Drittes Blatt
Die„Sietzener Familtendlätter(werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Für das Handwerk.
(die in dem nachstehenden Aufsatz eines Sachkundigen verül Fragen schließen sich an Erfahrungen an, die etzt 5— in der Kriegszeit sich aufgedrängt haben. Wir ind davon überzeugt, daß alle für das Handwerk Inter⸗ essierten den Ausführungen mit großem Interesse folgen werden, und wir 3 die Männer vom Fach hiermit auf, in eine Ausspra über diese Dinge einzutreten. Wir sind bereit, zu weiteren Ausführungen über das wichtige Thema gerne unsern Raum zur Verfügung zu stellen. D. Red.)
7 Was in unseren Kriegstagen vom neutralen und feindlichen lande über alles stets hervorgehoben wird, ist die Organisations⸗ fähigkeit Deutschlands die rasche Anpassungskunst auf allen wirt⸗ schaftlichen Gebieten. Das im Frieden Gelernte und Geübte erfährt mitunter nur Umsetzungen in die Praxis, aber auch Erprobungen auf die innere Kraft. Alle Erwerbsstände sind daran beteiligt,
5 alle öffentlichen Korporationen üben ihr Bestes aus, mit verschie⸗ denem Erfolge. Was unsere Industrie so überaus auszeichnet und immer noch weiter auszeichnet, ist ihre anschmiegende Gelenkig⸗ keit an die heutigen wirtschaftlichen Bedürfnisse. Nicht so gut be⸗ stellt ist es dagegen mit unserem Kleingewerbe, und hier besonders dem Handwerke. Obgleich ihre Interessen vertretungen, die Handwerkskammern, sich alle Mühe geben, ihren Schützlingen Arbeitsgelegenheiten zuzuführen, so ist der Nutzeffekt verhältnis⸗ mäßig gering. Man trifft so häufig Stockungen in einzelnen
Handwerkszweigen an, für die der herrschende Krieg nicht allein verantwortlich gemacht werden kann, sondern das im Frieden Ver⸗ scuumte verantwortlich zu machen ist. Und hier komme ich zur Frageberührung: Wer ist schuldig. Als Antwort hierauf muß man sagen: In der Hauptsache der einzelne Handwerker selbst. Die Bestrebungen, die wirtschaftliche Lage des Handwerkers seit der Einführung der Gewerbefreiheit zu verbessern, hier alle aufzuführen, ist nicht die Stelle; doch soviel mag erwähnt sein, daß das offizielle Verlangen nach der Einführung des sogenannten großen Befähigungsnachweises eines der schlechtesten Mittel zur wirtschaftlichen Hebung des Handwerks wax. Denn die erlangten kechnischen Fertigkeiten hahen mit der Erlangung einer wirt⸗ schaftlichen Stärke gar wenig zu tun. Was der Handwerker will, ist doch nur, seine wirtschaftliche Lage verbessern, und der Nach⸗ weis einer abgelegten Meisterprüfung steht damit nur in losem, Zu inge. Heute fordert das Publikum selbst den Befähi⸗ gumgs nachweis, und wenn die Leistungen entsprechend sind, so wird der Handwerker auch mit Aufträgen bedacht werden. Dieser wird bann umso zufriedener mit seiner Lage sein, je größer sein Ver⸗ dienst ist, denn was dem Handwerker gewöhnlich fehlt, ist die 5 und gerade mehr dem Stadthandwerker, dessen Lei⸗ svungen handwerker. Man findet in Zeitschriften der Handwerkerinteres⸗ senvertretungen häufig die Klage, daß viele Handwerksgewerbe gar nicht mehr in der Lage seien, vorzügliche Meisterstücke, im Sinne der alten Zeit, zu liefern. Ja, sage ich, ist es denn heute noch notwendig, daß diese von dem Handwerke angefertigt werden, wenn die Industrie solche Gegenstände billiger und ebensogut her⸗ f und liegt hierin nicht ein Fingerzeig für den Handwerker selbst, seine Gedanken darüber anzustrengen, wie man einer sol⸗ chen Konkurrenz wirksam entgegetreten und damit seine wirt⸗
schaftliche Lage verbessern und seine Kapitalkraft erhöhen kann!
5 wir nach den Gründen, welche dieser Verwirklichung
eutgegenstehen, so ist es neben der mangelnden Kapitalkraft der
Mangel an Anpassungsfähigkeit, Initiative und bisweilen die Persönlichkeit des Handwerks selbst. Vielfach kann man die Be⸗ obachtung machen, daß viele Handwerker ein besseres Los nicht von der Selbsthilfe, sondern einzig und allein von der Hilse des Staates, von der Hilfe der bestehenden Innungen und
Handwerkskammern erwarten. Die Untätigkeit mancher Hand⸗
werker grenzt vielfach schon an eine gewisse Euergielosigkeit. Der
Grundsatz, der überall im gesamten Erwerbsleben gilt, daß die Ge⸗
staltung des wirtschaftlichen Lebens von dem wirtschaftenden Men⸗
schen selbst bestimmt wird, gilt auch für den Handwerker. Der berufstätige Handwerker soll in unserer Zeit nicht allein rein kör⸗ perliche Arbeit, sondern auch etwas mehr seelische Arbeit ver⸗ richten. Vieles liegt in der Persönlichkeit selbst, und wenn eine
in der Regel spezialisierter sind, als bei dem Land⸗
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165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Samstag, 20. Februar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. ö Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrist⸗ leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
wirtschaftliche Hebung der Lage des Handwerks erfolgen soll, so sind auch Rücksichten von seiten der selbständigeren Handwerker auf die weniger selbständigen zu nehmen.
Das Handwerk muß sich den Bedürfnissen des Marktes mehr anzupassen suchen, dort sogenannte Qualitätsarbeit liefern, wo diese auch wirklich gefordert, verlangt und demgemäß auch bezahlt wird. Dies bedeutet noch nicht, eine Aufforderung, Schundware zu liefern, sondern keine andere Ware als die von der Industrie her⸗ gestellte. Meistens ist die Abneigung gegen die Industrieware von seiten des Handwerkers nur die Folge der wirtschaftlichen Kon⸗ kurrenz; kauft doch selbst der Handwerker dort, wo er am Hilligsten und am besten bedient wird, ohne Rücksichtnahme auf das Hand werk selbst. Um der Konkurrenz entgegenarbeiten zu können, soll das Handwerk selbst imstande sein und durch Einrichtungen instand gesetzt werden, konkurrenzfähig neben die Industrie zu treten, was allerdings nur dann möglich sein wird, wenn sich die betreffenden Handwerkszweige einem Gesamtwillen innerhalb einer zu schaffen— den Organisation unterordnen. Die Selbständigkeit des Hand⸗ werkers hätte darunter nicht zu leiden; niemals aber würde die Stellung als selbständiger Handwerker nach außen beeinträchtigt. Und hiermit kommen wir zu dem Haupt⸗ und Kernpunkte, was dem Handwerkerstande noch zu sehr fehlt, die innere Organisa⸗ tion, was die bessere Verwertung der Arbeitskräfte, und zwar gerade der gelernten, verhindert, die, wie immer behauptet wird, das Handwerk in höherem Maße ausbilden soll, als die Industrie. Schulze⸗Delitzsch war es, der bereits den hohen Wert von ge⸗ werblichen Genossenschaften zum Wohle des Handwerkers erkannt hatt. Zielbewußt wurde von Berufenen auch auf die Gründung solcher Genossenschaften hingearbeitet. Schulze-Delitzsch ersah ins⸗ besondere die Kreditnot des Handwerkers in langjährigem Umgange mit diesem, mit als Hauptmaugel der nachteiligen Entwicklung des Handwerkerststandes. Seine Arbeit hat bereits reichlich Früchte getragen. Diese Organisgtionen haben den Erwartungen voll ent⸗ sprochen. Alles sei unterstrichen und begrüßt, was bis jetzt auf dem Gebiete des gewerblichen Genossenschaftwesens geschaffen wurde. Groß sind die erzielten Errungenschaften, welche man erreichte und sehr vielfältig die Vereinigungen im Handwerke. Es seien nur einige Beispiele aus einem Berichte im Jahre 1911/12 des Ver⸗ bandes badischer Handwerkergenossenschaften angeführt, welche wirk liche Erfolge zeigen sollen. So wird von den Bäckergenossenschaften gesagt, daß sich die Geschäftsanteile mit 32,2 Prozent verzinst haben, bei der Einkaufsgenossenschaft der Kleinbrauer mit 24,8 Prozent, bei den Friseurgenossenschaften mit 28 Prozent; besonders erwähnenswert ist die Entwicklung der Einkaufsgenossenschaft der Gypser⸗ und Stukkateurmeister Süddeutschlands, welche die Errich⸗ tung eines eigenen Gypswerkes in die Wege leiteten. Bei dieser Genossenschaft erreichte die Verzinsung der Geschäftsanteile die Höhe von 56,7 Prozent, bei der Unterbadischen Baumaterialien-Einkaufs⸗ genossenschaft 37 Prozent, bei den Maler- und Tünchergenossen⸗ schaften 28,8 Prozent, bei den Schuhmachergenossenschaften 29,5 Prozent uff. Alle diese Beispiele sprechen für sich und die Genossen⸗ schaften. Und wie vielfältig sind schon die Vereinigungen, welche gegründet wurden! Kaum eine Branche, welche nicht vertreten wäre. Von Eisgenossenschaften der Konditoren, die den Vertrieb von Speiseeis in den Straßen der Städte bezwecken, bis zur Kraft⸗ absatzgenossenschaft. Alle diese vorbildlichen Organisationen laden zur Nachahmung ein. 8 Ueber die Formen der vorhandenen Genossenschaftsarten selbst soll hier nicht gesprochen werden, soweit dieselben sich in den üb⸗ lichen der Kredit⸗, Rohstoff⸗, Werk⸗, Magazin⸗, Produktions⸗ genossenschaften uff, bewegen. Nur soll angeregt werden, daß man sich mit der Geschäftstätigkeit nur einer dieser genannten Genossen⸗ schaften nicht begnügen soll. Ein Erfolg ist nur dann zu erzielen, wenn sich einmal die Handwerker oder auch eine Genossenschaft als geschlossenes Ganzes, möglichst aller benötigten Genossenschaften bedienen, um das Erzeugnis zu verbilligen und dadurch Absatz zu erhöhen. Man soll also unter Umständen nicht nur einer Kredit⸗ genossenschaft angehören, sondern auch einer Einkaufsgenossenschaft, einer Arbeitsgenossenschaft, oder Magazingenossenschaft. Diese Mög⸗ lichkeiten sind allerdings nur dann gegeben, wenn die Geschäfts⸗ anteile der einzelnen Genossenschaften nicht zu hohe sind, was nur wieder möglich ist, wenn eine große Anzahl von Kleingewerbe⸗ treibenden den Genossenschaften auch beitreten. Auch der kapital⸗ kräftigere Handwerker mit größerem Betriebe sollte das gleiche Interesse für die Sache bekunden— wie der kleinere Konkurrent, um damit dem gesamten gewerblichen Mittelstande zu helfen.
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Weiterhin sollten auch besonders die Werkgenossenschaften, die Verkaufs- und Magazingenossenschaften nicht auf dem vielfach ein⸗ seitigen Standpunkte stehen bleiben, nur in einem gemieteten „Laden“ ihre verfertigten Gegenstände verkaufen zu wollen, Diese Genossenschaften müssen, wenn ein Umsatz zustande kommen soll, genau wie die konkurrierende Industrie, auch in innige Verbindung mit dem Handel treten, mit den Warenhäusern und überhaupt den Großabnehmern, müssen überhaupt alle gebotenen Gelegen⸗ heiten benutzen, ihr Erzeugnis möglichst in Massen abzusetzen. Da⸗ mit solches erreicht werden kann, muß man aber auch ständig mit den Marktbedürfnissen vertraut bleiben; auch darf der Handwerker die Massenware nicht mit Schundware verwechseln und so sich ab⸗ halten lassen, sich einer Organisation unterzuordnen. Werden nach diesen Gesichtspunkten Organisationen ins Leben gerufen, dann darf man sicher sein, daß man auch bald selbst die Industrie zu den Abnehmern und Bestellern rechnen darf. Heute kaufen in der Hauptsache die Industrie und der Großabnehmer nicht beim Hand⸗ werk und nur von der Industrie, weil diese von derselben noch besser und günstiger bedient werden. Das wird dann anders, wenn das organisierte Handwerk auch imstande ist, allen Ausprüchen zu genügen und als vollwertiger Lieferant neben die Indnstrie treten kann.
Würden sich nun die Handwerker in obigem Sinne zusammen⸗ schließen und würden sich die bereits vorhandenen genossenschaft⸗ lichen Organisationen noch enger miteinander verknüpfen, dann würde sich eine Arbeitsteilung herausbilden und eine Verbilligung der Produktion von selbst eintreten, Diese Entwicklung würde sich als notwendige Folge den Mitgliedern der Genossenschaft auf⸗ drängen müssen. Was heute die Industrie mit ihrer rationellen Arbeitsleistung innerhalb der Werkstätten vollbringt, hätten die einzelnen Handwerker auszuführen und ein Hand⸗
werksbetrieb stellte eine besondere Betriebsabteilung dar. Eine
Warenspezialisierung wäre somit vorhanden. Es würde der Fall eintreten, daß mehrere Handwerksbetriebe jeweils nur Waren einer bestimmten Ausführung herstellen könnten. Denken wir z. B. au die Möbelbrauche. Der eine Betrieb würde zweckmäßigerweise nur Stühle und Tische herstellen, der andere Betrieb nur Büffets usw. In der Metallwarenindustrie könnte man das gleiche erreichen. Wenn Betriebe gleicher Art an einem und demselben Orte vor⸗ handen sind, dann könnte zwischen diesen Betrieben selbst wieder eine Arbeitsteilung erfolgen. Dieses seien nur einige Beispiele, und tausend Möglichkeiten sind für die Ausführung des genossen⸗ schaftlichen Gedankens auf breiter Grundlage vorhanden.
In der Zugehörigkeit zu einer Genossenschaft liegt keine Ge⸗ fahr für den Handwerker, seine sogenannte Handwerkskunst zu ver⸗ lernen; denn neben den genossenschaftlichen Aufträgen würde dem 1 Handwerker nach wie vor seine Privarkundschaft erhalten
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Seine wirtschaftliche Lage, um die es sich hier zu verbessern
handelt, würde durch einen solchen genossenschaftlichen Zusammen⸗ schluß nur gehoben werden können. Die Vorteile, die hieraus
dem gesamten Handwerkerstande erwachsen, erwachsen auch weiter
durch ein Zusammenarbeiten mit der Industrie, und würden sich nicht allein nach den wirtschaftlichen und rechtlichen Errungen⸗ schaften bewerten, sondern auch das gesamte deutsche gewerbliche Erwerbsleben würde in äußeren Interessenangelegenheiten einem
größeren inneren Frieden entgegensehen können. Die langjährigen Streitigkeiten, welche zwischen den Interessenverbänden, öffentlicher
und auch privater Korporationen über die Zugehörigkeit eines Be⸗ triebs zur einen oder anderen Kammer entstanden, würden sich mildern. Auch innerhalb des Handwerks würden die Debatten aus
dem s 100 q der Gewerbeordnung sich vermindern. Weiter hörten
im Handwerk z. T. die Klagen darüber auf, daß die Industrie ihm
die gelernten Leute entziehe, und über die Berechtigung oder Nicht⸗
berechtigung der Industrie, Lehrlinge und Gesellen auszubilden. 25
Heute mehr denn je wäre es angesichts des Weltkampfes angebracht,
diesen genossenschaftlichen Organisationsformen die Wege zu den
Gründungen zu ebnen, indem die Beteiligten, nämlich die Hand⸗ werker, ihren passiven Widerstand gegen das Genossenschaftswesen.
aufgeben und selbst tatkräftig ihrer Sache die Unterstützung leihen.
„Die Meinung darüber, daß der Weg des genossenschaftlichen Zusammenschlusses der richtige sei, dem Handwerke zu helfen,
wird von allen denen geteilt, welche das heutige Wesen und den
Notstand des Handwerks aus eigener Anschauung kennen. Ein⸗ sichtige Handwerker, vielleicht auch notgedrungen durch die schlag⸗
fertiger und besser auftretende Großkonkurrenz, zwangen schon zu
Ein Kleinmaler des Urieges. (Zu Meissoniers 100. Geburtstag, 21. Februar.)
So arg wie der Glanz des zweiten Kaiserreiches ist auch der Ruhm seines gefeiertsten Malers verblaßt; nach dem Kriege von 1870, der dem„Empire“ den Tod brachte, verlor auch der blendendste Meister dieser Zeit an Geltung, obwohl er als eifriger Republikaner und wütender Preußen⸗ hasser wie stets mit dem Strome mitschwamm, und heute ist Jean Louis Ernst Meissonier eine„gefallene Größe“. Dennoch verlohnt es sich, an seinem 100. Geburtstag auf diesen Künstler hinzuweisen, von dem Eugen Delacroix gesagt hat:„Meissonier ist der unbestrittenste Meister un⸗ serer Epoche.“ Er war wirklich der künstlerische Ausdruck jener Zeit, die den Schein über alles liebte und über äußer⸗ lichem Virtuosentum den inneren Gehalt vergaß. Nur wäh⸗ rend dieses zweiten Kaiserreiches, dessen Hohlheit der An⸗ turm des deutschen Geistes offenbarte, war es möglich,
ß ein Klein⸗ und Feinmaler wie Meissonier, ein tüch⸗ tiger Schöpfer bunter Genrebildchen und stillebenhafter Kostümszenen, zum Maler des Krieges wurde. Die Eitelkeit des dritten Napoleon gab den Anlaß zu dieser Wandlung des nicht minder eitlen Malers, der merkwürdigerweise gerade in diesen Kriegsbildern den höchsten Ruhm erlangen ollte. zu Anfang der 60 er Jahre gab Napoleon Meissonier
n Auftrag, einige Hauptmomente aus dem italienischen Feldzug zu malen, und da er es stets liebte, sich neben seinen großen Oheim zu stellen, sollte der Maler zugleich entsprechende Szenen aus den Feldzügen des ersten Na⸗ poleon darstellen. Damit der Neffe nicht zu sehr verdunkelt werde, durften nicht die Glanztage im Leben des genialen Eroberers gewählt werden, und so entstand als Gegenstück u dem„Kaiser bei Solferino“ die berühmte Schilderung
s ersten Napoleon von 1814, und des weiteren war an eine 15 ausgeführte„Schlacht bei Leipzig“ gedacht. Diese beiden Bilder von 1814 und Solferino zeigen Meissonier auf der Höhe seines Könnens; jedes ist etwa 70 Zentimeter breit und 40 Zentimeter hoch, und sie haben alles vom Historienbilde, was eben eine Miniatur haben kann: feinste Ausführung aller Einzelheiten, genaue Proträtähnlichkeit aller Dargestellten, farbige Buntheit und wirksame Grup⸗
pierung, nur keine Größe und Kraft. Während in der Dar⸗ stellung des ersten Napoleon nach der Katastrophe die düstere Winterlandschaft mit dem schmelzenden Schnee noch einen
stimmungsvollen Hintergrund schafft, triumphiert in der 5 3 5 erde„das
Schilderung der Einnahme des Tur Genie des unenblich Kleinen, das in den winzigen Köpfen
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die kaum wahrnehmharen Halbflächen der Wange, der Nase und des Mundes, die Falten der Haut, die Warzen, die verschiedene, Haarfarbe jeder Persönlichkeit, die zartesten Farbennüancen der Pferdefelle auszudrücken weiß“. Meis⸗ sonier hatte sich bei den Vorarbeiten für 1814 in die Welt des Korsen ganz eingelebt; so kopierte er„mit chinesischer Genauigkeit Falte für Falte, Knopf für Knopf“ den grauen Ueberrock des Kaisers, zog ihn sich selbst an und studierte in einem Spiegel die Falten des Tuches und die Glanz- lichter der Stiefel. Deshalb fuhr er auch als glühender Republikaner, der nicht genug darüber zetern konnte, daß ihm die Deutschen angeblich aus seinem Atelier in Poissy eine Pfeife weggenommen hätten, in der Verherrlichung der Großen Armee fort und erzielte Riesensummen für seine Szenen aus den Kriegen des ersten Napoleon, für„1807“ (Napoleon in der Schlacht bei Friedland) 300 000 Franks, für„Napoleon bei Marengo“ 154000 Franks usw. Er hat dabei eine erstaunliche Technik und Feinheit der Pinselfüh⸗ rung entwickelt, aber den Gegensatz zwischen seinem Stil und dem Thema konnte er nicht ausgleichen, und so lebt er denn fort als der„Kleinmaler des Krieges“.
Die Dresdener Erstaufführung der Gloria⸗Symphonie
von Nicode.
Aus Dresden, 17. Februar, wird uns geschrieben:
Unter allen Zeichen eines ungewöhnlichen musikalischen Er- eignisses wurde im heutigen Aschermittwochskonzert der Königl. musikalischen Kapelle in der Hofoper unter Mitwirkung der Dresdner Singakademie die Gloria⸗Symphonie von Jean Louis Nicodsé zum erstenmal in Dresden aufgeführt. Obwohl die erste Dresdner die 10. Aufführung des ganzen Werkes ist, verdient sie die besondere Beachtung schon deshalb, weil sie dem in Sachsen(in Langebrück bei Dresden) lebenden Komponisten eine längst fällige Ehrenschuld einlöst. Der 60jährige schrieb dies sein größtes Werk in der Zeit vom 1. Januar 1901 bis zum 31. De⸗ zember 1903. Im Sommer 1904 kam ein Bruchteil der einsätzigen riesigen Symphonie anläßlich des Dresdner Tonkünstlerfestes hier zur Aufführung. Aber auf die Dresdner Aufführung des ganzen Werkes mußte Nicods 12 Jahre warten. Das war um so bitterer, als der leidenschaftlich tätige Musiker sich schon vorher hier in Dresden auch als Dirigent und Organisator nicht durchzusetzen vermocht hatte. Nun, die Dresdner Erstaufführung hat gut ge⸗ macht, was noch gut zu machen ist. Nicodés Werk, von ihm selbst in unzähligen Proben auf das Allersorgsamste einstudiert und von der Königl. Kapelle mit souveräner Ueberwindung der vielen Schwierigkeiten aufs glänzendste herausgebracht, machte den sicht⸗ lich tiefsten Eindruck. Nicode, der selbst dirigierte, wurde bejubelt und in einer Weise ausgezeichnet, wie sie nur wenigen beschieden
1 die in den letzten Jahren auf dem Dirigentenplatz der Hofoper standen. 4 1 Das Werk selbst, eine schwerblütige, grüblerische Programm⸗
musik, steht in seinem musikalischen Charakter zwischen Wagner und
Strauß. Und in der Ueberfülle seines Gehaltes, es strömt sich grenzenlos im Breiten in ewigen Steigerungen und immer neuen Ansätzen aus,— stellt es ganz unzweifelhaft eines der charakte⸗ ristischsten Werke deutscher Tonkunst seit Wagner dar. Rein als Musik allerdings fehlt ihm die Kraft des Genies, wie sie ein Brückner besaß, um wirklich zu erschüttern und zu beglücken. Nur an wenigen Stellen ist dem Mühen und Ringen seines Schöpfers Erfüllung gegönnt. Ein echt deutsches, faustisches Werk, fordert es unbedingte Bewunderung aber auch dem ab, der diesen Klängen und Gedankengängen nicht ohne Zwang zu folgen vermag.
Neben dem musikalischen Erlebnis vermittelte diese Auffüh⸗ rung die nicht minder bedeutsame Bekanntschaft mit dem Diri⸗
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genten Nicods. Eine Dirigentenversönlichkeit ersten
Ranges stellte sich hier dar, die mit überlegener Meisterschaft waltete. Es kann gar nicht zweifelhaft sein, daß dieser Dresdner Triumph Nicodés den 60 jährigen auch als Dirigent dem deutschen Musikleben der Gegenwart zurückgewinnen muß. A. G
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— Die operative Behandlung der Basedow⸗ schen Krantkheitundihre Erfolge. In den letzten Jahren ist man bekanntlich auf die Anregung des schweizerischen Chirurgen Kocher hin daran gegangen, die Basedowsche oder Glotzaugen⸗ krankheit chirurgisch anzugreifen. Maßgebend für diesen Entschluß war die Unzulänglichkeit der zur Verfügung stehenden inneren Heilmittel und die daraus resultierende hohe Sterblichkeit(11%). Wenn auch über die letzten Ursachen dieser Krankheit noch heute keine völlige Klarheit herrscht, so ist doch sicher, daß es sich um eine Störung der sog. inneren Sekretion handelt, welche die Schild⸗ drüse befällt. Aus diesem Grunde ist man dazu gekommen, die Schilddrüse teilweise zu entfernen, um die Ueberschwemmung des Körpers mit veränderten Sekreten, also mit Giftstoffen, zu ver⸗ hindern. Die Erfolge dieser mehrere Jahre geübten operativen Methode sind, wie aus einer großen, von der Möbiusstiftung preis⸗ gekrönten Sammelarbeit von Dr. Glaserfeld hervorgeht, be⸗ friedigend und dürfen sich in der Zukunft noch verbessern lassen. Die Sterblichkeit ist auf die Hälfte gegenüber den innerlich be⸗ handelten Fällen zurückgegangen. Fast ausnahmslos handelte es sich bei den trotzdem tödlich verlaufenden Fällen um alte und schwere Erkrankungen. Es steht also zu hoffen, daß, je früher die Operation vorgenommen wird, um so größer die Zahl der Heilungen wird. Solche Heilungen oder wesentliche Besserungen— Aufhören der Herzbeschleunigung und des Zitterns, Verschwinden der geistigen Störungen— ließen sich in 82% der behandelten Fälle kon⸗ statieren. Auch das Glotzauge ging in 52% zurück. Rückfälle treten nur selten auf. auf 4—5%.
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Die Sterblichkeit nach der Operation sank
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