1 1 2
Nr. 42
Der Siedener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags.— Beilagen: viermal wöchentlich Gießener Familienblätter; weimal wöchentl. Kreis⸗ latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche e Fernsprech-Anschlüsse: sür die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsstelledl Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis vormittags 9 Uhr.
Erstes Blatt
n 2
105. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ.Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Seschäftsstelle u. druckerei: Schulstr. 7.
Freitag, 10. Februar 1915
Bezugspreis: monatl. 75 Pf., viertel⸗ jährl. Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.— viertel jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf.— Haupt- schriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge— richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen.
Die Uriegsbeute in Ostpreußen erheblich gestiegen! Czernowitz den Russen entrissen. die Note Sir Greys an Amerika.
(WTB.) Großes Hauptquartier, 18. Februar, vormittags.(Amtlich.)
g Westlicher Kriegsschauplatz.
Die gestern gemeldeten feindlichen Angriffsversuche dauerten mit gleicher Erfolglosigkeit an.
An der Straße Arras— Lille sind die Kämpfe um ein kleines Stück unseres Grabens, in das der Feind vor⸗ gestern eingedrungen war, noch im Gange.
Die Zahl der nordöstlich Reims gestern von uns ge— machten Gefangenen hat sich noch erhöht. Die Franzosen haben hier auch besonders starke blutige Verluste erlitten. Sie verzichteten auf weitere Vorstöße.
In der Champagne nördlich Perthes wird noch gekämpft. Oestlich davon sind die Franzosen unter schweren Verlusten zurückgeschlagen. Sie halten sich nur noch auf weni— gen kurzen Stellen unserer vordersten Gräben. Die gestern gemeldete Zahl an Gefangenen ist auf 11 Offiziere, 785 Mann gestiegen.
Zu einem vollen Mißerfolg führten auch Angriffe gegen unsere Stellungen bei Boureuilles⸗Vauquois(6öst⸗ lich des Argonner Waldes) und östlich Verdun.
Die am 13. Februar von uns genommene Höhe 365 und der Ort Norroy nordöstlich Pont à Mousson, sind von uns nach gründlicher Zerstörung der französischen Befestigungs⸗ anlagen wieder geräumt worden. Einen Versuch, diese Stel⸗ lungen mit Waffengewalt wieder zu gewinnen, hat der Feind nicht gemacht. Sonst nichts wesentliches.
Oestlicher Kriegsschauplatz.
Bei Tauroggen und im Gebiete nordwest lich von Grodno dauern die Verfolgungs⸗Ge fechte noch an.
Die bei Kolno geschlagene feindliche Kolonne ist nörd— lich Lomza von frischen Truppen aufgenommen worden. Der Feind wird erneut angegriffen.
Die Kämpfe bei Plock— Racionz sind zu unseren Gunsten entschieden. Es sind bisher 3000 Gefangene gemacht.
Aus Polen südlich der Weichsel nichts Neues.
Die Kriegsbeute der Kämpfe an der ostpreußischen renze hat sich noch erhöht. Das bisherige Ergeb⸗ is beträgt: 64 000 Gefangene 71 Geschütze, ber 100 Maschinengewehre 3 Lazarettzüge, lugzeuge, 150 gefüllte Munitionswagen, cheinwerfer und unzählige beladene und bespannte Fahrzeuge. Mit einer weiteren Erhöhung dieser Zahlen darf gerechnet werden.
Oberste Heeres leitung. —*** : Es ist schade, daß man, da nun doch einmal neben der Führung der Waffen auch Tinte verspritzt werden muß, um die sich überstürzenden Ereignisse einigermaßen zu klären, sich nicht mit den Russen, Engländern und Franzosen über die Winterschlacht in Masuren unterhalten kann. Es geht in feindlichen Landen mit den brauchbaren literarischen Pro— dukten allmählich ähnlich wie mit den kärger werdenden volkswirtschaftlichen Mitteln. Der Markt leidet, und man hilft sich mit Surrogaten. Nach den früheren Maßstäben der englischen und französischen Zeitungsschreiber(die darin nicht anders verfuhren wie die deutschen) müßten auch sie jetzt spaltenlange Artikel schreiben über die große, welt— geschichtliche Schlacht im Masurenlande, wo, nach der neuesten 3 die Russen 64000 Gefangene, 71 Ge⸗ schütze und 100 Maschinengewehre verloren haben! Allein, so weit man sieht, herrscht Schweigen. Die Russen selbst haben amtlich eine freilich sehr stark verdünnte Bestätigung der deutschen amtlichen Meldung abgegeben, ohne Ziffern zu nennen, nur mit zwei Sätzen. So kurz konnte man sich ausdrücken, als die Schlacht noch im Gange war, und unsere deutsche Heeresleitung hat sich selbst nach dem Grund— satz gerichtet, der nicht nur in Bezug auf die richterliche Praxis zutrifft, daß man in ein schwebendes Verfahren nicht eingreifen soll. Heute aber darf das Werk den Meister loben, wir haben das Recht, unsern großen Sieg im Osten zu bejubeln und zu erklären: jetzt hat die Duma wieder dus Wort. Noch immer sind unsere Truppen dem Feinde auf den Fersen, und wir haben die Gewißheit, daß sie bald da erscheinen werden, wo sie zu weiteren Niederlagen des
Feindes am ehesten nötig sind. In die Siegesfreude mischt sich, wie bei dem schönen Telegramm des Kaisers an den Reichskanzler, die Wehmut über die Verwüstung der viel⸗ geprüften ostpreußischen Landzunge, und das Volk begrüßt die kaiserliche Versprechung, daß neues, frisches Leben dort erblühen solle, mit lebhaftester Zustimmung.
Während die deutschen und die österreichisch-ungarischen Truppen zu Lande siegreich fortschreiten, richten sich aller Augen 8 auch auf den neuen, düsteren Bundes- genossen, den die Engländer zuerst ihrer farbigen Ge⸗ solgschaft zugesellt haben, der ihnen aber untreu zu werden und auf die deutsche Seite überzutreten scheint: den Aus⸗ hungerungskrieg. Sir Edward Grey hat die Washingtoner Note in seiner eigenen charakteristischen Weise beantwortet. Genau so, wie er Ende Juli seinem Volke die Notwendigkeit der Kriegsführung mundgerecht machte, indem er verhieß, England werde nicht so sehr viel mehr darunter zu leiden haben, als wenn es sich neutral verhielte, so errechnet er jetzt für Amerika, inwiefern es sich mit der Lage zufrieden
eben könne. Bekanntlich hat er eine frühere Protestnote merikas ganz ähnlich behandelt. Präsident Wilson schneidet
Rechtsfrage an, der kalte Nützlichkeitspolitiker, der
53———
D
O E. C
sogar, wie aus dem Falle Roger Casement ersichtlich ge⸗ worden ist, das System des politischen Meuchelmordes in seinem Amte duldet, antwortet ausweichend mit Tabellen und Ziffern. Seine neue Note an Amerika klingt anmaßend und herausfordernd zug eag Aehnlich wie er sich die Ver⸗ allgemeinerung des Mißbrauchs der fremden Flaggen leistete und diesen Schwindel für die englische Handelsschiff— fahrt obligatorisch machte, so verzerrt er einen früheren. Ausspruch Bismarcks, der in keinem Zusammenhang mit völkerrechtlichen Auseinandersetzungen gefallen war, ins Grobe und Unstatthafte. Sir Grey vergißt bei dieser Unsach— lichkeit ganz, daß er sich mit amerikanischen Staats⸗ männern auseinandersetzen soll. Da trifft es sich, daß das amerikanische Blatt„New York American“ eine zeitgemäße Erinnerung auffrischt. Als seinerzeit die Spanier den Versuch machten, die Kubaner durch Aushungerung zur Unterwerfung zu bringen, erregte dies in den Vereinig— ten Staaten die größte Empörung, und in seiner Note vom 26. Juni 1897 schrieb der damalige Staatssekretär Sher— man: „Gegen diese wohlüberlegte Verhängung von Leiden über un⸗ schuldige Nichtkämpfer, gegen die Wahl solcher Mittel, die von der Stimme der menschlichen Zivilisation verdammt sind, sieht sich der Präsident gezwungen, im Namen des amerikanischen Volkes und im Namen der allgemeinen Menschlichkeit zu protestieren.“
Herr Wilson wird von diesem Standpunkte schwerlich abrücken können. Obgleich Sir Grey die Aushungerung Deutschlands grundsätzlich für berechtigt erklärt, spielt er noch einen sehr zweifelhaften Trumpf aus. Er meint näm⸗ lich, nachdem die deutsche Regierung die Lebensmittel⸗ bestände beschlagnahmt habe, dürfe kein Unterschied mehr . werden zwischen Zivilbevölkerung und Militär, und er Kampf müsse sich daher auch gegen das Volk richten! Ein wundervoller Gedankensprung! Würde die deutsche Regie⸗ rung zu der erwähnten Maßnahme geschritten sein, wenn England nicht zu dem Mittel der Aushungerung ge⸗ riffen hätte? Sir Grey spottet also seiner selbst. Wenn Amerika diesem Treiben unseres erbittertsten Gegners taten⸗ los zuschaut, wollen wir ruhig ebenfalls in den Ausspruch einstimmen: Unheil, du bist im Zuge! England ist vermö, seiner geographischen Lage vielleicht noch besser für die Aushungerung geeignet als Deutschland.
* 2*
Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.
Wien, 18. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 18. Februar 1915.
An der Karpathenfront vom Dukla bis gegen Wysckow ist die Situation im allgemeinen unverändert. Auch gestern wurde nahezu überall heftig gekämpft. Die zahlreichen auf die Stellungen der Verbündeten versuchten Angriffe der Russen wurden unter großen Verlusten für den Gegner zu— rückgeschlagen. Der Gegner verlor hierbei auch 320 Mann an Gefangenen. Durch die Besitznahme von Kolomea ist den Russen ein wichtiger Stützpunkt in Ostgalizien südlich des Dnujestr entrissen. Aus der Richtung von Stanislau führte das Vorgehen feindlicher Verstärkungen zu neuerlichen größeren Kämpfen nördlich Nadworna und nord—⸗ westlich Kolomea, die noch andauern.
In der Bukowina ist der Gegner über den Pruth zurückgeworfen. Czernowitz wurde gestern nachmittag von unseren Truppen besetzt. Die Russen zogen in der Rich⸗ tung auf Nowosielica ab.
In Russisch⸗Polen und Westgalizien nur Ge⸗ schützlampf und Geplänkel.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: v. Höfer, Feldmarschalleutnant. Die Besetzung von Czernowitz durch die österreichisch⸗ ungarischen Truppen.
Berlin, 19. Febr. Die rein militärische Bedeutung der Besetzung von Czernowitz, so schreibt die„Kreuszeitung“, ist nicht übermäßig groß, umso einschneidender ist die politische. Auf keinen anderen Teil des Kriegsschauplatzes äst die Aufmerksamkeit der rumänischen Politiker mit der Spannung gerichtet wie auf diesen, der sozusagen unter ihren Augen liegt. Der Eindruck wird umso stärker sein, als man sich in Rumänien nach den russischen Ankündigungen auf gewaltige Kämpfe um Czernowitz gefaßt gemacht hatte.
Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, zählt etwa 60 000 Einwohner. Die Stadt macht, an den Hügeln am rechten Ufer des Pruth schön gelegen, vom Bischofsberg aus gesehen, mit seinen Kuppeln und Türmen ganz den Eindruck einer neuen Stadt, die von einer interessanten Bevölkerung belebt wird. Da sieht man die langbärtigen ernsten Popen, die Juden mit dem langen Kaftan und dem Samtkäppchen, die sehnigen ruthenischen Gebirgsbauern, auf ihren kleinen zottigen Huzulenpferdchen reitend, Armenier, Russen, Zigeuner und allerhand andere Typen. Auch die Buko⸗ wina, die erst in den Tagen der Kaiserin Maria Theresia zu Oesterreich kam, ist reich an Naturschönheiten.
Der russische Bericht.
Petersburg, 18. Febr.(W. B. Nichtamtlich.) Der Be⸗ richt des Generalstabes besagt: Am rechten Weichsel⸗ ufer dauern die Kämpfe fast in denselben Gegenden an einzelnen Stellen mit äußerster Erbitterung an. In der Niemengegend sind nur feindliche Patrouillen bemerkbar. Am linken Weich⸗ selufer keine Veränderung. In Galizien schlugen wir auf der Front Khava— Wykortech einen Angriff unter großen Ver⸗ lusten des Feindes ab. Weiter östlich suchte der Feind uns in der Gegend von Laubne—Studenne anzugreifen. Wir wiesen den Angriff zurück, machten zehn Offiziere und über 1400 Soldaten zu Gefangenen und nahmen drei Maschinengewehre. An der
Front Koziuwka— Wyschkow-Paß unternahm der Feind eine Reihe hartnäckiger ungestümer Angriffe, wobei er kräftig auf Wyschkow vorstieß. Alle Angriffe wurden mit großen Verlusten des Feindes abgeschlagen. Fast ein ganzes Bataillon wurde mit den Bajonetten niedergemacht, der Rest gefangen. In der Bukowina keine Veränderung.
Die Warenpreise in Rußland.
Petersburg, 18. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Nach einer Feststellung des städtischen Untersuchungsausschusses sind seit Beginn des Krieges in Petersburg die Waren⸗ preise wie folgt gestiegen: Salz um 57, Roggenmehl um 18, Hirse um 21, Se um 51, Butter um 30, Fleisch dritter Sorte um 26, Milch um 25, Zucker um 14 und Heu und Hafer um 12 bis 23 Prozent. In Moskau sind die Preissteigerungen noch viel größer.— Schingarew bemerkt dazu in einem Artikel des„Rjetsch“: Die Lebens⸗ mittelverteuerung verschlingt einen großen Teil der Ein⸗ nahmen der Bevölkerung, die während der Kriegszeit ohne— hin erschüttert sind.
**—
Die englische Antwort an Amerika.
London, 18. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Die Antwort Sir Edward Greys auf die amerikanische Note zitiert die amerikanische amtliche Handelsstatistik, um zu zeigen, daß, von Baumwolle abgesehen, der Krieg den Rückgang der amerikanischen Ausfuhr, der sich in der ersten Hälfte des Jahres 1914 entwickelte, nicht gesteigert, sondern tatsächlich aufgehalten habe. Dagegen set die amerikanische Ausfuhr in Baumwolle nach Großbritannien ebenso stark wie nach den anderen Ländern gefallen. Die Antwort weist ferner darauf hin, daß die amerikanische Ausfuhr von Au⸗ gust bis Dezember von 110 auf 246 Millionen Dollars und seit⸗ her noch weiter gestiegen sei. Die allgemeine Beschwerde der amerikanischen Note sei gewesen, daß die englischen Maßregeln den amerikanischen Handel mit neutralen Ländern un⸗ günstig beeinflußt hätten. Die britischen Operationen zur See hätten jedenfalls den amerikanischen Handel mit Großbritannien und den Verbündeten mit beeinträchtigt. Aber die amerikanische amtliche Statistik zeige, daß die Ausfuhr nach England und den verbündeten Staaten in den ersten vier Monaten des Krieges um mehr als 28 Millionen Dollar gesunken sei, während die Ausfuhr nach den neutralen Ländern und Oesterreich-Ungarn um über 20 Millionen gestiegen sei. Man dürfe wohl daraus den Schluß ziehen, daß ein wesentlicher Teil des Handels mit den Neutralen für feindliche Länder bestimmt gewesen sei. Ein Haupt⸗ hindernis für den Handel sei jetzt der Mangel an Schiffs⸗ raum, aber das Aufhalten der neutralen Schiffe durch Eng⸗ land habe zu diesem Mangel von Schiffen weit weniger beigetragen als die Zerstörung neutraler Schiffe durch Minen, die der Feind unterschiedslos auf hoher See gelegt habe. Bisher seien 25 neu⸗ trale Schiffe durch Minen auf hoher See zerstört worden. Ganz abgesehen von den Fragen des Vertragsbruchs und der Vernichtung von Menschenleben liege weit mehr Grund vor gegen die Beeinträchtigung des harmlosen neu⸗ tralen Handels durch Minen als durch das von England ausgeübte Recht, Konterbande zu beschlagnahmen, zu protestieren. Die Antwort beruft sich auf verschiedene Entschei⸗ dungen amerikanischer Prisengerichte die die englischen Maßregeln stützen, und zählt verschiedene Konzessionen auf, die England gemacht habe, um die Unbequemlichkeit, die mit der Durch⸗ suchung der Schiffsladungen verbunden sei, zu mildern. Die Ant⸗ wort betont, daß die englischen Prisengerichte weiten Spielraum hätten, um die Ersatzansprüche Neutraler zu berücksichtigen. Der beste Beweis für die Einsicht und die Mäßigung, mit der die bri⸗ tischen Offiziere ihre Pflicht erfüllten, sei, daß bisher kein Ver⸗ fahren auf Schadensersatz eingeleitet worden sei. Die Antwort be⸗ tont, daß eine Unterscheidung zwischen den Lebensmitteln für die Zivilbevölkerung und für die Streitkräfte weg⸗ falle, wenn der Unterschied zwischen der Zivilbevölkerung und der bewaffneten Macht selbst wegfalle, wie es in Deutschland der Fall sei. So viel auch für den Konsum der Zivilbevölkerung ein⸗ geführt werde, werde es doch vom Militär konsumiert werden, wenn die militärischen Bedürfnisse es erheischten, zumal jetzt, wo die deutsche Regierung die Kontrolle über alle Lebensmittel in An⸗ spruch nehme. Während England bemüht sei, eine Schädigung der Neutralen zu vermeiden, nötige Deutschlands Absicht, Handels⸗ schiffe und Ladungen zu zerstören, ohne deren Nationalität und Charakter festzustellen und ohne für die Sicherheit der Mann⸗ schaften zu sorgen, die britische Regierung, Maßregeln in Erwägung zu ziehen, um ihre Interessen zu schützen. Es sei unmöglich, daß, während der eine der Kriegführenden von den Kriegsgebräuchen abweiche, der andere dadurch gebunden bleibe.
Bezüglich der Frage nach dem Recht, die nicht für die Streit⸗ kräfte bestimmten Lebensmittel als Konterbande zu er⸗ klären, nimmt Sir Edward Grey auf die Maßregeln Frank⸗ reichs in dem französisch-chinesischen Krieg von 1885 Bezug, wo Reis als Konterbande erklärt wurde, und zitiert weiter Bis⸗ marcks Wort an die Vertreter der Kieler Handelskammer in dieser Frage. Bismarck sagte:„Jeder Krieg hat üble Folgen für die Neutralen, und die Uebel können sich, wenn eine neutrale Macht sich in die Kriegführung einmischt, leicht zum Nachteil der sich einmischenden Macht vermehren. Dadurch könnte der deutsche Handel mit viel schwereren Verlusten belastet werden, als durch ein vorübergehendes Verbot des Reichshandels in den chinesischen Ge⸗ wässern. Die fragliche Maßregel hat den Zweck, durch Ver⸗ mehrung der Schwierigkeiten für den Feind, den Krieg abzukürzen, und ist im Kriege eine entschuldbare Maßregel, wenn sie unpar⸗ teiisch gegen alle neutralen Schiffe angewandt wird.“ Grey betont besonders den letzten Satz und sagt:„Die britische Regierung ist geneigt, anzunehmen, daß die deutsche Regierung an jener Ansicht noch festhält. Die Maßregeln der britischen Regierung haben nach Möglichkeit die neutralen Interessen berücksichtigt.“
Grey schließt mit den Worten:„Ich hoffe, daß, wenn die oben dargelegten Tatsachen erwogen werden und wenn es erhellt, daß unsere Operationen zur See den amerikanischen Handel mit den neutralen Ländern nicht vermindert haben und daß unsere Methoden mit den fundamentalen Grundsätzen des Völker⸗ rechts übereinstimmen, es der amerikanischen Regierung ein⸗
: 1 *
1
1 12
l 5
2
8
e
0
ö 4 d 1 f


