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fern. Sie saß de» ganzen Tag an dein Bett des Bruders, wechselte ihm die Umschläge und betete still zu dem verbliche­nen Muttergoltesbilde, das in dünnem Goldrahmen über dem Bett hing.

Gegen Abend wurde der Atem des Kranken röchelnd und stoßend. Graue Schatten legten sich über seine Augen und ließen die Nase schärfer hervortreten. Der Tod streckte seine Hand nach dem ihm Verfallenen aus.

Dem jungen Mädchen ward es unheimlich. Das flackernde Licht der Kerzen, das Röcheln des Sterbenden... ihr selbst war,, als griff eine eisige Hand nach ihr, als kröche über den Fußboden ein unsichtbares Etwas ans sie zu...

Sie riß die Türe auf. Sofort kam der Posten auf sie zu.

Mein Bruder stirbt!" rief sie ihm entgegen.

Der Mann aber lvar ein Rumäne und verstand sie nicht, da sie serbisch sprach. Er deutete auf eine Türe weiter vorn.

.Dorten äomnuls Oberleutnant", sagte er.

Sie eilte hin, klopfte an und trat ein.

Drinnen saßen Desider und Franz. Erschrocken sprangen sie auf, als sie Helene erblickten.

Er stirbt... er stirbt!" schrie sie.

Sie stürzte» hinüber. Da lag der Jüngling und kämpfte seinen letzten Kampf. Ganz leise ging noch sein Atem und setzte oft für Minuten ganz aus. Von Zeit zu Zeit zuckterr die fast 'durchsichtigen Hände und die Augen öffneten sich. Slber es war kein Erkennen mehr in ihnen.

Franz schickte den Posten unl den Popen. Nach einer Viertelstunde kam der Geistliche und begann, die vorgeschrie­benen Sterbegebete herunterzulesen. Helene kniete vor dem Bett und. betete mit. Die beiden Offiziere hielten sich still und» scheu im Hintergrund.

Die Minuten kröchen durch das finstere Gemach und reihten sich zu Viertelstunden, halben Stunden und ganzen Stunden aneinander. Schwächer und schwächer wurde der Lebenshauch des Sterbenden. Leise klang das Murmeln des Popen.

Uno dann tat Stojan auf einmal einen tiefen Atemzugl. Das kümmerliche Restchen Leben, das in ihm war, flackerte aus mit einem Ruck hob er den Kopf. Franz und Desider traten näher heran und der Pope hörte zu beten auf. Laut aufschluchzend griff Helene nach der Hand des Bruders.

Am Fuße des Bettes aber lauerte der Tod. Der erhob sich nun und legte seine Hand aus den Jüngling. Der Kops sank zurück, hörbar siel das Kinn herunter und die Augen öffneten sich weit weit...

Der Pope legte sein Buch zusammen, sprach von Gottes Fügung und- verschwand. Helene aber warf sich laut auf­schluchzend lvieder auf die Knie und weinte.

Sie ließen sie gewähren. «Als sie etwas ruhiger geworden chien, trat Desider aus sie zu, um sie aufzuheben. Jedoch ie stieß ihn zurück.

Rühr' inicb nicht an," rief sic.Tu bist sein Mörder! Du hast ihn in den Tod gehetzt! Du gerade du! Gott, im Himmel ich wollte, ich läge an seiner Seite da."

Dejiders Antlitz wurde aschfahl.

Du lveißt nicht, was du sprichst, Helene," preßte er hervor.Die klage an, die ihn in das Wagnis getrieben haben. Die sind dafür Verantivortlich, nicht ich. Du weißt, was er getan hat. Ob so oder so, sein Leben war verfallen, und es ist das beste für ihn, daß er so sterben durfte."

Seine Stimme war weich geworden, während er sprach. Seine Liebe ließ ihn die Beleidigung vergessen, die sie ihm eben ins Gesicht geschleudert.

Sie erlviderte nichts. Auf einen Sessel sank sie, barg dos Gesicht in den Händen und weinte leise vor sich hin.

Lassen Sie mich bitte allein," bat sie die Freunde.

Franz zog den widerstrebenden Desider hinaus.

Es ist besser so," sagte er ihm,lvir lassen sie jetzt in Ruhe. Jetzt ist sie verzweifelt und fassungslos. Wenn sie dann ruhiger ist, wird sie schon von selbst kommen, um sich mit dir auszusprechen."

In ihrem Ziminer fuhr er dann fort:

Werde dir vor allen, selber darüber klar, lvas du mit ihr ansangeu willst. Du hast sie gerade so gefangen wie eine Spionin. Sie hat dich mit dem Dolch angegriffen... Doch du, sag' einmal, hast du sie nicht gefragt, woher sie denn eigentlich gewußt hat, daß wir-ihren Bruder haben?"

Nein, ich Hab' sie nichts, gar nichts gefragt," erwiderte Desider dumpf.Es wird wohl Spione genug hier im Dorf geben. Mer das ist ja Nebensache. Wenn sch nur wüßte, was jetzt . .

Hm..." Franz zuckte die Achsel».Ich glaube, Oester­reich wird weiterbestehcn, wenn du sie gehen läßt."

Desider suchte sich gegen sein Gefühl zu wehren, um sein Soldatengewissen zu beruhigen. Einen um den andern Grund brachte er vor, der ihn dazu zwingen sollte, sie als Spionin zu behandeln, und doch war er glücklich, daß ihm der Kamerad alle seine Behauptungen widerlegte.

Laß sie ruhig gehen, mein Junge," sagte Franz am Schluß.Und soll ich dir noch was sagen? Gib ihr die Leiche ihres Bruders mit. Sekbstverständnch mußt du alles genau melden."

Desider drückte ihm heiß die Hand.

Ich danke dir," sagte er.Tu wirst ja selbst wissen, ohne daß ich es dir schildere, wie es in mir aussicht."

Kann's mir denken, Desi. Mer laß dich nicht davon unterkriegen. Du lveißt ja Kismet. Ich bet's mir auch jeden Tag und jede Stunde vor."

Dann ging er in sein Ziminer. Desider aber streckte sich, wie er war, auf seinem Bett im Nebenzimmer aus. Mit offe­nen Augen lag er da und konnte keinen Schlaf finden.

Plötzlich fuhr er auf. Die Türe ins andere Ziminer hatte sich geöffnet und es war jemand eingetreten. Hastig machte er Licht und eilte hinaus.

Da stand Helene.

Scheu und unsicher ging sie aus ihn zu.

Desider, verzeih' mir", sprach sie.Ich lveiß es, du hast nichts getan als deine Pslicht. Mein armer versührter Bruder hat eine» deiner Leute erschossen, er wurde als Spion gefangen genommen... es ist nur so schrecklich, daß gerade du es sein inußtest. Du... Desider... du.."

sDas Schluchzen erstickte ihre Stimme. Sie lvaukte. Er prang zu ihr hin und wollte sie in seine Arme ziehen. Aber ic entwand sich ihm und lvandle sich zur Tür.

Leb wohl, Desider", flüsterte sie kaum hörbar.

Wohin willst du?" ries er.Jetzt in der Nacht?"

Hinüber. . . zurück! Wenn du mir eine letzte Liebe erweisen willst, erlaube mir, daß ich morgen meinen armen Bruder abholen lasse. Er soll doch weirigstens in seinem' Vaterlande begraben lverden. Es ist d.as Letzte, unt das ich dich bitte . . . das Allerletzte."

Mühsam zwang er sich zum Antworten.

Bleib' bis morgen früh, Helene", sagte er in beinahe flehendem Tone.Lege dich in mein Zimmer, ich gehe zu Franst hinüber. In der Früh legen wir dann den Toten auf einen Wagen und du kannst ihn selbst begleiten!"

Sie schüttelte den Kops.

Ich kann nicht, Desioer, ich kann nicht Wie soll ich zur Ruhe kommen, wenn ich diese qualvolle Nacht mich unter einein Dach . . . mit . . . mit . . . dir lveiß! Wir müssen jetzt Abschied nchinen für imnrer!"

Das Herz zog sich ihm zusammen bei dem trostlosen Ton, in dem sie das sagte. Die Klinke in der Hand, stand sie an der Türe und wollte gehen. Und konnte nicht. Durch Träne» hindurch schrien ihm ihre Auge» ihre Liebe zu.

Helene", stöhnte er. Und noch einmal:Helene!"

Ein Zucke» »no Beben ging durch ihre schlanke Gestalt. Ein fürchterlicher Kampf riß sie hin und wieder zurück. Und dann lag sie auf einmal an seiner Brust und weinte und schluchzte.

Gott verzeih' es mir", rief sie.Was ist mir der Tote, die Heimat, was ist mir die ganze Welt gegen dich! Ich liebe dich und werde dich immer lieben . . ."

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Als die Sonne, kalt und gelb, über dem Dorf herauf­stieg, hoben zwei Dragoner den Toten ans einen Wagen. Auf einem zweiten saß Helene, liebe» ihr als Schutz und Begleitung Esghi Hassan. In ihren Augen leuchtete noch das Feuer der vergangenen Nacht, und über ihrem bleichen Gesicht lag «loch ein schinimernder Hauch von wehmütigem Glück...

So führte sie den toten Bruder zurück i» sein Vater­land. ___

12. Kapitel.

Das ist nicht wahr," schrie Fürst Ray und hieb mit der geballten Faust auf de» Tisch, an dem er saß.

Vor ihm stand, abgerissen und zerlumpt, einer der Ko- midatschis in Ljubowigja. Uebers Gebirge lvar der Mann nach Belgrad gekommen, um ihill die Gefangennahme der Gräfin Grekow zu melden.

Bei dem Wutansbruch des Fürsten blieb er vollständig ruhig.