Ausgabe 
(16.1.1915) 13. Erstes Blatt
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werden damit weit höhere Werte geschaffen, da man bei der landwirtschaftlichen Ausnutzung 8 Pfennig Ertrag auf den Quadratmeter, bei gärtnerischer dagegen bis zu 40 Pfennig und noch höher rechnen kann. Ein Beispiel: Auf einem Quadratmeter bringen 16 Salatpflanzen, pro Stück nur mit 3 Pfg. angesetzt, 48 Pfg. Ertrag. Dabei kann der Boden mehrmals nacheinander bepflanzt werden. Dabei handelt es sich bei der ersten Angabe um den Rohertrag, von dem die Arbeitskosten z. B. nicht abgezogen sind, während bei der zweiten Angabe ein solcher Abzug nicht stattzufinden braucht, da die Arbeitskräfte eben frei sind.

Die Verpachtung der Parzellen ohne Zaun und Garten⸗ häuser dürfte wenig Gegenliebe finden. Der Reiz der Betätigung im Freien liegt hauptsächlich darin, daß der Päch⸗ ter das Gefühl hat, innerhalb seiner eigenen, festgefügten Grenzen zu arbeiten, wo ihm niemand dreinreden kann, wo jede Beschädigung der Pflanzungen durch Mensch und Tier nach Möglichkeit ee ist, wo der stabile Zaun jedes Gefühl der Unsicherheit ausschließt und die Vor⸗ stellung der eigenen vier Wände erweckt. Wenige, die Lust an der Gartenarbeit verspüren, werden Neigung haben, sich mit dem Grabscheit aufs freie Feld zu stellen.

Eine möglichste Beschleunigung der Angelegenheit würde in den Kreisen der Liebhaber mit Freude begrüßt werden, zumal dann die Gewähr gegeben ist, daß die nütz⸗ lichen Folgen sich auch zur rechten Zeit bemerkbar machen. Da es letzten Endes nicht darauf ankommt, wieviele Natur- freunde vor einem schönen Gartenhäuschen ihre Zeitung lesen können, sondern darauf, wie möglichst viele Menschen⸗ und Bodenkräfte dem Gemeinwohl nützlich gemacht werden können, so erscheint die Hoff nung berechtigt, daß die Stadtverordnetenversammlung demnächst einem neuen, sich in der angegebenen Richtung be wegenden Vorschlag der landwirtschaftlichen Deputation zu⸗ stimmen können wird. 5

» Direktor Bergen, der frühere Leiter des Städtischen Gas werks, ist gestern abend gestorben.

» Reichsgründungs feier. In der am Montag, den 18. Januar, im Klubsaale stattfindenden Reichsgründungs⸗ feier wird Fräulein Stammler Lieder von Frank, Holländer, Henschel, Brahms und Loewe, der Bauer'sche Gesangverein Chöre von Weber, Pütz, Wohlgemuth und Gluck-Reinecke singen. Herr Pianist J. Hahn wird dasAlla Marcia von Hiller und das Rondo capriceioso op. 14 von Mendelssohn zum Vortrag bringen. Die Festrede hält Freiherr v. Vietinghoff⸗ Scheel, Wiesbaden. Der erste Vorsitzende der veranstaltenden Ortsgruppe wird über neue Aufgaben des Alldeutschen Verbandes sprechen.

* Marcell Salzer, der Wanderfrohe, hatte gestern abend wieder einmal den Weg nach Gießen gefunden und bot im Stadttheater einer zahlreichen und dankbaren Gemeinde die bunten, reichen Gaben seiner hohen Kunst. Die gewaltigen Er⸗ scheinungen unserer Zeit haben, wie sichs versteht, gerade einem Künstler, wie es Salzer ist, Besonderes zu sagen, und wenn dieser schon in Friedenszeiten sein Publikum aus den Niede⸗ rungen des Alltags auf Höhen führt, von denen sich die Welt anders ansieht um wie mannigfachere und lohnendere Mittel dazu geben ihm die Dichtkunst unserer Tage und die von vorn⸗ herein auf Großes, Erhabenes eingestellte Stimmung der Zu⸗ hörer jetzt an die Hand. Die Flügeltür fliegt auf, ein Rund⸗ kompliment des kleinen Professors, ein Händeklatschen unten im Saal und alles ist im Bilde, der Kontakt zwischen Publikum und Vortragenden ist da, um für ein paar Stunden nicht mehr abzureißen. Was Salzer gestern abend bot, hatte zum über⸗ wiegenden Teil Mars zum Paten gehabt. Mit schwerem, eher⸗ nem Tritt stampfte unter dem atemlosen Schweigen der Kriegs⸗ gott irgend wo in der Ferne, wie jauchzende Fanfarenklänge schmetterten dazwischen Lilienkrons helle, sieghafte Strophen, wie ein unbezwingleches Lachen unter Tränen perlte der feldgraue Humor dazwischen Harmonikaklänge im Kugelregen, wie der Künstler sagte; und der Schalk prustete seine schallende Heiterkeit, stille Beschaulichkeit malte Interieurs voller Liebe, Melancholie, Rüh⸗ rung und Freude, wie es gerade kam, die Leidenschaft reckte sich empor und griff heiß und kalt an die Herzen und in allem zeigte Marcell Salzer, daß deutsche Dichtkunst der kristallklare Spiegel wie des Blitzes so auch der innerlichsten Regungen der Volksseele sein kann. Aeußere Höhepunkte, was den Beifall und den Jubel der Hörer anlangt, waren wohl PetöfysSchlacht, LissauersHaßgesang gegen England, de Noras Stim⸗ mungsbildchen aus Bayern, Ganghofers zbwerchfellerschüt⸗ ternde Dackelgeschichte und Ettlingers aus der Jugend bekannter Feldpostbrief Tommy Atkins an seinen Freund Grandebouche. Der Beifallssturm erreichte den Gipfel nach dem Vortrag eines blanken, schneidigen Gedichtchens von unserem Theaterdirektor Steingoetter, dessenSiegeswünschen Salzer das rechte Echo lieh. Rein künstlerisch mögen Kleists Anekdote aus den Be⸗

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freiungskriegen und das hervorragende StimmungsbildDer Mann mit dem eisernen Finger am höchsten zu bewerten gewesen sein, während LissauersHaßpredigt trotz ihrer unheimlichen, auf⸗ wühlenden Gewalt uns auf einer Empfindung aufgebaut zu sein scheint, die dem Deutschtum innerlich fremd ist. Deutscher Zorn ist heilig, deutscher Haß ein Widerspruch. Salzer schied, bejubelt wie ein Feldherr, mit dem Versprechen, in zwei, drei Monaten an gleicher Stelle den Sieg verkünden zu wollen. Fast mochte mans glauben, so hatte er die Hörer in die Wahrheit seiner Dichtung

gezwungen. Kreis Lauterbach.

Schlitz, 11. Jan. Ein Pfarrer des Schlitzerlandes schreibt uns: Als in der Kirche eines kleinen Filialdorfs eine Kollekte für die Notleidenden in Ostpreußen und im Elsaß er- hoben wurde, spendete hierzu die Spinnstube den schönen Be trag von 21 Mk., außerdem für noch einen anderen wohltätigen Zweck 10 Mk. So konnte der Pfarrer ausnahmsweise auch einmal der Spinnstube ein Lob zuteil werden lassen.

SGerichtssaal. Berlin, 15. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) DasBer⸗ liner Tageblatt meldet aus Magdeburg: In das Gefängnis des hiesigen Polizeipräsidiums wurden fünf englische Offiziere eingeliefert zur Verbüßung einer achttägigen Arreststrafe, die gegen sie erkannt wurde, weil sie mit den ihnen gelieferten Kommißbroten Fußball spielten

Wetteraussichten in Hessen am Sonntag, den 17. Jan. 1915: Unbeländig, zeitweise Niederschläge, nuld, südwestliche Winde.

Letzte Nachrichten.

(WB.) Großes Hauptgnartier, 16. Jan., vorm. (Amtlich.) Westlicher Kriegsschauplatz. In der Gegend von Nieuport fanden nur Artilleriekämpfe statt.

Feindliche Angriffe auf unsere Stellungen nordwestlich Arras wurden abgewiesen. Im Gegenangriff eroberten un⸗ sere Truppen zwei Schützengräben und nahmen die Besatzung gefangen, 8

as in letzter Zeit oft erwähnte Gehöft von La Boisselles, nordöstlich Albert, wurde gänzlich zerstört und von Franzosen gesänbert.

Nordöstlich Soissons herrschte Ruhe. Die Zahl der in den Kämpfen vom 12. bis 14. Januar dortselbst eroberten französischen Geschütze hat sich auf 35 erhöht.

Kleinere für uns erfolgreiche Gefechte fanden in den Argonnen und in dem Walde von Conseuvoye östlich Verdun statt.

Ein Angriff auf Ailly, südöstlich St. Mihiel, brach unter

unserem Feuer in der Entwickelung zusammen.

In den Vogesen nichts von Bedeutung.

Oestlicher Kriegsschauplatz. Lage unverändert. Die regnerische und trübe Witterung schloß jede Gefechts⸗ tätigkeit aus. Oberste Heeresleitung.

Das Erdbeben in Italien.

Rom, 15. Jan. WieGiornale d'Italia aus Pescina gemeldet wird, ist dort die Zahl der Opfer ganz besonders groß. Von den 6000 Einwohnern des Ortes sind nur 1500 am Leben geblieben. DieTribuna meldet aus Sora, daß auf dem Friedhof Erdspalten von einigen Metern Länge entstanden sind, aus denen Schwefeldämpfe und schwefel⸗ haltige heiße Quellen hervortreten. Nach Blättermeldun⸗ gen ist übrigens die Zahl der Opfer nicht so groß, wie man zuerst befürchtete. Von 17000 Einwohnern sind nur etwa 30 noch unter den Trümmern begraben; bisher sind 60 Leichen aufgefunden worden.

Avezzano, 15. Jan.(WTB. Nichtamtlich.) Von den 5 des hiesigen Bezirkes sind Paterno und Ca p⸗ pello vollständig zerstört worden. In der ersteren Ort⸗ schaft schätzt man die Zahl der Toten auf 1000 unter 1800 Einwohnern. Sampelino liegt beinahe ganz in Trümmern. Von 1600 Einwohnern sind schätzungsweise 1000 tot.

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Betr.: Reichswollwoche. An den Oberbürgermeister der Stadt Gießen und an die Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden

des Kreises.

Unter Bezugnahme auf die im Gießener Anzeiger(Kreisblatt) vom 15. d. Mts. erschienene Bekanntmachung nebst Aufruf ersuchen. wir Sie auf Anordnung Großh. Ministeriums des Innern den Ihnen in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren mit der Post zugehenden Abdruck desAufrufs

1. an der Ortstafel oder sonst geeigneten Stellen öffentlich auszuhängen und weiter

2. in den Landgemeinden den Inhalt des Aufrufs noch durch die Schelle bekannt zu geben.

Was die zu schaffenden lokalen Organisationen an⸗ langt(ogl. Schlußsatz unserer Bekanntmachung vom 14. d. Mts., abgedruckt im Kreisblatt vom 15. d. Mts.) wird gleichfalls nach ministerieller Anordnung

a) in der Stadt Gießen das Erforderliche durch den Herrn Oberbürgermeister in die Wege geleitet werden,

b) in den Landgemeinden die Sammeltätigkeit nebst den damit zusammenhängenden sonstigen Arbeiten durch die bereits bestehenden bewährten Ortsausschüsse für Rotes Kreuz und Kriegshilse zu organisieren und durchzuführen sein.

Den Großh. Bürgermeistereien der Landgemeinden wird

die Aufgabe zufallen, den Ortsausschüssen, denen nebst den erforderlichen Anschreiben auch alle nötigen Druck⸗ sachen von hier aus unmittelbar zugehen werden, in jeder Weise fördernd zur Seite zu stehen und ihre Arbeit nach Kräften zu unterstützen.

Gießen, den 14. Januar 1915.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. Dr. Usinger.

Bekanntmachung. Betr.: Die Beschaffung von Heeresbedarf. Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß von dem Königlich⸗Preußischen Kriegsministerium angeord⸗ net worden ist, daß a) sämtlichen Fabrikanten und Händlern die Veräuße⸗ rung der bei ihnen lagernden eigenen und fremden Be stände, sowie der eigenen bei Spediteuren und in Lager häusern lagernden Beständen an wollenen, wollgemischten, halbwollenen und baum⸗ wollenen Decken sowie an Filzdecken soweit nicht die Stücke nachweislich zur Ausführung eines un⸗ mittelbaren Auftrages einer Heeres- oder Marine⸗ 1 bestimmt sind bis auf weiteres verboten ist, un b) daß die Fabrikanten und Händler den Ortspolizei⸗ behörden binnen drei Tagen nach Erlaß der An⸗ ordnung eine Aufstellung dieser Bestände einzureichen haben, soweit es sich um mindestens 50 Stück insgesamt handelt, damit die Heeresverwaltuno diese Bestände nötigenfalls ankaufen kann. Darmstadt, den 12. Januar 1915. Großherzogliches Ministerium des Innern. von Hombergk.

Betr.: Die Beschaffung von Heeresbedarf.

An das Großh. Polizeiamt Gießen und die Ortspolizei⸗ behörden des Kreises.

Unter Bezugnahme auf vorstehende Bekanntmachung be⸗ f

auftragen wir Sie, darüber zu wachen, daß die von den Fabrikanten und Händlern einzureichenden Nachweisungen die Art und Menge, sowie den Aufbewahrungsort

der sichergestellten decken und den Namen(d. Firma) der Besitzer enthalten und daß die Bestände vorläufig in den

Lagerräumen zur alleinigen Verfügung des Kgl. Preußischen schen Kriegsministeriums verbleiben.

Ueber die Freigabe einzelner Stücke oder eines Teiles der beschlagnahmten Menge trifft die genannte Militär⸗ ü

behörde später Bestimmung.

Im übrigen haben Sie festzustellen, ob alle Bestände 4 von den Fabrikanten und Händlern angezeigt sind. Auch wird

Ihnen zur Pflicht gemacht, die Bestände in geeigneter Weise gegen unbefugtes Beiseiteschaffen bis zum Eingang einer 1 5 Verfügung des Kgl. Preußischen Kriegsministeriums zu sichern.

Die von den Besitzern eingereichten Nachweisungen haben Sie zutreffendenfalles sofort mit der Bescheini⸗ gung zu versehen, daß alle Bestände angezeigt sind, und als⸗

dann umgehend bei uns vorzulegen. Gießen, den 15. Januar 1915. ö Großherzogliches Kreisamt Gießen. J. V.: Hechler.

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