Ausgabe 
(21.1.1915) 17. Zweites Blatt
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125
 
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n Imeites Blatt

Erschetu tüglig mit Ausnahme bes Sonntage

DieSiezener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Areisblatt für den Areis Sleßen zweimal vöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gieße

General⸗Anz

165. Jahrgang

er Anzeig

eiger für Oberhessen

Donnerstag, 21. Januar 1815

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. 1 R. Lange, Gießen. 1

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S8 5 l, Schrift · 5

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten. 5 Anzeiger Gießen. 5

dieSeifenblase der militärischen Ueberlegenheit Deutschlands.

*(Englische Lügen.) Von Dr. Richard Sternfeld. Prof. an der Untversität Berlin.

Ein merkwürdiger Zufall ist es oder sollte es kein Zufall sein?, daß im August⸗ Heft desLondon Magazine ein Aufsatz steht, der den Titel trägt:The German military bubble, who will prick it?(Die Seifenblase des deutschen Heers wer wird sie aufstechen 7.) Als Titelbild sieht man den karikierten Kopf des deutschen Kaisers, der aus einer Pfeife eine Seifenblase mit kriegerischenArmaments aufsteigen läßt. Der Verfasser nennt sichEn Avant; er gibt sich den Anschein, ein viel⸗ gewandter Militär zu sein: siebenmal in zehn Jahren hat er deut⸗ schen Manövern beigewohnt, aber auch Kriege mitgemacht, denn er hat griechische Pioniere beim Brückenbau au der Struma beobachtet.

Ist es nötig, diesem Artikel heute noch ein Wort zu gönnen? So könnte man wohl fragen, und die Antwort müßte verneinend ausfallen, wenn man nur auf die Oberflächlichkeit und Leichtfertig⸗ keit der darin ab 1 85 Urteile sieht. Aber es ist doch nicht 5 unfruchtbar, f mit den Ausführungen des Verfassers zu be⸗ schäftigen, denn wir haben es offenbar hier mit einem Symptom F dessen Spuren nachzugehen auch jetzt noch für die Ent⸗ hung 15 uns gegenüberstehenden Verschwörung nützliche Finger- zeige a 5

5 ie Kinder im Dunkeln singen, um sich Mut zu machen, so war es seit Jahren in den Zeitschriften des Auslandes Sitte ge⸗ worden, den Glauben an die Tüchtigkeit und Kriegsbereitschaft des deutschen Heeres sich gleichsam auszureden; denn das war nyt⸗ wendig wenn man die Völter zu einem Angriff auf den verhaßten Deutschen fortreißen wollte. Tadurch, daßEn Avant die trü⸗ gerischen Argumente für die Minderwertigkeit der deutschen Armee und Flotte kurz zusammenfaßt, wird sein Aufsatz noch heute lehrreich nicht für das wirkliche Wesen der Dinge, sondern für die Er⸗ kenntnis der Illusionen und Machinationen unserer Feinde, die es ihnen möglich machten, die Furcht vor der deutschen Rüstung allmählich und planmäßig zu zerstreuen. Konnte man den Lesern allüberall einreden, daß diese Rüstung nur eineSeifenblase sei, so 129 haßerfüllte Wunsch, sie baldigstaufzustechen, nahe.

Ter Verfasser beginnt mit der tausendmal wiederholten Be⸗ d daß der deutsche Soldat eine Maschine sei, durch den Drill zum stlavischen Gehorsam abgerichtet, aber ebendeshalb nicht imstande, die Forderungen unserer Zeit zu erfüllen, die von jedem Kämpfer eineIndividualität und eigene Entschlüsse verlangen. Ein Heer, das nur durch Disziplin, nicht durch Patriotismus, Kühnheit und Selbständigkeit der einzelnen Faktoren zusammen⸗ gehalten wird, kaun die Probe der Gefahr nicht bestehen. Beweis: der bulgarische Soldat, ganz nach preußischem Muster gedrillt, konnte wohl die un vorbereiteten Türken schlagen, nicht aber die Griechen, die, bei schlechtester Disziplin, doch in dreißig Tagen

die Bulgaren aus Mazedonien warfen, weil jeder Grieche ein In⸗ mit wundervollem Nationalstolz jeder Ge⸗ fahr 1

Nachdem der Verfasser seine englischen Leser davon überzeugt hat, daß der deutsche Soldat mur eine willenlose Maschine il kommt er auf den Manöverdrill. Wir hören da jenen bis zum Ueberdruß wiederholten, billigen Spott über unsinnige Kavallerie⸗ Angriffe, die im Kriege nie möglich wären, sondern nur ein schönes Theater darstellen; aber mehr noch: da ist eine ganze preußische Brigade gefangen genommen, weil der Befehlshaber, beim Aus⸗ bleiben des Boten vom Oberkommando, sich nicht zu selbständigem We aufraffen konnte! Doch wie erstaunen wir, wenn der kluge Kritiker der deutschen Armee vam Manöver mit einem Sprung zur Sozialdemokratie kommt. Diese bat, wie das Volk so die ganze Armee, durchsetzt und jeden Soldaten gegen die eiserne Disziplin erbittert. Kein Zweifel, daß, wenn diese Reservisten wieder zur Fahne einbe⸗ rusen werden, sie jeder Begeisterung entbehren; wie sollten sie wohl in den Krieg ziehen und sich töten lassen für einepfeudo⸗ aristokratische Klique unsympathischer Offiziere? Denn ber dem servilen Gehorsam der Jüngeren gegen die Aelteren, bei der Ueberhebung der deutschen Offtziere über die Subalternen, kann sich nie jenes intime kameradschaftliche Verhältnis ausbilden, das ein britisches Regiment ineine glückliche Familie ver⸗ wandelt In England gibt Reichtum und Stellung dem Men⸗ 1 ing und Beachtung, in Deuntschland verleihen die Sterne auf den Achselklappen den Wert in der Gesellschaft. Belustigt über die seltsame Logik des HerrnEn Avant werden wir plötzlich von dem glücklichen Familienleben der eng⸗ lischen Söldnerregimenter zur Börse geführt. Dem eingedenk der Wahrheit, daß zum Kriegführen Geld gehört, vertieft sich der Verfasser in national⸗ökonomische Spekulation. Während der

Agadir⸗Krise seien die deutschen Finanzkräfte zweimal einem erstaunlichen Zusammenbruch nahe gewesen, woraus hervorgehe, daß Deutschland im Kriege mehr vom Geldmangel als vom Feinde zu fürchten habe:Sieg im Feld ist möglich, aber Banke⸗ rott daheim unvermeidlich. Nun folgt eine lange finanzielle Darlegung, deren Resultat ist, daß die Banken ihre Depots im Kriegsfalle nicht auszahlen können und die Einzahler ohne Pfennig dastehen würden, gerade in dem Augenblick, wo sie ihre Familie verlassen, um für ihrFatherland zu fechten. Es würde nur der menschlichen Natur entsprechen, wenn sie da vorzögen, zu Hause zu bleiben und um den Wiedergewinn ihres Geldes zu kämpfen.

Es würde die Wirkung dieser Sätze abschwächen, wollte man darüber ein Wort verlieren; sie sprechen Bände in Bezug auf englischen Krämergeist und englischer Auffassung von Vater⸗

landsliebe. Nun folgt eine verächtliche Abschätzung der deutschen Truppen⸗ gattungen. Die Kavallerie-Angriffe sind in Wirklichkeit unmöglich,

zumal auch der Deutsche weder einhorseman noch einhorse⸗ master ist. Der Infanterist ist zu fett und hat zu viel auf dem Rücken zu schleppen, so daß er weder weit noch fest marschieren kann. Auch ber die deutsche Artillerie äußert der Verfasser sich sehr bedenklich. Die Pioniere sind viel zu theoretisch; im Kriegsfall werden ihnen ihre eingeübten Kenntnisse wenig helfen.Ich sah deutsche Pioniere den Rhein mit Pontons überbrücken; alles ging herrlich nach dem Schema. Unglücklicherweise fuhr ein Vergnü⸗ gungs⸗Dampfer hinein, und nun dauerte es achtzehn Stunden, alles wieder zusammenzufügen. 3 f

So ist der deutsche Soldat von inferiorer Beschaffenheit; ihm fehlt der Schmiß des Franzosen, die Störrigkeit des Russen, der Fatalismus des Türken und die praktische Anpassungsgabe seines britischen Rwalen.

Doch ein Wort muß der strenge Richter noch von der deutschen Flotte sagen. Deutschland hat nur eine geringe Küstenlänge, der Deutsche ist kein Seemann und in zwei Jahren kann er das See⸗ leben nicht kennen lernen. Deutschland kann sovielDreadnougths bauen. wie es will, aber es kann nicht Seeleute fabrizieren. Immer schwerer wird es, Marine⸗Offiziere zu finden, schon deshalb, weil sie imFathexland weit geringeres Ansehen genießen, als die Offiziere der Landmacht. Das Problem wird immer schwieriger, je mehr Schiffe Deutschland baut. Wer wird ein Schiff besteigen. das mitAmateurs bemannt ist? Wer wird eine Seeschlacht lie⸗ fern unter solchen Bedingungen? 2

Und so kommt unser FreundEn Avant dann zu dem Schluß: Man kann sicher annehmen, daß der Glaube an die deutsche Kriegs⸗ macht eine stark aufgeblähte Seifenblase ist, die leicht zergehn wird. wenn man sie aufsticht. Die einzige Frage it wer wird sie zum Platzen bringen, und wann?

Wie töricht und hochmütig uns auch dies Geschreibe erscheinen mag, eins ist nicht zu leugnen: es war gut berechnet und entsprach dem, was man in England gern hörte. Wer England kennt, weiß, wie unglaublich beschränkt das große Publikum in allen Fragen ist, die andere Länder und ihre Zustände betreffen. Der Leser glaubte den Unsinn, der ihm so sicher und schmeichelnd von einem Kenner vorgetragen wurde. Uns könnte wohl die Schadenfreude ankommen über die Enttäuschung und den Katzenjammer dieses englischen Volkes, das solche Märchen gläubig entgegennahm und nun überall das Gegenteil jener lügenhaften Behauptungen am eigenen Leibe erfährt. Kein Wort der Verachtung aber ist stark genug, um jene niederträchtigen Zeitungsschreiber zu geißeln, die anouhm unter der Maske militärischer Autorität ihre Landsleute in den Krieg hineinhetzten, indem sie den deutschenRivalen als schwach und kriegsuntüchtig hinstellten.

Der Artikel erschien im August; er muß etwa im Juni 1914 e worden sein. Es wäre naiv, zu glauben, daß er nicht bestellte Arbeit gewesen sei.

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In einem sehr wirksamen Gegensatz zu dem vorstehend bespro⸗ chenen und kritisierten Aufsatz steht folgendes Schlußwort des neu⸗ tralen Beobachters derDaily Mail, der seine Eindrücke bon Deutschland während des Krieges zusammenfaßt. Er betont die erstaunliche Einheit und Kraft des deutschen Geistes.

Ich stimme nicht jenem hervorragenden englischen Kriegs⸗ sachverständigen bei, der meint, daß Deutschlanduntergekriegt sein wird, drei Monate nachdem eine beträchtliche Zahl feind⸗ licher Truppen eingedrungen ist und deutsches Gebiet besetzt hat. Auch dann noch werden sie kämpfen, denn ich glaube nicht mehr und nicht weniger, als daß die Deutschen wirklich er⸗ füllt sind von dem Geist Friedrichs des Großen wie sie es sagen und daß sie wie er im Kämpfen aushalten wer- den bis zum letzten Mann und zum letzten Hauch. Die Ereig⸗ nisse können meine Ansicht als falsch erweisen. Aber meine Auf⸗ gabe bestand darin, eine Anschauung aufzubauen auf dem, was ich gesehen und gehört habe. Laßt uns doch ehrlich miteinander

neues zur vorgeschichte des Nibelungenliedes.

Das Nibelungenlied, wie es als deutsches Nationalepos vor⸗ liegt, ist das einer langen Entwicklung, in der sich der

Sagenstoff langsam gestaltete. lleber diese Vorgeschichte des Nibe⸗ lungenliedes haben sehr viele Forscher gearbeitet und ein reiches Material 1 das uns einen Einblick in das Wach⸗ sen und den der Volksdichtung gestattet. Eine neue Glie⸗ derung der einzelnen Vorstufen, die der überlieferten Form des Epos vorausgingen, bietet Prof. Andreas Heusler in einer Abhandlung der Sitzungsberichte der Berliner Akademie der Wis⸗ senschaften, in der er die Heldenrollen im Burgundenuntergang zum Gegenstand seiner Forschung macht. Das allmähliche An⸗ wachsen der Heldenreihe gibt ihm ein Mittel in die Hand, um die einzelnen Phasen, in denen der Nibelungenstoff dichterisch in die Erscheinung trat, zu prüfen und die Umformungen des Stoffes in den einzelnen Liedern zu erkennen. Während die älteste Stufe nur zwei Helden kennt, Gunther und Hagen, gibt es in un Nibelungenlied eine große Anzahl genaunter Hel⸗ den, sechs auf seiten der Burgunden und zehn auf seiten der Hunnen. Langsam treten die einzelnen Heldengestalten hinzu, je nachdem ich neue Zuflüsse anderer Sagenquellen mit dem Strom der 8 1 Am Anfang der Entwicklung, so weit wir sie erkennen können, steht das ältere Atlilied der Edda mit seinen 13 Strophen. Aber dieser eddische Liedtext konnte ja nicht ohne weiteres den Ausgangspunkt unseres Nibe⸗ lungenliedes bilden, sondern dazu war ein deutscher Stammvater notwendig, und dieser läßt sich aus dem Atlilied mittelbar er⸗ schließen. Diese älteste Stufe der deutschen Nibelungen⸗ ichtung, das altfränkische Burgundenlied, muß eine ähnlich ein⸗ dache knappe Anlage gehabt haben wie die Vorlage aus der ddo. Eine zweite Stufe läßt sich ebenfalls aus einer nzordischen Dichtung wiederherstellen. Die Niflungasage erzählt nämlich um die Mitte des 18. Jahrhu int norwegischer rosa den Untergang der 2 ihr liegt ein älteres ürzeres deutsches Epos zu Grunde, das aber bereits nicht mehr in en, sondern in Bayern entstanden sein wird. Diese zweite Urform des Nibelungenstoffes, das ältere baiwarische Epos, etzt also ein Hauptereignis in der Geschichte der Burgundenfage voraus: die Ei ig dieses fränkischen niederrheinischen Liedstoffes baiwarische Gebiet, in die Donaulande. Die Niflunga⸗ sage ißt nicht etwa tine reine Uebertragung des oberdeutschen

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ä

Epos. Es sind Entstellungen eingetreten, die dem nordischen Sammler und Verfasser mitunterliefen. Immerhin hat die nor⸗ dische Saga ihr ganzes Gerüst, das allermeiste ihres Inhalts, aus dem baiwarischen Epos übernommen. Aber die Nacherzähler diesesbayrischen Epos waren Niederdeutsche, die eine im Sach⸗ senland alteingebürgerte Nibelungentradition kannten. Ein solches Lied in süchsischem Munde wird durch dänische Zeugnisse aus dem Jahre 1131 bezeugt. So traten also sächsische und niederdeutsche üge hinzu, und auch eine Ortsage aus Soest wirkte mit ein, die die Vorgänge der Burgundendichtung, so das Gastmahl, Gunthers Tod und Hagens Sturz im Kampfe, in Soest lokali⸗ siert hatte. Die fränkische Sage muß nach Heuslers Forschungen vielleicht schon im 6. Jahrhundert, jedenfalls spätestens im 8. Jahrhundert, zu den Baiwaren gekommen sein. Die An⸗ nahme einer lateinischen Nibelungendichtung des 10. Jahrhun⸗ derts, von der unser Nibelungenlied eine Uebersetzung darstellen müßte, lehnt er ab. Vielmehr nimmt er an, daß das älter baiwarische Epos, das der Niflungasaga zugrunde liegt, in den Donaulanden noch eine weitere Umformung und Anpassung an die dort übliche Heldentradition erhielt und so zu einer drit⸗ ten Vorstufe unseres Nibelungenliedes umgebildet wurde, zu dem sogen.älteren Epos. In ihm erhielt Rüdeger von Bech⸗ laren zuerst seine große Rolle: es war rauher, derber und männ⸗ licher als sein höfischer Nachfolger und muß etwa um das Jab 1160 entstanden sein, noch ein gutes Menschenalter vor unserm Nibelungenlied. Hier wurde auch das Hauptmotiv völlig um⸗ estaltet und aus der Bruderrache Krimhildens an ihrem Gatten Etzel, wie sie die alte Burgundendichtung schildert, wurde die Gattenrache Krimhildens an ihren Brüdern. Um 1200 entstand dann die vierte und letzte Stufe, die einzige uns unmittelbar erhaltene, unser Nibelungenlied, in dem die ganze Darstellung stark perbreitert war und die Burgundensage mindestens den doppelten Umfang einnahm von dem imälteren Epos. *

Beethoven und Wagner in Paris. zosen nehmen es mit ihrem neuen Patriotismus sehr genau und wollen die Kunst der Feinde unter keinen Bedingungen mehr unter sich dulden. Die Theater richten sich danach spielen nur noch patriotische Stücke oder wenigstens Werke, die irgendwie mit dem Krieg zusammenhängen. Ter gute alte Corneille, den man längst zum 2 Eisen hatte, erlebt nun mit seinem pathetischen

Die Fran⸗

1 ** 2 . sein! Die Deutschen haben Wunder in diesem 1

Kriege vollbracht. Die innere Organisation ihrer wirt⸗ schaftlichen Kräfte ist über alles Lob erhaben. Ich denke, es ist anständig und klug, zu sagen, daß Deutschland trotz seiner Ver⸗ luste und mancher Rückschläge, gefragt, ob es sich jetzt ergeben wolle, mit Recht entgegengehalten würde, daß eserst zu kämpfen begonnen hat.

DieSendung.

Der Umstand, daß Zar Nikolaus oder der Generalissi⸗ mus Großfürst Nikolai Nikolajewitsch man weiß nicht, wer von den beiden zurzeit Selbstherrscher aller Reußen ist Militärmissionen zu den Verbündeten, nach Serbien, Montenegro, Frankreich und England, entsandt hat, verdient Beachtung, wenn auch über den Zweck dieser Missionen nichts offiziell bekannt ge⸗ worden ist. Es bedarf freilich keiner Sehergabe, um diefen Zweck zu erraten. Den lieben Serben und Montenegrinern dürfte man eröffnet haben, daß Mütterchen Rußland, auch a wenn Väterchen Zar wollte, den slawischen Brüdern nicht mehr helfen könne, da es selbst in der Patsche sitze. und den französischen und englischen Alliierten wird man wohl darüber reinen Wein eingeschenkt haben worüber sis sich freilich schon aus den deutschen Generalstabsberichten hätten unterrichten können, daß die russische Dampf⸗ walze völlig versagt hat, und daß die große Armee des Zaren sich nicht auf dem Wege nach Berlin, sondern auf dem nach Warschau usw. befindet. 9

Selbst wenn man die aus Sofia gekommene Mittei⸗ lung über den tiefgehenden Konflikt zwischen dem Zaren 9 Nikolaus und dem Großfürsten Nikolajewitsch sowie die Gerüchte über den wachsenden Einfluß der Witteschen Frie⸗ denspartei mit dem nötigen Vorbehalt aufnimmt, ist doch an der Tatsache nicht zu zweifeln, daß die ungeheuren Verluste, welche die russischen Armeen erlitten haben, des weiteren ihr in immer stärkerem Maße fühlbar werdender Mangel an Geschützen und Gewehren im Verein mit der Kohlen- und vor allem der Geldnot die Lage des Zaren⸗ reiches als im höchsten Maße gefährdet erscheinen lassen, um so mehr, da die wachsende Nahrungsmittelnot das ersetzen könnte, was der revolutionären Bewegung durch den Krieg an Stoßkraft entzogen wurde.

Wie groß die Geldnot in Rußland trotz des eben ganz unzureichenden Pumps bei den Franzosen und Eng⸗ ländern ist, geht aus einem sehr beachtenswerten Artikel des vielfach offiziös benutztenRuskejo Slovo hervor, worin den Engländern und Franzosen offen der Vorwurf gemacht wird, daß sie Rußland finanziell im Stich ge⸗ lassen hätten, und worin England zur finanziellen Hilfe⸗ leistung mit der Drohung aufgefordert wird:Wenn dies nicht in wenigen Wochen geschieht, so wäre Rußland ge⸗ zwungen, mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn einen Separatfrieden zu schließen. Jedenfalls geht aus dieser unverhüllten Drohung hervor, wie die Stimmung im Zarenreiche gegenüber dem intellektuellen Urheber dieses Weltkrieges, gegenüber England ist, wobei freilich zu beachten ist, daß diese lieblichen Auseinandersetzun⸗ gen zwischen den Verbündeten bereits auf der ganzen Linie eingesetzt haben. 5

Die Franzosen werfen den Russen vor, daß sie ihre Kräfte der Donaumonarchie gegenüber verzettelt haben, statt in Deutschland einzudringen, um so Frankreich zu ent⸗ lasten, während die Russen umgekehrt die Franzosen be⸗ zichtigen, es jetzt, wo ein Teil der deutschen Streitkräfte nach dem Osten abgezogen wurde, an der nötigen Durch⸗ bruchsenergie fehlen zu lassen. Die englischen Militär⸗ kritiker wiederum finden recht viel an der russischen Taktik auszusetzen und stellen zugleich fest, daß die Vorstöße der Franzosen mehr den Anschein erwecken sollen, als ob etwas geschehe, während man es an der nötigen Stoßkraft fehlen lasse. Die Franzosen wiederum beschweren sich bitter dar⸗ über, daß England Kitcheners vielgerühmte Armeen vor⸗ sorglich in England behalte, und daß die britische Flotte sich mit derselben Vorsorge in den heimischen Häfen ver⸗ barrikadiere oder sich damit begnüge, auf harmlose Han⸗

Heldentum eine Auferstehung, und das früher so ironische und spöttische Paris, das sonst über das Gerassel der Alexandriner lachte, jubelt begeistert auf, wenn der jüngere Horatius in denHora⸗ tiern des Corneille deklamierte:Wie, ihr beweinet mich, weil ich fürs Vaterland sterbe? oder der ältere Horatier ruft:Tun wi: nur unsere Pflicht und trauen wir den Göttern. Den musikalischen Teil des Programms bestreiten bei allen Aufführungen die un⸗ vermeidlicheMarseillaise, MéhulsChant du Départ und die

Nationalhymnen der verschiedenen Verbündeten. Deutsche Musik ist ausgeschlossen, und selbst von Beethoven und Wagner, die im Konzertleben von Paris die Hauptrolle spielten, will man seit dem Kriegsausbruch nichts wissen. Doch ohne die beiden geht es nun einmal nicht, und so gewöhnt man die Pariser ganz sacht wieder an die Musik derBarbaren. Verhältnismäßig leicht ist das noch bei Beethoven. Denn die Franzosen haben ja entdeckt, daß er eigentlich ein Vlame ist und deshalb aufs engste zu ihren guten Freunden, den Belgiern, gehört. So hat man es denn mit ziem⸗

licher Ruhe aufgenommen, daß die Dirigenten Chepillard und Pierns die abwechselnd die während des Krieges miteinander vern⸗ einigten Colonne- und Lamoureux⸗Konzerte dirigieren, erklärt haben, Beethoven werde demnächst auf dem Programm erscheinen. Schlimmer steht es mit Wagner; bei ihm sucht man die un⸗ patriotische Musik durch möglichst patriotische Texte erträglich zu machen. So singt z. B. der Bariton Renand in den Wohltätigkeits⸗ konzerten für Verwundete das Lied an den Abendstern aus dem Tannhäuser, aber als Text ist dazu ein Hymnus auf Frank⸗ reichs Größe gedichtet worden, und mit dem gleichen Mittel sucht man auch andere Musikstücke Wagners zuretten. Ueber⸗ haupt ist Wagner gar nicht so schlimm, wie Vincent d'Indy heraus⸗

gefunden hat. Dieser Mann, von dem der französische Komponist das meiste gelernt hat, war doch wenigstens königlich⸗sächsischer Kapellmeister und Sachse von Geburt. Um wieviel schlimmer ist erst ein königlich⸗preußischer Komponist, und diesen hat er in Giacomo Meyerbeer entdeckt, den die Pariser als einen der Ihren so lange gefeiert und dessen Andenken sie sogax durch eine Straße. durch die Rue Meyerbeer dicht hinter der Oper, geehrt haben. d'Indy beweist nun klipp und klar, daß dieser Meyerbeer eigent⸗ lich Johann Meyer Beer heißt, aus Berlin stammt und der einzige Komponist ist, den Preußen hervorgebracht hat. Die Erin 8 an dieses musikalischeUrbild des Preußentums darf nach 1. Ansicht des französischen Meisters an den Straßenecken von Pari 15 nicht mehr geduldet werden. 1