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Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zwermal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zwermal.
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General-⸗Anz
65. Jahrgang
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die Neutralität Amerikas.
Wir erhalten aus unserem Leserkreise folgende Zuschrift, der wir rückhaltlos zustimmen:
Die deutsche Regierung hat in einer begründenden Denk— schrift, welche durch ihre ungescheute Offenheit und ruhige Entschlossenheit gewiß jeden Vaterlandsfreund wohltuend an—
esprochen hat, die Gewässer rings um Großbritannien und Aalen mit Einschluß des gesamten englischen Kanals als
iegsschauplatz vom 18. Februar 1915 ab erklärt. Damit folgt sie nur dem Vorbilde Englands, welches am 2 No— vember 1915 einen Teil der Nordsee als Kriegsschauplatz erklärte, alle völkerrechtlichen Bestimmungen rücksichtslos durchkreuzend, weiche einseitig zu halten Deutschland sich nun⸗ mehr nicht weiter zumuten läßt. In besagter Denkschrift hat die deutsche Regierung den neutralen Staaten klar und be— stimmt deren seitherige Unterlassungs- und Begehungssünden vorgehalten. Da sie selbstverständlich auf Einzelheiten bei diesem Anlaß nicht ausführlich eingehen konnte, so soll hier
Ran solche erinnert werden hinsichtlich des größten neutralen
Staates, nämlich Amerikas. Vorübergehend sei darauß hingewiesen, daß Eng and auf tlehre iche Po este kein Rück; sicht zu nehmen pflegt, wie auf die meisten der am 1 Februar 1915 auf 19 angewachsenen gemeinsamen Einsprachen der skandingvischen Staaten gegen die englischen Maßnahmen— Doch sei hier betont, daß Amerika unbedingt auf der Wieder auslieferung der von England von amerikanischen Schiffen, also von amerikanischem Gebiete, fortgeführten Deutschen hätte bestehen müssen, schon zur Wahrung seiner eigenen Würde. Aber es blieb untätig.
Zu Anfang des Krieges schien sich Amerika streng neutral halten zu wollen. Von seiten besonders der Deutsch— amerikaner erfolgten sogar Aeußerungen und Handlungen freundlicher Gesinnung für Deutschland, soweit die Neu⸗ tralität solche zuließ. Aber wie sich später herausstellte, hat die Gier nach dem Dollar auch in maßgebenden Kreisen jedes Gefühl für Handhabung einer anständigen Neutralität überwuchert, wie nachsolgende Zahlenangaben ar tun. neu- lich sind auf Verlangen des Handelsdepartements dem au ie— rikanischen Senate die Ziffern über die Ausfuhr von Waf en und Munition aus den Vereinigten Staaten vorgelegt wor— den, welche nur Lieferungen für den Dreiverband darstellen. Diese betrugen in 1914 für die drei letzten Wochen des August 136 895 Dollar, für den September 341 203 Dollar, für den Oktober 2 1644940 Dollar. Sie wachsen stark ansteigend, je mehr der verheerende Krieg durch sie in die 8 echten wird. Die aus Amerika von England in 1914 5 n Oktober allein 1 Anzahl von Patronen
trägt zehnmal so viel als die früher in einem Jahre be⸗ Rular ie an Franlreich gelieferte sechzigmal so viel. Für ußland war die Waffen⸗ und Munitionsausfuhr aus Ame⸗
rika eich Null. Daß die A d tr. 37 255 92 50 1914 S en e buch da geben
das vorhergehende auf das Tausendfache gewachsen war, läßt auf den frühen inn der Mobilmachung schließen. Bei diesem jedem Rechtsgefühl und jeder anfänglich J Neutralität Hohn sprechenden Vorgehen Ame⸗ rikas wird es zu einer anwidernden scheinheiligen Heuchelei, wenn in Amerika Sonntags in den Kirchen um Frieden ge— betet wird. Warum hat Präsident Wilson auf das zu Kriegs⸗ 1 75 an ihn gerichtete Telegramm unseres Kaisers nicht offen und ehrlich geantwortet: Amerika verhält sich streng neutral, außer, wenn es durch Neutralitätsbruch ein gutes Geschäft machen kann, was hüben allem vorgeht. Wir haben ein solches zum Schaden Deutschlands mit dem Dreiverband bereits eingeleitet und erhoffen ein baldiges rasches Empor⸗ schnellen. Wenn andere sich bekämpfen, werden wir ohne Rücksicht auf Billigkeit und Gerechtigkeit stets den Dollar abzuschätzen wissen mit erprobter Amerikanerschlauheit.
Frau Angela Böcklin 7. Aus dem Leben von Böcklins Witwe.
Nun ist Böckeins Witwe ihrem großen Gatten gefolgt. Auf der sonnigen Höhe von Fiesole hat sie die Augen zum letzten Schlaf geschlossen, in der Nachbarschaft der Villa, wo sie an Böck⸗ lins Seite die letzten 15 Jahre seines Lebens mit ihm geteilt hat. Angela Pascucci war eine echte Römerin. Im Jahre 1835 ge⸗ boren, verwaiste sie frühzeitig. Die Mutter fiel der Cholera zum Opfer, als Angela noch ein kleines Kind war, der Vater war Maresciallo bei der päpstlichen Garde, hatte aber keine Zeit, sich um die Kleine zu kümmern, und so fand sie Zuflucht und Heim bei einer Tante, Carlotta Balzer, der Gattin eines Schweizers, die ich Angelas annahm. Ihre Jugend verlief, wie die der römischen
ädchen aus kleinbürgerlichen Kreisen eben zu verlaufen pflegen: eintönig, inhattsarm und fast klösterlich abgeschlossen. Der Unter⸗ richt, den sie bei den Nonnen der Trinita dei Monti genoß, war priminv genug; vom Umgange, besonders von dem mit Männern, wurde das Mädchen nach alter römischer Bürgersitte streng ab⸗ geschlossen und als sie das Alter von 15 Jahren erreicht hatte, war sie erst überhaupt zweimal aus der Stadt aufs Land hinaus⸗ gekommen. Damals war es, daß sie, wie sie vor dem Schulgange gerade das Fensterbrett abstäubte, einen jungen fremden Mann mit einer Mappe unter dem Arm auf der Straße vorübergehen sah. Er war sehr schank, mit sonnenverbranntem Gesicht, langen Locken und auffa lend hellen Augen. Der junge Fremde erschien öfters auf der Straße Capo le Case, wo Angela bei Tante Car⸗ lotta wohnte, verschwand auf längere Zeit, tauchte dann aber wie⸗ der auf, und als er die Freiheit des römischen Karnevals be⸗ nutzte, um dem jungen schönen Römerkinde ein großes Veilchen⸗ bukett zuzuwerfen, da wußte sie, daß sie es war, dem seine Prome⸗ naden, dem seine Huldigungen galten. Böcklin gab nun keine Ruhe, bis er Angelas Wohnung ausgekundschaftet hatte; er ver⸗ suchte, sich ihr mehrfach zu nähern, jedoch ohne Erfolg; bis er sie, als er sie von einem Vetter begleitet auf der Straße traf, gerade heraus fragte, ob sie 5— Frau werden wolle. Der Hei⸗ ratsplan fand eine erbitterte Feindin in Tante Carlotta, die von dem Ketzer nichts wissen wollte und sich zeit ihres Lebens mit dem Ehepaare Böcklin nicht versöhnt hat. Aber es gelang, die Erlaubnis zur Eheschließung zu erreichen, und am 21. Juni 1853 wurden Angela Pascucci und Arnold Böcklin ein Paar. Bei der Hochzeit waren nur ein paar Verwandte der Braut anwe⸗ send, für Böcklin waltete Jakob Burckhardt als Trauzeuge, und nach einem einfachen Frühstücke trat das junge Paar die Hoch- zeitsreise nach Palestrina an, wo es seine Flitterwochen verlebte.
Das Ehepaar Böck in hat dann viele schwere Jahre durch⸗ machen müssen, und in all dieser Zeit hat sich Frau Angela. als eine tapfere Frau, als geschickte Hausmutter und als treue
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f 8 4 Stütze ihres Gatten erwiesen. Schon wenige Jahre nach der Ehe tet haben. Der Siebzehnjährige verließ das Gymnasium als Stu⸗
Nach der gestrigen die„New Yorker S wenn Nordamerika b fuhrverbot erlassen
33 des„Gießener Anzeigers“ har tszeitung“ kürzlich betont,„daß, ginn des Krieges ein Waffenaus⸗ e, der Krieg längst beendet wäre“. Es mag dies übertrieben sein. Denn es wird wohl längere Zeit dauern, bis die Meere unabhängig von der Gewalt herrschaft Englands jedem Vo ke freistehen. Ohne Erreichung dieses erstrebten Zieles wird Deutschland keinen es für die Zukunft sichernden Frieden haben Aber verlängert hat Ame rika jedenfalls den Krieg durch seine Waffenlieferungen an die Feinde Deutschlan Amerika hätte weit richtiger ge handelt, wenn es stakt dessen der allmählichen Festsetzung der Japaner im großen Ozean entgegengetreten wäre in der Erkenntnis, daß es zwischen ihm und Japan dieserhalb einmal zu ernsten Auseinandersetzungen kommen muß, wenn Amerika nicht von vornherein klein beigibt Aber das Geld verdienen zum Nachteil Deutschlands war zu verlockend Daß dem nun Abbruch geschieht durch die Erklarung de Umgebung Englands für Kriegsgebiet, erregt Blätter Ame— ritas bis zur Raserei und macht seine Regierung bedenklich Man darf nicht daran zweifeln, daß Deutschland in dem
r Anzeiger
iger für Oberhessen
beberr England vorbereiteten Feldzug sich in keiner Weise eirren läßt, auch nicht von Amerika, dem Forderer
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Donnerstag, 1 Februar 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersttäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Schristleitung, Geschäitsstelle u. Druckeret: Schul
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S ol, Schrist⸗
leuung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gteben.
London, 10. Febr.(WTB. Nichtamtlich.)„Daily Tele graph“ meldet aus Washington: Die von dem Senator Follett verfaßte Resolution, die die neutralen Nationen einläd, sich für die Beendigung des Krieges einzusetzen, wird wahrscheinlich morgen der Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten vor- gelegt werden. Die Resolution fordert die Vereinigten Staaten auf, so bald als möglich eine Konferenz der neutralen Na⸗ tionen einzuberufen, die über die Politik zur Erhaltung des Frie⸗ dens der Neutralen beraten und ihre Dienste zur Vermittlung zwi⸗ chen den Kriegführenden anbieten soll. Die Resolution wird hier als außerordentlich wichtiger Schachzug betrachtet und hat Aus⸗ icht, angenommen zu werden. Die Resolution schlägt vor, zukünf⸗ tige Konflikte durch eine allgemeine Einschränkung der Rüstungen zu verhindern, die LVerschiffung von Waffen aus einem Lande in ein anderes einzustellen und gewisse Handels⸗ routen zu neutralisieren. l
London, 10. Febr.(WTB. Nichtamtlich.)„Morningpost“ meldet aus Washington: Das Staatsdepartement begann die Be⸗ ratung über die deutsche Papierblokade und die Verwen⸗ wendung der amerikanischen Flagge durch die„Lusi⸗ tania“. Die letztere Frage dürfte viel Erregung verursachen. Die Verwaltung erwartet, daß sie antienglische Reden im Kon⸗ gresse und Angriffe auf England in der deutschfreundlichen Presse zur Folge haben wird. Der amtliche Bericht über den Fall der „Lusitania“ steht noch aus, es würde deshalb keine Entscheidung über einen eventuellen Protest gefällt werden.
2—— 7* e een aa Unsere Feinde in Aegypten. Te e ee, l 9 c s Berichte— 55 8 1
In den englischen Wschten wd r eee Hife andi. He
die Zahl der Streitkräfte in Aegypten um N
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olfiz eren, in keiner Wiise genügend 5„ ausgebildet.— Die aunralischen 15 8 n 2
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stehen in Heliopolis. Zettun, Meadi 7— N 2
und bei den Pyramiden; das 4 d große Lager bei diesen enthält
18 000 Mann. In den Provinzhauptstädten stehen nur schwache Abteilungen.— Am Kanal befinden sich hauptsäch⸗ lich Gurkhas und Sikhs. Ihr Aussehen ist weniger gut, während der Zustand der erwähnten Kolonialtruppen ein ausgezeichneter ist Es e schöne, große Männer; sie wer— mit 6 sh täglich— und haben häufig große eigene Mittel.— Das Wort„Freiwillige“ muß bei ihnen übrigens nicht falsch verstanden werden. Die Männer, die in Australien nicht„freiwillig“ ausziehen— von jeder Familie mindestens einer— verlieren einen Teil ihrer Gü⸗ ter. Leider sind diese Leute fast ausschließlich starke Trin⸗ ker. Auch stehen sie viel im Verkehr mit französischen Frauenzimmern. Von Zeit zu Zeit werden einige vermißt. — In sanitärer Hinsicht sind die Truppen sehr gut aus— gestattet. Ihr reichliches Sanitätsmaterial ist von England leicht aufzufrischen.
Gerichts saal.
b. Friedberg, 10. Febr. Bei der Vergebung der Ofen; lieferung fur die neuerbaute Kaserne fiel der arößte Teil der Be— nellung an eine Gießener Firma, während die hiesigen Ge— schäste mit dem Rest sich begnügen mußten. Als verschiedene Beschwerden der benachteiligten Lepte don der Baubehörde
war die Not so 2 5 geworden, daß Böcklin im Ernst daran dachte, ins Heer des Königs von Neapel als Offizier einzutreten. Aber da stieß er auf Frau Angelas fenen Wiber and; sie habe einen Maler geheiratet, erwiderte sie ihm, und leinen Offizier. Und dabei hatte man kein Geld, die Miete zu zahlen, und zu leben hatte man gerade noch einen Sack Bohnen und etwas Tee. Der Ver⸗ kauf eines Bildes riß das Paar aus dieser großen Not. Es war nicht die letzte, die Frau Angela zu erleben und zu überwinden hatte. Schwere Tage standen ihr bevor, als Böcklin 1857 in die schweizer Heimat zurückkehrte. Da stieß seine Frau auf die offene Abneigung seiner Fami ie, die von der armen Fremden nichts wi sen mochte. Vater Böcklin schalt damals seinen Sohn oft:„Wie kascht du eine hirote, der nit ischt und nit hät. Nun werd''r mit⸗ samt syne Bilder auffresse.“ Zum Glück fand die junge Frau, die sich schon wegen ihrer Unkenntnis der deutschen Sprache ganz verloren fühlte, bei Böcklins Freunden verständnisvollere und wärmere Aufnahme. Aber die schwersten Tage waren ihr in der Münchener Zeit beschieden. Dort erkrankte Böck tin an schwerem Typhus, das Töchterchen Klara steckte sich am Vater an und der kleine Robert fiel der Krankheit zum Opfer, indes Böcklin in schweren Fieberphantasien raste und das Gespenst der Not wieder im Hause spukte. Das Weihnachtsfest des Jahres 1859 war das trübste, das Angela Böcklin je erlebt hat. Freunde, die dem Paare über das Schwerste hinweghalfen, und der Verkauf des„Pan im Schilf“ wandten die völlige Katastrophe ab, und Böcklin genas zu neuem Leben. Seit jener Zeit war sein Stern im Auf⸗ steigen, und wie die trüben Tage, so hat seine Frau auch die Zeiten des Ruhmes mit dem Gatten geteilt. Sie hat es nicht immer leicht mit ihm gehabt und besonders in den letzten Jahren seines Lebens war er recht eigensinnig; seine Frau durfte ihn nie merken lassen, daß sie wohl wußte, wie schwach und hilfs⸗ bebürftig er bereits geworden war. Als es mit ihr schlimmer und schlimmer wurde, wollte er Frau Angelg überhaupt nicht mehr von seiner Seite lassen. Er aß keinen Bissen und trank keinen Schluck, wenn sie nicht bei ihm war, und sie mußte, wenn er nicht aufstehen wollte oder konnte, gleichfalls im Bett bleiben. So ist sie ihm bis zur letzten Erlösung eine treue Gefährtin gewesen. Fünfzehn Jahre hat sie ihn überlebt. Im Jahre 1910 hat sie auch Erinnerungen an ihren Gatten veröffentlicht, dessen Andenken sie liebevoll pflegte.
Justus Brinckmann 7.
Mit Justus Brinckmann, dem Schöpfer des in vieler Be⸗ ziehung vorbildlichen hamburgischen Museum für Kunst und Ge⸗ werbe, ist eine führende Persönlichkeit auf dem Gebiet des Kunst⸗ sammelns und der Museumswissenschaft dahingegangen, dessen An⸗ regungen das deutsche Kunstleben in unvergänglicher Weise befruch⸗
unbeachtet lieben, schrieb ein Kaufmann der Bauleitung einen Brief, in dem den betreffenden Beamten gründlich die Meinung gesagt wurde. Auf Grund dieses Brieses strengteu die Beamten gegen den Briesschreiber eine Klage wegen Bedrohung und Be⸗ leidia eng an. Das g stern abgehaltene Schöffengericht sprach den Angeklagten jedoch kostenlos frei, da er in Wahrung be⸗ rechtigter Interessen gehandelt habe.
Dermischtes.
* Ostende und die Isabellenfarbe. Wenn unsere blauen und grauen Jungens jetzt bei Ostende Wache stehen, wird wohl der eine oder der andere lange Zeit keine Gelegenheit finden, seine Wäsche so schön besorgen zu lassen, wie daheim, und seinn Hemd wird die Blütenweiße verlieren, in der es sonst dem Schrank der Frau oder der Mutter entnommen wurde. Das erinnert daran, daß der Name Ostende in der Kriegsgeschichte schon einmal mit dem Vergilben eines Hemdes verknüpft ist. Ostende war früher
estung und seine Werke sind, nebenbei bemerkt, erst 1865 ge⸗ chleift worden. Die Festung Ostende wurde im Jahre 1601 von dem Schwiegersohn Philipps II., Erzherzog Albrecht von Oester⸗ reich, belagert. Dessen Gattin, die spanische Prinzessin Isabella, tat den leichtsinnigen Schwur, sie würde ihr Hemd erst wechseln, wenn Ostende 2 sei. Nun hielt sich diese tapfere Feste drei 2 5 lang, aber die tapfere Isabella hielt auch ihren Schwur, so daß ihr Hemd gelber und immer gelber wurde, bis es schließ⸗;
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dent der Naturwissenschaften und wandte sich hier der damals auf⸗ blühenden prähistorischen Wissenschaft zu, wobei er sich an Grabun⸗ gen im Sachsenwald beteiligte und so schon unbewußt seinem künf⸗ tigen Beruf vorarbeitete. Er hatte das Glück, auf einer Reise nach Aegypten ein gut Stück Welt zu sehen und sich seinen Gesichtskreis 1 zu erweitern. Zurückgekehrt studierte er dann in Wien weiter Natur⸗ wissenschaften; aber besonders interessierte ihn die kunstgewerbliche Strömung, die damals in der österreichischen Hauptstadt durch Eitel⸗ berger und Falke ins Leben gerufen worden war und in der Grün⸗ dung des nach dem Vorbild des Londoner South Kensington⸗Mu⸗ seums eingerichteten österreichischen Museums für Kunst und Indu⸗ strie gipfelte. Eines Tages saß Brinckmann plötzlich nach einem schweren Gewissenskampf unter Eitelbergers Hörern und wußte in derselben Stunde, daß sein Geschick entschieden sei. Nun studierte er Kunstgeschichte, und bereits der Dreiundzwanzigjährige trat 1866 mit einem Aufsatz hervor, in dem er die Gründung eines ähnlichen Hamburger Museums, wie es das Wiener war, befürwortete. Aber als er nun in der Alsterstadt für seine Ideen wirkte, sah er bald, daß seine Zeit noch nicht gekommen war. Ueberall fand er taube Ohren, und mit seinem praktischen Blick erkannte er, daß ihm das kunstgeschichtliche Studium keine Grundlagen fürs Leben ewähre. Er sattelte also kurz entschlossen zum drittenmal um wurde Jurist, promovierte 1867 zum Dr. jur. und ließ sich in Hamburg als Rechtsanwalt nieder. 3 Aber auch auf diesem Umwege behielt er sein Lebensziel fest im Auge. Nun erst wirkte er in Hamburg für ein tieferes Verständ⸗ nis der kunstgewerblichen Bestrebungen, tat sich als Sekretär der neugegründeten Hamburger Gewerbekammer und als Ausstellungs⸗ kommissar der Wiener Weltausstellung hervor. Nach 6 Jahren hatte er die reale Basis zur Verwirklichung seines Jugendplanes ge⸗ schaffen, und 1874 wurde das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg eingerichtet, das ihm allein seine Entstehung verdankte. 5 Zuerst mußte man sich in gemieteten Räumen behelfen; dann wurde den immer mehr wachsenden Sammlungen in einem neuen Schul⸗ f gebäude der notwendigste Platz eingeräumt. In jahrzehntelanger aufopfernder Arbeit, für die er mit der werbenden Kraft seiner 3 Persönlichkeit weite Kreise der Bürgerschaft zu interessieren wußte, hat Brinckmann dann aus dem Museum eine Musteranstalt gemacht, die auf allen Gebieten einen reichen Ueberblick gewährt, und als er ihr 1894 den vorbildlichen Führer schrieb, wurde er zu einer ganzen Geschichte des Kunst rbes, die zugleich des Direktors gewaltiges Wissen erkennen ließ. Als Erster gewährte Brincksmann in seinem Museum der japanischen Kunst eine wichtige Stelle, wurde durch seine Sammeltätigkeit zu einer Autorität auf diesem Gebiet und erschloß mit seinem Werk über Kunst und Handwerk in Japan dem deutschen Geiste eine ganz neue Kunsttätigkeit. Seine Wirksam⸗ keit erstreckte sich weit über Hamburgs Grenzen hinaus und be⸗ fruchtete das ganze deutsche Kunstgewerbe. Dr. P. L. ö
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