ur. 24
Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Ureisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zwetmal.
CCC
165. Jahrgang
ießener Anzeig
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Portugal unter Militärdiktatur.
Wenn dreihundert Offiziere der Regierung ihre Degen senden und sich mit den protestierenden Truppen solidarisch erklären, so ist das nicht mehr Meuterei, sondern Revolution. Dem Kabinett Portugals blieb in dieser Lage gar nichts
anderes übrig, als schleunigst einer Militärdiktatur Platz zu machen. Natürlich holte man sich dazu in London die Er- laubnis. Auch dort scheint die Erkenntnis vorzuherrschen, daß die Militärdiktatur das letzte Mittel sei, um die glor⸗ reiche Teilnahme des kleinen Vasallenstaates am euro- päischen Kriege zu retten oder doch nur den Schein der Bundesgenossenschaft zu wahren. An eine nennenswerte Hilfe der von ihnen gekauften Nation glauben die Engländer selber nicht mehr. Der innere Brand in Portugal wird den letzten Rest politischer Kraft aufzehren, und es hängt nur von der Geschicklichkeit und Energie des Diktators, des Generals Pimetra de Castro ab, wie lange die Umwälzung während des europäischen Krieges hintangehalten wird. Die Armee ist und bleibt ein untaugliches Mittel zu politischen Zwecken, ganz abgesehen von ihrer militärischen Untüchtig— keit, ganz einfach deshalb, weil sie in zwei feindliche Lager 1 ist, weil in ihr bereits unlöschbar der Bürgerkrieg lodert.
Schon der Sturz des Königtums vor vier Jahren trug
dazu bei, den ohnehin zweifelhaften inneren Wert des portu⸗ giesischen Heeres noch weiter herabzumindern. Am Umsturz der Verfassung selbst stark beteiligt, weist das portugiesische Heer, wie die Massenverhaftungen von Offizieren und eine Reihe militärischer, der Wiederherstellung der Monarchie geltender Putsche erhärten, den stärksten inneren Zwiespalt auf. Da die Republik am 6. April 1911 diejenigen Soldaten und Unteroffiziere, die des Lesens kundig sind(Portugal zählt die Kleinigkeit von 79 Prozent Analphabeten!), mit dem aktiven Wahlrecht beschenkt hat, wird sich der Geist militärischer Unterordnung seit dem Systemwechsel schwerlich 3 haben. Schon am 16. Januar 1912 mußte das in nza stehende 29. Regiment wegen einer Meuterei auf⸗
gelöst werden. Disziplin ist etwas, was der portugiesische Soldat kaum dem Namen nach kennt. Er läßt nur Vorgesetzte gelten, die ihm politisch genehm sind. Und da man nicht jeder Kompagnie den geeigneten Hauptmann vorsetzen kann, sind die Proteste und Kundgebungen an der Tagesordnung. Die Beteiligung am europäischen Kriege, die Vergewaltigung durch England, die Fragen, welche militärischen Aufgaben den portugiesischen Truppen nun oblägen, haben neuen, riesigen Zündstoff in die gärende Armee geworfen. Wie stark nun wieder die Royalisten ihren Einfluß in die Armee zu tragen suchen, läßt sich jetzt ar Beginn der neuen Unruhen schwer beurteisen. Die Republik reichlich abgewirtschaftet, hat der Bevölkerung große Versprechungen gemacht, als sie zur Macht gelangte, jedoch wenig gehalten. Und es ist ganz klar, daß ein so unreifes Volk wie portugiesische eine Regierungsform nicht aus ideellen, freiheitlichen Gründen stützt, sondern nur dann, wenn sie ihm die prophezeiten goldenen Jahre wirklich herbeiführt. Die royalistische, regie⸗ a 1 Strömung im Lande darf nicht unterschätzt werden. Wenn man durch große und kleine portugiesische Städte streift, kann man an den Straßenecken oft die Kreide⸗ anschrift lesen: Viva la monarchia! Und die journalistische Opposition erhebt sehr kühn das Haupt. Wirkliche Macht hat die heutige Regierung genau so viel und so wenig in der Hand wie das frühere Königtum. Und die Diktatur macht
das herrschende Regime nur noch unbeliebter. Wie man in den Kreisen der Intellektuellen, die politisch beiseite stehen, denkt und fühlt, dafür gibt ein Schreiben einen interessan⸗
einem über Brust und Rücken gehenden Riemen ein schwarzes
traf ich ihn einigemal im Schl. 5 D ein Zustand, von dem er sonst während des Feldzugs meines Wissens fast ganz unangefochten blieb“ n 5 geringe Ansprüche inbetreff der Quartiere und begnügte sich auch da, wo besseres zu haben war, mit einem höchst bescheidenen Unter⸗ kommen. Auf Reise fuhr er meist unmittelbar hinter dem Wagenzuge des Königs her.„Im Nachtguartier eingetroffen, ing man stets sofort an die Einrichtung eines Bureaus, wo es
nn selten an Arbeit mangelte, zumal, wenn uns der Feld⸗ telegraph erreicht hatte, und der Kanzler durch ihn wieder ge⸗ worden war, was er in dieser Zeit mit kurzen Unterbrechungen immer gewesen ist, der politische Mittelpunkt der zivilisierten Welt Europas. Auch da, wo nur für eine Nacht Halt gemacht wurde, erhielt er, selbst rastlos tätig, seine Umgebung bis spät in fast nie abreißender Geschäftigkeit. Feldjäger kamen und gingen,
Boten brachten Briefe und Telegramme und schafften deren fort. Die Räte verfaßten nach den Weisungen ihres Chefs Noten, Erlasse und Verfügungen, die Kanzlei kopierte und registrierte, chiffrierte
und dechiffrierte. Von allen Richtungen der Windrose strömte
Material in Berichten und Anfragen, Zeitungsartikeln und der⸗ Bücher,
gleichen herzu; und das meiste davon erheischte unverzügliche Er⸗ sedigung. Hier war Bismarck dann ganz in seinem Element. „Die fast übermenschliche Befähigung des Kanzlers, zu arbeiten, schöpferisch, aufnehmend, kritisch zu arbeiten, die schwierigsten Aufgaben zu lösen, überall ohne g das zu finden allein Ge⸗
uoronen, war vielleicht nie so bewundernswert wie Seit, und fie war in ihrer Unerschöpflichtett um
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Freitag, 29. Januar 1015
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ten Beweis, das der Rektor der altspanischen Universität zu Salamanca, Miguel de Unanzuno, von einem portugiesi— schen Freunde erhalten und der Oeffentlichkeit übermittelt hat. Es heißt in dem Briefe:
„In Portugal ist man bei dem Grundsatz verzweifelter Philosophie angelangt, nach dem der Selbstmord als ein edles Heilmittel und als eine Art Erlösung gilt. Das Uebel liegt in einer moralischen Abspannung, der alle verfallen mußten, die an nichts mehr glaubten.— Glauben!— Der einzige Glaube bei uns, der noch Achtung verdient, sieht im Tode den Befreier. Das ist schreckcich, aber so verhält es sich. Europa verachtet uns: das zivilisierte, das mittelmäßige, das spießbürgerliche, das praktische Europa, wie man Leute ohne Ehre und ohne Geld verachtet. Trotz alledem gibt es in Portugal noch genug Adel der Gesinnung, jedenfalls genug zum Sterben. Wirklich, mein Freund, ich weiß nicht, wohin unser Weg uns führt, aber ich weiß, daß es ein schlechter ist, auf dem wir von den bösen Winden des widrigen Schicksals fortgetrieben werden.... Portugal befindet sich in einer unbestimmten grauen Dämmerungsstunde. Wird es die Däm⸗ merung sein, die den Tag und das Leben, oder die, welche die Nacht und den Tod ankündigt?“
London, 28. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Daily Mail“ meldet aus Lissabon vom 25. Januar: In der gestrigen Ver⸗ sammlung der demokratischen Partei wurde beschlossen, der neuen Regierung stark zu opponieren. Castro ordnete die 8 aller verhafteten Offiziere, ferner die Rückgabe der Säbel an alle Regimenter und Einhesten sowie an einzelne Per⸗ sonen an, die sie freiwillig abgelegt oder dem Kriegsamt zugesandt haben.— Die Siegel, die an die Geschäftsräume des republikani⸗ schen Organs sowie an die„Duoto“ und„Intransigente“ gelegt worden waren, wurden entfernt. Castro gewährte dem Korrespon⸗ denten der„Daily Mail“ eine Unterredung, in der er sagte, seine Absicht sei, energisch vorzugehen, sich aber innerhalb der Gesetze zu halten. Es sei nötig, beruhigend zu wirken. Nach den Wahlen werde die Regierung wahrscheinlich wieder mit Zivilpersonen besetzt werden.
von milch und Mäse.
Die wichtigsten Ersatzmittel des bei dem herrschenden Futter⸗ mangel mit der Zeit einzuschränkenden Fleisches sind die Milch und deren Erzeugnisse, unter denen wiederum der Käse die Haupt⸗ rolle spielt. Deutschland erzeugte vor dem Krieg jährlich rund 20 Milliarden Liter Kuhmilch, wobei zum Verfüttern verwendete Milch schon abgerechnet ist. Selbst wenn unsere Milchwirtschaft während des Krieges um 10 v. H. zurückgeht, verfügen wir doch immer noch über 18 Milliarden Liter. Bisher haben wir nun etwa zwei Fünftel unmittelbar als Vollmilch verbraucht, über die Hälfte verbuttert und einen kleinen Teil zu Fettkäse verarbeitet. Der Vollmilchverbrauch soll keineswegs eingeschränkt und die Her⸗ stellung von Fettkäse eher noch gesteigert als vermindert werden. Fettkäse ist ja sozusagen konzentrierte Milch; er enthält in hand⸗ licher Form alle ihre wertvollen Bestandteile, hat dazu den Vor⸗ zug des kräftigen, mannigfaltigen Wohlgeschmacks und der, we⸗ nigstens für viele Menschen leichteren Verdaulichkeit und ist nahr⸗ hafter als mittelfettes Fleisch. Da Milch nach ihrem Nährwert nur etwa die Hälfte des Fleisches kostet, stellen sich Fettkäse, die für den Massenverbrauuch in Frage kommen, wie Tilsiter, Schweizer. Allgäuer und Holländer, infolge ihrer beguemen Beförderung und ihrer Haltbarkeit noch etwas billiger als Milch. Freilich muß sich der Deutsche abgewöhnen, diesen Käse mit Butter zu genießen. In Frankreich, dem klassischen Käseland, ißt man derartige Fett⸗ käse ohne Butter zum Brot und wenn ein verwöhnter Gaumen dies anfangs etwas trocken findet, wird er sich doch leicht daran
ewöhnen, zumal, wenn man anstelle der Butter eine größere Menge des ja noch nahrhafteren Käses verzehrt. Beim Verbut⸗ tern der Milch findet nämlich, wie in der bekannten, von Pro⸗ fessor Eltzbacher über die deutsche Volksernährung herausgegebenen Broschttre des näheren ausgeführt wird, ein erheblicher Verlust an Nährwerten statt. Der gesamte Fettgehalt geht zunächst in den Rahm, dann in die Butter über, während der ganze Gehalt von Ei⸗ so erstaunlicher, als nur wenig Schlaf die bei solcher Tätigkeit aufgewandten Kräfte ersetzte. Wie daheim stand der Minister auch im Felde, wenn ihn nicht eine zu erwartende Schlacht schon vor Tagesanbruch an die Seite des Königs und zum Heere rief, meist spät, in der Regel gegen 10 Uhr auf. Aber er hatte dann die Nacht durchwacht und war erst mit dem durchs Fenster scheinenden Morgenlichte eingeschlafen. Oft kaum aus dem Bette und noch nicht in den Kleidern, begann er schon wieder zu denken und zu schaffen, zu studieren, den Räten und anderem Mitarbeitern Instruktionen zu erteilen, Fragen vorzulegen und Aufgaben der verschiedensten Art zu stellen, selbst zu schreiben oder zu diktieren... Erst um zwei, manchmal erst nach drei Uhr gönnte sich der Kanzler an Orten, wo für längere Zeit Halt gemacht worden war, einig Erholung, indem er einen Spazier⸗ ritt in die Nachbarschaft unternahm. Darauf wurde nochmals gearbeitet, bis man zwischen fünf und sechs Uhr zum Diner ging. Spätestens anderthalb Stunden nachher war er wieder in seinem Zimmer am 3 und häufig sah ihn noch die Mitternacht lesen oder Gedanken zu Papier bringen. Seine Erholung fand der Kanzler bei dem in die Abendstunden verlegten Diner, wo er das einzige Mal am Tage reichlich aß. In den angeregten Tischgesprächen, die er da führte, sprach er sich auch über die heute wieder behandelte Frage der Diplomaten⸗ sprache aus. Stolz war er darauf, das Deutsche statt des Franzöfischen eingeführt zu haben:„Mit Fapre habe ich zwar in Ferriéres Französisch gesprochen. Aber ich sagte ihm, dies geschähe nur, weil ich nicht amtlich mit ihm verhandelte. Er lachte darüber. Ich sagte ihm aber, das werden Sie schon beim Friedensschluß sehen, daß wir deutsch reden.“ Bei einem mytho⸗ logischen Gespräch meinte er einmal, er habe„niemals Apollo leiden können“. Er hätte„einen aus Einbildung und Neid geschunden(Marsyas) und aus ähnlichen Gründen die Kinder der Niobe totgeschossen“.„Er ist,“ so fuhr er fort,„der echte Typus eines Franzosen; es ist einer, der es nicht er⸗ tragen kann, daß jemand besser oder ebensogut die Flöte spielt wie er.“ 3
— Deutschlands Büchererzeugung. Deutschlands Büchererzeugung ist bekanntlich seit Jahrzehnten im stetigen Wachstume begriffen, und es sind auch im Jahre 1913, für das jetzt die Statistil vorliegt, wieder mehr Bücher in Deutschland erzeugt worden, als im Jahre zuvor. 1912 nämlich betrug die Zahl der in deutscher Sprache erschienenen Bücher 34 801, 1913 bingegen 35 078. Doch ist, wie ein Bericht im Buchhändler⸗Börsen⸗ blatte hervorhebt, zu bemerken, daß die Zunahme der deutschen üchererzeugung im Jahre 1913 immerhin eine unverkennbare Verlangsamung zeigt. Uebrigens bedarf die erwähnte Gesamt⸗ zahl von 35 078 Druckschriften einer Einschränkung insofern, als 5084 Werke zwar in deutscher Sprache abgefaßt, aber in fremd⸗ fremdländischen deutschsprachigen Gebieten erschienen sind Die reine Büchererzeugung von Deutschland im Jahre 1913 ver⸗ mindert sich hiernach auf 29 994, und da die entsprechende Zahl für das Jahr 1912 30 153 war, so ergibt sich hieraus, daß die Büchererzeugung in den Grenzen des Deutschen Reiches selbst
weiß und Kohlehydraten in der Magermilch und der in gerin⸗ gerer Menge entstehenden Buttermilch bleibt. Bei dem heutigen Umfange unserer Buttererzeugung entstehen aber jährlich 8 bis 9 Milliarden Liter Magermilch, die vorläufig nur in geringem Maße der menschlichen Ernährung zugeführt wird. Hier muß Wandel eintreten, indem die aus der Magermilch bereiteten bil⸗ ligen Magerkäse eine viel größere Verbreitung als bisher erlan⸗ gen. Der Quarkkäse wird zu wenig genossen. Gewiß, er schmeckt etwas weichlich, ist aber gerade infolge dieser Eigenschaft den man⸗ nigfachsten Zubereitungen zugänglich. Er kann mit Zucker, Küm⸗ mel oder Schnittlauch auch vom schwachen Magen, so besonders dem der Kinder, leicht verdaut werden. Und was für seine Eigen⸗ schaft als Fleischersatz besonders in Betracht kommt, ist seine Ver⸗ wendbarkeit zu Kuchen und warmen Mehlspeisen, wie uns die Quarkknödel und der Topfenstrudel der süddeutschen Küche zeigen. Der eigentliche Magerkäse, also der aus Quarkkäse gefertigte ge⸗ reifte, wie der Harzer Käse, der Mainzer Handkäse und der Mün⸗ chener Bierkäse, ist ja schon jetzt wegen seiner Billigkeit so recht der Käse des kleinen Mannes. In vielen Kreisen bildet er aber erst ein Genußmittel und noch kein eigentliches Nahrungsmittel. Und doch sind gerade diese Käsearten dank ihres großen Eiweiß⸗ gehaltes und ihres kräftigen Geschmackes ein vortrefflicher Fleisch⸗ ersatz, so daß das Käsebrot immer mehr an die Stelle des Wurst⸗ brotes treten sollte.
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Uriegsbriefe aus dem Osten.
Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatten (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Wandel und Handel.
N Mlawa, den 23. Jan.
Jeder Einwohner, mit dem man in ein Gespräch kam, erzählte nach einiger Zeit die Geschichte von dem Talmudschüler Ruben, den ein russischer Dragoner und ein Kosak während des letzten russischen Besitzes der Stadt in der Plockerstraße ermordet hatten. Der Vater wurde halbtot geschlagen und zweitausend Rubel ge⸗ stohlen. In den unterwürfigen dunklen Augen glomm dann ein Licht auf und als logische Schlußfrage wurde hinzugefügt:„sollen wir nicht lieben die Deutschen?“„Sollen wir Ihnen nicht ver⸗ kaufen gern was wir haben?“
Ich glaube, daß ein bereitwilliges Verkaufen weniger von der Tatsache ermordeter Talmudschüler und erhaltener Knuten⸗ hiebe abhängt, als von der Verdienstmöglichkeit. Die russische Zahlungsmethode wird ebenso einfach wie jeden Verdienst aus⸗ schließend gewesen sein. Die deutschen Soldaten bezahlen und das ist der springende Punkt, der über die Sympathien der Mla⸗ wenser, soweit sie noch in Mlawa sind, entscheidet. Die Hoff? nungen der reichen Juden scheinen mir vielleicht nicht nach Ruß⸗ land, aber durchaus nach Warschau zu gehen. Nach Warschau sind die Töchter geflüchtet, nach Warschau ein Teil ihrer Wertsachen. Unsere Wirtin ringt den Kopf in hellem Entzücken, wenn sie von Warschau spricht:„Eine schöne Stadt, mein guter Herr, eine feine Stadt. O, ich bin öfter in Warschau als in Mlawa.“ Ein Sohn von ihr ist in Holm, eine Tochter in Lublin, aber ihre Lieblings⸗ tochter hat sie zu Verwandten nach Warschau geschickt. Ihr be⸗ wegliches Gesicht wird ganz hell und offen, wie sie von Warschau erzählt. Ich frage, ob sie Nachrichten habe, da bekommt sie wieder das höfliche, verschlossene Lächeln, das sie hier alle vor den Ge⸗ sichtern tragen.„Nein, mein lieber Freund, seit zwei Monaten nichts. Da fielen die Bombes von dem Zeppelin in Warschau, sollen getötet worden sein zweihundert Menschen.“ 1
Ich erzählte ihr, daß man mir in den Teestuben gesagt habe, meine Wirte seien die reichsten Leute von Mlawa,„Se reden in den Taistuben. Was wird sein mit unserem Geschäft? Nix wird sein. Unsere Vorräte sein bald ausverkauft und Neues gibt Zell von Warschau und gibt nicht von Deutschland. Ae schlimme
eit.“ i
Es ist die Klage aller Händler hier und sie hat ja auch viel Recht in sich, allerdings auch vorläufig noch viel Spekulation, denn die vorhandenen Vorräte scheinen mir größer zu sein, als zuge⸗ geben wird. Die deutsche Verwaltung hat wie wohl überall in Polen schwere Arbeit, den Handel in den notwendigen, zunächsl
gegen 1912 sich sogar tatsächlich etwas, nämlich um 159 Werke, vermindert hat. Innerhalb der einzelnen Literaturzweige sind die Schwankungen nicht sehr beträchtlich. Am bemerkenswertesten ist ein immerhin ansehnlicher Rückgang in der Zahl der theo⸗ logischen, sowie der auf Kunst bezüglichen Werke. Die mit Neu⸗ erscheinungen am reichsten gesegnete Gattung ist nach wie vor die der Bücher über Erziehung und Unterricht, die auch das gesamte Gebiet der Schulbücher und der Jugendschriften umfaßt; auf sie sind 1913 nicht weniger als 5429 Bände entfallen. Will man nun aber den gesamten Umfang der deutschen Erzeugung an Druckschriften im Jahre 1913 erfassen, so muß man auch die in diesem Jahre erschienenen Dissertationen sowie die perio?⸗ dische Presse heranziehen. Die Dissertationen haben im Univer⸗ sitätsjahre 1913/14 die bisher überhaupt höchste Zahl erreicht— es sind ihrer nicht weniger als 7121 erschienen, was als eine geradezu ungeheure Zahl zu bezeichnen ist. Die Zahl der in Deutschland erscheinenden Fachblätter beläuft sich, soweit das eigentliche Deutschland in Betracht kommt, auf 5630; sie haben sich seit 80 Jahren verzehnfacht. Die genaue Zahl der deut⸗ schen Zeitungen ist statistisch bisher noch nicht zu erfassen ge⸗ wesen; man rechnet, daß an Fachblättern und Zeitungen in Deutschland zusammen etwa 10 000 erscheinen. Schließlich ser angeführt, daß 1913 noch 11845 musikalische Werke in Deutsch⸗ land veröffentlicht worden sind. Zieht man alle diese Zahlen zusammen in Betracht, so ergibt sich ein wahrhaft imponierendes Bild der Regsamkeit und Leistungsfähigkeit des deutschen Buch⸗ und Musikalienhandels.
— Schillers Dramen aufder türkischen Bühne. Bisher hat die türkische Bühne fast ausschließlich unter franzö⸗ sischem Einfluß gestanden, wie ja auch die französische Sprache das vorherrschende Verständigungsmittel im Morgenlande war. Seitdem aber die Osmanen im Dreiverbande ihre Todfeinde und in den zwei mitteleuropäischen Kaiserreichen ihre einzigen wahren f Freunde erkannt haben, wenden sie ihr Interesse allein der deut⸗ 5 schen Kultur zu und bemühen sich vor allem, deutsche Dramen auf die Konstantinopeler Bühne zu bringen. Nach den Mittei⸗ lungen des Vereins für das Deutschtum im Ausland erwirbt sich besonders der Lehrmeister des neutürkischen Theaters, Burha⸗ neddin Bej, außerordentliche Verdienste um die Uebersetzung und Inszenierung Schillerscher Schauspiele. Es ist übrigens bezeich⸗ nend, daß Burhaneddin Bej aus der französischen Schule her⸗ vorgegangen ist. Das erste deutsche Drama, das dieser Tage über die türkische Bühne ging, waren die„Räuber“, 133 Jahre nach der Erstaufführung in Mannheim. Wie deutsche Besucher der Vorstellung berichten, gebührt dem Karl Mvor Burhaneddin Bejs volle Anerkennung: seine stattliche Erscheinung und seine geschulte biegsame Stimme machen ihn zu einem vortrefflichen Darsteller Schillerscher Helden. Auch die übrigen Mitwirkenden entledigten sich ihrer Aufgabe mit löblichem Bemühen. Die Auf⸗ führung fand lebhaften Beifall, sowohl von seiten der einhei⸗ mischen Zuschauer, wie bei den deutschen Besuchern. Burhaneddin Bei hat die Absicht, neben Dramen auch deutsche Lustspiele zu
bringen, so daß den Konstantinoplern für die nächste Zeit ein reindeutsches Theaterprogramm in Aussicht steht.


