Ausgabe 
(3.2.1915) 28. Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

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165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Die Leiden Sivilgefangener in Frankreich.

Die Dokumente über die unmenschliche Behandlung deutscher Zivilgefangener in Frankreich häufen sich immer mehr. Allen gemeinsam ist die Klage über rohes, barbarisches Benehmen den Hilflosen gegenüber, unzureichende Verpfle gung, hartherziges Einpferchen in kalte, zugige Räume, wie Ställe, Scheunen und dergleichen unter Vorenthalten leer stehender Kasernen und Verletzung der heiligsten Gefühle der Frauen. 5

Mit der Veröffentlichung von Nachstehendem erfüllen wir die Bitte eines schon monatelang unter diesem Druck schmachtenden kerndeutschen Mannes.

g Ich war, wie jedes Jahr, seit dem 15. Juli mit den Kindern derDeutschen Schule in Paris in Orly, einem kleinen Orte im Marnetal, in Ferien. Wir dachten an weiter nichts als an unsere Spaziergänge und Spiele und sahen mit Freuden, wie sich die Backen unserer frohen Jungen in der frischen Landluft von Tag zu Tag mehr röteten und unsere Kräfte wuchsen. Damen und Herren des Komitees, das uns diesen stärkenden Landaufenthalt alljährlich ermöglichte, beehrten uns mit ihrem Besuche und über⸗ zeugten sich mit großer Befriedigung von der heilsamen Wirkung der Landluft. Am 27. Juli las ich imMatin, daß Rußland an der österreichischen Grenze mobilisiere. Drei Tage später tele⸗ phonierte mir ein Herr des Komitees, ob es in Anbetracht der po⸗ litischen Lage nicht ratsam sei, mit den Kindern nach Paris zu⸗ rückzukehren. Ich war sofort dazu entschlossen und versprach, am 1. August um 3 Uhr nachmittags zurück zu sein. So fuhr ich dann am folgenden Tage mit meinen Schutzbefohlenen ab, in der Hoff⸗ nung, am Abend noch meinen Sohn, der in Deutschland die Schule besuchte und in Ferien bei uns war, weiterbefördern zu können. Meine Frau und zwei jüngere Söhne ließ ich zurück mit dem Bescheid, sich bereit zu halten, ich wolle von Paris aus sofort eine Depesche schicken, falls mir die Lage gefährlich erscheine. In Paris angekommen, erfuhr ich, daß die Mobilisation dekretiert sei und keine Züge mehr nach der deutschen Grenze abgingen. Meiner Frau sandte ich sofort ein Telegramm, da mein Zug drei Stunden Verspätung hatte, kam ich erst um 6 Uhr in P. an. Nun stand ich in der Gare de l'Est mit zwanzig kleinen Buben. Die Eltern hatte ich nicht mehr benachrichtigen können und die Herren des Komitees waren schon abgereist. Es galt nun, das Gepäck einzulösen, was mir mit vieler Mühe und schwerem Trinkgeld gelang, und die Kinder den Eltern zu zuführen. Mehrere Autos nahmen sie auf und brachten sie nach Haus. Ich fuhr dann zur Botschaft und zum General- konsulat, um zu erfahren, ob ich mit meiner Familie noch die deutsche Grenze erreichen könne. Am 2. August sollte noch ein Zug über Culoz nach der Schweiz abfahren und noch zwei über Lille nach Belgien. Der nach der Schweiz aber fuhr nicht ab und die nach Belgien waren von Belgiern besetzt, die die Deutschen, wenn sie sich an den Zug wagten, kurzerhand hinaus⸗ warfen. Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf, mit einem dieser Züge noch fortzukommen und wartete mit Unglück auf Frau und Kinder. Als sie' verzogen, schickte ich eine zweite Depesche ab. Auch diese blieb unbeantwortet. Tief betrübt und niedergeschlagen verbrachten wir den Tag, ohne etwas essen oder trinken zu können. In die Stadt wagten wir uns nicht mehr; denn schon am Sonntag hatte man begonnen, die deut⸗ schen Geschäftshäuser zu plündern und zu zerstören. Sämtliche Depots Maggi in Paris und Umgegend waren wie mit einem Schlage vernichtet. Milchtöpfe und Geräte aller Art, Käse und Butter wurden auf die Straße geworfen und gestohlen, die Roll⸗ läden abgerissen, die Ladentische zertrümmert, so daß zuletzt nur noch die nackten Wände der Läden dastanden. Sämtliche 1 75 Bierhäuser: Spies, Hans, Pschorr usw., alle, die einen deutschen Namen trugen, auch wenn sie keinem Deutschen gehörten, wur- den zertrümmert. Auf den deutschenHügel, wo eine deutsche Kirche und die deutsche Schule seit mehr als 50 Jahren stehen. sind die Zerstörer nicht gekommen, aber das benachbarte Haus der FirmaKirchner, rue Manin wurde ganz zerstört und das deutsche Arbeitsheim rue Compans ist nur noch ein Schutthaufen. Am Montagmorgen beschloß ich, meine Frau und Kinder mit einem Auto durch meinen Sohn holen zu lassen. Aber wie einen Chauf⸗ seur finden, der 80 Kilometer weit fahren will? Nach langem Suchen fand sich endlich einer, der für eine fast unerschwingliche

Summe die Fahrt unternehmen wollte. Inzwischen ging ich zur Mairie, um meine declaration de residencé zu machen. Was ich hierbei erlebte, ist nicht zu beschreiben. Es zeigte sich hier wieder einmal die Unfähigkeit der französischen Administration in ihrer ganzen Größe. 34000 Männer, viele Frauen mit Kin⸗ dern auf den Armen stehen auf dem Bürgersteig der rue Chateau d'Cau, zusammengepreßt wie die Heringe, bei einer fürchterlichen Hitze, von morgens 8 Uhr bis Mitternacht vor einer Tür, die sich alle Stunden zur Hälfte öffnet, um 4050 Personen einzulassen. Das entstehende Gedränge, wenn man nach 1012stündigem Quenemachen endlich die Türe zu sehen bekam, ist unbeschreiblich. Viele Frauen sind fast erdrückt worden, andere wurden ohnmächtig und viele mußten, nachdem sie von morgens 912 Uhr nachts gestanden und endlich die heißersehnte Türe erreicht hatten, wieder umkehren, weil nicht mehr eingeschrieben wurde. Ich hatte noch Glück. Da ich die diensttuenden Schutzleute alle kannte, wurde ich verhältnismäßig früh zugelassen und war um 3 Uhr schon wieder zu Hause. Kaum war ich hier angekommen, da kam auch mein Sohn von Orly zurück und brachte seine Mutter und Brüder mit. Wie froh wir waren wieder vereinigt zu sein, kann ich nicht in Worte fassen. Meine Frau hatte die beiden Telegramme nicht er⸗ halten und da keine Züge mehr nach Paris gingen, blieb ihr nichts übrig, als in Angst und Bangen zu hoffen, von mir geholt zu werden. Hätte sie sich einen Wagen gemietet, um nach Paris zu kommen, was ich vermutete, so wäre sie wohl daran gehindert worden, was auch meinem Sohn zweimal drohte, in Meaux und kurz vor Paris. Am 4. August mußte ich wieder zur Mairie, wo uns Tag und Stunde der Abfahrt des Zuges angegeben werden sollten, mit dem wir in die Gefangenschaft geführt werden sollten. Es wiederholte sich die skandalöse Unfähigkeit von Montag. Gegen Mittag wurde ich vorgelassen. Es wurde mir mitgeteilt, daß ich mich am Freitag, den 7. August, morgens 8,47 Uhr, an der Gare Paris Jvry einzufinden habe, um nach Gueret(Creuse)evacuiert zu werden. Als ich durch die rue Lancry und Grange aux Belles hinter dem Hospital St. Louis nach Hause zu ging, sah ich die Straße ganz mit weißen Federn bedeckt und eine Unmenge kleiner Lichtapparate herumliegen. Jung und alt klauten sich dieselben und einige füllten Säcke mit Federn. Ich ging ruhig weiter und kam an einem vollständig zerstörten Laden vorbei, der einem Deutschen gehörte. Ueber dem Laden war seine Wohnung, wo man alles herausgeworfen hatte. Das Bettzeug war in Fetzest gerissen, die Deckbetten aufgeschnitten und zum Fenster hinausgeworfen. Nachträglich habe ich erfahren, daß der Hausbesitzer den Rohlingen. die Erlaubnis hierzu gegeben hatte mit der Bedingung, die Wände nicht zu beschädigen. Welche Gefühle mich überkamen, als ich dies und noch vieles andere sehen mußte, will ich verschweigen. Zu Hause fand ich meine Familie in Tränen; sie hatten befürchtet. es sei mir etwas widerfahren. Wir waren, wie die vorhergehen⸗ den Tage, sehr gedrückt. Die Aufregungen und die Unsicherheit, in der wir lebten, nahm uns jede Lust zum Essen und Trinken. Wenn wir auch später miserabel verpflegt und gemein behandelt worden sind, so ist doch die Zeit von der Abreise von Orly, wo wir unterwegs nichts anderes hörten alsà Berlin, à Berlin! undà bas les boches! bis zur Abfahrt von Paris am Freitag⸗ morgen die schrecklichste für mich und meine Angehörigen gewesen. Am ersten Mobilmachungstage war in Paris eindecret des Präsidenten der Republik angeschlagen worden, worin es hieß. wir könnten später auf Verlangen an eine neutrale Granze ge⸗ bracht werden. Wir bereiteten uns denn darauf vor und hofften, nach 14 Tagen über die Schweiz nach Deutschland fahren zu kön⸗ nen. Auch diese Hoffnung ist uns genommen worden: denn das Dekret des Präsidenten ist gar nicht berücksichtigt worden. Am Freitag, den 7. Juli, waren wir mit unseren Paketen um 7 Uhr morgens an der gare d'Jvry, wo bereits schon Tausende von Leidensgefährten standen. Wieder mußten wir Stunden im Regen warten bis uns Einlaß in den Hof gewährt wurde und wir endlich in unseren Zug einsteigen konnten, der nur aus Viehwagen bestand, die bereits zum Truppentransport gedient hatten. Unge⸗ fähr 40 Personen kamen in jeden Wagen. Wir waren annähernd 1500 Deutsche, Oesterreicher und Ungarn, die nach Gueret trans⸗ portiert werden sollten. Viele andere, noch dichter besetzte Züge fuhren nach anderen Richtungen.. Man machte rasch Bekanntschaften im Zuge. 3 die ge⸗ meinsamen schweren, aufregenden Erlebnisse war man sich so nah⸗ gerückt! Ein Deutscher erzählte mir, wie er am Tage zuvor eine gräßliche Szene mitansehen mußte. In der Nähe der gare Mont⸗ parnasse begegnete er einer Abteilung französischer Reservisten,

Gießener Stadttheater.

Philotas. Trauerspiel von Lessing.

Der zerbrochene Krug. uuf N L 0 5 egen folgt Sonnenschein? enn unsece Theaterleitung sich entschlossen 15 in dem Programm eines Abends die tragische Muse in der übermütigen Gesellschaft eines Lustspiels erscheinen En Ale wollen wir gern den Verdacht ablehnen, es habe sich f eine Betätigung obigen Sprichwortes gehandelt; und gegen den Vorwurf, eine Stilwidrigkeit begangen zu haben, mag für manchen der Hinweis genügen, daß Lessing und Kleist mit Höhepunkten ihres Schaffens nebeneinander zu zeigen auf der Bühne ebensowohl angängig sei, wie sie in der Klassikerbibliothek nebeneinander zu stellen. Dieser Hinweis ist natürlich vollkommen stichhaltig, wenn es sich nicht um zwei gar zu extreme Proben dichterischer Kunst und menschlichen Empfindens handeln würde. Es würde zu weit führen, wenn wir an dieser Stelle die Gründe auseinandersetzen wollten, warum unserer Ansicht nach zwischen demPhilotas und demZerbrochenen Krug eine Kluft besteht, die nicht von dem Umstande überbrückt werden kann, daß beider Berfasser zu unseren Klassikern zählen. Nur soviel sei gesagt: Das Durchschnittsempfinden lehnt sich dagegen auf, behaglich zu den Seitensprüngen und dem Hereinfall eines grauen Sünders zu 1 eln, wenn eine Weise vorher der Schleier vor einem er⸗ itternden sittlichen Prinzip zu reißen drohte, und mit schweren ägen die Apotheose des vom Zweck geadelten Selbstmords ver⸗ kündet wurde. Und mit dem Durchschnittsempfinden möchten wir sagen, daß der gewaltsame Schritt aus der Welt gigantischer An⸗ tike in die plauder ame holländische Dorfstube nur mit einem Zwang getan werden kann, der dem Auffassungsvermögen Abbruch tun muß. Und den düsteren Lorbeer erblickt man mit Befremden mit heiteren Rosen zum Kranz gewunden..

Ehe Lessing seinen Philotas schrieb, war im Rationalismus der Zeit so ziemlich jeder Halt versunken, an dem die Dichtkunst ranken und blühen konnte. Dann begannen Winkelmann und Les⸗ sing nach den einzigen Schätzen zu graben, die der Kunst wieder neues Leben zuführen konnten, nach denen des klassischen Alter⸗ tums. Erstrebte jener das ruhige, fertige Schönheitsideal, so stellt dieser den Drang nach Exkenntnis über das Erreichen eines Schön⸗

itszieles, er beruhigt sich bei keinem fertigen Glauben, sonderm ebt in immer tiefere Tiefen. Bei seinem Eindringen in den Geist der Antike versuchte er die Richtigkeit seiner Methode durch die An⸗ wendung zu erweisen. Aus diesem Schaffen heraus wurde auch der Philotas geboren. Es wäre falsch, wenn man ihn schlechthin im Sinne des Gesagten für eine doktrinäre Untersuchung der Berechti⸗ gung des Selbstmordes, für das Anschneiden eines antiken Problems halten wollte. Man wird ihn vielmehr in erster Linie wie die meisten anderen Erzeugnisse von Lessings dramatischer Kunst für die Probe auf die aus der intensiven Beschäftigung mit dem klassischen Alter⸗

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tum gewonnenen ästhetischen Anschauungen halten müssen. Getreu seinem Grundsatz, daß Forschen über Erkennen gehe, setzt sich Lessing denn auch mit dem behandelten Problem nicht restlos auseinander. sondern die Handlung ist ihm nur der Spiegel für den Geist des echten Hellenentums. Direktor Steingoet ter ist die Ver⸗ mittlung der selten zu hörenden, kraftvollen Dichtung schon unter dem Gesichtspunkte literarischer Vielseitigkeit zu danken. Dank der glücklichen Besetzung der Hauptrolle durch Ferdinand Stein⸗ hofer gelang die Wiedergabe des ganz aufs Innerliche gestellten, auf alle äußeren Höhepunkte bis zum wuchtig⸗logischen Schluß ver⸗ 8 trotz seinem dunklen Abschluß so schmetternd⸗hellen

erkes ausgezeichnet. Steinhofer ließ restlos den mit Verstandes⸗ mitteln und dem Eisen gegen sich selbst wütenden Geist griechi⸗ scher Heldengröße nachempfinden, dem das Leben nicht der Güter Höchstes ist, der aus der Kultur des Individuums die Fähigkeit zur Unterordnung unter die Gesamtheit herleitet und unter der For⸗ derung des Schönen, Wahren und Guten lächelnd zur Selbstver⸗ nichtung greift, wenn es gilt zu erweisen, daß ein Mensch voll⸗ kommen ist, wenn er seinen Zweck erfüllt. Paul Schubert als König, Johannes Drescher als Strato und Walter Dwor⸗ kowskit als Parmenio sorgten mit gutem Gelingen dafür, daß der Stil und die Einheitlichkeit des Ganzen auf dem farbigen Hinter- grund des Bühnenbildes zur vollen Geltung kamen.

Dann galt es den erwähnten Gewaltschritt zu tun und den starken Eindruck des Gesehenen abzustreifen, denn Kleists entzücken⸗ des Genrebildchen vomZerbrochenen Krug wollte belacht sein. Mußte belacht werden, denn wenn die Rollen so verteilt sind, wie man es gestern abend sah, so wird man nach einem ähnlich zün⸗ denden Lustspiel lange suchen können. Wenn auch die bis ins Kleinste gehende Situationsmalerei, die peinlich saubere Schnitz⸗ arbeit der Handlung bisweilen in die Zügel fallen, so ist doch der Zerbrochene Krug mit Recht das Lustspiel unserer Literatur ge⸗ nannt worden. Die Bewegung all dieser närrischen Originale ist durchaus frei und dem wirklichen Leben angemessen; man glaubt sich in das behagliche Gemälde eines Teniers oder Ostade versetzt, wenn das überwältigend komische Lügengebäude, in dem der Faun von Dorfrichter seine galanten Abenteuer verstecken will, unter seiner eigenen Ungeschicklichkeit zusammenbricht; so echt hat Kleist den breiten, gemütvollen Lokalton getroffen; und wie die Sonne durch die Butzenscheiben lächelt und ihre lustigen Kringel auf sand⸗ bestreute Dielen und blankes Kupferzeug malt, so lacht

inter dem kristallkllaren Hin und Her des ergötz⸗ ichsten aller Strafgerichte der Humor, der nicht aus Possen und Zufällen, sondern aus dem Charakter seine Wirkungen af Rudolf Goll stattete den Richter Adam mit all den Eigen⸗ chaften aus, die den Alten zu seinem Amte und zum Don Juan durchaus ungeeignet und deshalb zur Lustspielfigur doppelt be⸗ rufen erscheinen lassen. Else Jüngling, zuverlässig wie immer, war als Frau Marte von beängstigender Resolutheit in Wort und Gebärden, und Marta Schild als ihre Tochter Eve ließ die Eifersucht des Bräntigams und die verdächtige Dienstbeflissenheit

des Dorfrichters durchaus verständlich finden, während Hans

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Mittwoch, 3. Februar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul- 5

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S851, Schrist⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

die sich zur Bahn begaben. Da riefen vor ihm zwei junge Deutsche allerdings wenig vorsichtig:4 bas la guerre, vive J Alle⸗ magne!. Sofort stürzten aus den Reihen der französischen Re⸗ servisten einige wie wilde Tiere auf sie los. Der eine wurde durch einen Revolverschuß niedergestreckt, dem andern zerschlugen sie den Kopf am Bürgersteigrande, so daß das Gehirn nach allen Seiten hin flog. Um ihr Werk zu krönen, schnitten sie ihm die Ohren ab und nahmen sie mit. In der rue du 4 septembre habe ich selbst mit angesehen, wie eine Bande von mehr als 100 Per⸗ sonen, darunter feingekleidete Herren, hinter einem jungen Manne herliefen und schrien:Voila encore un boche! An der Ecke der rue du 4 septembre und der rue Choiseuil holten sie ihn ein, fielen gleich Hyänen über ihn her und rissen ihn in Stücke. Und diese Leute nennen unsBarbaren! Unsere Reise ging lang⸗ sam von statten. Wir hatten Proviant für einen Tag mitge⸗ nommen, denn wir mußten nach unserer Berechnung in höchstens 12 Stunden unser Ziel erreicht haben, da Gueret kaum 400 Kilo⸗ meter von Paris entfernt ist. Wir hatten uns jedoch gewaltig verrechnet. Einmal legten wir in der Stunde nur 15 Kilometer zurück und dann verkehrten ununterbrochen Militärzüge auf der Strecke. Sie waren alle bekränzt und trugen die Inschrift: Train de plaisir pour Berlin. Die Fahrt wurde mir noch be⸗ sonders verärgert durch das Gebaren einer Mitgefangenen. Es war die Frau eines Oesterreichers und schien eine geborene Fran⸗ zösin zu sein. Jedesmal, wenn ein Militärzug langsam an uns vorüberfuhr, schrie sie mit vollen Lungen: Vive la France! allez chercher les moustaches à Guillaume II pour m'en faire des chichis. Das Hoch-Frankreich-rufen verging ihr, als wir in das Gefangenenlager kamen. Gegen Mitternacht waren wir in St. Sulpice angekommen und dort 2 Stunden liegengeblieben. Bis dahin hatte der Zug mehrmals auf freiem Felde angehalten, in den Bahnhöfen selten. Kaufen konnte man nirgends etwas; denn an den meisten Orten war nichts vorhanden und da, wo sich Brot und Wein vorfand, stand ein Offizier daneben und verbot dem Wirt an uns zu verkaufen unter dem Vorwand, es müsse alles für die Soldaten zurückbehalten werden. Um 2 Uhr morgens fuhren wir in St. Sulpice ab und kamen um ½5 Uhr in Gueret an. Wir atmeten auf, in dem Gedanken, unser Ziel erreicht zu haben, hatten uns aber sehr getäuscht. Nach zweistündigem Warten fuhr der Zug weiter und wir erhielten den Bescheid, wir würden nach dem Camp de la Courtine gebracht, 80 Kilometer von Gueret entfernt. Nach 28stündiger Fahrt kamen wir denn auch unter quälendem Hunger und Durst Punkt 12 Uhr dort an. Es hieß: Aussteigen und Gepäck zur Hand nehmen. Im Bahnhofsge⸗ bäude stand ein junger Mensch von ungefähr 17 Jahren mit einer Jagdflinte Posten. Gleich einer Verbrecherherde wurden wir nun durch die Straßen getrieben. Zu beiden Seiten standen

berittene Schutzleute und Soldaten mit aufgepflanztemSeitengewehr. 5

Das Lager war 1 Klm. von der Bahn entfernt. Schon beim Aus⸗ steigen aus dem Zuge scht ten uns die Gendarmen frech an: Zigarren und Pfeifen aus Mund. Eine Weile danach: Un peu plus vite que ca oderEn route. Drehte man sich um, um zu sehen, wem diese freundlichen Worte galten, so sah man einen alten oder kranken Mann, der sein Gepäck nicht mehr tragen konnte. Endlich erreichten wir die ersten Kasernen des Lagers. Der sous⸗prefet, der diesen ruhmvollen Einzug im Camp de la Coartine persönlich führte, befahl die Frauen links und die Männer rechts. Eine Dame, die ein schweres Gepäck in einer Hand atte und auf dem andern Arm ein kleines Kind trug, war in ngst, von ihrem Manne getrennt zu werden. Als sie sich an⸗ schickte, einen Soldaten zu befragen, schrie diesen der sous⸗prefet an:Sentinelle, ne parlez pas aux prisonniers de guerre. Als Frauen und Männer säuberlich geschieden waren, trieb man sie in 1 8 liegende Gebäude. Unser Proviant war längst auf⸗ gezehrt.* Viele unter uns hatten gar nichts mitgenommen, weil sie sich am Abend desselben Tages längst am Ziel glaubten. Sie waren nun in halbverhungertem Zustande. Die beiden Gebäude, in denen die Frauen und Männer Unterkunft gefunden hatten, gleichen sich vollkommen. Beide hatten vier große Zimmer unten und ebensoviel oben, dazu mehrere kleine Unteroffizierstuben. In die großen Zimmer mit 28 Schlafsteller wurden 4045 Personen gesteckt. Das geschah aber keineswegs aus Platzmangel, denn nebenan blieben sieben gleichgroße Gebäude leerstehen, wir hatten ihrer fünf bezogen. Ich kam als Stubenältester mit 42 Mann in ein Zimmer, das nur für 28 eingerichtet war. In den Zimmern war nichts vorhanden, keine Decken, kein Stroh, kein Besen, nichts;

Grosser-Braun den Ruprecht mit liebenswürdiger Frische gab. Cl. von Roggenhausen fand als Gerichtsrat Walter gleichfalls die rechten Lustspieltöne, und da auch die übrigen Rollen durchaus angemessen vertreten waren, kam es im Zuschauerraum zu einer so dankbaren und heiteren Anerkennung, wie man es sich nur

wünschen mochte. a- **

Wie Wildenbruch zum vaterländischen dichter wurde.

(Zum 70. Geburtstag, 3. Februar.)

Ich bin zur Welt gekommen am 3. Februar 1845 zu Beirut in Syrien und geboren worden am 3. Juli 1866 bei Königgrätz in Böhmen. An jenem Tage kam mir die Ahnung, daß ich ein Lebe⸗ wesen, an diesem das Bewußtsein, daß ich ein Angehöriger eines

roßen Volkes sei. In diesem Anfang einer nicht lange vor seinem

ode Leschriebenen Selbstbiographie spricht es Wildenbruch mit voller Deutlichkeit aus, daß die große Zeit der deutschen Einigungs⸗ kriege ihn erst im eigentlichen Sinne zum bewußten Menschen und damit zum Dichter hat werden lassen. Jedenfalls waren es die ge⸗ waltigen Erlebnisse der Kriege von 1866 und 18 70, die in ihm den Gedanken reiften, seine Dichtung in den Dienst der vater⸗ ländischen Idee zu stellen, der begeisterte Sänger deutscher Siege und deutschen Wesens zu werden, als der er gerade jetzt vor unserem Bewußtsein steht. Dieses Werden und Wachsen des jungen Wilden⸗ bruch zum vaterländischen Dichter können wir jetzt genau verfolgen an der Hand der großen Wildenbruch-Biographie von Berthold Litzmann, deren erster Band vor kurzem erschienen ist.

Mit Homer und Horaz im Koffer überschritt am 18. Juni 1866 der junge Leutnant, der mitten aus den Studien zum Abiturienten⸗ examen herausgerissen war, mit seinem Gardelandwehrregiment die sächsische Grenze. iegerische Lorbeeren zu pflücken, war ihm nicht beschieden. Er hörte nur das Feuer der kämpfenden Truppen, die bei Hühnerwasser und Münchengrätz unmittelbar vor ihm die Schlacht lieferten, und auch bei Königgrätz langte seine Division erst am Abend auf dem Schlachtfeld an.Es war ein wunder⸗ barer Eindruck, erzählt er,als die Kolonne aus Nechaniz de⸗ bouchierte und plötzlich das ganze Schlachtfeld mit unzähligen Lager- feuern offen lag. 1870 trägt er wieder den Rock des Königs und verläßt diesmal die Vorbereitungen zum Referendarexamen. Aufs tiefste ergreift ihn die heilige Glut jener Julitage, in denen sich das deutsche Volk wie ein Mann erhob, und in dem Siegesjubel am Abend der Schlacht von Wörth entringt sich ihm sein erstes vaterländisches GedichtAn Preußens Adler. Die töd⸗ liche Wunde, die sein liebster Freund, Graf Wolf Yorck von Warten⸗ burg, bei St. Privat empfängt, bringt ihm des Krieges grausam erhabenes Walten schmerzlich nahe.Halte es nicht für Spott, schreibt er am 25. August dem mit dem Tode ringenden Freunde, daß ich Dir Deine Schmerzen beneide; denn so fürs Vaterland darniederzuliegen ist das Höchste, was der Mensch erreichen kann. Welch eine Empfindung, Teurer, wenn Du einst sprechen kannst,

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