, solche Lebens⸗ und Nahrungsmittel in Empfang zu nehmen und sie ausschließlich an die Zivilbevölkerung zu liefern; sollten die Wiederverkäufer die Bedingungen ihrer Konzession irgendwie überschreiten, so sollen sie des Rechtes verlustig gehen, Lebens⸗ und Nahrungsmittel für die angegebenen Zwecke zu er⸗ halten, und daß die deutsche Regierung solche Lebens⸗ und Nah⸗ rungsmittel nicht für. irgendwelcher Axt requirieren oder veranlassen wird, daß sie für die bewaffnete Macht Deutschlands Verwendung finden.
ses sich von selbst verstehen, daß sie auch
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Indem die Amerikanische Regierung die im vorstehenden slizzierte Grundlage für eine Verständigung unterbreitet, möchte sie nicht so verstanden werden, als ob sie irgendein Recht der Krieg— führenden oder Neutralen, das durch die Grundsätze des Völker⸗ rechts festgelegt ist, anerkennt oder verleugnet, sie würde vielmehr die Vereinbarung, falls sie den interessierten Mächten annehmbar erscheint, als einen modus vivendi betrachten, der sich mehr auf Zweckmäßigkeit als gesetzmäßiges Recht gründet, und der auch die Vereinigten Staaten in seiner gegenwärtigen oder in einer abgeänderten Fassung nicht bindet, ehe er von der Amerikanischen Regierung angenommen ist.
Eine gleichlautende Note ist an die Britische Re⸗ gierung gerichtet worden.
Berlin, 2. März.(WTB. Amtlich.) Die Note der Ameri⸗ kanischen Regierung ist unter dem Datum des 28. Februar von 8 Regierung folgendermaßen beantwortet worden:
Die Kaiserlich Deutsche Regierung hat von der Anregung der Amerikanischen Regierung für die Seekriegführung Deutschlands und Englands gewisse Grundsätze zum Schutze der neutralen Schiffahrt zu vereinbaren, mit lebhaftem Interesse Kenntnis ge⸗ nommen. Sie erblickt darin einen neuen Beweis für die von deutscher Seite voll erwiderten freundschaftlichen Gefühle der Ame⸗ rikanischen gegenüber der Deutschen Regierung.
Auch den deutschen Wünschen entspricht es, daß der Seekrieg nach Regeln geführt wird, die, ohne die eine oder die andere krieg⸗ führende Macht in ihren Kriegsmitteln einseitig zu beschränken, ebensowohl den Interessen der Neutralen wie den Geboten der Menschlichkeit Rechnung tragen. Demgemäß ist schon in der deut⸗ schen Note vom 16. d. M. darauf hingedeutet worden, daß die Beachtung der Londoner Seekriegsrechts⸗Erklärung durch Deutsch⸗ lands Gegner eine neue Lage schaffen würde, aus der die Folge⸗ rungen zu ziehen die Deutsche Regierung gern bereit wäre.
Von dieser Auffassung ausgehend, hat die Deutsche Regierung die Anregung der Amerikanischen Regierung einer aufmerksamen Prüfung unterzogen und glaubt darin in der Tat eine geeignete Grundlage für die praktische Lösung der entstandenen Fragen zu erkennen. Zu den einzelnen Punkten der amerikanischen Note darf sie nachstehendes bemerken. 5 8
1. Was die Legung von Minen betrifft, so würde die Deutsche Regierung bereit sein, die angeregte Erklärung über die Nicht⸗ anwendung von Treibminen und die Konstruktion der verankerten Minen abzugeben. Ferner ist sie mit der Anbringung von Regie⸗ rungsstempeln auf den auszulegenden Minen einverstanden. Da⸗ gegen erscheint es ihr für die kriegführenden Mächte nicht an⸗ gängig, auf eine offensive Verwendung verankerter Minen völlig zu verzichten. g*
2. Die Deutsche Regierung würde sich verpflichten, daß ihre Unterseeboote gegen Handelsschiffe irgendwelcher Flagge nur in⸗ soweit Gewalt anwenden werden, als dies zur Durchführung des Rechtes der Anhaltung und Untersuchung erforderlich ist. Ergibt sich die feindliche Nationalität des Schiffes oder das Vorhandensein von Konterbande, so würden die Unterseeboote nach den allgemein 1 Regeln verfahren. 1 5
3. Wie die amerikanische Note vorsieht, setzt die angegebene Beschrankung in der Verwendung der Unterseeboote voraus, daß sich die feindlichen Handelsschiffe des Gebrauchs der neutralen 75 und anderer neutraler Abzeichen enthalten. Dabei dürfte
0 f 5 sie von einer Bewaffnung sowie von der Leistung jeden kätlichen Widerstands absehen, da ein solches völkerrechtswidriges Verhalten ein dem Völkerrecht entsprechendes Vorgehen der Unterseeboote unmöglich macht.
4. Die von der Amerikanischen Regierung angeregte Regelung der legitimen Lebensmittelzufuhr nach Deutschland erscheint im allgemeinen annehmbar; die Regelung würde sich selbstverständ⸗ lich auf die Seezufuhr beschränken, andererseits aber auch die indirekte Zufuhr über neutrale Häfen umfassen. Die Deutsche Reqgierung würde daher berrit sein, Erklärungen der in der ameri⸗ kanischen Note vorgesehenen Art abzugeben, so daß die ausschließ⸗ liche Verwendung der eingeführten Lebensmittel für die friedliche Zivilbevölkerung gewährleistet sein würde. Daneben muß aber die Deutsche Regierung Wert darauf legen, daß ihr auch die Zu⸗ fuhr anderer der friedlichen Volkswirtschaft dienenden Rohstoffe einschließlich der Futtermittel ermöglicht wird. Zu diesem Zwecke hätten die feindlichen Regierungen die in der Freiliste der Lon⸗ doner Serkriegsrechts⸗Erklärung erwähnten Rohstoffe frei nach Deutschland gelangen zu lassen und die auf der Liste der rela⸗ tiven Konterbande stehenden Stoffe nach den gleichen Grundsätzen wie die Lebensmittel zu behandeln.
Gießener Stadttheater.
Die heitere Residenz. Lustspiel von Georg Engel.
An Hofsatiren und Komödien, die aus denr dankbaren Boden einer Duodezresidenz emporsprießen, haben wir leinen Mangel. Warum? Weil man sich gar zu gerne beweisen läßt, daß auch bei den Großen dieser Welt mit Wasser gekocht wird. Wie weit ein Autor sich mit einem solchen Beweise vorwagt, ist Sache seines Taktes; jedenfalls hat sich Engel in dieser Beziehung keine groben Verstöße vorzuwerfen, und was er zu sagen hat, plaudert er mit einem so sorglosen, bodenständigen Humor dahin, daß man schnell die Waffen streckt, wenn Engel behauptet, seine Indiskretionen seien ja gar nicht so schlimm gemeint. Dem Zuschauer kanns recht sein, denn endlich siegt im vollen Sinne des Wortes in der heiteren Residenz die Tugend.. 5
Heute sind es fünfundzwanzig Jahre, seit Herr Polizeipräsi⸗ dent Wiese usw. usw. Seine Königliche Hoheit Herzog Christoph Claus IV. nebst höchstdero An verwandten sowie der Erbprinz und seine Gemahlin erscheinen im Hause des Jubilars, und ihm höchstihre Glückwünsche, einen Orden und die Nobilitierung zu überbringen. Aber die erste Aufgabe des Frischgeadelten kommt zu gleicher Zeit. Ein Skandal hat sich ereignet. Da ist irgend so ein Romanschreiber hingegangen und hat unter dem vielsagenden Pseudonym Thersites in einem höchst pikanten Buche die intimsten Familiengeheimnisse der ganzen regierenden Familie ausgeplau⸗ dert. Ausgerechnet an dem 2 platzt das ominöse Buch wie eine Bombe in die Gemütlichkeit. Was Wunder, wenn man aller⸗ seits nach der Polizei ruft! Denn der insame Thersites hat nicht nur die kleinen menschlichen Schwächen des Großherzoglichen Hauses mit einer e Bosheit der Mitwelt verkündet, sondern er hat seine unzweifelhaft authentische Kenntnis der Dinge auch vor allerlei betrüblichen Fakta nicht Halt machen lassen. Da erfährt man denn staunend, daß der Erbprinz ein recht lustiger Prinzen⸗ junge ist, der vom heiligen Ehestand äußerst laxe rstellungen hat. Jeden Dienstag abend fährt er mit seinem Adjutanten und einer gelben Mappe voll diplomatischer Aktenstücke nach Berlin, um von dort so ermüdet wieder zurückzukehren, daß er für seine zun 7 obschon sie eine allerliebste Prinzeß slawischer Her⸗ kunft ist, 5 keine Zeit mehr findet. Man denke, sogar seine Hochzeitsnacht in dem obligaten Jagdschlößchen, wo alle fürstlichen Paare die Flitterwochen zubringen, hat er bei einer Flasche Wein zor dem Kaminfeuer zugebracht, und, wie man erfährt, hat er einer Frau nichts anderes zu sagen gewußt als:„Es lebe dein ernes Vaterland!“ Herr Polizeipräsident, wer ist nun dieser Halgenvogel Thersites, der solch unglaubliche Interna zu einem Roman verarbeitet? Wer konnte seine Nase so gründlich in alle Schloßgemächer stecken? Der Erbprinz findet des Rätsels Lösung.
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Mittwoch, 3. März 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: e ol, Schrift ·
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
Die Deutsche Regierung gibt sich der Hoffnung hin, daß die von der Amerikanischen Regierung angebahnte Verständigung unter Berücksichtigung der vorstehenden Bemerkungen zustande kommt, und daß auf diese Weise die friedliche neutrale Schiffahrt und der friedliche neutrale Handel unter den Rückwirkungen des Seekrieges nicht mehr als unbedingt nötig zu leiden haben werden. Solche Rückwirkungen würden sich übrigens noch wesenttich verringern lassen, wenn— worauf bereits in der deutschen Note vom 16. d. Mts. hingewiesen worden ist— Mittel und Wege gefunden werden könnten, um die Zufuhr von Kriegs material aus neutralen nach kriegführenden Staaten auf Schiffen irgend welcher Flagge auszuschließen.
Ihre definitive Stellungnahme muß sich die Deutsche Regie⸗ rung selbstverständlich bis zu demjenigen Zeitpunkt vorbehalten, in welchem sie auf Grund weiterer Mitteilungen der Amerikanischen Regierung in der Lage ist, zu übersehen, welche Verpflichtungen die Britische Regierung ihrerseits zu übernehmen bereit ist.
die deutschen Truppen in den Karpathen. II
Aus dem Großen Hauptquartier wird uns geschrieben:
Im Januar wurde im nördlichen Ungarn eine neue Armee ge⸗ bildet. Deutsche und österreichisch⸗ungarische Truppenteile wurden unter dem Oberbefehl des Generals der Infanterie von Linsingen vereinigt zum Vorgehen über die allgemeine Linie Kalocsa—Laz Okörmezö— Volocz— Vezerszallas und nordwestlich gegen die rus⸗ sischen Stellungen auf den ungarisch-galizischen und nördlich ge⸗ legenen Paßhöhen. Die operativen Bewegungen dieser Armee waren in Einklang zu bringen mit dem Vorschreiten der öster⸗ reichisch⸗ungarischen Nachbar⸗Truppen.
Gegen Ende Januar trat die neue Armee, in ihren einzelnen Gruppen teilweise vermischt mit österreichisch-ungarischen Ver⸗ bänden, den Vormarsch an in den Tälern des Talabor, Nagy⸗Ag, der Latorza, der Vecsa und westlich, während schwächere Kräfte des Bundesgenossen in allgemeiner Linie Kalocsa—Laz⸗Gegend von Volocz sicherten. Hier spielten sich zunächst nur Kämpfe von ge⸗ ringerer Bedeutung ab, bis die Gesamtoperationen der Armee auf Straße Okörmezö— Toronya und bei Volocz— Vezerszallas auf stärkeren Feind stieß. Einer deutschen, hinter dem rechten Flügel der linken Nachbararmee an den Uzsok⸗Paß vorgeschobenen Division fiel die Aufgabe zu, aus Gegend Hnhla zunächst in Rich⸗ tung Libuchora in den Rücken des vor der Front der neuen Armee stehenden Gegners vorzustoßen.
Bereits in der letzten Januarwoche(25. 1.) hatte die Armee in erfolgreichem Vorgehen das Höhengelände bei und östlich Le⸗ veles gewonnen, feindliche Gegenangriffe von Toronya abgewiesen, das Massiv des Menscil(1346) besetzt und die Gebirgszüge des Kliwa(893) und westlich davon nach schweren Kämpfen gestürmt. In der Front wurden wiederholt heftige russische Angriffe auf die Kiczirka-Höhen(734) mit großen Verlusten für den Gegner ab⸗ gewiesen, die Vortruppen der Armee nach Einnahme von Vezers⸗ zallas in die Gegend Abranka und westlich vorgeschoben.
Wenige Tage—— schlug der rechte Flügel den Feind eruent nahm die Orte Toronya— Felsösebes—Majdanka— Tarfalu und verfolgte den schnell zurückgehenden Feind auf Wyszkow.
Die Operationen wurden in dem schwierigen Gebir lande durch die Witterung sehr beeinträchtigt. Fast übermenschliche An⸗ strengungen hatten die Truppen im Marsch und besonders im An⸗ griff zu überstehen, ungewohnte Hindernisse des Gebirskrieges überwinden. Mühsam und beschwerlich gestaltete sich der Marsch auf den verschneiten, steil ansteigenden oder in zahlreichen Ser⸗ pentinen auf die Paßhöhen sind windenden Straßen. Eis und Schnee, Glätte, tief aus gefahrene Gleise erschwerten den Vormarsch außerordentlich. Ins Ungeheure aber wuchsen die Hindernisse und Anstrengungen, sie zu überwinden, sobald die Truppe die Straße verlassen und sich zum Angriff entwickeln mußte. Steile, glatte Schneehänge waren zu überschreiten, vereiste Sturzbäche zu über⸗ winden. Häufig sanken die Schützenlinien bis zur Schulter in den Schnee ein. So gestaltete sich der Angriff zu einem unerhört schwe⸗ ren, mühsamen Vorarbeiten in ee und Eis; der einzelne Schütze mußte sich seinen Weg gegen die feindliche Stellung im Feuer des Verteidigers durch den tiefen Schnee ausschaufeln. In diesen Schneegassen mußte der Angriff vorgetragen werden, während der Gegner Hinbernisse vor seinen Stellungen in Gestalt von aus⸗ gedehnten Schneewällen auftürmte, die den Angreifer dicht vor den Drahthindernissen in weichen Schneemassen versinken ließen. Die hereinbrechende Dunkelheit fand die kämpfende Truppe im leuchtenden Schnee dicht vor den Stellungen. Wochenlang erwar⸗ tete die Armee bei ihren vielen Angriffen auf den Paßhöhen und
Seine so jählings abgebrochene diplomatische Mission hat das eine Gute gehabt, daß er der Sache mit einer beträchtlichen Dosis von Scharfsinn auf den Grund zu sehen vermag: Nur seine sträflich
vernachlässigte Gemahlin kann aus Rache den Giftpfeil gegen ihn k
abgeschossen haben! Und siehe da: Olga Michalowna bekennt sich im melodisch gebrochenem Deutsch zu der schriftstellerischen Satis⸗ faktion für ihren gekränkten Frauenstolz. Am Horizont droht die Scheidung. Aber plötzlich— wieso, warum und wozu, wird nicht —— 8————— N— 2 einer Frau, kri zu Kreuze, wohlwolle ufälle führen das son⸗ derbare Pärchen wieder an das bewußte Kaminfeuer und in das vor einem Jahr so vernachlässigte Zimmerchen, und als der alte Groß⸗ herzog sich vor dessen Tür der Wichtigkeit der Stunde schmunzelnd bewußt wird, fällt der Vorhang.— Der Diskretion, mit der der Autor seinen Einfall erzählt, böse zu sein, muß zimperlichen See⸗ len vorbehalten sein. Und wie schon anfangs betont: Es entwaff⸗ net, wenn man sieht, wie er die galanten Seitenwege des Prinzen nicht nach Art französischer Vorbilder um ihrer selbst willen, son⸗
dern nur als Folie zu dem Triumph einer kleinen Frau benutzt.!
Die Art, wie man gestern die verbindliche Moralpredigt lebendig zu machen suchte, kam nun über einen gewissen Durch⸗ schnitt nicht hinaus. Ausgenommen von dieser Einschränkung muß
u Sonntag⸗Blume werden, die die Erbprinzessin mit charmanter, überlegener Delikatesse spielte. Wo gestern abend Engels feiner Lustspielton getroffen wurde, sprach sie in erster Linie.
Milieu entsprechend hätte im übrigen ein reichlicheres Maß don zwangloser Parkettgewandtheit— hier stand noch Carl Rottecks Adjutant sporenklirrend seinen Mann— manche Mög⸗
lichkeit heben helfen, und dieser Zwanglosigkeit wäre es wiederum]
ugute gekommen, wenn ab und zu die Unabhängigkeit vom Souf⸗ eur und vom Stichwort die Konversation beschwingt hätten. Im N weiter der bärbeißige Kasernen-Herzog bei Paul Schu⸗ ert in guten Händen, und Ferdinand Steinhofer ließ als Erbprinz bisweilen vergnüglich erkennen, wie einem ertabpten lockeren Zeisig das Pfeifen vergehen kann. Walter Dworkowski hatte drei hübsche, sinngemäße und sorgfältige Bühnenbilder ge⸗ stellt. Das Haus war mehr als schwach besucht. Eine hübsche n würde zustande kommen, wenn bei der nächsten Aufführung ein zahlreicherer Besuch die ziemlich anspruchsvolle Arbeit des Theaters anerkennen, und wenn dieses selbst sich be⸗ mühen würde, zum Dank dafür dem unterhaltsamen Stücke seine Wiedergabe noch flotter, schnittiger, anzupassen. a- *
Darmstädter Nonzertbrlef. Aus Darmstadt wird uns geschrieben: 0 Wie wenig die gegenwärtige Kri⸗ it es bisher vermocht bat, einen schlbigenden Einfluß auf die denohmen Verbalisse
der dankbar war das Publikum für die* Richard
ß sch ier un gester, die auf dem vorjährigen niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf großen Erfolg erzielte. Den Klavierpart spielte, wie auch in der großen uungarischen Fantasie von Liszt die bekannte Wiener Klavierkünst⸗ lerin Frau Vera Schapira, deren bewunderungswürdige Tech⸗ nik und spielendleichte Ueberwindung auch der gewaltigsten Schwie⸗ rigkeiten allgemein entzückte. Zum Schluß kam noch Goldmarks Ouverture„Im Frühling“ zur Aufführung; auch hiermit leistete 2 unter Hofkapellmeister Ottenheimer Vorzüg⸗
Der Richard Wagner⸗Verein, der seit einer Reihe von Jahren dem Darmstädter Musikleben ein ganz besonderes und dankbar anerkanntes Gepräge verleiht, mußte infolge einiger Programmstörungen zwei Kammermusikabende hintereinander fol gen lassen. Am ersten Abend spielte das berühmte Wiener Rosé⸗Quartett, das schon von zwei früheren Konzerten hier in bestem Andenken steht. Die Künstler— neben Prof. Arnold Rosé Rudolf Fitzner, Anton Ruzitska und Prof Friedrich Bux⸗ baum— spielten Franz Schuberts Quartett Nr.J in A-Moll, op. 29, Beethovens Quartett Nr. 7 in F-Dur, op. 59, Nr. 1 und Joseph Haydn's Quartett Nr. 38 in Es-Dur, op. 33. Sie boten also eigentlich echt Wienerische Kunst und bereiteten damit der zahlreichen Zuhörerschaft einen großen, seltenen
stgenuß.— zweiten Kammermusikabend bot das
Quartett der Leipziger Gewandhaus-Kapelle, der
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