Ausgabe 
(25.2.1915) 47. Erstes Blatt
Seite
152
 
Einzelbild herunterladen

von fast ausschlaggebender Wichtigkeit in diesem Hampfe. 1 an 5. Geld siab größer als die des Feindes. Eine vollständige, kühne und entschlossene Anwendung dieser Hilfsquellen sowie der gesamten Kraft it alles, was zum Siege notwendig ist. Eine Meuterei in Indien. London, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird gemeldet: Bei der Meuterei eines indischen Infan⸗ terieregiments in Singapore wurden sechs eng⸗ lische Offiziere und 16 Unteroffiziere und Soldaten verwun det, 14 englische Zivilisten, darunter eine Frau, getötet. Die Meuterei ist unterdrückt worden.

* 4*

Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht. Wien, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart, 24. Febr. 1915: An der polnisch⸗galizi⸗ schen Front herrscht, abgesehen von vereinzelten lebhaften * und stellenweisem Geplänkel, größtenteils

Die Situation in den Karpathen ist im allgemeinen unverändert. In den gestrigen Kämpfen am obersten San wurde eine Höhe erstürmt, fünf Offiziere und 198 Mann ge⸗ fangen genommen. Nördlich des Sattels von Volovoc ver⸗

suchte der Gegner, dichtes Schnectreiben ausnützend, in hart⸗ näückigem Angriff in die von unseren Truppen besetzten Stel⸗ 2 lungen vorzudringen. Der Vorstoß wurde unter schweren Veerlusten für den Feind zurückgeschlagen, 300 Russen ge⸗ fangen genommen.. 1 Die Kämpfe südlich des Djnester nehmen noch weiter

an Umfang und Ausdehnung zu. N 3 Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes

v. Höfer, Feldmarschalleutnant.

DieTimes über die Schlacht in Masuren. Berlin, 24. Febr. In einem Leitartikel über die deutschen Siege in Ostpreußen schreiben der Vossischen Zeitung zufolge die Times: Unsere Nachrichten aus Petersburg sind in der letzten Zeit abgeschnitten. Wir wissen nur von ungefähr, daß Rußland auf den Krieg nicht vorbereitet war und noch jetzt Zeit braucht, um seine Armeen und Hilfsquellen ins Feld zu führen. Die Un⸗ gewißheit zwingt uns, die Ereignisse vorsichtig zu beurteilen. Die Flut der neuen deutschen Korps, die über Ostpreußen herein⸗ brach, ist augenscheinlich dem Stabe des Großfürsten überraschend gekommen. Man wird auf weitere derartige Ueberraschungen vor⸗ bereitet sein müssen. 5 Austausch der Schwerverwundeten.

Bern, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Die deut⸗ sche wie die französische Regierung haben dem Bundesrat mitgeteilt, daß eine Einigung über den Aus⸗ tausch der Schwerverwundeten erzielt worden ist. Die Transporte erfolgen von Konstanz nach Lyon und umgekehrt in schweizerischen Sanitätszügen unter der Lei⸗ tung des schweizeris Roten Kreuzes. Voraussichtlich wird

Ende der laufenden Woche der Transport beginnen.

Die Landwirtschaft Frankreichs.

. Paris, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.)Echo de

9 8 meldet: Der Ackerbauminister gibt ein Buch heraus,

betitelt:Die landwirtschaftlichen Anstrengungen 1 rankreichs nach sechs Kriegsmonaten, das Angaben

1

*

die Maßnahmen enthält, welche die französische Ver⸗ . getroffen hat, um die lanbwirtschaftlichen Reich⸗ tümer Frankreichs zu sichern und über den Zustand, in wel⸗ 1 sich die Reichtümer nach sechs Kriegsmonaten befinden. ie Feststellung des Ministers über den Getreide⸗ und Vieh⸗ reichtum seien außerordentlich beruhigend, wenn man die furchtbare KL betrachte, welcher Frankreich ausgesetzt g sei. Die Vorräte an Hafer, Gerste, Weizen und Kartoffeln seien durchaus normal. Bezüglich des Vie hes werde berechnet, daß Frankreich Ende März n 5 13 300 000 Köpfe Großvieh(gegen 14 800 000 im Jahre 1913), etwa 15 Millionen Schafe und Lämmer(statt 16 200 000), ungefähr 6 230 000 Schweine(statt 7050 000) besaß. Das Buch macht ferner Angaben über die Verwendung von Kriegsgefangenen bei der Ausführung von Arbeiten von öffentlichem Interesse. Der Minister erörtert schließlich eeinen Plan, der auf Heranziehung Kriegsgefangener zur Wiederherstellung gewisser landwirtschaftlicher en J ielt, die während der Kämpfe in Frankreich zerstört oder . worden sind. beschädigt worden sind 77 Die türtisch⸗russischen Kämpfe. 5 Konstantinopel, 24. Febr.(WDB Nichtamtlich.) DieAgence Milli erfährt aus Erzerum: Die russischen Angriffe auf dem Gebiet östlich von Art win wurden von den türtischen Truppen mit großen Verlusten für den Feind abgewiesen. Die Russen wurden von den Höhen in der Umgebung von Elmali vertrieben. Die Türken erbeu⸗ 0 8 Menge Kriegsmaterial, besonders Feldtelephon⸗ Material.

*

7

Zur Beschießung der Dardanellen. Konstantinopel, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Wie die* Milli aus zuverlässiger Quelle erfährt, haben die beiden LinienschiffeReschadie und Os⸗

manieh, welche die Engländer allem Recht zuwider be⸗ schlagnahmten, unter dem NamenAgincourt undErin an der Beschießung der Dardanellen am 19. Febr. teil⸗ genommen. Diese Tatsache widerlegt schlagend die eng⸗ lischen Versicherungen gegenüber der Welt des Islam, daß ssie deren Gefühle achteten. 5 London, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) DasReu⸗ itersche Bureau erfährt aus Athen, daß laut Meldungen aus Tenedos französische und englische Kriegsschiffe am 17. Februar ein türkisches Lager an der Küste

egenüber Tenedos beschossen, die Türken aber

5 Feuer mit Erfolg erwidert hätten.

* 4*

Die Ameritanischen Vorschläge an Deutschland.

Köln, 24. Febr. WTB Nichtamtlich) DieKölnische Zei⸗ tung meldet aus Berlin: Die von dem Botschafter der Vereinigten Staaten gestern nachmittag überreichte

die betei tigten Regierungsstellen. Die Mitteilung soll Anregungen enthalten, über deren Inhalt bisher nichts verlautet. Die Ab⸗ sicht der amerikanischen Vorschläge scheint dahin zu gehen, einer Verständigung über etwa während des Seekrieges gegen England auftauchende Schwierigkeiten die Wege zu ebnen.

Aus Dentsch⸗Südwestafrita.

London, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Reuter meldet aus dem Lager von Kais⸗Höhe, Deutsch⸗Süd⸗ westafrika vom 19. Febr. Die Deutschen sprengten die von Lüderitzbucht ausgehende Eisenbahn an mehr

Mitteilung war heute Gegenstand eingehender Prüfung durch] S

Die zweite deutsche Kriegsanleihe. Berlin, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Die zweite deutsche Kriegsanleihe wird nunmehr zur öffentlichen Zeichnung aufgelegt. Sie besteht ebenso wie die erste aus fünfprozentigen Schuldver⸗ 3 des Reichs und fünfprozentigen Reichsschatzanwei⸗ fungen. Die Schatzanweisungen sind in vier Serien eingeteilt und ausgefertigt in Stücken zu 100 000, 50 000, 20 000, 10000, 5000, 2000, 1000, 500, 200 und 100 Mark mit Zinsscheinen, zahlbar am 2. Januar, und 1. Juli jedes Jahres. Der Zinsen⸗ lauf beginnt am 1. Juli 1915, der erste Zinsschein ist am 2. Ja⸗ nuar 1916 fällig. Die Tilgung der Schatzanweisungen erfolgt durch Auslosung von je einer Serie zum 2. Januar 1921, 1. Juli 1921, 2. Januar 1922, 1. Juli 1922. Die Auslosungen finden im Januar und Juli jedes Jahres statt, erstmals im Juli 1920, die Rückzahlung l ieht an dem auf die Auslosung folgenden 2. Januar bezw. 1. Juli. Die Reichsanleihe, die bis zum 1. Ok⸗ tober 1924 seitens des Reichs unkündbar ist, ist in Stücken zu 20000, 10 000, 5000, 2000, 1000, 500, 200 und 100 Mark aus⸗ gefertigt und mit dem gleichen Zinsenlauf und den gleichen Zins⸗ terminen wie die Schatzanweifungen ausgestattet. Der Feu nungspreis beträgt für die Reichsanleihe, so weit die Ausfolgung von Stücken verlangt wird, und für Reichsschatzanweisungen 98,50 Mark, für Reichsanleihe, so weit die Eintragung in das Reichs⸗ schuldbuch mit Sperre bis zum 15. April 1916 beantragt wird, 98,30 Mk. für je 100 Mk. Nennwert. Auf vor dem 30. Juni 1915 gezahlten Beträge werden 5 Prozent Stückzinsen vom Jah⸗ lungstage an bis zum 30. Juni an Zeichner vergütet, auf Zah⸗ lungen nach dem 30. Juni hat Zeichner 5 Prozent Stückzinsen vom 30. Juni bis zum Zahlungstage zu entrichten. Die Reichs⸗ anleihe wird ohne e ausgegeben, es können alle ernsten eichner auf die volle Zuteilung der gezeichneten Beträge rechnen. agegen wird von Schatzanweisungen jedenfalls nur ein begrenz⸗ ter Betrag zugeteilt werden, da die Reichsfinanzverwaltung nicht allzu große Fälligkeiten an bestimmten Terminen aufhäufen kann. Es empfiehlt sich deshalb für alle diejenigen, die mit ihrer vollen Zeichnung an der Anleihe beteiligt werden wollen und in erster Linie Schatzanweisungen gezeichnet haben, sich damit ein verstanden zu erklären, daß ihnen eventuell auch Reichsanleihe zugeteilt wird, eine Möglichkeit, wovon auch bei der ersten Kriegsan⸗ leihe bereits in weitestem Umfange Gebrauch gemacht wurde. Die Zeichnungen werden vom Samstag, 27. Februar, an bis Freitag, 19. März, mittags 1 Uhr, bei dem Kontor der Reichs⸗ hauptbank für Wertpapiere, Berlin, bei allen Zweiganstalten der Reichsbank mit Kasseneinrichtung entgegengenommen. Die Zeichnungen können aber auch durch Vermittlung der Kgl. See⸗ handlung(Preußische Staatsbank) und der Preußischen Zentral⸗ Genossenschaftskasse in Berlin, der Kgl. Hauptbank Nürnberg und deren Zweiganstalten, sowie sämtlicher deutscher Banken, Bankiers und ihrer Filialen, sämtlicher deutschen öffentlichen Sparkassen und ihrer Verbände, jeder deutschen Versicherungs⸗ Gesellschaft und jeder deutschen Kreditgenossenschaft erfolgen. Zeich⸗ nungen auf Reichsanleihe nimmt auch die Post an allen Orten entgegen, wo sich keine öffentliche Sparkasse befindet.(Auf diese Zeichnungen ist bis 31. März Vollzahlung zu leisten.) Zeich⸗ nungsscheine sind bei allen Reichsbankanstalten, Bankgeschäften, öffentlichen Sparkassen, Lebensversicherungs⸗Gesellschaften und Kreditgenossenschaften zu haben. Zeichnungen können aber auch ohne Verwendung von Zeichnungsscheinen brieflich erfolgen. Zeich⸗ nungsscheine für Zeichnungen bei der Post werden durch die be⸗ treffenden Postanstalten ausgegeben. Die Zeichner können die ihnen zugeteilten Beträge vom 31. März 1915 an jederzeit ell bezahlen. Sie sind verpflichtet, 30 Prozent des zugeteilten Be⸗ trages spätestens am 14. April 1915, 20 Prozent am 20. Mai 1915, 20 Prozent am 22. Juni 1915, 15 Prozent am 20. Juli 1915 und 15 Prozent am 20. August 1915 zu bezahlen. Frühere Teilzahlungen sind zulässig, jedoch gur in runden, durch 100 teilbaren Beträgen. Beträge bis 1000 Mark einschließlich sind bis 14. April 1915 ungeteilt zu berichtigen. Zwischenscheine sind nicht vorgesehen. Die Ausgabe der endgültigen Stücke wird An⸗ fang Mai beginnen. Die am 1. April 1915 zur Rückzahlung fälligen 60 Millionen Mark Aproz. deutsche Reichsschatzanwei⸗ sungen von 1911 Serie 1 werden bei Begleichung zugeteilte Kriegsanleihen zum Nennwert in Zahlung genommen. Kriegsbriefe aus dem Osten. Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Die neuntägige Winterschlacht in Ostpreußen. a Wilkowischki, 17. Febr. Der deutsche Vormarsch aus der ostpreußischen Linie heraus ist, da ich diese Zeilen schreibe, noch nicht abgeschlossen, es ist mir daher nicht möglich, meine Beobachtungen, Eindrücke und Erlebnisse in dem größeren Zusammenhang, zu dem sie gehören, darzustellen. Da das militärische Interesse, das jedem andern unbedingt vor⸗ gehen muß, Zurückhaltung fordert, beschränke ich mich darauf, ein paar Bilder vom Wege der letzten Tage aufzuzeichnen. Es wird später hoffe ich Gelegenheit sein, in dem notwendigem Rahmen zu schildern. Von Pillkallen nach Eydtkuhnen.

Der Schlitten hält vor dem großen Wirtshaus an der Wege⸗ kreuzung zu Nanjeningken. Es werden 5 Grad Kälte sein an diesem 10. Februar. Der Schnee liegt meterhoch auf den Straßen und Feldern, an vielen Stellen fährt die Kolonne durch tiefe Hohlwege, die man in die Schneemauern geschaufelt hat. Das Gasthaus ist in vollem Betrieb, das heißt, in un großen Räumen brennt Feuer in den Oefen, und das Stroh, in dem die Truppen geschlafen haben, ist zum Teil in die Ecken gekehrt In dem Schankzimmer ist es am wärmsten. Alle Tische sind besetzt. Alle Waffengattungen sind vertreten: Infanterie, Artillerie, Kavallerie, Train. Man wärmt sich ein paar Minuten und sucht etwas zu essen zu bekommen. Die Stimmung ist trotz der hundsmiserablen Wege und der Kälte vor⸗ züglich. Von der Front, die in schnellem Tempo vorwärts geht, kommen Nachrichten über Gefangennahme von Zehntausenden von Russen. Es kommt dabei auf ein halbes Dutzend Zehntausender so genau nicht an. Fragen und Vermutungen schwirten durch die Luft, die Stimmen gehen laut durcheinander. Hinter der Theke steht eine hochblonde Schenkmamsell und bedient einen eigenartigen Spirituskocher, der aus einem Blechdeckel besteht und auf dem ein Dreifuß mit großem Kochtopf aufgebaut ist. Sie gießt eine Flasche Spiritus nach der anderen auf den brennenden Untersatz Sonder⸗ barerweise entsteht keine Explosion. Alles trinkt heißen Grog. Ein Verwundeter steigt vom 5 und setzt sich auf das Ledersofa. Armschuß bei Eydtkuhnen. Kibarty ist gestürmt. Ich 1 ihm eine Zigarette in den Mund, und wir stecken zusammen die Füße fast in den Ofen hinein, Es ist möglich, daß sie nach einiger Zeit warm werden. Das Gespräch besteht daraus, daß der Freiwillige ab und zu sagt:Scheußliche Kälte, und ich nach einiger Zeit erwidere: Gräßliche Kälte. Er sagt dann:Wir gehen aber vorwärts, und sein müdes Gesicht wird ein wenig heller. Um zwei Uhr weckt mich der österreichische Kollege aus festem Schlaf:Die Autos sind da, das heißt, eins ist verbrannt, und das andere wird nicht weiter⸗ kommen. Ich gehe hinaus. Draußen ziehen Kolonnen, wie sie vor drei Stunden gezogen sind. Ich bewundere, wie die Munitions⸗ kolonnen auf diesen Wegen weiterkommen. Man hält es kaum für möglich, aber sie dringen weiter. Die Pferde arbeiten in den Sielen, die Mannschaften greifen in die Speichen. Flüche und Zurufen. Peitschenknallen und Hurrassa. Die Wagen sinken bis

als hundert Stellen mit Dynamit.

durch das Heer rausche, ein . der über Schneetreiben, Not, Kälte hinaufsc ug iegreichen Armee zu dem weiten grauen Feb 4 hätte gern diese Truppen im Gefecht gesehen, das des Feld⸗ rieges, der den abspannenden Stellungskrieg ablöste, voll mit⸗ erlebt, aber die rigkeiten waren nicht zu überwinden. a Wir setzten uns in Marsch. Wenn der Schlitten fahren konnte, blieb das Auto stecken. Wenn das Auto fahren konnte, mußte der Schlitten über die schneelose harte Landstraße geschoben werden. Bei dem Rittergut Neuweide wurden die Schneemassen so hoch, daß wir das Auto endgültig einstellten. Ein Schlitten und zwei Pferde sie sahen wenigstens so aus wurden requiriert, und wir kamen nach Pillkallen, dem Stabsquartier zweier russischer Divisionen. Fern über der zerschossenen und halbverbrannten Stadt flammte der Himmel rot auf, die brennenden Gehöfte, die die Rückzugsstraße der Russen zeichneten, glühten und stürzten krachend zusammen. Der Wind flog hart durch die Sparren, aber es war, als ob schon ein weicher Hauch mitwehte. Wer viel von Wetter verstand, konnte auf baldiges Tauwetter schließen. Zu⸗ nächst war noch strenge Kälte. In der Kommandantur von Pill⸗ kallen, in der ich mich aufwärmte, hatten die Fücher noch rusfische Aufschriften, über die man die deutschen gesetzt hatte. In den Häusern und auf den Straßen sah es russisch aus. Die Einwohner, die geblieben waren, gingen mit verwunderten, gedrückten Gesichtern umher. Sie erkannten ihre Stadt nicht mehr. Und sie wagten nicht, an ein besseres Los zu glauben. Die Russen hatten 400 Frauen und Mädchen, alle gebliebenen weiblichen Einwohner der Stadt, in die Gasthäuser gesperrt und Posten davor gestellt. Zu⸗ nächst wohl, um sie vor der Bestialität der eigenen Soldaten zu schützen, später scheint man aber die 1 vor den russi⸗ schen Stäben kaum mehr beschützt zu. Ich habe den Ein⸗ druck gehabt, daß die Russen in letzter auf eine soldatische Art der Kriegführung Wert legten, dieser Eindruck ist falsch gewesen. Die Russen haben in dem Teil von Ostpreußen, den sie bis zum 8. Februar besetzt hielten, wie Mordbrenner und Diebsgelichter gehaust. Ich weiß wohl, daß im Krieg sehr oft fünf gerade ist, ich weiß wohl, daß es ohne unerhörte Härten, ja selbst Grausamkeiten oft nicht abgeht, aber das, was ich in diesen Tagen bis heute mit eigenen Augen gesehen habe, überschreitet jedes Maß. Es ist nicht möglich, auf Einzelheiten ein⸗ zugehen, mir sind ein paar Fälle bekannt, die für die Beurteilung genügen. Es hat keinen Sinn, Zeit mit der moralischen Brand⸗ markung dieses Bundesgenossen Englands, dieses amerikanischen Kriegshandelsfreundes zu verlieren, nur, aber nur die deutschen Waffen können auf diese asiatische Kriegführung antworten. Es darf nicht mehr möglich sein, daß Asien die europäische, die deutsche Grenze überschreitet. Die Grenze zwischen zwei Weltteilen muß so gestaltet sein, daß die Horden sie nicht mehr überschreiten können. An Zahlenmaterial gab mir ein Kriegsgerichtsrat, der mich des Abends im Quartier besuchte, Folgendes: 800 Personen aus dem Kreis Pillkallen sind nach Rußland verschleppt worden, 300

sind getötet worden, die Einäscherung der Gebäude und der Dieb⸗ stahl alles beweglichen, irgendwie wertvollen Eigentums ist plan⸗

mäßig geschehen. Wenn man noch daran zweifeln wollte, so schlossen die Eisenbahnzüge in Kibarty voll mit aus Ostpreußen gestohle⸗ nen Gegenständen jeden Zweifel aus.

Die Kälte kroch durch alle Ritzen in das Zimmer, die Wärme des Ofens verpuffte in dem kalten Zug. Draußen standen die Brandruinen dunkel und zerrissen auf dem mattleuchtenden Schnee. Ich stand am Fenster und sah in die grauweiße Dunkelheit hinaus. Die Straße war jetzt leer, die Kolonnen hatten die müden Pferde untergestellt in den Ställen, Läden, Erd zwohnungen, die leeren Wagen bildeten unentwirrbare ppelreihen auf der Straße. Eine Pechfackel, die etwas weiter angebracht war und leichte Helligkeit gegeben hatte, berlöschte. Draußen war nur noch die Dunkelheit, Wind und Kälte. Das war die Nacht, in der unsere Infanterie den Russen vor Wirballen auf 20 Meter 1 5 überlag, unbeweglich unter dem Hagel von Geschossen. Der Schnee schmolz unter den Körpern und fror beim Morgengrauen wieder zu⸗ sammen. Vor bieser Nacht war die Truppe 64 Kilo⸗ meter marschiert.. 1

Der Morgenhimmel war mit silbrigen Wolken bedeckt, dann wurde er hellrot wie eine offene Wunde, ein schmaler, roter Strei⸗ fen Blut schien über dem Horizont auf die Erde zu fließen, ehe die Sonne kam, verhängte sich aber die Ferne. Ich fuhr an den Kolonnen, die sich auf der Provinzstraße stauten, vorbei in einen Feldweg, der über Warningken nach Eydtkuhnen führte. Der Schlitten ging leicht über den gefrorenen Schnee, das Land dehnte sich weit und weiß. Einsam und unendlich verlassen war dies Stück Erde. In keinem der Dörfchen und en waren Men⸗ schen. Fern ging schwerer Geschützdonner und schütterte über die Stille. Wir fuhren auf einer der russischen Rückzugsstraßen. Ge⸗ 4 4 80. waren auf der weißen Spur des Ganze r mi vor 1 e e noch aufgebaut. Jedes zweite Anwesen war niedergebrannt. 3

Wir erreichten das letzte Stück der Hauptstraße nach Eydt⸗ kuhnen. Rheinländer, Hessen, Sachsen, Württemberger zogen über die 3 bayrische 1 35 3 15. 950. setzte Regen ein, der im Anfang noch zu gli 2 icht fror. Durch den nassen Schleier glänzten die Gesichter der Truppen, über den schneeigen feuchten Weg schwang sich ihr Gesang. Es ging nach Rußland. Ein Haus am Wege, das wohl schon lange im Innern geglimmt hatte, fing plötzlich mit hellen Flammen an zu brennen. Die gelben und roten Brandfahnen züngelten über den vorwärtsgehenden Truppen. Die Gesichter wurden ernst und bitter. Das Krachen und Rauschen der Flammen vermischte sich mit dem stampfenden Rhythmus der marschierenden Bataillone.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter. (Siehe auch 2. Blatt.) Aus Bessen. 3 Zusammentritt der Zweiten Kummer.

R. B. Darmstadt, 24. Febr. Die Zweite Hessi⸗ sche Kammer wird dem Vernehmen nach vom Präsi⸗ denten Köhler am 9. März dieses Jahres einberufen wer⸗ den. Es handelt sich zunächst um eine allgemeine ver⸗ trauliche Besprechung unter den Abgeordneten, die die geschäftkichen Verhandlungen über den neuen Staats⸗ haushaltsplan für 1915 zum Gegenstand haben wird. Man hat in Aussicht genommen, eine größere Kommission unter den Kammermitgliedern zu bestellen bezw. den Fi⸗ nanzausschuß in geeigneter Weise zu erweitern und diese dann mit der Vorbereitung der Staatshaus⸗ haltsberatung zu beauftragen. Auf diese Weise hofft man dem der Zeit entsprechend alle langen Debatten nach Möglichkeit auszuschalten und die für Mitte März bevorstehende Kammertagung auf die kürzeste Frist zu beschränken. l

Aus dem Reiche.

Berlin, 24. Febr.(WTB. Nichtamtlich) Nach dem neuesten Reichsbankausweis, der morgen zur

öffentlichung kommen dürfte, hat die Reichsbank in der letzten

ankwoche einen Gold zufluß aus dem inneren Verkehr

von mehr als 27 Millionen Mark zu verzeichnen, so

daß der Goldbestand des Instituts auf mehr als 2255 Millio⸗ 8

Berlin, 2. Berlin Geh. Rat v.

Ver⸗