Kn den Wern der Drina.
Plomcm aus der Zeit der Annexion von Ernst Klein.
(Nachdruck verboten^
(Fortsetzung.)
Am anderen Morgen stellte sich der Komidatschi ein.
„Hör' mich an, Mirko", sagte Ray zu ihm. „Du bist doch ein Mann, der mit einer Büchse auch zu treffen weiß, wenn er schießt."
„Will ich meinen, Gospodin", lachte der Mann. „Hab' Manchem Türken und Bulgaren drüben in Mazedonien das Sterben leicht gemacht." -
„Pass' auf, was ich dir sage. Kennü du den Oberlent- nant Lohnsperg, der in Racovac die Dragoner kommandiert?"
„Ja, sah ihn früher oft vorüberreiten. Einmal wurden er und andere angeschossen, und seitdem sind sie vorsichtiger geworden und spazieren uns nicht mehr so vor der döase herum "
„Das macht nichts. Einmal tvird sich doch eine Gelegenheit finden. Es mNß sich eine finden, hörst du? Der Mensch muß anSgeblasen werden, verstehst du?"
In seinen Augen leuchtete ein so wilder Haß, daß dem Komidatschi das Verstehen nicht schwer wurde. Er begriff, daß da eine private Rechnung ausgeglichen werden sollte.
„So ein Schuß ist eine schwere Sache," meinte er bedenklich. „Und dann, um die Gelegenheit zu erwischen, muß ich Tag und Nacht auf der Lauer liegen."
„Tausend Dinare wird dir wohl deine Mühe wert sein?"
„Sagen Sie zweitausend, Gospodin, und ich schwör' es Ihnen aufs Kreuz zu, daß ich ihn zur Streck« bringe. Fünf- hnndert gleich, den Rest, toenn das Geschäft erledigt ist."
Ray schaute deni Kerl scharf in die verschlagenen Augen.
„Du schwörst?" fragte er.
Mirko griff in sein schmieriges Hemd und zog daraus ein kleines griechisches Kreuz hervor, das er als Amulett auf der Brust trug.
„Da, auss Kreuz, das mir meine Mutter gegeben hat," prach er feierlich, „schwöre ich, daß ich Ihren Auftrag ans- ühren werde, GoSpodin."
„Du, Mirko", sagte Ray drohend und trat dicht vor ihn hin. „Ich halte dich an deinem Schwllrr. Der Schwab» muß verschwinden. Weh' dir, wenn es dir nicht glückt!"
Der Komidatschi stand sechseinhalb Fuß hoch in seinen Opanken, und doch erzitterte er bei diesen Worten des kleinen Mannes, der ihm kaum bis zur Achselhöhe reichte.
„Ich bin nur ein Mensch, Gospodin," sagte er unterwürfig, „aber was in eines Menschen Kräften steht, das will ich tun." l
„Es ist gut. Hier sind deine fünfhundert Dinare. Sobald ich kann, bin ich selbst in Slubovizja. Nun geh!"
Der Komidatschi ließ sich das nicht zweimal sagen.
Schnell stopft!« er die Scheine in die Tasche und verschwand, froh, aus der Nähe des unheimlichen Menschen zu kommen.
Am selben Abend fuhr Ray mit dem Orientexpreß nach Risch und von hier über Leskovae und Uesküb nach Saloniki. Er wußte, daß ihn die österreichische Polizei genau beobachten würde, und zog es daher vor, diesen Umweg zu machen. In Saloniki bestieg er einen Dampfer der Ungaro-Kroata und fuhr nach Gravosa. Bon dort brachte ihn die bosnische Bahn nach Sarajevo.
Er stieg in keinem Hotel ab, sondern begab sich vom Bahnhof direkt in das Haus eines serbischen Kansmanns, der ein treu ergebener Anhänger der grvßserbischen Idee war.
Janko Music war von seinem Kommen bereits unterrichtet, und als Ray in seinem Hause eintraf, fand er bereits eine Anzahl Gcsinnungsgeirossen des Kaufmanns versammelt.
Ohne sich einen Moment Ruhe zu gönnen, beriet Ray sofort mit den Männern, wie die Befreiung der Gräfin ins Werk zu setzen sei.
„Durchlaucht", sagte einer von ihnen, der im Jahr« 1878 in den Reihen der Insurgenten gekämpft hatte. „Sie stellen sich das leichter vor als es ist. Wjir sind heute Untev- tanen des Kaisers von Oesterreich, und uns kann die Geschichte leicht Kopf und Kragen kosten. Sie können sich dew- ken, daß man uns hier verdammt scharf aus die Finger paßt. Ich bin überzeugt, im Korpskommando wissen sie ganz genau, wer Großserbe ist und wer nicht."
„Aber die Gräfin muß befreit werden", rief Ray, em- pört über die Unentschlossenheit der Leute. „Wir können sie doch nicht in den Händen der Schwabas lassen."
„Eine gewaltsame Befreiung ist ausgeschlossen. Die Strafuni in Racovac werden schon auf der Hut sein", sprach der ehemalige Insurgent. „Wir können nur warten, bis sie die Gräfin hierherbringen. Wenn wir dann den Transport überfallen, dann könnten wir sie befreien."
„Haben Sie die Leute dazu?" fragte der Fürst.
„Die Hütten wir wohl, Durchlaucht. Aber sie kosten Geld," antwortete Janko Music.
„Auf Geld kommt es dabei nicht an. Wann kann ich die Leute sprechen?"
„Morgen abend, Durchlaucht. Die Burschen halten sich gut verborgen, und ich selbst muß vorsichtig sein, wenn ich sie aussuche."
„Gut. Ich werde also die Leute morgen abend nach Einbruch der Dunkelheit hier erwarten."
Am nächsten Tag führte ihm der Kaufmann drei Männer vor. Die waren gekleidet wie bessere Handwerker und machten den Eindruck friedlicher, harmloser Spießbürger. Kein Mensch sah ihnen an, daß sie Heiducken waren, dio in Serbien drüben von Mord und Raub gelebt und sich vor den heimatlichen Gendarmen nach Bosnien geflüchtet hallen.
Ray sah auf den ersten Blick, mit wem er es gn tun hatte.
„Ihr wollt die Geschichte ivagen?" kragte er sie.


