Ausgabe 
(22.1.1915) 18. Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Blatt

DieSießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Selt⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

Wozu Rußland die Uriegsgefangenen mißbraucht.

Der PetersburgerRjetsch hat der Oeffentlichkeit kund⸗ getan, daß die Verwaltung des Transbaikalgebietes beabsich⸗ tige, die Kriegsgefangenen während des ganzen Win⸗ ters(]) zum Ausroden von Wald zu verwenden, um das ge⸗ wonnene Gelände als Ackerland zu vergeben. Ferner sei be⸗

schlossen worden, zu den Arbeiten beim Bau eines Kais am Amurfluß in Chabarows Kriegsgefangene hinzuzuziehen. Diese Meldung bestätigt die Befürchtungen die man bezüglich der deutschen und österreichisch-ungarischen Gefangenen hegt. Rußland verschleppt seine Gefangenen in Gegenden, in denen es mit voller moskowitischer Grausamkeit gegen sie wüten kann und fordert Arbeiten von ihnen, die der Mitteleuropäer unter den dortigen Verhältnissen ohne langsame Anpassung und Gewöhnung niemals leisten kann. Die Gefangenentrans⸗ porte scheinen zunächst nach den wenigen Städten Sibiriens geleitet worden zu sein. Chabarowsk ist eine Stadt am Amur⸗ fluß, die nach der letzten Schätzung 79000 Einwohner zänlt. Von dort führt der Schienenstrang nach Wladiwostok. War es nötig, ist es mit Menschlichkeit und Völkerrecht vereinbar, die gefangenen Gegner dahin zu verbringen, woher sie auch nach Friedensschluß erst Wochen und Monate reisen müssen, um ihr Heimatland wiederzusehen? Andere Städte Sibi⸗ riens, wo Gefangenentransporte eintrafen, sind nach den bis⸗

herigen Meldungen nach Blagoweschtschensk, ebenfalls im

Amurgebiet, also weit im Osten, nahe der Mandschurei, dann

Krasnojarsk im Gouvernement Jenissejsk, ferner Omsk, das

Zentrum des westsibirischen Verkehrs, und Tomsk, die Haupt⸗

stadt des zweiten westsibirischen Gouvernements. Von Jo⸗

kutsk liegen noch keine Nachrichten vor(Zentrum des östlichen

Sibiriens), aber sicher ist auch dahin mancher deutsche Lands⸗

mann verbracht worden.

Das Teuflische und Erschreckende ist nun und die russische Verwaltung gibt dies zu daß die Gefangenen nicht etwa in diesen Städten einquartiert, sondern weiter ins Land 1 0 und dort dem entsetzlichen sibirischen Winter ohne Vorbereitung und Ausxrüstung ausgesetzt werden. Schon

auf dem Transport, in den Schneestürmen, wie sie kein ande⸗

res Gebiet der Erde kennt, wird da manchem der Engel des

Todes winken. Und an derArbeitsstätte angekommen, wer⸗

den die Gefangenen Verhältnisse vorfinden, die jede von ihnen

verlangte Tätigkeit unmöglich machen.Während des ganzen

Winters Wälder ausroden in Gegenden, die einer der besten

neueren Schilderer Sibiriens(A. Stirne) in folgenden Far⸗

ben malt:Das Quecksilber gefriert und wird schmiedbar wie Eisen, das Eisen selbst wird spröde und zerspringt beim

Schlage wie Glas Nasses Holz wird fester als Eisen und nur

trockenes Holz läßt sich spalten. Die Flamme flattert nicht

und drückt sich eng ans Holz. Und in der spröden Stille, wo jeder Schritt weit hörbar ist, platzen mit fürchterlichem Ge⸗ F krach die Bäume des Urwaldes. Die Erde spaltet sich mit

dDumpfem, wie von einem weiten Kanonenschuß herrührenden Dioonner und bildet breite Risse.

Etrscheinen da die Aufgaben, die die russische Verwaltung den Gefangenen zugedacht hat, nicht wie perverser blutiger Bespre Ist es nicht Hohn, wenn in russischen Zeitungen bei Be prechung der Gefangenenfrage betont wurde, das sibirische Klima stärke die Nerven? Nur schwache und kränkliche Leute könnten es schwer ertragen, und das seien doch die Deutschen nicht. Wir bemerken: Unter den sibirischen Kriegsgefangenen befindet sich vermutlich nur ein geringer Bruchteil deutscher Soldaten, die den Russen in die Hände gerieten. Die große i 5 it sind Zivilisten, die bei Kriegsausbruch den Weg 1 Deutschland nicht mehr gefunden haben. Unter diesen

mag sich so mancher Schwache und Kränkliche befinden, der

dem traurigen Schicksal in keiner Weise gewachsen ist. Die

Ein neues stück von Hermann Bahr.

Aus 1 ad escgaft en ee. Hermann r mitten im Krieg und pft aus eignissen des Krieges, wenigstens des Kriegsanfanges. In dem dreiaktigen SchwankDer muntere Seifensieder spiegeln sich alle jene aufregenden und zum Teil erheiternden Geschehnisse, von denen die ersten 2 5 der Mobilmachung begleitet waren. Johann

der muntere Seifensieder ist der sächsische Kommerzienrat Johann August Näseke, der sich(nebenbei bemerkt, eine ziemlich verbrauchte Possenfigur) aus den kleinen Anfängen eines Seifensieders zum mehrfachen Millionär emporgearbeitet und der sich nun zu seinem 70. Geburtstag seine etwas stark ins Ueberfeinerte und Inter⸗ nationale ausgewachsene Nachkommenschaft auf einen entlegenen 8 eingeladen hat. Mitten in diese Familienzusammen⸗ kunft hinein platzt die Kunde vom Kriegsausbruch, und nun er⸗ leben wir wieder alles das mit, was damals überraschend in Er⸗ scheinung trat; wie der private Eisenbahnverkehr plötzlich auf⸗ hört, wie auf friedliche Automobile geschossen wird, wie man die Sterne des Himmels für feindliche Flugzeuge hält, wie der Ober⸗ 1 als Spion und die Köchin des Hauses als ver⸗ russischer General verhaftet werden, wie der Verehrer

der Köchin sich aus einem sozialdemokratischen Agitator in einen strammen Unteroffizier wandelt kurz, wie sich alles in seinem innersten Wesen dermaßen zu ändern scheint, daß schließlich der Autor in höchst eigener Person(allerdings dargestellt von einem spieler) auf der Bühne erscheinen muß, um den Fall auf⸗ zuklären und die Moral aus der Geschichte ziehen, daß eben ganz Deutschland sich selbst erst jetzt richtig erkannt hat. Man sieht, es klingen auch ernstere Töne in den Schwank hinein, aber dem feiner organisierten Zuhörer ist es nicht recht wohl bei diesem schweifen auf das Gebiet der ersteren Gefühle. Er empfindet es etwas peinlich, daß man ihm, zumal inmitten dieser Purzel⸗ bäume, seine eigenen augenblicklichsten Empfindungen aus den bemalten Leinwandfulissen herausprojiziert. Aber die Spekulation auf die breiteren Massen, vor deren Augen man unsere Feld⸗ rauen leibhaftig aufmarschieren läßt, komurt dabei auf ihre Rech⸗ nung. Im übrigen beruht die Stärke Bahrs auch hier wieder in den feinen Zwischenbemerkungen des Dialogs. Da wird allerhand 70 und weniger Zutreffendes, Einleuchtendes und minder inleuchtendes über die Deutschen und über Deutschland vor und nach dem Kriegsausbruch geistreich und unterhaltend vorgetragen. Mit der Charakterzeichnung hat es sich der Verfasser ziemlich leicht gemacht. Auch kann man nicht gerade behaupten, daß er in dem, was da im Hause des Jubelgreises Näseke umeinander läuft, eine besonders typische Auswahl von Vertretern des deutschen

Volkstums getroffen hat. Das Werk verleugnet es nicht, daß

e e e en. Un 5 0 e tung 8 Wer recht gefällige Wiedergabe. 1 E. M.

8

Freitag, 22. Januar 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitläts- Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

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furchtbaren Fröste Sibiriens, die schlecht gebauten und doch oft überheizten, nicht ventilierten Wohnungen bereits in den Städten, und erst recht draußen auf dem Lande, sind die Ur⸗ sachen häufiger Erkältungen und Brustkrankheiten: Rheu⸗ matismus ist viel häufiger als im europäischen Rußland. Die blendend weiße Schneedecke und die rauchigen Jurten der Eingeborenen führen schwere Augenleiden mit sich. Diphtheri tis, Scharlach und Masern sind überall eingeschleppt. Die sibirischen Gefängnisse sind für ihre Umgebung gefährliche Typhusnester. Blattern sind bis zum äußersten Nordosten vorgedrungen. In dieses Land, in die Rußland sonst seine schwersten, beziehungsweise unliebsamsten(politischen) Ver⸗ brecher verbannt, in dieses Land der Krankheiten und der tod bringenden Kälte hat man Hunderte, vielleicht Tausende von deutschen Reichsangehörigen verschleppt, und man mutet ihnen dort Arbeiten zu, die unter sibirischen Verhältnissen im Winter über. Das ist grausam, un⸗ menschlich und niederträchtig. Wir haben gegen die Behand lung deutscher Gefangener in England und Frankreich pro testiert, da wo es notwendig war. Es erscheint nun dringend notwendig, die Aufmerksamkeit der deutschen Regierung auf die Verhältnisse der Kriegsgefangenen in Rußland zu lenken. Und Eile tut not.

Das Leben in Reims.

Von einem Einwohner von Reims, der während der ganzen Dauer der Beschießung in der Stadt geblieben ist, er⸗ hält derTemps einen vom 13. Januar datierten Brief, der das Leben der Bevölkerung in düsteren Farben schildert:

Die letzte Woche ist schrecklich gewesen. Mit Hilfe von Ka⸗ nonen, die auf Zugapparaten montiert sind, rücken die Deutschen vor, sobald die Nacht gekommen ist, und schleudern Granaten auf Stadtviertel, die bisher noch perschont waren und die ihre Tages⸗ ration erhalten. Wir haben keine Sicherheit in der Straße mehr. Es ist jetzt vier Monate her, daß wir Reims wiederbesetzt haben; es ist der 118. Tag des Bombardements. Und wir erinnern uns melancholisch der Freude und der Begeisterung, mit der wir am Sonntag, den 13. September unsere netten Artilleristen und unsere kühnen Jäger begrüßt haben. In der Tat, außer einigen Fortschritten in der Ebene steht es so, daß die Deutschen noch genau dieselben Stellungen einnehmen wie vor vier Monaten, und zwar in einem Kreisbogen, der sich von Courcy bis Prunay über die verschiedenen Höhen er streckt. Das wirtschaftliche, finanzielle und Handelsleben in unserer Stadt ist gleich Null. Die Banque de France und andere Kredit- institute haben ihre Pforten nicht geöffnet. Der Crédit Lyonnais 5 seine halb geöffnet. Nur das Steueramt hat seine Schalter eit dem 16. September zur Verfügung des Publikums gelassen. Aber es ist nur noch eine Zweigstelle der Wohltätigkeitsanstalt. Wenn die Steuereinnehmer auch auf ihren Posten geblieben sind, so kommen doch die Steuern nicht ein. Das Handelsgericht hat zwei⸗ mal für zwei Prozesse Sitzungen abgehalten. Wo das Zivilgericht zusammentritt, weiß man nicht, die Bomben verfolgen es un⸗ aufhörlich. Die berühmten Biscuitbäckereien sind geschlossen, nur eine Marzipanfabrik arbeitet noch. 5 Schlächtereien und Bäckereien, einige Kleinwarenhändler und drei Warenhäuser mit sehr beschränktem Personal sind nur noch in Betrieb. Es gibt ein einziges Hotel und ein einziges Kaffeehaus. Die Post befindet sich 4 Kilometer von der Stadt, das Telegraphenamt besteht nicht 1 Die einzige Verbindung mit der übrigen Welt hat man 9 Kilometer von der Stadt in Bezannes, der Endstation einer Kleinbahn, die in Dormans die Linie Epernay-Paris erreicht. Und um dorthin zu gelangen, bedarf es vieler Schritte bei den bürgerlichen und militärischen Behörden, die nur auf bestimmte Zeiten lautende Erlaubnisscheine geben. Die Stadtbehörden mit dem Bürgermeister tagen ständig im Rathaus. So ist auch die Verpflegung von Reims und dem, was von seinen Einwohnern geblieben ist(man zählt kaum 30 000), vollkommen gesichert. Rind⸗ fleisch und Hammelfleisch aus den Schlachthäusern von La Villette sind besser als in gewöhnlichen Zeiten; sie kosten 1,40 Franks das Pfund, die Butter wird mit 2,40 Franks für das Pfund bezahlt. Frische Gemüse und Kartoffeln werden zu den gewöhnlichen Preisen verkauft. Aber es gibt kein Geflügel, und man findet selten Käse.

Die Münchener Kaffeehäuser im Uriege. München, im Januar.

Das Münchener Kaffeehausleben hat in den letzten Jahren eine recht große Wandlung durchgemacht. In früheren Zeiten waren die Kaffeehäuser gemütliche Lokale, die dem doppelten Zwecke dienten: Die Nachmittags- und Abendstammtische tarockspielender oder den harmlosen Meinungsaustausch liebender Bürger zu be⸗ herbergen und besonders in dem Schwabinger Künstlerviertel den jungen Dichtern, Malern und Studenten, denheimatlosen Mitgliedern der Bohsme, eine Art von Heimat zu sein. Man ie ins Kaffee, seinem ungeheizten Atelier oder der unpersön⸗ ichen, ungemütlichenBude entfliehend, und gewann hier für wenige Nickelstücke(die man bisweilen auch schuldig blieb) Vesper, Beleuchtung, Heizung, Lektüre und die Möglichkeit zu angeregtem

e enaustausch. So waren die Münchener Kaffechäuser viel⸗ fach geradezu soziale Einrichtungen. Darüber hinaus diente das Luitpold und seit einigen Jahren auch dasOdeon zur Fa⸗ schingszeit karnevalistischen Extra⸗Vergnügungen. In den aller⸗ letzten Jahren aber tauchte in München, nach Berliner Muster, ein neuer Kafferhaustyp auf; DasMusikkaffee. Und diesoziale Einrichtung wurde mit einem Schlage zumVergnügungsinstitut. Das ist nicht nach jedermanns Geschmack, nicht jeder genießt gern dieNeunte Beethovens oder eine Wagner⸗DOuverture bei Teller⸗ Happern in unheiliger Umgebung. Diese besseren Menschen müssen nun in München mit der altmünchener Einrichtung derTages⸗ Kaffees oder mit einem der wenigen Lokale vorlieb nehmen, in denen man seinenBerliner trinken darf, ohne auch nur den leisesten Walzer als Zugabe genießen zu müssen.

Der Krieg hat die Zahl dieser Zufluchtsstätten noch erheblich herabgemindert. Das Publikum soll mit allen Mitteln aus seiner Kriegssparsamkeit herausgelockt werden, und so sahen sich dann manche Lokale veranlaßt, wirksame Anziehungsmittel in Form von Orchester⸗Podiums anzuwenden. Selbst dasCafé Luitpold be⸗ unruhigt nun durch allabendliche Musikgenüsse seine Stammgäste. So machen die Münchener Kaffeehäuser denn jetzt den Kabaretts eine erhöhte Konkurrenz, die umso fühlbarer wird, als die Mün⸗ chener 12⸗Uhr⸗Polizeistunde den zumeist vom Nachtbetrieb lebenden Bühnen der Kleinkunst ohnehin schon eine arge Beschränkung auf⸗ erlegt. Manche dieser Vergnügungsstätten haben ihre Pforten ganz geschlossen. Andere Kabaretts führen bei ermäßigten Preisen auch zur Kriegszeit ihre Programme weiter. Das echte, gewohnte Leben will sich an all diesen Stätten des leichteren Vergnügens nicht so richtig einstellen. Lust und Genuß ist in München, wie überall. vornehmlich eine Sache der Jugend. Und unsere Jugend steht draußen, in West und Ost, Schweres wirkend, am Feinde.

Neue Forschungen über das Empfindungs⸗ leben der Pflanzen. Aufsehen erregende Enthüllungen aus dem Leben der Pflanzen bieten die Forschungen von Prof. Jagadis Chandra Bo se, der allgemein als der größte Gelehrte Indiens

Die Einwohner schonen ihre Vorräte; sie machen sich auf schlimmere Tage gefaßt. Petroleum und Oel sind genügend vorhanden. Kohle wird selten, da die Kanäle nicht benutzt werden können. Den Bäckern fehlt es an Brennmaterial, und die Stadtbehörde will ihnen Holz liefern, aber wie kann sie es herbeischaffen? Wenn man das Viertel der Universitätsstraße und die Außenviertel der 6 Stadt, die niedergebrannt sind, ausnimmt, so macht Reims keinen 0 schlechten Eindruck, dank den Bemühungen der Stadtverwaltung, 5 die es sorgfältig von den Trümmern hat reinigen lassen. Wenn 5 die Nacht kommt, so macht die Stadt ohne Licht, ohne Gas, ohne Elektrizität, mit ihren verlassenen Straßen und den geschlossenen Läden den Eindruck einer schrecklichen Einöde. Reims scheint eine tote Stadt zu sein.. N

dee deutsche Medizinalverwal ung in Be gien,

die zwar nicht nominell, aber doch in der Sache besteht, 1 wird in einem Brüsseler Briefe an die Deutsche Medizinische 5 Wochenschrift geschildert. Auf das Werk der deutschen Aerzte 5 kann man mit Genugtuung blicken; das deutsche General⸗ gouvernement hat sich nicht mit den rein militärärztlichen Aufgaben in seinen Leistungen begnügt. Unter der Ober⸗ leitung des Armeearztes, Obergeneralarzt D. Stechow, sind Garnisonärzte in Antwerpen, Brüssel, Lüttich und Namur tätig, die z. T. im Verein mit den belgischen Behörden und Aerzten die planmäßige Assanierung des besetzten Gebietes begonnen und teilweise schon durchgeführt haben. Besonders ist dies in der Provinz Namur geschehen, wo der Garnison⸗ arzt Schilling die Meldepflicht für ansteckende Krankheiten eingeführt hat. Das Bakteriologische Institut in Namur wirkt als Untersuchungsamt. Ferner ist die Durchführung der Ka⸗ nalisation, die bisher nur teilweise vorhanden war, in die Wege geleitet, und eine Gesundheitskommission ist eingesetzt, in der unter Vorsitz des Garnisonarztes deutsche und belgische Aerzte gemeinsame Beratungen über hygienische Fragen ab⸗ halten. Die belgischen Spitäler wurden zur Unterbringung und Versorgung der Kranken nach den ersten Schlachten über⸗ nommen; da die meisten ursprünglich Klöster waren, so mußten sie fast überall erst auf den höheren Stand der Deut⸗ schen gebracht werden; abgesehen von der Modernisierung der Innenausstattung, wurde von unserer Verwaltung elektri⸗ sches Licht gelegt, hygienische Aborte wurden eingerichtet usw. Es ist Erstaunliches geleistet worden: Röntgenkabinette, Dauerbäder, Gymnastiksäle, Tagesräume, zahnärztliche Ab⸗ teilungen, Vorrichtungen für Behandlungen mit Höhensonne, für ansteckende Kranke Isolierräume, alles dies ist eingerich⸗ tet. Typhuskranke werden bis zur völligen Genesung in be⸗ sonderen Typhus⸗Genesungs⸗Zügen nach Spaa gebracht. Fer⸗ ner wurden 90 sehr zweckmäßige Lazarettzüge in Charloroi, Sedan und Brüssel zusammengestellt, desgleichen in Namur den besonderen Bedürfnissen angepaßt. Alle Stationen, die diese Züge berühren, sind mit Erfrischungs⸗ und Verband⸗ stellen ausgestattet; eine eigene Krankentransportabteilung in Brüssel leitet den Betrieb, Automobile schaffen die Ver?!» wundeten in die Lazarette. In Brüssel sind gegenwärtig fünf Lazarette; zwei davon waren bereits belgische Spitäler, eins wurde aus dem Akademiepalast, eins aus der belgischen Kara⸗ binierkaserne und eins aus dem königlichen Konzertsaal im Lazarette umgewandelt. Man ist dabei mit großem Geschick und schonungsvoll vorgegangen, und es fehlt jetzt an nichts mehr. Im allgemeinen sind zurzeit wenig Infektionskrank⸗ heiten vorhanden. Gerade die Rücksichtnahme auf vorhandene Einrichtungen und die stets wechselnden Anforderungen der Kriegslage weckten das organisatorische Talent in der Aerzte⸗ schaft. Die zahlreichen Zivilärzte haben im Verein mit dem Sanitätsoffizierkorps Erstaunliches geleistet. Trotz der Ver⸗ heerungen des Krieges, die Menschen und Vieh vielfach des Obdachs beraubt haben, ist ein befriedigender Allgemein⸗ zustand im öffentlichen Gesundheitsleben erreicht, nicht nur in der Kriegskrankenpflege, sondern auch in der Wasserversor⸗

anerkannt ist. Bose, der auch in Berlin bereits Vorträge gehalten hat, hat eine neue Methode der Pflanzenforschung eingeleitet, die in den Kreisen der Botaniker die größte Beachtung findet. Der Gedanke, daß Pflanzen in derselben Weise Freude und Schmerz empfinden wie Tiere und daß sie ihre Empfindungen selbst auf⸗ zeichnen, mutet uns zunächst ganz ungeheuerlich an; und doch sind es diese Tatsachen, die Boses Forschungen offenbart haben. Ueber die Ergebnisse seiner Studien veröffentlicht der Gelehrte selbst einen umfassenden Aufsatz in der in Kalkutta erscheinenden Modern Review. Nach seiner Darstellung sind alle Pflanzen empfindungsfähig, und manche von ihnen haben Gewebe, die gerade so von selbst schlagen, wie das Herz des Tieres schlägt. Diese Pulsschläge der Pflanze können durch Drogen in derselben Weise beinflußt werden, wie die Pulsschläge des tierischen Herzens; sie reagieren auch ganz so auf einen clektrischen Reiz wie Tiere. All dies will Bose durch einen von ihm erfundenen Registrierapparat festgestellt haben, der die feinen Schwingungen der Pflanzenseelsn festhält und aufschreibt. 3 In einem Zimmer in der Nähe von Maida Vale befindet sich eine unglückliche Mohrrübe, fest gebannt an einen Tisch durch die Drähte einer elektrischen Batterie, die sich wie zwei Krallen in das Fleisch der Rübe graben. Wird die Pflanze mit einer Zange gezwickt, dann zuckt sie zusammen; dieses Zucken wird auf einen elektrischen Registrator übertragen, an dem sich ein kleiner Spiegel befindet. Der Spiegel wirft einen Licht⸗ strahl auf die Wand am andern Ende des Zimmers, und so wird das Zucken der Mohrrübe ins Ungeheure vergrößert. Auf diese Weise enthüllt die Wissenschaft die Empfindungen selbst einen so wenig empfindsamen Pflanze wie der Mohrrübe. g Auf diesem Prinzip beruht in großen Umrissen der Apparat Boses, den er in jahrelanger Arbeit außerordentlich verfeinert hat. Er ist nach derselben Idee gebaut wie der sog.Resonanzregi⸗ strator, der die feinen Schwebungen der verschiedenen Töne regi⸗ striert. Die Verwandtschaft zwischen Tier und Pflanze, die die Naturphilosophie träumte und die Gelehrten ahnten, ist nun mit einer überraschenden Genauigkeit bewiesen. Boses Apparat zeichnet den Rhythmus auf, in dem ein Blatt pulsiert. Eine Nadel akzen⸗ tuiert ihn in Punkten auf einem Stück rußigen Glases. Beeinflußt dann der Professor die Pflanze durch Alkohol. so zeigt die Kurve das Zeichen der Freude. Er gibt ihr Kohlensäure; die Pflanze wird krank, und das zeigt sich in dem Register. Er vergiftet sie, und der Puls tickt schmerzlich immer langsamer und langsamer, bis er innehält. Durch diese Versuche ist festgestellt worden, daß die Pflanzen zwischen 6 und 9 Uhr vormittags sich in einem festen Schlafzustand befinden, daß die Atmung am frühen Morgen am schwächsten ist. Die Pflanzen werden müde wie die Tiere. N Leben im Treibhaus läßt sie schlaff und überernährt werden, so sie nur noch wenig auf den elektrischen Reiz antwo usw. Pflanzen werden so zu wirklichenBrüdern der Diere