„Ja, wir wollen es wagen," antwortete der älteste von ihnen.
„Ihr braucht aber noch ein paar Barschen dazu."
„Dring»»win den Bergen haben wir Freunde genug, die die Sache mitmarhen wollen, wenn sie —' rentabel ist,
Gospodin."
„Versteht sich. Ich deponiere hier beim Kaufmann Music zehntausend Dinare mit dem Auftrag, sie euch auszuzahlen, wenn die Gräfin frei ist. Und hundert Dinare erhält leder von euch, der sich mir zur Verfügung stellt..."
Ray blieb noch ein, zwei Tage in Sarajevo, um sich über die Aussichten einer bosnischen Insurrektion zu orientieren. Zu seiner großen Enttäuschung erfuhr er, daß sie nur sehr gering waren. Die Türken in Bosnien dachten gar nicht daran, sich gegen die österreichisch-ungarische Herrschaft aufzulehnen, der sie so viel verdankten, die römischen Katholiken waren von Haus aus reichstreu, und die Serbe» waren in mehrere Parteien gespalten, die wohl alle national waren, aber nur zum geringsten Teil kriogerische Gelüste hegten.
Höchstens dort, wohin der rusiische Rubel und der serbische Dinar gerollt, erging man sich in mehr oder minder großserbischen Phantasien. Das eine und das andere Haus diente wohl auch als Stapelplatz für die von Serbien hereingcschmuggclten Gewehre und Bomben.
Aber wie Ianko Music dem Fürsten kleinlaut gestand, waren keine Leute da. die Gewehre abzuschießen und die Bomben zu werfen. Die Landbevölkerung fühlte sich viel zu wohl unter der geordneten österreichischen Verwaltung, als daß sie sich danach sehnte, sie mit einer anderen zu vertauschen Die türkische war nicht sehr empschlenswert und die serbische — wie die Serben selber sagten — erst recht nicht. Der Bauer kennt keine Ideale, er ist Realist, und bei ihm geht der Patriotismus über seinen Acker. Wer ihm den am besten schützt, den liebt er uno dem hängt er an.
Also sprach der Serbe Ianko Music zu dem Sendapostel des Krieges, zum Fürsten Ray. lind in dieser'Tonart antworteten ihm die meisten, als er am Tage seiner Abreise in das Haus seines Gastfreundes eine große Bcrsamnr- lung sämtlicher Parteigänger Serbiens einberief.
Eine slammende Rede hielt er ihnen. Me Serben seien dazu berufen, Oesterreich-Ungarn den Todesstoß zu versetzen.
Und er sprach und sprach. Wendete die ganze Kunst seiner Beredsamkeit auf — vergebens. Me paar Studenten, die dabei waren, schrien wohl „Zivio!", aber die älteren Männer blieben ruhig.
„Wir sind so gute Serben, wie je einer am anderen User der Drina," antwortete Dr. Vledemorowitsch. der ehemalige Insurgent, „und kennen keinen sehnlicheren Wunsch als die Vereinigung mit Serbien, aber wir können uns nicht nutzlos opfern. Oesterreich ist stark, wir wissen es hier aus eigener Anschauung, und Serbien ist ihm leider nicht gewachsen. Und die Slawen Oesterreichs? Denen geht cs viel zu gut in der Monarchie, als daß die sich rühren! werden. Ick spreche nicht ins Blaue hinein, Durchlaucht, ich war in Larbach, rn Prag, in Galizien drüben — mit dem Deutschenhaß ist es gar nicht so weit her. Das ist nur mehr eine Art Kampsschrei der Leute, die von der Politik leben. Nicht eine Hand rührt sich in Oesterreich für unsere Sache. Ich habe meine Freunde in Belgrad oft genug gewarnt, sie sollen sich da nicht von weiß Gott wem zum Narren halten lassen. Ja, zeigen Sie uns, daß Oesterreich tatsächlich morsch ist, schlagen Sie es in offener Feldschlacht — dann gelingt es Ihnen vielleicht, hier die Begeisterung zu wecken. Aber früher, Durchlaucht, früher — nicht! Wir können nicht alles aus eine unsichere Karte setzen."
Mit diesem Bescheid fuhr Ray nach Belgrad zurück. Er hatte natürlich nicht das geringste Interesse daran, den Leuten hier die Wahrheit zu sagen. Im Gegenteil, er verdrehte die Worte, die inan ihm gesagt, und tischte sie so den Staatsmännern in der serbischen Hairptstadt als Wahrheiten aus.
„Die bosnische» Serben warten nur darauf," sagte er ihnen, „daß Serbien losschlägt. Bei dem ersten Sieg, den wir erringen, steht ganz Bosnien aus."
Und nun entwickelte er folgenden Plan:
„Wir müssen Oesterreich-Ungarn dazu bringen, daß es uns ein Ultimatum stellt. Die Sache wird doch so schwer nicht sein. In der Nacht, in der das Ultimatum abläuft, gehen wir hier bei Belgrad über die Save mit einer Db,
bision. Me Ufer sind hier Wr nicht bewacht, noch wenige« geschlitzt. Ein paar Finanzer und Gendarmen patrouillieren hier auf und ab. Zum Beispiel das Pulvermagazin der Semliner Garnison hat heute noch eine Wache von acht bis zehn Mann. In Semlin liegen in Wirklichkeit zwei Bataillone und eine Eskadron. In Jmdija, Runa und Mitro- witz liegt auch je eine Eskadron lieber diese paar Mann marschieren wir glatt hinweg und sind in einem forcierten Tagesmarsch vor Neusatz und Peterwardein. Mit der Brigade hier tverden wir auch fertig, ehe die Oesterreichev Truppen Heranwersen können.*) Nun stellen Sie sich oie Wirkung vor, meine Herren, wenn die Welt lesen wird, die Serben haben Peterwardein genommen und sind im Vormarsch auf Budapest! Das ist kein Funken mehr, das ist eine Bombe, die in das slawische Pulverfaß fliegt. Wir haben den moralischen Erfolg für uns und den Krieg halb ewonnen. Der Krieg znnschcn den, großen Rußland und cm k.eine» Japan wurde auch durch den ersten Angriff der japanischen Torpedoboote aus Port Arthur eiuschiedcn. Peterioardetn soll Serbiens Port Arthur werden!"
Der kühne Plan fand allgemeine Billigung: die serbischen Militärs waren geradezu begeistert davon. Die Armee halle den Mnler über Zeit gehabt, sich zu rüsten. Uw- aushörlich rollten von Saloniki die Züge herauf, die Geschütze, Geschosse, Gewehre und sonstige Ausrüstungsgegenstände nach Serbien schleppie». Die verschiedenen Jahrgänge der Reserve wurden nacheinander einberufen, der Kriegs- rausch, der de» Winter über etivaS eingeschlafen war, kam wieder über das Land. Me Sprache der Zeitungen wurde schärfer und schärfer: die Straßen Belgrads hallten neuerdings ivider vom alten „Dole Austria!" In Schabatz rissen sie die österreichische Flagge von eincin Dampser herunter und beleidigten den österreichischen Lizekonsul. Immer dichter ballten sich die Gewitterwolken zusammen.
Und Rap hetzte und bohrte und wühlte unaufhörlich. In seinem Bericht, den er nach Petersburg absandte, konnte er sich nicht genug tun in der Schilderung der Begeisterung für die serbische Sack>e in Bosnien. Seinem Berichte nach konnten es die Serben, Montenegriner und Bosnier gar nicht mehr erwarten, daß sie losschlagen durften. Sie war>- teten nur auf den Befehl Rußlands.
Rap aber ließ es dabei nicht beivendcn. Er erzählte dem Kronprinzen von der Gefangenschaft der Gräsin und schürte damit das Feuer, das in des jungen Menschen Brust lohte.
„Es gelang mir," berichtete er, „sie h imlich zu sprechen. In Racovac halten sie sie gefangen >vie eine Mörderin. Sie sitzt in ihrem Verlies und sehnt sich nach einem Befreier, der ihr aus Belgrad kommen soll. .Sagen Sic ihm ' trug sie mir auf, ,daß ich ihn erwarte.' Königliche Hoheit, das Weib ist noch schöner geworden, aks es war!"
Und dann traf es sich immer so gut, daß der Nationalheld Nr. 2, Nuschic, gerade einen Denwnstralionszug vor die Villa des Kronprinzen führte und dieser seine frisch an-- gesachtc Wut gleich, ehe sie noch kalt wurde, zum Fenstev hinansschreien konnte.
Und durch Belgrad brauste der Ruf: „Dole Anstrial" lFortsetzung folgt.)
*) Dieser Plan soll tatsächlich bestanden haben
Der Katechismus von vileam junior.
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Frage: Hälft du es für glaubwürdig, daß die serbische Regierung und das serbische Volk sich zu Mord und Falschheit verbunden hätten, wenn sie nicht die Gewißheit hatte», Rußland würde ihnen den Rücken stärken?
Antwort: Dos ivird behauptet.
Frage: Hat Rußland wirklich ein selbstloses Interesse an der Errichtung eines südslavischen Reiches?
Antwort: Wie sehr es das hat, läßt sich leicht dartuil, Rußland macht seit vielen Jahren eifrig Propaganda für den Panslavismus, worunter man die Vereinigung aller Slaven nnler dem Zaren und dem Proknrawr der Heiligen Synode der russischen Kirche versteht.
Ties allein schon sollte unS beiocisen, wie sehr Rußland an der Erriclstung eines starken, stolzen, unabhängigen Süd- stavenreiches liegen muß
Nun aber ist es außerdem Rußlands höchster Ehrgeiz, Koir- stontinopel in feinen Besitz zu bekommen. Ein freies, kräftiges, südslavisches Reich aber würde ihm durch seine bloße Ezistenz für immer die Erfüllung dieses Planes zur Unmöglichkeit machen.


