. Zweites Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famillenblätter“ werden deim „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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165. Jahrgang
ießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Kriegsbriefe aus dem Westen.
Von unserm Kriegsberichterstatter. kunberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten.) Landwehr⸗Pionier⸗ Kompagnie empfiehlt sich.
Großes Hauptquartier, 12. Febr. 1915.
Wir standen am Ufer der von gelbem Hochwasser überquellen⸗ den Maas, irgendwo in Frankreich, und der Etappenkommandant Hauptmann A., sonst Professor der Rechtswissenschaft an einer e Universität, erklärte mir gemeinsam mit dem Leut⸗ nant H., sonst Wasserwerksdirektor in einer rheinischen Stadt, eine ganz eigenartige Kriegsarbeit der Pioniere, nämlich den Bau einer behelfssmäßigen Eisenbahnfähre.
Der Krieg nimmt die Straßen sehr in Anspruch, und zu ihrer Ausbesserung ist ebenso wie zum Neubau von Straßen massenhaft Schotter nötig, der bisher z. T. aus Deutschland bis ganz vorn in das westliche Operationsgebiet gefahren wurde. Da ist man nun auf den Gedanken gekommen, das ganz hervorragende Material einiger Schottergruben des Maastales auszunützen. Prächtiges, schön zugeschlagenes Eruptivgestein liegt dort in solcher Fülle, daß wir damit hundert Jahre lang Kriegsstraßen in Frankreich und Belgien bauen könnten. Es fehlte nur an einer Eisenbahnverbin⸗ dung und, um diese herzustellen, an einer Brücke. Der Bau einer Eisenbahnbrücke über den hier etwa 80 Meter breiten Strom hätte, da mancherlei Uferschwierigkeiten zu überwinden waren, etwa fünf Wochen und eine Reihe anderwärts nötiger Arbeitskräfte erfordert. Da machte ein Pionier⸗Hauptmann den Vorschlag:„Wir wollen Euch eine behelfsmäßige Eisenbahnfähre bauen. Die genügt für diesen Zweck vollständig und ist nötigenfalls in zehn Tagen fer⸗ tig und befahrbar. 5
Während die Eisenbahner das Anschlußgleis zu dem nächsten Bahnhof bauten, machten sich die Pioniere an ihr Werk. Zwei Brückenstege wurden auf fest eingerammte Pfähle gesetzt, an jedes Ufer einer. Jeder endet nach der Stromseite zu in zwei beweg⸗ lichen Gliedern, welche es ermöglichen, alle Unregelmäßigkeiten des Wasserstandes, der zwischen seiner größten Höhe und seinem Minimum an dieser Stelle um 130 Zentimeter schwankt, mit Hilfe einer Handwinde auszugleichen. Der Fährmann kontrolliert die Wasserhöhe an dem in den Werkstätten der Kompagnie hergestell⸗ ten Pegel und richtet die Anfahrtbrücke dementsprechend ein. Mit. derselben Handwinde wird dann das Fährschiff quer über den Fluß getreidelt. 5
Noch sausten in wuchtigen Schlägen die Hammerköpfe der von einem Dutzend 8 Zivilarbeiter bedienten Rammen auf die Pfähle der Uferbefestigung, und schon wurde von anderen Zi⸗ vilarbeitern unter Leitung einiger Pioniere das Fährschiff mon⸗ tiert. Man hatte ein großes, kastenförmiges Lastschiff mit kräf⸗ tigen Eisenwänden zu diesem Zwecke gewählt. So, wie es bisher die im Hafen von Antwerpen gelöschten Ueberseelasten nach der oberen Maas geführt hatte, war es als Eisenbahnfähre freilich micht zu gebrauchen. Daher wurde der Oberbau abgelöst und an seine Stelle eine entsprechende Bettung für den Bahnkörper eingebaut.„Das geht ganz schnell,“ sagten die Offiziere.„Die Bauteile haben wir in unseren Eisenkonstruktionswerkstätten schon fertig liegen, und das Aufmontieren wird rechtzeitig beendet sein, so daß wir unsere Arbeit zum vereinbarten Termin abliefern kön⸗ nen, wie sich das für einen gewissenhaften Unternehmer geziemt. Wenn Sie übermorgen wiederkommen, können Sie schon den ersten Zug über unsere Fähre fahren sehen.“— Wie lange kann denn diese Fähre mit ihren Zufahrtbrücken halten?“—„Na, auf zehn Jahre garantieren wir. Uebrigens könnten wir das Werk noch schneller beenden, wenn die Arbeit eilig wäre. Wir hätten es auch so ge⸗ tan, wenn wir eine anständige Aufna me des Geländes gehabt hätten. Aber die französischen Karten taugen nichts, und daher waren wir genötigt, uns selbst die Aufnahmen zu machen. Unser Unteroffizier G., sonst ein hervorragender Architekt, hat das ganz vorzüglich gemacht.“ Und mit gerechtem Stolz zeigen sie die Pläne, die so sauber gerissen sind, als ob sie auf eine Bauausstel⸗ lung als Vorbilder geschickt werden sollten.. 5
Die Fähre kann fünf voll beladene Eisenbahnwagen auf ein⸗ mal übersetzen. Das Anschlußgleis bis zum Hauptbahnstrange ist wohl über einen halben Kilometer lang, die Strecke am jen⸗ seitigen Ufer bis zu dem Steinbruch noch einmal 400 Meter, wobei 8 Meter Steigung zu überwinden und ein Felsmassiv zu
Briefe Joachims aus den Uriegstagen von 1870.
Aus der großen dreibündigen Sammlung der Briefe von und an Joseph Joachim, die im Verlage von Julius Bard erschienen ist und uns das lebendigste Bild von der Persönlichkeit des Gei⸗ gerkönigs vermittelt, veröffentlicht ein englischer Verlag soeben eine stattliche Auswahl, die bei den Briten, diesen leidenschaftlichen Verehrern des Meisters, viel Aufsehen erregt. Joachim gesteht selbst einmal, daß das Berliner Publikum doch nicht mit ihm auf so herzlichem Fuße stehe wie das Londoner, das in Beifall aus⸗ breche, wo es seiner habhaft werde, aber diese Erkenntnis hat ihn nicht abgehalten, den Engländern bittere Wahrheiten zu sagen
umd sich stets als guter Deutscher zu fühlen. Das tritt am deutlich⸗
sten in leinen Briefen aus den Kriegstagen von 1870 hervor, und die Engländer weisen daher auf diese Briefe, die den ver⸗ ehrten Musiker als echten„Teutonen“ zeigen, mit einer gewissen
Verwunderung hin. Den Grundton seiner Empfindungen schlägt
Joachim schon kurz vor Ausbruch des Kieges in einem Schreiben
an seine Frau an:„Du schreibst gar nichts von der herandrohen⸗
den Gewitterwolke, welche die leichtsinnig frechen Gallier herauf⸗ beschworen. Ich habe kaum für irgend etwas anderes Sinn, und wäret Ihr nicht, ich zöge gewiß mit in den Krieg, der unver⸗ meidlich scheint. Sie legen's zu augenscheinlich darauf an, zu be⸗ leidigen. Ein Segen, daß ein Mensch wie Bismarck unsre Politik leitet; ich fühle mich als Deutscher, nicht als Oester reicher. Vor dem Ende habe ich nicht Angst: das Recht und der Glaube an der
Deutschen Mission, ihre Kultur zu verbreiten, halten mich auf⸗
recht.“ Es hält ihn in dieser„gewaltigen Zeit“ nicht in der Ferne,
die eigentlich sein Vaterland ist, nämlich in Salzburg, wo er den
Ausbruch des Krieges erlebt; er tritt pünktlich seinen Posten an
der Musikhochschule wieder an:„Ich halte es für meine 9
keit, am 1. auf meinem Posten zu sein. Mir ist der Gedank
tröstlich, daß Preußens Kraft es erlaubt, unter seinem Schutz die
Kunst auch während des Krieges zu pflegen.“ Besonders änastigt
er sich um die kleine preußische Flotte,„die in der Nordsee ir⸗
gendwo herumschwimmen muß“, und kämpft in der Nacht mit Alp⸗ kräumen von Landungen der Franzosen an der langen Ostküste.
Umsomehr freut ihn dann die Tapferkeit und heldenmütige Aus⸗
dauer der jungen Marine, und prophetisch ruft er
aus:„Wir kriegen gewiß eine der Landmacht eben⸗ bürtige Marine!“ Die Siegesfeier von Sedan findet ihn mitten im Trubel:„Vom sterlehrling, der der Königin die Hand verweigerte,„weil sie zu schmutzig“, bis zu Mommsen, mit dem ich bis um 1 Uhr nachts knei end in der Potsdamer Straße saß, alles ein Siegesrausch! Ich war buchstäblich ganz benebelt, ohne irgend etwas getrunken zu haben. Ging mit Her⸗ mann Grimm und Gisel, die ich den Abend zum erstenmal sah, unter Böllern und förmlichen Carrés anstürmender Handwerker und Schuljugend die Linden auf und ab, die im Lichtschein schim⸗ n Man mußte sich förmlich durchschlagen.“ Joachim ist ein 8 Gegner der Franzosen.„Es ist ein Feind,“ schreibt er
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Mittwoch, I. ebruar 105
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
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straße 7. Geschäitsstelle u. Verlag: Sol, Schrist leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen. 5— 1
umgehen sind. Mir schien es ein großes Werk, welches da in 10 Tagen vollbracht wurde, und ich überlegte mir, wieviel Wenn und Aber wohl in Friedenszeiten eine solche Unternehmung auf⸗ gehalten hätten, ehe auch nur die Gelder bewilligt worden wären. Die Pioniere dagegen machten von ihrer Leistung weniger Auf⸗ hebens. Denn das ist immerhin nur ein„Auftrag“ von vielen, wie sie bei einer großen Unternehmerfirma eingehen.
Das erfuhr ich, als ich beiläufig die Gewandtheit bewunderte, mit der ein Pionier⸗Gefreiter unter geläufiger Beherrschung der Fachausdrücke einem französischen Monteur die Arbeit zuwies. „Ich möchte wohl wissen,“ sagte ich,„was unsere Pioniere nicht können!“—„Wenn es Sie interessiert, was wir in einer Kom- pagnie alles können, so gestatten Sie, daß wir Ihnen unseren Geschäftsprospekt überreichen.“ Es war kein Scherz, ob⸗ wohl das in gotischer Fraktur sauber umgedruckte Stück Papier selbstverständlich auch einige Körnlein Kriegshumor ent- n Denn da ist zu lesen, ganz im Stile einer kaufmännischen Ge⸗ chäftsempfehlung:
.„Eisenkonstruktions⸗Wertstätte, Schiffsbauwerft.
Wellblechfabrik.
Wellblechfabrik.
Ofenrohr⸗ und Feldküchenfabrik. Ofenrohrfabrik.
Kalkbrennerei, Mech. Schreinerei. Walzenmühle.
......„Mech. Drechslerei u. Sägewerk.
Lieferung von Bauholz, Kohlen, Oefen, Draht, Nägeln, Zement, Kalk, Stoffen, fertigen Fenstern und Türen, sowie Wirtschafts⸗ und Gebrauchsaxtikeln aller Art für Fronttruppen.
Gegründet Sept. 1914.
So lustig das klingt, es ist wirklich alles Ernst, was hier an⸗ geboten wird. Die Kompagnie ist eine industrielle Unternehmer⸗ rma und eine Großhandelsgesellschaft geworden, die sich sehen lassen kann. Sie beherrscht in einem großen, hochentwickelten Teile Frankreichs Handel und Wandel. Sie bringt die brachliegenden Fabrilen in Gang, verwendet Rohmaterialien und verschafft der
Bevölkerung Verb ienstmöglichkeiten.
Ich habe einige ihrer Betriebe besichtigt, so z. B. die im Großen und mit den besten Werkzeugmaschinen der Gegenwart— die ihr französischer Eigentümer zwar zu diesem Zwecke nicht auf⸗
estellt hat— betriebene Herstellung von Schüttzenschutzschilden. Ich ann Interessenten die Versicherung geben, daß das Musterlager recht reichhaltig und daß die n bestrebt ist, sich den letzten Neuerungen des Festungs⸗ und Stellungskrieges vielseitig anzu⸗ passen. Sogar ein eigener Schießplatz ist vorhanden, um das Ma⸗ terial und die Verbesserungen auszuprobieren. Kurz, wenn hier ein Krupp ganz im Kleinen entstehen würde— von den übrigen . des Kompagniebetriebes le ich nichts—, o würde es ihm an Aufträgen nicht fehlen. Tag werden hier und in einigen der anderen, über ein weites Gebiet verstreuten Anlagen der Kompagnie neue Arbeiter eingestellt. Die Löhne, 55 durch die 5 1 5 werden, 4 1675 ihre 675 überhaupt ganz auf eigene Rechnung betreibt, sind nicht hoch; be⸗ greiflicherweise. Dreißig Pfennige die Stunde erhält der einge⸗ borene Ziwilarbeiter, aber in einem Lande, wo alles sonst tot u. brach liegen würde, betrachten die Einwohner diese Verdienstgelegenheit als hochwillkommen. Das Angebot an Kräften übersteigt trotz der Vielseitigkeit der Kompagnie⸗„Filialen“ weit die Nachfrage. Ueber⸗ all aber, in allen Betrieben, sind deutsche Soldaten die Leiter und Aufseher und zugleich und vor allem die Vorarbeiter. Mancher von ihnen ist 1 selbst Fabrikdirektor oder eines Handels⸗ herren Sohn. Mancher andere, der hier mit einer gewissen Selbst⸗ l und Verantwortlichkeit einen Zweigbetrieb regiert, steht onst zu Hause als schlichter Arbeiter an der Drehbank oder der Bohrmaschine. Und immer aufs neue macht die erhebende Bemer⸗ kung, draußen in der Front wie hier in der mitten zwischen Krieg und Heimat stehenden Etappenarbeit, was für ein prachtvolles, unschätzbares Menschenmaterial wir Deutschen haben, wieviel an⸗
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am 12. September 1870 an Clara Schumann,„der jedes Gefühl für Ehrenhaftigkeit in böser Leidenschaft verlernt hat! Gott gebe uns Kraft, dies Otterngezücht unschädlich zu machen. Es ist ganz unerhört in der Kriegsführung, solcher Wortbruch, so tückische Mordlust!“ Nach Beginn des Waffenstillstandes im Februar 1871 befindet er sich auf einer Konzerttournee in London und ärgert sich hier nicht wenig über die Engländer, deren heimtückische Gesinnung ihm deutlich zutage tritt:„Hier hat man Gelegenheit genug, sich als Anhänger Bismarcks zu ärgern— sie werdens schon mit der Zeit lernen müssen, sich an seine und an Deutsch⸗ lands Größe zu gewöhnen. Es ist schließlich doch nur Neid, daß wir es wagen, ohne Erlaubnis von Alliierten auf unsre Faust zu einer imponierenden Stellung anzuwachsen. Vor Moltkes unfehl⸗ barem Handwerk mit seinen Erfolgen haben sie Respekt; aber nun sollten wir hübsch bescheiden vor Paris umkehren, um das Ge⸗ fühl der Franzosen zu schonen. Hol 5 der Kuckuck mit ihrem Gewäsch!!... Ueber die Friedensbedingungen wird hier viel Unsinn gesprochen: man hätte die Franzosen durch Großmut von Rachegedanken abbringen sollen, und derlei meiner Meinung nach abgeschmacktem Zeug! Es handelt sich nur darum, ob man sie durch milde Bedingungen in den Stand setzen wollte, sehr bald wieder Revanche zu fordern, oder ob man sie durch Opfer auf längere Frist unschädlich machen sollte. Letzteres scheint mir nicht zweifel⸗ haft, und Bismarck soll also hochleben.“
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— Puccini und die Franzosen. Masstro Puccini hat es mit den Franzosen gründlich verdorben. Bis dahin war der Kom⸗ ponist des„Mädchens aus dem goldenen Westen“ der erklärte Liebling der Pariser, die von seiner Musik nicht genug hören konnten. Da aber ließ er sich einfallen, zu erklären, daß er den Protest gegen die Zerstörung von Löwen und der Kathedrale von Reims nicht unterschrieben habe, und mit einem Male wurde er zum seichten Notenschmierer und Fabrikanten gemeiner Musik. Die Pariser Blätter fallen einmütig über ihn her, und der Direk⸗ tor der Opéra Comique traf sofort Anordnungen, daß alle Werke Puccinis aus dem Pepertoire gestrichen würden. Der„Eclair“ geht noch weiter und fordert, daß Puccini von der Liste der Ehren⸗ legion gestrichen werden solle. Das„Echo de Paris“ fragt sich, welche verborgenen Gründe den Brief Puccinis an den Sekretär der Gesellschaft deutscher Dramatiker veranlaßt haben könnten. „Ob er vielleicht befürchtete, daß wegen seines Protestes seine Werke aus den deutschen Theatern verbannt würden?„Aber war Puccini vielleicht nicht einer der meistaufgeführten Komponisten in Paris? Vielleicht überzeugte ihn die deutschfreundliche Propa⸗
anda, daß die Leitung unserer 1—.— 2—— Spielzeit dem Generalintendanten erliner Theater anver⸗ traut sein würde? Aber warum socin der Ferne suchen? Empfindet der Schöpfer der„Bohsme“, der„Tosca“ und der„Manon nicht für die Deutschen eine natürliche Sympathie, die dieser Krieg nur vergrößern konne? Die Deutschen und Puccini sind Plünderer!
gleichmäßigen warmen Temperatur aussetzt, so können die Eier
geborenes Organisationstalent und wieviel Führergeist in uns drin? nen steckt und was für ein ungeheurer Unterschied zwischen dem deutschen u. dem französischen Industriearbeiter besteht. Das merfsen die Unsrigen auch selbst. Einer, der aus seiner politischen Zu⸗ gehörigkeit kein Hehl machte, sagte mir, als wir, ohne in die burg⸗ friedenstörende Nähe politischer Einzelheiten zu geraten, über man⸗ 1 ches sprachen, was der Krieg wohl endgültig ändern werde:„Mit einem darf uns deutschen Arbeitern niemand mehr kommen: mit der französischen„Kulturüberlegenheit“. Dazu haben zu viele von uns den französischen Dreck und die französische Dummheit aus der Nähe kennen gelernt.“ 3
Durch die eifrige Instandsetzung ruhender Werke, wie sie hier von einer einzigen Kompagnie betrieben wird, werden nebenbei, ohne daß dies die Absicht einer kriegführenden Partei zu sein braucht, auch viele unersetzliche Vermögenswerte erhalten. Die Ma⸗ schinen, die in Gang kommen, rosten nicht. Und vor allem wird 2 unglaublich viel Rohstoff unmittelbar für die Kriegführung mobil gemacht. Da lagen z. B an einem Orte dicke Kabeldrähte konnen⸗ 3 weise, für die jetzt kein Absatz ist. Die werden dünn gezogen und zu Stacheldraht umgewandelt. 40 Kilometer Stacheldraht sind die Tagesleistung und das Fabrikat findet bei den Fronttruppen dank der guten Verbindungsgelegenheiten leichten Absatz. Eine„Spe⸗ zialität“ waren Schützengräbenöfen besonderer rauchloser Bauart. Hoffentlich werden wir ihrer nicht mehr lange bedürfen. Eine an⸗ dere„Spezialität“ sind die„Gulaschkanonen“, d. h. die Feld⸗ küchen, von denen das Kompagnieversandhaus dank dem Zu⸗ sammenarbeiten mehrerer seiner Betriebe täglich drei Stück ab⸗ nahmefähig machen kann, und zwar zu dem erstaunlich billigen Preise von etwa 200 Mark, d. h. noch nicht dem zehnten Teile des 2 Normalpreises.*
Auf der Schiffsbauwerft sah ich, neben der Instandsetzung von Luxusmotorbooten, die für allerlei Kriegszwecke dienen werden, eine sehr eigenartige Arbeit. Eine Anzahl von den bekannten„Zigeuner⸗ wagen“, wie sie die sahrenden Leute als windelnde Wohnungen benutzen, wurden für Heereszwecke eingerichtet. An Teilen der Front, wo nach wochenlangem Artilleriebuell meilenweit kein Stein mehr auf dem anderen steht, mag solch ein Wohnwagen in der 1755 sauberen und gemütlichen Herrichtung durch das Kompagnieversand? haus selbst einem höheren Stabe manchmal so anheimelnd erscheinen, wie bei uns zu Hause den Kindern, die diesen wandernden Jahr⸗ markthäusern sehnsüchtig nachblicken, als ob hinter den kleinen Vor⸗ hängen in den grüngestrichenen Bretterkästen die Romantik wohne. Solches Empfinden hat man nun hier weniger. Aber einzelne der Wagen bergen etwas köstlich Praktisches, nämlich eine fahrbare Badestube. Aus einem leichtheizbaren Waschküchenofen, der in 15 eine Ecke eingebaut ist, fließt das heiße Wasser in die vertieft in den Boden eingelassene weiße Emailwanne. Nur wer die Kriegs⸗ sehnsucht nach einem warmen Bade kennt, kann ahnen, mit welcher Freude diese Wagen bei den Fronttruppen empfangen werden. Auf diese Erfindung kann das Kompagniewarenhaus ein Patent nehmen Ich lann die Einrichtung nur empfehlen. 8
Wie überhaupt die ganze Firma. Aber dessen bedarf sie nicht.
Sie versendet ihre Prospekte an die Fronttruppen, an die Etappen⸗ 9 Kommandanturxen, an die Armee-Oberkommandos usw., und dannn hagelt es Bestellungen.„Senden Sie uns sofort 5 Kilometer Schützengrabeneinrichtung mit allem Zubehör.“ Steht sofort zum Versand bereit. Und dabei ist das eigentlich alles nur Nebenbetrieb. In der Hauptsache hat die Kompagnie ganz andere Aufgaben zu erfüllen, und sie tut es. Sie liefert uns die fünf Kilometer Schaben i grabenbedarf auf Abruf, wie sie auf Abruf die tapferen Männer liefert, die mit Sappen oder Drahtschere und Handgranaten gegen den feindlichen Schützengraben vorgehen. 5
Und wer aus dem Kampfe zurückkehrt, der nimmt vielleicht die Ueberzeugung mit nach Hause, daß auch die Arbeit daheim in Werk⸗ statt und Fabrik Vaterlandsdienst ist, der deutsche Kulturpioniere erzieht. W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
Aus Mexiko. 1 0
London, 16. Febr. WTB. Nichtamtlich.) Das Reutersche Bureau meldet aus Washington: Tie Regierung der Ver⸗ einigten staaten erhob bei Carranza wegen der Aus⸗ weisung des spanischen Gesandten Vorstellungen und machte darauf aufme, ksam, daß ein derartiges Vorgehen gegen diplomatische Vertreter, die ihre amtlichen Pflichten erfüllen, zu ernsten Komplikationen führen könne. 3
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Der„Intransigeant“ aber erklärt, Puccinis Musik wäre nur Ge⸗ räusch, Sinnlichkeit, Roheit und langweile alle wahren Künstler. Trotzdem habe das Theaterpublikum freilich diese Musik geliebt. Nachdem nun Puccini seinen Brief geschrieben habe, daß er den Protest wegen der Zerstörung Löwens und der Beschießung der Kathedrale von Reims nicht unterzeichnet hätte, hätten sie ihre volle Freiheit, ganz nach Belieben und aus vollem Herzen ihn auszupfeifen.... Die„Stampa“, die sich diese Liebenswürdig⸗ keiten ans Paris telegraphieren läßt, ist augenscheinlich etwas ver⸗ dutzt über den schnellen Stimmungsumschlag in der sonst so ver⸗ ehrten französischen Presse. 5 — Das versechsfachte Leben. Untersuchungen über die Seidenraupenzucht im stgatlichen Laboratorium zu Tokio haben zu dem überraschenden und für die Kultur der Seidenraupe äußerst beachtenswerten Ergebnis geführt, daß es ein Leichtes ist, das Leben der Seidenraupe und damit auch deren Erzeugnis, also den von ihr gesponnenen Faden, zu versechsfachen. Unter gewöhnlichen Um⸗ ständen verpuppt sich die Seidenraupe zweimal im Jahr, denn die Zeit, die die Eier zum Ausbrüten und die Raupe zum Reifen brauchen, beträgt sechs Monate. Taucht man die Eier dagegen in eine Salzsäurelösung, so kriechen die Raupen bereits in spüä!; testens zwei Wochen aus und die Gesamtzeit bis zum Einpuppen beläuft sich auf nur einen Monat. Wie man also Tulpenzwiebeln dadurch zum vorzeitigen Sprießen bringt, daß man sie einer 1
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des Seidenspinners durch die Behandlung mit einer Salzsäure⸗ lösung schon nach zwei Wochen ausgebrütet werden, was im Jahre 12 Seidenernten, anstelle der bisherigen 2 ergibt. Weiter hat sich ezeigt, daß der von der künstlich ausgebrüteten Seidenraupe ge⸗ ponnene Faden bedeutend stärker als der einer unter natürlichen Verhältnissen aufgewachsenen Seidenraupe ist; auch spinnt sie einen etwa 375 Meter langen Seidenfaden, während der Kokon der sechs⸗ 3 monatigen Raupe nur 250 Meter faßt. Durch die Steigerung der jährlichen Seidenernten auf 12, durch die Erhöhung der Spinn⸗ 2 fähigkeit der einzelnen Raupe um etwa 50 v. H. und endlich durch 1 die besondere Stärke des von der künstlich gezüchteten Seidenrauve gesponnenen Fadens erwachsen für die japanische Seidenindustrie 1 ganz unerwartet günstige Aussichten. Dies um so mehr, als das erfahren der Salzsäurebehandlung nicht ein patentiertes Vor⸗ recht darstellt, sondern auf Grund der Versuche des staatlichen La⸗ boratoriums allen Züchtern zugängig ist. Während des Krieges freilich wird Japan wenig Nutzen daraus ziehen können, denn seit dem August vorigen Jahres ist der Seidenhandel mit Europa und teilweise auch mit Amerika fast völlig lahm gelegt. 92 Stuttgart, 17. Febr.(Priv.⸗Tel.) Die Akademie der bil⸗ denden Künste hat den Professor Adolf v. Donndorf zum heutigen 80. Geburtstag zum Ehrenmitglied ernannt. 1 München, 16. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Der Maler, Professor von Kowalski⸗Wierusz ist heute gestorben. 8 Nürnberg, 16. Febr.(WTB. Nichtamtlich.) Der Erz⸗ gießer Professor Christof Lenz ist hier gestorben. 80
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